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"Die Revolution ist beerdigt"

Autor: Horand Knaup
ANGOLA

Kein anderes Land in Afrika zeigt so hohes Wachstum. Seit der Bürgerkrieg zu Ende ist, fließen dank des Öls Milliarden Dollar ins Land. Doch als Vorbild für andere Staaten des Kontinents taugt die Erfolgsgeschichte kaum. Zu vielen Angolanern bleibt der Aufstieg verwehrt.
Bruder Raúl ist gekommen. Nach langem Flug ist er am späten Abend gelandet. Das ist gut so, denn damit entgeht er dem täglichen Verkehrskollaps in der Hauptstadt Luanda.

Es ist das erste Mal, dass Raúl Castro, 78, Angola als Staatschef besucht. Und weil Angola niemandem mehr zu verdanken hat als den Freunden aus Kuba, wäre ein festlicher Empfang angemessen. Über Jahrzehnte hat Vorgänger Fidel Zehntausende Soldaten, Techniker, Lehrer und Ärzte nach Angola geschickt. Ohne die kubanische Hilfe wäre Angola nicht länger in den Händen der Regierungspartei MPLA und José Eduardo dos Santos, 66, nicht mehr Staatspräsident.

Aber dos Santos hat nur seinen Premierminister zum Flughafen geschickt und will den hohen Gast erst am folgenden Tag empfangen. Der Präsident zeigt sich nicht mehr oft in der Öffentlichkeit. Er hat andere Sorgen. Der kollabierte Ölpreis erholt sich nur langsam, womöglich müssen die ehrgeizigen Wachstumspläne korrigiert werden, außerdem denkt er über seine Wiederwahl nach.

Seit 1979 regiert er nun Angola, 23 Jahre davon kämpfte sich das Land durch einen Bürgerkrieg. Es gibt nur zwei afrikanische Staatsoberhäupter, die länger amtieren. Angeblich ist Angola eine Demokratie.

Angola hat 17 Millionen Einwohner, ist dreieinhalbmal so groß wie Deutschland, hat fruchtbare Böden, viel Wasser, Diamanten und ist zu einem der größten Erdölexporteure Afrikas aufgestiegen. 1,7 Millionen Barrel pro Tag förderte das Land im April; das ist etwa so viel wie in Nigeria, und etliche Vorkommen vor der angolanischen Küste sind noch gar nicht erschlossen. Der südwestafrikanische Staat gehörte in den vergangenen Jahren zu den Ländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum weltweit.

Also endlich einmal eine afrikanische Erfolgsstory? Seit der Krieg 2002 zu Ende ging, hat sich das Land auf den Weg gemacht. Bis 2013 sollen eine Million neue Wohnungen entstehen, Auswanderer kehren zurück, Hunderte Kilometer Überlandstraßen sind neu geteert, und in den Agrarregionen der Provinz kurbeln Berater aus Israel, Brasilien und Portugal die Landwirtschaft an. Südlich von Luanda entsteht eine komplett neue Stadt mit exquisiten Einkaufszentren und Zehntausenden neuen Häusern. Besonders gut zu besichtigen ist der Fortschritt im Süden des Landes zwischen Benguela und Huambo, wo auf 350 Kilometer Länge gleichzeitig Straße und Eisenbahn erneuert und moderne Glasfaserkabel verlegt werden.

Nirgendwo vermehrt sich das Geld jedoch so explosionsartig wie in Luanda. Weltwirtschaftskrise? Das ist anderswo. Die Stadt, einst für 400 000 Menschen ausgelegt, beherbergt heute 4 Millionen Einwohner. Eine Ananas kostet 5, eine Pizza 20 Dollar. Jeden Monat werden 5000 neue Fahrzeuge angemeldet, schon jetzt steht die Hauptstadt im Dauerstau.

Zugleich hat sich Luanda in eine Hochburg der Glücksritter verwandelt. Lange Jahre war es tabu, Wohlstand oder gar Reichtum zu zeigen. Alles Vergangenheit. "Wenn du eine Idee hast, geht hier alles", schwärmt Mario Palege, 30, Marketingchef der Land-Rover-Vertretung. Er hat in England gelernt und studiert. Er ist zurück- gekommen, weil das Geldverdienen in Luanda viel einfacher ist als in London.

