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Deutschsprachiger Chor Bangkok

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Aus dem BWV dank BMW!
Hervorragendes Bachkonzert des Gemischten Deutschsprachigen Chors Bangkok

 

von Dr René Codoni

Kleine Vorrede: Eben erst von einem unvorhergesehenen dringenden Familienbesuch in der Schweiz zurück sind meine Frau und ich, eher beiläufig, im "Chesa" auf einen Handzettel für das Bachkonzert gestossen - zwei Tage vor dem Aufführungstermin! Es reichte also gerade noch... Am Konzert sind wir dann unter den Mitwirkenden vielen alten Bekannten und Freunden von der Schweizer Schule wiederbegegnet. Einer davon - er will ungenannt bleiben - hat mich gebeten, meine nach dem Konzert gesprächsweise geäusserten Meinungen doch niederzuschreiben, "der Erinnerung zuliebe". Ich komme dieser Aufforderung gerne nach - es ist unser Dank für einen ausserordentlichen Konzertabend!

Freunde klassischer Musik sind in Bangkok, was Konzerte angeht, nicht gerade verwöhnt: Das Bangkoker Symphonieorchester ist kaum als Aus-bund innovativen und begeisterten Musizierens zu begreifen, und die Konzertgänger ihrerseits sind eher auf einfache Kost aus: "Leichte Wohlfühl-Klassik" hat der "Spiegel" das kürzlich genannt, und die seit einigen Jahren in Bangkok bestehende Institution der Nestlé Classics-Konzerte hat diesen Trend lokal noch bestärkt. Bei Gastkonzerten, wie etwa dem kürzlichen Besuch von "I Musici", überwiegt erst recht der Wohltätigkeits- und soziale Teil, das Buffet und die Photographen!

Also umso grösser die Freude, wenn wieder einmal etwas gewagt wird, was ausserhalb des Alltäglichen liegt, und nochmals viel grösser diese Freude, wenn dieses Unterfangen so gut gelingt wie dieses Bachkonzert, welches weit über einen Achtungserfolg hinausging. Kritiker, ganz im Gegensatz zu ihrem teilweisen Ruf, loben durchaus gerne - nur lobhudeln mögen wir nicht - denn wir gehen selber auch, was sicher allen einleuchtet, lieber zu gelungene als zu missratenen Anlässen.

Vorab ein grosses Lob dem Dirigenten und spiritus rector des Abends, Rudolf Juker, der dafür seine Organisten- und Kantor II-Ausbildung voll
brauchte und auch entfalten konnte. Doch auch die Solisten, der Chor und das Orchester - es wird noch im einzelnen darauf zurückzukommen sein - verdienen uneingeschränktes Lob, nicht zuletzt auch für ihre Ausdauer, denn ohne ausdauernde Probenarbeit (ab August des Vorjahres) erbringt auch der begeistertste Amateur keine solchen Leistungen!


Souveräne Stückwahl

Zwei Werke von Johann Sebastian Bach: Die Motette "Jesu, meine Freude" (Bachwerkverzeichnis, oder eben: BWV 227), gefolgt von der der Missa in F-Dur (BWV 233), einer "Lutherischen Messe". Die fünfstimmige Motette sehr anspruchsvoll, da es keine durchgängige Hauptstimme (etwa den üblichen Sopran) gibt, was den Mitwirkenden Zusammenspiel und Orientierung erschwert. Doch wenn es gelingt, ein Fest: Nicht umsonst war Bach der berühmteste aller leipziger Thomaskantore, seine Choräle und thematischen Verschachtelungen (Fugen, Kontrapunkt) sind, bei aller unmittelbarer Wucht, voller musikalischer Finessen.

Vergleichsweise gradlinig-wuchtig neben dem eher gesitteten Orchester-Solisten-Chordialog der Motette die "Lutherische Messe". Im Gegensatz zur Motette (welche auf Deutsch gesungen war) in lateinischer Sprache, wiederum den Solisten ihre Rollen zugeteilt. Das bedeutendste musikalische Stück darin wohl das Gloria, knapp, bewusst kantig, von überzeugter und begeisterter Gläubigkeit, Kirchenmusik mit vollen Tutti: Orchester, Solisten, Chor, a joyful noise!

