Es war dunkel, wo sie standen. Sein Körper drückte sie an die Wand; sie konnte das angenehm kühle Mauerwerk spüren. Seine Hände wanderten auf ihrer Haut und verursachten brennendes Kribbeln in ihr. Sie atmete tief ein und wand sich unter seiner Berührung. Seine Hand strich sanft über ihr Haar, über den Hals langsam hinunter über den BH zu ihrem Bauch. Sie seufzte leise.
Ihre Hände umschlossen ihn fest, sie fuhren unter seinem T-Shirt am Rücken entlang, krallten sich in ihm fest, wollten ihn nie wieder loslassen. Sie drückte ihn fordernd an sich. Der Kuß zwischen ihnen schien ewig zu dauern, sie waren beide so voller Verlangen, das sie nicht aufhören konnten. Es war gefährlich, die anderen würden es nicht gutheißen. Vielleicht war es genau das, vielleicht aber war es auch noch viel mehr.
Sie dachte an nichts anderes, als das er sie nie wieder loslassen dürfte. Dieser Moment sollte ewig dauern. Seine Hand schob ihren Rock etwas nach oben. Nur vorsichtig, zögernd, dann nahm er die Hand wieder weg. Sie protestierte, sie griff seine Hand und legte sie zurück, schob sie höher und höher. Ihr Atem beschleunigte sich.
"Wir müssen..." flüsterte er mit rauher Stimme.
Sie suchte seinen Mund und küßte seine Bedenken weg. Ihre Zungen trafen sich und ihre Hände begannen die Eroberung des anderen Körpers von vorn. Sie legte ein Bein um ihn und preßte sich an ihn. Als sie versuchte seine Hose zu öffnen, faßte er ihre Handgelenke und drückte sie gegen die Wand. Seine Finger wanderten über ihre Handflächen und suchten ihre Fingerspitzen. Ihre Hände verschlungen sich ineinander.
Sie hatte schon oft Sex gehabt und sie konnte sich über die Qualität nicht beklagen, aber diese Berührungen erzeugten Reaktionen in ihrem Körper, die sie nicht kannte. Es war, als wären sie eins, füreinander geschaffen. Sie hatte ihre Kontrolle verloren und doch wollte sie nichts anderes als das er weitermachte. Ihre Arme sanken nur langsam, die Hände lösten sich nicht.
Er küßte ihren Hals. Seine Berührungen waren sanft und zärtlich und doch irgendwie wie ausgehungert. Seine Küsse wanderten über ihr Decollete. Sie seufzte leise und zog sein Gesicht hoch, suchte seinen Mund und küßte ihn. Er hatte eine Hand auf ihrem Becken und drückte sie sanft gegen sich. Die Wärme aus seiner Hand strömte durch ihren Körper und löschte die Kälte von der Wand hinter ihr vollkommen aus.
Im Hintergrund waren Schritte zu hören. Sie wußte, was passieren würde, aber sie ignorierte es. Fordernd küßte sie ihn weiter. Es bedürfte seine ganze Kraft, um sich von ihr zu lösen. Er lauschte in den Gang hinein, hielt ihren Mund sanft geschlossen, als sie protestieren wollte. Die Schritte kamen näher. Ein leises Quietschen schien im unebenen Rhythmus zu folgen.
Er trat einen Schritt zurück. Es war dunkel, sie wollte nicht das er ging. Sie hielt ihn fest. Ein letztes Mal küßte er sie. Sie schloß die Augen. Die Schritte kamen näher und näher. Er ordnete ihre Kleidung, strich sanft um ihre Lippen, über ihr Haar. Sie öffnete die Augen wieder. Ein leiser Lichtstrahl schien vom Gang herzukommen, zusammen mit den Schritten.
"Sie kommen!" Noch ein kleiner Kuß auf ihre
Lippen und er trat einen Schritt zurück, bevor er in der Dunkelheit des
Ganges verschwand. Sein Gesicht wurde erkennbar.
---
"Jarod!"
Mit einem überraschten Ausruf wachte sie auf. Sie saß in ihrem Bett und atmete schnell. Parker schluckte schwer. Sie stützte sich mit ihren Händen an der Matratze ab. Ihre Augen versuchten sich an die Dunkelheit in ihrem Schlafzimmer zugewöhnen. Sie leckte sich ihre Lippen. Ihre Gedanken rasten.
"Was zum Teufel..?" fluchte sie. Benommen tapste sie zum Badezimmer. Sie drehte das kalte Wasser auf und spülte sich ihr heißes Gesicht ab. Ihre Lippen brannten noch immer. Sie krampfte sich am Waschbecken fest und schaute in den Spiegel, der über dem Becken hing. Sie sah sich prüfend an.
Es war nicht das erstemal, das sie so etwas träumte. Sie hatte schon öfter sexuelle Träume gehabt. Kurz nach Thomas Tod hatte sie häufig von ihm geträumt. Doch das ist jetzt schon Monate her. Seit zwei Wochen waren die anderen Träume wieder da. Die Träume, die sie schon fast vergessen hatte. Die Träume, die sie im Internat hatte, während des Studiums. Die Träume, die sie hatte, wenn sie mit anderen Männern schlief. Die Träume, die in der Realität so absurd waren, das sie fast lachen mußte. Sie und Jarod! Das war undenkbar! Sie konnte ihn nicht leiden, ihn und seine Spielchen. Sie jagte ihn, sie war sein Rückfahrschein ins Center. Niemals würden sie..., nein niemals! Er war die Ursache für ihr Magengeschwür, Himmel Herrgott noch mal! Sie und Jarod!
Sie lachte spöttisch auf. Ihr Blick fiel auf ihren Mund. Ihre Lippen brannten, ihr Herz raste. Sie fühlte noch immer die Stelle, wo seine Hand gelegen hatte. Sie griff sich an den Rücken und schloß die Augen, rief sich die Gefühle in Erinnerung, die die Berührungen ausgelöst haben.
Sie liebte Thommy, verdammt. Jarod ist nur Besitz vom Center, das sie wiederholen muß. Jarod ist kein Mann, mit dem sie... Er war nicht ihr Typ! Er sah noch nicht mal gut aus! Sie fand ihn überhaupt nicht...
NA gut, ihm stand schwarz außerordentlich gut. Er war durchtrainiert und muskulös, ja. Aber das machte einen Mann noch nicht attraktiv! Vielleicht sah er ja ein bißchen gut aus, aber sie würde niemals auf den Gedanken kommen, mit ihm... NEIN, NIEMALS!
Sie riß sich zusammen und ging zurück ins Schlafzimmer. Sie legte sich hin und zog die Bettdecke bis zu ihrem Kinn. Sie schloß die Augen und versuchte zu schlafen. Sofort spürte sie die Hände wieder auf ihrem Körper. Seine Hände.
Sie schüttelte den Kopf und versuchte sich zu konzentrieren. Sie hatte diesen Traum das erstemal gehabt, da war sie sechzehn. Sie war gerade aus den Ferien gekommen, lag in ihrem Bett im Internat und schlief ein. Sie waren ihr so peinlich gewesen diese Träume. Nicht weil es in einem Gang im Center stattgefunden hat, nicht weil Raines sie in diesem Traum fast erwischt hat, nicht weil es Jarod war. Es war einfach nur, das sie so etwas überhaupt träumte. Damals hatte ihre Freundin gesagt, das wäre normal. Sie würde auch träumen, sie nannte das immer Mitternachtsphantasien, das wäre ein Zeichen davon, das man zu einer Frau wird. Diese Erklärung erleichterte sie, ja machte sie damals sogar stolz. Parker grinste unglücklich mit zugekniffenen Augen, als sie sich daran erinnerte.
Aber mit Jarod? Warum denn ausgerechnet mit Jarod? Damals hatte sie eine ausgezeichnete Erklärung dafür gehabt: Jarod war der einzige Junge in ihrem Alter, den sie kannte und er war ein Freund. War doch klar, daß das im Traum Jarod war. Aber sie liebte ihn nicht, sie mochte ihn noch nicht einmal mehr, sie waren keine Freunde, sie waren Feinde. Sie Jäger, er Gejagter! Sie liebte Thommy, warum träumte sie nicht von ihm?
