Reisenotizen vom Mississippi zum Stillen Ocean
Wir erreichten Omaha früh Morgens am 19. August. Noch vor kurzer Zeit war für uns mit dem Namen Omaha und Council Bluffs der Begriff des fernen Westens, der äußersten Grenzen der Civilisation verbunden. Bilder von roh gezimmerten Blockhütten, rauhen bärtigen Pionieren in Hirschfelle gekleidet, Indianerwigwams und Büffelheerden schwebten uns vor. An dem hellen Sommermorgen unserer Ankunft erschien uns Omaha in einem freundlicheren Lichte. Die Stadt ist auf dem westlichen Ufer des Missouri auf sanft anschwellenden Hügeln gelegen, deren südlichster dicht bewaldet ist. Ein von hohen Schornsteinen überragtes Gebäude von imposanten Dimensionen fällt zuerst dem Ankommenden auf, nah am Fluß auf einer Erhöhung gebaut; es stellt sich bei näherer Besichtigung als ein Zeichen germanischer Gewerbsthätigkeit, als eine Brauerei, heraus. Die Stadt, deren Einwohnerzahl auf 15 und 25,000 angegeben wird, unterscheidet sich äußerlich in keinem wesentlichen Punkte von andern amerikanischen Städten ähnlicher Größe. Die Attribute des Pionierlebens sind verschwunden; keine Blockhütten, keine rauhbärtigen Grenzbewohner, keine Indianer mehr; dagegen lebhafte Geschäftsstraßen mit gut gebauten, wohlgefüllten Läden, eine Straßeneisenbahn, und in den äußeren Theilen der Stadt eine Menge von sehr geräumigen, im modernsten Geschmack gebauten Wohnhäusern, die irgend einer Landstadt des Ostens und Westens zur Zierde gereichen würden. Die Menge eleganter, mit geputzten Damen gefüllter Equipagen, deren eine sogar mit einem Kutscher in Livree paradirte, ließ uns nicht zweifeln, daß die Emporkömmlinge von Omaha ihre Vorbilder im Osten gut nachzuahmen wissen. Eine geräumige, mit großer Aufschrift versehene Turnhalle gibt Kunde von der gesellschaftlichen Strebsamkeit des deutschen Elements, welches zahlreich und in achtungswerther Weise vertreten ist. Von den „Grenzen der Civilisation“ merkt man also nichts mehr. Man darf Omaha eine hübsche, äußerst gefällig in's Auge fallende Stadt nennen.
Das Geschäftsleben in Omaha ist natürlich auch von der jetzt überall herrschenden Stockung berührt. Wir fanden die Kaufläden mit Waaren aller Art überreichlich ausgestattet, wahrscheinlich mehr, als der augenblickliche Bedarf verlangt. Ueberhaupt hat die Spekulation und der Unternehmungsgeist in Omaha der natürlichen Entwicklung ein wenig vorgegriffen. Schon vor dem Ende der fünfziger Jahre waren die Preise des Grundeigenthums dort auf eine unsinnig Höhe getrieben. Seitdem hat man mancherlei Rückfälle erlebt, aber die Preise sind immer noch imposant, und die von Geschäftsleuten bezahlten Miethen scheinen damit zu correspondiren. Ein Eigenthümer zeigte mir ein in der Hauptstraße gelegenes Framegebäude von zwei Stockwerken und bescheidenen Dimensionen, welches, wie er sagte, ihm jährlich 6000 Dollars einbringt. In St. Louis würde man aus demselben Hause in verhältnißmäßig ebenso günstiger Lage schwerlich zwei Drittel dieser Summe ziehen können. Solche Dinge werden wohl nach und nach auf ein vernünftiges Maß zurückgeführt werden, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß der Stadt Omaha eine blühende Entwickelung bevorsteht. Vorläufig ist das „Hinterland“ noch zu wenig angesiedelt und bevölkert, um dem Geschäfte eine großartige Ausdehnung zu geben. Aber die Bevölkerung wird sich allmälig einfinden, und Omaha, als der auf dem westlichen Ufer des Missouri gelegenen Endpunkt oder vielmehr Ausgangspunkt der Pacific-Eisenbahn, wird immer das Hauptdepot des Handels für den Staat Nebraska und manche der sich westlich davon entwickelnden Ansiedlungen bleiben.
Dieser Rang soll ihm freilich von der auf dem östlichen Ufer in Iowa gelegenen Stadt Council Bluffs streitig gemacht werden. Auch Council Bluffs hat seine Periode wilder Spekulation in Grundeigenthum gehabt. Aber seine Entwickelung ist hinter der Omaha's zurückgeblieben. Vorerst ist seine Lage in keiner Beziehung so günstig. Council Bluffs liegt drei bis vier Meilen vom Strome ab, auf einer Niederung, die bei hohem Wasserstande vom Missouri theilweise überfluthet wird. Die „Bluffs“, von der die Stadt ihren Namen hat, überragen dieselbe auf der östlichen Seite. Ich habe die Stadt nur von der Eisenbahn aus gesehen und weiß daher über ihre innere Beschaffenheit Nichts zu sagen. Sie ist jetzt der Endpunkt der „Chicago- und Northwestern“ und der „Rock Island“ Eisenbahnen, welche dort jetzt noch durch eine bloße Dampffähre mit dem Ausgangspunkte der Pacific-Eisenbahn verbunden sind. In Kurzem wird jedoch durch eine Brücke über den Missouri eine bessere Verbindung hergestellt sein. Bald wird auch eine dritte Eisenbahn vom Süden her dort münden. Die Geschäftsleute von Council Bluffs hoffen nun, daß diese drei Eisenbahnen, mit Omaha nur durch eine einzige Brücke verbunden, ihre Frachten und Passagiere auf dem östlichen Ufer ablagern und Council Bluffs zu dem Großhandelsplatz machen werden. Ueberdieß heißt es, daß die Union-Pacific Eisenbahn Compagnie, welche auf dem östlichen Ufer in der Nähe von Council Bluffs 1,100 Acker Land besitzt, ihr Hauptdepot dorthin verlegen und damit Handel und Gewerbe herüberziehen werde. Diese Dinge mögen allerdings der Stadt Council Bluffs ein gewisses Maß gedeihlicher Entwickelung sichern; aber Omaha, von wo sich auf dem linken Ufer bald die Eisenbahnverbindungen mit dem Inneren des Landes rechts und links verzweigen werden, muß doch der Natur der Sache nach immer das Hauptvertheilungslager des Handels bleiben, gerade wie die auf dem westlichen Ufer des Mississippi gelegenen Städte in Iowa und Missouri im Gegensatz zu den zum Theil früher entwickelten Plätzen auf der anderen Seite. Ueberdies fühlt man in der Atmosphäre von Omaha das Wehen eines frischen, kühnen Unternehmungsgeistes, der alle Chancen begierig wahrnehmen und im Laufe der Zeit Bedeutendes zu Stande bringen wird. Der Eindruck, den wir, nach einem Aufenthalt von nur wenigen Stunden von Omaha mit uns fortnahmen, war ein durchaus günstiger. Diejenigen von uns, die dort noch ein Stück der Romantik des Pionierlebens zu finden gehofft, fanden sich freilich enttäuscht. Die letzten Spuren davon waren von dem Strome der Cultur weggewaschen. Die „Grenzen der Civilisation“ mußten wir in einem ferneren Westen suchen.
Wer die wellenförmigen Prairien von Iowa gesehen hat, kann sich von dem Lande auf beiden Seiten der Pacific Eisenbahn auf mehr als fünfzig Meilen hinaus westlich von Omaha leicht eine Vorstellung machen; sanft anschwellende Erhöhungen, die dem Pfluge keine Schwierigkeiten bieten, ein vortrefflicher Ackerboden, und überall die Zeichen erfolgreichen Fleißes. Es ist eben eine Fortsetzung von Iowa. Die kleinen im ersten Entwicklungsstadium begriffenen Städte, welche an der Bahnlinie erstanden sind, unterscheiden sich in keinem wesentlichen Punkte von den tausend jungen Ansiedlungen, welche wir in unsrem eignen Staate kennen. In der Gegend von Fremont, nicht ganz 50 Meilen westlich von Omaha, erblickt der Reisende südlich von der Bahn den von Westen her strömenden Platte Fluß, dessen seichtes Bett von zahlreichen Sandbänken getheilt und von einem dünnen Baumwuchs umrahmt ist. Nun werden allmälich die Ansiedlungen seltner und primitiver; lange Strecken wilder Prairie sind nur hier und da von zerstreuten Kornfeldern unterbrochen; die wellenförmige Prairie läuft in eine todte Fläche aus; der Horizont ist in der Ferne von niedrigen Hügelreihen oder Bluffs begrenzt, die nördlich den Lauf des Elkhorn Flusses und südlich den des Platte bezeichnen. Endlich hört der Ackerbau ganz auf. Nun überschleicht den Reisenden das Gefühl, daß er in der That den „fernen Westen“ erreicht hat. Die Landschaft trägt das Gepräge öder Einsamkeit. Der Graswuchs wird dünner, die Erscheinung eines Baumes seltener. Hier und da erheben sich auf der Nordseite der Bahn aus der Prairie steile bankartige Felsbildungen, welche die Oede noch öder machen. Das Auge streift suchend über die Fläche dahin, um ein Zeichen des Lebens zu finden; hier und da einige einsame Krähen, sonst nichts. Da auf einmal sieht man den Grasboden von zahllosen kleinen Sandhügeln gefleckt, und auf hunderten dieser Hügel, die etwas breiter aber nicht höher als ein gewöhnlicher Maulwurfshaufen sind, kleine wie graue Eichhörnchen aussehende Thiere, welche sich neugierig auf den Hinterfüßen erheben und Männchen machen. Es ist ein „Dorf der Prairiehunde“. Es ist dem Reisenden eine willkommene Erscheinung. Er hat nun die erste Bekanntschaft mit den Ureinwohnern der „Ebenen“ gemacht, eine Bekanntschaft, die der schnurrigen Lebhaftigkeit des kleinen Thieres wegen eine Zeit lang unterhaltend ist, an die man sich aber bald gewöhnt, da die Erscheinung der Prairiehundedörfer sich tausendfach wiederholt, ehe man das Thal des Salzsees erreicht hat. Man hätte dem kleinen Thiere einen passendern Namen geben können. Mit dem Hunde hat es nicht die geringste Aehnlichkeit. Man würde es auf den ersten Blick für ein etwas über das gewöhnliche Maß hinaus gewachsenes graues Eichhörnchen halten können, wenn ihm nicht der buschige Schwanz fehlte. Seine Gewohnheiten sind äußerst gesellschaftlicher Natur. Man findet nie die Höhle eines Prairiehundes allein. Ich habe „Dörfer“ gesehen, die beinahe eine englische Quadratmeile bedeckten. Auch soll ihm die Tugend der Gastfreundschaft nicht fremd sein. Man sagt den Prairiehunden nach, daß sie Eulen und Schlangen in ihren Löchern bei sich beherbergen. Aber auch andere Bewohner der Wildniß finden sich ein. Lebhafte Aufrufe des Vergnügens im Eisenbahnwagen verkündeten die Erscheinung der Antilope. Wir sahen sie einzeln und rudelweise auf den einsamen Grasflächen weiden und bei der Ankunft des brausenden Eisenbahnzuges theils neugierig die Köpfe heben, theils ihr Heil in eiliger Flucht suchen. Die Antilope ist ungefähr so groß wie das deutsche Reh und in ihrem Bau der Gemse ähnlich. Auch ihre Hörner gleichen denen des Gemsbocks in Farbe und Form; nur haben sie eine Zacke mehr. An einer Station sahen wir eine junge Antilope, die kurz vorher gefangen und leicht gezähmt worden war. Sie lief frei herum und spielte mit den Hunden. Man sagt, daß die Antilope sich schnell an den Menschen gewöhne. Es kann nichts Graziöseres geben, als die Bewegungen dieses Thieres. Es scheint beim Laufen und Springen alle vier Füße zugleich vom Boden zu erheben und wieder mit allen vieren zugleich auf den Boden herunterzukommen. So gleicht die Federkraft seiner Beine der eines Gummiballes, der, einmal angeworfen, den Boden nur zu berühren braucht, um elastisch wieder emporzuschnellen. — Büffel sahen wir auf der ganzen Reise nicht. Sie sind südlich von der Bahn, weiter hinunter gewandert.
Wie man hundert und wieder hundert Meilen weiter gegen Westen fährt, so machen die Eisenbahnstationen einen immer einsamern und verlorneren Eindruck: ein Brettergebäude, das als Depot dient, das stereotype braun angestrichene Haus des Bahnwärters, und dann noch ein paar Hütten oder Zelte, von denen eines unabänderlich mit der Inschrift „Beer Saloon“, geziert ist. Aber selbst den durstigsten Germanen würde die Außenseite des Locals nicht zum Eintritt reizen. Bald bemerkt man militärische Posten, welche der Bahn entlang aufgestellt sind, und man wird daran erinnert, daß noch vor Kurzem hier der Indianer die vorschreitende Civilisation mit barbarischem Widerstand bedrohte. Jetzt scheint die Gefahr vorüber zu sein. Der Sohn der Wildniß nähert sich der bewachten Eisenbahn nicht mehr. Auch sagt man, daß er eine ängstliche Scheu vor dem furchtbaren Geheimniß des Telegraphendrahts habe. Doch sind jüngst noch einzelne Fälle von Angriffen auf Leute vorgekommen, die sich unvorsichtiger Weise allein auf das südliche Ufer des Platteflusses wagten. Der Abend brach herein, als wir jene alten Kampfplätze passirten. Unbekümmert um die Indianergefahr legte man sich zur Ruhe, aber mit einem ähnlichen Gefühl, welches man zur See empfindet, wenn man in eine unbekannte, unübersehbare Weite hinausfahrt.
Der aufgehende Morgen zeigte uns dieselbe Scenerie, deren Anblick uns der vorige Abend verhüllt hatte; dieselbe öde Ebene, höchstens von Felsbänken unterbrochen, derselbe dünne Graswuchs, höchstens von Prairiehundedörfern belebt. Den North Platte-Fluß, da wo er sich mit dem South Platte vereinigt, hatten wir während der Nacht passirt. Jetzt lag die Stadt Cheyenne vor uns, die Hauptstadt des Territoriums Wyoming, 516 Meilen westlich von Omaha. Es ist ein eigenthümliches Ding um diese „Städte“ an der Pacific Eisenbahn. Kurz nach Mitternacht waren wir an der Stadt Julesburg vorübergesaust, die vor achtzehn Monaten kaum existirte, die vor zehn oder zwölf Monaten 5000 Einwohner und die Reputation besaß, eine Auslese der ärgsten Spieler, Spitzbuben und Gurgelabschneider des ganzen Landes zu beherbergen, und die jetzt noch aus zwei oder drei von Arbeitern bewohnten Hütten besteht. Die Stadt Cheyenne hatte sich vor nicht gar langer Zeit, als sie noch der Endpunkt der Pacific-Eisenbahn war, eines ähnlichen Rufes zu erfreuen, und wir waren neugierig, diese Berühmtheit in der Nähe zu sehen. Ein gut gebautes, geräumiges, wohl ausgestattetes Bahngebäude nahm uns auf. Das vortreffliche aus Forellen, Antilopenfleisch und Bärensteakes bestehende Frühstück, welches man uns vorsetzte, erweckte ein entschieden günstiges Vorurtheil, und wir schlenderten den kurzen Aufenthalt benutzend, durch die Straßen, zu wohlwollender Kritik gestimmt. Die Häuserreihe, welche der Bahn entlang gebaut ist, erinnert einigermaßen an die berüchtigte Vergangenheit des Platzes. Trinkstube reiht sich an Trinkstube, und Billardsalon an Billardsalon. Aber bei näherer Nachfrage findet man, daß die alten Beutelschneider ausgeflogen sind und anständigen Leuten Platz gemacht haben. Als die Eisenbahn dort endete, hatte die Stadt einmal gegen 10,000 Einwohner; jetzt ist die Zahl auf etwa 2,600 herabgeschmolzen. Aber der Verlust ist in der That ein Gewinn gewesen, denn der räuberische Abenteurer ist gegangen, und der ordentliche gewerbtreibende Bürgersmann zurückgeblieben. Die Geschäftsstraße, in der Alles zu kaufen ist, was der Bewohner der Ebenen bedarf, sah lebendig genug aus. Die Häuser sind meist von Holz; einige bestehen aus Adoba d. h. an der Sonne getrockneten Erdziegeln, und mehrere Backsteingebäude sind theils vollendet, theils im Entstehen begriffen. Für das Seelenheil ist durch drei Kirchen gesorgt, und für den aesthetischen Genuß durch zwei in Bretterbuden befindliche Theater, die jedoch, als wir Cheyenne besuchten, nicht zu dramatischen Vorstellungen benutzt wurden. Wohnt dort ein wirklicher Aesthetiker, so wird er den Verlust schwerlich fühlen.
Da Cheyenne der Regierungssitz des Territoriums Wyoming ist, so war ich neugierig, den Sitz der hohen Obrigkeit zu sehn. Im zweiten Stock eines kleinen Framehauses fand ich ein äußerst bescheidenes Zimmer, welches dem Gouverneur als Office, und ein andres, welches dem Territorialsekretär als Schreibstube und Schlafgemach diente. So sind die kleinen Anfänge großer Staaten. Als Curiosum zeigte man mir einen wohlgefüllten Begräbnißplatz, auf dem, wir es hieß, nur drei Leute lagen, die eines natürlichen Todes verendet waren. Die Anderen „starben alle in ihren Stiefeln,“ — eine auf den Ebenen gebräuchliche elegante Umschreibung für das Erschossen- oder Erstochenwerden. Doch das sind jetzt nur noch die Monumente einer wilden Vergangenheit. Das hat sich alles zum Bessern geändert; man schießt und sticht nicht mehr als an andern Orten, und Cheyenne ist ein ruhiger, ordentlicher Platz geworden.
Die Stadt liegt wie verloren auf der endlosen, öden Ebene, trostlos genug. Doch sagte man mir, daß einzelne Versuche, Gemüse und Weizen zu bauen, sehr gute Resultate geliefert hätten. Natürlich sind solche Versuche seit dem kurzem Bestehen der Stadt nur auf ein sehr kleines Maß beschränkt gewesen. Ich kann jedoch nicht glauben, daß der Boden zum Ackerbau im Großen geeignet ist. Er ist so dünn und leicht, daß er, unangebaut nur kurzes Gras hervorbringt, und der Getreidebau ohne künstliche Düngung, die dort nicht möglich ist, würde ihn schnell ausnutzen. Ueberdies liegt die Ebene, auf welcher sich Cheyenne erhebt, 6000 Fuß über dem Meeresspiegel, und die warme Jahreszeit kann nur kurz sein. Am Morgen des 20. August, als wir dort ankamen, war es so kalt, daß man ein Feuer im Ofen des Bahnhofgebäudes sehr behaglich fand. Doch bieten die Tausende von Quadratmeilen umfassenden Grasflächen herrliche Weidegründe dar, welche unzweifelhaft bald von Rindvieh- und Schafheerden wimmeln werden.
Während nun die Bevölkerung, welche dieses Weideland anziehen wird, wohl niemals so zahlreich werden kann, um Cheyenne zum Mittelpunkt und Handelsplatz eines dichtbesiedelten Landdistriktes zu machen, so glaube ich doch nicht, daß die Stadt zu den Eintagsfliegen gehören wird. Von dort aus gehen regelmäßige Postkutschen nach dem hundert Meilen südlich gelegenen Denver, der Hauptstadt von Colorado. In kurzer Zeit wird diese Kutschenlinie durch eine Eisenbahn ersetzt sein, und sobald die Kansas Pacific Bahn Denver erreicht hat, was schwerlich über achtzehn Monate hinausstehn kann, so wird Cheyenne den Vereinigungspunkt einer von St. Louis und einer von Chicago ausgehenden Linie bilden. Weitere Verbindungen in nördlicher Richtung werden dann nicht lange auf sich warten lassen. Wir sagen also diesem Kinde der Wildniß, welches unfehlbar zum Centralpunkt großer Verkehrsstraßen werden muß, eine blühende Zukunft voraus, die ihm mehr ordentliche, betriebsame Bürger bringen wird, als es zur Zeit seines ersten, pilzartigen Aufschießens Strolche und Spitzbuben besessen hat.
Die Einbildungskraft spielt uns zuweilen sonderbare Streiche. Als zuerst von der Pacific Eisenbahn ernstlich die Rede war, fragte man sich allgemein: Wie wird es möglich sein, mit einer Eisenbahn die Felsengebirge zu übersteigen? Der Name der Felsengebirge rief in uns eine unbestimmte Vorstellung des grenzenlos Wilden, Ungeheuren wach, vor welchem der menschliche Unternehmungsgeist rath- und machtlos stehn bleiben müsse. Man dachte an riesige Berge, die man zu durchstechen, steile mit Schnee und Eis gefüllte Hochpässe, die man zu ersteigen, grausige Schluchten, die man zu überbrücken haben werde. Es könnte keinen größeren Contrast geben, als zwischen dieser Vorstellung und der Wirklichkeit. Von Omaha bis Cheyenne steigt die Eisenbahn über 5000 Fuß hinan, ohne daß der Reisende das Geringste davon merkt. Da gibts weder Hochpässe, noch Tunnels, noch Schluchten. Man rollt bequem eine sanft und gleichmäßig ansteigende Ebene hinauf, auf welcher Schwellen und Schienen ohne Weiteres auf den festen Boden gelegt werden konnten. Hätte die Natur mit Bewußtsein einer Eisenbahn vorgebaut, sie hätte die Sache nicht bequemer einrichten können. Von Cheyenne bis Sherman, eine Entfernung von 33 Meilen, steigt man weitere 2000 Fuß hinan, ohne größeren Schwierigkeiten zu begegnen. Nur die Ueberschreitung eines kleinen Thales hat eine Brücke von etwas über 100 Fuß nöthig gemacht. Bis dahin hat man vom Hochgebirge nichts gesehn. Jetzt erheben sich in einiger Entfernung rechts und links neben der Bahn phantastisch aufeinander gethürmte wild zerrissene Felsmassen mit grotesk zackigen Profilen, welche eine Erdrevolution jäh emporgeschleudert zu haben scheint. Colossale Granitblöcke, theils eckig, theils abgerundet und scheinbar auf unendlich kleinen Unterlagen balancirend, liegen auf der aufsteigenden Ebene zerstreut; dazwischen thurm- und mauerartige Aufschichtungen von mächtigen Granitquadern, riesenhaften Cyklopenbauten ähnlich. So kündigt sich das eigentliche Felsengebirge an. Aber dazwischen läuft das Bahnbett mit fast ungestörter Bequemlichkeit.
Bei der Station Sherman aber, dem höchsten Punkte, den man auf der Pacificbahn erreicht, 8235 Fuß über dem Meeresspiegel, eröffnet sich eine neue Fernsicht. Vor uns liegt die breite Laramie-Ebene, gegen Norden von den „schwarzen Hügeln“, und gegen Süd- und Nord-Westen von den Hochgebirgen, der Sierra Madre und der Medecine Bow Kette begrenzt, deren höchste Gipfel, 12 bis 13,000 Fuß emporsteigend, fleckenweise mit Schnee bedeckt sind. Großartig, wie diese Bergzüge mit ihren mannichfaltig gezackten Profilen erscheinen, so bringen sie doch keineswegs den überwältigenden Eindruck der Schweizer Alpen hervor. Da gibt es keine saftig grünen Berglehnen, keine ewigen Schneefelder, aus welchen sich die höchsten Gipfel als leuchtende Thürme oder Kuppeln emporheben, keine in die Thäler hinunterhängenden Gletscher, keine glänzenden Farbenspiele. Hinter der mattgrünen Ebne, welche nur hier und da einige verkrüppelte Fichten und Cedern hervorzubringen vermag, und in großen Zwischenräumen von rötlichen Felsbänken unterbrochen ist, steigen die Berge kahl in grauen Schattirungen auf, die Ausläufer in einem bläulichen Duft verschwimmend, das ganze Bild eintönig, wild und öde. Dies gilt wenigstens von den Gebirgen, welche man von der Eisenbahn aus sieht.
