Site hosted by Angelfire.com: Build your free website today!



Die strengen Frauen von Rosa Salva








LESEPROBE

Mythos Venedig-Venedig, wie es nur Rilke gesehen hat


Matthias Zschokke: "Die strengen Frauen von Rosa Salva"
Von Carsten Hueck

Literarische Größen wie Thomas Mann und Donna Leon haben den Mythos um Venedig geprägt. Kann man da noch etwas hinzufügen? Das neue Buch des Schweizers Matthias Zschokke beweist: Ja, und wie!

Wer als Tourist nach Venedig reist, wird Venedig als Tourist erleben. Markusplatz, Rialto, Lido und Canal Grande - die Eindrücke sind immer dieselben. Dann gibt es die Schriftsteller: Sie porträtieren "Die Durchlauchigste".

Vieles von dem, was über Venedig geschrieben wurde, prägt die Wahrnehmung der Stadt. Ob Thomas Mann, Patricia Highsmith, Joseph Brodsky, Harold Brodkey oder Donna Leon - sie alle trugen bei zum Mythos Venedig.

Kann man da überhaupt noch unbefangen über Venedig schreiben? Eine klare Antwort gibt das neue Buch des Schweizers Matthias Zschokke. Ja, und wie! Der in Berlin lebende Autor - der sich in seinem literarischen Tagebuch "Lieber Niels" bitterlich über steigende Mieten in der deutschen Hauptstadt beklagt hatte - residierte von Juni 2012 bis Januar 2013, von einer Kulturstiftung eingeladen, in einer venezianischen Wohnung. Literarische Quadratur des Kreises

"Die strengen Frauen von Rosa Salva" sind seine motivisch wohlkomponierte Sammlung von E-Mails und Nachrichten, die er während dieser Zeit an Freunde, Verwandte, die Haushälterin, seinen Verleger und andere Repräsentanten des Literaturbetriebs geschrieben hat.

In ihnen geht es um die Idee, ein Hauskonzert zu veranstalten, es geht um Zschokke - seine Befindlichkeit, seine Reflexionen und Aktivitäten - und um Venedig, so wie es Zschokke begegnet. Und das ist eine literarische Quadratur des Kreises. Denn wiederholt betont der Autor, in Venedig könne er gar nichts schreiben, die Stadt wolle doch erlebt und eben nicht beschrieben sein.

"Die Stadt ist phantastischer, als man es sich in den kühnsten Träumen auszumalen vermag. Man kommt an und denkt, das kenne man alles von Ansichtskarten. Dann besteigt man einen Vaporetto, und kaum legt er ab, beginnt das Glück in einem hochzusteigen."

In einer literarischen Tradition

Literatur entsteht bekanntlich ja eher aus Unglück, aus Verwicklungen, Hemmnissen. Von alldem gibt es - abgesehen von rutschigen Treppenstufen und einem defekten Fernseher - in Zschokkes Buch nichts. Und dennoch ist es hinreißende Literatur. Der Autor bestaunt neugierig alles Vorhandene, auch Klischees und Fragwürdiges, die Vorgänge in der Heimat, die Kunst und Künstlichkeit Venedigs, den Alltag der Stadt, ihren Gestank, die Touristenströme.

Er tut das aber zur Unterhaltung des Lesers unvergleichlich charmant und boshaft. Touristen sind ihm, der kaum Gäste in seiner Wohnung aushält, unverzichtbar: "Sich am Rialto tagsüber ein Viertelstündchen frottieren zu gehen an den pudrig weißen Japanerinnen oder an den rotgesichtigen Russen, das ist ein Genuss."

Der Autor weiß, dass er in einer literarischen Tradition steht. Statt sich an ihr zu messen, spielt er mit ihr, setzt eigene Maßstäbe: die kleine Beobachtung, seine mitunter fast hypochondrische Empfindsamkeit, eine widerwillige Fähigkeit zum Glück, radikale Subjektivität - auch in der Beurteilung von Schriftstellerkollegen. Er beansprucht für sich einen unschuldigen Blick und das Recht, Venedig jenseits bildungsbürgerlicher Vorgaben zu entdecken.

Venedig so sehen, wie es nur Rilke gesehen hat

Damit schenkt er dem Leser tatsächlich die Freiheit, Venedig so zu sehen, wie es vielleicht nur Rilke gesehen hat: "Eines Morgens ist das andere da, das wirkliche, wache, bis zum Zerspringen spröde, durchaus nicht erträumte: das mitten im Nichts auf versenkten Wäldern gewollte, erzwungene und endlich so durch und durch vorhandene Venedig."

Dafür hat sich Matthias Zschokke sämtliche Zabaione-Röllchen aus der venezianischen Meisterpatisserie Rosa Salva verdient.

"Deutschlandradio Kultur", Berlin, 5.8.2014




Ein wahrer Glückspfuhl


2012 verbrachte Matthias Zschokke als Gast einer Kulturstiftung sieben Monate in Venedig. In der Lagunenstadt entdeckte er eine Topographie voller Geheimnisse und voller Glück. Sein Tagebuch erzählt davon.

Auch wer noch nie in Venedig war, kennt die Stadt als Topos aus Literatur, Film und Geschichte. Thomas Manns Novelle drückte ihr einen Stempel auf, den sie nicht mehr los wird. Von all dem hat sich der Schweizer Schriftsteller und Filmemacher Matthias Zschokke nicht stören lassen. In den Monaten, die Zschokke in Venedig weilte, hat er alle diese Attraktionen bloss gestreift. «Man tritt vor die Tür und beginnt zu taumeln. Auf jedem Schritt begegnet einem überquellende, verwesende, begeisternde Pracht.» Das ist es, was ihn fasziniert. Nicht Kulturgeschichte und gelehrte Vorträge.

Glück des Daseins Matthias Zschokke erlebt Venedig als wahren Glückspfuhl. Er liebt es herumzugehen, zu baden, morgens in der kleinen Bar seinen Kaffee im Stehen zu trinken, von den Köstlichkeiten der Patisserie «Rosa Salva» zu kosten. Was macht es schon, dass dieser «kleine Alltag» ihn vollkommen ausfüllt und erschöpft. Venedig wird ihm zum Gegenprogramm seiner Existenz als Autor. Zuhause in Berlin müsste er schreiben, weil er nichts anderes zu tun hätte. In Venedig reicht es, einfach da zu sein. Die Stadt lässt ihn sogar die Anspannung vergessen, die der zeitgleich erscheinende neue Roman «Der Mann mit den zwei Augen» ihm bereitet.

Zschokke ahnt es, dass der erhoffte Erfolg abermals ausbleiben würde. Venedig lässt ihn darüber hinweg kommen. In seiner Chronik ficht er diesen Kampf mit sich aus. Er erzählt von den hohen Erwartungen an das neue Buch, um schrittweise tiefer zu stapeln und sich seine geradezu notorische Unfähigkeit zu einem marktgängigen Buch einzugestehen. Mal verärgert, mal gelassen beobachtet er, was der eventgebeutelte Literaturbetrieb daraus macht. Mit berührender Klarheit wird dabei sichtbar, wie verletzlich und ohnmächtig der Autor in dieser Situation ist.

Der tapfere Mensch Tage- oder Notizbücher sind Inszenierungen, spätestens wenn sie vom Autor die Druckerlaubnis erhalten. Dieser Appellcharakter kennzeichnet auch dieses Buch. Was dennoch auffällt, ist der Überschuss an Ungekünsteltem, der sich der Berechenbarkeit entzieht.

