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Der Bewegungsapparat des Hundes
von Harry G. A. Hinckeldeyn
(Aus "Der Jagdspaniel", Festschrift 1982. Alle Rechte beim Verfasser.)
Ein Spaniel in schlechter Kondition (schlaffe
Muskulatur, mager, seelische Verstimmung)
kann eine noch so gute Konstitution haben, er
wird niemals die Leistungen bringen könnnen,
die wir von ihm als Jagdhund erwarten und
fordern dürfen. Andererseits, ein Spaniel, des-
sen Bewegungsapparat nicht korrekt beschaf-
fen ist, kann zwar durch eine gute körperliche
und seelische Verfassung viel ausgleichen, doch
er wird immer früher ermüden als der Spaniel,
bei dem Kondition und Konstitution in nahezu
idealer Weise übereinstimmen.
Nach dieser vielleicht doch allseits einleuch-
tenden Einführung sei das wiederholt, was im
Sonderheft zum 6ojährigen Jubiläum des Jagd-
spaniel-Klubs zu lesen steht:
Statik und Dynamik des Hundes
Es mag die Frage berechtigt sein, was es für
einen Sinn haben kann, dieses Thema in einer
Sondernummer von Der Jagdspaniel" zu be-
handeln. Es sei schließlich ein Thema für An-
spruchsvolle" - um einen Werbeslogan zu be-
nutzen - und wird wohl kaum den großen Kreis
der Hundefreunde ansprechen, für den unser
Jubiläumsheft gedacht ist. Einer solchen Auf-
fassung darf aber doch wohl widersprochen
werden, denn jeder Hundefreund, der z.B. auf
Zuchtschauen bewusst andere Hunde beobach-
tet oder z. B. auf der Straße einer Vielzahl von
Hunden begenet, wird immer wieder feststellen
können,dass die Hunde sich sehr unterschiedlich
bewegen und ihr Äußeres stark voneinander
abweicht. Einer läuft flüssig und, wie es scheint,
ohne jede Mühe, ein anderer läuft mit ,,steifen
Beinen", wieder ein anderer watschelt, dieser
tippelt, jener trabt wie ein Pferd, einer wirkt
schlaff und schlapp, der andere athletisch und
belastbar; bei einem stehen die Hinterläufe eng,
bei dem anderen gleicht die Stellung der Vor-
hand einer Tonne oder einem ,,offenen Scheu-
nentor".
Auch das Verhalten der Hunde in der Ruhe
ist sehr ungleich. Dieser kann längere Zeit auf
den Läufen stehen, jener setzt sich gleich, und
ein anderer legt sich ganz hin.
Von der Länge und der Größe einzelner Hun-
de wird schon eher Notiz genommen - aber
macht man sich darüber mehr Gedanken? Im
allgemeinen doch erst dann, wenn zwischen der
Länge und der Größe wenig oder gar keine
Übereinstimmung besteht, d. h., wenn das Ge-
fühl für Harmonie sozusagen verletzt wird.
Ein weiterer Punkt, der für die Behandlung
dieses Themas spricht, sind die Richterberichte.
In ihnen ist regelmäßig etwas über die Bewe-
gung zu lesen, und es ist ihnen auch häufig zu
entnehmen, dass, bei sonst hoher Qualität des
Hundes, seine Bewegung es war, die ihn nicht
an der Spitze stehen ließ. Manchmal sind es nur
minimale Unterschiede, die vielleicht nicht ein-
mal beschrieben werden können, aber dem
Zuchtrichter doch auffallen. Dem Aussteller ist
deshalb die Entscheidung des Zuchtrichters
nicht immer ganz verständlich, weil er die fei-
nen Unterschiede nicht immer sieht und weil er
manchmal gar nicht weiß, wie sein Hund sich -
von vorne und hinten gesehen - an der Leine
bewegt. Dafür müsste er sich selbst den Hund
schon durch eine andere Person vorführen las-
sen. Der Aussteller wird dann häufig sehen,
dass die Bewegung des angeleinten Hundes,
trotz gleicher Gangart, sich von der des
unangeleinten Hundes unterscheidet und wel-
che Abweichungen von der normalen" Bewe-
gung sich zeigen. Der Aussteller wird dann
auch feststellen, dass sein Hund sich nicht im-
mer gleich bewegt, dass ein Mangel mal ganz
deutlich und mal weniger deutlich erscheint: er
wird auch Möglichkeiten sehen, seinen Hund
durch geschicktes Vorführen ins rechte Licht
zu rücken".