Von Sherman steigt die Bahn mit einer Senkung von etwa 1100 Fuß auf 23 Meilen in die Laramie Ebene hinunter. Es ist wiederum eine mit dürren Grase bewachsene Fläche, ähnlich der, auf welcher Cheyenne liegt. Das Städtchen Laramie, etwa zwei Meilen von dem Militärposten Fort Saunders ausgelegt, ist noch nicht über die ersten Anfänge hinaus. Wir besuchten das Fort, welches noch vor wenigen Monaten in der wildesten Einsamkeit lag und jetzt plötzlich durch die Bahn mit dem Getriebe der civilisirten Welt in lebhafte Verbindung gebracht worden ist. Mehrere geräumige Holzhäuser sind um der großen viereckigen Paradeplatz gebaut, dessen Mitte durch eine hohe Flaggenstange markirt ist. Diese Holzhäuser dienen theils als Kasernen den Soldaten und Wohnungen der Offiziere, theils als Pferdeställe. Von eigentlichen Fortificationen findet sich dort nichts, als ein mäßig großes Blockhaus, wie wir sie während des Krieges zum Schutze von Eisenbahn-Brücken zu errichten pflegten. Das „Fort“ ist also eigentlich nur ein offener Garnisonsplatz mit einem im äußersten Nothfall zu gebrauchenden Reduit. Der Platz ist in allen Richtungen von Gräben durchschnitten, durch welche reichliche Ströme klaren, meilenweit von den „schwarzen Bergen“ hergeleiteten Wassers fließen. Dieselbe Wasserleitung kommt auch dem Städtchen Laramie zu Gute. Die Offizierswohnungen fanden wir bequem eingerichtet, und zum Theil mit der Behaglichkeit ausgestattet, welche die sinnig ordnende Frauenhand verräth. Wenn nicht gerade ein Indianerkrieg zu ungewöhnlicher Thätigkeit anspornt, so muß das Leben in diesen einsamen Grenzgarnisonen von geisttödtender Eintönigkeit sein. Alles dreht sich um das ewige Einerlei des Garnisonsdienstes, die Wachparade und ein wenig Exerciren, welches beibehalten wird, um den zwei oder drei Compagnien, welche die Besatzung ausmachen, wenigstens Etwas zu thun zu geben. Officiere, welche sich nicht ohne beständige Aufregung geistig zu beschäftigen wissen, können einem solchen Leben wohl nur durch die Jagd, die gewöhnlich vortrefflich ist, einiges Interesse abgewinnen.
Auf der Laramie Ebene hat man ebenso einige Ackerbauversuche angestellt, wie der Cheyenne, und mit ähnlichem Erfolge. Doch ist auch hier der magere Boden ohne künstliche Düngung bald aus genutzt und nur als Weideland von wahrem Werthe. Obgleich die Ebene durchweg gegen 7000 Fuß über dem Meeresspiegel liegt, sollen doch die Winter zwar nicht lang, keineswegs aber sehr streng sein, bei Weitem nicht so streng, wie im Mississippithal oberhalb St. Louis. Auch soll der Schnee nicht so reichlich fallen, daß nicht das Vieh sein Weidefutter unter dem Schnee erreichen könnte. Man erzählte mir von einem Heerdenbesitzer, der sich anheischig macht, dort an Ort und Stelle täglich 200 Ochsen zu schlachten und das Fleisch zu 7½ Cents das Pfund nach St. Louis und Chicago auf den Markt zu liefern, wobei 1½ Cent per Pfund als Fracht veranschlagt wird. Die Eisenbahn-Compagnie solle ihm nur „Refrigerator Cars“ stellen, d. h. Wagen, welche die zur Frischerhaltung des Fleisches nöthigen Eisvorrichtungen haben. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß ähnliche Unternehmungen bald in's Leben treten und auf den Lebensmittelmarkt im Mississippithal einen bedeutenden Einfluß ausüben werden. Doch wird die Einrichtung von Weidefarmen auch hier keine dichte Bevölkerung anziehn können. Das Büffelgras ist zwar für das Rindvieh ein ausgezeichnetes Nahrungsmittel. Aber es wächst nicht zu langen Halmen, sondern nur in sehr kurzen Büscheln auf und steht so dünn, daß ein Ochs einen bedeutend größeren Flächenraum zu seiner Ernährung gebraucht, als dies auf den mastiger Prarien von Illinois und Missouri der Fall ist. Die Büffelheerden wandern daher auch rastlos von einem Waidegrund zum anderen, um genügendes Futter zu finden, und der Waidefarmer auf der Laramie-Ebene wird sehr großer Strecken Landes bedürfen, um eine verhältnißmäßig gering Zahl von Rinder zu mästen.
Schon hier findet sich im Grasboden ein nicht unbedeutender Alkaligehalt, doch nicht so stark, daß er den Boden am Ende total unfruchtbar machte. Ich bemerkte, daß in ausgestandenen Pfützen ein weißer Satz zurückgeblieben war. Man sieht mehr davon, wenn man erst das Thal des Bitter Creek erreicht, der sich in der Green River ergießt und mit ihm in südlichem Lauf dem Colorado und dem Stillen Ocean zuströmt. Der Bitter Creek hat seinen Namen nicht umsonst. Er ist in der That ein bitterer Bach, dessen salzhaltiges Wasser weder Thier noch Mensch vertragen kann. Bei einer Station am Bitter Creek mußten wir unsern Kaffee und Thee ohne Milch trinken, weil, wie man uns sagte, man keine Kuh innerhalb einer Meile vom Platze halten könne. Hier beginnt man zu fühlen, daß man nicht allein in eine Wildniß, sondern auch in eine Wüste eingetreten ist. Das Hochgebirge reicht weiter von der Bahn zurück, seine Häupter werden nur zuweilen sichtbar durch die Schluchten, von welchen die näher liegenden Hügel und Felsketten unterbrochen sind. Diese Hügel und Felsen aber fangen bald an, das Auge durch ihre phantastischen Formen zu fesseln. Zuerst sind es lange, bald vorspringende, bald zurücktretende Felszüge mit zackigen Firsten, wunderbar zerrissen und zerklüftet. Dann, wenn man sich dem Green River nähert, wird das Auge durch massive Blöcke, Säulen und Thürme rothen Sandsteins überrascht, die bald einzeln, bald in Gruppen aus den Hügelrücken hervorragen. Am westlichen Ende der Laramie Ebene, wo man von Sherman heruntersteigt, hatten wir einen Platz mit ähnlichen nur weniger gewaltigen Formationen gesehen, den man etwas pomphaft den „Garten der Götter“ nennt. Was für einen Namen soll man nun dem Zauberthale geben, wo die Bahn den Green River überschreitet? Hier ist die Ruine eines gewaltigen Burgthurmes, wie vom Rhein hieher versetzt; dort die zerbrochenen Pfeiler einer zerstörten Kathedrale; dort die Trümmer einer aus Felsen gebauten Stadt. Der Phantasie ist Spielraum für das bunteste Schaffen gegeben. Und daneben erscheinen wirklich die Trümmer einer verlassenen „Stadt“, von Green River City nämlich, das einst, wie Julesburg, sich einer ansehnlichen Zahl von Einwohnern rühmen konnte; jetzt sind nur noch die nackten, dachlosen Adobawände zurückgeblieben, die wie ein Zwergenspielzeug neben den colossalen Bauwerken der Natur erscheinen. An dieses Felsenthal schließen sich dann nicht minder überraschende Formationen terassenartig aufgeworfene Erdbänke, genau wie in colossalem Maßstabe ausgeführte Befestigungswerke einer Stadt mit langen Brustwehrlinien, Bastionen und Lunetten, hier und da von runden oder kantigen Thürmen überragt.
Hier ist der Graswuchs beinahe ausgestorben; der Anblick der Oede bringt ein Gefühl der Beklemmung hervor, und man athmet wieder auf, wenn man westlich von Wohsatch, nicht ganz 1000 Meilen von Omaha, wieder saftig grüne Thalsenkungen erblickt. Nun treten wir in die Cannons (sprich Canyons) ein, enge, felsige von Flüssen gerissene Gebirgspässe, welche uns dem Thale des großen Salzsee's zuführen. Zuerst Echo Cannon, auf der Südseite von grasigen Hügeln, auf der Nordseite von Felswänden eingeschlossen, die sich 300-500 Fuß hoch fast senkrecht von der Thalsohle aufthürmen. Dann öffnet sich der Paß zu einem geräumigen Becken, und unser Zug hält vor einer Reihe von Zelten und Bretter-Gebäuden der leichtesten Art, die sich Echo City nennt. Echo City besteht aus Kaufläden und Trinklokalen, die jedoch nicht besonders mit Waaren versehen oder von Kunden besucht zu sein schienen. Am westlichen Ende der Reihe stand eine kleine Bretterhütte mit der Aufschrift: „Bank.“ Wir wünschten den Banquier von Echo City kennen zu lernen und besuchten sein bescheidenes Geschäftslokal. Der Banqier war auf der Jagd, und wir fanden nur einen Telegraphenoperateur, der seine Maschinerie in demselben Schuppen hatte und darauf Acht gab, daß die Bank nicht gestohlen würde. Er sagte uns, die Geschäfte seien flau; Echo City sei überhaupt bereits am „Moven“ und viele Geschäftsleute hätten bereits ihre Vorräthe und Zelte aufgepackt und seien nach besseren Plätzen weiter gezogen. Auf dem Rückwege fand ich in der That auch, daß die Bank unterdessen sich fortbewegt hatte. Die Bretterhütte stand noch, aber die Aufschrift war verschwunden.
Nun fahren wir in Weber Cannon ein, eine Felsenschlucht von unbeschreiblicher Großartigkeit, durch deren Tiefe der Weberfluß rauscht. Auf beiden Seiten thürmten sich die steilen Wände zu gewaltiger Höhe auf. Ein stolzer Fichtenbaum, mit einer Inschrift versehen, bezeichnet die Stelle, wo die Eisenbahn ihre tausendste Meile von Omaha erreicht hat. Wiederum öffnet sich der Paß. Wir finden uns urplötzlich von Weizenfeldern umgeben; dazwischen kleine Farmhäuser unter Baumanpflanzungen.
Es ist die erste größere Mormonenansiedelung; wir befinden uns bereits im Herzen des Territoriums Utah. Nach der langen Fahrt durch die sterile Oede thut der Anblick des eine reiche Erndte tragenden Ackers und des gesegneten Menschenfleißes dem Herzen unendlich wohl. Aber vor uns sehen wir rechts und links zwei Gebirgszüge von imposanter Größe und erhebender Formenschönheit. Mitten in diese Berge hinein, zwischen zwei düsteren Felsabstürzen hindurch, das Teufelsthor genannt, führt die Bahn über den rauschenden Fluß und dann die von Felsen eingeklemmte Uferbank entlang, bis sich nach kurzer Fahrt vor uns das Thal des großen Salzsees aufschließt. Weber Cannon ist unstreitig eine der prächtigsten Felsvaritheen des Gebirges. Jeder Augenblick bietet ein neues Schauspiel: jetzt die zerrissenen Steinwände eng zusammen geschoben, als ob sie das Thal verschließen wollten, dann die phantastischen Zacken und Zinken, den Weg überragend, dann scharf hervorspringende Grate, schmalen verwitterten Mauern gleich, die Wand von oben bis unten zeichnend. Man hat diesen Dingen Namen gegeben und sich dabei in der Romantik versucht. Aber die Phantasie des Romantikers der Felsengebirge hat sich auf ein gar zu enges Feld beschränkt. Was ihm bemerkenswerth schien, hat er mit nichts Besserem als dem Teufel in Verbindung zu bringen gewußt. Da giebt es ein Teufelsthor, eine Teufelsbrücke (von der Union Pacific Eisenbahn Compagnie erbaut), eine Teufelskanzel, eine Teufelsrutschbahn u. s. w. Bedenkt man, daß sich an diese verschiedenen Teufelsinstitute auch nicht die Spur einer volksthümlichen Sage knüpft, so erscheint die ganze Teufelsnomenclatur herzlich einfältig. Wir würden es vorziehen, diese schönen Launenkinder der Natur namenlos zu genießen.
Wir kamen in Uintah, der Eisenbahnstation, von wo man „über Land“ nach der Salzseestadt fährt, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang an. Große vierspännige Postkutschen, der Firma Wells, Fargo & Co. gehörend, standen für uns bereit. Auf einer derselben nahm ich einen Außensitz, der mir einen freien Blick auf die Umgebung gestattete. Die Entfernung von Uintah nach der Mormonenstadt ist etwas über 30 Meilen in südlicher Richtung. Der Weg führt zuerst durch wohlbewässerte Farmanlagen in der Ebene, und dann am Abhange der das Thal auf der Ostseite abschließenden Gebirgskette hin. Bergauf und bergab, an kleinen Bauerngehöften vorbei, die in niedrigem Eichengehölze versteckt liegen. Die Farmer waren mit dem Aufrichten von Getreide- und Heuschobern beschäftigt. Plötzlich, auf einer freien Höhe angekommen, erblickten wir zu unserer Rechten den See. Es war ein überraschend großartiges Bild von erhebender Schönheit. Die ruhige, weithin ausgestreckte Wasserfläche glänzte im Abendscheine. Eine aus dem See jäh und mächtig aufsteigende Berginsel, deren malerisch gebrochene, nach der Mitte hin sich gipfelnde Profillinie unwiderstehlich den Blick fesselte, lag in einen tiefblauen Duft gehüllt, von der hinter ihr untergehenden Sonne mit einem lebendig glühenden Strahlenrahmen rothen Lichtes umgossen. Auf beiden Seiten der Insel suchte das Auge vergebens das ferne Westufer des Sees zu erreichen. Die im Norden und Süden sich weithin erstreckenden Hochgebirge standen in scharfem Relief im Lichte des Abendhimmels. Es mag etwas profan klingen: die ganze Scenerie erschien wie eine phantastische Operndekoration in colossale Wirklichkeit übersetzt. Hier wird man zum ersten und einzigen Male lebhaft an die schönsten Punkte der Schweiz erinnert.
Von nun an behielten wir den See im Gesichte, bis endlich das grandiose Bild im blassen Mondlichte verschwamm. Der Weg führte uns nun beständig durch wohlbebaute Felder und zwei Mormonendörfer, Farmington und Centreville, die mit ihren reinlichen Häusern, wohlumzäunten Gehöften und fruchtbaren Obstgärten einen behaglichen Eindruck machten. Kurz ehe wir die Stadt, welche etwa 12 Meilen von der Südspitze des Sees liegt, erreichten, kündigte eine heiße Schwefelquelle, welche dicht am Wege aufsprudelnd ihr grünes Wasser dem See zusendet, ihre Nähe durch ihren eigenthümlichen Geruch an. Es war schon späte Nacht, als wir in die stillen Straßen der Stadt einfuhren. Das Hotel Townsend, welches man eine geräumige, reinliche, aber einfache Landherberge ohne jeden großstädtischen Anstrich nennen darf, nahm uns auf. Der nächste Tag war ein Sonntag, und ich benutzte die Morgenstunden, um in Begleitung eines Ortskundigen die Stadt zu durchstreifen. Ihre zuerst auffallende Eigenthümlichkeit besteht in ihrem Bewässerungssystem. Die breiten Straßen sind auf beiden Seiten von kleinen klaren Wasserströmen durchrieselt, welche man hier und da in der Mitte der Straße zu einem stärkeren Bach vereinigt hat. Diese Riesel, welche von den benachbarten Bergen hergeführt sind, werden, wenn die Bewohner es wollen, durch einfache Vorrichtungen gestaut und in die Gärten geleitet. Auf diese Weise hat man der ehemaligen Dürre des Bodens abgeholfen und eine reiche Vegetation möglich gemacht. Man zieht dort alle Arten von Gemüsen und Aepfel, Birnen, Pfirsiche, Pflaumen, Trauben u. s. w. von vorzüglicher Qualität. Die Wohnhäuser sind meist aus Holz, einige auch aus Adoba gebaut. Zur Ziegelfabrikation hat sich noch kein passendes Material in hinreichender Quantität gefunden. Die meist von Gärten umgebenen Wohnungen sind durchweg äußerst einfach und bescheiden. Ich habe nur drei Wohnhäuser gesehen, die in irgend einer anderen Stadt für wirklich elegant gelten würden. Sie gehören den Gebrüdern Walker, Engländern, die als Mormonen an den Salzsee gekommen, dort reich geworden sind und sich dann mit der Kirche einigermaßen verfeindet haben.
Brigham Youngs Häuser, die innerhalb einer hohen, einer Gefängnißmauer ähnlichen Umzäunung stehen, sind zwar geräumig und solid, aber keineswegs hübsch zu nennen. Die öffentlichen Gebäude, das Stadthaus, das Theater usw. sind aus Stein erbaut, aber auch im Styl ziemlich anspruchslos. Auf einem geräumigen, von hoher Adobemauer eingeschlossenen Platze liegen die kirchlichen Gebäude. In einer Ecke der Umfassung steht das alte Tabernakel, einer großen, alten, mit einem gewaltigen Schindeldach bedeckten Scheuer ähnlich. Die Mormonen halten darin Sonntags ihren Morgengottesdienst. Daneben steht, mehr nach der Mitte des Platzes, das neue Tabernakel, ein architektonisches Monstrum von seltener Scheußlichkeit. Man denke sich, wenn unsere Phantasie so weit reicht, Noahs Arche umgestülpt, mit dem Boden nach oben; oder, wenn das faßlicher ist, eine kolossale, hochgewölbte, mit Schindeln gedeckte Schildkröte auf kurzen gemauerten Steinpfeilern ruhend, und man hat das neue Tabernakel. Es ist sehr geräumig, enthält eine große Orgel, die in Salt Lake City selbst von einem Mormonen aus der Schweiz gebaut wird und jetzt der Vollendung entgegen geht; vor der Orgel eine hohe Estrade für die Würdenträger der Kirche, und lange Reihen von Bänken mit Sitzräumen für 10,000 Personen. Der neue „Tempel“ soll in derselben Umzäunung errichtet werden, in welcher die beiden Tabernakel stehen. Er soll aus grauem Granit erbaut werden mit hohen Thürmen in der Facade. Man ist aber nicht über die Fundamente hinausgekommen. Der Flächeninhalt des Tempels wird nicht so groß sein, wie der des neuen Tabernakels, und man wird fortfahren, das letztere zu Versammlungen zu gebrauchen und den erstern mehr kirchlichen Ceremonien widmen.
Die Haupt-Geschäftsstraße der Stadt unterscheidet sich von den Geschäftsstraßen anderer amerikanischer Plätze derselben Größe höchstens dadurch, daß sie in ihren Gebäuden einfacher, anspruchsloser ist. Ich habe später einzelne Kaufläden hübsch eingerichtet und gut mit Waaren versehen gefunden. Man hat hier und da in Büchern und Zeitungen Salt Lake City eine „schöne Stadt“ genannt. Ich habe nichts „Schönes“ daran entdecken können. Der Totaleindruck ist der des Gewöhnlichen. Man giebt die Einwohnerschaft auf 20- bis 25,000 Seelen an. Ich habe noch keine amerikanische Stadt von ähnlicher Bedeutung gesehen, die nicht viel mehr große und elegante öffentliche und Privatgebäude aufzuweisen hätte, als diese. Auf der andern Seite ist es wahr, daß die Stadt recht reinlich und wohnlich erscheint.
Die Umgebung aber ist in der That herrlich. Gegen Abend machten wir einen Ausflug nach Fort Douglas, einem kleinen etwa 250 Mann Regierungstruppen beherbergenden Garnisonslager, ungefähr vier Meilen östlich von der Stadt auf einem terassenförmig erhöhten Plateau nahe dem Fuße des Hochgebirges gelegen. Von dort bot sich uns ein grandioser Ausblick. Das Gesicht dem Thale zugekehrt, hatten wir hinter uns und zur Linken das Wahsatch-Gebirge, dessen höchste mit Schnee gekrönte Spitzen, die „Zwillinge“, sich 13,000 Fuß hoch in die Lüfte erheben; vor und unter uns die baumreiche Stadt und das weite mit Gehöften besäete und von Bächen und Rieseln belebte Thal; uns gegenüber gegen West und Südwest, die Ebene begrenzend, eine andere Bergkette, nicht so hoch, wie das Wahsatchgebirge, aber von ähnlicher Formenschönheit; und dann gegen Nordwest und Nord, im Duft der Ferne verschwimmend, den großen Salzsee mit seinen wundervollen Inseln. Bei dem Anblick dieses so überaus herrlichen Bildes möchte man gern den menschlichen Unfug vergessen, der sich da unten breit macht.
Voltaire sagt irgendwo von einer religiösen Sekte, daß sie wenig Chancen des Gedeihens habe, weil sich in ihren Doktrinen Nichts vorfinde, was der menschlichen Vernunft besonders stark in's Gesicht schlage. Legt man diesen Maßstab an den Mormonismus an, so wird man ihm sicherlich einige Chancen des Gedeihens zugestehen müssen. Die Mormonbibel, die persönlichen Spezial-Conferenzen, welche die Mormonen-Propheten bei jeder Gelegenheit mit dem lieben Herrgott haben, und aus denen die „Offenbarungen“ hervorgehn, die Vielweiberei, die absolute Priesterherrschaft und ähnliche Dinge lassen in dieser Beziehung nicht viel zu wünschen übrig. Man sehe sich zuerst die Aeußerlichkeiten an.
Jeden Sonntag haben die Bewohner der Salzseestadt zwei religiöse Versammlungen, eine des Morgens und die andere des Nachmittags. Wir beschlossen, beide zu besuchen. Der Morgengottesdienst wurde in dem kleinen alten Tabernakel gehalten. Wir fanden die schmucklose Halle dicht von Gläubigen gefüllt, aber man hatte uns Plätze reservirt dicht bei der Tribüne, so daß uns kein Wort verloren ging. Die hölzerne Tribüne, welche ungefähr 60 bis 70 Personen fassen mag, war von den Würdenträgern der Kirche, Aposteln, Bischöfen, Diaconen, Aeltesten usw. besetzt, alle in gewöhnlicher, zum Theil sehr leichter Tracht, ohne die geringste Auszeichnung. Es waren ehrwürdig erscheinende Greise mit wallenden weißem Haar darunter und junge Männer, die aussahn, als ob sie sich die guten Dinge des Erdenlebens wohl schmecken ließen. Brigham Young selbst war nicht anwesend. Im Zuhörerraum saßen Männer, Weiber und Kinder aller Altersklassen bunt durcheinander, alle bescheiden, manche sogar etwas ärmlich gekleidet, obgleich man offenbar im Sonntagsstaat erschienen war. Wer die Gesichter studirte, mußte zu dem Schluß kommen, daß hier wenig Intelligenz, dafür aber um so mehr blindes Glaubensbedürfniß und Fanatismus versammelt war. Unter dem weiblichen Personal waren die Frauen vorgerückten Alters besonders stark vertreten; aber auch die jüngern konnten durchaus nicht durch körperliche Reize glänzen. Die Mormonenharems scheinen eben keineswegs Sammlungen von verführerischen Schönheiten zu sein. Auf den Gesichtern der Weiber glaubten wir einen Ausdruck der Gedrücktheit zu bemerken.
Der Gottesdienst begann mit Gebet und Gesang. Dann forderte einer der Kirchenväter einige vor Kurzem aus der Fremde zurückgekehrte mormonische Missionäre auf, vorzutreten und der Versammlung ihre Erfahrungen mitzutheilen. Drei Männer erhoben sich im Zuhörerraume und stiegen auf die Tribüne. Einer derselben, ein Mann mit einer schnurrbärtigen Physiognomie, wie man sie in amerikanischen Städten unter den Feuer-Compagnien zu sehen gewohnt ist, trat an das mit einem rothen Sammtkissen bedeckte Pult vor, welches in der Mitte der Tribüne angebracht ist, und fing, ohne Weiteres an, von seinen Fahrten und Leistungen zu erzählen. Der Ton, in dem er sprach, war der eines sehr ungebildeten, ungewandten, unter der Mittelmäßigkeit stehenden Stumpredners. Ohne die geringste Spur von Beredsamkeit bewegte sich sein Vortrag in den plattesten Ausdrücken, die er zuweilen mit einem unglücklichen Versuch einer launigen Bemerkung zu würzen sich anstrengte. Die versammelte Menge aber horchte ihm mit ergebener Aufmerksamkeit zu. Er erzählte, er sei ein geborener Virginier, habe sich schon früh der mormonischen Kirche, der Kirche der „Heiligen“, angeschlossen, und sei vor zwei Jahren nach Virginien, Nord-Carolina und Tennessee geschickt worden, um dort Proselyten für die Kirche anzuwerben. Nun beschrieb er die entsetzlichen Zustände in den „Staaten“ und contrastirte sie mit dem stillen Glück, welches die Heiligen im Salzseethale genössen. Die „Staaten“ waren der Sitz aller erdenklichen Laster, das Salzseethal das Feld auf welchem die Tugend wächst. Er erwähnte die Schwierigkeiten, mit welchen die Missionäre zu kämpfen hätten, und verbreitete sich mit Wohlgefallen über die Unfähigkeit der Geistlichen anderer Confessionen, ihm gegenüber im Kampf theologischer Disputationen zu bestehen.
