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Max



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LESEPROBE



Lesern mit konventionellen Lektüre-Gewohnheiten dürfte Max wie ein epischer Trümmerhaufen vorkommen. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich bei dem Buch um eine höchst kunstvolle Zertrümmerung des literarischen Phänotyps "Roman". Adorno hat, Hegel vom Kopf auf die Füße stellend, in Zusammenhang mit Literatur einmal geschrieben: "Das Ganze ist das Unwahre."

Ein changierendes Vexierbild: um sich an ihre vielfältige Eigentlichkeit vorsichtig heranzutasten, hat der Autor seine Figur Max episch atomisiert, dem Leser wird es überlassen, sie sich selbst wieder zu synthetisieren. Vor aller Augen knetet Zschokke aus dem Werkstoff Sprache sich einen Max zurecht, lesend nimmt man teil am Aufbau dieser Person, an dem Prozeß ihrer Kreation, und nie ist oder wird Max eine fix und fertige Romanfigur, der Autor hat sich als Ziel gesetzt, allenfalls eine größtmögliche Annäherung an sie zu erreichen, weil er davon überzeugt ist, daß Menschen nicht bis zum letzten Grund auslotbar sind (und bestimmt nicht zwischen zwei Buchdeckeln). Das Problem der "Identität". Max oder: ein Enkel von Gantenbein.

Max. Wer ist dieser Max? Ohne Zirkelschluß umkreist ihn der Autor in immer wieder neuen Anläufen: Max "schläft den ruhigen Bürgerschlaf, den bei gleichmäßigem Regen". ..."Max ist nicht männlich-schön, Max ist bürgerlich-schön, unauffällig, mehr rein, mehr sauber als schön. Er denkt viel über sich nach, wie gesagt, und er möchte gern anders sein. Wie alle." ..."Max kann tun und lassen, was er will, er wirkt immer so wie Öl auf Wasser. Er breitet eine geordnete, überschaubare Atmosphäre um sich aus/ wenn er die Bar betritt, sind die Rocker schon weg/ wenn er zur Hure geht, hat sie keine Syphilis/ wenn er beim Griechen ißt, ist das Fleisch frisch/ wenn er vergewaltigt wird, ist der Vergewaltiger liebenswert..." ..."Waschlappen nannte man so einen früher, und Max war auch wirklich wie ein nasses Tuch, nur tropfte er nicht und war auch angenehmer anzufassen."

Max ist eine "Zeit-Erscheinung" und dreiundzwanzig Jahre alt. Er hat bereits eine Zukunft als Schauspieler hinter sich. Vom Theater ist er abgegangen, weil er nicht glaubte, "Menschen seien durchschaubar, auffächerbar, zerlegbar, auffädelbar". Die Bühne mit ihrem verstaubten schönen Schein, mit ihren aufs Stichwort dressierten Akteuren kam ihm vor wie ein Exerzierplatz der Lüge: "Das Theater ist eine böse Institution, weil das Theater das Chaos nie zugeben wird, weil das Theater immer gegen Anarchie sein wird."

Ja, so eine Prise Anarchie und Chaos vermißt Max schmerzlich, in dieser verordneten Ordnungswelt mit all ihren Ordentlichkeiten. Er rafft sich auf zu kleineren Protesthandlungen: klebt Fahrkartenautomaten mit Leim zu, zeigt einem Kontrolleur nicht sein Billett vor, läuft bei Rot über die Straße, klaut im Warenhaus Streichhölzer, verbrennt seinen Paß, trägt "den Kopf nicht mehr auf Verbotshöhe". Aber: "Er ist kein Held geworden."

Bisweilen träumt dieser Max mit dem so komplizierten Innenleben sogar davon, in die Niederungen des Gewöhnlichen hinabsteigen zu können: "Ich müßte nicht individuell sein, ich müßte nicht originell sein, ich müßte nicht mehr darüber nachdenken, wie ich mich wohl von der Masse absetzen könnte, ich dürfte Masse sein, ich dürfte einfach so vor mich hinleben... Ich hätte nie mehr das Gefühl, daß ich mit Leuten zusammensitze, die alle viel klüger und viel sensibler und viel menschlicher sind als ich..." Gegen Ende ist Max "nur noch ein Zustand. ...Man spürt ihn kaum noch. Riecht ihn nicht. Er hüllt seinen Geruch in einen langen Mantel". Trotzdem gibt Max sich nicht auf: "Max kennt einen, dem es schlechter geht. Mit vollem Namen. Max ist zuversichtlich."