Zschokke zeichnet von sich das Bild eines ewigen Pessimisten, der seine Enttäuschungen zu überwinden versucht. Er klagt über sein Abseitsstehen im Literaturbetrieb und über die Langeweile, die er verbreite. Damit aber verdeckt er nur notdürftig seine Gaben als gewitzter Erzähler. Mit lästerlichem Tratsch und scharfen Urteilen hält er sich schadlos.

«Die strengen Frauen von Rosa Salva» ist das Buch eines subtilen Selbstbeobachters. Der ständig von neuem enttäuschte Autor ist eine ebenso liebenswerte wie tragische Pose, die übers Literarische hinaus weist. Sie gibt Zeugnis von einem tapferen Menschen, der sich gegen die permanenten Enttäuschungen rüstet, um trotzdem weiter zu tun.

«Das ist anstrengend: jeden Tag von neuem so ein guter Mensch zu sein, wie man am Tag vorher einer war.» Umso mehr geniesst Matthias Zschokke seine Tage in Venedig: ein glücklicher Sisyphos.

[sda](= Schweizerische Depeschenagentur): "Bieler Tagblatt", 7.8.2o14



«Lieber möchte ich mit mir selber tauschen»

[Mailwechsel von Alexander Sury mit Matthias Zschokke]

"Tages-Anzeiger", Zürich - "Der Bund", Bern - "Berner Zeitung", 19.8.2o14





Eine gesegnete Stadt


Zu schön, um arbeiten zu können: Der Schweizer Schriftsteller Matthias Zschokke ist vom Leben in Venedig überwältigt.

Was in diesem Buch in etwa passiert: Eine junge Möwe fällt aus dem Nest, und man verfolgt ausgiebig ihre mühsamen Versuche, fliegen zu lernen. Der Bruder A. meldet sich als Besucher an, und Bruder K. desgleichen. Man begibt sich morgens zum Lido, um "ein paar Züge zu schwimmen". Freunde kommen zu Besuch. Ein Hausmusikabend wird geplant, vorbereitet und durchgeführt. Der Verleger kommt zu Besuch. Man besorgt einen Ventilator, weil es gar zu schwül ist. Die Tante kommt zu Besuch. Man trinkt Espresso und isst dazu gefüllte Cornetti.

Man hat ein schlechtes Gewissen, weil man nicht arbeitet – und weil nicht viel passiert. Und das alles aus einem Grund: Man weilt in Venedig. Und in Venedig, um die Quintessenz des Buches vorwegzunehmen, kann kein Mensch an Arbeit denken, in Venedig kann und sollte man ausschließlich herumstromern und die Schönheiten der Stadt aufsaugen.

So hielt es jedenfalls Matthias Zschokke, der in Berlin lebende Schweizer Autor, der dank eines Stipendiums von Juni 2012 bis Januar 2013 mit seiner Gefährtin I. in der Lagunenstadt lebte und regelmäßig in Mails an Freunde, Familie und Kollegen vom täglichen "Glücksrausch" seines venezianischen Dolce Vita berichtete – in einem Stil, den man aus seinem 2011 erschienenen Mail-Roman "Lieber Niels" kennt. Lässig plaudernd, scharf beobachtend, eigenwillig wertend, selbstironisch reflektierend und eminent komisch und unterhaltsam schreibt Zschokke über das, was der Tag ihm zuträgt.

Auch im neuen Buch geht es dabei natürlich um den prekären Beruf des Schriftstellers, dessen Leiden den Autor auch im Teilzeitexil nicht verschonen: Der Roman "Der Mann mit den zwei Augen" erscheint während des Venedig-Aufenthalts und läuft schleppend an, was Zschokke zu refrainartigen und arg koketten Lamentos animiert. Doch das sind nur Fußnoten eines Werks, dessen Heldin Venedig ist: Den unzähligen Hymnen auf ihre Schönheit fügt Zschokke eine an, die besonders angemessen ist, ergeht er sich doch gerade nicht in der Bewunderung all der sattsam bekannten Sehenswürdigkeiten, um die er vielmehr einen Bogen um den anderen macht. Er gibt sich vielmehr dem sommersatt müden, aber dennoch höchst aufmerksamen Müßiggang, dem kontemplativen Fluss des Nichtstuns, Flanierens und Betrachtens hin. "Was man hier tut? Man sitzt abends draußen auf den Piazette, isst Pizze, die Luft ist lau, der Mond scheint, es ist still", schwärmt Zschokke schon am 9. Juni an eine Berliner Freundin und erklärt dem "Freund in Köln" euphorisch: "Was für eine gesegnete Stadt! Hier braucht man Kindern nichts zu schenken zum Geburtstag; es reicht, dass sie hier aufwachsen dürfen. Überwältigend."

Zschokke skizziert nicht nur eindringliche Bilder vom venezianischen Leben, sondern komponiert zudem ein perfektes Sommer- und Urlaubsbuch, dessen Aura auch und erst recht wirkt, wenn die Zeit des Reisens vorbei und der dunkle deutsche Herbst wieder angebrochen ist. Und wenn dem ganzen süßen Faulenzen wie nebenbei ein 414 Seiten starkes Werk entspringt, ist zu allem maßlosen Überfluss auch noch die Quadratur des Kreises gelungen.

Thomas Schaefer,"Badische Zeitung", Freiburg, 2o.9.2o14





Der Schweizer Autor Matthias Zschokke erkundete ein halbes Jahr lang Venedig. Seine elektronischen Nachrichten liegen jetzt als hinreissende Erkundungstour vor

Jeden Tag wird ein neues Türchen geöffnet

Von Martin Zingg


Paris ist eine solche Stadt, auch London, New York, Berlin. Und natürlich gehört Venedig dazu. Das sind alles Städte, über die schon so viel geschrieben worden ist, dass man ausser ständig wechselnden Gastro-Tipps kaum mehr Neues berichten kann. Wer beispielsweise nach Venedig fährt, den begleitet von Beginn an ein Schwarm von Legenden über die Serenissima. Darin ist sie eine Stadt, die ständig untergeht, voller Touristen, voller Tauben, voller Stechmücken, und über allem lagert ein riesiger Schatten der Vergangenheit.

Auch Matthias Zschokke hat sich nach Venedig begeben. Eine grosszügige und geschmackssichere Schweizer Kulturstiftung lädt den Schriftsteller 2012 ein zu einem Aufenthalt in einer geräumigen Wohnung an bester Lage. Mit seiner Gefährtin nimmt er für ein halbes Jahr Quartier in der Stadt, in der sich die beiden zuletzt vor Jahrzehnten aufgehalten haben. Die Erinnerung an den damaligen Besuch ist weitgehend verblasst, und seit über dreissig Jahren lebt Matthias Zschokke in Berlin, weit weg von der Lagunenstadt. Da kommt man nicht zufällig mal vorbei. Alles ist neu.

Schwärmen und tadeln


«Was für eine Überwältigung! Nachdem ich die Tür zur Wohnung aufgestossen hatte, blieb ich wie angenagelt stehen, öffnete den Mund und wollte etwas Passendes ausrufen, doch es mir nichts ein, also schwieg ich, stellte die Koffer auf den Boden und ging mit halboffenem Mund - ich hatte vergessen, ihn wieder zu schliessen - quer durchs Entree zur Fensterfront, schaute über die Kanäle, die unten vor dem Haus zusammentreffen, und rührte mich nicht mehr.»

