Tschernobyl Journal (Band 4)
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Interview mit dem Magazin Start (Bosnien und Herzegowina)

Elena, wann hast Du das erste Mal die Todeszone besucht und wann hast Du dich entschieden, Deine Fahrten zu machen.

Das erste Mal fuhr ich 1992 durch Tschernobyl. Mein Vater und ich fuhren zu einem Besuch unserer Verwandten nach Weißrussland. Ich sah den weißrussischen Teil der Todeszone. Wir fuhren viele Stunden über leere Straßen und mein Vater erklärte mir alles über Strahlung. Ich glaube, hier wurde mein zukünftiges Interesse an Tschernobyl geweckt.

Später, als ich mir ein Motorrad kaufte, sprach ich mit dem Verkäufer in dem Motorradladen. Er sagte mir, es wäre der Traum jedes Motorradfahrers über leere Straßen zu fahren, ohne Polizei und ohne Autos. Ich lächelte, wissend, wo ich schnell fahren konnte. Ohne Polizei, ohne Ampeln, keine Autos, kein Risiko irgendetwas lebendes zu treffen

Was treibt Dich zu solchen gefährlichen Touren mit Deinem Motorrad?

Wenn ich in ein paar Worten erklären müsste, was ich in Tschernobyl tue, würde ich sagen, von Jahr zu Jahr beobachte ich nur, wie die Welt des Materiellen sich in Nichts auflöst. Ich dokumentiere meine Touren, weil ich der Welt zeigen möchte, wohin uns ihre fanatische Besessenheit nach Materiellem eventuell führt.

Was denkst Du, wenn Du in der Todeszone bist und wie fühlst Du Dich?

Wie Du siehst, versetzt mich die Öde in eine Verfassung , die ich Tschernobyl-Stimmung nenne. Am Leben zu sein, wenn alles um mich herum tot ist, ruft ein neues Gefühl hervor. Ich fühle mich sehr lebendig, zumindest mit der Umgebung verglichen.

Was ich denke, lege ich in meinen Fotoreportagen, Artikeln, Büchern, Videos nieder. Tschernobyl weckt Gedanken. Dort gibt es keinen Lärm, der die Gedanken des täglichen Lebens unterbricht. Für mich ist Denken so essentiell wie Atmen, also fühle ich mich in Tschernobyl wie ein Fisch im Wasser.

Ein weiterer Faktor, der mich an den toten Städten fasziniert, ist das ereignislose Leben dieser Plätze. In Tschernobyl verliert der mathematische Charakter der Zeit alle Bedeutung, gefühlt steht die Zeit still. Es ist so, weil die Zeit sich beschleunigt oder verlangsamt, abhängig von der Intensität des Lebens und die Natur von Ereignissen, die die menschliche Existenz ausmacht. In Tschernobyl geht nichts voran, das Leben ist komplett ereignislos, Ereignisse wie Grasswachsen oder schwerfällige Versuche, einen neuen Sarkophag zu bauen zählen nicht. In Tschernobyl befreit sich menschliche Existenz von der Tyrannei der Uhr, dieses Gebiet ist frei von der Willkür von Regierungen, Plänen und Kalendern… Tschernobyl ist frei von jeder Tyrannei, außer der der nuklearen Isotope.

Gibt es fröhliche Momente wenn Du dort bist und was war das Schlimmste, was Dir bisher bei deinen Touren passiert ist?

Es ist schwierig, an fröhliche Momente zu denken, Fröhlichkeit und Tschernobyl passen nicht zusammen.

