Site hosted by Angelfire.com: Build your free website today!

.:: An Alien ::.

 

 

 

Paddy fühlte sich schlecht, genauer gesagt fühlte er sich hundeelend, seit Tagen schon. Seine Nase lief, sein Hals fühlte sich an, als ob tausend Nadeln darin steckten und sein Kopf glühte. Und das, wo doch in wenigen Tagen dieser wichtige TV-Auftritt anstand zugunsten krebskranker Kinder. Da durfte er unmöglich fehlen, er konnte die Kids einfach nicht so enttäuschen. Klara, die alte Haushälterin der Kellys, war ganz in ihrem Element. Sie freute sich fast, wenn einer der Kellys krank wurde, konnte sie doch dann einige ihrer bewährten Hausmittel an ihnen ausprobieren. In strengem Ton verordnete sie Paddy neben strenger Bettruhe ihren berühmten Zwiebelsaft gegen die Halsschmerzen und Wadenwickel gegen das Fieber. Paddy hasste diesen braunen Saft, den Klara regelmäßig aus braunem Rohrzucker und gekochten Zwiebelringen herstellte, aber da er wusste, dass er gegen die resolute, aber trotzdem unheimlich mütterliche Haushälterin keine Chance hatte, ergab er sich in sein Schicksal. Er legte sich ins Bett, ließ sich widerstandslos Wadenwickel anlegen und trank brav das braune Gebräu. "So, mein Kleiner, und jetzt schlaf’ ein bisschen, du weißt ja, dass Schlaf die beste Medizin ist!" Er hasste es, wenn sie ihn Kleiner nannte, schließlich war er fast 23, also weiß Gott kein kleiner Junge mehr, aber er war zu schwach, um zu protestieren. Klara strich ihm noch einmal über die fieberheiße Stirn und verließ dann sein Zimmer. Aber Paddy konnte nicht einschlafen, zu viele Gedanken gingen ihm im Kopf herum. Da war die Sorge um die nächsten Auftritte, die Weihnachtstour, was, wenn er sie nicht durchstehen würde? Seine Geschwister würden ohne ihn nicht auftreten, das wusste er, das konnten sie den Fans einfach nicht antun. Wieder einmal wünschte er sich, er könne einfach davon fliegen, durch die Lüfte schweben und die unendliche Weite des Himmels spüren. Er fühlte sich manchmal so beengt auf Schloss Gymnich, immer war er unter Beobachtung und wenn er das Schloss verließ, war es noch schlimmer, da er auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Während er über seine Sorgen nachdachte, hörte er ein leises Klopfen von seinem Fenster her. Was war das denn jetzt? Hatte womöglich einer seinen sogenannten Mega-Fans einen Fensterl-Versuch unternommen? Auch das würde ihn nach allem, was er in den letzten Jahren und Monaten mit seinen Verehrerinnen erlebt hatte, nicht mehr wundern. Das Klopfen wurde lauter und er stand auf und ging zögernd zum Fenster. Er konnte kaum glauben, was er sah: Auf der breiten Fensterbank seines Zimmers, das sich immerhin im dritten Stock befand, stand ein wunderschönes Mädchen mit einem blauen Samtkleid, außerirdisch grün leuchtenden Augen und langen goldblonden Locken, die sie am Hinterkopf mit einer blauen, mit kleinen silbernen Sternen geschmückten Haarspange zusammenhielt. Sie sah genauso aus wie das Alien-Mädchen aus dem Clip zu seinem Song. Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Sein Fieber war wohl schlimmer als angenommen. Das Mädchen gab ihm ein Zeichen, das Fenster zu öffnen, und er spürte die Faszination, die von ihr ausging. Willenlos öffnete er das Fenster. "Wer, wer ..... bist du?" war alles, was er hervor brachte. "Paddy, lieber Paddy, erkennst du mich nicht? Du hast mich doch erschaffen, ich bin deine Alien und ich bin gekommen, um dich zu einer Reise abzuholen!" Also, entweder befand er sich jetzt im totalen Delirium oder das war alles nur ein Traum. Sanft sah sie ihn an, das ungläubige Staunen in seinen Augen amüsierte sie offensichtlich. "Ihr Erdenmenschen seid doch alle gleich, ihr glaubt nur das, was logisch erklärbar ist oder?" Paddy entschloss sich, das Spiel mitzuspielen. "Okay, du bist also meine Alien und du willst mich abholen. Und wie stellst du dir das vor? Sollen wir zusammen hier wegfliegen oder was?" Sie schaute ihn nur an und nickte. "Komm mit, du wirst sehen, es wird eine wunderschöne Reise!" Mit diesen Worten zog sie ihn auf die Fensterbank. Paddy drehte sich schier der Magen um, als er nach unten sah, aber sie lächelte nur. "Du kannst es, Paddy, glaub mir, du kannst fliegen, du musst nur daran glauben. Komm, ich zeige es dir." Sie stieß sich von der Fensterbank ab und schwebte einfach in der Luft. Paddy wollte in sein Zimmer zurück steigen, aber er war wie gelähmt, konnte sich nicht bewegen. "Paddy", sagte sie noch einmal, "vertrau mir doch. Du hast mich geschaffen, wie könnte ich dir etwas Böses wollen?" Er konnte sich nicht erklären warum, aber er glaubte ihr. "Also gut, dann lass uns auf die Reise gehen!" Sie nahm ihn einfach an der Hand und flog mit ihm los. Es war ein wunderbares Gefühl, durch die Wolken zu schweben und die Welt von oben zu betrachten. Ja, er kannte das aus dem Flugzeug, aber fliegen, selber fliegen war unvergleichlich schöner. Es dauerte nicht lange, da fühlte er sich ganz sicher in der Luft. Er