Thommy, sie hatte ihn schon länger nicht mehr gesehen, nicht mehr gehört. Sie hatte ihn doch auch nach seinem Tod noch gesehen und gehört, warum jetzt nicht mehr? Sie versuchte sich, ihn vorzustellen. Sein Gesicht vor ihrem bildlichen Auge vorzustellen. Sie konzentrierte sich auf Thommy. Sein braunes Haar, seine dunklen Augen, in seinem schwarzen T-Shirt. Nein! In seinem roten Flanellhemd! Sie versuchte sich die Konturen seines Gesichtes vorzustellen. Aber irgendwie wurden die Haare immer dunkler, die Augen größer, dunkler, tiefer. Er verwandelte sich in Jarod. Sie seufzte laut auf und drehte sich auf die Seite: "Schlaf endlich, Parker; schlaf und hör auf an die Laborratte zu denken!" sagte sie laut.
***
"Guten Morgen, Miss Parker. Haben sie gut geschlafen?" Sydney trat in ihr Büro.
"Wieso? Sehe ich so aus, als hätte ich schlecht geschlafen? Kümmern sie sich um ihre Sachen, Dr. Green!" fauchte Miss Parker gereizt zurück.
"Parker, ich wollte nur höflich sein!" Der Psychiater lächelte unverbindlich und sah sie fragend an.
Sie seufzte und ließ sich auf den Sessel fallen. Sie schloß die Augen und sagte leise: "Es tut mir leid, Syd. Ich hatte einfach keine gute Nacht!"
"Sie scheinen in letzter Zeit Probleme mit der Konzentration zu haben!"
"Ich schlafe nur etwas schlecht, ich habe morgen einen Termin beim Arzt und laß mir Schlaftabletten verschreiben. Das wird schon wieder. Danke Sydney!" sie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht und blickte Sydney dankbar, aber müde an.
Sie erhob sich ächzend und straffte sich: "Gut, dann machen wir uns mal auf die Suche nach unserem Genie!" Sie holte tief Luft und setzte sich ihre Icequeenmaske auf. Sydney beobachtete sie fasziniert. Er gab ihr den Vortritt und die Tür schloß hinter sich.
**
Es war Mittagspause. Parker saß in ihrem großen Ledersessel und sah aus dem Fenster. Lustlos kaute sie an einem Salat, den sie sich aus der Kantine besorgt hatte. Ihre Augen fielen ihr zu...
---
Sie ging in einem Gang entlang, ihre Schritte waren schnell und hallten kalt durch den Flur. Mit einemmal griffen zwei starke Arme um ihre Hüfte und zogen sie in die Dunkelheit eines unbenutzten Raumes. Sie war erschrocken, aber sie schrie nicht. Kein Laut entwich ihrem Mund. Die Hände drückten sie an die Wand und tiefer in die Dunkelheit, genau neben der Tür. Anstatt das Angst oder Panik ihre Reflexe kontrollierte, machte sich ein vertrautes Gefühl der Freude in ihr breit. Der Mann kam näher und schließlich berührten sich ihre Lippen. Sie umschlang ihn und küßte ihn, wie ein Verdurstender das Wasser verschlang. Ihr Herz raste.
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"Parker? Parker!" Eine Stimme drang an ihr Ohr, der Raum verblaßte, die Berührung wurde eine sanfte Erinnerung, die auf der Haut brannte.
"Hey, Sis, Aufwachen!" Sie konnte die Umrisse eines Mannes wahrnehmen, der vor ihr stand und mit der Hand wedelte.
"Nenn mich nicht Sis, Lyle! Was ist?!" sie hatte Angst das ihre Stimme versagte, das er sah, wie ihr Herz raste, sie hatte das Gefühl, das sie hochrot im Gesicht wahr.
"Hey, du solltest zu Hause schlafen und nicht im Büro!" Lyle lächelte kalt und ging um ihren Schreibtisch herum. Er setzte sich unaufgefordert auf einen Sessel und grinste sie unverschämt an. "Was macht die Suche nach Jarod?"
"Sag du es mir! Ich bin ja nur noch zweitrangig, was das betrifft!" Sie hatte den Sessel weiterhin in Richtung des Fensters stehen, so das er nur die Rückenlehne sah. Sie beruhigte sich wieder und drehte sich betont langsam zu ihm um.
"Ich weiß nicht, was du damit meinst!"
"Nun, ich habe so das Gefühl, daß das Triumvirat und der Tower immer schon vor mir wissen, wo er grad ist. Also dachte ich mir: leg dich auf die faule Haut, und warte bis Lyle oder Cox dir die Jagdtrophäe vor die Füße hält." Sie setzte das kälteste Lächeln auf, das sie hatte.
"Was denn, immer noch sauer wegen der kleinen Aktion mit Ethan?"
"Also gut, zählen wir mal nach, es begann eigentlich alles, seit du und Brigitte, der Teufel quäle ihre Seele recht lang, hierher gekommen seit. Ich erinnere nur mal an Wüste, Bettfesseln, dieser komische Chinese, Major Charles, Projekt Gemini... und und und, soll ich weiter aufzählen?" Sie lehnte sich an den Tisch, ein Geistesblitz traf sie plötzlich.
"Nun ja, eigentlich hab ich mir Urlaub verdient und da ihr ja alle soooo erfolgreich seit, mir in meine Arbeit zu pfuschen, dürft ihr auch mal offiziell ran. Entschuldige mich bitte, ich werde mir jetzt 3 Wochen Urlaub genehmigen!"
Lyle sah sie erstaunt an, er wollte eine spitze Bemerkung sagen, doch Parker winkte ab.
" Du kannst jetzt gehen, Lyle. Und viel Spaß bei der Jagd!" sie sah ihm in die Augen. Er hielt dem Blick nur zwei Sekunden stand. Die Kälte und Abscheu ließ ihn erschauern.
"Ich hätte nie gedacht, das du mal freiwillig das Feld räumen würdest!" meinte er stattdessen sarkastisch.
"Oh, wieso, das tue ich doch gar nicht, Sydney und Broots werden natürlich auch ihren wohlverdienten Urlaub nehmen! Ich habe keine Lust auf sie zu verzichten , wenn ich wieder da bin. Du schaffst das auch alleine." Parker sendete ihm ein sirenenhaftes Lächeln hinterher.
Als Lyle aus dem Büro war und holte sie tief Luft. Wenn diese Träume jetzt schon am Tage kommen, mußte sie etwas tun. Sie wußte bloß noch nicht was. Sie konzentrierte sich auf den PC und tippte die Urlaubsscheine. 3 Wochen Urlaub würde allen ganz gut tun. Bis dahin hätte sie dieses Problem im Griff.
**
"Urlaub? So kurzfristig? Ich hatte schon seit..."
"Wollen sie den Urlaub, Broots, oder wollen sie lieber mit Lyle zusammenarbeiten?" fragte sie kalt.
"Mit Mister Lyle? Ähm, nein, nein, ich nehm den Urlaub gerne!" Broots zitterte kurz und verdammte seine Schreckhaftigkeit. Er griff sich den Urlaubsschein, unterschrieb und packte eilig seine Sachen.
Sydney blickte nachdenklich auf seinen Urlaubsschein, er hatte schon unterschrieben, allerdings war er sich nicht sicher, ob er Miss Parker 3 Wochen allein lassen könnte.
"Ist was nicht in Ordnung, Sydney?"
"Sie sind sich sicher, das sie 3 Wochen allein Urlaub machen wollen?"
"Ich brauche einfach etwas Zeit für mich allein und ich brauche Schlaf, Erholung! Kein Streß, kein Center und kein Jarod!" sie betonte den Namen besonders, Sydney hob seinen Augenbrauen leicht, sagte aber nichts.
"Dann sehen wir uns in drei Wochen, Sydney! Schönen Urlaub!" Parker ging in ihr Büro.
"Schönen Urlaub, Parker." Murmelte Sydney.
***
Sie fuhr nach Hause, packte ihre Sachen, rief sich ein Taxi und fuhr zum Flughafen. Sie wanderte ein wenig herum und ihr Blick fiel auf ein Plakat : "Kommen sie nach Hawaii, schöne Strände, Palmen und Sonne das ganze Jahr!" Sie entschied sich kurz und ging zum Schalter.
"Was kann ich für sie tun?"