Die Missa F-Dur - das Programmheft informiert auch darüber in seinen vier knappen aber wesentlichen Beiträgen (Textauswahl und -zusamenstellung: Albin Ruffner) - bekam ihre Anfeindungen von so prominenter Seite wie Albert Schweitzer, als "Versatzstück", zusammengeschustert aus bereits anderswo gebrauchtem. Diese Einschätzung zeigt, dass auch
unbestrittene Meister irren können - der Messe haftet nichts Epigonenhaftes an, und dass bei der unweigerlichen Grossproduktion von 52 mal Sonntagsmusik im Jahr besonders gut ankommende Themen wiederverwendet werden, ist weder neu noch sonderlich schockierend.

 

Revolutionäres und Konventionelles

Der Ausdruck "Luthermesse" (wörtlich genau ist "lutherische Messe") ist eigentlich bloss eine technische Bezeichnung für die im Gefolge der Reformation auf die Teile Kyrie/Gloria/Domine Deus/Qui tollis/Quon-iam (dh Sanctus)/Cum Sancto Spiritu reduzierte "neue Standardmesse", zur Unterscheidung von der ehemals einfach mit "Messe" bezeichneten und (damals) neuerdings "katholische Messe" genannten. Sie konnte, wie Luther spontan einräumte, deutsch oder lateinisch gesungen werden. Es scheint, dass diese Doppelstellung sowohl zwischen den Sprachen wie den Religionen über die Jahrhunderte hinweg verschiedenen Puristen nicht ganz in den Kram gepasst hat - ein Umstand, der bis heute mit dazu beiträgt, dass die vier bachschen Luthermessen relativ unbekannt geblieben sind!

Inwiefern sich diese Kontroverse auf den deutschsprachigen Raum beschränkt (hat) ist unklar, doch ein Blick auf den "Mass" (dh Messe)-Eintrag im Oxford Compendium of Music zeigt zum Beispiel, dass die Engländer damit sichtlich weniger Mühe haben. Bachs Hauptwirkungsort ist jedoch immer der deutsche Sprachraum gewesen, und da hat die Popularität seiner Luthermessen ganz offensichtlich unter dieser Kontroverse - wohl eher einem Vorurteil, wie wir gesehen haben - gelitten. Man kann deshalb auch dem auswählenden Chorleiter nur dankbar sein, seinem Publikum mit dieser Wahl eine eigene Meinung ermöglicht zu haben - und das sowohl zu Bachs wie zum aller anderen Vorteil!

 

Nochmals zur Aufführung

Der Dirigent und Chorleiter Rudolf Juker, die Solisten - Jairat Pitak-charoen (Sopran), Teeranai Na Nongkai (Mezzosopran), Karsten Schulz (Bass), sowie Shabai Rodenwaldt am Continuo, der kleine Chor (mit den solistischen Stimmen zusätzlich für die Motette) und der volle Chor sind für ihre mehr als adäquaten Leistungen in dieser Kritik bereits einzeln und pauschal gewürdigt worden. Bleibt noch das (ad hoc) Orchester von 17 Musikern - die eigentliche künstlerische Überraschung des Abends!

Wer mit auch immer was für Erwartungen an diesem Samstag ins Konzert ging, der hätte zu Recht beim Orchester mehr Probleme erwartet als bei den Sängern, denen vom Zweck ihres Vereins her zumindest klassischer Chorgesang - je nach Können - vertraut ist/wäre/sein sollte ... Nun, was die (meist jungen) Musiker hinlegten - vor allem auch in der anspruchsvollen Partie der Bläser - ist nicht nur ein weiteres Ruhmesblatt für den Dirigenten, sondern war ganz einfach auch eine erfrischende Demonstration unverbrauchter professioneller Musikalität.

Geradezu alles ist da zu rühmen: Der Bachsound der Streicher, fast wie beim münchner Bachorchester Karl Richters seligen Angedenkens, die frische, diszipliniert durchgehaltene, und doch beinahe frenetische Ostinatospielweise, die saubere Intonation und (zum Teil auch solistische) Ausführung bei den Bläsern (dort auch ganz besonders bei den Oboen), und ganz allgemein die ansteckende, aufs Publikum überspringende Freude am musizieren und trillilieren! Fürwahr Freude, schöner Götterfunke!

Dass die Kirche gut geeignet und erst noch voll war - die einzige in Bangkok mit der richtigen benötigten Orgel, dazu geräuschlos klimatisiert und mit bequemem Gestühl - wird den Aufführenden und deren Sponsoren - neben BMW Thailand vor allem die deutschen und schweizer Botschaften, der Pausenbrotverkauf der DsSB - noch den nötigen Auftrieb gegeben haben. Die Besucher haben es ihnen gedankt, so macht man Konzertgeschichte! Bravo!

 

 

18. Juni 2002

 

This page was renewed on: November 1, 2002

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