Natürlich wird Zschokke auch in Venedig schreiben und weiterschreiben. Anfänglich glaubt er allerdings noch, dass es ihn am neuen Ort nicht lange am Schreibtisch halten werde, aber da ist er erst grad angekommen. Und schon beginnt er zu formulieren. Er führt kein klassisches Tagebuch, sondern schreibt Mails an Freunde und Freundinnen, an Verwandte, an seinen Verleger und an die Mitarbeiterinnen des Verlags, an Kollegen, an seine Übersetzerin. Fast täglich meldet er sich aus Venedig, und die Summe seiner Mails liegt nun in Buchform vor: «Die strengen Frauen von Rosa Salva».

Es ist, um es gleich vorwegzunehmen, ein hinreissendes Buch. Es zeigt Venedig von unten und von hinten, aus der Sicht und mit dem Temperament eines Menschen. der mit grösster Wachsamkeit und Neugierde seine Umgebung erforscht und sich bis zuletzt auf elegante Weise freihält von allen gängigen Venedig-Klischees. Unvoreingenommen bricht er auf, unbeeindruckt durch kursierende Legenden, und er wird laufend überrascht und beglückt.

Ihre Frische gewinnen Zschokkes Aufzeichnungen , als welche die Mails dastehen, nicht zuletzt daraus, dass sie für den Moment geschrieben sind, in die Gegenwart hinein. Sie sind adressiert an sehr unterschiedliche Leser, was den Ton und den Duktus immer wieder angenehm changieren lässt. Zschokke reagiert natürlich auch auf Mails, die er bekommen hat. Er schwärmt und tadelt und meldet Bedenken an, er versucht, Freunde in die Stadt zu locken, plant ein Hauskonzert mit dem «Piano nobile» und überlegt sich bereits, wo er seine Gäste unterbringen soll.

Und immer wieder erzählt er davon, wie er in der Stadt unterwegs ist. Am Morgen führt ihn der Weg an den Lido, wo er schwimmt. Er berichtet von Restaurantbesuchen, wo gelegentlich auch Preise verglichen und Trinkgeldfragen erörtert werden müssen. Bei «Rosa Salva», dem venezianischen Meisterpatissier. holt er sich Köstlichkeiten, an einer Bar nimmt er einen Macchiatone. Über die zahlreichen Touristen fällt kein unfreundliches Wort, im Gegenteil. die gehören einfach dazu, wie die Tauben, wie die Möwen. Einige Tage lang beobachtet er eine kleine Möwe. die aus dem Nest gefallen ist und sich am Boden erfolgreich gegen Hunde zur Wehr setzen kann. Bis sie eines Tages im eleganten Flug über die Kanäle davonzieht - eine wunderschöne Miniatur.

Man möchte grad hinfahren


Daneben, während er sich immer stärker auf die Stadt einlässt, erscheint sein neuer Roman «Der Mann mit den zwei Augen», worauf der Autor eine Weile lang von den Turbulenzen des Literaturbetriebs erfasst und ziemlich heftig geschüttelt wird. Die geografische Distanz schützt ihn nicht vor Zweifeln an seinem jüngsten literarischen Werk, das zunächst, wie es scheint, kaum wahrgenommen wird. Am Ende, Ironie eines gütigen Schicksals, wird er gar den Eidgenössischen Literaturpreis entgegennehmen können.

Spannend an Zschokkes Mail-Diarium ist die vielfältige Brechung: Die an Sensationen überreiche Stadt wird hier im unaufgeregten Prisma der alltäglichen Wahrnehmung gesehen. Dass dieser Alltag nicht frei ist von Tücken, erstaunt nicht. Lange will der Fernsehempfänger nicht funktionieren, die Mücken sind hemmungslos, in den Zeitungen stehen schreckliche Nachrichten. Dennoch: «Es ist, als sei ich in einem Adventskalender gelandet und dürfe darin jeden Tag ein neues Türchen aufmachen», heisst es einmal. Natürlich möchte man gleich hinfahren - und greift dann erst einmal zu diesem erfrischenden Buch.

«NZZ am Sonntag», Zürich, 26. 1o. 2o14



Unter Glücksverdacht

Matthias Zschokke in Venedig

Von Niels Penke


Es scheint sich eine Regelmäßigkeit einzustellen, mit der Matthias Zschokke im beständigen Wechsel Romane und Autobiografisches veröffentlicht. Bereits 2008 waren mit Auf Reisen Berichte zu lesen, die den Ausgangspunkt von Zschokkes Schreiben, Berlin, mit mal mehr, mal weniger entlegenen Orten kontrastierten. Nun, nach Lieber Niels und Der Mann mit den zwei Augen also Venedig, wo Zschokke sieben Monate als poet in residence verbrachte und ausgiebig korrespondierte. Aus dem Fundus seiner E-Mails sind Die strengen Frauen von Rosa Salva als eine Art Tagebuch hervorgegangen.

Doch anders als beim diarischen Schreiben, sind die venezianischen Aufzeichnungen von einer auflockernden Polyphonie gekennzeichnet. Obwohl sie alle von einer Hand stammen, sind nicht nur die Wechsel der Themen, sondern vor allem auch die der Töne bemerkenswert. Vertraulichkeit und Distanz changieren so angesichts verschiedenster Empfängerinnen und Empfänger – an den Freund in Köln, dem bereits schon der gesamte Lieber Niels e-postalisch zugegangen war, an einen Jugendfreund, der Germanistikprofessor wurde, den Lektor, die Tante und Stiftungsangehörige. Dabei wird im meist munteren Plauderton eine weite Themenpalette von Architektur und Klima, Kaffee und Schwimmengehen, Fußball und Literaturbetrieb abgedeckt, und das ohne in der Wiederholung ermüdend zu werden. Insgesamt sind es gewiss eher „Krümelchen statt großer Sensationen“, die Zschokkes Aufenthaltsbeschreibungen ausmachen, aber auch diese zeigen Wirkung, wenn sie sich zu einem ungeahnt gehaltvollen Ganzen verdichten.

Manches davon ist bekannt – die beständigen, weiterhin vorsichtig vorgetragenen Klagen über die existenziellen Unsicherheiten des Schriftstellerdaseins und die darauf gegründeten Zweifel, die sich im permanenten Ringen mit der logisch doch so naheliegenden Resignation befinden. Aber weiter geht es trotzdem jedes Mal. „Etwas besseres als den Tod“ werde man in Venedig schon finden, heißt es zu Beginn. Und wie viel besser sich dieses warme, farbige Leben ausnimmt! Zunächst wirkt die Stadt als Droge, in der das „zerebrale Spazierengehen“ zum rauschhaften Ereignis wird.