"Ein Auto zu kaufen heißt, sich zu zeigen", sagt auch Nuno Godinga, 32, der Verkaufschef der Niederlassung. Godinga strahlt und stöhnt gleichzeitig. Er kommt mit den Lieferungen kaum nach. "Manchmal bestellen wir 20 Autos, und der Hersteller schickt uns nur 5." Am liebsten verkauft er das Teuerste, was der Geländewagenproduzent vor Ort zu bieten hat, den "Shark", so sein Spitzname, für 200 000 Dollar. "Er verkauft sich leicht", sagt Godinga, "wenn du den hast, gehörst du zu den Wichtigen."

Auch der Immobilienmarkt ist völlig aus den Fugen geraten. Während des Krieges war jede Bautätigkeit zusammengebrochen. Niemand investierte in Häuser. Nun ist die Nachfrage hoch. Und weil die ausländischen Ölfirmen jeden Preis bezahlen, sind die Immobilien- und Mietpreise in Luanda in den vergangenen fünf Jahren explodiert wie nirgendwo sonst auf der Welt. Der deutsche Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der 2004 sein Häuschen für 4400 Dollar monatlich gemietet hatte, musste 2006 das Doppelte bezahlen. Demnächst wird er das Haus räumen - eine Ölfirma hat sich bereit erklärt, 20 000 Dollar pro Monat zu überweisen.

Den Multis tut ein solcher Preis nicht weh: Sie können die Monatsmieten als Investitionskosten von den Abgaben abziehen, die sie an den angolanischen Finanzminister zahlen.

Besucher Raúl Castro kann nur staunen über das, was er auf seiner Fahrt durchs nächtliche Luanda sieht - das Schimmern der aufragenden Bürotürme, die teuren Restaurants, die dicken Geländewagen. Nur die schlechten Straßen in der Hauptstadt, die Stromausfälle und die unzuverlässige Wasserversorgung könnten ihn an frühere Visiten bei den Genossen erinnern. Doch auch davon bekommt er in seinem Fünfsternehotel wenig mit.

Es ist ein Land der zwei Geschwindigkeiten, in das der Gast aus Kuba gekommen ist. Und es ist ein Land der zwei Sichtweisen. "Wir sind im Übergang", sagt Journalist Gustavo Costas. Das sagen viele, die es gut meinen mit Angola. Die an die Milliardeninvestitionen für Straßen, Krankenhäuser und Kraftwerke erinnern und daran, dass die Sozialausgaben deutlich steigen und die fürs Militär deutlich fallen. Die Geduld haben und wissen, dass der Wiederaufbau eines zerstörten Landes Zeit braucht.

Aber es gibt auch die anderen, die auf die Korruption verweisen, auf das dramatische Wohlstandsgefälle, auf die Heerscharen der Mittellosen, die abgeschnitten sind vom Boom, und auf die Monopolstellung der regierenden MPLA.

Diese Kritiker sehen das andere, das düstere Angola. Es ist ein Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 42 Jahren, mit einer dramatischen Kindersterblichkeit und einer Analphabetenrate von über 30 Prozent. Auf dem jüngsten Entwicklungsindex der Uno rangiert das Land auf Platz 162 (von 177).

Zwei Drittel der Angolaner leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. Ist es nun ein Erfolg, dass statt 256 von 1000 Kindern wie noch 2003 vier Jahre später nur noch 191 vor dem fünften Lebensjahr starben? Oder ist es eine Schande für ein Land, das 2008 allein durch den Erdölexport rund 50 Milliarden Dollar erlöste?

"Es ist eine große Schande", sagt die Ananashändlerin Maria Antônia, die jeden Tag aus der Hüttensiedlung Benfica gut eineinhalb Stunden nach Luanda unterwegs ist, um am Straßenrand ihre Ware zu verkaufen. In Benfica, wo ihre fünf Kinder leben, gibt es keinen Strom und kein fließendes Wasser. 500 Kwanza zahlt sie für eine Fahrt in die Innenstadt, knapp fünf Euro. An schlechten Tagen fährt Maria Antônia gar nicht erst nach Hause, sondern schläft in der Nähe auf einem Pappkarton und macht sich am nächsten Morgen wieder an die Arbeit.