Ich weiß nicht, was das Schlimmste war, aber das Seltsamste war, als ich eine Tour machte und mich in der Wildnis verirrte, Bevor ich die Geschichte weitererzähle, muss ich klarstellen, dass ich nie Dinge aus Tschernobyl mitnehme, egal was ich finde, niemals bringe ich es mit. Bei dieser Tour erreichte ich in eine tote Stadt. Dieser Platz war gruselig, aber nicht besonders verstrahlt. Da ich weiter in die Todeszone wollte, dachte ich, es wäre ein guter Platz um einen kleinen Imbiss zu nehmen und ich ging durch die Häuser, um Salz zu finden das ich nicht dabei hatte. Ich sah Bücher in einem Haus und darunter war ein Buch mit russischen Klassikern, das ich an mitnahm. Ich machte meinen Imbiss fertig und begann dieses Buch zu lesen. Zunehmend war ich mehr interessiert und entschied mich die Regel zu brechen und das Buch mitzunehmen. Als ich weiterfuhr, ereigneten sich merkwürdige Dinge: egal, welche Route ich nahm, ich kam immer wieder in dem gruseligen Dorf an. Ich fing an zu denken, irgendetwas wollte mich da behalten. Ich bewegte mich wie in einem Teufelskreis und zum Schluss hörte ich ein Radio in einem Haus. Ich huschte dorthin um nach dem Weg zu fragen, aber es war niemand dort, es war eine Halluzination. Dann entschied ich mich, zu rasten und ich kehrte zu dem Haus mit den Büchern zurück. Dort las ich einige Stunden, stöberte in Zeitungen aus der Sowjetzeit und stellte das Buch dann wohin es gehörte und verlies das Haus. Ganz einfach fand ich die richtige Straße und fuhr in das verwüstete Gebiet, dies Mal ganz ohne Radio.

Wann planst Du, die Zone wieder zu besuchen? Hast Du immer noch eine Genehmigung, sie zu betreten?

Genehmigungen sind nicht das Problem. Heutzutage sind viele Straßen blockiert durch umgefallene Bäume, zusammengebrochene Brücken. Das ist das Problem. Egal, ob Du mit oder ohne Genehmigung fährst, Du musst im Geiste Shakespeares wandern: über Hügel, durch Täler, durch Büsche und Dornen, durch Flut und durch Feuer.

Zur nächsten Tour: in diesem Frühjahr kamen Freunde von einer 11 tägigen Tour aus Tschernobyl zurück und mein Freund erzählte mir, sie hätten eine Geisterstadt auf der anderen Flussseite gesehen. Die Brücke war blockiert, so dass sie nicht dorthin gelangen konnten. Dieser Ort ist vermutlich mein nächstes Ziel.

Es gibt Gruppen und Foren, die denken, dass alles was Du tust, gelogen ist. Weist Du wer und warum so über dich spricht? Steht jemand hinter den Leuten?

Sicher ist das, was ich tue, keine gute Nachricht für die Stromindustrie. Aber es ist nicht die Stromindustrie alleine, die hinter all diesen Versuchen steht, mich in Misskredit zu bringen. Was wirklich hinter jeder Sesselkritik steht, ist die eigene Dummheit, Langeweile, Neid und andere Charakterfehler.

Ich bin immun gegen ihre Einengungen, weil ich weiß, dass der einzige Weg, wie ich meine Intelligenz im Umgang mit den Narren zeigen kann, ist nichts mit ihnen zu tun zu haben und so kümmere ich mich nicht darum was sie über mich in den Foren schreiben.

Ich glaube, das Problem von Internetforen ist, das Sesselkritiker und alle Arten von Idioten laut und aktiv sind, während anständige Leute leise und passiv sind. Wenn man also etwas Außergewöhnliches tut, entblößt man sich gegenüber dem passiven Wohlwollen der anständigen Leute und den böswilligen Frontangriffen der Schurken. Dies erweckt leicht den Eindruck, als ob man in ein schlechtes Haus gekommen ist und eine solche Umgebung schreckt Leute von guten Dingen ab. Das ist nicht nur ein Problem von Internetforen, sondern von der Gesellschaft im Ganzen und es ist leicht für Leute, die Orientierung zu verlieren. Besonders junge Menschen, die nicht erkennen können, was gut ist und was nicht, verstehen nicht, warum die, die die Wahrheit sagen Lügner genannt und Schwindler von Millionen bewundert werden. Sie wissen nicht, welchem Weg sie folgen sollen. Für mich bedeutet eine Lügnerin genannt zu werden das höchste Lob, so weiß ich wenigstens, dass ich etwas Richtiges tue, weil bei Ihnen alles verkehrt herum läuft: ihr Nein ist ein Ja und ihr Ja ein Nein. Also ist ihr Nein mein Leitstern, dem ich folge. Wenn sie schlecht über mich reden, weiß ich, dass ich auf dem rechten Weg bin.

Hast Du irgendwelche Pläne, Webseiten zu machen und zu sagen, was aktuell passiert und warum?

Keine wirklichen Pläne.