Venedig zu bewohnen, sei Arbeit, heißt es, da dessen Fülle es einem wie Stendhal ergehen lasse. Faszination und Erschöpfung gehen Hand in Hand, mit dem Resultat, dass das sofortige Vergessen des Gesehenen immer neue Aufbrüche provoziert. Dazwischen äußert sich der immer wiederkehrende Zweifel, doch vielleicht unverdientermaßen an diesen Ort geraten zu sein und argwöhnisch unter „Glücksverdacht“ zu stehen. Doch nur so lange, bis die Ahnung aufkommt, dass vielleicht die böse Hexe, die Stiftung, ihn doch nur mäste, um es ihm bis zur Schlachtreife möglichst gut gehen zu lassen. Denn auch im Glück nisten sich immer wieder Zweifel in Zschokkes Gedankenwelt ein, die das Wohlergehen rasch in „schattenhafte Melancholie“ umschwingen. Besonders die als enttäuschend empfundene Aufnahme des 2012 veröffentlichten Romans Der Mann mit den zwei Augen trägt hierzu bei. Als „Schwermetallbaron“ fühlt er sich, der zum wiederholten Male wie Blei im Regal liege. Eine mögliche Reaktion, die daraufhin immer wieder erwogen wird, ist das Verstummen; oder sich der Literatur überhaupt zu entsagen und auch auf das Lesen gleich mit zu verzichten. Und so durchzieht ein Paradox beinahe das gesamte Buch: es mit dem Schreiben sein zu lassen, ja, eigentlich schon längst damit aufgehört zu haben, weil seit Wochen keine Zeile aufs Papier gekommen sei – und dabei doch Tag für Tag Seite um Seite zu füllen. Am Ende wurde „nichts“ geschrieben und das Buch hat 400 Seiten.

Denn Venedig kann offensichtlich mehr als nur überfordern, und so weichen die Zweifel einer aus scheuem Optimismus wachsenden Genügsamkeit, die sich aus der allgegenwärtigen und damit bald alltäglichen Schönheit speist, die gerade deshalb so schön ist, weil sie vom deutschen Gewohnheitsalltag auf prachtvollste Weise verschieden ist. Wie auch den schreibenden Zschokke das erlebte Venedig versöhnte, so besänftigt auch das Buch beim Lesen mit seinen Stimmungen – die Schönheiten des Klimas, des Meeres, der Küchen und der Architektur verzaubern – ob man sie nun aus eigener Anschauung kennt oder nicht – und machen letztlich erträglich, was eigentlich so kaum zu ertragen ist. Eine ebenso raffinierte wie gefährliche Literatur, die sich auf dem schmalen Grad bewegt, das verwindbar zu machen, was der eigentliche Grund ihrer Schwierigkeit und ihres prekären Status’ ist. Darauf beharrlich hinzuweisen und dennoch ausreichend Kontrapunkte zu setzen, um Die strengen Frauen von Rosa Salva zu einer insgesamt ungemein angenehmen, bezaubernden, mitunter sogar erbaulichen Lektüre zu machen, darin besteht die große Kunst von Matthias Zschokkes Erzählen.

"literaturkritik.de", Marburg, 3o.1o.2o14





Matthias Zschokkes Venedig-Buch

An den Kanälen der Seele


Ein Dichter aus Berlin wird nach Venedig eingeladen. Ein Jahr lang bewohnt er mit seiner Freundin I. das Piano nobile eines Palazzo an der Kreuzung zweier schmaler Kanäle. Er ist mitten im Zentrum und doch so vom berüchtigten Rummel entfernt, dass er genügend Musse findet, seinen Exkursionen täglich ebenso ausgreifende Exkurse am Laptop folgen zu lassen. In unzähligen Mails, an «den Freund in Köln» zumal, schraubt er seine Höhen und Tiefen noch höher hinauf und noch tiefer hinab. Nicht so sehr das allseits bekannte Venedig bekommen wir in ihnen zu Gesicht, sondern die Augen des Dichters selber. Seine Mails zeichnen in das Stadtbild ein Selbstbildnis ein, in dem sich wiederum das Bild des Autors Zschokke spiegelt.

Ein ewiger Gast

Kein Zufall, dass sich der Dichter auch an die musizierenden Eltern im weit entfernten seeländischen Ins zurückerinnert. Der Vater, «in sich gekehrt wie ein buddhistischer Mönch» und gleichzeitig mit den Händen wie «diese Schwengel auf texanischen Ölfeldern» pumpend, sang Schumanns Lied vom Grenadier, der nochmals aufbrechen will, um das Leben für seinen gefangenen Kaiser zu opfern: «Was schert mich Weib, was schert mich Kind . . .» Für den Dichter selber wird die Serenissima zur existenziellen Aufforderung: An der Theke der Pasticceria Rosa Salva etwa, wo er das «Abenteuer nahen» fühlt, «verkörpert von den sonderbar strengen Frauen, die dort bedienen». Oder abends in der Trattoria, wenn er spürt, «wie mein Kaiser frei und hocherhobenen Hauptes übers Meer auf mich zugeglitten kommt».

Anders als der Grenadier kann der Dichter bleiben, wo er ist. Sein «Kaiser» kommt zu ihm – wenn er ihn nur lässt. Die Erfüllung ist in Venedig da für den, der sie zu suchen aufhört. Der gelassen den auslaufenden Schiffen nachzuschauen vermag, die wie Riesen aus einer anderen Welt zwischen den Palästen auf dem Canal Grande auftauchen und verschwinden. Zschokkes Dichter ist ein ewiger Gast. Gerade sein «Hier möchte ich sein», dieses blosse Vorschweben des Glücks, soll sein Dasein werden. Schon immer hat Zschokkes Werk diesen ebenso einfachen wie vornehmen Anspruch erhoben.

Natürlich gestaltet sich das schöne gute Leben auch anstrengend und hektisch. Zschokkes Dichter ist keine Verkörperung philosophischer Seelenruhe. Dazu ist das Sammelsurium seiner redseligen Mails mit all den flüchtigen Euphorien und Depressionen immerhin passend. Ein ausgereifter Roman würde eine Souveränität vorgaukeln, die er immer wieder heiter und unverdrossen von sich weist. Er lässt sich gehen, im buchstäblichen und übertragenen Sinn. Seine um Gewohnheit und Übersichtlichkeit bemühten Gänge verfangen sich noch so gern im Labyrinth der Stadt. Nicht die Ikonen ziehen ihn dabei an. Da bleibt er distinguierter Dilettant. Aber wenn's um Cappuccinos und Mandelcornetti geht, wird er akribisch. Genauso bei der Anschaffung eines ultraschicken Ventilators oder beim richtigen Umgang mit den Mücken im Piano nobile. Doch ohne aus ihnen Elefanten zu machen. Nur etwas venezianisch Besonderes bekommen sie dabei.

Nicht immer halten Lust und Last sich derart gelungen die Waage. Zschokkes Dichter wird den Autor Zschokke nicht los. Dem heiteren Glück läuft ein dunkler Schatten nach: die Niederungen des Literaturbetriebs. Er wird doch nie ganz vergessen, auch wenn der Dichter mit dem Dichten sogar ein für alle Mal aufzuhören gewillt ist. «Die strengen Frauen von Rosa Salva» ist ja nicht sein Buch. Es ist in seinen Augen überhaupt kein richtiges Buch. Es ist das Buch seines Autors Matthias Zschokke, das immer dann einen eher verdriesslichen Anblick bietet, wenn es all die Eitelkeiten und Rangeleien herbeiredet, die der venezianische Dichter gerade noch für unerheblich erklärt hat. Da werden Autor und Figur, deren Identität Zschokke in seinem Werk doch anstrebt, gerade auseinanderdividiert.