Die Frage, warum die Kirche jetzt nicht Offenbarungen, Propheten, Apostel und Heilung von Krankheiten durch Händeauflegen haben solle, während sie doch in alter Zeit Offenbarungen, Propheten, Apostel und Heilung durch Händeauflegen gehabt habe, hatten ihm die Gottesgelehrten alle nicht beantworten können. Mit der weiteren Frage, warum sie jetzt die Möglichkeit von Wundern leugneten, während sie doch an die Wunder des alten und neuen Testamentes glaubten, hatte er sie sammt und sonders auf den Sand gesetzt. Er machte das naive Geständniß, daß er die Vielweiberei auf seiner Missionsreise lieber mit Schweigen übergangen hätte; aber da die Frage doch überall aufgeworfen wurde, so habe er den Ochsen bei den Hörnern genommen und die Berechtigung der Vielweiberei aus der Bibel bewiesen. Den Glanzpunkt der Rede bildete die Erwähnung mehrerer Vorgänge, in welchen die Hand des Herrn sich sichtbar zu Gunsten der Mormonen-Missionäre gezeigt habe. Ein Mormonen-Missionär in North Carolina verlangte z. B., daß man ihm bei einer gewissen Gelegenheit eine Methodistenkirche zum Predigen überlassen solle. Das Verlangen wurde abgeschlagen, und siehe da! die Methodistenkirche wurde einige Tage darauf vom Blitz getroffen und brannte bis auf den Grund ab. („Exactly!“ rief einer der auf der Tribüne sitzenden Bischöfe aus, als unser Prediger mit dieser Geschichte fertig war, und sah sich triumphirend im Zuhörerraume um, als ob das gerade der Streich gewesen wäre, den er von seinem Mormonengott erwartet hätte.) Ein anderer Mormonen-Missionär, ebenfalls in North Carolina, war während eines Regensturmes im Hause eines Arztes eingetreten, und als der Arzt gehört, daß der Unbekannte ein Mormone sei, habe er ihn aus der Thüre gewiesen, und, siehe da! der Arzt starb einige Tage nachher ganz plötzlich. („Exactly!“ rief der Bischof wiederum mit einem Gesichte aus, als ob er seinen Gott zur Belohnung für einen so guten Witz auf die Schulter klopfen wollte.) Eine andere höchst wunderbare Geschichte hatte der Redner selbst erlebt. Vor kurzer Zeit kam er mit etlichen 120 oder 130 neuangeworbenen Mormonen, die seiner Führung anvertraut waren, per Eisenbahn in Omaha an, um dieselben nach dem Salzseethale zu befördern. Er wußte von den Eisenbahn-Einrichtungen Nichts und mußte sich in allen darauf bezüglichen Dingen auf die Eingebungen des heiligen Geistes verlassen. Als er nun nach der Ankunft am Ostufer des Missouri, Omaha gegenüber, seine Leute in Omnibussen verpackt und auf dem Bock des vordersten derselben Platz genommen hatte, kam ein Mann zu ihm heran und drängte ihn, seine Emigranten, da es Nacht sei, an einem gewissen Wirthshause in Omaha abzuladen, wo sie billiges Unterkommen finden würden. Unser Missionär, mit den Wegen der Welt merkwürdig unbekannt, wußte Anfangs nicht, was er thun sollte. Aber der heilige Geist erleuchtete ihn sofort auf die prompteste Weise, und er antwortete: „Nein, ich werde mit meinen Leuten sogleich nach dem Eisenbahnhofe fahren und sie in einem Frachthause oder auf der Platform des Bahnhofes unterbringen.“ Aber der Mann sagte, die Frachtschuppen seien mit Waaren gefüllt, und die Platform sei auch mit Kisten und Kasten bedeckt, und er könne doch die Leute nicht die Nacht auf dem feuchten und kalten Boden liegen lassen. Aber der heilige Geist erleuchtete unseren Missionär wieder, und er blieb mit unerschütterlicher Festigkeit dabei, zum Depot zu geben. Und siehe da! als er zum Depot kam, fand er einen Eisenbahnbeamten, den er fragte, ob er nicht seine Emigranten in irgend einem Frachthause über Nacht unterbringen könne, und der Beamte antwortete, es sei zwar gegen die Regel, aber er wolle ihnen doch ein Frachthaus, das zufällig ziemlich leer sei, aufschließen, damit die armen Leute nicht auf der feuchten Erde zu schlafen brauchten, — worin die Hand des Herrn wieder deutlich zu erkennen war.
Nur schien es mir, als ob diese Geschichte den Zuhörern doch nicht besonders wunderbar, vielleicht eher etwas einfältig vorgekommen sei; und der Redner schien ein ähnliches Gefühl zu haben, denn er suchte die Aufmerksamkeit der Versammlung durch einen Streifzug in's Weite zu zerstreuen. Er erzählte von den Prophezeiungen, welche bereits in Erfüllung gegangen seien; es sei prophezeit worden, daß die Kirche des Herrn auf hohen Bergen sich erheben solle, und nun sehe man die Mormonenkirche wirklich in den Felsengebirgen gegründet; es sei prophezeit worden, daß alle Nationen der Erde sich zu der Kirche des Herrn herandrängen werden, und nun höre man im Salzsee-Thale bereits zwanzig verschiedene Sprachen (was nebenbei gesagt, eine große Uebertreibung war); es sei prophezeit worden, daß aus dem dürren Felsen Wasser quellen werde, und er selbst kenne in dem Distrikte, wo er wohne, mindestens 150 lebendige Quellen, während, bei der Ankunft der Mormonen im Salzsee-Thale keine einzige zu sehen gewesen sei (sie haben wahrscheinlich zuerst nicht fleißig gesucht). Nachdem der heilige Mann mit dem Schnurrbart auf diese Weise seine Zuhörer mit Wundern und erfüllten Prophezeiungen vollgestopft hatte, schloß er mit der Versicherung, er freue sich, wieder unter ihnen zu sein, und sie alle gesund und wohl im Herrn zu sehn, was die Versammlung mit einem herzhaften Amen beantwortete. Die Gläubigen schienen in der That von dem, was sie gehört, recht erbaut zu sein. Uns Andern war die Geschichte, mit Ausnahme der Zeichen und Wunder, wenn auch characteristisch, aber doch etwas langweilig vorgekommen. Mir wurde später von einem der Kirchenhäupter versichert, dieser linkische, ungehobelte, stolpernde Redner sei einer der erfolgreichsten Missionäre der Mormonenkirche, er bringe mehr Propheten nach dem Salzsee-Thal, als irgend ein anderer. Man kann daraus seine Schlüsse auf das geistige Kaliber der Bekehrten ziehn.
Nach dem Missionär trat ein Redner andern Schlages auf, Herr G. Q. Cannon, ein großer Mann in der Kirche und zugleich Redacteur der „Deseret News,“ des Mormonen-Moniteurs in der Salzseestadt. Cannon ist ein kräftiger Vierziger von sehr intelligentem Aussehn. Er gilt, und wahrscheinlich mit Recht, für den besten Redner im ganzen Mormonenreiche. Er entwickelte in der That eine nicht gewöhnliche Fülle des Ausdrucks und etwas von der nervösen Erregung, welche eins der Hauptelemente der Beredtsamkeit ausmacht. Wahrscheinlich hatte man ihn den anwesenden Fremden als Paradepferd vorreiten wollen. Er begann mit einer Beschreibung der Leistungen der „Heiligen“ in dem Salzseethal, einer Oase in der Wüste, und contrastirte in geschickter Weise die sittlichen Zustände unter den Mormonen mit der wilden Wirthschaft in andern Ansiedlungen in den Gebirgen, namentlich den Minendistrikten; wies auf die Sicherheit der Person und des Eigenthums in Salt Lake City hin im Vergleich mit der Unsicherheit in den neuen Plätzen an der Pacific Eisenbahn, ja in der Stadt New York, und brachte das Mormonenthum unter allerlei hübsch arrangirte Schlaglichter, welche dasselbe in recht gefälligen Farben erscheinen ließen. Dann sprang er mit einer leisen Anspielung auf die ihm augenscheinlich mißfällige Bemerkung des Vorredners, daß er auf seinen Missionsreisen die Vielweiberei lieber mit Stillschweigen übergangen hätte, auf diese brennende Frage über. Das Bibelargument berührte er nur mit wenigen Worten und begann dann, die Sache vom Standpunkte der gesellschaftlichen Moral und Oekonomie zu discutiren. Ist es nicht besser, fragte er, statt die zahllose Menge hülfloser Frauenzimmer, die es in den großen Städten dieses Landes giebt, Hungers sterben oder sich der Schande ergeben zu lassen, daß wir sie heirathen, sie bei uns aufnehmen, für sie sorgen und sie zu Müttern legitimer Kinder machen? Auf diese Weise wird zugleich dem Elend und der Unsittlichkeit vorgebeugt und für die Vermehrung der Bevölkerung gesorgt. Das wäre dann eine Lösung der Frauenfrage vom mormonischen Standpunkte aus. Er wies besonders auf die Frauenzimmer hin, die in Folge von Armuth oder Mangels an körperlichen Reizen sonst keine Männer bekommen könnten und ihr Leben in elender und trostloser Verlassenheit zubringen müßten, und meinte, es müsse jedem vorurtheilsfreien Beobachter klar sein, daß die Vielweiberei nicht aus „Fleischeslust“ entsprungen sei, sondern eher dem Manne ein großes Opfer auferlege. Ein Blick auf den weiblichen Theil der Zuhörerschaft ließ allerdings den Verdacht aufkommen, daß die Fleischeslust, welche hier zur Vielweiberei geführt, nicht besonders raffinirter Natur gewesen sein könne. Dann erhob sich der Redner zu einem Stückchen Deklamation. Mit großem Nachdruck erklärte er, daß die Heiligen die Vielweiberei aus Gehorsam gegen das göttliche Gebot und aus Ueberzeugung Betreffs ihrer sittlichen Nützlichkeit eingeführt hätten, und, was immer auch dagegen gethan werden möchte, sie würden dieselbe niemals aufgeben. „Niemals!“ antworteten die versammelten männlichen Mormonen wie aus einem Munde. Weibliche Stimmen hörte man in diesem Zuruf nicht, und wenn man die Gesichter ansah, so fand man darauf keineswegs einen Ausdruck begeisterter Zustimmung. Nachdem Herr Cannon seine in vortrefflichem Styl vorgetragene Rede geschlossen, sang und betete man nochmals; ein wohlbeleibter Sohn Brigham Youngs, ebenfalls ein Kirchenfürst, dessen Aeußeres aber mehr von Weltlichkeit als Geistlichkeit Zeugniß gab, zeigte die Nachmittagsversammlung in großen Tabernakel an, und der Morgendienst war zu Ende. Draußen machten wir die Bekanntschaft von mehreren Aposteln und Bischöfen, die sich bei uns einführen ließen. Die meisten davon waren ältliche, aber noch kräftige Leute, die offenbar keine Bildung genossen, denen die Kämpfe des Lebens aber ein gut Theil Selbstvertrauen gegeben hatten.
Nachmittags um 2 Uhr fanden wir uns pünktlich im neuen Tabernakel ein. Die große Halle war bereits gefüllt. Vor der Orgel war ein Sängercorps aufgestellt, welches einen vierstimmig gesetzten Psalm auf anerkennenswerthe Weise ausführte. Dann bereitete sich ein neues Schauspiel vor. Unmittelbar vor der großen Estrade, auf der die Würdenträger, unter andern auch Brigham Young Platz genommen hatten, stand ein langer Tisch, an welchem einige Aelteste und Bischöfe, darunter einer in einem weißen leinenen Rock mit aufgestreiften Aermeln, damit beschäftigt waren, einige Weizenbrode zu zerbröckeln, als wenn sie Hühner füttern wollten. Die Brocken wurden auf silberne Körbchen gehäuft, wie man sie bei Theegesellschaften zum Herumreichen von Kuchen gebraucht. Auf dem Tisch standen außerdem einige silberne mit zwei Henkeln versehene Becher ohne Füße, die aus einem Eimer mit Wasser gefüllt wurden. Der Bischof im leinen Rock steckte dann die Hände empor und sprach über das Weißbrod und Wasser eine Benediktion aus. Die Brodkörbe und die Wasserbecher wurden nun von Bank zu Bank herumgereicht, und die Gläubigen nahmen Jeder einen Brocken und einen Schluck. Wenn ein Brodkorb leer war, wurde er am Tische neugefüllt und wieder herumgereicht, bis Alle versorgt waren. Das stellte das Abendmahl dar.
Während dies vor sich ging, wurde der Versammlung ein anderer Missionär vorgestellt, ganz wie es bei politischen Meetings geschieht. Dieser Missionär war in England gewesen, um dort für den Mormonismus anzuwerben. Er war ein ziemlich trauriger Geselle; er sprach wo möglich noch schleppender und langweiliger, als der, welchen wir Morgens gehört hatten. Der heilige Geist hatte ihm zwar auch durch spezielle Erleuchtung in schwierigen Lagen manchen Gefallen gethan, aber er konnte nur ein einziges Wunder erzählen, nämlich wie ein kranker junger Mensch in England, den die Aerzte bereits aufgegeben, doch wieder gesund geworden, nachdem er sich zum Mormonismus bekehrt, — worin uns der Redner dringend ersuchte, die Hand des Herrn deutlich zu erkennen. Man athmete auf, als der mühsam sich abarbeitende Missionär die Erzählung seiner Fahrten und Thaten vollendet hatte. Nun erwarteten wir, Brigham Young selbst zu hören. Man hatte uns gesagt, daß er in den Nachmittags-Versammlungen zu sprechen pflege. Aber wir fanden uns getäuscht. An seiner Stelle mußten wir mit dem „zweiten Präsidenten“ und ersten Rath Brighams, Namens Smith, verlieb nehmen. Dieser zweite Präsident ist ein fetter Sechziger mit rothem Gesicht, einer hochblonden Perücke und sah in seinem schlottrigen Sommeranzuge durchaus nicht priesterlich aus. Seine Rede bestand aus einer in etwas ungrammatikalischer Sprache vorgetragenen Erzählung der Wanderungen, Leiden und Leistungen der „Heiligen“ von ihrer Vertreibung aus den „Staaten“, bis auf die Gegenwart. Die Rede war offenbar für die Ohren der fremden Gäste bestimmt, auf die der Redner auch zuweilen direkt Bezug nahm. Es sollte uns begreiflich gemacht werden, daß die Mormonen sehr gute, tugendhafte Leute seien, von deren Thun und Treiben man sich boshafter Werfe allerlei abscheuliche Lügen erzähle, und daß der Herr sie als sein auserwähltes Volk unter seine spezielle Protektion genommen habe. Später erfuhren wir, daß man in der Salzseestadt diese Rede auswendig wisse, indem Präsident Smith sie alle drei oder vier Wochen so ziemlich mit denselben Worten hersage, besonders aber, wenn sich in der Versammlung Fremde befänden, denen man eine gute Meinung beibringen wolle.
Nochmaliges Beten und Singen, dann schloß der Gottesdienst. Brigham Young blieb noch eine Zeit lang auf der Estrade und unterhielt sich mit Einigen von unserer Reise-Gesellschaft. Die übrige Versammlung zerstreute sich. Diese Art des kirchlichen Gottesdienstes unterschied sich in wesentlichen Punkten von allem Aenlichen, was ich bis dahin gesehen hatte. Es herrscht eine Art bequemen Sich-gehen-Lassens vor, welche von der gekünstelten Feierlichkeit in anderen Kirchen scharf absticht. Man behandelt hier die Religion in derselben hemdärmeligen Weise, wie jedes andere Geschäft. Die in der Kirche gehaltenen Reden sind keine regelrechten Sermone, keine Predigten mit obligatem Augenverdrehen und Hände-gen-Himmel-Heben. Glaubensdogmen werden nur beiläufig berührt; Bibelstellen laufen nur gelegentlich unter, und die Geschichten vom heiligen Geist und den Wundern und Offenbarungen kommen in einer unaffectirten geschäftsmäßigen Weise heraus. Die Mormonen nennen auch diese Reden nicht Sermone oder Predigten, sondern Discurse. Es sind aber Stumpreden, die von allen möglichen Dingen, politischen, socialen und religiösen Dingen handeln und in freiem natürlichem Gesprächston von der Leber weg gesprochen werden. In dieser Natürlichkeit ist besonders Brigham Young stark. Wenn er in seinen Discursen gegen die Feinde und Verfolger der Mormonen loszieht, so flucht er zuweilen wie ein Dragoner. Man sollte glauben, daß eine Kirche, welche sich auf den abenteuerlichsten Mysticismus gründet, und welche die Geschichte des auserwählten Volks im alten Testament noch einmal überspielen will, in ihrem Gottesdienste durch Ceremonien und glänzende Schaustellungen die Phantasie ihrer Gläubigen beschäftigen müsse. Aber das gerade Gegentheil ist der Fall. Die Wände der Tabernakel sind kahl und öde, die Ceremonien sind farblos und nüchtern, und die hohen Priester, welche doch die unbedingteste Autorität über die Seelen der Gläubigen ausüben, stellen sich in der Ausübung ihrer höchsten Funktionen als die gewöhnlichsten aller Menschen dar. Man sagt zwar, daß in dem sogenannten Endowment House, wo unter Ausschließung aller Profanen die Aufnahme in einen innern Kirchenverband und die Rangerhöhungen der Priester stattfinden, Eidesleistungen und Ceremonien phantastischer Art, ähnlich denjenigen des Freimaurer-Ordens, vorgenommen werden, aber das sind nur Gerüchte. Die Mormonen müssen eben ihren Fanatismus ganz aus dem innern Glaubensbedürfnis schöpfen können, denn alle Aeußerlichkeiten haben bei ihnen nicht nur nichts die Sinne und die Phantasie Bestechendes, sondern sie tragen sogar häufig den Stempel des Roh-Gewöhnlichen, des Gemeinen.
Im Uebrigen unterschied sich der Sonntag zu Salt Lake City in Nichts von dem Sonntag in andern amerikanischen Städten. Die Straßen waren nur unmittelbar vor und nach dem Gottesdienst belebt, und gegen Abend fanden sich die hervorragenden Bürger, darunter Bischöfe, Apostel und Brigham Young selbst, am Hotel ein, um in oder vor dem Hause sitzend, sich mit ihren Bekannten in gemütlicher Ruhe zu unterhalten.
Um die Eigenthümlichkeit der religiösen, politischen und gesellschaftlichen Organisation der Mormonengemeinde zu verstehen, ist es wünschenswerth, daß man auf den Ursprung der Sekte einen Blick werfe. Zu Anfang dieses Jahrhunderts war unter anderen Theorieen über den Ursprung der Indianer diejenige aufgestellt worden, daß sie von den Juden, von den „zehn verlorenen Stämmen Israels“, abstammten. Ein gewisser Salomon Spalding verfaßte zwischen 1810 und 12 über diesen Gegenstand eine Art historischen Romans in Styl des alten Testaments. Spalding war im Jahre 1761 in Connecticut geboren, studirte in Dartmouth College, wurde als Geistlicher ordinirt, gab aber das Predigen bald auf, fing ein kaufmännisches Geschäft an und wanderte im Jahre 1809 nach Conneaut in Ohio, von wo er 1812 nach Pittsburg übersiedelte. Er hatte die Schreibkrankheit, aber seine Romane waren so schlecht, daß kein Verleger sie drucken wollte. So kam auch die erwähnte Schrift über den Ursprung der Indianer, „Das Buch Mormon“, welche Spalding als „das gefundene Manuskript“ ankündigte, (vorgeblich in einem Hügel in Ohio gefunden) zu Stande. Im Jahre 1812 übergab Spalding sein Manuskript einer Druckerei in Pittsburg, worin ein gewisser Sidney Rigden beschäftigt war. Rigden copirte das Manuskript, verließ dann die Druckerei und fing an, einen neuen Glauben zu predigen, der in vielen Stücken mit dem „Buche Mormon“ übereinstimmte. Im Jahre 1829 verband er sich zu einer Art von religiösem Compagniegeschäft mit Joseph Smith, der als der eigentliche Gründer des Mormonismus figurirt.
Joseph Smith war in Sharon, Vermont, im Dezember 1805 geboren, von wo er 1815 mit seinen Eltern nach Palmyra, Wayne County, im Staate New York, übersiedelte. Bei den Nachbarn stand die Familie Smith in üblem Geruch: man sagte ihr nach, daß sie arbeitsscheu, lügnerisch, diebisch und trunksüchtig sei und sich mit Schatzgraben und ähnlichem Unfug abgebe. Joseph soll der schlimmste von Allen gewesen sein. In seinem 15. Jahre behauptete er „Erscheinungen“ gehabt zu haben. Am 21. Sept. 1823 wurde die Sache ernsthaft. Ein Engel des Herrn erschien ihm und sagte ihm, daß in einem Hügel bei Manchester in Ontario County, New-York, eine große Anzahl von Goldplatten verborgen sei, auf welchen die Geschichte der Ureinwohner dieses Landes und viele andere göttliche Offenbarungen eingegraben seien. Fast vier Jahre nachher, am 22. Sept. 1827 führte ihn der Engel wiederum an den Platz, ertheilte ihm allerlei feierliche Instruktionen und Ermahnungen, und überlieferte ihm die Platten. Auch der Teufel mit seinen Heerschaaren erschien bei dieser Gelegenheit auf der Scene, wie das des Weitern in einem Buche vom „Aeltesten“ Orson Pratt, der „Merkwürdigen Visionen“, ausführlich und erbaulich noch zu lesen ist. Die Schrift auf den Platten war eine ganz unbekannte Sorte von „Egyptisch“, welches heut zu Tage kein Mensch mehr lesen kann. Da aber die Engel in ihren Geschäften mit den modernen Propheten die Sachen immer sehr praktisch einrichten, so bekam Joseph Smith zu den Goldtafeln zugleich zwei durchsichtige Edelsteine, genannt Urim und Thummim, geliefert, welche zum sofortigen Gebrauch in ein silbernes Brillengestell gefaßt waren. Wenn Joseph Smith diese Brille aufsetzte, so konnte er auf einmal ganz geläufig „Egyptisch“ lesen. Nun begann Smith die Tafeln zu übersetzen. Er theilte sein Zimmer mit einem Vorhang ab, hinter welchen er sich mit seinen goldenen Tafeln zurückzog, damit die Tafeln nicht durch profane Blicke entweiht würden. Auf der andern Seite des Vorhanges saß ein gewisser Oliver Cowdery, der das Schreiben thun mußte, worin Smith selbst nicht sehr geübt war, und Smith, wahrscheinlich mit der Urim und Thummim auf der Nase, diktirte dann das neue Wort Gottes, das „Buch Mormon“, hinter dem Vorhang her. Im Jahre 1830, also ein Jahr nachdem das apostolische Compagniegeschäft zwischen Smith und Rigden angefangen hatte, wurde das Buch gedruckt, und es stellte sich heraus, daß es fast wörtlich mit Spaldings „Wiedergefundenes Manuscript“ übereinstimmte, einige Bibelstellen und religiöse Instruktionen ausgenommen, die hinzu gefügt worden waren. Die Uebereinstimmung der beiden Machwerke ist durch eine Menge unwiderleglicher Zeugnisse nachgewiesen worden. Spalding war 1814 gestorben, aber sein Original-Manuscript existirte noch im Besitze seiner Wittwe, als bereits das Buch Mormon gedruckt war.
Die im Buch Mormon erzählte Geschichte ist, wie folgt: Als Gott beim Thurmbau zu Babel die Sprachen verwirrte, führte er einen Stamm von da auf den westlichen Continent, der jetzt Amerika genannt wird. Dieser Stamm setzte über das Meer in acht Schiffen und wurde im Laufe der Zeit ein großes Volk, das Amerika ungefähr 1500 Jahre lang bewohnte. Ungefähr 600 Jahre vor Christus wurde dieses Volk wegen seiner Lasterhaftigkeit vertilgt. Ein Prophet Namens Ether, der dieser Vertilgung als gottgefälliger Zuschauer beiwohnte, schrieb eine Geschichte davon, welche er vergrub; sie wurde von späteren Propheten wieder aufgefunden. Nun kam ein neuer Schub Einwanderer. Es wird erzählt, daß ungefähr im Jahre 600 vor der christlichen Zeitrechnung ein Jude Namens Nephi, der Sohn Lehi's, nach mancherlei Streitigkeiten mit seinem Landsleuten auf Befehl Gottes von Jerusalem ostwärts gewandert und acht Jahre unterwegs gewesen sei, daß er dann am Ocean angekommen und wiederum auf göttlichen Befehl und nach göttlichen Instruktionen ein Schiff gebaut und mit seinem Vater Leht und seinen Brüdern Laman, Lemuel und Sam und einem Diener und deren Frauen die Fahrt nach Amerika gemacht habe. Die mormonischen Schriftgelehrten geben als Landungspunkt einen Platz in Chili an. Nephi wurde nun von Gott als Haupt über die ganze Gesellschaft gesetzt, aber seine Brüder Laman und Lemuel fingen Zänkereien an, wurden vom Herrn verflucht, und von ihnen stammen nun die Indianer ab. Nephis Nachkommen vermehrten sich in wunderbarer Weise, verbreiteten sich in nördlicher Richtung über einen großen Theil des Continents und wurden das Volk der Nephiten genannt. Die Geschichte wird nun durch regelmäßige Aufzeichnungen, in welchen es sich meist um Kriege zwischen den Nephiten und Lamaniter oder Indianern handelt, bis zur christlichen Aera fortgeführt. Die Kreuzigung Christi kündigte sich durch ein großes Erdbeben an, und Christus selbst stieg vom Himmel herunter, an seinen Wundmalen kenntlich, und brachte unter den Nephiten 40 Tage zu, die er zur Instruktion des Volks im Christenthum verwandte. Dann gab es wieder große Kriege zwischen den Christen und Lamaniter, die für die Ersteren sehr verderblich waren. Im Jahre 384 nach Christus fand im westlichen New York die letzte Hauptschlacht statt, in der 230,000 Christen erschlagen wurden. Schließlich um das Jahr 420 sah sich Moroni, der Sohn des Propheten Mormon, einer der letzten flüchtigen Christen, genöthigt, die Geschichtstafeln die er aufbewahrt hatte, zu vergraben, damit sie von einem späteren Propheten zu gelegener Stunde wieder aufgefunden werden könnten. Unterdessen waren durch Erdbeben und ein allgemeines Durcheinander die Städte der Christen zerstört und ihre Spuren beinahe vertilgt worden, so daß die Lamaniter im alleinigen Besitz des amerikanischen Continents blieben. Diese Geschichte wird in einer Reihe von zusammenhängenden Büchern, Nephi, Alma, Mormon, Ether, Moroni u. s. w. erzählt und füllt über 400 eng gedruckte Seiten.