Und auch die Wunden, die der Bürgerkrieg geschlagen hat, sind noch nicht wirklich verheilt. 1975 waren die Portugiesen abgezogen. 27 Jahre lang hatten sich danach die sozialistische MPLA, die von den USA und Südafrika unterstützte Unita und die zeitweise von China und vom Nachbarn Zaire geförderte FNLA bekämpft. Dann waren ganze Landstriche entvölkert, die Infrastruktur war komplett zerstört.

Es war ein Konflikt voller ideologischer Ungereimtheiten. Während der US-Geheimdienst CIA die Unita mit Geld und Waffen versorgte, sicherten kubanische Soldaten die Anlagen und Geschäfte amerikanischer Ölfirmen.

Rund 500 000 Menschenleben, zahllose Verletzte und Millionen Flüchtlinge forderte der lange Krieg. Schließlich waren es die Israelis, die halfen, das Morden zu beenden. Ein Jahr lang setzten sie Agenten auf Unita-Chef Jonas Savimbi an, orteten sein Satellitentelefon, ließen ihn mit unbemannten Aufklärungsflugzeugen überwachen. Savimbi, der seinen Krieg vor allem mit Diamanten finanzierte, hatte die Geschäfte der israelischen Edelsteinhändler zu lange und zu empfindlich gestört. Die Israelis gaben schließlich den entscheidenden Tipp: Im Februar 2002 kamen Savimbi und zwei Dutzend seiner Kämpfer in einem Hinterhalt ums Leben.

Der Neustart war mühsam - trotz des Öls. Der Krieg war zu Ende, und Angola benötigte Kredite. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wollte zuerst Reformen sehen, ein Sparpaket, offene Bücher und ein schärferes Vorgehen gegen die Korruption.

Die IWF-Auflagen waren den stolzen Angolanern jedenfalls zu viel. Stunden vor der Unterzeichnung des Abkommens verzichteten sie auf das Darlehen - und einigten sich kurz danach auf einen Zwölf-Milliarden-Dollar-Kredit mit China. Seither machen die Chinesen alles. Sie planen und realisieren das Straßennetz, sie errichten Krankenhäuser, sie renovieren die Eisenbahnstrecken, und sie bauen auch die Stadien für den Africa Cup, die afrikanische Fußballmeisterschaft im kommenden Januar. Vor allem aber stellen die Chinesen keine Bedingungen.

Nach sieben Jahren Frieden sind im Ölgeschäft nahezu alle Weltkonzerne vertreten, und fast immer bohren sie vor der Küste. Das angolanische Öl ist gefragt, weil es hochwertig ist und die Regierung stabil. Weil es viele Vorräte und wenig Stürme draußen auf dem Meer gibt.

Bis zu einer Tiefe von 1500 Metern pumpen die Erdölproduzenten inzwischen, eine technologische Spitzenleistung. Und sie peilen noch größere Tiefen an. Doch die Angolaner wollen nicht nur ihr Öl bezahlt haben - sie wollen auch das Knowhow, den dauerhaften Nutzen: Bis zu 70 Prozent des Personals auf den Bohrinseln stellen die Einheimischen - und keineswegs nur die Reinigungskolonnen. Der französische Ölmulti Total etwa macht angehende angolanische Erdölingenieure schon während des Studiums ausfindig, stattet sie mit Stipendien und langfristigen Verträgen aus. So profitieren beide, der Konzern und Angola.

Doch der Fortschritt auf dem Ölsektor kontrastiert dramatisch zu anderen Entwicklungen im Land. Viele Investoren lassen sich von einer lähmenden Bürokratie abschrecken. Während vor den Häfen von Singapur und Hongkong Hunderte Schiffe auf Reede liegen, weil es zu wenig Fracht zu verladen gibt, warten vor dem Hafen von Luanda Dutzende Schiffe darauf, dass ihre Ladung endlich gelöscht wird.

Die Hafenverwaltung ist so ineffizient, so schwerfällig und korrupt, dass der Handel ernsthaft Schaden nimmt. Es gibt Frachter, die nach drei Wochen Wartezeit voll beladen wieder davondampfen.