Aber man muss das Ganze im Auge behalten. Das Fiktionale bekommt diesmal mehr Gewicht, die Form bricht deutlicher den Inhalt, als das noch im vergleichbaren Mail-Buch «Lieber Niels» (2011) der Fall gewesen war. Zum einen durch die – bisweilen gar klaustrophobische – Einheit von Raum und Zeit. Zum andern durch eine das Träge des Alltags, des Wetters, der Jahreszeiten ironisch-leise unterlaufende Dramatik. Wieder auf der musikalischen Linie des Buches: Im Piano nobile steht wie ein anderer, vorerst stummer Gast ein Piano. Schwarz und «gondeltraurig» wird es zum seltsamen Attraktor, der bald weitere Gäste aus nah und fern anziehen wird. Für November, wenn das Gastjahr sich seinem Ende nähert, ist ein Hauskonzert angesagt. Die Hektik beginnt schon früh, der ewige Gast wird zum unermüdlichen Gastgeber. Und wenn die Gäste dann da sind, ist er so erschöpft, dass er sich davonstehlen möchte an den Lido – den «toten Mann» machen in der lauen Lagune.

Zurück in der Abwesenheit

So stetig sich die Dynamik auf das Konzert hin aufbaut, so schnell ist es dann vorüber. Wie der Aufenthalt in Venedig auch. Wenige Mails noch, und schon ist man wieder in Berlin. Der Autor bringt seinen Dichter sozusagen zu sich zurück, und – tatsächlich – nun fällt auch der dunkle Schatten von ihm ab. In Berlin setzt er sich an den Schreibtisch, um zu schreiben, was er schon immer nicht zu schreiben wusste. Als wäre nichts gewesen. Niemand scheint seine Abwesenheit bemerkt zu haben. Und Venedig ist wieder da, wo es immer am meisten war: in der Seele oder vielmehr in den Seelen des Autors.

Samuel Moser, "NZZonline", Zürich, 19.11.2o14



Zum Frottieren auf den Markusplatz


Glücksrausch in Venedig. Ein halbes Jahr war Matthias Zschokke Stipendiat in der Lagunenstadt. Daraus entstand sein Roman „Die strengen Frauen von Rosa Salva“, eine Kette von E-Mails, Notaten, Reflexionen

VON KRISTINA MAIDT-ZINKE

Die Chuzpe muss man erst einmal haben, auch als Verleger: Ein Schriftsteller hält sich als Gast einer Schweizer Kulturstiftung ein halbes Jahr in Venedig auf; er soll dort möglichst einen neuen Roman beginnen, kommt jedoch nicht zum Arbeiten, weil die Stadt und einige andere Dinge ihn zu sehr ablenken. Ersatzweise werden die E-Mails, die er von der Lagune an Freunde, Verwandte und Bekannte schickt, zu einem 400-Seiten-Opus arrangiert und mit einem Titel versehen, der für Uneingeweihte geheimnisvoll klingt und für Kenner interessant, verleiht er doch dem Personal einer berühmten venezianischen Pasticceria so etwas wie eine klösterliche Aura: „Die strengen Frauen von Rosa Salva“. Fertig ist ein Venedig-Buch, wie es, wer wollte das bestreiten, „noch nicht geschrieben wurde“.

Kann das funktionieren? Ja, wenn der Schriftsteller Matthias Zschokke heißt. Zschokke ist Berner, also Hardcore-Schweizer, lebt jedoch seit Vorwendezeiten in Berlin, und der Jahrgang 1954 bürgt für die literarische Sozialisation in einem Umfeld, das sogar beim diesjährigen Bachmann-Preis noch seine Nachhaltigkeit bewiesen hat. Zschokkes E-Mails sind lange Briefe; die Briefe wiederum, ohne Anrede- und Grußformeln, sind Tagebuchnotate in traditioneller Manier. Dass sie auf elektronischem Weg verschickt wurden, spielt für Form und Inhalt keine Rolle, sieht man einmal davon ab, dass das digitale Medium jene ausufernden Redundanzen begünstigt, mit denen der Autor schon in seinem 2011 erschienenen, gemailten Hauptstadtroman „Lieber Niels“ manche Leser ermüdet, andere hingegen süchtig gemacht hat.

Auch seine Venedig-Aufzeichnungen handeln keineswegs nur von der Stadt, in der Zschokke von Juni 2012 bis Januar 2013 residieren durfte, sondern so ziemlich von allem, was den Stipendiaten in jenem Halbjahr beschäftigte oder ihm, wie man in seinen jüngeren Jahren gesagt hätte, durch die Rübe rauschte. Genau das passt aber vortrefflich zu Venedig: die Überflutung, das ziel- und richtungslose Umherschweifen, das Kreiseln im Labyrinthischen und die ständige Versuchung, sich auf Abwege zu begeben, die dann unverhofft ins Leere laufen können. So wirkt das Ganze durchaus stimmig, auch wenn man dem Autor nicht gleichbleibend animiert in alle Seitenkanäle und Sackgassen seiner Reflexionen, Erinnerungen und Befindlichkeiten folgen mag und sich, etwa beim Durchwaten von Literaturbetriebsklatsch, Besuchslogistik oder anderen Privatheiten, kleine Abkürzungen der Leseroute gestattet, um möglichst rasch zum Kernthema „Venedig“ zurückzukehren.

Denn was das betrifft, hat diese Mail-Suada einen ebenso originellen wie grundsympathischen Zug: Matthias Zschokke, der vor seinem Stipendiatenglück die Stadt nur von einem Jahrzehnte zurückliegenden Kurzbesuch in Erinnerung hatte, traut sich, der tausendfach totgeredeten Serenissima in einem Zustand kompletter Unschuld und Ahnungslosigkeit zu begegnen. Statt mit Kennerschaft zu kokettieren oder mit angelesenem Wissen zu winken, geht er wie ein staunendes Kind durch die geschundene Wunderstadt und notiert im „Glücksrausch“ alles, was ihm auffällt, so als wäre er der erste schreibende Venedig-Besucher aller Zeiten.

Im Zustand permanenter Überwältigung scheut der Dichter freilich weder Banalitäten („Man kommt an und denkt, das kenne man alles von Ansichtskarten“) noch kühne Behauptungen wie die (später revidierte), dass man in Venedig nirgends gut essen könne. Oder dass die Salonorchester auf dem Markusplatz „immer nur eins nach dem anderen“ spielen und „nie zwei gleichzeitig“, um einander nicht zu stören – wo doch der kakophonische Genuss, den es bereitet, genau in der Mitte zwischen dem Orchester des „Florian“ und dem des „Quadri“ zu stehen, längst in die Literatur eingegangen ist. Auch kann nur jemand, dem die rosa Brille am Kopf festgeschraubt und der Blick vom orangegelben Sprizz vernebelt ist, der Meinung sein, hier sähe alles noch „genau gleich“ aus wie vor dreißig, vierzig oder hundert Jahren.