Einen großen Theil dieser Mormonenbibel habe ich mit einem schweren Aufwande von Geduld durchgelesen. Es ist eine höchst ungeschickte Nachahmung alttestamentarischer Erzählungen, in Erfindung und Styl stellenweise ganz kindisch. Der Verfasser hatte einige Geschichten und Redensarten aus den Büchern der Richter und der Könige im Kopfe, die er nun beständig wiederkaute. Von allen Nachahmungen und literarischen Betrügereien die ich gesehen habe, ist dies die stümperhafteste. Natürlich rief das Erscheinen des Buches sofort eine vernichtende, sich auf die klarsten Zeugenaussagen stützende Kritik hervor. Selbst die Spießgesellen Joseph Smith's, die zuerst beschworen hatten, daß sie den Engel Gottes vor Augen gesehen, wie er Smith die Tafeln überliefert hatte, gestanden einige Jahre später die Lügenhaftigkeit ihres Zeugnisses zu. Es erscheint auf den ersten Blick wunderbar, wie eine so grobe Spiegelfechterei in unsern Tagen hat Glauben finden können. Aber es stellte sich bei dieser Gelegenheit wieder recht eklatant heraus, daß, wenn man der Welt einen Bären aufbinden will, man nur recht dick auftragen muß und man wird immer Leute finden, welche das Unglaublichste glauben, eben weil es unglaublich ist.
Die Glaubenslehre, welche die Mormonen jetzt bekennen, und auf die ich später zurückkommen werde, entwickelte sich erst allmälig. Anfangs schienen Smith und Rigdon selbst darüber nur confuse Ideen zu haben. Sie lehrten hauptsächlich, daß das „tausendjährige Friedensreich“ bald anbrechen, daß die Samariter, d. i. die Indianer, sich massen weise bekehren, und daß die „Heiligen“ das auserwählte Volk, sich irgendwo in Amerika versammeln und ein neues Zion bauen werden. Smith half sich dann beständig mit Spezial-Offenbarungen durch. Die Kirche wurde zuerst in Manchester, New York, im April 1830 organisirt. In Folge einer „Offenbarung“ führte Smith im Januar 31 die Gemeinde nach Kirtland, Ohio; er und Rigdon aber machten schon damals eine Recognoscirung weiter westlich, und wählten Jackson County, Missouri, als den Platz aus, wo das neue Jerusalem gebaut werden sollte. Sie gingen aber nach Kirtland zurück, „um Geld zu machen,“ wie sie sagten. Im Jahre 33 organisirten sie die „erste Präsidentschaft“, bestehend aus Joseph Smith, Sidney Rigdon und Frederic G. Williams als permanente Kirchenregierung.
Da Smith sich durch göttliche Offenbarung schon im April 1830 zum „Seherpropheten und Apostel des Herrn Jesus Christus“ hatte erklären lassen, „dessen Wort angenommen werden müßte, als ob es vom Munde Christi selbst käme,“ also unbedingten Gehorsam verlangend, so war die Autorität der Kirchenregierung durchaus absoluter Natur. Nun begannen sie, Missionäre in alle Welt auszuschicken. Brigham Young, der im Jahre 1832 zum Mormonismus übergetreten war und in der Folge eine so bedeutende Rolle spielen sollte, wurde in die östlichen Staaten geschickt, Arjon Hyde und Heber C. Kimball nach England. Im Januar 1838 mußten Smith und Rigdon wegen betrügerischer Bankoperationen von Kirtland fliehen und gingen nach Missouri. Hier machten sich die Mormonen durch allerlei, zum Theil verbrecherischen Unfug, wie Räubereien, Morde und Brandstiftungen so verhaßt, daß sie von einem County zum andern getrieben wurden, bis endlich die Conflikte in einen förmlichen Bürgerkrieg auszuarten drohten. Die Mormonen hatten zahlreiche bewaffnete Banden ausgerüstet, und auf der andern Seite wurde die Staatsmiliz vom Gouverneur in's Feld gerufen. Die Sache wurde den Mormonen zu heiß, und sie gingen, mehrere Tausend Köpfe stark, nach Illinois. Dies war im Jahre 1839. Smith und Rigdon waren in Missouri auf Hochverrath und Mord angeklagt und verhaftet worden. Rigdon wurde auf einen Habeas Corpus-Befehl hin entlassen, und Smith entsprang aus dem Gefängniß und begab sich zu seiner Gemeinde. Ein Doktor Isaac Galland, der in Carthage County, Illinois, bedeutende Besitzungen hatte, gab Smith eine ansehnliche Strecke Landes als Geschenk, um die Ansiedlung der Mormonen dorthin zu ziehen und dadurch den Werth seines übrigen Eigenthums zu erhöhen. Smith hatte nun sofort eine göttliche Offenbarung, welche den Mormonen gebot, sich gerade da niederzulassen, wo er sein geschenktes Land hatte. So wurde die Stadt Nauvoo gegründet, und Smith verkaufte seinen Gläubigern Bauplätze und Aecker, die ihm ungefähr eine Million Dollars einbrachten. Die göttlichen Offenbarungen fingen an, sich zu bezahlen. Im April 1841 legte man in Nauvoo, das bald zu einem bedeutenden Platze angewachsen war, den Grundstein zu dem großen Mormonentempel, der in wenigen Jahren vollendet wurde und noch steht.
Aber die „Verfolgungen“ hörten nicht auf. Bald hatten sich die Mormonen bei der umwohnenden Bevölkerung in Illinois durch ähnlichen Unfug ebenso verhaßt gemacht, wie in Missouri. Dazu kam, daß der Prophet Joseph Smith anfing, es in Nauvoo selbst ein wenig bunt zu treiben. Noch ehe die Vielweiberei als mormonische Institution öffentlich eingeführt wurde, — das geschah erst im Jahre 1852, — hatte der Prophet und Stellvertreter Christi sich einen zahlreichen Privatharem angelegt. Der Mann einer Frau, die sich nicht zum Mitglied dieses Instituts anwerben lassen wollte, etablirte eine Zeitung in Nauvoo, um dieses Unwesen an den Pranger zu stellen. Smith, an der Spitze einiger Spießengesellen, zerstörte das Zeitungsetablissement und vertrieb den Eigenthümer. Dieser erwirkte nun einen Verhaftungsbefehl gegen Smith und Genossen, welchem diese Folge zu leisten verweigerten. Sie widersetzten sich den Countybehörden mit Gewalt. Die Miliz wurde herausgerufen, die Mormonen bewaffneten sich, und wiederum stand man am Rande des Bürgerkrieges, als Smith sich vom Gouverneur von Illinois überreden ließ, sich dem Verhaftsbefehl zu fügen. Er wurde also mit seinen Genossen ins Countygefängniß in Carthage abgeführt. Am 7. Juni 1844 wurde das Gefängniß von einem Volkshaufen, meist aus Missourieren bestehend, erstürmt und Joseph Smith mit einem seiner Brüder erschossen.
Nun wurde Brigham Young zum Präsidenten der Mormonen erwählt. Sidney Rigdon hatte die Stelle haben wollen; als er sie nicht bekam, fiel er vom Mormonismus ab und wurde feierlich von der Kirche auf tausend Jahre dem Teufel überantwortet. In Folge der beständigen Conflikte zwischen den Mormonen und ihren Nachbarn wurde im Jahre 45 der Freibrief der Stadt Nauvoo von der Legislatur von Illinois widerrufen und die „Heiligen“ machten sofort Vorbereitungen zu ihrer Uebersiedlung nach den Felsengebirgen. Eine große Zahl marschirte sogleich nach Council Bluffs in Iowa. Die Zurückbleibenden wurden im September 45 mit Kanonen und Bajonnetten aus der Stadt vertrieben und vereinigten sich mit ihren Brüdern bei Council Bluffs. Brigham Young, der nun die Angelegenheiten der Gemeinde mit großer Umsicht und unscrupulöser Energie leitete, erreichte mit einem Vortrab von Pionieren das Felsenthal zuerst am 24. Juli 1847. Im Sommer 1848 kam der Haupttrup nach und man gründete Salt Lake City. Die Sendung von Missionären in alle Welt dauert fort; ein „Emigrationsfond“ wurde etablirt, und bald kamen Einwanderer aus verschiedenen Theilen der Vereinigten Staaten und von England, Wales, Dänemark, Schweden und Norwegen in Schaaren. Im Felsenthale wurden zahlreiche Ackerbauniederlassungen gegründet. Das jetzige Territorium Utah gehörte zur Zeit der ersten Ansiedlung noch zu Mexiko. In Folge des Friedens von Guadeloupe Hidalgo fiel es an die Ver. Staaten und Brigham Young organisirte sofort eine Staatsregierung unter dem Namen, „der Staat Deseret.“ Die Aufnahme als Staat wurde jedoch vom Congreß verweigert, und eine Territorialregierung verordnet, an deren Spitze Brigham Young als Gouverneur gesetzt wurde.
Nun traten eine Reihe von Zänkereien zwischen den von den Ver. Staaten nach Utah geschickten Bundesbeamten, besonders den Richtern, und Brigham Young ein, in Folge deren die Richter von den Mormonen gewaltsam vertrieben und dann Brigham Young von der Bundesregierung des Gouverneursamtes entsetzt wurde. Die durch Brigham Youngs Gewaltanmaßungen hervorgerufenen Conflikte und Excesse gingen endlich so weit, daß im Jahre 1857 der Präsident Buchanan sich entschloß, eine kleine Armee nach Utah zu schicken, um den neuangestellten Gouverneur Cummings und die übrigen Bundesbeamten in der Ausübung ihrer Amtspflichten zu beschützen. Brigham Young organisirte sofort eine kleine Mormonenarmee, aber durch geschickte diplomatische Manöver gelang es ihm nicht nur, einen Conflikt abzuwenden, sondern sogar durch Lieferungen an das Expeditionscorps der Ver. Staaten große Summen Geldes zu gewinnen. Die Autorität der Nationalregierung wurde zwar im Punkte der Form wieder hergestellt. Aber in der That übte sogleich nachher, und übt jetzt, Brigham Young, der Kirchenfürst, eine größere, tiefer greifende Gewalt aus, als die Beamten des Bundes es jemals verlangt haben. Die Vielweiberei wurde, wie schon erwähnt, im Jahre 1852 als eine Institution der Mormonenkirche förmlich eingeführt. Im Jahre 1862 erließ der Congreß ein Gesetz, welches die Vielweiberei in den Territorien der Ver. Staaten verbietet. Aber die Bunden[?], bei Brigham Young und seinen Getreuen auch nur die Furcht zu erwecken, daß sie dieses Gesetz durchführen könne. Die mormonische Kirche hat jetzt im Salzseethale eine Bevölkerung von über 100,000 Seelen versammelt; diese Bevölkerung hat sie zu einer festen Organisation vereinigt, und ihre Autorität mit einem Erfolge behauptet, der in Betracht der moralischen und physischen Hindernisse mit denen sie zu kämpfen hatte, in Erstaunen setzen muß. Es ist der Mühe werth, den Mitteln nachzuforschen, mit denen sie diesen Erfolg gewonnen hat.
Wenn eine Gesellschaft von unwissenden und überspannten Menschen sich einen besonderen Beruf zuspricht, und es sich zum speziellen Geschäft macht, „die Schrift auszulegen“, und sich nach willkürlichen Regeln der Interpretation eine Gottes- und Weltlehre zusammen zu construiren, so ist es natürlich, daß das verworrenste Zeug zum Vorschein kommt. Greift aber in diese Schriftauslegung noch eine neue „Offenbarung“ ein, persönliche Conferenzen mit dem lieben Herrgott, wie die Mormonenpropheten sie zu haben behaupten, so wird die Confusion noch haarsträubender, da die Offenbarungen häufig Gelegenheits-Lehren und Dekrete sind, welche sich um das Vorhergegangene wenig kümmern. Ich muß gestehen, daß ich mir aus den theologischen Schriften der Mormonen, die ich gelesen, und aus meinen Unterhaltungen mit einzelnen „Heiligen“ keine ganz klare und streng zusammenhängende Vorstellung von ihrer Lehre habe bilden können. Da ich natürlich nicht die ganze theologische Literatur der Mormonen gelesen und nur mit Wenigen habe sprechen können, so mag mir Manches entgangen sein. Folgendes scheint mir jedoch das Wesentliche zu sein: Die mormonische Vorstellung von der Gottheit ist, wie sich die rohe Phantasie dieselbe gewöhnlich schafft; Gott ist ihnen nicht nur ein persönliches Wesen, sondern hat auch einen Körper aus „geistigem Stoff“ gebildet. „Körperlicher Stoff“ und „geistiger Stoff“ unterscheiden sich ihrer Meinung nach nur im Punkte der Qualität; „geistiger Stoff“ ist nichts anderes, als „körperlicher Stoff verfeinert.“ Christus war der Sohn Gottes, buchstäblich „gezeugt“ vom Vater. Er hatte den „Geist Gottes“ oder den „Heiligen Geist“ in einem menschlichen Körper. Diesen Körper von Fleisch und Knochen scheint er auch nach seiner Auferstehung behalten zu haben. Der „Heilige Geist“ ist ein subtiles Fluidum, die verfeinertste Art des Stoffes, und durchdringt allen Raum. Durch ihn werden alle Wunder gewirkt. Nun schwimmt durch diesen Gottesbegriff eine etwas dunkle Vorstellung von einer Mehrheit von Göttern, die in einer gewissen Rangordnung über und unter einander stehen; so steht Elohim über Jehovah. Die seltsamste Geschichte ist aber die Göttlichkeit Adam's, über die sich Brigham Young in einer Predigt im April 1852 wörtlich folgendermaßen ausließ: „Als die Jungfrau Maria das Kind Jesus empfing, hatte der Vater es zu seinem eignen Ebenbilde gezeugt. Er wurde nicht vom heiligen Geiste gezeugt. Und wer ist der Vater? Er ist der Erste der menschlichen Familie, und als er einen Körper (Tabernakel) nahm, war derselbe von seinem Vater im Himmel gemacht, in derselben Weise, wie der Körper Cains, Abels, und der anderen Söhne und Töchter von Adam und Eva. Die Wahrheit ist, daß die Erde gemacht wurde von drei bestimmt geschiedenen Charakteren: Elohim, Jehovah und Michael; diese drei bildeten ein Quorum, wie in allen himmlischen Dingen und den in der Gottheit vollkommen repräsentirten Elementen, als Vater, Sohn und heiliger Geist. Als unser Vater Adam in den Garten Eden kam, da kam er mit einem himmlischen Körper und brachte Eva, eine seiner Frauen, mit sich. Er half die Welt schaffen und organisiren. Er ist Michael, der Erzengel, der Aelteste der Tage. Er ist unser Vater und unser Gott, der einzige Gott, mit dem wir zu thun haben. Jesus, unser älterer Bruder wurde im Fleische gezeugt von demselben Charakter (Wesen), welcher im Garten Eden war und der unser Vater im Himmel ist.“
Diese Lehre scheint doch auch den Mormonen etwas curios vorgekommen zu sein, denn Brigham Young sah sich veranlaßt, das Weiterpredigen derselben vorläufig zu suspendiren, bis das Volk besser vorbereitet sein würde, sie zu empfangen. Uebrigens wird von den Mormonen allgemein angenommen, daß die Menschen im buchstäblichen Sinne die Söhne und Töchter Gottes, d. h. daß ihre Seelen buchstäblich von Gott in der himmlischen Welt erzeugt und dann auf die Erde geschickt und in ein körperliches Tabernakel gekleidet worden sind und werden. So kehren auch die Gerechten nach ihrem Tode zur Gottheit zurück und werden buchstäblich mit allen Attributen der Gottheit bekleidet. Es wird behauptet, daß Joseph Smith bereits als regelrecht appointirter Gott im Kreise der Götter wohne, und Brigham Young soll sich sogar diese Ehre zugedacht haben, während er noch im Fleische wandelt. Im April 1864 beschwor nämlich ein Hohepriester der Mormonen, Namens John Stiles, vor dem Oberrichter des Territoriums folgende Aussage: Im Jahre 1856 habe er in der 11. Ward von Salt Lake City gewohnt und sei zum Hohepriester und Missionär für diese Ward bestellt worden, um über das sittliche Leben der Gläubigen zu wachen und die Verbreitung von Irrlehren zu verhindern. Er habe gefunden, daß man die Lehre verbreite, Brigham Young selbst sei Gott, und zwar der einzige mit dem die Mormonen zu thun hätten. Er, Stiles, habe dieser Lehre widersprochen und sei vom Bischof der Ward in öffentlicher Versammlung zur Rede gestellt worden. Der Bischof habe ihm die Frage vorgelegt: Wenn Brigham Young nicht Gott ist, wer ist es denn? Er, Stiles, habe mit Bibelstellen bewiesen, daß Brigham Young mit Gott Vater und Jesus Christus nicht in dieselbe Classe zu stellen sei. Darauf sei er aus der Kirche ausgestoßen worden. — Wie weit nun Brigham Young es in den Augen seiner Gläubigen mit seiner Göttlichkeit gebracht haben mag, so hat er es jedenfalls für klug gehalten, seine Thronansprüche vorläufig nicht zu sehr in den Vordergrund zu schieben.
Es hat sich also bei den Mormonen eine Sorte bunter Vielgötte ausgebildet, die dadurch noch bunter wird, daß die Götter auch Weiber haben, und zwar jeder mehrere, und daß jeder Einzelne derselben spezielle Regierung über seine eigene Nachkommen auf Erden rührt. Alles dieses haben die Schriftgelehrten des Mormonismus theils aus der Bibel theils aus dem Buch Mormon und ihren spätern Offenbarungen scharfsinnig herausconstruirt. Verschiedene Arten der Auferstehung des Fleisches nach dem Tode, die „Erhöhung der Heiligen“ in der andern Welt je nach ihrem Verdienste und die Abtheilung des Himmels in geschiedenen Localitäten, und seiner Bewohner nach verschiedenen Rangordnungen, — all' diese Dinge laufen in den theologischen Schriften in wundersamem Wirrwarr durch einander, mit einem reichlichen Apparat von Engelsposaunen, Erdbeben, Feuerregen usw. ausgestattet. Eigenthümlich ist, daß sie die Kindertaufe strenge verwerfen; da die Taufe zur Erlassung von Sünden angeordnet ist, so soll der Mensch erst eine Chance gehabt haben, Sünden zu begeben, ehe ihm dieselben abgewaschen werden. Mit dem achten Lebensjahre lassen sie die Taufe zu, wahrscheinlich weil ihrer Meinung nach bis dahin ein junger Mormone schon einiges Abwaschenswerthe geleistet haben kann.
Die Hauptzüge des mormonischen Glaubens, welche auf das praktische Leben einen direkten Einfluß ausüben und daher besondere Bedeutung haben, sind folgende:
Es ist falsch, daß die „Offenbarungen“, d. h. der persönliche Verkehr Gottes mit den Menschen, mit der christlich-apostolischen Periode aufgehört haben. Wie in alten Zeiten Gott mit seinen Auserwählten in persönlichem Verkehr stand, so wählt er auch in neuerer Zeit noch Menschen als Seher oder Propheten aus, um mit denselben in dasselbe Verhältniß zu treten.
Zweitens, die Gründer des Mormonismus waren solche Auserwählte; die jetzigen Propheten sind solche ebenfalls, und die Mormonen sind überhaupt das auserwählte Volk Gottes auf Erden, dem zu seiner bestimmten Zeit Christus wieder erscheinen wird, um mit ihm das tausendjährige Friedensreich zu beginnen und es zu seinem neuen Tempel in der Stadt Neu-Jerusalem zu führen (und zwar soll Neu-Jerusalem in Jackson County, Missouri, sein).
So hat sich denn eine Gemeinde gebildet, die durch die speziellen Befehle Gottes, wie sich dieselben fortwährend durch den Mund der Propheten kund geben, regiert zu werden glaubt. Die „Offenbarungen“, welche angeblich den Mormonenpropheten und Aeltesten zu Theil geworden sind, beziehen sich keineswegs blos auf Glaubenssätze und allgemeine Instruktionen. Sie berühren die Details der kirchlichen Organisation und sogar weltliche Dinge, bestimmen Diesen und Jenen mit Namen zu diesem oder jenem Amte, ordnen Missionen an, bestimmen die Plätze, wo Niederlassungen gegründet werden sollen, geben an, wie viel und auf welche Weise Geld zu kirchlichen Bauten und sonstigen Unternehmungen aufgebracht werden soll, sprechen Verdammungsurtheile aus gegen individuelle Sünder und Heiden, reizen zur Bekämpfung der Heiden an, geben Instruktionen in Bezug auf Heirathen usw., und greifen so in alle Verhältnisse des Lebens ein. Solchen göttlichen Befehlen ist die Gemeinde natürlich den blindesten, unbedingtesten Gehorsam schuldig, und dieser Gehorsam wird geleistet. Die Gemeinde, welche durch solchen persönlichen Verkehr von Gott auf so auffallende Weise bevorzugt wird, hält sich natürlich für eine auserwählte, zu den höchsten Dingen bestimmte Menschenklasse; sie nennt sich die Gemeinde der „Heiligen“; alle Menschen, die nicht Heilige sind, sind „Heiden“, und da die Interessen der von Gott auserwählten Heiligen natürlich über Alles gehen, so haben die Heiden nur diejenigen Rechte, welche ihnen die Kirche der Heiligen zugestehen will oder muß. Die Consequenzen dieser Anschauungen werden sofort klar, wenn man den Zusammenhang der kirchlichen und bürgerlichen Organisation betrachtet. Davon später.
Die Vielweiberei, welche von allen mormonischen Institutionen begreiflicher Weise am meisten die Augen der Welt auf sich gezogen hat, gehört keineswegs zu den wesentlichsten Eigenthümlichkeiten der Lehre. Die Kirche war schon 13 Jahre organisirt gewesen, ehe man an die Einführung der Polygamie dachte. Diese war dem ursprünglichen Mormonismus durchaus fremd. Im Buche Mormon findet sich nicht ein Wort zu ihren Gunsten. Im Gegentheil, sie wird dort wiederholt mit starken Ausdrücken verdammt. Auch in den Offenbarungen der ersten dreizehn Jahre findet sich die Vielweiberei mehrfach verboten. Es scheint nun, daß Joseph Smith, der groß Prophet, der viel Geschmack am Umgang mit dem weiblichen Geschlecht fand, sich seine Stellung als Kirchen-Oberhaupt zu Nutze machte, um mit mehreren Frauen Liebesverhältnisse anzuknüpfen, welche bald sehr intim wurden. Seine Frau Emma, die er im Jahre 1827 geheirathet hatte, nahm das übel, und Joseph Smith half sich mit einer Offenbarung aus der Verlegenheit. Durch diese Offenbarung war die Vielweiberei nicht allein erlaubt, sondern sogar geboten. Es wird erzählt, daß die eifersüchtige Emma von dieser Offenbarung keineswegs erbaut war, sondern das Papier, worauf dieselbe geschrieben war, in's Feuer geworfen habe. Dies passirte im Jahre 1843, als die Mormonen in Nauvoo wohnten. Gerüchte von der neuen Lehre drangen in die Oeffentlichkeit, und erregten so viel Skandal, daß die Kirchenhäupter für gut hielten, die Sache vorläufig zu vertuschen. Man erließ sogar eine öffentliche Erklärung, in welcher die Existenz der Vielweiberei in Theorie sowohl als Praxis feierlich in Abrede gestellt wurde. Joseph Smith aber wirthschaftete heimlich in seiner Weise fort bis zu seinem Tode.
Erst nachdem die Mormonen im Salzseethal angesiedelt waren, und zwar am 29. August 1852, trat Brigham Young in einer öffentlichen Versammlung mit einer angeblichen Abschrift der Joseph Smith am 12. Juli 1843 gewordenen göttlichen Offenbarung hervor. In der Offenbarung ist davon die Rede, daß Abraham mit Zustimmung Gottes zu seiner Frau Sarah noch Hagar nahm, daß David viele Weiber und Concubinen von der Hand Nathan's, des Gottesdieners, empfing, u. s. w. Dann wird Joseph Smith förmlich autorisirt, sich mehrere Frauen anzuschaffen, und der eifersüchtigen Emma, Joseph Smith's Frau, wird befohlen, hübsch ruhig zu sein, und Joseph's neue Frauen freundlich zu empfangen und schließlich wird derselben Emma mit ewigen Verderben gedroht, falls sie sich unterstehen sollte, besagtem Joseph untreu zu werden. Diese Offenbarung, die in demselben alttestamentlichen Prophetenton gehalten ist, der alle ähnlichen mormonischen Documente Charakterisirt, wurde von Brigham Young als echt proklamirt, und damit war die Vielweiberei als eine kirchlich-gesellschaftliche Institution unter den Mormonen eingeführt. Die kirchliche Autorität ordnete an, daß die erste Frau um Erlaubnis gefragt werden solle, wenn der Mann eine neue hinzunehmen wolle, aber daß im Verweigerungsfalle der Präsident der Kirche von dieser Bedingung dispensiren könne; es wurde weiter eine Vermählungsceremonie bestimmt, nach welcher die erste Frau selbst die Hand ihres Mannes in die der neuen Frau legen muß. Schließlich suchte man die ganze Sache in ein mystisches Gewand zu hüllen; man machte allerlei Kauderwelsch zurecht über Ansiegelungen für Zeit und Ewigkeit und Erhöhungen in der ewigen Glorie u. s. w., um damit die grobe Sinnlichkeit der großen Kirchenhäupter zuzudecken, die unzweifelhaft der Einführung der Vielweiberei ursprünglich zu Grunde gelegen hat. Aber ich wiederhole, die Vielweiberei ist keineswegs als die wesentlichste und wichtigste Eigenthümlichkeit des Mormonismus anzusehn. Wie dieser besonders häßliche Auswuchs in den ersten Jahren der Kirche nicht bestand, so könnte er hinweggenommen werden, ohne die eigentliche Existenzbedingungen des Mormonenthums zu beeinträchtigen und ohne diejenigen seiner Charakterzüge zu berühren, welche ihm seine politische Bedeutung in unserer Republik geben.
