Zoubaier
Baya - mein persönlicher Fußballgott....
Zur Einstimmung ins Thema hier eine
Zusammenstellung der Definitionen von Lebensqualität, wie wir sie
in unserem Fahrradurlaub im Sommer 1999 in der Schweiz festgestellt haben:
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Lebensqualität
ist: Mit dem Fahrrad das Steinatal runterrollen - und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Im wundervollen Freibad von Villigen herumhängen -
und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Fondue Fribourgeoise genießen - und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Sich über einen Schweizer See schippern lassen - und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Zwei Dezi Vully im Abendrot schlürfen - und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Im Amphitheater von Aventicum Gedichte rezitieren - und
Baya spielt für Freiburg.
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Lebensqualität
ist: Mit dem Halbtaxabo SBB fahren - und
Baya spielt für Freiburg...
Dieser
Mann ist mehr als 13 Jahre jünger als ich. Ich habe ihm wie ein Teeniemädchen
eine nette Karte zum Geburtstag geschrieben.
Ich habe geweint, als John Lennon erschossen
wurde - und ich habe geweint, als Baya sein letztes Spiel für den
SC spielte. Sonst weine ich nicht wegen eines Prominenten...
Zoubaier Baya ist gläubiger und praktizierender
Muslim, verheiratet, Vater eines kleinen Sohnes.
Er ist stolz, vollkommen fußballverrückt
und vermutlich ein ausgesprochen anstrengender Ehemann:
Er spielt Fußball, er spricht über
Fußball und im Fernsehen schaut er nur Fußball. Wenn kein Fußball
kommt, legt er eine Videokassette mit alten Spielen ein, um Fußball
zu sehen, wie einem Interview mit ihm, seiner Frau und seinem Freund und
Kollegen Adel Sellimi zu entnehmen war.
Er ist ehrgeizig und hat vermutlich ein
eher übersteigertes Selbstwertgefühl.
Ich bin ihm nur ein einziges Mal persönlich
begegnet, habe nur wenige Worte mit ihm gewechselt und er hat mich dabei
ausgesprochen gequält angelächelt. Na gut, ich schiebe das nicht
unbedingt auf mich oder meine Person: Ich hatte selbst zugesehen, wie die
Mannschaft verlor und ich hatte auch gesehen, dass er selbst mit seiner
Leistung an diesem Tag nicht zufrieden war, nicht zufrieden sein konnte.
Aber dieser Mann ist für mich der
großartigste, faszinierendste und bewunderungswürdigste Fußballer,
den ich mir vorstellen kann - und er war über Jahre hinweg die Seele,
aber auch Herz und vor allem Hirn des Freiburger Spiels.
Und als ich nach dem 3:0 gegen 1860 München
den Mann meines alltäglichen Lebens fragte: "Könntest du es verstehen,
wenn ich dich wegen Baya verlassen würde?" - antwortete er ohne lange
nachzudenken aus vollem Herzen: "JA."
Zum besseren Verständnis hilft vielleicht
ein Ausschnitt aus einem Artikel der "Süddeutschen Zeitung" vom Montag,
30.08.99: Thomas Hahn schrieb nach diesem Spiel gegen die Münchner
Löwen, das der SC mit 3:0 gewann, unter der überschrift "Zerzaust
im Pirouettenwirbel" unter anderem Folgendes:
"Diese eine Frechheit hat er sich noch erlauben müssen,
ehe er seinen kleinen, runden Freund beiseite legte und die Tanzstiefel
abstreifte: den Ball mit der Hacke über den Gegner gelupft, vorbeigerannt
und das fliegende Objekt wieder auf dem Spann landen lassen Denn es war
einer dieser Tage, an der sein Freund ihm überallhin folgte, jedes
Kunststück, jede Drehung mitmachte, was ja nicht immer der Fall ist,
wie Zoubaier Baya, der Tunesier in Diensten des SC Freiburg, aus leidvoller
Erfahrung weiß. So ein Fußball kann auch störrisch sein,
verspringen oder dorthin fliegen wo man ihn nicht haben will, und dann
hilft auch dem anmutigsten Dribbler alles Talent nichts. Baya hat das erlebt
und weiß es deshalb zu schätzen, wenn es anders ist. (Er gab)
den Primo Ballerino in einem hinreißenden Ensemble, fuhrwerkte mit
Raffinesse und war dann auch der Mann, dem die meisten Ovationen galten.
(...) Allein hätte er die Sache trotzdem nicht reißen können:
Baya hat lauter hoch begabte Nebenleute. Fehlerfrei sind sie nicht, aber
mit der Freude am Spielen gesegnet; und wenn die sich erst mal richtig
entfaltet, entsteht ein Sturm, der Widersacher gehörig zerzausen kann."
Ja, so durfte ich Baya erleben, so habe ich
ihn lieben und schätzen gelernt. Seine Spielfreude war ansteckend,
seine Regie großartig. Er verstand es immer, die Mitspieler richtig
zu positionieren und konnte so manches Spiel herumreißen, auch wenn
er gerade zu Ende seiner Freiburger Zeit häufig erst zu spät
auflaufen durfte. Dennoch riss seine Begeisterung mit - die Mitspieler
wie das Publikum - und es war eine Freude, jemandem bei der Arbeit zusehen
zu dürfen, der sie mit so viel Spaß verrichtete. Oder gibt es
eine andere Erklärung dafür, dass er wie der Teufel einem Ball
nachsetzt, der sich beim Spielstand von 3:0 in der 86. Minute auf die gegnerische
Eckfahne zubewegt?
Und sein locker-leichter fliegender Tanz
nach einem erzielten Tor, sein Schweben mit ausgebreiteten Armen und das
strahlende, befreite, begeisterte Lachen.... Zoubaier Baya - ich werde
dich fürchterlich vermissen!