Also, die Vielfalt der zu machenden Beob-
achtungen, die daraus zu ziehenden
Folgerungen und die Möglichkeit, aus einer
Erkenntnis einen Vorteil erreichen
zu können, sollten Grund genug sein, sich
mit der Statik und Dynamik des
Hundes zu beschäftigen.
Es kann nicht häufig und betont genug ge-
sagt werden, dass der Spaniel seiner Art nach
ein Jagdhund ist. Er ist dieses nicht nur, wenn
man ihn im Walde oder auf dem Felde arbeiten
sieht und gegebenenfalls seine Leistungen zu
beurteilen hat. Er ist es auch noch, wenn er auf
einer Zuchtschau nach seinem Aussehen zu
bewerten ist.
Von einem Jagdhund ist - neben seinen na-
türlichen Anlagen - zu verlangen, dass er Sub-
stanz hat, ausdauernd arbeitet und wesensfest
ist. Mit anderen Worten: Von einem Jagdhund
ist größte Leistungsfähigkeit zu verlangen.
Diese Leistungsfähigkeit ist nun von einer
Reihe von Bedingungen abhängig. Die erste
und wichtigste Bedingung ist, dass das Gebäu-
de des Jagdhundes anatomisch korrekt ausge-
bildet ist. Der
passive Bewegungsapparat
, d.
h. das Skelett, die Extremitäten und Bänder,
muss nach Form und Größe so gewachsen sein,
dass nicht schon die anatomischen Verhältnis-
se auf eine Leistungsbegrenzung schließen las-
sen. Daneben muss der
aktive Bewegungsap-
parat
, die Muskeln, so beschaffen sein, dass er
eine optimale bis maximale Beanspruchung von
vornherein gestattet.
Die Leistungsfähigkeit eines Hundes ist also
grundsätzlich davon abhängig, wie der passive
und der aktive Bewegungsapparat - einmal je-
der für sich, aber noch wichtiger beide - zusam-
menarbeiten.
Dieses Zusammenspiel des passiven und des
aktiven Bewegungsapparates wird auch auf ei-
ner Zuchtschau deutlich und vom Richter mit-
bewertet. Es sollte sogar Grundlage einer jeden
Bewertung sein. Kein Jagdhund sollte einen
hohen Formwert erhalten, wenn die Harmonie
der beiden Bewegungsapparate gestört ist oder
wenn Mängel im passiven oder aktiven Bewe-
gungsapparat ganz offenbar sind.
Das Gebäude des Jagdhundes - im Stand und
in der Bewegung - gibt Auskunft über die Fra-
ge, ob die anatomisch-physiologischen Ver-
hältnisse eine optimale Beanspruchung gestat-
ten würden. Das muss auch bei der Formbe-
wertung Berücksichtigung finden. Das Gebäu-
de des Jagdhundes muss in seinen diversen
Abmessungen weitestgehend ausgeglichen sein.
Die Extremitäten müssen in einem richtigen
Verhältnis zum Rumpf stehen, und zwar nicht
nur nach ihrer Größe beurteilt, sondern auch
nach ihrer Lage. Der Hals muss eine gewisse
Länge haben und der Kopf eine gewisse Größe.