ließ ihre Hand los und flog allein weiter und fühlte sich wunderbar frei, frei wie ein Vogel. So etwas Schönes hatte er noch nie erlebt. Sie flogen weiter, immer weiter, bis sie ihm schließlich eine Wiese zeigte, auf der sie landen würden. "Danke, das ist wunderbar" sagte er, noch völlig außer Atem, "da fällt mir ein, ich habe dich noch gar nicht nach deinem Namen gefragt!" "Ich habe keinen, du hast mir keinen gegeben!" Von was redete sie da nur? Wie kam er dazu, irgendwelchen Außerirdischen oder was immer sie war, einen Namen zu geben? Aber er wollte das Spiel gerne weiter spielen. "Also gut, dann taufe ich dich hiermit auf den Namen Miarca. Aber ich verstehe immer noch nicht, was du von mir willst!" Sie erklärte ihm, dass sie gekommen war, weil es ihm so schlecht ging, und dass sie ihm unbedingt etwas zeigen müsse. "Eigentlich dürfen Menschenwesen das Reich, in das ich dich führen werde, nicht betreten, aber dich darf ich mitnehmen, weil du mich erschaffen hast, weil du etwas ganz Besonderes bist, in deinem Herzen ist so viel Phantasie, so viel Liebe und so viel Gefühl, du sollst wissen, was du damit alles geschaffen hast!" Paddy verstand kein Wort. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch ein gläsernes Tor in einen großen Park. Unsicher trat Paddy ein. Was er sah, raubte ihm den Atem. Überall blühten wunderschöne Blumen, der Himmel über dem Park war von einem unglaublichen Blau, es sah genauso aus, wie Paddy sich das Paradies vorstellte. "Wo sind wir hier?" fragte er. "Hast du es immer noch nicht verstanden? Dies hier ist das Land der Phantasie, deiner Phantasie und der deiner Geschwister. Mit euren wunderschönen Liedern habt ihr dieses Land geschaffen und alles, was sich darin befindet. Komm mit, ich will dir etwas zeigen." Sie ging mit ihm durch den ganzen Park und er sah erstaunliche Dinge. Da war der Wolf aus Joeys Paradesong, er sah Barbys Mädchen, das vor dem Wasserfall tanzte, einen Jungen mit roten Rosen in der Hand, den Engel, den er erschaffen hatte, Johnnys wunderschöne Lady in Rot und noch viel mehr Figuren, die alle in einem ihrer Lieder vorkamen. "Verstehst du es jetzt?" fragte Miarca. Ja, sein Herz verstand, auch wenn sein Verstand sich weigerte, es zu glauben. Jedes Mal, wenn einer von ihnen einen neuen Song schrieb, erwachte in diesem wunderschönen Land ein neues Wesen zum Leben, durch ihre Musik entstand ein ganz einzigartiges Land, in dem es keine Kriege, keinen Hass und keinen Neid gab. "Deshalb lieben euch die Menschen so", erklärte Miarca ihm. "Eure Lieder sind ehrlich und kommen aus euren Herzen und nicht wie bei vielen anderen Bands aus dem Computer. Ihr lasst die Menschen in eure Seelen schauen und dafür geben sie euch ihre Liebe, auch wenn manche dies in einer Art und Weise tun, die euch verletzt und euch weh tut. Sie können nichts dafür, sie wissen es nicht besser." Paddy hatte Tränen in den Augen. So hatte er das noch nie gesehen. Ja, Miarca hatte wohl recht, die Menschen liebten sie, weil sie mit ihrer Musik ihre Träume am Leben hielten. "Danke", sagte er ergriffen, "danke, dass ich das sehen durfte. Können meine Geschwister auch ...?" "Natürlich", entgegnete Miarca, "aber sie müssen von einem Wesen geholt werden, das von ihnen erschaffen wurde. Ich kann nur dich hierher bringen, aber jetzt müssen wir gehen, es wird Zeit für dich!" Paddy war traurig, er wäre gerne noch länger in diesem Paradies geblieben. Miarca lächelte ihn an und erklärte ihm, er könne jederzeit wieder kommen, er müsse nur ihren Namen rufen, dann würde sie ihn abholen. Sie flogen zusammen nach Schloss Gymnich zurück, aber kurz vor der Landung geschah das Unglück: Paddy flog ein wenig zu ungestüm auf die Fensterbank zu, auf der er landen wollte, er schoss durch das geöffnete Fenster mitten ins Zimmer und landete mit lautem Krachen auf dem Boden. "Miarca, Miarca" stammelte er benommen, als er eine leise Stimme hörte, die seinen Namen rief. Vorsichtig öffnete er die Augen und konnte nur mühsam einen kleinen Schrei unterdrücken, als er nicht in Miarcas schönes junges sondern in das alte faltige Gesicht von Klara, der Haushälterin, blickte. "Kleiner, was machst du denn für Sachen? Hast wohl so wilde Fieberträume gehabt, dass du aus dem Bett gefallen bist" sagte sie ungewöhnlich sanft. Sie half ihm wieder ins Bett und erneuerte seine Wadenwickel. Er hatte also alles nur geträumt. Fast wünschte er, seine Begegnung mit Miarca sei wirklich geschehen, es war so schön, mit ihr durch die Lüfte zu fliegen. Aber ihm war klar, dass es so etwas nicht geben konnte, dass es nur ein Traum war, wenn auch ein wunderschöner. Zwei Tage später ging es Paddy wieder deutlich besser, Klaras Hausmittel hatten ihre Wirkung gezeigt. Sein Fieber war weg und er durfte wieder aufstehen. Er riss das Fenster weit auf, um die kühle frische Luft herein zu lassen, und erstarrte: Auf der Fensterbank vor seinem Zimmer lag eine blaue, mit silbernen Herzen geschmückte Haarspange ...