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1.Teil
Wir gingen bei dem schönen Wetter im Garten auf und ab; dann setzten wir
uns auf eine Bank, mit dem Rücken gegen das junge Laub einer dicken
Hecke. Wir sprachen über den Bogen des Odysseus, über die Helden des
Homer, dann über die griechischen Tragiker, und endlich über die
vielverbreitete Meinung, daß das griechische Theater durch Euripides in
Verfall geraten. Goethe war dieser Meinung keineswegs.
»Überhaupt«, sagte er, »bin ich nicht der Ansicht, daß eine Kunst durch
irgendeinen einzelnen Mann in Verfall geraten könne. Es muß dabei sehr
vieles zusammenwirken, was aber nicht so leicht zu sagen. Die tragische
Kunst der Griechen konnte so wenig durch Euripides in Verfall geraten,
als die bildende Kunst durch irgendeinen großen Bildhauer, der neben
Phidias lebte, aber geringer war. Denn die Zeit, wenn sie groß ist, geht
auf dem Wege des Besseren fort, und das Geringere bleibt ohne Folge.
Was war aber die Zeit des Euripides für eine große Zeit! Es war nicht
die Zeit eines rückschreitenden, sondern die Zeit eines vorschreitenden
Geschmackes. Die Bildhauerei hatte ihren höchsten Gipfel noch nicht
erreicht, und die Malerei war noch im früheren Werden.
Hatten die Stücke des Euripides, gegen die des Sophokles gehalten, große
Fehler, so war damit nicht gesagt, daß die nachkommenden Dichter diese
Fehler nachahmen und an diesen Fehlern zugrunde gehen mußten. Hatten sie
aber große Tugenden, so daß man einige sogar den Stücken des Sophokles
vorziehen mochte, warum strebten denn die nachkommenden Dichter nicht
diesen Tugenden nach, und warum wurden sie denn nicht wenigstens so groß
als Euripides selber! –
Erschien aber nach den bekannten drei großen Tragikern dennoch kein
ebenso großer vierter, fünfter und sechster, so ist das freilich eine
Sache, die nicht so leicht zu beantworten ist, worüber man jedoch seine
Vermutungen haben und der man wohl einigermaßen nahe kommen kann.
Der Mensch ist ein einfaches Wesen. Und wie reich, mannigfaltig und
unergründlich er auch sein mag, so ist doch der Kreis seiner Zustände
bald durchlaufen.
»Wären es Umstände gewesen wie bei uns armen Deutschen, wo Lessing zwei
bis drei, ich selber drei bis vier, und Schiller fünf bis sechs passable
Theaterstücke geschrieben, so wäre auch wohl noch für einen vierten,
fünften und sechsten tragischen Poeten Raum gewesen.
Allein bei den Griechen und dieser Fülle ihrer Produktion, wo jeder der
drei Großen über hundert oder nahe an hundert Stücke geschrieben hatte
und die tragischen Sujets des Homer und der Heldensage zum Teil drei-
bis viermal behandelt waren, bei solcher Fülle des Vorhandenen, sage
ich, kann man wohl annehmen, daß Stoff und Gehalt nach und nach
erschöpft war und ein auf die drei Großen folgender Dichter nicht mehr
recht wußte, wo hinaus.
Und im Grunde, wozu auch! – War es denn nicht endlich für eine Weile
genug! Und war das von Äschylos, Sophokles und Euripides Hervorgebrachte
nicht der Art und Tiefe, daß man es hören und immer wieder hören konnte,
ohne es trivial zu machen und zu töten? – Sind doch diese auf uns
gekommenen wenigen grandiosen Trümmer schon von solchem Umfang und
solcher Bedeutung, daß wir armen Europäer uns bereits seit Jahrhunderten
damit beschäftigen und noch einige Jahrhunderte daran werden zu zehren
und zu tun haben.
2. Teil
Also, mein Guter, ich wiederhole: es kommt darauf an, daß in einer
Nation viel Geist und tüchtige Bildung im Kurs sei, wenn ein Talent sich
schnell und freudig entwickeln soll.
Wir bewundern die Tragödien der alten Griechen; allein recht besehen,
sollten wir mehr die Zeit und die Nation bewundern, in der sie möglich
waren, als die einzelnen Verfasser. Denn wenn auch diese Stücke unter
sich ein wenig verschieden, und wenn auch der eine dieser Poeten ein
wenig größer und vollendeter erscheint als der andere, so trägt doch, im
groben und ganzen betrachtet, alles nur einen einzigen durchgehenden
Charakter. Dies ist der Charakter des Großartigen, des Tüchtigen, des
Gesunden, des Menschlich-Vollendeten, der hohen Lebensweisheit, der
erhabenen Denkungsweise, der rein-kräftigen Anschauung, und welche
Eigenschaften man noch sonst aufzählen könnte. Finden sich nun aber alle
diese Eigenschaften nicht bloß in den auf uns gekommenen dramatischen,
sondern auch in den lyrischen und epischen Werken; finden wir sie ferner
bei den Philosophen, Rhetoren und Geschichtschreibern, und in gleich
hohem Grade in den auf uns gekommenen Werken der bildenden Kunst: so muß
man sich wohl überzeugen, daß solche Eigenschaften nicht bloß einzelnen
Personen anhaften, sondern daß sie der Nation und der ganzen Zeit
angehörten und in ihr in Kurs waren.
[....]
Wie ärmlich sieht es dagegen bei uns Deutschen aus! – Was lebte denn in
meiner Jugend von unsern nicht weniger bedeutenden alten Liedern im
eigentlichen Volke? Herder und seine Nachfolger mußten erst anfangen sie
zu sammeln und der Vergessenheit zu entreißen: dann hatte man sie doch
wenigstens gedruckt in Bibliotheken. Und später, was haben nicht Bürger
und Voß für Lieder gedichtet! Wer wollte sagen, daß sie geringer und
weniger volkstümlich wären als die des vortrefflichen Burns! Allein was
ist davon lebendig geworden, so daß es uns aus dem Volke wieder
entgegenklänge? – Sie sind geschrieben und gedruckt worden und stehen in
Bibliotheken, ganz gemäß dem allgemeinen Lose deutscher Dichter. Von
meinen eigenen Liedern, was lebt denn? Es wird wohl eins und das andere
einmal von einem hübschen Mädchen am Klaviere gesungen, allein im
eigentlichen Volke ist alles stille. Mit welchen Empfindungen muß ich
der Zeit gedenken, wo italienische Schiffer mir Stellen des ›Tasso‹
sangen!
Wir Deutschen sind von gestern. Wir haben zwar seit einem Jahrhundert
ganz tüchtig kultiviert, allein es können noch ein paar Jahrhunderte
hingehen, ehe bei unseren Landsleuten so viel Geist und höhere Kultur
eindringe und allgemein werde, daß sie gleich den Griechen der Schönheit
huldigen, daß sie sich für ein hübsches Lied begeistern, und daß man von
ihnen wird sagen können, es sei lange her, daß sie Barbaren gewesen.
Aus den Gesprächen mit Eckermann |