Mit anderen Worten: In erster Linie kommt es
auf den harmonischen Aufbau des Hunde-
körpers an. Diese Übereinstimmung der ver-
schiedenen Körperteile hat nämlich einen sehr
wesentlichen Einfluss sowohl auf die
Statik
(die Lehre vom Gleichgewicht bei auf einen
Körper einwirkenden Kräften) als auch auf die
Dynamik
(Änderung des Bewegungszustandes
eines Körpers durch auf ihn einwirkende Kräf-
te) des Körpers. Jeder unproportionierte Kör-
per verliert an optimaler Leistung, ganz gleich,
ob er sich in Ruhe, d.h. in diesem Falle im
Stand, oder in Bewegung befindet.
Ebenso kommt es darauf an, dass der Körper
des Jagdhundes ausreichend bemuskelt ist. Das
gilt nicht nur für die Muskeln des Rumpfes,
sondern gleichermaßen für die Muskeln der
Gliedmaßen.
Allen Teilen des Skeletts und der Extremitä-
ten kommt eine gleichgroße Bedeutung zu. Alle
Teile stehen in Beziehung zueinander, und jede
Fehlstellung eines Teiles des Skeletts oder der
Extremitäten hat Einfluss auf die anderen Teile,
auch wenn diese völlig korrekt stehen. Je deut-
licher eine Fehlstellung vorliegt, desto größer
ist ihr Einfluss auf die Haltung des Hundes im
Stand und in der Bewegung.
Zum Skelett des Rumpfes gehören
1.
die Wirbelsäule
2.
die Rippen
3.
das Brustbein
Die Einteilung der Wirbelsäule ist folgende:
a)
Hals-
b)
Brust-
c)
Lenden-Wirbelsäule
d)
das Kreuzbein
und daran anschließend die Schwanzwirbel.
Die
Halswirbelsäule
, bestehend aus sieben
Wirbelkörpern, hat zunächst die
Aufgabe, den Kopf zu tragen. Weiter ist es
ihre Aufgabe, insbesondere in der
Bewegung, mitzuhelfen, die Balance zu hal-
ten, also Einfluss zu nehmen auf die
Lage des Schwerpunktes, die sich besonders
in der Bewegung ständig
verändert.
Die
Brustwirbelsäule
, bestehend aus 13
Wirbelkörpern, bildet mit den Rippen und dem
Brustbein die knöcherne Grundlage des Brust-
raumes. Damit ist auch ihre Funktion beleuch-
tet, die von denen der anderen Wirbelsäulen-
Abschnitte z. T. deutlich abweicht.
Die
Lendenwirbelsäule
, bestehend aus sie-
ben Wirbelkörpern, ist besonders stark ausge-
bildet, da die lange Lende beim Hund einer
speziellen Stabilität bedarf. Es sei darauf auf-
merksam gemacht, dass die 13 Brustwirbel und
die sieben Lendenwirbel in einem Verhältnis
zueinander stehen von fast 1:1.
Bei einem ausgewachsenen Hund besteht das
Kreuzbein
aus drei Wirbelkörpern, die zu ei-
nem einzigen verknöchert sind.
An das Kreuzbein schließen sich 20-23
Schwanzwirbel
an, die nur noch bei den ersten
vier die typische Wirbelkörperform besitzen.
Die gesamte Wirbelsäule gibt dem Körper
den wesentlichen Halt, sie gleicht einem geglie-
derten Achsenstab, der sich aus einer Reihe
unpaarer, jedoch grundsätzlich gleichmäßig
ausgebildeter Knochen zusammensetzt.