Die kirchliche Organisation der Mormonen hat sich, dem Geiste getreu, der das Ganze durchweht, in das geheimnißvolle Gewand des alten Testaments gehüllt. Sie zerfällt in zwei Abtheilungen: die Melchisedek-Priesterschaft und die Aaronische Priesterschaft. Die Melchisedek Priesterschaft, so genannt, wie die mormonische Offenbarung wörtlich sagt, „weil Melchisedek ein so großer Hoherpriester war“, umfaßt die folgenden Aemter: 1. die erste Präsidentschaft, bestehend aus dem ersten Präsidenten, jetzt Brigham Young, und seinen beider Räthen; 2. die zwölf Apostel; 3. die Siebzig; 4. die Hohenpriester und Aeltesten. Die Melchisedek Priesterschaft, welche die vornehmste ist, hat hauptsächlich für die Verbreitung der Lehre auf Erden zu sorgen; sie besorgt die Propaganden und von ihr gehen die Offenbarungen und Prophezeiungen aus. Sie organisirt und regiert auch die sogenannten „States“, die Gemeinden, welche außerhalb des eigentlichen mormonischen Kirchenstaates im Salzseethale gegründet worden sind und noch gegründet werden. Der erste Präsident, als Haupt der Melchisedek Priesterschaft, ist Commandeur und Chef des Ganzen in allen Dingen, welche die Interessen der „Kirche der Heiligen“ betreffen. Die Aaronische Priesterschaft besteht aus den Bischöfen, Priestern, Lehrern und Diakonen. Zur Aaronischen Priesterschaft kann Niemand zugelassen werden, der nicht entweder ein direkter Abkömmling von Aaron, dem Bruder Moses, ist, oder der Melchisedek Priesterschaft angehört und von ihr mit einem Aaronischen Amt betraut wird. Was nun die direkte Abstammung unserer Smiths und Thompsons vom alten Aaron angeht, so sollte man glauben, die Nachweisung derselben im gewöhnlichen genealogischen Wege müßte eine gewaltig complicirte Geschichte sein. Aber solche Kleinigkeiten bringen die Mormonenkirche nicht in Verlegenheit. Sie bestimmt die direkte Abstammung von Aaron kurzweg „durch Offenbarung“; sobald „offenbart“ worden ist, daß John Smith oder James Thompson von Aaron abstammen, so ist die Sache richtig. Die Aaronische Priesterschaft hat für die Aufrechthaltung der Lehre und des kirchlichen Lebens innerhalb der Gemeinden, für die Administration der Sakramente u. s. w. zu sorgen, und außerdem liegt ihr, besonders den Bischöfen, die Verwaltung der weltlichen Angelegenheiten der Kirchengemeinden ob. So ist der Bischof auch zum „Richter in Israel“ bestellt, und seine Jurisdiktion erstreckt sich nicht allein über Gegenstände kirchlicher, sondern auch weltlicher Natur. Die sämmtlichen Ansiedlungen der Mormonen sind in „Wards“ eingetheilt, und in jeder Ward präsidirt ein Bischof als kirchlicher und weltlicher Magistrat, dessen Spruch jeder „Heilige“ sich zu unterwerfen hat.
Diese Hierarchie, so vielfach verzweigt, greift nun in alle Kreise der Gesellschaft und alle Verhältnisse des Lebens ein. Der Gläubige wird in all seinem Thun und Treiben, bürgerlichem sowohl als religiösem, von den Augen der überallgegenwärtigen Kirche bewacht und muß jeden Augenblick erwarten, für jeden seiner Schritte, welcher der Kirche mißfallen mag, sich streng zur Rechenschaft gezogen zu sehen. Ueberdies hat die Kirche es verstanden, ihn in ein Verhältniß der Abhängigkeit von ihrem Willen zu bringen, das ihm alle Freiheit der Bewegung nimmt. Es hat sich so unter Brigham Youngs Präsidentschaft eine centralisirte Priesterherrschaft herausgebildet, wie sie in der Geschichte kaum despotischer gefunden werden kann. Es ist interessant, diese System in seine Einzelheiten zu verfolgen. In allen Theilen der Ver. Staaten sowie in Europa, besonders in Dänemark, England, Schweden und Norwegen, sind beständig mormonische Missionäre thätig, welche entweder an Ort und Stelle Gemeinden gründen, oder ihre Neubekehrten truppweise zuweilen zu vielen Hunderten, nach dem Salzseethale bringen. Dort angekommen, melden sie sich bei dem Oberhaupt der Kirche, und es werden den Einwanderern gewöhnlich Ländereien angewiesen, auf denen sie sich ansiedeln sollen. Verhältnißmäßig wenige bleiben in Salt Lake City oder den anderen Landstädtchen, um bürgerliche Gewerbe zu betreiben. Die Kirche sieht streng darauf, daß eine überwiegende Proportion der Bevölkerung sich der Produktion, dem Ackerbau widmet. Die Farmen, welche den Eingewanderten angewiesen werden, sind gewöhnlich sehr klein, größtentheils nicht über 20 Acker. Nun tritt die Kirche mit ihren materiellen Anforderungen auf. Zuerst muß jeder Einwanderer und neue Ankömmling den zehnten Theil seiner Habseligkeiten der Kirche geben. Dann ist jeder Gläubige verbunden, der Kirche von dem Ertrage seiner Arbeit den zehnten Theil abzuliefern, der Farmer in Naturallieferungen von Vieh, Getreide u. s. w., der Handwerker und Kaufmann in Geld, ja, der Arbeiter, der nicht auf eigene Rechnung arbeitet und absolut kein Geld übrig hat, den zehnten Arbeitstag. Dies gilt nicht nur von den Mormonen, welche im Salzseethal, sondern auch von denen, die in den „States“ der Kirche, d. h. den auswärts liegenden Gemeinden in Amerika und Europa wohnen. Ich hörte einen der Missionäre in seiner Rede im Tabernakel die Gewissenhaftigkeit rühmen, mit der z. B. arme Arbeiter in England, welche die Woche nur 10 Schillinge verdienten, regelmäßig einen Schilling davon dem Bischof abgeben. Ja, „Heilige“ in England, die als Arme öffentliche Unterstützung erhielten, mußten davon den zehnten Theil herzahlen. Die Bischöfe, welche die verschiedenen Wards regieren, treiben den „Zehnten“ ein. Die Naturallieferungen werden in dem sogenannten Zehnten Hause in Salt Lake City, welches in derselben Umzäunung liegt, die Brigham Young's Wohnung einschließt, abgeliefert, um bei guter Gelegenheit vortheilhaft verkauft zu werden. Das Vieh wird meist auf den Kirchenweiden, zu denen die großen Berginseln im Salzsee gehören, untergebracht. Auf diese Weise erhebt die Kirche eine Steuer von zehn Prozent auf die ganze Productivthätigkeit des Volkes. Die Ergebnisse dieser enormen Auflage reichen nicht nur hin, um die laufenden Bedürfnisse der Kirche zu bestreiten, sondern sie machen bedeutende Ersparnisse möglich, mit denen die Kirche weiter operirt. Ein glaubwürdiger Mann, der mit den Verhältnissen im Mormonenthum sehr vertraut ist, sagte mir, daß schon im Jahre 1862 Brigham Young auf der Bank von England ein Deposit von über 12 Millionen Dollars gehabt habe. Jetzt muß dasselbe natürlich noch viel bedeutender sein. Außerdem hat sich die Kirche sehr einträgliche und ausgedehnte Liegenschaften angeeignet.
Diese Zehntensteuer wurde angeblich — die theologischen Schriften sagen so — eingeführt, um den Ueberfluß der Wohlhabenden den Armen zu Gute kommen zu lassen. Aber das Resultat ist ein ganz anderes. Die Massen bleiben arm, oder werden noch ärmer dadurch. Der kleine Farmer, besonders wenn er thöricht genug gewesen ist, zwei oder drei Frauen zu nehmen und sich eine zahlreiche Familie aufzuladen, kann nur mit Mühe und Noth die Ergebnisse seines Fleißes und der Arbeit seiner Familie entbehren, welche die Kirche ihm auspreßt. Und bezahlt er den Zehnten nicht, so steht ihm eine Strafe bevor, die für seine arme Seele die größten Schrecken hat. Brigham Young und seine Genossen sagen zwar, daß der Zehnte eine freiwillige Gabe sei und Niemanden mit Strenge abverlangt wird, aber es ist Thatsache, das Derjenige, welcher den Zehnten verweigert oder zu zahlen vernachlässigt, aus der Kirche ausgestoßen und dem ewigen Verderben überantwortet wird. Und was könnte es für den gläubigen Mormonen Schrecklicheres geben? Überdies ist die Ausstoßung aus der Kirche nicht blos eine moralische Strafe, sie hat ihre für den armen Mann sehr bedeutsamen materiellen Consequenzen. Durch sie verliert der Bestrafte nicht allein seine Stellung in der kirchlichen Gemeinschaft, sondern er ist auch fortan ein gezeichneter, fast rechtloser Mann in der bürgerlichen Gesellschaft der Mormonen. Die Gläubigen weichen von ihm zurück; die hülfreiche Hand, die unter gewöhnlichen Umständen der Mensch dem Menschen reicht, wird ihm versagt: ist er genöthigt, für Anders zu arbeiten, um seinen Lebensunterhalt zu gewinnen, so wird kein Mormone ihm mehr Arbeit geben; mit einem Wort, der arme Steuerverweigerer sieht sich bald der äußersten Noth und Hülflosigkeit preisgegeben. Und gerade aus diesem Grunde ist es ihm nicht selten unmöglich, das Salzseethal zu verlassen.
Auf der andern Seite scheinen die, welche hoch in der Priesterschaft stehen, vom Zehnten schnell fett zu werden. Angeblich verrichten die Mitglieder der Priesterschaft ihre religiösen Amtspflichten ohne irgendwelche Bezahlung. Aber es ist eine notorische Thatsache, daß die Bischöfe, Aeltesten und Diejenigen, welche mit Brigham Young in naher Beziehung stehen, dennoch sehr schnell reich werden. Die Quelle, aus welcher sie ihre Reichthümer schöpfen, liegt nahe. Das Geld und Gut der Gemeinde geht durch ihre Hande, und bietet sich eine Gelegenheit zu einem vortheilhaften Geschäft, so sind sie niemals um die Mittel verlegen.
Die Weise, in der Brigham Young Reichthümer angehäuft, werde ich später berühren. Daß er die Bereicherung derer, die ihm durch ihre kirchliche Stellung nahe stehn, auf eine schamlose Weise begünstigt, geht aus folgenden Worten hervor, die einer seiner veröffentlichten Reden entnommen sind: „Ich wünsche eure Aufmerksamkeit noch auf andere Sache zu lenken. Irgend ein Aeltester, der das Evangelium predigt, borgt euch 100 oder 1000 Dollars ab, und ihr lauft mir nach und füllt meine Ohren mit Klagen gegen diesen Bruder und fragt mich, was er mit dem Gelde gemacht hat. Ich antworte, ich weiß Nichts davon. Dann macht ihr euch den ganzen Tag Schmerzen darüber, wie ihr das Geld wiederbekommen sollt. Wenn ein Aeltester euch Geld abgeborgt hat, und ihr findet, daß er dem Glauben untreu werden will, dann setzt ihm die Schrauben an. Fährt er aber fort, das Evangelium ohne Belohnung zu predigen, so geht es euch gar nichts an, was er mit dem Gelde macht, welches er euch abgeborgt hat. Wenn ihr gegen einen solchen Aeltesten murrt, so wird das eure Verdammniß sein.“ Also ein Mormonenpriester darf nur fortfahren das Evangelium zu predigen, um volle Freiheit zur Ausbeutung der Gläubigen zu haben.
Eine andere Methode, Reichthümer in den Händen der Kirche anzuhäufen, besteht in dem sogenannten Gesetz der Widmung. Es wird dadurch den „Heiligen“ empfohlen, ihr ganzes Eigenthum der Kirche oder vielmehr dem Präsidenten als Bevollmächtigen, zu übergeben, um so verwandt zu werden, wie die Interressen der Kirche es verlangen mögen.
In einer Rede, mit welcher er diese Art der Eigenthumsübertragung an die Kirche der Gläubigen empfahl, äußerte Brigham Young einige Gedanken, die für seine Politik sehr bezeichnend sind: „Die Herrscher von Großbritannien,“ sagt er, „suchen jeden Capitalisten zu veranlassen, seine Interessen mit denen der Regierung zu identificiren. Brüder, wünscht Ihr dieses Reich Gottes aufrecht zu halten? Ahmt die Politik jenes irdischen Königreichs nach; laßt uns unsere Interessen mit dem Königreich Gottes identificiren, so daß, wenn unsere Herzen in ihrer Ergebenheit dem Souverain gegenüber wanken sollten, unsere irdischen Interessen mit demselben so eng verbunden sind, daß sie nicht losgelöst werden können. — Wenn ein Mann seinen Geldbeutel in seiner eigenen Tasche hat, und fällt vom Glauben ab, so kann er seinen Geldbeutel mit sich nehmen. Aber wenn sein irdisches Interesse mit dem Königreich Gottes fest vereinigt ist, und er versucht es fortzugehen, so findet er, daß das Kalb festgebunden ist, und, der Kuh ähnlich, will er das Kalb nicht im Stiche lassen. Wenn sein Kalb hier festgebunden ist, so wird er auch selbst geneigt sein, zu bleiben.“
Diese cynische Erklärung wirft viel Licht auf Brigham Young's Regierungsplan. Der Priester wird der Kirche verbunden durch die Reichthümer, die sie ihm liefert. Der arme Laie wird durch ein Ausbeutungssystem arm und abhängig, und durch moralischen und physischen Terrorismus unter dem Daumen gehalten. Und der wohlhabende Laie wird gedrängt, sein irdisches Gut freiwillig der Kirche in die Hände zu legen, um ihn zu der Kirche in ein Verhältniß materieller Abhängigkeit zu bringen. Dies in Verbindung mit den Offenbarungen, welche den Willen Gottes entgegenhalten, und den Himmel wie die Schrecken der Hölle mit unbeschränkter Autorität vertheilen, macht die Maschinerie einer Priesterherrschaft aus, die nur sich selbst überlassen zu werden braucht, um vollkommen absolut zu werden.
Es ist einleuchtend, daß ein so ungeheuerliches System wie das der mormonischen Priesterherrschaft nur durch strenge Abschließung gegen Einflüße von außen sich halten kann. Das haben die Häupter der Kirche auch von Anfang an erkannt. Daher waren sie sogleich mit der Organisation des „Staates Deseret“ bei der Hand, als das Land, welches sie bewohnten, in Folge des mexikanischen Krieges an die Ver. Staaten fiel. Sie wollten sich auf diese Weise eine ungestörte Herrschaft im eignen Haushalt sichern. Freilich wurde ihnen durch die Weigerung des Congresses, den Staat als solchen in die Union aufzunehmen, ein Strich durch die Rechnung gemacht. Aber auch unter der von dem Congreß der Ver. Staaten bestellten Territorialregierung hat Brigham Young in der That beständig das Heft in der Hand behalten. Mit Ausnahme der Steuerbeamten führen die Bundesbeamten im Territorium Utah nur eine Scheinexistenz. Die Autorität, welche sie ausüben, ist nur ein Schatten. Nominell ist in diesem Augenblicke der ehemalige Senator Durkee von Wisconsin und nicht Brigham Young, Gouverneur des Territoriums Utah. In der That aber übt Brigham Young im Salzseethale eine bedeutend größere politische Gewalt aus, als jemals von dem Gouverneur eines amerikanischen Territoriums oder Staates gehandhabt worden ist. Und das geht auf sehr einfache Weise zu. Brigham Young hat die Legislatur von Utah in seiner Tasche. Die Wählerschaften bestehen fast ausschließlich aus Mormonen. Die Mormonen sind gewohnt, der Kirche aufs Wort zu gehorchen. Soll nun eine Legislatur gewählt werden, so sucht Brigham Young für jeden Wahlkreis den Candidaten aus, und dieser Candidat wird ohne Opposition gewählt. Es ist also gerade so gut, als ob Brigham Young das Recht hätte, die Legislaturmitglieder nach seinem Belieben anzustellen. Es gibt nur zwei Distrikte im Territorium, wo Nicht-Mormonen gewählt werden können, aber diese Beiden sitzen da in ohnmächtiger Verlassenheit. Natürlich macht eine solche Legislatur auch nur solche Gesetze, wie sie dem Oberhaupte der Kirche gefällig sind. Ihre sämmtlichen Handlungen werden direkt von der Kirche diktirt. Nun kann allerdings der Gouverneur eine Bill mit seinem Veto belegen. Aber das Territorium hat selten einen Gouverneur gehabt, der dazu die nötige Schneide besaß, und Brigham Young hat noch immer sich eines Gouverneurs, der ihm unangenehm wurde, zu entledigen verstanden. Die Gesetze des Territoriums werden also so ziemlich nach Belieben vom Kirchenoberhaupte gemacht. Um diese Thatsache recht augenfällig zu machen und den Mormonen selbst einen hohen Begriff von der Unabhängigkeit ihres Kirchenstaates beizubringen, wird eine merkwürdige und bezeichnende Komödie gespielt. Obgleich der „Staat Deseret“, der im Jahre 1849 von den Mormonen organisirt, und zu dessen Gouverneur Brigham Young gewählt wurde, niemals vom Congreß anerkannt worden ist, existirt in der Theorie der mormonischen Kirche dieser Staat Deseret dennoch, und Brigham Young ist sein Gouverneur. Wenn nun eine Territorial-Legislatur gewählt werden soll, so schreibt Brigham Young zugleich auch eine Wahl für die Legislatur des Staates Deseret aus, und zwar auf denselben Tag. Die Candidaten für die Territorial-Legislatur werden zugleich als Candidaten für die Legislatur des Staates Deseret bezeichnet, und in demselben Wahlakte gewählt. Wenn nun die Territorial-Legislatur nach Beendigung ihrer Arbeiten sich vertagt hat, so treten am nächsten Tage dieselben Leute als die Legislatur des Staates Deseret zusammen; Brigham Young, als Gouverneur des Staates Deseret, legt derselben seine Botschaft vor, und die Legislatur bestätigt durch einen einzigen Beschluß die sämmtlichen Akte der Territorial-Legislatur, angeblich „um derselben Gesetzeskraft zu verleihen.“ So wird die Fiktion des Mormonenstaates Deseret aufrechtgehalten, und die unter der Autorität der Ver. Staaten berufene Territorial-Legislatur erscheint nur als eine Art von vorbereitender Versammlung, die nichts Endgültiges beschließen kann, während die unter der Autorität Brigham Youngs berufene Staats-Legislatur von Deseret allein gesetzgebende Gewalt hat.
Ueberdies liegt auch ein großer Theil der executiven Maschinerie in den Händen der Kirche. Daß alle County- und Municipal Beamten von den Mormonen unter unmittelbarer Direktion der Kirche gewählt werden, versteht sich von selbst. So steht ihr ebenfalls die ganze Polizeimacht und namentlich die Miliz des Territoriums zur Disposition. Die Offiziere der letzteren werden vom Kirchen-Oberhaupte bestimmt, ohne daß sie selbst dem Territorialgouverneur die Ehre anthun, sich bei ihm zu rapportiren. Wenn Brigham Young einmal mit der Fügsamkeit eines solchen Gouverneurs recht zufrieden ist, und ihm seine Gunst beweisen will, so ladet er ihm ein, einer Milizparade nicht als Commandeur, was er eigentlich kraft seines Amtes sein sollte, sondern als Zuschauer beizuwohnen. Als der jetzige Gouverneur Durkee im Jahre '65 in Utah anlangte, widerfuhr ihm eine solche Ehre, bei welcher Gelegenheit Brigham Young als Obercommandeur der Miliz an der Spitze der Colonne erschien, während der gesetzliche Chef, der Territorialgouverneur, bescheiden in der Prozession mitzog. Der Befehlshaber der Miliz, unter Brigham Young's Oberkommando, ist „Generallieutenant“ Wells, ein Mann „hoch in der Priesterschaft“, der zugleich das Mayorsamt in Salt Lake City versieht. Es versteht sich von selbst, daß Polizei sowohl als Miliz immer bereit stehen, den Winken des Kirchenoberhauptes zu gehorchen.
Aber auch im Justizwesen sieht es nicht wesentlich anders aus. Ich habe schon erwähnt, daß vermöge der mormonischen Offenbarung die Bischöfe zugleich zu „Richtern in Israel“ bestellt sind. Sie, als Diener des Herrn, schlichten so ziemlich alle Streitigkeiten zwischen den „Heiligen“ selbst. Wenn aber in einem Rechtsfalle ein „Heide,“ d. h. ein Nicht-Mormone mit im Spiel ist, so muß die Sache natürlich vor ein „weltliches“ Gericht gehn. Nun hat die Legislatur von Utah ein Gesetz gemacht, wodurch den in den Counties gewählten Judges of Probate eine sich selbst auf Criminalsachen erstreckende Jurisdiktion zuertheilt wurde. Natürlich sind diese Probatgerichtshöfe, welche aus der Wahl der „Heiligen“ hervorgehn, nicht weniger Geschöpfe der Kirche, als die übrigen Countybeamten. Ebenso verhält es sich mit dem Geschworenen, welche in den Counties von den Probatrichtern und andern Countybeamten zusammen ausgesucht werden. Natürlich werden auch dazu nur „Heilige“ genommen, auf welche die Kirche verlassen kann. Selbst die Gerichtshöfe der Bundes-Distrikts-Richter sind in dieser Beziehung nicht besser daran. Statt daß, wie es bei Gerichtshöfen dieser Art anderswo der Fall ist, der von der Regierung der Ver. Staaten angestellte Bundes-Marschall die Geschworenenliste macht, besorge in Utah ein von der Legislatur angestellter Territorial-Marschall dieses Geschäft. Natürlich kann nur ein zuverlässiger „Heiliger,“ den das Kirchenoberhaupt bezeichnet, Territorialmarschall werden, und es versteht sich, daß die von ihm ausgewählten Geschworenen von derselben Farbe sind. Die Folge davon liegt auf der Hand. Die Localgerichte werden ganz und gar von den Werkzeugen der Kirche dirigirt, während ein so wichtiger Theil der Maschinerie der Bundesgerichtshöfe sich ebenfalls unter der unmittelbaren Controlle der Kirche Befindet, daß diese Gerichtshöfe in der Administration der Justiz zwischen „Heiligen“ und „Heiden“ völlig lahm gelegt sind. Einige Bundesrichter haben daher, von ihrer Ohnmacht überzeugt und angewidert von diesem Unwesen, ihre Aemter niedergelegt, während andere, welche durch Versuche, die nöthigen Reformen herbeizuführen, sich den Unwillen der Kirche zugezogen hatten, aus dem Territorium förmlich verjagt wurden oder der Gefahr durch eilige Flucht auswichen. Man wird sich erinnern, daß selbst diesen Sommer Brigham Young dem Senator Trumbull zum Abschied sagte: „Sie müssen sich nicht wundern, wenn Sie eines schönen Morgens aufwachen und hören, daß die Bundesrichter aus dem Territorium Utah plötzlich heimgeschickt worden sind.“ Die neuangestellten Richter scheinen nämlich entschlossen zu sein, ihre Pflicht zu thun, und der Zorn Brigham Youngs hängt wie eine Donnerwolke über ihnen.