"Ein Ticket nach Hawaii, erste Klasse."
"Auf welchen Namen?"
sie zögerte. Sie war hier auf Ferien, es war nicht nötig, das das Center wußte, wo sie war. "Ich bin Holly... Holly Day!" sie grinste.
"Misses Holly Day." Die Stewardeß tippte eifrig.
Parker grinste immer noch, dieser Name könnte auch von Jarod stammen. NEIN! Sie würde nicht an Jarod denken, Jarod war tabu, sie hatte Ferien.
"Oh, Hollyday? Das ist ja ein interessanter Name!" endlich hatte die Stewardeß es bemerkt.
"Mein Mann fand es witzig! Und ich hatte einfach nicht den Mut, auf meinem Namen zu bestehen!" sie zuckte grinsend die Schultern hoch. Die Stewardeß lächelte verständnisvoll.
"Es ist ein schöner Name, Miss Day! Kommt ihr Mann auch?"
"Nein, er muß leider arbeiten!" Wieso spielte sie eigentlich dieses Theater? Aber sie mußte zugeben, es machte Spaß!
"Ihr Ticket, Misses Day, wenn sie sich dann bitte zu Ausgang B begeben würden, der Einlaß hat bereits begonnen. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug!"
"Danke schön, das werde ich haben!"
***
Sie saß auf ihrem Platz und sah nach draußen. In zehn Minuten würde der Flieger starten und sie konnte endlich entspannen. Kein Center, keine Familie und kein Jarod, nur Sommer, Sonne und Strand.
"Meine Damen und Herren, wir begrüßen sie auf dem Flug FX 38856 nach Hawaii! Wir haben soeben die Starterlaubnis erhalten und werden jetzt starten, bitte schnallen sie sich an und stellen sie das Rauchen ein. Schalten sie ihre Handys und Laptops bitte aus. Der Wetterdienst hat wolkenlosen Himmel vorhergesagt. Ihre Flugbegleiter werden ihnen nach dem Start eine kleine Erfrischung bringen. Heutiger Chefsteward ist Jarod Eagle, der Pilot James Browning..."
Parker hörte nur mit halben Ohr hin, doch der Name Jarod lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Stewardessen. Sie blickte sich um, ein blonder Mann mit Tuch um den Hals hielt eine Tüte mit Bonbons zu einem kleinen Mädchen. Parker entspannte sich wieder. Nur ein Zufall, was sollte Jarod auch in einem Flugzeug in Blue Cove machen. Sie sah Gespenster! Sie lächelte und sah wieder aus dem Fenster.
**
Bisher war der Flug ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Der Pilot hatte recht behalten, der Himmel war fast wolkenlos. Parker hatte kurzzeitig geschlafen, aber sobald sie wieder den Traum hatte, schrak sie auf. Inzwischen schien der Traum seine Eigendynamik zu besitzen. Er variierte. Mal war es der alte Traum, den sie mit sechzehn hatte: sie und Jarod, jung und ängstlich, im Center. Dann wieder Jarod, wie er jetzt war, auf der Flucht, in der Hütte, beide gefangen in einem Hurrikan. Jarod gefesselt an einem Betonpfeiler, Lyle k.o.. Alte bekannte Bilder und Situationen aber verändert und doch irgendwie alle gleich, er berührt sie, sie küßt ihn und es fühlte sich gut an. Das schlimmste war, das je öfter sie es träumte, desto mehr wollte sie. Sie wollte mehr als nur die Küsse, mehr als nur die Hand in ihrem Rücken. Sie wollte sich zwingen, nicht daran zu denken, wie es wäre. Sie versuchte, an Thommy zu denken, an Sergej, an Tanaka, an all die anderen Liebhaber in ihrem Leben, aber sie kam immer wieder zurück zu diesen Gedanken.
Jarod ist TABU! Er ist eine Laborratte, er ist...! sie versuchte es sich einzureden, ein Mantra gegen den Traum zu entwickeln. Doch je mehr sie sich sträubte, anzuerkennen, das sie sich zu ihm hingezogen fühlte, desto stärker und drängender kamen die Träume.
"Wollen sie was trinken?" der blonde Steward riß sie aus ihren Gedanken. "Wir haben Champagner, Sekt, Wein, Saft, Kaffee oder Tee!"
"Einen Kaffee, schwarz ohne Zucker!" sagte sie und reckte sich. Sie klappte das Tischchen vor sich auf. Dieser Flieger war längst nicht so bequem wie die Privatjets des Centers, aber die erste Klasse war erträglich, sogar das Essen hatte geschmeckt.
"Einen Moment, Jarod brüht gerade einen neuen auf."
"Ich dachte, sie sind der Chefsteward!"
"Nein, erst auf der Rücktour, es ist sein letzter Flug in unserem Team!" Der blonde Mann lächelte und deutete nach hinten. "Kaffee schwarz ungesüßt!" rief er und ging dann zu ihrem Vorgänger.
Parker konzentrierte sich wieder auf den Blick nach draußen.
"Ein Kaffee schwarz ohne Zucker." Die Stimme war warm und eigenartig vertraut.
Parker verdrehte die Augen >mein Gott, reiß dich zusammen, jetzt hörst du sogar schon seine Stimme und findest es sexy< sie schüttelte ungeduldig den Kopf und sah zum Steward.
"Danke!" ihr Blick fiel auf sein Gesicht. Sie ignorierte es, es konnte einfach nicht sein, nein, sie mußte es ignorieren.
"Parker? Was tust du denn hier?" Er war es doch, sie konnte es einfach nicht glauben.
"Das gleiche könnte ich dich fragen, Jarod. WAS zum Teufel tust du hier?" fauchte sie.
"Ich arbeite hier, im Moment! Da das Center ja keine Linienflüge benutzt, sah ich keine Gefahr bei einem Zwischenstop in Blue Cove." Jarod hatte sich schnell wieder gefangen, sie hatte nicht mit ihm gerechnet. Also war wohl auch keine Verstärkung hier bei ihr.
"Geh weg, Jarod. Ich hab Urlaub!" Parker wedelte mit ihren Händen und blickte dann bewußt aus dem Fenster.
Jarod sah sie überrascht an, mit einem kurzen Blick zu seinem Kollegen deutete er an, das er eine kurze Pause machen wollte, dann setzte er sich neben sie. "Was ist los, Parker. Ich bins, Jarod. Im gleichen Flugzeug, du mußt nur noch...!"
"Ich sagte schon, ich hab Urlaub!" zischte sie leise, "Also laß mich in Ruh, wir haben uns nie gesehen und wir kennen uns nicht!" Seine Nähe brachte sie um den Verstand, früher hatte es sie nie gestört. Okay, sie hatte immer ein bißchen Herzflattern, wenn er in der Nähe war, aber das war, weil er immer für eine Überraschung gut war, und sie haßte Überraschungen. Aber heute erinnerte sie seine Nähe nur an den Traum, an die Träume! Ihr Herz spielte fast verrückt und sie konnte ihn riechen. Sie schloß die Augen, in ihren Fingern kribbelte es. >Reiß dich zusammen, Parker!< befahl sie sich.
Jarod beobachtete sie neugierig. Seit wann machte Parker Urlaub? Seit wann trennte sie zwischen Arbeit und Freizeit? Sie war irgendwie eigenartig. "Alles in Ordnung, Parker!" er legte seine Hand auf ihren Arm, nur leicht, aber er zuckte sofort zurück, als er ihre Reaktion mitbekam.
"Faß mich nicht an!" zischte sie. Sie holte tief Luft und sah ihm in die Augen: "Du bist doch Steward hier, nicht? Dann geh und kümmer dich um die Fluggäste!"
Ihre Blicke begegneten sich, schienen zu verschmelzen, ineinander zuwachsen. Er versuchte ihre Gedanken zu lesen. Ihre Augen waren so blau und tief, wie der Ozean, den er bald besuchen würde. Es verletzte ihn ein wenig, das sie so abweisend war. Seine Miene verdunkelte sich. Er straffte sich und setzte eine spöttische Miene auf: "Es war nett, mit Ihnen geplaudert zu haben, meine Pause ist leider um. Ich wünsche Ihnen einen guten Flug und schöne Ferien!" Er brach den Augenkontakt und stand auf.