Die Beweglichkeit der Wirbelsäule ist in den
einzelnen Wirbelsäulen-Abschnitten unter-
schiedlich, sie ist auch abhängig von der Bewe-
gungsfreiheit zwischen zwei benachbarten
Wirbelkörpern. Ganz allgemein kann gesagt
werden, dass die Beweglichkeit zwischen zwei
benachbarten Wirbelkörpern gering ist, sie
nimmt an Bedeutung zu, je länger z. B. die
Wirbelkörper sind. Die größte Beweglichkeit
liegt demnach in der Lendenwirbelsäule und in
der Halswirbelsäule. Ziemlich starr ist die
Brustwirbelsäule, was aber nicht nur von der
Größe der Wirbelkörper abhängig ist, sondern
auch von der Größe der Dornfortsätze, das sind
die knöchernen Teile der Wirbelkörper, die
nach oben gerichtet sind. Hinzu kommt, dass
die Brustwirbelsäule durch die Rippen mit dem
Brustbein verbunden ist.
Der Hund hat in der Regel 13 Rippen, davon
neun sternale und vier asternale, d. h., dass
neun der 13 Rippen direkt mit dem Brustbein
verbunden sind, während die vier asternalen
Rippen jeweils über die vor ihr - also zum Kopfe
hin -liegende Rippe miteinander verbunden
werden, ausgenommen die 13. Rippe, die nur
mit der Brustwirbelsäule verbunden ist und
wohl harmonisch, aber doch frei in den Brust-
raum hineingewachsen ist. Die vier asternalen
Rippen sind ziemlich beweglich und dienen als
Atmungsrippen.
Die Rippen müssen so geformt sein, dass sie
der Gestalt einer Tonne annähernd entspre-
chen. Zu steil gebogene Rippen geben den
Thoraxorganen zu wenig Raum, und zu rund
gebogene Rippen verringern die Stabilität der
vorderen Extremitäten, da das Schulterblatt
nicht mehr annähernd lotrecht zum Oberarm-
bein und zum Vorarm steht. Diese Lotdifferenz
erhöht die Belastung der vorderen Extremitä-
ten, sie verringert die Ausdauer in der Bewe-
gung und nimmt auch Einfluss auf die stati-
schen Verhältnisse. Außerdem führt sie zu Ver-
spannungen in der Muskulatur, die wiederum
Einfluß haben, besonders auf die Dynamik.
Es wird hier also deutlich, wie sich ein Fehler
am passiven Bewegungsapparat auch auf den
aktiven Bewegungsapparat, auf die Statik und
auf die Dynamik auswirkt.
Entsprechend dieser Tatsache wird auch die
Bewertung des Hundes ausfallen. Damit soll
nicht dem Richten von Fehlern zu Lasten des
Richtens des Typs das Wort geredet werden.
Der Richter wird aber bedenken und abwägen,
ob solche Fehler, die die Leistungsfähigkeit des
Jagdhundes einschränken, zugunsten des Typs
un- oder minder berücksichtigt bleiben dürfen.
Das Skelett beider Extremitäten, der Vor-
hand wie der Hinterhand, ist aus einander ent-
sprechenden Teilen zusammengesetzt, die zum
Teil eine parallele und auch sogar weitgehend
gleiche Funktion haben. Es passen zusammen:
1.
Schulterblatt
-
Hüftbein2.
Oberarmbein -
Oberschenkelbein
3.
Speiche und EIle
-
Schienbein und Wadenbein
4.
Vorderfußwurzelknochen
-
Hinterfußwurzelknochen
5.
Vordermittelfußknochen
-
Hintermittelfußknochen
und 6. Zehenknochen
Die Anordnung der Extremitäten und ihre
Stellung zum Rumpfskelett ist im Hinblick auf
die Statik und die Dynamik von Bedeutung. Es
ist zunächst zu beachten, dass das Oberarm-
bein und das Oberschenkelbein schräg entge-
gengesetzt unter den Körper gestellt sind, zu-
sammen mit dem Ellbogen und der Knieschei-
be. Somit ruht die Last des Körpers auf Säulen,
nämlich vorne auf Speiche und EIle und hinten
auf Schienbein und Wadenbein sowie den Fuß-
knochen, die näher dem Schwerpunkt und nicht
von ihm abgewendet angebracht sind. Das hat
erheblichen Einfluss auf die Dynamik, weil
durch die Stellung der Gliedmaßensäulen zum
Schwerpunkt hin Muskelkräfte gespart wer-
den, die sowohl für das Sichaufrichten und das
Stehen erforderlich wären, aber nun geschont
und schließlich frei werden für die Fortbewe-
gung.