So hat also die Kirche alle Funktionen der Regierung absorbirt, welche direkt in die bürgerlichen Verhältnisse eingreifen, so daß Jeder, der sich in ihrem Bereiche niederläßt, sich unmittelbar in ihrer Gewalt befindet. Und diese Prätension wird mit eine Zähigkeit und Insolenz festgehalten, die an's Unglaubliche grenzt. Im Frühling 1863 schickten der Territorial-Gouverneur Harding und die Bundes-Distrikts-Richter Waite und Drake den Entwurf eines Gesetzes nach Washington, um den oben berührten Uebelständen abzuhelfen, und die Bill wurde im Senat präsentirt. Sobald diese Nachricht nach Salt Lake City kam, berief Brigham Young eine Versammlung der „Heiligen“ im Tabernakel und hielt eine Rede, in welcher er folgende Ausdrücke gebrauchte: „Erkennt ihr diesen Mann Harding als euren Gouverneur an?“ (Allgemeines Geschrei in der Versammlung: „Nein, Sie sind unser Gouverneur!“) „Ja, ich bin euer Gouverneur und ich will ihn verstehen machen, daß ich euer Gouverneur bin; und wenn er versucht, sich in meine Angelegenheiten zu mischen, dann Wehe, Wehe ihm!“ (Er erhob seine Faust in drohender Weise und die ganze Versammlung applaudirte und schrie: „Ja, Sie sind unser Gouverneur!“ Er fuhr fort:) „Wollt ihr einem solchem Menschen erlauben, im Territorium zu bleiben?“ (Geschrei: „Nein, jagt ihn fort!“) „Ja, ich sage, jagt ihn fort! Die Richter Waite und Drake sind alte Narren und bloße Werkzeuge von Gouverneur Harding, und auch sie müssen fort. Wenn diese drei nicht resigniren, oder wenn der Präsident sie nicht bald abruft, so muß das Volk das Geschäft besorgen!“ Dies war vor sechs Jahren, daß aber der dort herrschende Geist noch derselbe ist, geht zur Genüge aus der Senator Trumbull gegenüber ausgesprochenen Drohung hervor. Die Kirche ist entschlossen, jede Einmischung der Ver. Staaten in ihre Regierungsangelegenheiten durch List oder Gewalt auszuschließen, und wenn sie die Concession gemacht hat, die Steuerbeamten ihre Amtspflichten in Territorium ausführen zu lassen, so geschieht das wohl nur, theils, weil die Steuererhebung nicht direkt die Autorität der Hierarchie beeinträchtigt, und theils, weil es nicht wünschenswerth erscheinen mag, über diesen Punkt unmittelbar einen Conflikt herbeizuführen.
Aber nicht allein der Einfluß der Bundesregierung soll aus den inneren Angelegenheiten des Mormonenthums fern gehalten werden; dasselbe ausschließende System wird auch den Nicht-Mormonen, den „Heiden“ gegenüber befolgt, die sich dort niedergelassen haben. Salt Lake City war ein vortrefflicher Handelsplatz, wo Emigranten, die nach den Minen oder Californien zogen, wo die Bewohner der benachbarten Minen selbst und auch „Indianer-Händler“ ihre Einkäufe machten. Dieser Umstand veranlaßte die Niederlassung von nicht-mormonischen Kaufleuten in Salt Lake City, mit welchen die genannten Classen vorzugsweise ihre Geschäfte trieben. Manche dieser Kaufleute, besonders die, welche daneben auch noch Regierungscontrakte zur Truppenverpflegung bekamen, prosperirten bedeutend. In letzterer Zeit, namentlich seit der Eröffnung der Eisenbahn, hat dies jedoch aus leicht begreiflichen Gründen sehr abgenommen. Doch ist eine Anzahl von Nicht-Mormonen in Salt Lake City sitzen geblieben, theils, weil sie ihre Geschäfte noch nicht haben auflösen können. Mit mehreren davon habe ich mich über ihre Lage unterhalten. Jeder Nichtmormone wird als ein Eindringling betrachtet, den man als einen Heiden in dem Lande der Heiligen nur eben duldet, wenn er sich sehr vorsichtig ausführt.
Von vorne herein sieht die Kirche jeden „Heiden“ für einen Feind an, vor dem der Heilige auf seiner Hut sein muß. Der Nicht-Mormone ist deßhalb von einem Spionirsystem umgeben, welches jeden seiner Schritte bewacht, und sobald er eine feindselige Gesinnung kundgiebt, oder sich Dinge erlaubt, die den Interessen der Kirchenhäupter entgegenlaufen, muß er sich auf sehr unangenehme Dinge gefaßt machen Es sind „Heiden“ auf offener Straße erschossen worden oder auf geheimnißvolle Weise verschwunden, ohne daß es gelungen wäre, eine mormonische Jury zum Erlaß einer Anklage zu bewegen. Nur ein einziger Fall einer Prozessirung und Verurtheilung eines Mormonen wegen Ermordung eines Heiden ist vorgekommen, und dieser Fall war so eklatanter Art, daß die Heiligen es in ihrem Interesse finden mußten, der Gerechtigkeit kein Hinderniß in den Weg zu legen. — Der Nicht-Mormone fühlt daher, daß er dem „Heiligen“ gegenüber beinahe rechtlos ist. Er erkennt also die Nothwendigkeit an, leise und vorsichtig aufzutreten, wie in einem Lande, welches von einem unskrupulösen Despotismus beherrscht wird. Mehrere Nicht-Mormonen weigerten sich, vor und in dem Hotel in Salt Lake City, wo wir überhört werden konnten, mit mir über die Angelegenheiten des Landes zu sprechen. Nachdem wir uns in ein Zimmer zurückgezogen, verschlossen sie die Thüren sorgfältig, „weil die Wände Ohren hätten“.
Aber dieser Druck greift auch in die Geschäftswelt ein. Bei meinem ersten Gange durch die Stadt waren mir eine Menge Aushängeschilder aufgefallen mit der Inschrift: Holiness to the Lord! Zion's cooperative mercantile institution. Diese Schilder bezeichnen die Lokale einer Geschäfts-Association, welche alle Zweige des Handels umfaßt und in allen Ansiedlungen im Territorium Waarenläden hat. Die Fäden dieser Association laufen in Brigham Young's Händen zusammen. Er dirigirt das Ganze in all seinen Operationen, und so ist auch das kaufmännische Geschäftsleben in den Händen des Kirchenoberhauptes centralisirt. Die „Heiligen“ sind angewiesen, nur in den Läden der „cooperativen Geschäfts-Association von Zion“ zu kaufen. Es wurde mir mehrfach erzählt, wenn ein Mormone in den Laden eines Heiden eintrete, wo er Dieses und Jenes wohlfeiler bekommen könne, so finde sich bald einer der Polizeimänner Brigham Young's, der den verirrten Mormonen am Rockschoß fasse und ihm sage, dies sei nicht der Platz für einen Heiligen, Geschäfte zu machen. Auf diese Weise werden die Geschäfts-Etablissements der Nicht-Mormonen in Salt Lake City allmählich ruinirt, und die meisten dieser Leute sehen sich nur nach Mitteln um, durch welche sie sich ohne allzu großen Verlust aus der Affaire ziehn können, um den Staub des Mormonenreichs von ihren Füßen zu schütteln. Das ist gerade, was die Kirche will.
Man hat geglaubt, die Pacific-Eisenbahn werde bald eine starke Einwanderung von Nicht-Mormonen in dem Salzseethal absetzen, und so das Mormonenthum untergraben. Darin hat man sich geirrt. Die Eisenbahn hat die Einwanderung von Mormonen bedeutend erleichtert und befördert. Aber es sind bis jetzt nur ein paar kleine Niederlassungen von Nicht-Mormonen unmittelbar an der Linie entstanden, welche auf den Charakter der Gesammtbevölkerung des Territoriums nicht den geringsten Einfluß ausüben. Die Eisenbahn hat also das Mormonenthum bisher ganz unberührt gelassen; sie hat es eher durch die erleichterte Einwanderung von Neubekehrten verstärkt. — So hat sich gerade in der Mitte zwischen dem Missouri und dem Stillen Ocean ein Gemeinwesen festgesetzt; dessen Organisation in ihren Grundzügen mit den freien Institutionen unserer Republik im schneidendsten Widerspruch steht, dessen Volk, von einem blinden Fanatismus beseelt, sich selbst für das auserwählte, höchstberechtigte hält und alle Andern für Unreine und Feinde ansieht, und dessen Regierung in einer absoluten Theokratie besteht, welche alle Mittel anwendet, durch Ausschließung aller aufklärenden und progressiven Einflüsse von außen ihre Macht zu befestigen.
Es war verabredet worden, daß wir Brigham Young, den Präsidenten und Propheten der Mormonenkirche, den „Löwen des Herrn“, wie er sich gern nennen läßt, Montag Morgens um 10 Uhr in seiner Wohnung sehen sollten. Er empfing uns in seinem Geschäftsbureau, einem in einfachen Geschmack, aber gut möblirten, geräumigen Zimmer, worin sich mehrere an Pulten arbeitende Schreiber befanden. Die Wände waren mit ziemlich barbarisch ausgeführten Porträts der Propheten und Apostel der Mormonenkirche, sowie mit dem Bildniß Andrew Johnsons geziert. Einer von uns fragte Brigham Young, wie der Expräsident zu einer solchen Ehre komme, und Young antwortete: „Andrew Johnson ist immer unser Freund gewesen.“ Brigham Young ist am vergangenen 1. Juni 68 Jahre alt geworden, aber er ist für sein Alter ungewöhnlich rüstig. Man könnte ihn für einen mittleren Fünfziger halten. Er ist nicht groß von Statur, aber breitschulterig, untersetzt. Sein Kopf sitzt auf einem breiten Stiernacken und zeichnet sich durch einen massiven, vordringenden Unterkiefer aus. Der Gesichtsausdruck läßt mehr auf Willenskraft und starke Leidenschaften, als auf einen hohen Grad von Intelligenz schließen. Brigham Young kleidet sich einfach, und wenn man ihn daher geben sieht, sollte man ihn für einen soliden alten Farmer halten. In der Unterhaltung schien er sich einige Zurückhaltung aufzulegen. Wahrscheinlich wollte er eine ähnliche Unvorsichtigkeit vermeiden, wie sie ihm in seinem Gespräche mit Senator Trumbull entschlüpft war. Man sagt sogar, er hüte sich neuerdings, zur versammelten Gemeinde zu sprechen, wenn Fremde, auf deren gute Meinung es ihm ankommt, gegenwärtig sind, da er fürchtet, von seinem reizbaren Temperament in der Rede zu Indiscretionen fortgerissen zu werden. Doch beantwortete er alle Fragen, die wir ihm stellten, und die sich meist um den materiellen Zustand des Territoriums drehten, in dem zwanglosen Tone eines Geschäftsmannes, der über Dinge, die ihm geläufig sind, gern Auskunft giebt. Ueberhaupt ließ Brigham Young in unseren Gesprächen den Propheten ganz bei Seite. Er hat jedoch viel natürliches Selbstbewußtsein in seinem Wesen, und von den Angelegenheiten des Territoriums Utah sprach er wie der Herr eines Hauses von seinem Haushalt spricht. Er hat keine Bildung genossen und steht auf einem gespannten Fuße mit der Grammatik. Seine Kenntnisse beschränken sich, mit Ausnahme der nothdürftigen theologischen Studien, die ihm zum Prophetengeschäft absolut unentbehrlich gewesen sind, unzweifelhaft auf die Dinge, mit welchen er von Tag zu Tage praktisch zu thun hat. Er soll nicht selten in seinen Ausdrücken sehr roh sein, und in der That begegnet man in seinen gedruckten Reden den brutalsten und vulgärsten Redensarten. Aber es spricht eine Kraft aus seinem ganzen Wesen, welche den, der einmal mit ihm zusammen gewesen ist, wohl verstehen läßt, wie dieser Mann durch die impulsive Macht seines Willens eine unwissende Masse mit sich fortreißen und seinen Plänen dienstbar machen kann.
Der hervorstechendste Charakterzug Brigham Youngs ist wohl sein Sinn für das Praktische. Man braucht nur seine Häuser und die daran stoßenden Gärten zu sehen, um zu der Ueberzeugung zu kommen, daß bei ihm nicht das Schöne, sondern nur das Nützliche gilt. Seine Häuser sind solid und geräumig; aber da ist auch fast gar kein Versuch einer Verschönerung zu bemerken, die nicht ihren praktischen Zweck hätte. Im Garten ist kein quadratfuß Raum an Blumenbeete verschwendet. Aber Gemüse, Obstbäume und Traubenstöcke, das ist, was sein Herz erfreut. Er besitzt im höchsten Grade das, was man exekutive Fähigkeit nennt. Die Ansiedlungen der Mormonen erstrecken sich nahezu 400 Meilen südlich und etwa 200 Meilen nördlich von Salt Lake City, und wie man erzählt, ist er beständig von jeder Kleinigkeit informirt, die da vorgeht, und greift mit Kraft ein, sobald sich irgendwo dazu Veranlassung bietet. In seinem Hause befindet sich ein Telegraphen-Bureau, in welchem er Telegraphenlinien von einer Gesammtlänge von 500 Meilen commandirt, die ihn über Alles, was in den Ansiedlungen der Heiligen vorgebt, auf das prompteste und genaueste informirt halten. Auch hat er auf äußerst geschickte Weise die Interessen des mormonischen Kirchenstaates mit seinen eigenen zu indentificiren gewußt. Das ganze bewegliche Kirchenvermögen ist in seiner Hand. Die ganze Maschinerie des Zehntenwesens, welches so bedeutende Summen liefert, wird von ihm dirigirt, und alle in Banken deponirten Kapitalien der Kirche stehen auf seinem Namen. Er ist “Trustee in trust” der Kirche, und als Vertrauensmann des Gemeinwesens nimmt er das Vertrauen der Gläubigen so sehr in Anspruch, daß er sie seit Jahren davon entwöhnt hat, von ihm detaillirte Rechnungsablagen zu erwarten. Es ist eine Art von mormonischen Glaubenssatz, daß, was der Prophet Brigham thut, wohlgethan ist; und der „Heilige“, der einen Zweifel daran ausdrücken wollte, würde sich bald das sehr gefährliche Mißfallen der Kirche zuziehen. Außerdem hat er sehr wohl für seinen Privatbeutel zu sorgen verstanden.
Die blinde Ergebenheit seiner „Heiligen“ hat ihm zuerst dazu dienen müssen, ihm einträgliche Privilegien zu verschaffen. Im Jahre 1850 ließ er von der Legislatur ein Gesetz machen, welches ihm für die kleine Summe von $350 die ausschließliche Benutzung von City Creek und City Canyon verschreibt. City Canyon ist der einzige Platz innerhalb 15 Meilen von der Stadt, wo Brennholz zu holen ist. Brigham Young verlangt nun kraft jenes Gesetzes, daß Jeder, der in City Canyon Holz holt, ihm von je drei Wagenladungen eine abliefern muß. Und um diese Abgabe mit Sicherheit einzutreiben, hat er den einzigen Eingang zu City Canyon so eingezäunt, daß derselbe nur auf einer Straße, die durch sein Gehöfte führt, erreicht werden kann. Niemand kann sein Thor mit Holz passiren, ohne den Zoll zu entrichten. Außerdem hat er am City Creek, der eine gute Wasserkraft liefert, zwei oder drei Mühlen errichtet, und es wird berechnet, daß City Creek und Canyon allein ihm ein Einkommen von mehr als $15,000 jährlich abwerfen. Etwa ein Dutzend andere Gesetze, die von der Legislatur von 1850 bis jetzt gemacht worden sind, übertragen ihm die alleinige Benutzung von Hunderten von Quadratmeilen der besten Weidegründe, von Kohlenlagern und Wasserkräften, und einträgliche Privilegien in der Form von Flußfähren und Straßenzöllen. So hat er also reichlich für seine eigene Tasche gesorgt, und seine irdischen Güter vermehren sich wie der Sand am Meere. Dazu ist er der schärfste Spekulant im Territorium; wo ein Stück guten Grundeigenthums in den Markt kommt, stürzt er mit dem Scharfblick und der Geschwindigkeit eines Adlers darüber her, und die „Heiligen“ müssen sich bei Strafe seiner Ungunst wohl hüten, ihm durch die Forderung eines hohen Preises oder durch Concurrenz bei einem Ankauf ein Geschäft verderben zu wollen. Selbst seine Prophetengabe spielt nicht selten bei seinen Ankäufen eine hervorragende Rolle. Man erzählt sich, daß er zuweilen einem „Heiligen“ ein Grundstück abringt durch das allen Widerstand niederwerfende Wort: „Der Herr will es für den Gesalbten seiner Kirche.“ Und wenn ein „Heide“ etwas zu verkaufen hat, so macht Brigham Young seinen eigenen Preis, denn kein Mormone würde es wagen, ihm durch ein höheres Gebot das Verlangte streitig zu machen. So erzählte mir ein nichtmormonischer Kaufmann in Salt Lake City, der durch die früher beschriebene Ausschließung der „Heiden“ vom Geschäftsverkehr dem Bankerott nahe gebracht wurde, daß er Brigham Young seine Grundstücke und Gebäulichkeiten zur Hälfte des Kostenwerthes zu verkaufen genöthigt sei, weil man allgemein wisse, daß er die Sache haben wolle. Für Brigham Young rentirt sich's also, Prophet zu sein.
Als Regel sorgt er nicht allein für das Seelenheil, sonder auch für das Amüsement seines Volks. Er encouragirt Tanzvergnügungen und alle Arten gesellschaftlicher Unterhaltung, theils wohl, weil er seine Gläubigen und besonders die Frauen in gutem Humor halten will, theils aber auch, weil ihm auch aus dieser Quelle ein schönes Stück Geld zufließt. In jeder Ward in Salt Lake City giebt es eine geräumige Halle, welche für Schulunterricht und öffentliche Versammlungen benutzt wird. Aber das Tanzen ist darin verboten. Dafür muß die „Social Hall“ gemiethet werden, die, obgleich vom Zehntengelde gebaut, in Brigham Youngs Händen ist, und für die er eine äußerst hohe Rente, bis zu $100 hinauf, per Nacht verlangt. Außerdem hat er ein Theater gebaut, welches er auf eigne Rechnung führt und dessen Ertrag ihm natürlich zufließt. Um dieses Theatergeschäft ökonomisch zu betreiben, müssen die Clerks, die er in der Verwaltung des Kircheneigenthums angestellt hat, und sogar einige seiner Töchter, als Schauspieler mitwirken, was natürlich dem Propheten finanziell zu Gute kommt. Es ist ein hübsches, geräumiges Haus, welches in jeder großen Stadt passiren würde, und Brigham Young selbst hat sich darin die „Königsloge“ reservirt, worin er mit seinen Lieblingsfrauen den Aufführungen beiwohnt, während für die Masse seiner Weiber und Kinder ein Raum im Parquet abgegrenzt ist, den man „Brigham Youngs Corral,“ des Propheten Pferch, zu nennen pflegt.
Brigham Youngs eheliches Leben ist wohl mehr als alles Andere zum Gegenstand allgemeiner Neugierde geworden. Er hat jetzt einige dreißig Frauen und mehr als achtzig Kinder. Die meisten davon leben in zwei geräumigen Häusern, die auf seinem großen Grundstück in Salt Lake City stehen, und, zusammen mit dem Garten und einigen Wirthschaftsgebäuden, von einer acht bis zehn Fuß hohen Mauer eingeschlossen sind. Eins dieser Häuser heißt das „Löwenhaus“, so genannt nach einem aus Stein gemeißelten Löwen, der auf der Veranda der Giebelseite angebracht ist, und das andere das „Bienenkorbhaus“, nach einem Bienenkorbe, der das Dach krönt. Ein drittes in derselben Umzäunung befindliches Gebäude dient als Schulhaus für die Kinder. Mehrere Frauen, besonders diejenigen, welche ihm nicht mehr besonders zusagen, hat Brigham Young in verschiedenen Häusern in der Stadt untergebracht. Und da er häufig Rundreisen durch das ganze Territorium macht, so hat er mit dem ihm eigenen Sinn für das Praktische, einige seiner Gattinnen über die verschiedenen Ansiedlungen vertheilt, so daß er jedesmal eine vorfindet, wo er sich aufhalten mag. Wie man sich in Salt Lake City erzählt, sind diese Frauen, mit wenigen Ausnahmen, Personen von geringer Intelligenz und mangelhafter Erziehung.
Auch bei seinen Liebes-Affairen soll Brigham Young von seiner Prophetenstellung ausgedehnten Gebrauch gemacht haben, besonders seit er alt geworden ist. Das Versprechen, ihr in der ewigen Welt eine höhere Stellung zu verschaffen, sie zu einer „Königin im Himmel“ zu machen, oder gar das drohende Wort, daß der Herr die Verbindung befohlen habe, und daß ohne dieselbe ewiges Verderben sicher sei, soll ihm das Jawort mancher seiner Gattinnen verschafft haben. Selbst seine Gegner gestehen zu, daß er zwar seine Zärtlichkeit auf seine zeitweiligen Günstlinge beschränkt, aber doch alle seine Frauen mit Güte und Sanftmuth behandelt. Natürlich haben sie alle zu ihm als ihrem Herrn hinauf zusehen, statt ihn als Gatten zu betrachten. Doch das ist eine natürliche Folge der Polygamie. Das häusliche Leben in Brigham Young's ausgedehnter Wirthschaft bewegt sich in einer kasernenmäßigen Ordnung. Jede der Frauen hat ihre besonderen Pflichten, deren Erfüllung vom Propheten mit Strenge verlangt wird. Es geht eine dunkle Sage in Salt Lake City von unterirdischen Gemächern, die er unter dem Löwenhause habe bauen lassen, um dort seine Kostbarkeiten sicher zu verwahren und seine widersetzlichen Frauen grausamen Züchtigungen zu unterwerfen, und daß die Maurer und Zimmerleute, welche den unteren Theil des Löwenhauses gebaut, alle auf geheimnißvolle Weise verschwunden seien, — aber das ist wohl nur leeres Gerücht.
Brigham Young führt ein geregeltes, im[?] Punkte des Essens und Trinkens sehr mäßiges und äußerst thätiges Leben. Vom frühen Morgen bis in die Nacht ist er von Geschäften überschwemmt, von denen seine religiösen Prophetenpflichten wohl die geringsten sind. Die Offenbarungen schüttelt er wohl nur so aus dem Aermel. Kaum hat er am Morgen sein Hauswesen überblickt, so beginnt der Empfang von Besuchern in seinem Geschäfts-Bureau.
Sein Rath wird von den „Heiligen“ über all möglichen Gegenstände in Anspruch genommen. Kein Unternehmen von irgend welcher Wichtigkeit wird begonnen, ohne daß er zuerst um seine Meinung gefragt wird. Wie viel Arbeit ihm dies auch geben mag, so ermuthigt er es doch: „Wenn ihr wissen wollt, sagt er, wie ihr das Rechte thun sollt, so kommt zu mir, und ich gebe euch das Wort des Herrn über die Sache.“ Auf diese Weise erfährt er alle Pläne, mit denen man sich im Volke trägt, und zugleich alle Gelegenheiten für vortheilhafte Spekulationen. Früher ging er mit allen seinen „Heiligen“ sehr gutmüthig und väterlich um. Seit er aber reich geworden ist, und in einem schönen Wagen fährt, soll er sich auch etwas mehr daran gewöhnt haben, über die Köpfe der gemeinen Leute hinwegzusehn. Wer seine Leistungen betrachtet, der muß aufrichtig bedauern, daß ein so entschieden tüchtiges Executivtalent, statt einem freien Volke und einem aufgeklärten Jahrhundert zum Aergerniß zu werden, nicht in andere Bahnen gelenkt worden ist, in denen es mit seiner ungewöhnlichen Kraft dem allgemeinen Wohl hätte dienen können.