Als er weg war, schluckte Parker. Diese Augen waren wirklich unverschämt dunkel. Sie holte tief Luft und versuchte wieder ihren Blick zum Fenster zu lenken, doch es gelang ihr nicht. Statt dessen kamen die Bilder wieder. Seine Hände, seine Augen, sein Körper. Sie versuchte es, aber sobald sie die Augen schloß, sah sie ihn. Und wenn sie sie offen hielt, so suchten die Augen selbständig nach ihm. Da hielt sie die Augen lieber geschlossen.
***
Es war ein spannender Flug für beide. Sie wußten, das der andere da war, wußten das sie sich gegenseitig beobachteten. Es war ein langer Flug, ein sehr langer Flug. Als sie gelandet waren, stand Parker erleichtert auf. Sie griff sich ihr Handgepäck und ging zum Ausstieg. Dort stand Jarod und verabschiedete die Fluggäste mit einem Lächeln. Sie beobachtete ihn. Je näher sie ihm kam, desto nervöser wurde sie.
"Jarod!" es war erstaunlich wie dieser Mechanismus funktionierte. Die Stimme war fest und kalt wie immer.
"Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Hawaii, und fliegen sie bald wieder mit uns!" sein Grinsen zog sich in die Breite.
Sie mußte auch lächeln, aber sie ließ es erst zu, als sie ihm den Rücken zugekehrt hatte. Sie ging die Gangway hinunter und betete, das es keine weiteren Zwischenfälle gab in diesem Urlaub.
(TEIL 2)
Sie sah ihn in ein Taxi steigen. Er hatte die Stewarduniform mit einem schwarzen Muskelshirt getauscht, eine weibliche Stewardeß begleitete ihn. Parker seufzte und wartete, bis der Taxifahrer ihr Gepäck verstaut hatte. "Zum Beach Inn!" Sie lehnte sich nach hinten und schloß die Augen.
Der Flug war so anstrengend gewesen und immer nagte dieser Gedanke, du hättest ihn haben können. Du hättest ihn zurückbringen können, er war da, so nah. Sie sah ihn vor sich, leicht zu ihr gebeugt, eine Tasse Kaffee in der Hand. Die dunklen, fast schwarzen Augen fragend auf sie gerichtet. Sie konnte ihn immer noch riechen, ein leichter Hauch von Rasierwasser.
Er stellte den Kaffee auf das Tablett vor ihr und setzte sich neben sie. Sie griff mit der linken Hand seinen Kopf und zog ihn zu sich.
"Schön, daß du da bist", flüsterte sie, bevor sie ihn küßte. Er erwiderte ihren Kuß und legte seine Hand auf ihr Knie. Der Kuß intensivierte sich und seine Hand wanderte unter ihren Rock immer höher hinauf. Sie seufzte leise.
"Verdammt!" Sie wachte mit einem Ruck auf. Diese Träume machten sie verrückt. Seit Wochen nur noch diese Träume, von ihr und Jarod. Miss Parker setzte sich aufrecht und blickte aus dem Fenster, wo die Häuser von Honolulu vorbeizogen. Deshalb hatte sie doch Urlaub genommen, um diese Träume loszuwerden und ausgerechnet auf dem Flug traf sie ihn als Steward. "Das fängt ja ganz prima an", murmelte sie schläfrig; sie war so müde.
**
Sie hatte sich unter dem Namen Miss Holly Day in das Hotel einschreiben lassen und ging schnell in ihr Zimmer. Es war eine große Suite mit Blick auf den endlos erscheinenden Strand. Alles war in weiß gehalten, die einzigen Farbtupfer waren üppige Blumenarrangements. Es war das totale Gegenteil vom Centre, Schatten schienen überhaupt keine Chance zu haben in dieser Suite. Das Centre die Hölle, das Böse, das Dunkel - dieses Zimmer der Himmel. Sie betrachtete sich im großen Spiegel. Sie sah müde aus. Kein Wunder, sie hatte schon über eine Woche nicht mehr richtig geschlafen.
"Ja, weil du immer aufwachst, wenn du von Jarod träumst!" murmelte sie und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Sie gähnte laut auf. Sie betrachtete nachdenklich das große, weiße Himmelbett, das zusätzlich noch einen Vorhang aus Spitze hatte, vermutlich gegen die Mücken oder andere Insekten. Alles wirkte so romantisch.
Parker ließ sich rückwärts aufs Bett fallen, so daß sich das Satinbett leicht um sie erhob. Wie auf einer Wolke, dachte sie. Sie krabbelte hoch zum Kopfkissen und drückte sich die Schuhe von den Füßen.
Sie lag im Bett und schlief, das offene Fenster ließ eine sanfte Brise herein, angenehm strich sie über die Haut. Der Luftzug ließ ihr Seidennachthemd kühl werden. Eine Hand fuhr von ihren Zehen über ihre Beine hoch zu ihrem Bauch. Sie öffnete nicht die Augen, bewegte sich nicht. Er strich ihr Nachthemd glatt und küßte sie auf die Stirn. Sie murmelte leise etwas. Die Wärme seiner Hand war wie ein Kontrast zu der kühlen Seide, die sie umgab. Der Stoff umschmeichelte sie, ließ die Berührungen noch intensiver werden. Sie rekelte sich, streckte sich ihm entgegen.
Sie spürte, wie er sich neben sie legte, sie betrachtete. Seine Hände erforschten ihren Körper langsam und doch ließen sie keine Stelle aus. Sie brannte. Ungeduldig umfaßte sie ihn und zog ihn auf sich. Sie öffnete die Augen, doch es war Nacht, sie konnte nur die Umrisse sehen und das Rasierwasser riechen, das er benutzte.
Sie küßte ihn, drückte ihn an sich, bewegte sich rhythmisch unter ihm und schlang ihre Beine um seine Hüften. Der Kuß sättigte sie nicht, statt dessen brannte jetzt nicht nur ihre Haut, sondern ihr ganzer Körper schien zu kochen. Sie fuhr unter sein Shirt, zog es ihm aus. Ihre Finger glitten über seine muskulösen Schultern; sie krallte sich in seinem Haar fest. Sie hatten beide den gleichen Rhythmus, ihr Atem ging stoßweise.
Seine Lippen streiften ihren Hals, bissen leicht und küßten, hinterließen ihre Spuren auf ihrem Dekollete. Sie griff in das Kissen und stöhnte leise. Seine Hände umfaßten zart ihre Brüste und strichen leichte Kreise. Sie atmete schneller und schneller, sie wollte, daß er näher kam, noch näher. Dichter, sie wollte ihn spüren, alles, alles wollte sie.
Aber zog er sich zurück, seine Berührungen verschwanden langsam. Sie protestierte laut und sah ihn wütend an. Die Vorhänge wehten leicht, ein kleiner Lichtstrahl kam durch das Fenster und erhellten seine nackte Brust und einen Teil seines Gesichtes.
"Bleib hier, Jarod!" fauchte sie ungehalten und streckte fordernd ihre Hand aus. Doch er schüttelte den Kopf: "Es ist nicht gut, das Centre wird es nicht zulassen!" Er stand da und wurde langsam unsichtbar.
Sie sah ihn ungläubig an: "Ich entscheide, was gut für mich ist! Ich allein!" Doch er war verschwunden.
***
Der erste Morgen in ihren Ferien war sonnig. Parker wachte durch die Wärme der Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht auf. Sie streckte sich und gähnte laut. Sie hatte zum ersten Mal durchgeschlafen. Nicht, daß die Träume nicht dagewesen wären, oh nein, im Gegenteil sie wurden immer intensiver, aber sie wachte nicht mehr von ihnen auf. In irgendeiner Weise schienen sie ihr nicht mehr so unmöglich. Mit dem Centre über 300 Meilen entfernt, waren die Träume weitaus ungefährlicher als sonst.
Parker blinzelte kurz, und schließlich schwang sie sich kurzentschlossen aus dem Bett. Sie tapste ins Bad und wusch sich. Sie war gerade beim Zähneputzen, als ihr Blick auf den großen Badspiegel fiel. Sie wandte den Blick nicht von ihrem Spiegelbild, als sie die Zahnpasta ausspuckte. Sie trocknete sich das Gesicht ab und betrachtete sich ausgiebig.