Was nicht immer genügende Berücksichti-
gung findet, ist die Stellung der Pfote. Der
Hund zählt zu den Zehengängern. Daneben
sind bekannt die Sohlengänger (z. B. der Affe)
und die Zehenspitzengänger (z.B. das Pferd).
Eine korrekt ausgebildete und richtig stehende
Pfote verlängert den Hebel der Gliedmaßen und
gestattet dadurch eine raumgreifendere und auch
schnellere Aktion. Die Richtigkeit dieser Fest-
stellung wird man sofort erkennen, wenn man
die Hand flach auf den Tisch legt, den Unterarm
anhebt und nun die Bewegung des Schreitens
nachahmt. Die schlechte Pfote lässt ein Abrol-
len des Fußes nicht zu, also wird der Schritt fast
um die Spanne des Abrollens kürzer. Das rich-
tige Abrollen der Pfote hat auch zur Folge, dass
die Bewegung flüssiger und schwungvoller ist.
Letztes bedeutet eine Kraftersparung, weil der
Schwung für die Fortbewegung ausgenutzt wird.
Außerdem wird die Ausdauer in der Bewegung
und im Stand durch schlechte Pfoten sehr be-
einflußt, weil die Muskeln, die Sehnen und die
Bänder eine unnatürliche Beanspruchung er-
fahren.
Alle
Muskeln
haben nicht nur eine Funktion
zu erfüllen, in der Regel sind es zwei; einfach
ausgedrückt: die Spannung und die Entspan-
nung. Beide Funktionen stehen in einem natür-
lichen Verhältnis zueinander, je nach der Lage
und der Aufgabe der Muskeln wohl unterschied-
lich, jedoch hat ein bestimmtes Maß an Span-
nung ein bestimmtes Maß an Entspannung zur
Folge. Wird nun das bestimmte Maß an Span-
nung regelmäßig nicht genutzt oder über-
schritten, nimmt das auch Einfluß auf das Maß
der Entspannung. Es tritt also eine Störung im
aktiven Bewegungsapparat ein, die zumindest
bis an den Ansatz des gestörten Muskels reicht.
Da aber auch der aktive Bewegungsapparat als
eine funktionelle Einheit zu sehen ist, wirkt sich
die Störung eines seiner Teile auf den ganzen
aus. Hinzu kommt, dass sich Störungen im
aktiven Bewegungsapparat auch auswirken auf
den passiven Bewegungsapparat. So ist es
durchaus möglich, dass eine schlaffe Muskula-
tur die Leistungsfähigkeit noch weiter ein-
schränkt, zumindest aber früher verringert. Man
kann auch hier sagen, dass kleine Ursachen
eine große Wirkung haben können. Das Aus-
maß der Wirkung lässt sich auf einer Zucht-
schau nicht bemessen, da das in der Regel erst
bei längerer Belastung zum Ausdruck kommt.
Es kann aber immer davon ausgegangen wer-
den, dass jede Störung im passiven und aktiven
Bewegungsapparat die Leistungsfähigkeit ein-
schränkt. Je offenbarer die Störung, desto ge-
ringer die Leistungsmöglichkeit! Einen Über-
blick über die Leistungsmöglich-keit kann sich
der Richter aber doch verschaffen, wenn er sich
den Hund in seinen verschiedenen Gangarten
vorstellen lässt.