Die Schlußpassagen des Romans sind achtmal überschrieben: "Letztes Kapitel"- den Geist Max, den er rief, wie wird er ihn bloß wieder los, sein Autor? Eulenspiegel Zschokke läßt Max einen "großen, beliebten" Volksschauspieler in Neu Delhi werden, läßt ihn von einem Auto überfahren werden, läßt ihn von der Lava des Vesuvs zugeschüttet werden, damit er als freudloses Exemplar des heutigen Homo sapiens der Nachwelt erhalten bleibe, läßt ihn sich ein Bein amputieren ("Durch Verkürzung der Extremitäten hoffte er, einen reibungslosen und dynamischeren Blutkreislauf zu erreichen..."), läßt ihn schlicht verhungern, erschießt ihn schließlich, steckt ihn in Abfallsäcke und wirft ihn in einen Container zum Müll.

Wie eine Marionette zappelt die Romanfigur Max an den Fäden ihres Herrn und Meisters. Spielerisch-graziös behandelt der Autor auch seine Leserschaft, die, wie bei Jean Paul oder Laurence Sterne etwa, von ihm oftmals direkt angesprochen wird: "Ich bitte Sie höflich, nicht immer zu lachen. Ich tue meine Arbeit und Sie tun Ihre, und es gibt nichts zu lachen."
Oder eine andere Fopperei: "An dieser Stelle hat sich mancher Leser erhoben und will wissen: ,Was ist jetzt?' ,Was ist mit Max, was tut er, was soll er?' Solchen Wissensdurst werde ich nicht löschen. Ein gelöschter Durst ist kein Durst." Prompt folgt ein eleganter Exkurs zum Thema "Wissensdurst", der von den "staatliche(n) Wissensdurstentzugsanstalten wie Schulen und Universitäten" handelt- aus nicht weiter Ferne lacht Karl Valentin herüber.

MAX Zschokke Zschokke hat erhebliche Vorbehalte gegenüber der epischen Erzählbarkeit: "Ich darf nicht einfach Geschichten erzählen. Lest den Grünen Heinrich... durch Eingriffe von außen, vom Staat, nein, von der Wirtschaft, wird jede Geschichte so geschüttelt und zerfetzt, daß es gelogen ist, diese in einem Buch " Wie so oft bricht der Autor mitten im Satz ab, bekennt sich auf diese Weise ausdrücklich zu einer Kunst des Fragmentarischen (Thomas Bernhard in Alte Meister : "Die höchste Lust haben wir ja an den Fragmenten, wie wir am Leben ja auch dann die höchste Lust empfinden, wenn wir es als Fragment betrachten, und wie grauenhaft ist uns das Ganze und ist uns im Grunde das fertige Vollkommene."), die ja überhaupt bezeichnend ist für seine chaotisch-anarchische Schreibmethode, die denselben Ursprung hat wie Maxens Theater-Ekel, aber -paradox genug- trotz aller epischen Zersplitterung (oder gerade i h r e twegen) gewinnt der sogenannte Roman eine große Komplexität. Zschokke: ein Dekonstruktivist, ein "Zerneuerer". Sein Schreibprinzip: "Verweigerung als Stil" (Heinz F. Schafroth).

Max ist also auch ein Traktat über die Kunstform "Roman", ist ein Roman-Roman. Zschokkes Wahrheitsanspruch erzwingt die Zerstörung künstlerischer Geschlossenheit, da der Autor kein pseudoharmonisiertes Weltganzes vorlügen will. Was anfangs vielleicht aussah wie eine gezielte Vernichtung von Literatur, entpuppt sich schließlich als ihre radikalste Rettung: in einer kaputten Welt kann ein moderner Schriftsteller (heute und futurisch) eigentlich nur noch Scherbensammler sein. Darum ist für Zschokke "Welt" auch nicht griffig-greifbar (und erst recht nicht mit Wörtern und Worten), ihn plagt ein fundamentaler Weltzweifel, aber als Humorist, der er ist, rettet ihn sein Witz vor Weltverzweiflung.