Trotz alledem hat der Zschokke-Cocktail aus echter und gespielter Naivität, klugen Beobachtungen, unbekümmert recycelten Klischees und persönlichen Epiphanien einen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Bei der Schilderung des Feuerwerks zum Redentore-Fest geht es haarscharf an der Geschmacksgrenze entlang, wenn von „syrischer Tonkulisse“ und einem „Assad-Finale“ die Rede ist. Dann aber findet der Autor für die Auflösung der Zuschauermenge nach dem Spektakel ein Bild, für das man ihn, wenn man einmal dabei war, schier küssen möchte: „Das war fast noch schöner als das Feuerwerk. Der ganze Canal Grande dicht gesprenkelt von unterschiedlichsten Booten mit roten und grünen Positionslichtchen, die alle in eine Richtung strömten (viele Gondeln dazwischen). Ein Auszug aus Ägypten. Alles in tiefster Finsternis. Ein Brodeln und Raunen, als hätte der Weltbund der Heinzelmännchen sein Jahrestreffen abgehalten.“

Fast schon genial ist die Denkfigur, mit der er, in einer Mail an seine Übersetzerin, den täglichen Horror der Besuchermassen umdeutet: „Touristen? Die stören nicht. Im Gegenteil. Sie wirken wie der Bettler, der am ersten Januar bei bitterer Kälte vor der Wohnung eines reichen russischen Schriftstellers auf und ab gehen und sich in dessen Auftrag stundenlang die Hände reiben und ,was für eine elende Kälte‘ murmeln musste, damit der Schriftsteller seinen Erfolg, seine warme Wohnung und sein gutes Essen zum Auftakt des neuen Jahres richtig genießen konnte.“ Statt, wie der durchschnittlich empfindsame Teilzeit-Venezianer, auf den „träge sich dahinwälzenden Strom von hyperventilierenden, schwitzenden Menschen in kurzen Hosen und ärmellosen Leibchen“ depressiv oder aggressiv zu reagieren, benutzt Zschokke sie als Folie, die das Privileg, am Sehnsuchtsziel von Millionen Tagesvagabunden einen komfortablen Rückzugsort zu haben, umso heller erstrahlen lässt. Damit nicht genug: „Sich am Markusplatz oder am Rialto tagsüber ein Viertelstündchen frottieren zu gehen an den pudrig weißen Japanerinnen oder an den rotgesichtigen Russen, das ist ein Genuss.“

Vor den Chinesen allerdings, die mittlerweile die halbe Stadt aufgekauft haben und sich nicht mehr wegfrottieren lassen, kneift der Entzückte die Augen fest zu, wie auch vor den immer bedrohlicheren Auswirkungen des Hochwassers, das er nur als märchenhaftes Spektakel wahrnimmt. Seinen Kulturpessimismus arbeitet er an Themen ab, die nichts mit Venedig zu tun haben, dafür umso mehr mit der zeitgenössischen Literaturszene. Die Enttäuschung über die mangelnde Resonanz auf seinen Roman „Der Mann mit den zwei Augen“ zieht sich als running gag durch das Buch und zeitigt Aperçus, aus denen sich eine halb selbstironische, halb ernst gemeinte Poetik zusammensetzen lässt. Etwa: „Kunst ist das, was vom Mittelmaß verachtet, nicht das, was von ihm bewundert wird.“

"Süddeutsche Zeitung", München, 25.11.2o14



Das überwältigende Glück der Künstlichkeit

Zerstreute Gymnastikübungen am Lido: Matthias Zschokke entdeckt eine zu Tode beschriebene und fotografierte Stadt neu

Von Nicole Henneberg


„Bloß vorher nichts lesen über Venedig", beschwört Matthias Zschokke eine besuchswillige Mitarbeiterin seines Verlags, „sonst verzweifelt man hier, weil man immer denkt, man müsse noch dies und das besichtigen. Ich habe bis heute noch nichts gesehen von dem, was man gesehen haben muss, und fürchte, das wird bis zuletzt so bleiben." Da wohnt der aus der Schweiz stammende, in Berlin lebende Autor seit zwei Wochen in einer fürstlichen Wohnung mitten in der Lagunenstadt, und der Blick aus dem Fenster auf eine vielbefahrene Kanalkreuzung überwältigt ihn stets aufs Neue. Jeden Tag grübelt er darüber nach, wie die Treppenhäuser des fünfstöckigen Palazzos ineinander verschachtelt sein könnten, denn jede Wohnung hat ihre eigene Treppe, nach Leonardo da Vinci benannt, der als Erster solche Treppenbündel für Mehrparteien-Palazzi konstruierte.

Wie schreibt man über eine Stadt, die so oft fotografiert und beschrieben wurde, dass sie vielleicht nur noch als ihr eigenes Klischee existiert? Wir kennen den Autor als anarchischen und empfindsamen Reisenden, der sich für die verborgenen Winkel eines Bahnhofs und vergessene Cafés mehr interessiert als für den berühmten Dom gegenüber und der seinen Ich-Erzähler („Auf Reisen") ein unverhofftes Glück in einem Wüstenimbiss außerhalb von Amman finden lässt. Auch „Die strengen Frauen von Rosa Salva" ist ein Abenteuerbuch dieser besonderen Art, wobei das nicht nur mit dem eigensinnig-insistierenden Blick des Erzählers und seinem Gefühl existentieller Fremdheit zusammenhängt, sondern auch mit der Mail-Form. Ihr besonderer Sound lässt sich, wie der Autor sagt, nicht simulieren, sondern erzeugt beim Schreiben ein eigenes Tempo und einen speziellen mündlich-unmittelbaren Stil.

Sein erzählendes Ich wandert schüchtern, neugierig und verstört durch diese verspielte und hysterische, mal überfüllte, mal menschenleere Stadt und verweigert sich allem, was Schriftsteller und Kunsthistoriker zu den Gassen und Kirchen, den. verborgenen Plätzen, idyllischen Trattorien und Bootsanlegestellen geschrieben haben (vieles davon weiß er natürlich und mokiert sich an passender Stelle darüber). Er möchte alles sehen und riechen, am liebsten würde er in diesen ganzen Stadtkörper hineinbeißen, um ihn mit allen Nerven und Sinnen festzuhalten. In mehreren Mails täglich berichtet er von seinen Erlebnissen, bewusst auch widersprüchliche Eindrücke festhaltend: von den unscheinbaren Kirchen, in denen er sich ausruht und ständig über Bilder von Tintoretto stolpert, aber auch von seiner Entdeckung einer überraschenden und unsinnigen Schönheit, die sich ihm in Gestalt einer bröckelnden, asymmetrischen und vergessenen Putte offenbart.

Natürlich holt ihn die Realität in Gestalt von schwierigen Lesereisen und Verrissen (seines gerade erschienenen Romans „Der Mann mit den zwei Augen") immer wieder ein, und er schimpft nebenher so lustvoll über Kollegen wie Ransmayr und Kehlmann und Klassiker wie Goethe und Arno Schmidt, dass es eine Freude für den Leser ist. Ein lebendiger, temporeicher und sehr witziger Roman ist so entstanden, dessen Hauptfiguren neben dem Erzähler eine Opernsängerin, die Frau-die-zur-Wohnung-schaut und natürlich Nils [sic!] sind (den wir schon aus dem Mail-Roman „Lieber Nils" [sic!] kennen). Ihm vertraut der Erzähler die intimsten Sorgen an, Wäscheprobleme, einen verdorbenen Magen und wehe Füße, Selbstzweifel und Schreibblockaden, während er mit bissigem Charme Seite um Seite füllt. Manchmal zanken die beiden wie ein altes Ehepaar, und Nils [sic!] verspottet ihn als „Gastgeberschmerzensmann", weil das Hauskonzert, das er veranstalten will, ihm Albträume verursacht.

Ganz anders klingen die Mails an die Opernsängerin. Hier schildert Zschokke selbstironisch und spielerisch die Stadt als Traumlandschaft, in der Wunder zum Alltag gehören und deren Bewohner er wegen ihrer Selbstversunkenheit liebt —wie den korpulenten Herrn am Lido, der zerstreut einige Gymnastikübungen vollführt und, übers Meer schauend, immer wieder vergisst, sich zu bewegen. Scheinbar erzählt uns der Autor seine ganz privaten Venedig-Erlebnisse in diesem Buch, und doch ist hier ein echter Zschokke-Held, ein Abbild von Maurice oder dem „Mann mit den zwei Augen", unterwegs, ein Gefühls-Albino, der liebevoll mit den Menschen hadert, an die tiefere Wahrheit des Beiläufigen glaubt und das richtige Leben im falschen sucht - und genau dabei wird ihm diese brüchige, manieristische und überdrehte Stadt zu einem Glücksort.