Die für die Statik und Dynamik wichtigste
Muskulatur ist die Brust-Rücken-Lenden-
muskulatur. Ihr kommt auch eine erhebliche
tragende Funktion zu, da sie in Verbindung mit
der Wirbelsäule das Gewicht des Rumpfes, der
ja doch in einem gewissen Maße hängt, tragen
muss; sie muss den Körper halten und zusam-
menhalten. Jede Schlaffheit der Brust-Rücken-
Lendenmuskulatur hat zur Folge, dass die schon
ihrer Struktur nach schwächeren Muskeln über-
lastet werden und relativ früh ermüden. Das
heißt, dass besonders Mängel in der großen
Muskulatur der Kritik des Richters ausgesetzt
sind, was sich in einem entsprechend niedrigen
Formwert ausdrücken kann.
Wie schon angedeutet, spielt auch die Größe
der Extremitätenteile und ihre Stellung zuein-
ander eine wichtige Rolle für das Leistungsver-
mögen des Hundes. Ein Hund, der von Natur
aus quadratisch sein soll, kann nicht die Leistun-
gen vollbringen, wenn er nicht mehr quadra-
tisch ist, sondern mehr zu einem Rechteck neigt.
Zum Beispiel ein Cocker, der aus dem Qua-
drat dadurch herausgeht, dass er im Verhältnis
zu seinem Rücken zu kurze Läufe hat, ist von
vornherein einem quadratisch gebauten Cocker
unterlegen. Ein solcher langer" Cocker hat
eine gestörte Statik, da der Körper nicht genü-
gend unterstützt wird. Der Körper hängt durch,
damit ist eine andere als natürliche Verteilung
der Körperlast auf die Extremitäten verbunden
und eine Überbelastung der großen Muskula-
tur. Ebenso ist die Dynamik gestört, denn ein
Hund, der nicht normal lange Extremitäten hat,
kann nicht die Hinterhand weit genug unterset-
zen und die Vorhand nicht entsprechend weit
vorsetzen. Für die Zurücklegung einer be-
stimmten Entfernung muss ein solcher Hund
also mehr Bewegungen durchführen. Er wird
so früher seine Leistungsgrenze erreicht haben.
Auch die Stellung der Extremitätenteile zu-
einander spielt eine wichtige Rolle. Sie wird um
so bedeutender, je ungleichmäßiger die Abwei-
chung zwischen den Extremitätenpaaren ist. Ist
die Fehlstellung relativ gleich, so ist das von
geringerem Einfluß auf die Leistung, als wenn
z. B. die Vorhand korrekt gewinkelt ist und die
Nachhand eine Divergenz aufweist. Ungleich-
mäßige Abweichungen haben nämlich einen
stärkeren Einfluß auf die Statik und auch auf
die Dynamik, weil sie die Lage des Schwer-
punktes verändern.
Auf die Stellung der Extremitätenteile der
Vorhand wird manchmal mehr geachtet als auf
die der Hinterhand. Dabei kommt der Hinter-
hand besonders in der Bewegung die größere
Bedeutung zu. Die Hinterhand muss den Tier-
körper nicht nur tragen - wenn auch nur zu
einem geringeren Teil - sondern antreiben. Jede
Vorwärtsbewegung geht von der Hinterhand
aus, egal, ob beim Schritt, beim Trab, beim
Galopp oder auch beim Sprung. Demgegenüber
hat die Vorhand einen fast ausschließlich stüt-
zenden Charakter. Die in der Vorhand liegen-
den Stützkräfte werden zusätzlich, aber nicht
unnatürlich beansprucht durch die bei der nor-
malen Bewegung entstehenden Schwungkräf-
te. Die Vorhand muss also stützen und auffan-
gen. Wenn nun die Schubkräfte der Hinterhand
nicht normal akitviert werden, kann es auch
nicht zu einer natürlichen Ausnutzung der Stütz-
und Auffangkräfte der Vorhand kommen. Des-
halb muß auch auf eine einwandfreie Funktion
und natürliche Ausbildung der Hinterhand ge-
achtet werden (der Hund hat Hinterachs- und
nicht Vorderachsantrieb).