Wie consequent und fest nun auch die Organisation des mormonischen Kirchenstaates sein mag, so sind doch einige Theile des Gebäudes so wackelig, daß es einer mächtigen Autorität in starker Hand bedarf, um gefährliche Brüche und Risse zu verhindern. Ich wiederhole, die Vielweiberei ist nicht einer der ursprünglichen Lehrsätze und nicht eine der Existenzbedingungen des Mormonismus, aber sie ist der wunde Fleck, das Geschwür, welches im Mormonenthum selbst viel Unbehagen verursacht, selbst abgesehen von der verdammenden Kritik, welche das System herausfordert. Die Wahrheit ist, daß sich die mormonischen Frauen sehr unglücklich fühlen und dieses Unbehagen dem ganzen gesellschaftlichen Wesen mittheilen. Es ist der religiöse Fanatismus, der die Vielweiberei aufrecht hält. Es wird den Frauen vorgepredigt, daß sie selbst aus eigener Kraft das Himmelreich nicht erringen können, daß sich für sie nur durch die Dazwischenkunft des Mannes das ewige Heil gewinne läßt, und daß sie sich deshalb einem guten Manne ansiegeln lassen müssen, während auf der anderen Seite die „Glorie“ des Mannes durch die Zahl der Weiber und Kinder erhöht wird, mit welchen er auch in's ewige Reich einzieht. Seltsam, wie diese Lehre ist, so lassen sich doch die Frauen davon bethören, und es sind viele Fälle vorgekommen, in welchen Frauen ihre Männer aufgefordert haben, mehr Gattinnen in's Haus zu bringen. Aber trotz religiösem Fanatismus wird durch dieses Verhältniß die Frau doch in einem beständigen, harten Kampf mit ihren eigenen natürlichen Gefühlen gestürzt. Die Frau sinkt zur Magd und Concubine herab, und an die Stelle des Familienlebens, in welchem für die Frau das einzig wahre Glück blüht, tritt ein rastloser Krieg der Eifersucht und gezwungener Entsagung. Die mormonischen Kirchenhäupter gestehen das zuweilen selbst zu. Brigham Young sagte in einer Rede, die er vor dem „Heiligen“ gegen Ende September 1856 hielt: „Man hört unsere Weiber häufig klagen, daß sie unglücklich seien. Ich habe diesen und jenen Mann sagen hören: Meine Frau, sonst eine vortreffliche Person, hat keinen glücklichen Tag gesehen, seit ich meine zweite Frau nahm. — Nein, nicht einen glücklichen Tag in einem Jahre, sagt der Eine; nicht einen glücklichen Tag in fünf Jahren, sagt der Andere. Es wird behauptet, daß die Frauen unterdrückt und schlecht behandelt werden, und daß viele davon durch eine wahre Fluth von Thränen waten. Nun will ich meinen eigenen Weibern einen Vorschlag machen, und derselbe gilt für alle anderen, ja für alle Frauen dieser Gemeinde. Ich gebe euch von jetzt bis zum 6. Oktober Zeit zur Ueberlegung, und dann sollt ihr euch entschließen, ob ihr bei euren Männern bleiben wollt, oder nicht. Ich werde dann jedem Weibe volle Freiheit geben und sagen: Nun geht eurer Wege, meine Weiber sowohl als die anderen; geht eurer Wege. — Und meine Weiber werden eins von Zwei Dingen zu thun haben, — entweder die Trübsale und Kreuze dieser Welt auf ihre Schultern nehmen und ihrer Religion nachleben, oder ihrer Wege gehen. Ich will lieber allein in den Himmel eingehen, als dieses ewige Kratzen und Zanken um mich haben. Ich biete ihnen allen ihre Freiheit an. Was, auch meiner ersten Frau? Ja, auch ihr, allen. Ich weiß, daß meine Weiber sagen werden: Du kannst so viele Frauen haben, als du willst Brigham. — Schon gut, aber ich werde irgendwo hin gehen und irgend etwas thun, um die Heulschwestern los zu werden.“
Nach diesem Ausspruch zu schließen, muß es in Brigham's Haushalt sehr ungemüthlich ausgesehen haben. Daß seine Frauen von dieser Freiheit keinen Gebrauch machten, ist wohl auf zweifache Weise zu erklären: erstens war es für sie eine Unmöglichkeit, hülflos und verlassen ihren Weg anderthalbtausend Meilen weit durch eine nur von Indianern bewohnte Wildniß zu machen, und zweitens wollten die meisten wohl auch ihr theuer erkauftes Seelenheil, ihrem Rang im Himmelreich, nicht auf's Spiel setzen. So dauerte denn das Elend fort, und es ist wohl jetzt noch gerade so, wie es damals war. Einige Damen unserer Reisegesellschaft fragten die Frau eines Mormonen, der nur diese Einzige Frau hat, was sie von der Vielweiberei denke. Sie antwortete, sie halte die Vielweiberei für eine von Gott angeordnete Einrichtung; aber sie selbst fühlte sich zu schwach, oder nicht gut genug, das Kreuz auf sich zu nehmen und in Polygamie zu leben. Es möge sündhaft sein, aber sie ziehe doch vor, daß ihr Mann keine zweite Frau nehme. — Eine andere Mormonin, die noch zwei Mitfrauen im Hause hat, that auf eine ähnliche Frage folgenden bezeichnenden Ausspruch: Früher habe sie gedacht, die Vielweiberei müsse wohl der göttlichen Ordnung nach existiren, und so habe sie sich darein ergeben. Aber jetzt, nachdem sie so viele „Heiden“, die Salt Lake City besuchten, so liebreich, gemütlich und munter mit ihren einzigen Frauen umherspazieren sehe, komme ihre eigene Lage ihr doch sehr sonderbar vor. In dieser Weise wird wohl der durch die Pacific-Eisenbahn so sehr erleichterte Besuch der Salzseestadt noch viele Mormonenfrauen auf neue Gedanken bringen.
Die Kirche sucht nun durch alle ihr zu Gebote stehenden Mitteln die Männer, besonders die vermögenden, so viel als möglich mit dem System der Polygamie zu identificiren. Sobald ein Mormone sich etwas erworben hat, wird er von Brigham Young selbst, oder von den Bischöfen und Aeltesten dringend ermahnt, sich mehrere Frauen zu nehmen. Zuweilen werden ihm die zu nehmenden Gattinnen ohne Weiteres in Haus geschickt. Diese Methode, die Vielweiberei zu verbreiten, führt zuweilen zu den komischsten Geschichten, von denen ich eine hier erzählen will, wie ich sie gefunden habe. Der „zweite Präsident“ Heber Kimball, der vor einiger Zeit gestorben ist und 14 Wittwen hinterlassen hat, begegnete eines Tages auf der Straße in Salt Lake City einem Mormonen aus Preußen, Namens Taussig, einem der sehr wenigen Deutschen, die sich dem Mormonismus ergeben haben. „Bruder Taussig“, sagte er „geht es Ihnen gut?“ „Ganz gut“, war die Antwort. „Dann geht es Ihnen auch gut für die Kirche,“ sagte Kimball. „Wie viel Weiber haben Sie?“ „Ich habe zwei“, antwortete der Gefragte. „Das ist nicht genug“, sagte Kimball. „Sie müssen ein paar mehr nehmen. Ich werde Ihnen zwei schicken. Hören Sie?“ „Ja wohl, Herr.“ Als Bruder Taussig am andern Abend nach Hause kam, fand er zwei Frauenzimmer in seiner Stube sitzen. Seine erste Frau sagte: „Bruder Taussig“ — (alle Mormonenfrauen nennen ihre Männer: Bruder) — „dies sind die Schwestern Pratt.“ Sie waren zwei Wittwen des verstorbenen Kirchenlichtes Parley P. Pratt. Die eine der Frauen, Namens Sarah, sagte: „Bruder Taussig, wir sind von Bruder Kimball hiehergeschickt, und Sie wissen wozu.“ „Ja“, sagte Bruder Taussig, „ich weiß; aber es ist eine harte Aufgabe für mich, noch zwei Frauen auf einen Schlag zu heirathen.“ Die andre Wittwe bemerkte: „Bruder Kimball sagte uns, daß Sie sehr gute Geschäfte machen und mehr Frauen ernähren können.“ Pause. Bruder Taussig kratzt sich hinter den Ohren. „Nun, Bruder Taussig, fiel Sarah ein, ich will auf alle Fälle geheirathet sein.“ Der arme Bruder antwortete: „Gut, ich will sehn, was ich thun kann und Ihnen dann Nachricht geben.“ Am andern Tage besuchte Bruder Taussig den Bischof und brachte ein Compromiß zu Stande, wonach er Sarah heirathen sollte, und über die andere Wittwe sollte dann sonstwie disponirt werden. Das geschah. Bruder Taussig aber scheint der interessanten Sarah das Leben einigermaßen sauer gemacht zu haben; denn als sie eine Zeit lang bei ihm gewohnt hatte, wurde sie unzufrieden und ging Brigham Young um eine Scheidung an. Brigham Young hat sich nämlich das Recht, Ehescheidungen zu gewähren, ausschließlich vorbehalten; er läßt sich für jede Scheidung $10 bezahlen, was ihm ein reichliches Taschengeld einträgt. Bruder Taussig wurde nun vor Brigham Young geladen. Er hatte wenig gegen die Scheidung einzuwenden, indem er zugab, daß er nicht gut mehr als zwei Frauen ernähren könne. Die Scheidung wurde also gewährt, und Bruder Taussig sollte die $10 bezahlen. Der Unglückliche aber hatte kein Geld, und es wurde ihm angekündigt, daß es ohne $10 keine Scheidung gebe; er müßte das Geld aufbringen oder die Frau behalten. Endlich gelang es ihm, das Geld zu borgen; Bruder Taussig war seine dritte Frau los und Sarah wurde bald einem anderen Bruder zugeschoben.
Durch die Einmischung der geistlichen Herren, welche in der obenerzählten Anekdote so komisch erscheint, ist es gelungen, fast alle vermögenden Mormonen zu Polygamisten zu machen und so mit starken Banden an die Kirche zu fesseln. Unter der ärmeren Classe existirt die Vielweiberei auch, aber nur in seltenen Fällen. Der gesellschaftliche Unterschied zwischen den Reichen und Armen prägt sich dadurch immer stärker aus; er tritt gerade in diesem Punkte grell hervor, und es wäre nicht zu verwundern, wenn in der Folge gerade die Polygamie den Anstoß zu einem Zerfetzungsprozesse gäbe. Die Sache ist bereits angeregt worden durch die Söhne des ersten Mormonenpropheten Joseph Smith, die sich in diesem Augenblicke in Salt Lake City befinden und dort den „reinen“ Mormonismus predigen. Einer dieser Söhne soll durch eine Prophezeihung seines Vaters als das künftige Haupt der Mormonenkirche bezeichnet worden sein. Er ist nun nach Salt Lake City gekommen, um sein von Gott ihm zugesprochenes Erbe von dem Usurpator Brigham Young zu verlangen und die „ursprüngliche und wahre“ Lehre der Kirche zu verkünden. Seine Anhänger, die Josephiten genannt, verdammen die Vielweiberei und verwerfen die von Brigham Young aufgebrachte Göttlichkeit Adams u. s. w. als Ausgeburten des Teufels, halten aber an der mormonischen Offenbarungstheorie fest. Sie erkennen auch ihre Pflicht an, der weltlichen Obrigkeit zu gehorchen, schwören der Regierung der Ver. Staaten Treue und Ergebenheit und verdammen das „landesverrätherische Treiben“ Brigham Young's. Ihre Versammlungen sind zwar immer gut besucht, aber die Zahl der Proselyten, die sich offen zu der josephitischen Lehre bekennen, soll doch noch verhältnißmäßig unbedeutend sein. Brigham Young bekämpft dieses Schisma theils mit der kirchlichen Maschinerie des moralischen Terrorismus, die er so kräftig zu handhaben versteht, theils mit Gegenpredigten. Vor Allem giebt er sich Mühe zu beweisen, daß Joseph Smith selbst die Vielweiberei gebilligt und ausgeübt habe. In einer Versammlung behauptete er vor einiger Zeit, er selbst habe dem Propheten Joseph Smith einige zwanzig oder dreißig Weiber angesiegelt; auch traten einige alte Frauen auf, die vor Jahren mit Joseph Smith in sehr intimem Verhältniß gelebt hatten, und nun bezeugten, wenn von Smith's Abscheu vor der Vielweiberei die Rede sei, so wüßten sie das besser. Jedenfalls ist Brigham Young bedeutend im Vortheil; die vermögenden Mormonen stehen als Polygamisten eifrig auf seiner Sekte; die „Heiligen“ sind an seine Autorität gewöhnt, und er hat das Heft der Gewalt in der Hand. Bisher hat er die persönliche Sicherheit der Söhne Joseph Smith's noch nicht bedroht, wahrscheinlich eben weil sie die Söhne des Propheten sind; sollten sie ihm aber unangenehm werden, so wird er gegen sie dieselbe Politik in Anwendung bringen, der früher schon so manche Abtrünnige erlegen sind, und die in blutiger Verfolgung besteht. Die Dinge, deren er fähig ist, hat er selbst in öffentlicher Rede bezeichnet, als er sagte: „Ehe ich Abtrünnige hier mächtig werden lasse, werde ich mein Bowiemesser aus der Scheide ziehen und siegen oder sterben.“ Wer weiß, ob die Söhne des Propheten nicht auch bald erfahren müssen, mit wem sie es zu thun haben.
Ich halte es nicht für wahrscheinlich, daß das Mormonenreich durch innere Spaltungen zu Falle gebracht werden wird, so lange Brigham Young lebt. Ob sich sogleich nach seinem Tode eine eben so kräftige Faust finden wird, um dieses sonderbare Gemeinwesen zusammen zu halten, ist eine andere Frage. Aus dem, was ich dort erfuhr, habe ich den Schluß gezogen, daß die öffentliche Meinung unter den „Heiligen“ noch keinen Mann als tüchtig bezeichnet hat, Brigham Youngs Scepter zu führen. Seine Söhne sind, wie man sagt, ziemlich harmlose Geschöpfe, und unter den Aposteln und Bischöfen soll sich auch kein Mann von mehr als gewöhnlicher Fähigkeit finden. Sollte es übrigens zu Brigham Youngs Lebzeiten noch einmal zu einem Conflicte mit den Autoritäten der Ver. Staaten kommen, so würde der „Löwe des Herrn“ doch recht bald gewahr werden, daß die Pacific Eisenbahn, obgleich sie die Zahl der Mormonen im Salzseethal durch die Erleichterung der Einwanderung vermehrt, ihn doch auch in den unmittelbaren Bereich des Armes der Nationalregierung gebracht hat. Brigham Young giebt die Bevölkerung des Territoriums Utah auf 150,000 an, darunter 4-5000 Nicht-Mormonen. Wahrscheinlich beträgt sie nur etwa 120,000. Aber selbst 150,000 würden in diesem Augenblicke nicht mehr die Widerstandskraft besitzen, welche vor der Erbauung der Eisenbahn 15,000 Menschen in jener von Wildnissen umgebenen Oase besaßen. Brigham Young hat wohl zu viel praktischen Verstand, um das nicht einzusehen und sich demgemäß in Acht zu nehmen.
Unsre Rückfahrt von Salt Lake City zur Eisenbahnstation Uintah, die wir um 2 Uhr Nachmittags antraten, zeigte uns das herrliche Bild des Salzsees mit seinen Berginseln im hellsten Sonnenlichte. Aber schön wie er ist, fängt der See an, den Ansiedlern, die sich unmittelbar an seinem Ufer niedergelassen haben, unangenehm zu werden. Brigham Young erzählte uns, daß der See seit den letzten zwölf Jahren jährlich ungefähr um einen Fuß gestiegen sei und Hunderte von Hufen werthvollen Ackerlandes überschwemmt habe. Auch sei der Salzgehalt des Wassers bedeutend geringer geworden. Zur Zeit der Ankunft der Mormonen habe man aus vier Gallonen Wasser eine Gallone Salz gezogen. Jetzt bedürfe es acht Gallonen Wasser, um dieselbe Quantität Salz zu liefern. Die Theorie, nach welcher man diese Erscheinungen erklärt, ist folgende: Mehrere Süßwasserflüsse, der Jordan, der Weberfluß, der Bärenfluß und ein Anzahl kleinerer Bäche ergießen sich in den Salzsee, während dieser keinen Abfluß hat, wenigstens nicht auf der Oberfläche. Früher nun sei die Quantität des zufließenden Wassers nicht zu groß gewesen, um durch Verdunstung absorbirt zu werden. Der Anbau des Landes aber habe stärkere Niederschläge von Feuchtigkeit nach sich gezogen, die Quellen und Flüsse seine stärker geworden, und die dem Salzsee zufließende Wassermasse sei nun so groß, daß sie nicht mehr durch bloße Verdünstung absorbirt werden könne. An ein Abgraben des See's ist nicht zu denken, da das Salzseebecken ringsum von Hochland eingeschlossen ist, und wenn das Steigen des Wassers in diesem Maße fortgeht, so wird dem Propheten nichts anderes übrig bleiben, als durch persönliche Verwendung bei seinem Spezialgotte Adam seine „Heiligen“ vor dem Abgeschwemmtwerden zu retten.
Uintah verließen wir am nächsten Morgen. Die Bahn führt von dort das Seeufer entlang an behaglich aussehenden Mormonendörfern und zwei von Nicht-Mormonen gegründeten meist aus Zelttuch gebauten und äußerst primitiv aussehenden „Städten“ vorbei. Nachmittags erreichten wir nach einer ziemlich steilen Steigung Promontory City, den Punkt, wo die von Omaha aus gebaute Union Pacific und die von Sacramento aus gebaute Central Pacific Bahn zusammenstoßen. Dort werden die Wagen gewechselt, und man hat ein paar Stunden zu verweilen. Promontory City liegt auf einer öden Hochebene, die gegen Süden von hart an der Bahn aufsteigenden nackten Bergen begrenzt ist. Die Stadt besteht aus einer Reihe von Zelten, die fast ausschließlich als Trinklokale und Spielhäuser benutzt werden. Ein großer Theil des nichtsnutzigen Gesindels, welches vor der Vollendung der Bahn die zeitweiligen Endpunkte der im Bau begriffenen Strecken unsicher machte, hat sich auf dieser Station zusammengefunden und bildet den Hauptbestandtheil der Bevölkerung. Vor zweien der Zelte waren im Freien Tische aufgestellt, an welchen Kerle mit den unheimlichsten Gaunergesichtern zum Spielen aufforderten. Als Lockmittel hatten sie kleine Hausen von Zwanzig Dollar Goldstücken vor sich, deren Klang hier zum erstenmal wieder das Ohr des vom Osten-Kommenden begrüßte. Aber wehe dem Unglücklichen, welcher der Lockung folgt. Aus den Händen dieser Gesellschaft entschlüpft Niemand ungerupft. Der ganze Platz macht den Eindruck einer Verbrecher-Colonie ohne polizeiliche Controlle, und dennoch finden sich Thoren genug, welche in die so unverdeckt hingestellte Falle hineingehn und sich ausziehen lassen. Man athmet ordentlich auf, wenn der Zug sich wieder in Bewegung setzt und das Raubnest hinter sich läßt.
Nun erreichten wir die Landschaft, welche auf den Karten als „die große amerikanische Wüste“ bezeichnet steht. Wir glaubten schon vorher Einöden gesehen zu haben, welche einen ähnlichen Namen verdienten. Aber bald überzeugten wir uns, daß wenn wir jene Steppen Wüsten genannt, wir ihnen zu viel Ehre angethan hatten. Einen trübseligeren Anblick als den, der sich uns jetzt bot, kann man sich kaum vorstellen. Man denke sich eine Ebene, so weit das Auge reicht mit einer weißen Alkalikruste bedeckt, die nur hier und da von der wilden Salbeistaude durchbrochen ist, einer Schneefläche ähnlich, doch ohne die glänzende Frische, die eine Schneedecke heiter aussehen macht. Und so ging es Stunde nach Stunde, fünfzig, sechzig Meilen weit fort, ohne daß das Auge ein anderes Labsal gefunden hätte, als die zackigen, kahlen Kämme der Bergketten, die bald nahe an die Bahn heranrückten, bald an der Grenze des Horizonts emportauchten. Man dachte mit Grauen daran, wie einst lange Züge westwärts wandernder Emigranten sich mit mühsamen Eilmärschen durch diese todte Landschaft durchgearbeitet, ohne einen Grashalm oder einen Tropfen Wasser für die verschmachtenden Thiere zu finden. Jetzt sind an den weitauseinanderliegenden Eisenbahnstationen einzelne Zelte und Hütten errichtet worden, in denen Leute wohnen, welche auf der Eisenbahn ihren Lebensunterhalt verdienen. Auch sahen wir die ersten chinesischen Arbeiter dort, die, wie während des Krieges unsere Soldaten, truppweise in kleinen “shelter tents” lagerten. Am anderen Morgen zur Frühstückszeit erreichten wir die Stadt Elko in Nevada. Von dort gehen nordwärts Postkutschen nach den Silberminen von White Pine. Elko hat 2500 Einwohner. Die Stadt besteht aus einem bunten Gemisch von Backsteingebäuden, Holzhäusern und Zelten, der Geschäftstheil unmittelbar am Bahnhofe eng zusammengebaut, die Wohnungen in allen Richtungen zerstreut. Wir fanden ein ungemein reges Leben dort, und die Bewohner, mit denen wir uns unterhielten, sprachen mit hoffnungsvoller Zuversicht von der geschäftlichen Zukunft des Platzes. Einer derselben, ein Deutscher, bei dem ich mich über die Preise des Grundeigenthums erkundigte, zeigte mir ein „Ecklot“ in der Nähe des Bahnhofs, das er, wie er mir sagte, vor wenigen Wochen für $1,200 gekauft und gleich darauf für eine Grundrente von $116 per Monat vermiethet hatte. Jetzt stand eine „Shanty“ darauf, in der ein Restaurant betrieben wurde. Er wußte mir von einer Menge ähnlicher Geschäfte zu erzählen. Man versicherte mir, der Handel mit den Minendistrikten sei augenblicklich so lebhaft, daß er das Zahlen wahnsinnig scheinender Renten rechtfertige. Wir sahen einige Postkutschen von White Pine ankommen, denen in Pelze gekleidete Männer und Frauen entstiegen, die Frauen von besonders abenteuerlichem Aussehen. Außerdem wurden in kleine lederne Säcke verpackte Silberbarren, welche die Form von Backsteinen hatten, in bedeutender Quantität ausgeladen.
Von Elko westwärts ging es wieder durch eine eintönige Oede den Humboldtfluß entlang, dessen Lauf die Bahn folgt, bis derselbe in einem sumpfartigen See versinkt. Der nächste Morgen brachte uns ein neues Schauspiel. Wir befanden uns in Truckee auf der Grenze von Californien, 5866 Fuß hoch auf der Sierra Nevada. Hier hat die Landschaft einen ganz andern Charakter. Die Berge sind mit hohen Fichten bedeckt, die Rücken der Bergzüge weniger phantastisch gebrochen, als in den kahlen Felsengebirgen, aber das ganze Bild trägt ein Gepräge der Frische. Da vor uns ein paar Meilen „Schneeschuppen“ abgebrannt waren, was die Bahn unfahrbar gemacht hatte, so mußten wir in Truckee, 119 Meilen östlich von Sacramento, liegen bleiben. Truckee ist ein höchst eigenthümlich aussehender Platz. An der Seite der Eisenbahn erhebt sich eine Reihe eng zusammengebauter Holzhäuser mit steilen Dächern, die Giebel der Straße zugekehrt. Man sollte auf den ersten Blick glauben, es hätten sich Holländer hier niedergelassen. Das Leben auf den Straßen war bunt genug; amerikanische und deutsche Geschäftsleute, Chinesen in Menge, theils Arbeiter, theils Kaufleute, und einzelne Gruppen von schmutzigen Indianern, Männern, Weibern und Kindern, von denen die meisten am Bahnhof umhersaßen und um Silbermünze eifrig Karten spielten, während andere sich an die Passagiere drängten, um zu betteln. So fanden wir „den edlen Sohn Waldes“ in sehr jämmerlicher Gestalt. Truckee hat 2- bis 3000 Einwohner, von denen vielleicht ein Drittel Chinesen sind, die in einem eigenen aus verworren durcheinandergebauten Holzhäusern bestehenden Quartier wohnen. Die geschäftliche Zukunft der Stadt konnten wir nur nach den Aussagen der Bewohner bemessen; und danach zu urtheilen kann sie nicht anders als glänzend sein.
Erst nach vierundzwanzigstündigem Aufenthalt konnten wir weiter. Von Truckee nach Summit, eine Entfernung von vierzehn Meilen, steigt die Bahn um etwa 1200 Fuß. Dies ist der höchste Punkt den sie auf der Sierra Nevada erreicht, 7,042 Fuß über dem Meeresspiegel. Nun fuhren wir in die „Schneeschuppen“ ein; die Bahn läuft unter einem auf starken Pfosten ruhenden hölzernen Dach, welches das Geleise vom Schnee freihalten soll, der in der Sierra Nevada zur Winterszeit in ungeheurer Quantität fällt. Und da auch unterhalb des Daches auf die Pfosten Bretter genagelt sind, um das Hereinwehen des Schnee's zu verhüten, so fährt man wie in einem hölzernen Tunnel, nur daß durch die Ritzen das Licht hereinfällt. So geht es etwa 40 Meilen weit. Dies ist im Sommer insofern sehr unangenehm, als man die Landschaft nur durch die Ritzen, d. h. beinahe gar nicht sehen kann. Nur wenige Blicke auf das Hochgebirge waren uns vergönnt: ein mächtiger Bergkegel mit Schnee auf dem Gipfel und prächtig geschwungenen Profillinien. Aber ich wiederhole, was ich schon früher von den Felsengebirgen sagte: Was man hier von der Eisenbahn aus sieht, kommt an Großartigkeit der Alpenscenerie der Schweiz nicht nahe.
Als wir die Schneeschuppen hinter uns hatten, entwickelten sich zu unserer Linken tiefe Thalgründe, vom American River durchflossen, in die wir von schwindelnder Höhe fast senkrecht herunterblickten, während uns der Eisenbahnzug mit gewaltiger Schnelligkeit über die kühnen Curven führte, welche die Bahn um die Vorsprünge der Bergabhänge zieht. Rechts und links sahen wir die Ueberbleibsel verlassener Goldwäschereien, aus verworrenen Erdaufwürfen und Wasserleitungen bestehend, bis endlich die Abgründe an unserer Seite flacher und flacher wurden, die waldigen Berge hinter uns lagen, und, nachdem wir 7000 Fuß vom Summit heruntergestiegen, sich vor uns das herrliche Thal von Sacramento aufthat.
Während wir in das Thal von Sacramento hinunterfuhren, gab uns californische Gastfreundschaft in nicht mißverstehender Zeichensprache zu erkennen, daß wir in ein Land der Fülle und des Ueberflusses einzogen. Fast vor jeder Station brachte man und Früchte und Trauben von einer Schönheit und Größe, wie wir im Osten sie nur der Sage nach kennen. Aber die Landschaft bot dem Auge keinen erquicklichen Anblick dar. Obgleich das Thal in der unmittelbaren Umgebung der Pacific Bahn keineswegs baumleer ist, so erschien es doch einigermaßen dürr und kahl. Die Sonne hatte während der trockenen Jahreszeit das Gras verbrannt, so daß der Boden gelb aussah und die Bäume, welche so lange von keinem Regen mehr gewaschen worden, erschienen grau von Staub. Von der Stadt Sacramento sah ich leider nicht mehr, als eine kurze Fahrt vom Bahnhofe zum Hotel und zurück erlaubte. Die Geschäftsstraße ist voll von hübschen Gebäuden, und man zeigte mir Wohnhäuser, die irgend einer Stadt dieses Landes Ehre machen würden. Sacramento hat viel von Feuersbrünsten und Ueberschwemmungen gelitten; aber jedesmal hat die Energie der Bewohner die Stadt aus der Verwüstung in schönerer Gestalt wieder erhoben. Sie hat 20 bis 25,000 Einwohner und kann sich wohl im Punkte der äußeren Erscheinung jeder amerikanischen Stadt ähnlicher Größe an die Seite stellen. Ein nicht unansehnlicher Theil der Bevölkerung besteht aus Deutschen, welche, wie mir von allen Seiten übereinstimmend versichert wurde, sich durch ihre körperliche Tüchtigkeit eine sehr geachtete Stellung in der Gesellschaft erworben haben. Eine deutsche Husaren Compagnie und der Turnverein von Sacramento, die ich sah, bewiesen zur Genüge, daß man am Stillen Meer Alles, was anderwärts in solchen Organisationen geleistet wird, zu erreichen, wenn nicht gar zu übertreffen versteht.