Sie war schlank, das helle Seidenhemd umschmeichelte ihren Körper. Sie wußte, daß sie attraktiv war; es mangelte wahrlich nicht an Angeboten. Ihr dunkles Haar fiel ungekämmt in ihr Gesicht. Sie strich langsam die Strähne hinters Ohr. Die Berührung ihrer eigenen Finger brachten ihre Erinnerungen an die Träume zurück. Bedächtig fuhr sie mit dem Finger über ihre Lippen, sie zeichnete ihre Gesichtskonturen nach. Sie drehte sich leicht und fuhr mit beiden Händen über ihre Brüste, an der Hüfte entlang zum Bauchnabel.
Sie war sicher nicht Jarods Typ, er bevorzugte mehr die kleineren
Frauen, die unabhängigen, aber doch warmen Frauen. Ein Stich im Herzen
regte sich, wenn sie an die Frauen dachte, die sie während der Jagd kennengelernt
hatte; die Frauen, die Jarod nähergekommen waren. Zoe, rothaarig, voller
Leben, unkontrolliert.
Vielleicht war sie ja wirklich eine gutaussehende Frau, aber es war nur die
Verpackung, die Frau im Innern gab es doch schon lange nicht mehr. Das letzte
bißchen Weiblichkeit hatte sie mit Thomas zu Grabe getragen.
Ihre Augen brannten. Sie zwang sich, den Blick vom Spiegel zu wenden und ging, verzweifelt um Kontrolle ringend, ins Schlafzimmer zurück. Ihr leicht vernebelter Blick fiel auf den Wecker. Es war erst 7 Uhr morgens. Deshalb war es so still.
Sie überlegte kurz und griff dann kurzentschlossen in ihren Koffer. Ein bißchen Bewegung würde ihr guttun, sie war schon lange nicht mehr schwimmen gewesen.
Parker legte ihr Handtuch auf eine Liege und zupfte kurz ihren Bikini zurecht. Sie ging um den Bademeisterhochsitz herum und wollte zum Einmeterbrett. Am Hochsitz, gleich neben der Leiter, war ein kleiner Aushang befestigt.
"Holen Sie sich Ihren Massagetermin und entspannen Sie sich!"
Parker schwamm zehn Runden. Das Wasser war herrlich kühl, und es war noch menschenleer am Pool. Nur ein Kellner wischte ein paar Tische bei der Poolbar ab, es war noch zu früh. Parker tauchte noch einmal unter und stieg dann aus dem Wasser. Sie trocknete sich kurz ab und ging dann mit tropfenden Haaren zur Lobby.
Der Kellner sah ihr nach. Er schüttelte anerkennend den Kopf.
"Guten Morgen. Ist was nicht in Ordnung?" Ein anderer
Angestellter im typischen Blau-Orange des Hotels gesellte sich zu ihm.
"Oh Mann, hast du die Braut gesehen? Mit der würde ich gerne mal...Was
für Beine!" Der Kellner grinste anzüglich sein Gegenüber
an.
**
"Hallo?" Parker preßte mit einem schnellen Handschlag die Klingel an der Rezeption. Sie konnte das leichte Scharren eines Stuhles hören.
"Guten Morgen, Madam. Haben Sie gut geschlafen?"
Parker grinste kurz, ihre Haut schien zu brennen, wenn sie nur an den Traum der letzten Nacht dachte: "Das habe ich. Hören Sie, ich wollte mir einen Termin für eine Massage holen."
"Natürlich, wir hätten hier einen um 11 Uhr bei unserem neuen Masseur. Meine Kollegin sagte, er wäre göttlich mit seinen Fingern. Wäre Ihnen der Termin recht?"
Parker nickte unkonzentriert, sie hörte nur halb hin.
"Und auf welchen Namen soll ich Sie anmelden?"
"Day. Holly Day, ich habe Suite Nummer12a." Parker lächelte unverbindlich.
**
Nach dem Frühstück machte sich Parker zu einem ausgedehnten Spaziergang am Meer auf. Sie hatte noch zwei Stunden Zeit bis zu ihrem Termin. Sie hatte schon in Europa die Küsten geliebt, egal ob weite weiße Strände oder steile Küsten, sie vermittelten ihr immer ein Gefühl von Freiheit. Und gerade Freiheit vermißte sie am meisten. Es war schon wirklich komisch, sie war die Jägerin und doch war sie die Eingesperrte im Centre.
Parker schüttelte den Kopf energisch und schob die grüblerischen Gedanken weit von sich. Sie stellte sich vor, sie wäre eine ganz normale Frau mit einem normalen Job und mit einem normalen Leben.
Sie hatte ihre Schuhe ausgezogen und lief barfuß durch den kühlen Sand. Bald würde die Sonne den Strand erhitzen, doch noch war die Kühle der Nacht zu spüren. Sie atmete tief durch und lächelte leicht.
Sie ging langsam voran, verließ den sich bereits füllenden Hauptstrand und ging immer weiter. Es gab kleine Einbuchtungen an den Dünen, in denen sich vereinzelt Pärchen versteckten. Der Strand war zur Zeit aber noch sehr verlassen, nur eine kleine Gruppe von Surfern machte sich für die erste Runde im Wasser bereit.
Sie war eine Dreiviertelstunde unterwegs, als sie sich schließlich in den Sand setzte und die Wellen beobachtete. Die Sonne war inzwischen schon so hoch gestiegen, das kaum noch Schatten fielen. Der Wind zauste in ihren Haaren und strich ihr sanft übers Gesicht. Sie ließ sich nach hinten fallen und schloß die Augen.
Der Wind war warm und irgendwie verwandelte er sich in Atem, der ihre Haut berührte. Er war wie sanfte Hände, die sich ihren Weg über ihren Körper suchten. Der dünne Stoff ihres Kleides umschmeichelte ihren Bauch, und es schien ihr wie Berührungen eines Mannes.
Ihre Füße bohrten sich in den Sand, der so weich wie die Bettwäsche in ihrer Suite war. Sie grub sich noch tiefer in den Sand und ließ die Sandkörner durch ihre Finger laufen.
Sie stellte sich Jarod vor, wie er neben ihr saß. Er würde nichts sagen, nur auf das Wasser starren. Sie würde mit ihrer Hand über seinen Rücken streichen und ihn zu sich ziehen. Sie würde sich seines Shirts entledigen und ihm über die Brust fahren; schließlich würde sie ihn küssen. Der Kuß wäre heiß und innig, intensiver als alle Küsse zuvor. Er würde sie festhalten, sie umarmen und sie würden sich lieben unter freiem Him..
"Also wirklich, Parker. Du solltest mit einem Psychiater reden!" flüsterte sie grinsend zu sich selbst. Sie kam sich vor wie das 16jährige Mädchen, das sich schon auf die Ferien freute, damit es zurück ins Centre fahren konnte und die Laborratte beobachten konnte, wie sie ihre Simulationen durchführte.
Sie hatte sich damals nicht getraut, das Verbot ihres Vaters zu brechen, aber er hatte nur gesagt, daß sie sich nicht mehr mit Jarod treffen durfte; vom heimlich Beobachten hatte er nichts gesagt. Angelo hatte ihr damals mehr als eine kamerafreie Zone im Centre gezeigt. Schon erstaunlich, wieviel sie vergessen hatte. Heute fiel ihr alles wieder ein.
Parker lächelte schief und schrieb sich in Gedanken in ihren imaginären Kalender: > alte Schächte checken, Angelo Cracker bringen < Sie sah auf die Uhr und stand schließlich auf. Grob schüttelte sie den Sand von ihren Kleidern und machte sich auf den Rückweg.
**
Das hellblaue Kleid stand ihr. Parker betrachtete sich kurz im Spiegel. Erstaunlich, daß es ihr immer noch paßte. Seit Jahren hing es unbenutzt in ihrem Schrank, genauso lange hatte sie schon nicht mehr Tennis gespielt, oder Urlaub gehabt. Sie drehte sich um die eigene Achse und sah den Rock hochschwingen. Als Mädchen hatte sie Kleider geliebt, die beim Drehen so hoch geschwungen waren, das sie fast so flach wie eine Scheibe waren. Stundenlang hatte sie sich vorm Spiegel gedreht und gedreht und gedreht.