Die einwandfreie Funktion ist aber nicht nur
von der natürlichen Ausbildung der Muskula-
tur abhängig, sondern auch ebenso von der
Stellung der Knochen zueinander, der soge-
nannten Winkelung. Der Richter kann nicht mit
einem Winkelmesser arbeiten, um festzustel-
len, ob die Stellung des Oberarmbeines zum
Schulterblatt und die Stellung des Oberschenkel-
beines zum Hüftbein soundsoviel Grad beträgt.
So etwas muss er im Blick haben. Durch Abta-
sten des Hundes kann sich der Richter zudem
einen ziemlich sicheren Uberblick über die Form,
die Größe und die Verhältnisse von Skelett-
Teilen zueinander verschaffen. Es hat deshalb
einen sachdienlichen Sinn, wenn sich der Rich-
ter den Hund zunächst auf dem Tisch stehend
ansieht. Gerade bei schwarzen und dunkel-
bunten Cockern kann sich ein Richter täuschen,
denn die Abweichungen hinsichtlich Form und
Größe sind vielfältiger, als allgemein angenom-
men wird; sie werden auch in der Bewegung
nicht immer so offenbar, dass sie von dem
Richter sofort erkannt und in die Beurteilung
eingeordnet werden können. Eindeutige Ab-
weichungen - gemeint sind hier die steilen
Winkelungen - sind aber leicht erkennbar und
haben ziemlich die gleiche Folge auf die Statik
und die Dynamik wie die bei einem Hund mit zu
kurzen Läufen im Verhältnis zum Körper. In
beiden Fällen stehen die Extremitäten zu weit
ab vom Schwerpunkt.
Welche Bedeutung einer gut ausgebildeten
Pfote zukommt, wurde schon beschrieben.
Gleich große Bedeutung kommt der Stellung
jeder Extremität zu. Es sollen hier nur bekannte
Formulierungen aus Richterberichten aufgeführt
werden, die durch Beeinflussung des Schwer-
punktes oder/und der Lotrechten die Leistungs-
fähigkeit des Hundes negativ beeinflussen: of-
fene oder enge Vor- bzw. Nachhand, Zehen-
enge, Kuhhessigkeit, nach innen und außen
stehende Pfoten, Passgänger (der Hund ist kein
Kamel), Hackenenge, nach außen oder innen
stehendes Ellenbogengelenk (wenn nach außen
stehend, auch häufig als lose Schulter" be-
schrieben) u. ä. Alle diese Mängel sind Ab-
weichungen von der natürlichen Form und be-
dingen deswegen eine zusätzliche Belastung
des aktiven und des passiven Bewegungsappa-
rates mit der Folge einer schnelleren Ermü-
dung.
Neben den Belastungen, die sich aus den
Abweichungen von der natürlichen Form erge-
ben, wären noch die zu erwähnen, die auf eine
falsche Haltung des Hundes durch den Men-
schen zurückzuführen sind. Auch die Haltung
nimmt Einfluss auf die Statik und Dynamik.
Fast täglich sieht man Hunde, die im Verhältnis
zu ihrer Größe zu schwer sind. Ober man sieht
Hunde, die trotz guter Stellung der Extremitäten-
teile zueinander mit steifen Beinen" laufen.
Wenn solche Hunde auch kaum einmal die
ihnen zugedachte Aufgabe erfüllen müssen, so
darf doch nicht übersehen werden, dass jede
Bewegung Kräfte erfordert, die ein solcher Hund
unnötig schwer mobilisieren muss. Selbst
bescheidenen Beanspruchungen ist ein solcher
Hund schon nicht mehr gewachsen. Hier kann
aber ein rechtzeitig begonnenes Training und
eine vernünftige Fütterung Abhilfe schaffen.