Hast Du den neuen Film „I am Legend“ mit Will Smith in der Hauptrolle gesehen? Es zeigt eine ähnliche Situation, allerdings in New York. Falls Du ihn gesehen hast, wie gut zeigt der Film das aktuelle Gefühl, in der Todeszone zu sein und zu leben.

Unglücklicherweise habe ich den Film nicht gesehen. Dank Dir für die Info, ich werde versuchen, ihn mir zu besorgen. Ich sah „Die Wolke“, es zeigt eine Tschernobyl-ähnliche Situation in Deutschland. Das ist ein guter Film. In Russland lief Aurora. Darüber kann ich nichts sagen, weil es in unserem Fernsehen mit 40-minütigen Werbeblöcken nach je 20 Minuten des Films gesendet wurde. Ich sah nur die erste Episode, vielleicht beim nächsten Jahrestag werde ich mir den Rest ansehen, aber ich bin besorgt dass mit wachsender Abhängigkeit von der Kernenergie die Pausen viel länger werden.

Könntest Du erläutern, wie Du Deinen Lebensunterhalt verdienst, wie Dein Leben jetzt aussieht und wie Deine Webseiten Dein Leben verändert haben?

Womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, ist wirklich unwichtig. Ich mache verschiedene Dinge, normalerweise etwas, dass mir viel freie Zeit lässt. Ich nehme Jobs mit geringstmöglicher Verbindlichkeit und Verantwortung an. Auf diese Art habe ich Zeit und Energie, meine Projekte zu verfolgen.

Die Arbeit an der Webseite hat sicher mein Leben verändert. Durch das Internet kann ich direkt mit Menschen sprechen. Kein Kritiker, Zensor, Werber steht zwischen uns. Dies ist die wirkliche Kraft des Internets. Wenn es das Internet nicht gäbe, würde eine frei denkende Öffentlichkeit jetzt aussterben.

Siehst Du irgendwelche Verbesserungen und Beiträge die Probleme mit der Kernenergie zu lösen, seit Du mit dem Projekt begonnen hast?

Wir sind 22 Jahre ohne Nuklearunglück von Tschernobyl-Ausmaßen. Dies ist unsere Errungenschaft und ich weiß, dass hierin auch mein Beitrag ist.

Semir Mujkiæ/Start BiH/May 2008

Auszug vom Interview zu Kiev Post.

Warum hasst Du Dich entschieden, die Katastrophe von Tschernobyl auf diese Art und Weise zu dokumentieren?

Mein Ziel ist, wichtige Ereignisse, bei denen ich Zeuge war festzuhalten und vor dem ungewollten oder gewollten Vergessen zu bewahren . Im Verlauf verfallen die Städte und Dörfer um Tschernobyl und die Erinnerungen gehen verloren. Der einzige Zweck meiner Arbeit ist, die Erinnerungen im Internet für immer zu bewahren. Ich führe die Arbeit fort, denn ich mag es nicht, wenn mich jemand zum Narren hält Im Fall von Tschernobyl habe ich die starke Ahnung, dass die Regierung und das wissenschaftliche sowie industrielle Establishment uns vom Tag des Unfalls bis jetzt zum Narren hält. In Bezug auf den nuklearen Unfall hat sich seit den Tagen des Kommunismus nicht viel geändert. Die einzige Änderung ist, dass in totalitären Staaten die Regierung die Informationen vor dem Volk zurückhält, nun, wo wir in einem freien Land sind, halten die Menschen die Information vor ihresgleichen zurück.

Es gibt verschiedene Versionen wie die Gründe der Tragödie miteinander verknüpft sind. Was denkst Du hat die Hauptrolle gespielt? Hätten wir es vermeiden können?

Die Ursachen sind eine verhängnisvolle Verknüpfung menschlicher Fehler mit Konstruktionsfehlern. Andrej Sacharow sagte, der Unfall von Tschernobyl zeige, das unser System moderne Technologien nicht kontrollieren kann Wir konnten es nicht vermeiden, da unsere Technologie unserer eigenen Entwicklung voranschreitet und der Unfall somit eine überfällige Formalie war.

Denkst Du, die Menschheit hat die Lektionen aus Tschernobyl richtig erkannt? Oder gibt es Anzeichen, dass die Tragödie sich wiederholt?