Ihr Blick fiel auf eine Zeitschrift auf dem kleinen Beistelltischchen. Sie hatte sie vom Flugzeug mitgebracht, um sich ein wenig abzulenken. Während des Fluges hatte sie nicht wirklich drin gelesen, weil sie zu sehr abgelenkt war. Aber vielleicht fand sie ja noch einmal die Zeit dafür. Auf dem Cover war eine junge Frau, sie lächelte und tiefe Grübchen zeigten sich, die Nase war voller Sommersprossen. Die Augen waren fast unnatürlich grün, wahrscheinlich mit dem PC nachgearbeitet. Der Zopf gefiel Parker, sie hatte nie wieder einen Pferdeschwanz getragen, nicht seit dem Tod ihrer Mutter.
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und machte sich einen Pferdeschwanz. Er wippte bei jedem Schritt lebhaft von einer Seite zur anderen. Parker grinste und kam sich 20 Jahre jünger vor.
**
Der Massageraum war noch leer, eine Hotelangestellte hatte ihr den Weg gezeigt und sie reingelassen. Parker sah sich kurz um: es war ein weiß gefliester Raum, eine Massagebank war mit weißem Handtüchern bedeckt. An der Seite war eine große geflieste Sitzecke, von der Kondenswasser tropfte. Es war recht warm, wahrscheinlich so etwas wie ein türkisches Bad.
Sie gähnte leicht, der Spaziergang hatte sie doch müder gemacht, als sie gedacht hatte. Sie zog sich aus und bedeckte sich mit einem Handtuch. Sie legte sich auf den Bauch und legte ihren Kopf auf ihre verkreuzten Arme. Langsam glitt der Zopf über ihr Gesicht, doch sie war zu müde, um ihn zur anderen Seite zu richten.
Nach nicht einmal einer Minute klapperte auch schon die Tür. Parker war kurz vorm Einschlafen und gähnte leise: "Hallo!"
"Hallo, Sie sind heute meine erste Kundin. Das volle Programm ist bei mir eingeschrieben, ist das richtig?" Er hatte eine dunkle Stimme, nicht unangenehm. Er sprach leise, dochParker winkte nur kurz mit einer Hand und dämmerte weiter vor sich hin.
"Ich bin einfach still und massiere, Sie sagen, wenn etwas nicht stimmt!" Sie gab keine Antwort, sondern grunzte nur leise.
Das Handtuch wurde vorsichtig weggezogen. Das Öl, das er ihr auf den Rücken goß, floß in langsamen, warmen Strömen an ihrer Wirbelsäule hinunter. Seine Hände berührten sie. Mit leichtem Druck verteilte er das Öl auf ihrem Rücken. Leicht kreisende Bewegungen vom Rückrat zu den Armen und wieder zurück hinterließen eine warme Spur. Parker genoß die Berührungen; der Masseur verstand sein Handwerk.
Es war ein Streicheln und ein Kneifen, feste Handgriffe wurden abgelöst von sanftem Handauflegen. Parker mußte sich stark zusammenreißen, nicht laut loszuschnurren. Sie war nicht mehr müde, aber sie wagte nicht, die Augen zu öffnen. Obwohl der Masseur nichts sagte und es sehr still im Raum war, schien sie auf einer Wellenlänge mit ihm zu sein.
Seine Hände suchten ihren Weg zu ihren Beinen, lang wurden sie ausgestrichen und massiert. Es erinnerte sie sehr an ihre Träume. Sie konnte sich nicht erinnern, daß eine Massage jemals so intim gewesen war.
Parker holte tief Luft, es war einfach nur wunderbar. Diese Massage verrichtete wahre Wunder, sie fühlte sich frei. Es tat ihr nichts weh, selbst der Drang nach einer Zigarette oder nach einem Glas Whiskey meldete sich nicht. So konnte sie stundenlang liegen.
Langsam arbeitete sich der Masseur zu den Füßen vor. Er nahm das eine Bein und hob es leicht. Eigentlich wollte er mit einem festen Griff mit der Fußmassage beginnen.
"Wah, nein, ich bin kitzlig!" Parker prustete laut los und drehte sich abrupt um.
Der Masseur sah sie an. Er hatte dunkle, fast schwarze Augen und war ebenfalls nur mit einem Handtuch bekleidet.
"Parker!"
Sie brauchte nur eine Sekunde, nur eine Sekunde, um sich zu fangen. Sie kämpfte mit sich, doch schließlich mußte sie doch laut loslachen: "Laß den Fuß los!"
Sie zog den Fuß aus Jarods Händen und schnappte sich das Handtuch. Sie hatte wieder das Gefühl zu glühen, ja fast zu brennen. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte.
"Was machst du hier?" Endlich hatte er sich wieder gefaßt. Sie sah ihn kurz an. Es war ein Fehler; ihn so zu sehen, war ein Fehler. Er schwitzte leicht, oder vielleicht war es auch das Kondenswasser hier im Raum. Sie hatte gar nicht gewußt, das er sooo muskulös war. Verdammt, er sah sogar noch besser aus als in ihren Träumen!
"Ich sagte doch, ich habe Urlaub! Und wieso verfolgst du mich?" Nichts anmerken lassen, langsam wieder zur Besinnung kommen; den verrückten Wunsch, ihn gegen die Wand zu pressen und zu küssen in die hinterste Ecke des Bewußtseins verdammen und die Icequeen spielen. Dieser Mechanismus war stark ausgeprägt, Gott sei dank. Jarod würde ihre Schwäche sofort ausnutzen. Parker stutzte: vielleicht wäre das allerdings nur halb so unangenehm, wie ihr Vater ihr das immer einreden wollte.
"Die Welt dreht sich nicht nur um dich, Parker!" Die Entgegnung kam scharf, schärfer als sie erwartet hatte. Sie zuckte zurück und sah ihn jetzt doch fragend an. Doch er drehte sich nur um und verließ den Raum.
***
Nach dieser Szene war sie aufgewühlt. Sie konnte noch immer die wohltuenden Hände spüren und jetzt, wo sie wußte, wessen Hände das gewesen waren, spürte sie es noch intensiver. Der beste Weg, um einen klaren Kopf zu bekommen, war Sport zu treiben. Der Pool war inzwischen übervölkert von den lauten, geschwätzigen Rentnern, den lärmenden Kindern und den schleimigen Junggesellen. So zog sie sich ein zweites Mal um und machte einen kleinen Strandlauf.
Das Jogging dehnte sich länger als erwartet aus, seit über einer
halben Stunde lief sie jetzt schon durch den weichen Sand. Sie wurde wieder
müde und hielt an. Heftig holte sie Luft. Sie seufzte kurz und machte
sich dann auf den Rückweg. Diesmal lief sie langsamer, schonte ihre letzten
Reserven. Schließlich ging sie nur noch, bis sie in einiger Entfernung
jemanden sah. Neugierig ging sie weiter.
Etwa fünf Meter von ihr entfernt stand Jarod. Er hatte ein weißes Muskelshirt an und eine lange Jogginghose. Er war in Gedanken versunken und starrte hinaus auf das Wasser.
Parker sah ihn an. Sie sah wie sich seine Brust in regelmäßigen Abständen hob und senkte. Sein Blick schien verloren. Er stand einfach nur da und blickte auf die Wellen, wie sie mal ruhig und leise, mal rauschend und weiß schäumend ans Ufer strandeten. Seine Hände waren in seinen Hosentaschen vergraben, und seine Füße waren nackt wie die ihren.
Er stand friedlich da, keine Wut und kein Schmerz waren zu sehen. Sein Atem war gleichmäßig, fast sah es so aus, als hätte er gefunden, was sie beide schon so lange suchten. Parker schluckte schwer; ja, in gewisser Weise waren sie sich sehr ähnlich. Das Centre hatte ihnen etwas genommen und sie beide suchten es seit Jahren. Es war nur ein Gefühl, doch sie konnte das Verlangen, das Bedürfnis nicht näher fassen. Es war, als hätte sie Hunger auf ein bestimmtes Gewürz, doch egal, was immer sie auch probierte, es war nicht befriedigend, nicht das richtige.
"Wohin möchtest du unbedingt mal, Jarod?"
"Nach draußen."
"Nein, ich meine in welches Land?"