Das ist bei Mängeln, die auf genetischer Basis
beruhen, nicht möglich. Solche Mängel müssen
deshalb bei der Beurteilung durch einen Zucht-
richter entsprechende Würdigung finden. Es
liegt allein im Interesse einer Rasse, wenn auch
durch die Formbewertung negative Er-
scheinungen im aktiven und passiven Bewe-
gungsapparat angesprochen werden. Richter,
Züchter und Liebhaber einer Rasse sollten be-
denken, dass man eine Rasse ,,verzüchten" kann,
d. h. ihr Äußeres im Laufe von manchmal nur
wenigen Generationen deutlich verändern kann.
Bei dem Thema ,,Der Bewegungsapparat des
Hundes" kann und darf heute die Hüftgelenks-
dysplasie (HD) nicht unerwähnt bleiben.
Unser Klub hat zunächst versucht, auf dem
Wege der Freiwilligkeit erste Erkenntnisse über
das Vorhandensein von HD zu gewinnen. Die-
ser Versuch muss letztlich als gescheitert ein-
gestuft werden, weil nur relativ wenige Züchter
es für möglich hielten, dass die HD eine Gefahr
für unsere Spaniel sein könnte. Zudem war die
Meinung zu hören, dass HD deswegen ohne
Bedeutung sei, weil die HD nur bei großen und
schweren Hunden eine Rolle spiele. Außerdem
wurde von einzelnen Mitgliedern bestritten, dass
die HD erblich sei, - obgleich die Wissenschaft
dieses schon länger nachgewiesen hatte.
Die mit Wirkung ab 1. Januar 1980 beschlos-
sene Pflichtuntersuchung auf HD für solche
Spaniels, die erstmals zur Zucht verwendet
werden, hat dann eindeutig bewiesen, was die
auf freiwilliger Basis durchgeführten
Untersuchungen leider auch schon angedeutet
haben, nämlich, dass auch unsere Spaniels von
HD befallen sind. Die HD ist also nicht nur ein
Zuchtproblem bei einigen großen und schwe-
ren Rassen, sondern auch bei mittelgroßen und,
wie bekannt, bei kleinen und leichten Rassen.
Das Teuflische" an der HD ist, dass sie in
vielen Fällen klinisch nicht sichtbar, d. h. dass
sie nicht ohne weiteres mit dem Auge erkenn-
bar ist. Es gibt Hunde, die, obgleich mit mittle-
rer oder sogar schwerer HD behaftet, einen
korrekten Bewegungsablauf zeigen und auch
nicht vorzeitig ermüden. In der Regel handelt es
sich um bestens durchtrainierte Hunde, deren
eisenharte" Muskeln die Schwäche im Hüftge-
lenk ausgleichen. Doch solche Hunde zählen zu
den Ausnahmen und sind für eine Zucht gleich-
wohl eine große Gefahr Dem Beispiel der Hun-
de, deren klinischer Befund keineHD vermuten
lässt, müssen die Beispiele gegenübergestellt
werden, in denen ganz junge Hunde (bis herun-
ter zu sechs Monaten alt!) wegen eines HD-
Befalls nicht mehr krauchen konnten und des-
wegen eingeschläfert werden mussten.
Um nicht missverstanden zu werden: eine
HD-Diagnose kann nur aufgrund einer Rönt-
genuntersuchung gestellt werden! Nur eine
Röntgenuntersuchung kann eine zuverlässige
Aussage über die Beschaffenheit der Hüftge-
lenke machen. Aus unserer Verantwortung her-
aus, die wir generell mit der Zucht von Hunden
übernehmen, dürfen wir uns aber nicht von
einem guten Bewegungsablauf täuschen lassen
und gar das HD-Problem zu verniedlichen ver-
suchen. Allein die Tatsache, dass sich die HD
vererbt, und in einigen Blutlinien verschiedener
Rassen ungewöhnlich penetrant ist, sollte je-
dem verantwortungsbewußssten Züchter Ver-
pflichtung sein, auch diesem Erbfehler höchste
Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Nur ein wegen HD eingeschläferter Hund ist
immer einer zuviel!