Könnte die Mangelverwaltung damit zu tun haben, dass Minister und Gouverneure das Regieren eher als Nebentätigkeit verstehen, um im Hauptberuf einträglicheren Geschäften nachzugehen? Dass die Korruption das vermutlich resistenteste Relikt der sozialistischen Vergangenheit ist?

"Es gibt leider ein großes Defizit an Anstand", sagt der Journalist Gustavo Costas und umschreibt damit höflich den Trend zur persönlichen Bereicherung. "Die Minister kaufen im Namen des Ministeriums und zweigen gleichzeitig an ihre eigenen Firmen ab."

Sogar die Ehefrau und Tochter des Staatschefs sollen unter anderem an einer Bank, einer Telefonfirma und einer Friseurkette beteiligt, der Verteidigungsminister soll Eigentümer einer Farm mit 20 000 Rindern sein. Einem früheren Finanzminister gehörten unter anderem eine Bank und eine Versicherung, und der vormalige Polizeichef betrieb neben seinem Hauptjob eine Sicherheitsfirma.

Nennenswerten Widerstand haben die Regierenden nicht zu erwarten. Der Präsident führt das Land - vom Volk legitimiert - in Form einer aufgeklärten Diktatur. Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Jahr siegte die MPLA haushoch mit fast 82 Prozent. Der oppositionellen Unita fehlt ein Führer, der MPLA wird immer noch zugutegehalten, dass sie den zermürbenden Krieg beendet hat.

Doch inzwischen führt die Diskrepanz zwischen dem zur Schau gestellten Reichtum und dem anhaltenden Elend selbst in der eigenen Partei zu Ärger.

"Es gibt eine sehr unglückliche Verquickung von Politik und Geschäft", sagt der MPLA-Abgeordnete João Melo, der zur wachsenden Riege der Kritiker gehört. Auch er hat "lange an die Revolution und den Sozialismus geglaubt". Jetzt, sagt er, sei die Sache entschieden, "die Revolution ist beerdigt".

Sogar in der Regierung keimen Zweifel, ob das explosive Wachstum sozialverträglich ist. Erdölminister José Botelho de Vasconcelos sitzt in seinem holzgetäfelten Büro an der Uferpromenade von Luanda und denkt lange nach über die Frage, ob der Übergang vom Sozialismus zum Kapitalismus nicht sehr abrupt verlaufen ist in seinem Land. "Stimmt, zwar haben wir einen freien Markt mit einer sozialen Komponente eingeführt", sagt er. "Aber der hat ein wenig Schlagseite bekommen, und das müssen wir nun wieder austarieren." Der Staat sollte "da und dort wohl ein bisschen energischer eingreifen".

Den Präsidenten plagen indessen andere Sorgen. Er ist dabei, Angola auf der Weltkarte neu zu positionieren. Das sprudelnde Öl und üppige Devisenreserven kommen ihm dabei zu Hilfe.

Angolas Soldaten gelten als gut ausgebildet und noch besser ausgerüstet. Sie waren am Sturz von Präsident Mobutu Sese Seko im benachbarten Zaire beteiligt, und sie haben Nachfolger Laurent Kabila beim Kampf gegen Rebellen geholfen. Angola ist der Opec beigetreten, dos Santos setzt sich weltweit dafür ein, die Blockade Kubas aufzuheben, und er will im Uno-Sicherheitsrat ein stärkeres Mitspracherecht der afrikanischen Staaten durchsetzen.

Er will mitspielen auf der internationalen Bühne, und er will Südafrika Konkurrenz machen. Heute muss er nicht mehr in Kuba um Hilfe bitten. Heute kommt Raúl Castro als Bittsteller zu ihm.

Der Präsident sitzt in seinem Palast, mit Blick auf den Hafen. Womöglich muss er den Haushalt für 2009 doch nicht korrigieren, und Angola kann weiterwachsen.

2001 hatte er angekündigt, nicht noch einmal für das Präsidentenamt zu kandidieren. Davon ist heute keine Rede mehr. Für kommenden September war die nächste Wahl des Staatsoberhaupts eigentlich vorgesehen. Jetzt will dos Santos lieber erst einmal die Verfassung ändern. Und sich dann vielleicht nicht mehr vom Volk, sondern von seiner kommoden Mehrheit im Parlament wählen lassen.

Sicher ist sicher. HORAND KNAUP