"Ich möchte irgendwann mal das Meer sehen, Miss Parker. Es muß wunderschön sein!"
Parker lächelte. ER hatte es geschafft, er hatte das Meer gesehen. So wie er alles zu erreichen schien, was er sich vornahm. Sie wollte zu ihm gehen, einfach nur neben ihm stehen und sehen, was er sah. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, wie sie sich damals behandelt hatten. Aber dazu war es wahrscheinlich zu spät, sie standen beide an entgegengesetzten Ufern und die Brücke war vom Leben davongespült worden.
So wie er dastand, strahlte er eine Menge Kraft und Ruhe aus; Frieden auf eine Weise. Sie hatte sich immer gefragt, wie Jarod trotz seines Wissens, trotz ihrer Jagd so blieb wie er war; so beschützend, einfühlsam, voller Liebe.
Es brannte ihr in den Fingern, sie wollte zu ihm gehen und ihn trösten, ihn umarmen, ihn um Verzeihung bitten für die Schmerzen, die er hatte ertragen müssen. Doch sie blieb stehen und schließlich zwang sie sich, zurück in ihr Hotelzimmer zu gehen. Sie wußte nicht, was er hier tat, auf welcher Mission er war; aber sie wollte auf keinen Fall, daß er ihretwegen verschwand.
**
Der restliche Nachmittag schien sich sehr in die Länge zu ziehen. Jede Minute verlangsamte sich zu Stunden. Stunden, in denen sie an sich und die letzten Jahre denken mußte. Gedanken über sich, über die Familie, Freunde, das Centre. Gedanken über Jarod, über ihren Vater, darüber, was aus ihr geworden war.
Doch auch der längste Nachmittag neigt sich irgendwann dem Ende entgegen. Als die Sonne untergegangen war, meldete sich Parkers Magen. Es war Zeit zum Abendessen. Sie zwang sich hoch von ihrem Sessel, auf dem sie nun schon 2 Stunden gesessen hatte, und legte die Zeitschrift beiseite, in die sie nicht einmal hineingesehen hatte.
Sie hatte immer noch ihr Tenniskleid an und auch der Pferdeschwanz saß noch. Parker hatte keine Lust, sich umzuziehen. Sie ging mit festen Schritten zum Hotelrestaurant.
Am Eingang stand ein Kellner und kontrollierte ihren Zimmerausweis. Sie spürte genau, daß er sie mit einem ausgiebigen Blick verfolgte. Sie konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Sie ging ans Büfett und nun, wo sie vor dem Essen stand, hatte sie mit einemmal großen Hunger. Sie füllte ihren Teller und setzte sich an einen kleinen Zweiertisch.
**
"Wahnsinn, wie die diese Figur halten kann, bei dem Zeug, was die da auf dem Teller hat!" Janice, eine Animateurin seufzte stark und drückte ihre Zigarette aus. Tom, ein weiterer Hausangestellter, folgte ihrem Blick.
"Mjam, mit der möchte ich gerne eine Privatstunde Tennis machen. Was für Beine!"
"Ja, die ist scharf. Ich hab sie heut morgen am Pool gesehen, und Jarod hatte sie heute auf der Bank, nicht wahr Junge? Mann, wenn die so nackt vor mir gelegen hätte."
Jarod sah auf und suchte nach dem Gesprächsobjekt seiner Kollegen. Sie hatte ein blaues Kleid an. Sie hatte ihn nicht bemerkt und aß still und ruhig auf der entgegengesetzten Seite des Raumes. Sie saß im Nichtraucherbereich. Er hatte sie noch nie soviel essen sehen. Insgesamt sah sie so anders aus. Wie das kleine Mädchen, das mit ihm verstecken gespielt hatte. Bis jetzt waren noch keine Sweeper aufgetaucht, sie hatte niemanden angerufen. So friedvoll hatte er sie schon lange nicht mehr gesehen, etwas stimmte nicht. Es war eigenartig.
**
Sie spürte die Blicke und ahnte mehr, als daß sie sicher war, daß Jarod bei den Kellnern und Animateuren am Tisch saß. Sie zwang sich, nicht hochzublicken. Er hatte sein Recht auf Freiheit und solange sie so tat, als würde er sie nicht interessieren, würde alles einfach bleiben.
Nach dem Essen ging sie noch einmal kurz ans Meer, doch es wurde kalt, und sie kehrte schnell wieder um. Sie zog sich ein langes, schwarzes Samtkleid an. Es hatte sehr tiefe Ausschnitte vorne und hinten, und der Stoff schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper. Sie liebte dieses Kleid, sie hatte es noch nie in der Öffentlichkeit angezogen. Es gab keine Gelegenheit dazu. Manchmal, wenn es ihr nicht gut ging, hatte sie es zu Hause angezogen und den Abend über getragen.
Sie wußte, das Jarod auch da sein würde. Oder vielleicht hoffte sie es auch nur und verdrängte den Gedanken schnell wieder. Sie brauchte Abwechslung, Ablenkung. Früher hatte es immer geholfen, sich schön zumachen und auszugehen. Ein kleiner Flirt, vielleicht ein bißchen mehr und am nächsten Morgen wieder nach Hause gehen ohne Verpflichtung.
**
"Uoh, ich brauch was zu trinken. Mann, ich krieg keine Luft mehr." Tom schlug Jarod, der sich mit einem älteren Urlauber unterhielt, auf die Schulter.
"Was ist los?"
"Guckt Euch dieses Rasseweib an!" Jarod und sein Gesprächspartner folgten dem Blick von Tom.
*
Parker hatte sich an die Bar gesetzt. Der lange Schlitz an der Seite des Kleides hatte den Blick auf ihre Beine freigelegt. Sie schlug die Beine übereinander und sah sich im Raum um. Der Barmann stellte ihr den bestellten Whisky hin. Sie lächelte und nahm das Glas in die Hand. Langsam drehte sie das Glas, so daß die braune Flüssigkeit darin hin- und herschwappte. Sie sah der Bewegung des Alkohols zu und nippte daran.
Der Whisky brannte in ihrem Mund, sie spürte wie der Alkohol langsam ihren Rachen herunterrann. Sie sah auf und erkannte Jarod. Sie leckte sich einen Tropfen Whisky von ihren Lippen.
Er sah gut aus. Er hatte wieder ein schwarzes Shirt an. Sie bemerkte die Blicke, die einige Urlauberinnen ihm zuwarfen. Von weitem sahen seine Augen schwarz aus. Sie fragte sich, welche Urlauberin wohl seinen Geschmack am ehesten traf.
Sie hatte auch Urlaub, doch sie wollte keinen der anwesenden Herren. Mit einer Ausnahme... Sie nahm noch einen Schluck und holte tief Luft. Schließlich stellte sie entschlossen das Glas auf den Tresen und stand auf.
*
"Oh Mann, die kommt hierher, bitte laß sie hierher kommen, bitte bitte!" Tom schluckte heftig und sah an Jarod vorbei. Jarod drehte sich nicht um, noch ein Blick auf Parker und er würde wahrscheinlich einen großen Fehler machen.
"Entschuldigung, können Sie genauso gut tanzen, wie sie massieren können?" Die Stimme hinter ihm klang vertraut, wenn auch etwas anders, als er sie in Erinnerung hatte. Ihm blieb nichts anderes übrig, er wandte sich um... und sah direkt in die blauesten Augen, die er je gesehen hatte. Sie war schon lange nicht mehr so dicht in seiner Nähe gewesen.
"Wie bitte?"
"Tanzen wir?" Sie reichte ihm eine Hand. Für eine Sekunde starrte er zögernd auf die Hand. Gerade, als sie sie wieder sinken lassen wollte, ergriff er sie.
Sie gingen ohne ein weiteres Wort auf die Tanzfläche. Jarod umfaßte sie und legte eine Hand auf ihre Taille. Sie lächelte kurz und sah ihm in die Augen.
"Was hast du vor, Parker?" fragte er leise und verkniff sich ein Räuspern.
"Ich will mich amüsieren." Eine kleine Pause entstand. "Und ich kann mich nicht amüsieren, wenn ich ständig mit dir aneinanderreibe. Ich wollte so etwas wie einen Waffenstillstand ausmachen."