"Zschokke ist ein durchtriebener Kannitverstan, der jeden bei Blindheit und Gedankenlosigkeit ertappt", schrieb Hartmut Schulze im "Spiegel". Zahllose hintersinnig-vertrackte Sätze in dem "Anti"-Roman Max bestätigen diese Feststellung: "Wir haben lesen gelernt, um lesen zu können, nicht um zu lesen. ...Meistens versucht Max, Judith zu zeigen, daß er sie liebe, anstatt sie zu lieben. ...Ich will jemand sein. Jeder muß jemand oder zum mindesten wie jemand sein, sonst liebt ihn keiner. ...Jeder macht sein Gesicht, Gesichter sind nicht. ...Man darf gewisse Dinge nicht denken, sonst fällt die ganze Welt zusammen, und wir, die wir die Dinge gedacht haben, wir stehen zuunterst, und auf uns fällt die ganze Welt. Die zuoberst zu liegen kommen, die kommen mit dem Schrecken davon, lauter verdatterte Akademiker und Hauptmänner, aber wir, wir werden zerdrückt werden, und das muß so sein." Solche gespielt-naiven Sätze, die im Erstaunen über den Zustand dieser Welt gründen, im philosophischen T h a u m á z e i n, könnten auch bei Robert-Walser stehen. Von diesem unterscheidet sich Matthias Zschokke jedoch wesentlich durch die rigide Auflösung der epischen Struktur in seiner Prosa.

Zschokkes Max , prototypisch ein Werther des 2o. Jahrhunderts, erlebte einen Hymnenhagel der Kritiker. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" allerdings unternahm der Rezensent einen literarischen Totschlagversuch, auf den der Kritiker Wolfram Schütte in der "Frankfurter Rundschau" süffisant replizierte: "Ein Buch, an dem sich schon mancher, wie ich lese, die Zähne ausgebissen hat; oft schüttelt Unverständnis den Kopf. Wer schulmeisterlich den erhobenen Zeigefinger aus der Vertikalen in die Horizontale herunterzirkelt und dieses Romandebüt abweisend von sich weghält, dem dreht es Nasen, dem schneidet es Fratzen, dem antwortet es mit Faxen."

In seiner dreispaltigen Eloge zieht Wolfram Schütte eine interessante formgeschichtliche Parallele mit seinem Hinweis auf "romantische 'Verwilderung' (Brentanos Godwi)". Und tatsächlich: so mancher Theorieaspekt in Friedrich Schlegels poetologischen Schriften könnte ebenso für Zschokkes Prosa gelten, was nicht weiter verwundern muß, denn auch schon die Dichter der Romantik waren "Junge Wilde", Opponenten gegen eine versteinerte Klassik.

In Zusammenhang mit Max bleiben noch zwei Merkwürdigkeiten zu erwähnen: Die konservative Berner Tageszeitung "Der Bund" druckte Zschokkes Erstling in Fortsetzungen- ein bei experimenteller Literatur sehr ungewöhnlicher Vorgang. Zudem ging von Max mutmaßlich eine unmittelbare literarische Wirkung aus. Der Schriftsteller Rainald Goetz besprach das Buch enthusiastisch, seinen avantgardistischen Charakter betonend: Es "ist ein Schritt heraus aus den... etwas abgetrampelten Wegen, in Richtung auf eine diesen Jahren adäquate Literatur" ("Deutschlandfunk", 22. August 1982). Die Rezension endete mit dem Satz: "Ich jedenfalls habe den Roman von Matthias Zschokke mit dem größten Gewinn gelesen." Dieses Eingeständnis findet seine Bestätigung in dem Goetz-Roman Irre (erschienen 1983), dessen dritter Teil ohne vorherige Lektüre von Max kaum geschrieben worden sein könnte.



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