Die ganze Traurigkeit, die er aus Berlin mitgebracht hat, ist plötzlich verschwunden, denn hier, wo alles ringsum auf außerirdische Weise künstlich und unecht wirkt, ist es weder nötig, Kunst herzustellen noch etwas zu simulieren; hier kann der Schriftsteller endlich nur er selbst sein und sich im Alltag und dessen Übertragung aufs Papier verlieren und damit der Welt ein wenig habhaft werden. Man muss den Roman auch als raffiniertes Spiel von Zeigen und Verbergen lesen, ein erzähltes Anti-Theater, wo Maske und Rolle der Schauspieler nur aus scheinbar offenherzigster Selbstdarstellung bestehen.

Wie schon zuvor in „Lieber Nils" [sic!] wird der Ich-Held hier dem Leben und seiner eigenen Entwicklung ausgesetzt und protokolliert dabei eindringlich und spöttisch, was mit ihm geschieht. Doch man lasse sich von dieser eindrucksvollen „Operation am offenen Herzen" nicht verunsichern: Das Buch funktioniert perfekt als kluge und sinnliche Reiseanleitung, und man bekommt sofort Lust, im Labyrinth dieser verrückten Stadt zu verschwinden.

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, 27.11.2o14



Erschöpft vom Glück


Venedig Matthias Zschokke feiert die Lagunenstadt und den Verfall.

Von Stefan Kister


Venedigbücher gibt es wie Sand am Lido, wie Touristen auf dem Markusplatz, wie Kreuzfahrtschiffe in der Lagune. Mehr als genug. Doch dieses ist anders. Der Schriftsteller Matthias Zschokke erhielt von einer Kulturstiftung das Angebot, ein halbes Jahr in der schönsten und eben deshalb vermutlich durchgenudeltsten Stadt der Welt zu verbringen. Und weil man so etwas trotz allem nicht ablehnen kann, wohnte er von Mai bis Dezember 2012 in einer kleinen Wohnung nahe der Frari Kirche,um dort seinen Geschäften nachzugehen. Aber was sind die Geschäfte eines Schriftstellers? Bücherschreiben natürlich. Nur genau dies vereitelt das überwältigende Erlebnis der Stadt. „Niemand hat in Italien das Bedürfnis nach Fiktion, weder danach welche zu schaffen, noch danach welche zu konsumieren.“ Stattdessen schreibt er Mails an einen Vertrauten in Köln, an seinen Verleger, an die Frau, die sich in der Lagunenstadt um seine Wohnung kümmert, an Geschwister und Verwandte und die vielen Freunde, die man plötzlich hat, wenn sich herumspricht, dass man in Venedig wohnt.

Aus diesen Mails ist das Buch geworden, das er in Venedig nicht geschrieben hat, „Die strengen Frauen von Rosa Salva“. Ohne die schlecht gelaunte Melancholie des Kenners überlässt sich Zschokke dem Mirakel dieser Stadt, umtost von Schönheit, umschwirrt von Killermückenschwärmen, preisgegeben dem Verfall und berauscht von Verwesungsästhetik. „Wir Touristen gehen darin unter oder gehören dazu wie die schillernden Fliegen auf dem Aas.“

Bei allem Glück am Dasein, immer ausgefüllt von dem, was man gerade sieht, ist Venedig zu bewohnen auch harte Arbeit. „Das ist kein ADHS, was mich im Griff hat, sondern das Venedig-Syndrom. Schon bald zwei Monate hält die Faszination an. Nicht einen Tag hatte ich die Stadt über.“ Was solche Emphase von platter Schwärmerei trennt, ist der Standpunkt. Denn natürlich geht es hier um die Stadt nur im Reflex ihres Betrachters. Ein von Rücken und Geldproblemen gepeinigter, freundlicher, aber wohl auch nicht ganz einfacher Mann in der beginnenden Spätphase der besten Jahre, der von seinem schönen Außenposten aus träge, aber scharfsichtig auf die Probleme der literarischen und politischen Welt von 2012 blickt. Der Weg nach Venedig führt über Zschokke, aber so gut hat es uns dort schon lange nicht mehr gefallen.

"Stuttgarter Zeitung", 12.12.2o14




Streifzüge durch Venedig



Von Cornelia Staudacher


Der Schweizer Matthias Zschokke hat seine privaten E-Mails aus Venedig in ein Buch verpackt: "Die strengen Frauen von Rosa Salva" ist ein lustiges, ereignisreiches Venedig-Panorama. Ein Lesevergnügen, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Der etwas rätselhafte Titel unter dem malerischen Foto des Canal Grande macht nicht nur neugierig, sondern versetzt auch in die richtige Stimmung, noch bevor man die ersten Sätze liest und von Matthias Zschokkes Begeisterungstaumel mitgerissen wird:

"Venedig. Man tritt vor die Tür und beginnt zu taumeln. Auf jedem Schritt begegnet einem überquellende, verwesende, begeisternde Pracht. Selbst die rumänischen Bettlerinnen drapieren sich neben den Kirchenportalen, als hätten sie vorher sämtliche Maria-Magdalena-Christi-Kreuzabnahme-Darstellungen studiert. Die Stadt ist phantastischer, als man es sich in den kühnsten Träumen auszumalen vermag. Ich glaube, ich werde bleiben und glücklich. Es fängt spätestens unten an, wenn ich die Haustür öffne und auf den sonnenbeschienenen, weißen Platz hinaustrete. Ein erhabenes Gefühl steigt in mir hoch, und ich beneide mich."

Im Frühjahr 2012 kam Matthias Zschokke mit einem halbjährigen Stipendium nach Venedig und bezog eine weitläufige Wohnung in der dritten Etage eines jener städtischen Palazzi, die im späten sechzehnten und frühen siebzehnten Jahrhundert für wohlhabende Venezianer errichtet wurden, die nicht reich genug waren, einen ganzen Palast für sich allein bauen zu lassen. Die Wohnung gehört einem spendablen Schweizer Stifter mit einem Herz für ältere Künstler. Ein wenig verwundert ist Zschokke noch immer, dass 2012 die Wahl auf ihn fiel.

"An sich ist es ein Witz, es ist eine Institution für alt gewordene Künstler, die ein bisschen vergessen worden sind und dem Ende zugehen. Dann hat dieser Stifter gefunden, da müsste man irgendwas machen und hat das ganz gezielt für solche Leute ins Leben gerufen und eine Wohnung dort gekauft und lädt ein. Man kann sich nicht bewerben, sie haben eine Jury, die auswählt, der wäre mal dran, der wäre mal dran. Das Ideal von Förderung, und es kommt hinzu, dass man nichts leisten muss. Sie sagen, fühlen Sie Sich einfach wohl, ruhen Sie Sich aus, Sie haben jetzt diese Wohnung zur Verfügung. Es freut uns und ist uns ein Vergnügen Sie einzuladen."

Die morgendliche Fahrt mit einem Vaporetto, dem öffentlichen Dampfschiff, zum Schwimmen an den Lido wurde bald zugunsten eines Bades im hauseigenen Swimmingpool aufgegeben. Nicht so der morgendliche Caffé latte in einer jener Confiserien, die für ihre köstlichen Biscottes, Pasticcini und Torté über die Grenzen Italiens hinaus bekannt sind. In der Pasticcheria "Rosa Salva" werden die Gäste von streng und unnahbar wirkenden Kellnerinnen bedient, eben jenen "strengen Frauen von Rosa Salva".

