| Fiktion oder Realität? Es besteht kein Zweifel: Als Goethes Briefroman veröffentlicht wurde, löste der darin beschriebene Freitod eine Reihe von Suiziden aus, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern in mehreren europäischen Ländern. Genaue Daten sind natürlich rückblickend nicht mehr objektivierbar. Einige Wissenschaftler sprechen aber von einer regelrechten "Suizid-Epidemie". Andere warnen vor Übertreibungen. Dass es "Werther-induzierte Selbsttötungen" gab, ist aber nicht zu leugnen. Und noch schlimmer: Es gibt sie noch immer (junge Frau vergiftet sich; man findet sie tot - mit dem Kopf auf Goethes "Werther" liegend). Nicht wenige der damaligen Suizidenten (von den statistisch erfassten Fällen her allein schon eine zweistellige Zahl) kleideten sich übrigens genauso wie die tragische Romanfigur (blaue Jacke und gelbe Weste) und führten meist das Buch bei ihrem selbst gewählten Lebensende bei sich. Die Reaktionen waren entsprechend. Es kam sogar zu Anschuldigungen auf durchaus literarischem Niveau ("auch mein Sohn hatte mehrere Stellen im Werther angestrichen … Von euch wird Gott Rechenschaft fordern über die Anwendung eurer Talente"). Goethe blieb natürlich seine fatale Medienwirkung nicht verborgen (siehe Kasten), wobei er später - nachvollziehbarer Weise - auch gereizt reagieren konnte. Es ist aber keine Frage, dass ihm diese "Schreib-Therapie" in eigener Sache geholfen hat, wie er gelegentlich bestätigt haben soll. Goethe: "Die Wirkung dieses Büchleins war groß, ja ungeheuer". Oder: "So verwirrten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln (…) und sich allenfalls selbst erschießen: und was hier im Anfang unter Wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum". Auf jeden Fall war der "Werther-Effekt" geboren, aktenkundig schon damals und unter den Zeitgenossen als "Wertherfieber" bezeichnet. In manchen Regionen und Städten wurde das Buch sogar verboten (z. B. Leipzig, Kopenhagen, Mailand). An einigen Orten drohte eine Geldstrafe bei widerrechtlichem Verkauf und Handel mit diesem Buch, da (wörtlich) "Itzo die Exempel des Selbstmordes frequenter werden" (Leipziger Stadtrat, Januar 1975). Bisweilen wurde das Verbot sogar auf die erwähnte Kleidung ("Werther-Tracht") ausgedehnt. Mit anderen Worten: Man hatte gehörigen Respekt, ja Angst vor entsprechenden Nachahmungstaten, zumal speziell in der damaligen "Sturm- und Drangzeit" der Werther eine Art Kultbuch unter den jungen Intellektuellen wurde.
Quelle: Irgendwo aus den Weiten des Internets.... |