Jarod sah sie zweifelnd an und führte sie in ein Drehung. Sie konnte gut tanzen, und ihre Haare dufteten nach Pfirsichshampoo.
***
Parker sog die frische Abendluft ein und sah zum Himmel. Er war tiefschwarz und die Sterne leuchteten wie Diamanten auf einer schwarzen Samtdecke. Sie konnte das südliche Kreuz sehen. Sie hörte leise Schritte hinter sich.
"Ich frage mich wirklich, was du vorhast Parker." Es war nur ein Flüstern, sie konnte den Atem spüren in ihren Haaren. Er stand dicht hinter ihr.
Sie lächelte und schloß ihre Augen. Sein Rasierwasser war zu riechen. "Ich habe Urlaub, eine Auszeit, Pause. Du solltest dir das auch mal gönnen, es tut gut." Sie drehte sich um. "Thomas und ich wollten immer Urlaub machen, aber ich habe nie die Zeit gefunden."
"Das mit Thomas, das tut..." Sie lächelte leicht und schüttelte den Kopf. Sie drehte sich um und hielt ihm sanft den Finger auf den Mund.
"Manchmal muß man sich einfach die Zeit nehmen, ehe es zu spät ist." Sie ging zurück in Richtung Hotel. Sie ging nicht wieder in die Bar hinein, sondern trat langsam in das leere Foyer.
Er folgte ihr leise. "Was ist los mit dir, Parker?"
Sie schwieg und trat in den Fahrstuhl. Es war ruhig, nur der Ton der aufwärtsfahrenden Kabine war zu hören. Sie trat auf ihren Flur und holte die Chipkarte hervor. Jarod blieb im Fahrstuhl stehen, sie sah ihn an und schließlich, kurz bevor sich die Türen wieder schlossen, trat er einen Schritt heraus.
Sie öffnete die Tür, trat einen Schritt hinein und drehte sich um.
"Ich brauche einfach eine Auszeit, und ich muß mich selbst heilen, bevor das Centre mich endgültig zerstört. Verstehst du das, Jar?" Wieder sah sie ihm in die dunklen Augen.
Sie griff nach seinem T-Shirt und zog ihn zu sich herein. Die Tür fiel leicht klickend hinter ihnen ins Schloß.
"Weißt du Jarod, wovon ich im Internat geträumt
habe?" Sie fuhr mit ihrer Hand über seine Brust und trat bis auf
zehn Zentimeter an ihn heran. Sie küßte seine Wange leicht. Sie
hatte seine Haut kaum mit ihren Lippen berührt, doch sie spürte
ein vertrautes Gefühl.
"Ich wollte einmal nur unartig sein!" Sie küßte ihn noch
einmal, diesmal fordernder, direkt auf dem Mund. Er hatte nichts gesagt, er
bewegte sich kaum. Langsam bekam sie Angst, daß er es vielleicht gar
nicht wollte. Daß er sie nicht wollte.
Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihn. Es tat weh, er war so nah und doch würde sie ihren Traum nicht erfüllen können.
"Einmal nur nicht tun, was Daddy sagt." Sie verzog ihr Gesicht leicht. Sie spürte, wie ihre Augen brannten, wie Wut und Verzweiflung wuchsen. Er machte sich nichts aus ihr, die Jagd war ganz amüsant, aber sie war es nicht, die ihn im Kontakt zum Centre hielt.
Jarod trat einen Schritt auf sie zu und griff ihren Arm. Die Berührung war fest und stark, der Druck tat nicht weh, sondern verstärkte nur ihre Sehnsucht. Er sah zu ihr runter. Sie hatte nie bemerkt, daß er größer als sie war.
"Und?.." Seine Stimme war rauh. Sie konnte ihre Augen nicht von seinen tiefschwarzen Blicken lösen.
"Ich wollte nur einmal..." Sie griff mit ihrer Hand nach seinem Gürtel und zog ihn zu sich, "nur ein einziges Mal!" Sie küßte ihn wieder, und diesmal erwiderte er den Kuß. Parker seufzte auf.
"Parker, du überrascht mich!" flüsterte Jarod leise, ohne den Kuß zu unterbrechen. Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich. Sie konnte seinen Herzschlag spüren, schnell und pochend. Sie griff mit ihrer Hand seinen Kopf und fuhr ihm durchs Haar.
"Und mich erst mal!" Ihre rechte Hand suchte einen Weg unter sein Shirt. Ungeduldig zerrte sie an dem elastischen Stoff, bis er ihr zur Hilfe kam und das Shirt auszog. Sie seufzte zufrieden auf. Ihre Hände zitterten, sie konnte einfach nicht genug bekommen von den Berührungen.
Sie griff zu seiner Hose und öffnete den Knopf. Langsam ließ sie ihre Hand unter den schweren Jeansstoff fahren. Es gab kein Zurück mehr. Die Erregung bei beiden von ihnen wuchs mit jeder Sekunde, es gab keinen Gedanken an das Centre, an Verbote oder Regeln. Es gab nur noch sie und ihn - und ein riesiges Bett.
**
Es war noch immer dunkel, als sie aufwachte. Ihr Kopf lag auf seiner Brust, die sich ruhig hob und senkte. Sie ließ die Augen geschlossen und atmete tief seinen Duft ein. Mit einemmal merkte sie, daß er auch wach war. Er beobachtete sie.
"Was ist?" fragte sie leise.
"Was jetzt?"
"Ich weiß nicht, worauf hast du Lust?" Sie setzte sich auf ihn. Mit leichten kreisenden Bewegungen saß sie da und sah ihn an. Sein Blick über ihren nackten Körper erregte sie. Sie lächelte und bewegte sich schneller.
Er lachte leise auf und bewegte sich mit ihr zum Takt: "Hattest du nicht gesagt nur ein einziges Mal, Maddi?"
"Habe ich jemals meine Vorsätze gehalten, Jar?" Sie küßte ihn und zog seinen Hände über ihre Brüste.
**
Epilog:
Es war dunkel, wo sie standen. Sein Körper drückte sie an die Wand; sie konnte das angenehm kühle Mauerwerk spüren. Seine Hände wanderten auf ihrer Haut und verursachten brennendes Kribbeln in ihr. Sie atmete tief ein und wand sich unter seiner Berührung. Seine Hand strich sanft über ihr Haar, über den Hals langsam hinunter über den BH zu ihrem Bauch. Sie seufzte leise.
Ihre Hände umschlossen ihn fest, sie fuhren unter seinem T-Shirt am Rücken entlang, krallten sich in ihm fest, wollten ihn nie wieder loslassen. Sie drückte ihn fordernd an sich. Der Kuß zwischen ihnen schien ewig zu dauern, sie waren beide so voller Verlangen, daß sie nicht aufhören konnten.
"Was wir hier tun, ist so dämlich." flüsterte er in ihr Ohr. Sie grinste still und legte ihren Finger auf seinen Mund. Jarod hörte gespannt auf die Geräusche im leeren, dunklen Gang. "Parker, wenn die uns hier erwischen, bist du tot und ich sitz in einem Käfig!" Sie küßte ihn noch einmal. Er drückte sich widerwillig von ihr weg. Schwer atmend sah er sie an: "Also, Maddi, warum in aller Welt sollte ich hierher kommen?"
Parker grinste: "Hmm, das wollte ich schon immer mal machen!" Sie zog ihn wieder näher zu sich.
"Ich dachte, die Auszeit ist zu Ende? Das waren doch deine Worte."
"Wann soll ich das gesagt haben?" murmelte sie abwesend, während sie versuchte seinen Pullover auszuziehen.
"Es ist erst eine Woche her!" Jarod ergriff energisch ihre Handgelenke und sah sie ernst an.
"Wirklich, hab ich das gesagt?" Parker zog seine Hände hinter ihren Rücken, so das er sie umarmte, "dann wird es wohl auch so sein, nicht wahr?" Sie trat seufzend einen Schritt zurück und löste sich von ihm. Ihre Hand glitt über seine bis sich nur noch die Fingerspitzen berührten.
Jarod sah ihr fragend nach, als sie mit schnellen Schritten in den Gang hinaustrat. Er sah in seine Hand. Die Disc glänzte silbern auf als er sie zwischen den Fingern drehte. Parkers Schritte verhalten und es hörte sich so an, als ob sie lachte.
FIN