Aber Protagonistin des Buches ist die Lagunenstadt selbst und die Faszination, die sie auf den Dichter ausgeübt hat. Die Stadt vereinnahmt ihn, nimmt ihn gefangen, beschäftigt ihn wie eine sperrige Geliebte. Denn Venedig, sagt er einmal, "lässt keinen an sich ran. Venezianer sind immun gegen jede Art von ausländischem Charme."

Wie ein Flaneur durchstreift Zschokke die Stadt, lässt sich immer aufs Neue überraschen und begeistern und hält seine Beobachtungen, Gedanken und Assoziationen in Mails fest, die er den zu Hause gebliebenen Freunden schickt.

"Dann habe ich dort in Venedig realisiert, dass ich nur noch Mails schreibe und sonst zu gar nichts komme, ich lese und schreibe Mails an verschiedene Leute, ein Schreiben über Venedig, ich beschreibe die Stadt, ich beschreibe eine bestimmte Frist, die in sich geschlossen ist, das Ganze thematisch um einen bestimmten Punkt herum. Und dann dachte ich, dass das eine in sich geschlossene Einheit ergibt, die ich auch nicht durchbrechen soll und darf. Es ist jetzt einfach ein Venedigbuch."

Mit Verwunderung stellt Zschokke fest, dass die Stadt sogar sein Wesen verändert. Sie macht ihn gelassener, demütiger, gnädiger sich selbst und anderen gegenüber. So wirft er auch seine Ressentiments gegen die leidigen Touristen über Bord. Sie gehören einfach zu Venedig und erscheinen ihm nun unverzichtbar. Ganz abgesehen davon, dass seine begeisterten Schilderungen und indirekt ausgesprochenen Einladungen die Etage im Palazzo allmählich in ein Albergo Zschokke verwandeln, und ihn in einen freundlichen, geduldigen Gastgeber.

Unterschiedliche Tonlagen: von leicht verdrossen bis begeistert

"Das war verrückt, eigentlich lebe ich nicht sehr sozial, und war plötzlich ein Gastfreund, von denen habe ich immer gelesen und als Gast kenne ich die Leute, die ein offenes Haus haben, wo man hinkommen kann und was wirklich schön ist. Ich war das nie und bin das gar nicht, und das war wirklich interessant, wie so eine Situation einen verändert."

Aber Zschokke wäre nicht Zschokke, wenn nicht auch seine Launen und Ängste und sein Ärger über die Weltlage – im Sommer 2012 begann der Bürgerkrieg in Syrien – in die Mails miteingeflossen wären. So direkt und persönlich die Aufzeichnungen seiner Erlebnisse sind, so unverzichtbar sind die manchmal launigen, dabei durchaus ernst gemeinten Jeremiaden. In ihrer Kurzlebigkeit und ihrem flanerieartigen Wechsel von Erlebnissen und Stimmungen erinnern die Aufzeichnungen Zschokkes ein wenig an Robert Walsers Mikrogramme, waren doch auch die "Aufzeichnungen aus dem Bleistiftgebiet" nicht für die Ewigkeit geschrieben.

"Ich weiss nicht, ob man das vergleichen kann. Das Ganze ist ja sowieso interessant, weil ohne dass ich's erklären kann, glaube ich, dass, wenn wir Mails schreiben, schreiben wir einen leicht anderen Stil, als wenn wir einen Brief schreiben oder Prosa schreiben, also diese Form zieht ein anderes Register, das es gar nicht gab vorher."

Der neue Ton, den Zschokke bereits in der Sammlung von Mails an seinen Kölner Freund Niels angestimmt und zu seinem poetologischen Versuchsfeld erklärt hatte, wird im Venedigbuch weiter ausgetestet. Indem er den Kreis der Empfänger um Freunde, Verwandte, Bekannte und Kollegen erweitert und den Habitus seiner Notate unbewusst auf den jeweiligen Empfänger abstimmt, variieren die Stimmungen und Tonlagen seiner Berichte. Konstant ist allein die Begeisterung des Verfassers.

So ist wieder ein Buch entstanden, das keineswegs in das von Gattungen, Genres und Kategorien gebildete Korsett passt, das der zeitgenössischen Literatur angelegt wird. Reiseliteratur, die bis ins 18. Jahrhundert durchaus als Literatur angesehen wurde, findet sich heute eher in der Reiseabteilung von Buchhandlungen und wird wohl kaum je in den Genuss eines Buchpreises kommen. An solchen Gedanken über das Wesen der Literatur, seinen Überdruss an der Schnelllebigkeit des Literaturbetriebs und der Abhängigkeit der Literatur vom Markt entzündet sich trotz allem Wonnegefühl auch in Venedig gelegentlich Zschokkes ironische Volten schlagende Verdrossenheit.

"Ich schreibe einen Brief, ist noch keine Literatur, ich erzähle etwas am Tisch, ist keine Literatur, ich nehme den Brief als Material und fange an, dran zu arbeiten, und irgendwann behaupte ich, jetzt ist es Literatur. Ich erzähle irgendwie, wo etwas zwischen drin passiert, zwischen den Zeilen, und warum meine ich jetzt, dass das eigentlich Literatur sei. Ich find das zunehmend einfach ein Faszinosum, dass die Leute, wenn ich sage, das ist ein Briefband, dann sagen sie, ach so, ein Briefband, und dann sage ich, aber nein, ihr müsst das lesen, die Sätze in diesen Briefen sind wunderbar, das ist reine Literatur, dann sagen sie, ach so, das sind literarische Briefe, nein, sage ich, es sind Briefe, aber von einem Dichter geschrieben, der kann nicht anders, und das frage ich mich: warum kann man sagen, wir reden jetzt nicht mehr von Venedig, sondern wir reden jetzt von dem aufgeschriebenen Venedig, von der Art, wie das da drin steht, wie das springt, wie's zurückgeht, wie das woanders hingeht, wie's wieder zurückkommt, und wie sich dadurch ein Venedig entwickelt, aber auf einer rein sprachlichen Ebene."

Es ist die Leichtigkeit, Flüchtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der Zschokke Emphase und Schnoddrigkeit, die vom ersten Moment an empfundene Erhabenheit und den alltäglichen Ärger, hohen Ton und süffisantes Geplänkel mischt, die den Zschokkeschen Sound ausmachen.

Wie das auf unaufdringliche und ungekünstelte Art ineinanderfließt und mühelos in Balance gehalten wird, das ist Zschokkes poetologisches Geheimnis. Dieses Lesevergnügen sollte man sich nicht entgehen lassen. Auch wenn sich "Die strengen Frauen von Rosa Salva" vielleicht nicht auf den ersten Blick in der Buchhandlung werden finden lassen, weil sie in der Reiseliteraturabteilung gelandet sind. Sollten sie dort neben Johann Gottfried Seume, Mark Twain, Heines Harzreise oder Fontanes "Wanderungen durch die Mark" liegen, so finden sie sich in adäquater literarischer Nachbarschaft.

"Deutschlandfunk", Köln, 22.12.2o14




Matthias Zschokke: Im Gespräch über "Die strengen Frauen von Rosa Salva"


Jörg Biesler/ Barbara Geschwinde, "WDR 5", Köln, 1o./ 11.1.2o15