Tschernobyl ist eine Warnung an die Menschheit. Sobald die Warnung ignoriert ist, oder wir keine Lehren daraus ziehen, sind wir verdammt, es wieder und wieder zu wiederholen. Jedes mal, wenn die Geschichte sich wiederholt, erhöht sich der Preis. Dies ist der Ablauf von Ereignissen im Leben von einzelnen wie im Leben von Gemeinschaften.

"Globo" (Rio de Janeiro, Brazil)

Questions for Elena:

Leiden Sie an irgendwelchen physischen Reaktionen wie Übelkeit oder Erbrechen? Und erhalten Sie, nach Ihrer Stippvisite, selbst heute noch irgendeine Art von medizinischer Behandlung?

Um an solchen physischen Reaktionen wie Übelkeit oder Erbrechen zu leiden, muss man schon eine große Menge Gammastrahlen aufnehmen. Ich würde nicht an solch einen verstrahlten Ort gehen. Lassen Sie es mich wie folgt erklären: die Gammastrahlung ist kumulativ, sie summiert sich auf. Die Menschen können sich während ihrer Lebenszeit einer bestimmten Menge an Gammastrahlung aussetzen. Es ist so, als ob du Kapital bekommst, das du sehr klug ausgeben musst. Wissenschaftler, die innerhalb des Sarkophags arbeiten, können ihr Gesundheitskapital innerhalb von Stunden aufzehren. In Tschernobyl ist es wie im normalen Leben; einige geben an einem Ort aus was andere über Jahre strecken und solche Symptome, wie Übelkeit oder Erbrechen, würden bedeuten, dass du nicht mehr weit von deinem Bankrott entfernt bist.

Es ist nur sinnvoll die Kerze von beiden Seiten anzubrennen, wenn du mehr Licht zum Sehen und Entdecken benötigst und dies den schnelleren Verbrauch der Kerze wert sein würde.

Haben Sie gezählt in wie vielen toten Städten Sie bereits waren?

Bevor ich mit dem Zählen aufgehört habe, war ich in ungefähr 180 toten Städten und Dörfern, aber es war vor einigen Jahren und seither habe ich viele andere tote Orte besucht. Zusammengenommen hat der Tschernobyl-Unfall in der Ukraine, Weißrussland und Russland ungefähr 2000 Städte und Orte unbewohnbar gemacht, von denen 1/4 große Dörfer und Städte und die anderen 3/4 Bauernhöfe, kleine oder sehr kleine Orte, die wir "hutors" nennen, sind.

Vielleicht erinnern Sie sich an irgendetwas das eine, der in der Sperrzone lebenden Personen, die Sie getroffen haben, Ihnen erzählt hat. Was von alledem werden Sie niemals vergessen?

Einmal habe ich mit einer alten Frau gesprochen, die in einer toten Stadt alleine lebte. Zur Zeit des 2. Weltkrieges, in den Tagen ihrer Jugend, war diese Frau an einem Schauplatz des Massenmordes zugegen und sie erzählte mir eine Geschichte über die Exekution eines Mannes und einer Frau ihrer Stadt. Die Frau hat nervös mit beiden Händen ihre Zöpfe zur Seite geschoben und der Mann rauchte seine letzte Zigarette. Der Mann war ruhig. Nachdem sie erschossen wurden, fiel die Frau wie eine Puppe auf den Boden, während der Mann einfach dasaß. Er war tot aber er hatte noch seine Zigarette zwischen den Lippen und diese Zigarette rauchte noch.

Die alte Frau, die mir diese Geschichte erzählt hat, sagte, dass es ihr schwerfiel, zu glauben, dass der alte Mann tot war. Sie sagte, dass alle weggingen, aber sie vor dem leblosen Körper stand und sich den schwindenden Rauch ansah. Für mich ist diese Geschichte interessant, weil es mir, wenn ich durch tote Orte fahre und ich dann and wann ein, zwei Familien sehe, die dort leben, ebenso wie dieser Frau schwerfällt zu glauben, dass kein Leben dort ist und der Rauch der Kamine ein schwindender Rauch ist, ähnlich dem den die Frau bei der öffentlichen Exekution, in den Tagen ihrer Jugend, sah.