Von Sacramento fuhren wir per Eisenbahn nach Vallejo, einem kleinen Platz am Sacramento-Fluß, um dort ein Dampfboot zur Fahrt nach San Francisco zu besteigen. Die Bahn fährt durch eine Niederung auf dem nördlichen Ufer des Stromes, welche einer Prairie in Illinois zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein Theil dieser Niederung ist sumpfig, und wir fanden Chinesen mit Drainirungs-Arbeiten beschäftigt. Das trockne Land hatte diese Jahr eine ausgezeichnete Weizenerndte geliefert. Man erzählte mir von einem Durchschnittsertrag von 40 Buschel auf einzelnen Farmen. An den Eisenbahnstationen waren Getreidesäcke, die diesjährige Weizen-Erndte enthaltend, drei oder vier Fuß hoch, ackerweise, aufgestapelt und warteten auf Transportation. Da während des Sommers kein Regen zu befürchten ist, so läßt man das Getreide ohne Schutz unter freiem Himmel liegen, bis es per Eisenbahn fortgeschafft werden kann. Wenn ich sagte, daß die Landschaft einer Prairie in Illinois ähnlich sah, so bezieht sich das nur auf die Flußniederung, die einige Meilen breit ist. Der Horizont ist wieder von Bergketten abgeschlossen, von denen sich eine über der andern erhebt. Ueberhaupt wird in Californien das Auge nie von einer todten Fläche ermüdet. Man verliert die Berge nie aus dem Gesicht. — Es war schon dunkel, als wir in Vallejo das Dampfboot bestiegen, und die Temperatur, welche in Sacramento einigermaßen an St. Louis erinnerte, war so bedeutend gesunken, daß die Passagiere sich in Shawls und dicke Ueberröcke hüllten. In San Francisco kamen wir nach 8 Uhr Abends an, und in meinem Zimmer im Hotel fand ich ein lustiges Kaminfeuer, welches mir in Anbetracht, daß es der Abend des 28. August war und San Francisco ungefähr einen Grad weiter südlich liegt, als St. Louis, auffallend genug vorkam, aber nach der kalten Abendfahrt keineswegs überflüssig, sondern sehr behaglich war.
Am andern Tage sahen wir San Francisco. Der Amerikaner hat sich daran gewöhnt, wenn er die rastlos schaffende Energie seines Volkes und die rasche Entwickelung des Verkehrslebens in diesem Lande mit Namen bezeichnen will, New York und Chicago anzuführen. Das sind die Paradepferde, die er dem Ausländer gerne vorreitet. Diejenigen, welche die Küste des Stillen Oceans besucht haben, werden ohne Ausnahme zu der Ueberzeugung gekommen sein, daß weder New York noch Chicago sich eines so schnellen und colossalen Aufblühens rühmen können, als San Francisco. Vor gerade zwanzig Jahren standen an dem Meerbusen dieses Namens nur einige unscheinbare Holz- und Adobehäuser. Dann wurde die Stadt San Francisco gegründet. Das Goldfieber zog aus allen Theilen des Landes die abenteuerlichsten, wildesten Elemente der Bevölkerung herbei, die sich noch Jahre lang nachher durch gewaltthätige Zügellosigkeit selbst aufreiben zu wollen schienen. Nach langen und haren Kämpfen brach sich endlich der Geist der gesetzlichen Ordnung Bahn, und jetzt steht dort eine der schönsten, bedeutendsten und reichsten Städte des Continents. Nirgendwo hat amerikanischer Unternehmungsgeist und der diesem Volke innewohnende Organisationsinstinct in so kurzer Zeit so Erstaunliches geschaffen. Die Bevölkerung von San Francisco wird von den Bewohnern selbst auf 150,000 angegeben. Der hier zu Lande überall herrschenden Neigung, der Zukunft ein wenig vorzugreifen, Rechnung tragend, dürfen wir wohl einen kleinen Abzug machen. Nach der Ausdehnung der Stadt zu urtheilen, mag sie 125,000 bis 130,000 Einwohner beherbergen. Die Geschäftsstraßen, besonders diejenigen, welche dem Detailhandel gewidmet sind, dürfen sich, was die Eleganz der Gebäude sowohl, als die Ausstattung der Läden betrifft, mit denen der bedeutendsten Handelsstädte Amerikas messen. Die Hotels erster Classe stehen den großen Karavansereien von New York, Chicago und St. Louis in keinem Punkte nach. Das Leben und Treiben auf den Straßen verräth jene rastlose, nervöse Thätigkeit, welche wir in New York anstaunen. Die Fabrik-Industrie hat bereits einen überraschenden Aufschwung genommen. Zwei große Wollen-Fabriken, eine sehr bedeutende Wagen-Fabrik, Seiden-Fabriken, eine Piano-Fabrik, eine Zuckerraffinerie, zahlreiche Tabacks- und Cigarren Fabriken, Brennereien, Brauereien, Goldarbeitereien und eine Menge kleinerer Etablissements geben Tausenden von Arbeitern Beschäftigung, und ein weitgreifender Handel mit Asien und allen Punkten der atlantischen und pacifischen Küsten Amerika's hat den Hafen mit Schiffen gefüllt. In allen quartieren der Stadt erheben sich prächtige Schulhäuser für die Kinder des Volks. Auch für den vernünftigen Genuß ist gesorgt. Ich habe zwei Vergnügungsgärten dort besucht, welche den schönsten unserer östlichen Städte an die Seite zu stellen sind. Einer davon, von einem unternehmenden Yankee eingerichtete, enthält sogar den Anfang einer zoologischen und allgemein naturwissenschaftlichen Sammlung, — eine Sache, deren man sich, so viel ich weiß, bis jetzt in keiner anderen Stadt der Ver. Staaten rühmen kann. Mit einem Wort, San Francisco besitzt jetzt schon die Attribute einer großen Metropole, und wohin man blickt, findet man dort die Zeichen einer rasch und großartig fortschreitenden Entwickelung.
Die Bevölkerung von San Francisco stand vor Jahren in einem übeln Geruch. Man erinnert sich noch lebhaft der gesetzlosen Zustände, welche den Vigilanz-Ausschuß und seine blutige Thätigkeit ins Leben riefen, und Mancher stellt sich jetzt noch unter San Francisco einen Platz vor, wo man nach Eintritt der Dunkelheit nicht ohne schußfertigen Revolver in der Hand von Straße zu Straße gehen kann. Wer mit solchen Erwartungen die Stadt am Stillen Ocean besucht, wird sich höchst angenehm enttäuscht fühlen. Im Punkte der öffentlichen Ordnung und Sicherheit kann San Francisco jetzt mit jeder amerikanischen Stadt derselben Größe den Vergleich bestehen. Leben und Eigenthum sind wahrscheinlich sicherer dort, als in New York. Es ist wahr, daß hier und da ein Strolch sich einfallen läßt, einen Chinesen zu maltraitiren. Aber die neue Stadtverwaltung, welche nun nach dem Sturz des demokratischen Regimentes zur Gewalt kommt, und deren Hauptaufgabe es ist, die Polizei zu reorganisiren, wird durch eine kräftigere Handhabung der Gesetze auch diesem Unwesen zu steuern wissen. Ich habe dort einen Wahltag erlebt, an welchem die politischen Leidenschaften hoch gingen, aber die öffentliche Ruhe durch keinen Exceß irgend welcher Art gestört worden ist. — Wer, an der atlantischen Küste anfangend, von Osten nach Westen reist, aus den alten Staaten in die neuen, bemerkt, wie nach und nach der gesellschaftliche Verkehr freier, offener und breiter wird; wie sich die enge Zugelknöpftheit verliert, welche dem Amerikaner des Ostens, freilich weniger als dem Europäer, eigen ist; wie in der Bevölkerung der Gemeinsinn, das Bewußtsein des Aufeinander-Angewiesenseins, der Trieb des Zusammenhandelns umfassender und aktiver erscheinen, und wie mehr und mehr die kleinlichen Rücksichten verschwinden, welche die Menschen in ihrem Verkehr miteinander hemmen und auseinander halten. Das ist der wesentliche Unterschied zwischen dem westlichen und östlichen Leben; wir kennen ihn alle aus Erfahrung, und wer diesen Unterschied recht eclatant sehen und fühlen will, der gehe nach Californien. Er wird dort in allen Kreisen der Gesellschaft eine jugendliche, selbstvertrauende, unternehmungslustige Frische, ein offenherziges, gastfreies Entgegenkommen finden, wie es selbst im Mississippithale, welches wir bisher den „Westen“ zu nennen gewohnt waren, nicht gar zu häufig ist.
Fast jeder alte Californier, — und um einen „alten Californier“ herzustellen, braucht's nur weniger dort zugebrachten Jahre, da selbst die eigentlichen „Pioniere“ dort nur vom Jahre '49 datiren — fast jeder alte Californier wird ihm erzählen können, daß er so und so oft ein Vermögen, sei es nun groß oder klein, gewonnen, wieder verloren und wieder gewonnen habe; er wird mit Lust von den abenteuerlichen Unternehmungen sprechen, an denen er als Mithandelnder und Mitwagender betheiligt gewesen; er wird die große Zukunft seines Landes mit einer Zuversicht beschreiben, welche von unermüdlicher Thatkraft zeugt; und alles dies giebt der gesellschaftlichen Atmosphäre eine Lebensfrische und Elasticität, welche alle Gefühle und Gedanken zu rascher Bethätigung treibt und alle Kräfte zu einer gesteigerten Ambition des praktischen Handelns und Hervorbringens anregt. Dort findet sich denn auch jene kleinliche Sorglosigkeit nicht, welche das einmal Errungene ängstlich festhält, und die goldenen Zwanzigdollarstücke werden dem augenblickliche Impuls oder öffentlichen Zwecken mit einer Bereitwilligkeit dienstbar gemacht und fliegen mit einer Lebhaftigkeit von Hand zu Hand, die für den an die Lebensweise des Ostens Gewohnten eine ganz neue Erscheinung sind.
Auch der Deutsche ist aus seiner Neigung zur langsamen Bewegung, die man ihm gewöhnlich zuschreibt, durch diese treibende Atmosphäre herausgezogen worden. Die deutsche Bevölkerung von San Franzisco beträgt jetzt, wie man mir erzählte, ungefähr 25,000 Seelen, wovon sehr viele die Wechselfälle des Lebens, welche dort zu den gewöhnlichen Dingen gehören, tapfer mit durchgekämpft haben.
Die Deutschen dürfen sich rühmen, unter sich eine ansehnliche Zahl der tüchtigsten und erfolgreichsten Geschäftsleute zu zählen und einen Arbeiterstand zu haben, dessen bürgerliche Strebsamkeit, Bildungstrieb und Solidität dem deutschen Namen zur höchsten Ehre gereichen. Ich habe aus dem, was ich von Leuten aller dort vertretenen Nationalitäten und Lebensphären hörte, den erfreulichen Schluß gezogen, daß die Deutschen von San Francisco zu den geachtesten Classen der Gesellschaft gezählt werden, und mein eigener Verkehr mit ihnen hat mich überzeugt, daß sie es nirgendwo in höherem Grade verdienen. Während sie im praktischen Streben mit dem Amerikaner Schritt halten, haben sie auch mit Eifer und Erfolg die schöne Fähigkeit gepflegt, welche den Deutschen vor allen andern Nationalitäten so vortheilhaft auszeichnet: das gesellschaftliche Leben durch die Kunst zu veredeln. Deutscher Gesang und deutsche Musik erschallen am Stillen Ocean in nicht weniger vollen Tönen, als im Mississippi-Thal und auf der atlantischen Küste. Selbst in dem wirbelnden Geschäftstreiben des Goldlandes hat der deutsche Kunstsinn eine blühende Kolonie gepflanzt, und wenn einmal die Theilnahme der californischen Vereine ein deutsch-amerikanisches Gesangfest zu einem wahrhaft nationalen macht, so wird es sich zeigen, daß diese junge Kolonie neben den alten Stammvereinen des Ostens als höchst achtungswerthe Rivalen auftreten kann. Auch das Turnwesen ist in versprechender Entwicklung begriffen. Die äußere Erscheinung des Turnvereins von San Francisco kann nicht leicht übertroffen werden, und von dem innern Treiben wurde nur Rühmliches erzählt. Ich wohnte einer vom Turnverein arrangirten Vorstellung der Preciosa bei, die sich vor fast allen Dilettantenleistungen, die ich sonstwogesehen, dadurch auszeichnete, daß sie nie über die Unfähigkeit eines einzelnen Darstellers stolperte, und, indem die Hauptrollen gut besetzt waren, in einzelnen Partien vortrefflich und im Ganzen glatt und gefällig über die Bühne ging. — Eine der besten Leistungen des deutschen Geistes in San Francisco, an welcher sich andere Städte ein Beispiel nehmen können, ist die „Cosmopolitische Schule.“ Der Lehrplan umfaßt den ersten Elementarunterricht sowohl, wie diejenigen Fächer, welche in den unmittelbar über der gewöhnlichen Volksschule stehenden sogenannten Academieen behandelt werden. Die Cosmopolitische Schule, die von 1800 Kindern besucht wird, steht fast ausschließlich unter der Leitung von Deutschen, und es wird darin in drei Sprachen, der deutschen, englischen und französischen, gelehrt. Die Leistungen sollen vorzüglich sein, und die Deutschen von San Francisco dürfen auf dieses Institut, welches seine Entstehung und Erhaltung ganz dem deutschen Bildungsstreben verdankt, mit gerechtem Stolz blicken. Alles was ich gesehen und erfahren habe, deutet darauf hin, daß an der Küste des Stillen Meeres der Einfluß des deutschen Wesens, wie er sich bereits entwickelt hat und sich weiter zu entwickeln verspricht, in der Gestaltung des Charakters der Sammelnationalität, welche wir die amerikanische nennen, ein durchgreifender und sehr segensreicher sein wird.
Am Morgen nach meiner Ankunft in San Francisco, also am 29. August, machte ich mit einigen Freunden einen Ausflug nach dem Cliff House, das etwa 4 Meilen von San Francisco, auf einem in den Stillen Ocean steil abfallenden Felsen liegt. Ich fand, daß meine Begleiter sich in dicke Ueberröcke gekleidet hatten, und sie riethen mir dringend, ihrem Beispiele zu folgen. Ein Winterrock am 29. August unter dem 38. Breitengrade! Diese Vorsicht kam mir äußerst unnöthig vor. Aber ich sollte meinen Irrthum bald gewahr werden. Der Himmel schien mit einem dichten grauen Gewölk bedeckt, als ob es bald regnen würde; aber man belehrte mich, daß dies nur ein von der See heraufgezogener Nebel sei. Und dazu blies ein Wind, nicht gar zu heftig, aber so rauh und durchdringend, wie wir ihn in März und spät im Oktober zu haben pflegen. Es war mit einem Wort ungemüthlich kühl; selbst am vorhergehenden Abend war mir die Lust wärmer vorgekommen. Als Neuangekommener hatte ich mich erst in die Eigenthümlichkeiten des californischen Klima's zu finden. Gegen Mittag verzog sich der Nebel; der Himmel wurde klar, und eine angenehme Wärme durchströmte die Luft. Der Abend brachte dieselbe Kühle wieder. So ging es Tag für Tag, während ich in San Francisco war; nur war es meist sonniger, und der Nebel fand sich nur noch ein- oder zweimal ein. Aehnlich ist, wie man mir erzählte, das Klima von San Francisco den ganzen Sommer hindurch: am Morgen erfrischende Kühle, zuweilen etwas rauher, als man es liebt, dann helle warme Luft, aber fast nie zum Schwitzen warm, und am Abend wieder so kühl, daß man gern einen Ueberrock anzieht und ein Feuer im Kamin vertragen kann. Vom Mai bis zum Oktober regnet es nicht; einmal während meiner Anwesenheit wurde spät Abends gegen 11 Uhr der Nebel so stark, daß er einem seinen Regen ähnlich sah. Man kann sich keine anregendere Temperatur denken, nur sind zuweilen die starken Seewinde, und die sich plötzlich über die Landzunge, auf der San Francisco gebaut ist, lagernden Nebel unangenehm. Natürlich wird es während des regenlosen Sommers sehr staubig. Die Bäume sehen ganz grau aus; das Gras stirbt ab, und hier und da bedarfs künstlicher Bewässerung, um die Pflanzenwelt am Leben zu erhalten. Im Oktober setzt die Regenzeit ein; jeder Tag bringt zwei- oder mehrstündige, zuweilen sehr schwere Schauer. Das dauert bis zum Mai. Es wurde mir versichert, daß der Winter, d. h. die Regenzeit, in mancher Beziehung die angenehmste Saison sei. Das Quecksilber geht fast nie in die Nähe des Gefrierpunktes hinunter; fast beständig giebt's milde Frühlings-Temperatur die sich zuweilen der Sommerwärme nähert. Der Regen bringt plötzlich alle Keime in der Erde zum Treiben. Das Gras schießt auf, und die Hügel, welche im Sommer so kahl ercheinen, decken sich mit grünem Schmuck. Die Bäume werden ihres Staubes entledigt und erscheinen in frischem Grün. Die Gärten prangen im vollsten Blumenflor. So bringt der Spätherbst und Winter das Aufleben der Natur, welches wir hier im Frühling genießen. Wie hoch man auch das Klima von Californien preisen mag, es ist schwer, das Lob zu übertreiben. Freilich ist es im Innern des Staats hinter der Hügelkette, welche die Küste entlang läuft und soweit den Seewind auffängt, im Sommer recht heiß. Während der Bewohner von San Francisco vom 1. Januar bis zum 31. December dieselben Kleider tragen kann, und zwar nicht gar zu leichte wollene Kleider, muß der Bewohner des Innern sich im Sommer auf ein Schwitzbad gefaßt machen. Aber die Regenzeit ist dort auch um so schöner.
Die unmittelbare Umgebung von San Francisco besteht auf drei Seiten aus Sandhügeln, die im Sommer öde genug aussehn. Die fashionable Spazierfahrt ist nach dem obenerwähnten Cliff Hause hin, auf einer ausgezeichnet macadamisirten Straße, wie gemacht für schnelle Pferde und leichte Fuhrwerke, aber sonst ohne allen landschaftlichen Reiz. Das Cliff House bietet dem Besucher außer dem freier Blick über das weite von Schiffen bunt belebte Meer noch das weitere Vergnügen, das eigenthümliche Treiben der Seehunde beobachten zu können, welche zwei in der unmittelbaren Nähe der Küste aus dem Meere steil hervorragende Felsen zu ihrem Tummelplatz gewählt haben und sich dort in großer Zahl herumtreiben. Ich war erstaunt, diese Thiere, die im hohen Norden zu Hause sind, unter einem so südlichen Breitengrade zu finden. Aber da sind sie, einige zu enormer Größe gewachsen, und genießen, da es streng verboten ist, sie zu beunruhigen, in einem wärmern Himmelsstrich den Vortheil einer ungefährdeten Existenz.
Die Meerbucht, an welcher San Francisco liegt, ist von außerordentlicher Schönheit. Californische Gastfreundschaft stellte uns einen Dampfer zur Disposition. Wir fuhren eine kurze Strecke auf die offene See hinaus an den Seehundsfelsen vorbei, deren Bewohner uns das Vergnügen machten, bei unsrer Annäherung mit schwerfälliger Eile von einer Zacke zur andern zu rutschen und dann ins Wasser zu springen. Dann kehrten wir zurück, um den Anblick zu genießen, welchen die Einfahrt in den Hafen von San Francisco bietet; zuerst an phantastisch zerrissenen und durchbrochenen Klippen vorbei, an welchen die Brandung hoch aufschäumt; dann durch das „Goldne Thor,“ eine enge Durchfahrt zwischen zwei sich nahe gegeneinander schiebenden Felsvorsprüngen. Dann erweitert sich das Wasserbecken. Auf der San Francisco gegenüber liegenden Seite erheben sich unmittelbar vor dem Wasserspiegel steile Hügel und Felswände in unregelmäßiger Gruppirung, eine Menge kleiner Buchten bildend. Durch die Schluchten erblickt man die Gipfel ferner Berge. Aus der Mitte der Bucht selbst steigt ein mächtiger Felsen empor, von Batterieen umgürtet und mit einem ausgedehnten Festungswerk gekrönt. Wir fuhren einige Meilen über die von Schiffen umdrängten Werfte von San Francisco hinaus, und vor uns erstreckte sich noch immer die Bucht landeinwärts, von malerischen Höhen eingeschlossen, in unabsehbarer Perspektive.
Leider habe ich von dem Innern des Staates außer der unmittelbaren Umgebung der Eisenbahn nicht viel sehen können. Nur einen Ausflug machte ich zu Lande, die Bay von San Francisco entlang, einige 30 Meilen weit. Wir waren von einem der ersten Banquiers eingeladen worden, einen Tag auf seinem Landgute zuzubringen, und bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, wie die californischen Nabobsleben. An der Eisenbahn, welche von San Francisco in südlicher Richtung nach San Jose führt, liegen auf einer Niederung zwischen der Bay und den Bergen einige kleine Städte, San Mateo, Belmont, Redwood City u. A., in deren Nähe einige der reichen Bürger ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Die Niederung hat fruchtbaren Boden, und trägt hier und da kleine Wäldchen der immergrünen Lebenseiche. In einem kleinen Thalbecken zwischen den Hügeln fanden wir das Haus unseres Gastfreundes. Wir sahen auf den ersten Blick, daß man hier auf breiter Grundlage lebte. Geräumige Veranden und Hallen, lange Zimmerflüchte, ein colossaler Ballsaal empfingen uns, und wir verwunderten uns nicht mehr, als wir hörten, daß der Hausherr 40 bis 50 Gäste bei sich aufnehmen und jedem derselben ein besonderes Zimmer anweisen könne. Eine Wasserleitung versieht jedes Schlafzimmer, selbst im obersten Stock, mit Wasser, und ein eigenes Gaswerk liefert die nöthige Beleuchtung. — Nach dem Frühstück machten wir eine Ausfahrt, um die Nachbarn zu besuchen. Aus den Ställen und Remisen, die 40 Pferde und über ein Dutzend Wagen verschiedener Art enthielten, entwickelten sich einige vierspännige Kutschen, in welcher unsere Gesellschaft Platz nahm. Nun ging es mit sausender Schnelligkeit daran, von einem Landgut zum andern. Die Wege waren gut und die Pferde vortrefflich. Wir berechneten nachher, daß wir im Durchschnitt über dreizehn Meilen die Stunde gemacht hatten. Wir fanden allerdings kein Haus mehr, welches an Ausdehnung dem unseres Wirthes gleichgekommen wäre, — aber wie herrlich diese Parkanlagen, Blumenparterres und Fruchtgärten! Durch künstliche Bewässerung ist dem austrocknenden Einstuffe der regenlosen Sommerzeit vorgebeugt. Der Rasen prangt in demselben Grün jahraus, jahrein. Geranium, in hohen dichten Hecken gezogen, erfüllt die Luft mit seinem Blätterduft und erfreut das Auge mit seiner Blüthenpracht.
Fremde Baumarten in unendlicher Manchfaltigkeit sind mit dem dunkeln Grün der heimischen Lebenseiche in bunten Gruppen vermischt, und selbst einzelne Kinder der Tropen gedeihen in dem milden Athem dieses ewigen Frühlings. Und nun die Fruchtgärten! Birnen, so groß und saftig, wie ich sie noch nirgendwo gefunden, und Pfirsiche, Aepfel, Mandeln, Aprikosen, Pflaumen, Feigen, Trauben, von außerordentlicher Größe und Schönheit, und in solcher Fülle, daß man buchstäblich nicht weiß was man damit anfangen soll. Ich sah Birnen, Aepfel und Pfirsiche, wie sie hier zu Land der Stolz eines Obstverkäufers sein würden, massenweise unter den Bäumen liegen, und fragte, warum man dieselben nicht auflese. Der Eigenthümer antwortete mir: „Wir haben keinen Gebrauch dafür. Alle meine Freunde sind mit Obst versehn, der Markt ist überfüllt, und das Beste was wir mit unserem Ueberfluß machen können, ist die Schweine damit zu füttern.“ Hoffentlich wird in der Folge dieser Ueberfluß seinen Weg nach dem Osten finden. Was wir an diesem Tage gesehn, ließ uns die Bewohner eines Landes beneiden, welches fast alle Herrlichkeiten eines halb tropischen Klimas genießt, und von keinem seiner Nachtheile zu leiden hat.