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Quelle: http://www.netzeitung.de/servlets/page?section=1109&item=167720

«Die verbotene Wahrheit» über
den Westen und die Taliban


13. Nov 2001 16:00, ergänzt 16:54

Französische Geheimdienstexperten stellen fest: Die Pläne für die Zeit nach dem Taliban-Regime sind nicht neu - die USA hatten darüber vor dem 11. September mit den Taliban selbst verhandelt.

Ein gemeinsames Regime aller Stämme, internationale Hilfe, Rückkehr des Königs. Das sind die Pläne für Afghanistans Zukunft nach den Taliban. Ein französisches Autorenduo mit Geheimdienstverbindungen deckt jetzt die «Vérité interdite», die «verbotene Wahrheit» auf, dass dieser Plan schon im Frühjahr zwischen Vertretern des US-Regierung und der Taliban verhandelt wurde.

Auch die Drohung mit militärischem Druck auf das Taliban-Regime sei nicht erst nach dem 11. September auf die Agenda genommen worden, heißt es in dem Buch von Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié, das jetzt in Paris auf den Markt kommt. Die Taliban hätten sogar angeboten, den Terroristenführer Osama bin Laden auszuliefern.

Handel mit den Taliban

«Le Monde interactif», die Online-Ausgabe der französischen Tageszeitung «Le Monde», hat das Buch vorab vorgestellt. Die Grundthese ist demnach, dass ein Handel mit dem Taliban-Regime bereits von der Regierung Clinton angestrebt worden sei, der von der Bush-Regierung mit Blick auf die Bodenschätze in der Region forciert weiter verfolgt worden sei.

Überdies hätten britische Geheimdienste bis 1996 mit Verbindungsleuten Osama bin Ladens eng zusammengearbeitet, um gegen Muhammar al Gaddafi vorzugehen, den libyschen Staatschef, der als Unterstützer des internationalen Terrors damals ganz oben auf der westlichen Liste der «unerwünschten Personen» stand.

Widerstreitende ökonomische und politische Interessen hätten somit einerseits den Druck auf die Taliban erhöht, zugleich aber den Wunsch, des Mannes habhaft zu werden, der spätestens seit den Anschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Kenia 1998 als Terroristenführer gesucht wird, im Zaum gehalten.

Bau einer Pipeline

Die Amerikaner hatten dem Buch zufolge schon zur Regierungszeit Bill Clintons ein Szenario entwickelt, um Afghanistan zu stabilisieren, ohne Gefahr zu laufen, dass die umliegenden Mächte - Pakistan, Russland und Iran - intervenieren, um ihren Schnitt zu machen. Ziel war der Bau einer Ölpipeline, um die Vorkommen in Mittelasien mit den Weltmeeren zu verbinden und damit für die kostengünstige kommerzielle Ausbeutung zu öffnen.

Die Pläne setzten bei den Taliban an, die zunächst als potenziell stabilisierende «innenpolitische» Macht gefördert worden waren. Je unwahrscheinlicher es wurde, dass sie jemals allein in Afghanistan herrschen würden, desto mehr wurde in Verhandlungen der Druck erhöht, dass sie sich an einer multiethnischen Versammlung der afghanischen Stämme beteiligen und sich der wiedererweckten Monarchie unterwerfen.

Die Verhandlungen, so das Buch, fanden einen Höhe- und Schlusspunkt im Sommer 2001 in Berlin. Da sollen die USA bei einer von den Vereinten Nationen moderierten Verhandlungsrunde unter Beteiligung Russlands mit einer «Militäraktion» gedroht haben, sollten die Taliban nicht einlenken und sich auf die vorgeschlagene Lösung einlassen. «Wenn die Taliban sich mit der Nordallianz einigen, legen wir ihnen einen goldenen Teppich aus. Lehnen sie das ab, ist ein Bombenteppich die Alternative», wird ein nicht namentlich genannter US-Diplomat zitiert.

«Anachronismus»

Gegenüber «Le Monde» spielen die USA die Episode herunter, ohne sie rundheraus zu dementieren. Druck habe es gegeben, doch das Zitat, so heißt es, sei allenfalls unter Alkoholeinfluss beim Dinner gefallen, nicht jedoch am Verhandlungstisch. Es helfe wenig, so die US-Position, die Verhandlungen mit den Taliban nun, nach dem 11. September, «neu zu lesen» - das sei anachronistisch. Die Terroranschläge hätten alles verändert, auch die Position gegenüber den Taliban.

In Zweifel ziehen Experten auch die These, dass die Taliban irgendwann tatsächlich bereit gewesen sein könnten, Osama bin Laden auszuweisen und damit der US-Justiz auszuliefern. Solche Angebote seien stets widersprüchlich gewesen. Sie wurden auch nach dem 11. September unter Hinweis auf die islamische Gastfreundschaft und die Familienbande zwischen bin Laden und dem Taliban-Führer Mohammed Omar von den Taliban selbst immer wieder diskreditiert.

Raubmord oder Verschwörung?

Angesichts der weltpolitischen Zusammenhänge, die das Buch konstruiert, wirkt eine Geschichte darin eher unbedeutend: Schon vor den Anschlägen auf die US-Botschaften in Afrika soll es einen internationalen Haftbefehl gegen bin Laden gegeben haben - erlassen von der libyschen Regierung. Die sei im April 1998 zu dem Schluss gelangt, ein deutsches Touristenpaar sei 1994 auf Betreiben bin Ladens in Libyen ermordet worden. Interpol hätte damit alles daran setzen müssen, bin Laden festzusetzen - doch das sei nicht geschehen.

Auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP bestätigt der Bundesverfassungsschutz, dass das Paar für den deutschen Binnengeheimdienst gearbeitet habe. Doch gehe man von einem Raubmord aus.

Das passt ins Bild von «Verbotene Wahrheit»: Die Interpol-Dokumente seien in Archiven vergraben, zu denen niemand Zugang habe, um auch hier die geheime Politik des Westens zu verbergen.

Geheimdienst-Hintergrund

Die Autoren des Buches sind laut «Le Monde» Fachleute auf ihrem Gebiet. Brisard, Manager bei Vivendi, hat im Auftrag eines französischen Dienstes einen Bericht über die geheime Finanzierung der Al Qaeda - des Terrornetzwerks von Osama bin Laden - verfasst, den Präsident Chirac bei seinem Besuch in Washington Ende September US-Präsident Bush übergab. Dasquié ist Chefredakteur des Informationsdienstes «Intelligence Online», in dem häufig unter Berufung auf Geheimdienstkreise über bin Laden berichtet wurde - zum ersten Mal 1996.

Für das Web ediert von Joachim Widmann