Michael Gorbatschow sagte einmal, dass Pripyat und Tschernobyl keine Orte der Traurigkeit und Klage seien, sondern der Besinnung, wie leicht Tausende Jahre der Menschheit in einigen Minuten weggefegt werden können. Würden Sie Tschernobyl als Ort der Traurigkeit definieren?

Ich würde Tschernobyl als einen Ort definieren, an dem überall Traurigkeit, Frustration und eine sehr tiefe Depression festzustellen sind. Diese Frustration findet ihren Ausdruck in der gesamten Art, in der die Dinge in Tschernobyl existieren; in der Unendlichkeit der nuklearen Chemikalien, die im Gegensatz zu der Endlichkeit des Individuums steht; in dem nicht endenwollenden Kampf, welche die Geschichte von Tschernobyl bildet, wo jede Anstrengung von unüberwindlichen Schwierigkeiten gehemmt wird, wo einige unvergängliche Ursachen das gesamte Bestreben jeder neuen Generation zu dem bereits bekannten gleichen traurigen Ende bringen. Wo in jedem Moment alle Dinge in unseren Händen zu nichts werden, jeden realen Wert verlieren und dahinscheiden. Wo wir selbst zu nichts werden und dahinscheiden.

Was sagen die Ukrainer und Weißrussen heutzutage zu der Tragödie? Es scheint mir, dass die Leute irgendwie daran gewöhnt und ziemlich ruhig sind.

Die Weißrussen können nicht wirklich viel dazu sagen, sie haben keine Redefreiheit und die Wahrheit zu sagen ist in diesem Land gefährlich. In Weißrussland wird jeder, der wahrhaftige Forschung über Tschernobyl veröffentlichen will, ins Gefängnis geworfen oder ganz einfach verschwinden gelassen; dennoch gibt es Leute, die die Wahrheit sagen.

In der Ukraine ist es nach der orangenen Revolution nicht verboten die Wahrheit zu sagen, jedoch sprechen die Ukrainer wenig über solche Dinge. Das scheint paradox zu sein, aber es ist nicht wirklich so. Nietzsche sagte einmal, dass die Wahrheit dort mehr Verteidiger finden wird, wo das Sagen der Wahrheit gefährlich ist und weniger Verteidiger finden wird, wo das Sagen der Wahrheit langweilig ist.

Sie haben viel von der größten Tragödie der Menschheit gesehen. Was war Ihrer Meinung nach insgesamt das Schlimmste des Unfalls?

Das Schlimmste ist, dass Tschernobyl keine Hoffnung lässt. Ich habe bereits erzählt, dass ich auf die Eingangstore von Tschernobyl schreiben würde, was Dante über den Eingang zu seiner Hölle schrieb: "Lasst jede Hoffnung, wenn ihr eingetreten."

In allen Sprachen gibt es Redensarten wie "Ich hoffe zuletzt zu sterben" oder "wir hoffen so lange wir leben". Die Hoffnungslosigkeit raubt uns unsere Stärke, mit ihr fallen wir in eine Benommenheit. Menschen können mit Hoffnungslosigkeit nichts erreichen. Ohne Hoffnung wenden sich die Leute von dem Problem ab; sie versuchen es einfach zu vergessen.

Ihre Bemerkungen sind sehr treffend, mit philosophischem und religiösem Hintergrund. Denken Sie, dass es in Tschernobyl, Pripyat und all den Totzonen einen Platz für die Religion gibt?

Es gibt definitiv einen Platz für die Religion. Ich wusste immer schon, dass Tschernobyl in der Bibel vorausgesagt wurde aber ich habe es nicht wichtig genommen, bis ich eines Tages einen Augenblick tiefen Verständnisses für diese Prophezeiungen hatte. Dies geschah in der Nähe eines toten Bauerhofes in Tschernobyl. Plötzlich erkannte ich die Prophezeiung des warmen Holzes und die Wahrheit der folgenden Abschnitte wurde klar: * ISAIAS : 13:21,22 - Wüstentiere lagern sich da, von Eulen sind ihre Häuser gefüllt... 34:7-14 - Es erlischt nicht bei Tag und Nacht, ständig steigt hoch sein Rauch; verwüstet bleibt es von Geschlecht zu Geschlecht, niemals mehr durchquert es ein Mensch." .

Fabricio Yuri Vitorino/ G1 and Globo (Brazil)/April 2009

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