Kurt Wagenseil 1904-1988

[ Inhaltsverzeichnis ]
Generation 12: Ende 19. Jahrh./ Beginn 20. Jahrh.

DER SPIEGEL, 1988, Ausgabe vom 23.12., Rubrik "Gestorben":

Otto J. Groeg (ed.): WhoisWho of Literature 1979/80 Wörthsee, Band T-Z S. 651:

Infos: Ein Briefwechsel mit dem Schriftsteller, Verlagslektor und Publizisten Heinz Flügel (1907-1993) ist im Literaturarchiv Marbach verwahrt (vermutlich Redaktionskorrespondenzen der Zeitschriften »Eckart« und »Hochland«).

Ein Brief an Clive Bell vom 16. Dezember 1928 befindet sich unter dem Stichwort "The Charleston Papers" (King’s College reference number CHA/1/650) in Cambridge. Darin werden Übersetzungstätigkeiten abgesprochen, zudem: "My brother wrote a favourable criticism on Civilization in his paper", außerdem erwähnt Kurt, daß Eddy da sei und daß er darüber froh sei.

Ein Brief an Harold Nicholson ("Munich, Jan. 5th, [19]36") mit Kommentar "From Kurt Wagenseil on his release from a concentration camp [Dachau] and after I had intervented with Bismarck. H.N.", liegt in der Nachlaßverwaltung der Princeton University Library: "[...] I know that you, my dear Harold, were ultimately responsible for my relase, and I have no words to thank you enough for this unforttable proof of sincere friendship and human sympathy. [...] I feel, It cannot be worse than 1935. Yours Ever, Kurt." (Er verabredet sich für Mai 1936 mit Nicolson in "Engl[and]"): Blatt 1, Blatt 2.

Im "Der Spiegel" der entsprechenden Woche (Nr. 45/1971) heißt es unter "Diese Woche im Fernsehen": Durch Interviews mit den Schriftstellern Rolf Hochhuth, Ernst Kreuder, Susanne Leonhard, Peter Jokostra, Walter Mehring, Friedrich Schnack, Siegfried von Vegesack sowie dem Henry-Miller-Übersetzer Kurt Wagenseil will "Aspekte"- Mitarbeiter Werner Hildenbrand auf "den unwürdigen" und "sozial eindeutig deklassierten Status" des alternden Schriftstellers in der Bundesrepublik hinweisen.

Nach Kremb 2015 (PDF: "Die verlorene 'Galerie bedeutender Zeitgenossen' - Lebendmasken von Paul Hamann und eine wiederentdeckte Büste des John Heartfield", S. 24): Nr. 109.

Bibliothek von Kurt (kurt.xls), Stand 2002 (enthält Teilbestände der Nachlässe Hans und Ferdinand).

Auszüge aus seiner Übersetzertätigkeit:

Henry Miller:


"Opus Pistorum"

"Sexus"

"Nexus"

Wendekreis des Steinbocks

Wendekreis des Krebses

Stille Tage in Clichy

Big Sur und die Orangen des Hieronymus Bosch

Weitere: Plexus, Die Welt des Sexus

George Orwell: "1984"

William Sommerset Maugham:


"Entlegene Welten"

"Die Macht der Umstände"

"Meistererzählungen"

"Weitere Bücher"-Liste:

Börsenblatt Nr. 89 / 5. 11. 1976: Übersetzer in Deutschland (4): Kurt Wagenseil (S. 16662f.)

Der Mann, der Henry Miller nach Deutschland brachte

Übersetzer von Cocteau, Morand, Gide, Maugham, Orwell, Virginia Woolf

"Ach - Sie hätt ich mir aber ganz anders vorgestellt!" rief Henry Miller spontan aus, als er seinen Deutsch-Übersetzer nach langen Jahren der Korrespondenz endlich persönlich kennenlernte. "Sie sehen ja eher wie ein Botschaftler aus oder so..."

Sitzt man, inmitten wunderschöner antiker Möbel und erlesener Chinoiserien, Kurt Wagenseil in seiner Tutzinger Wohnung gegenüber, kann man Henry Millers Verblüffung durchaus verstehen. Man erwartet ein robusteres Aussehen, lautstärkeres, zumindest aber legeres Auftreten von einem Mann, der Henry Millers Vulgärsprache mit der gleichen Leichtigkeit und Bildhaftigkeit zu übersetzen vermag wie poetische Wendungen und geschliffene Gedankengänge. Man bleibt halt dem Klischee verhaftet.

Kurt Wagenseil sprengt es - und zwar in aller Bescheidenheit und ohne jeden elitären Anspruch: ein schlanker, schmalgesichtiger Mann mit ruhiger, fast ein wenig schüchterner Sprechweise, dem man seine - nur geschätzten - Jahre nicht ansieht. wenn er die 'Goldenen 20er Jahre' in Berlin preist, in denen er - damals noch Kunsthändler - die ersten literarischen Kontakte knüpfte, läßt das immerhin auf eine beneidenswert vitale Konstitution schließen.

"Zuerst übersetzte ich nur nebenbei. Meine erste Autorin war eine russische Emigrantin, die Prinzessin Paley, deren Erinnerungen, 'Souvenirs de Russie', ich 1924 aus dem Französischen übertrug." Spätestens da hatte ihn die Faszination literarischen Nachschaffens erfaßt und ließ ihn nicht mehr los. Dennoch blieb der Kunsthandel vorerst sein Broterwerb. Erst 1926 folgte das zweite Buch eines Franzosen, Alain Gerbaults 'Seul à travers l'atlantique', 'Allein über den Atlantik'. Als erster Segler war Gerbault im Alleingang über den großen Teich geschippert. Wagenseil, von Haus aus überaus gewissenhaft, beschäftigte sich vor Beginn der Übersetzung erst einmal gründlich mit Nautik und deren Terminologie.

Die Sommerurlaube verbrachte er in jenen Jahren meistens im Ausland. In Paris und in London öffenten sich dem deutschen Kunsthändler mit dem Faible fürs Übersetzen, ebenso bereitwillig wie in Berlin, die Türen zu Ateliers und literarischen Zirkeln. 1928 lernte er in Paris den Maler Derain kennen, der ihn prortätierte, und André Germain, einen engen Freund von Jean Cocteau, dessen Übersetzer Wagenseil später wurde. Paul Morand, André Gide und André Maurois sind weitere berühmte Namen aus dem Pariser Freundeskreis. "Die waren damals alle froh, daß sie übersetzt wurden", erinnerte sich Wagenseil und zitiert eine dankbare Widmung des Dichters Maurois: 'á Kurt Wagenseil, en souvenir de moi, en souvenir de lui - qui considère mes ouvrages avec indulgence'. Kurt Wagenseil übersetzte außer "Rosen im September" und "Das Geheimnis des grünen Zimmers" eine große Anzahl Novellen dieses Dichters. In England waren Sommerset Maugham, George Orwell, Virginia Woolf, Victoria Sackville-West und deren Mann, Harold Nicholson, bekannte Autoren, mit denen er freundlich verbunden war, lange bevor er ihre Arbeiten ins Deutsche übersetzte. Es waren anregende Verbindungen und zuverlässige Freundschaften. Gerade die Freundschaft zu Harold Nicholson erwies sich übrigens sehr viel später als rettend, wahrscheinlich sogar lebensrettend für Wagenseil.

Der Kontakt zu Henry Miller ergab sich, mehr oder weniger zufällig, über einen gemeinsamen Freund, den Maler Hans Reichel, der lange Jahre in Paris lebte. Miller bewunderte ihn über die Maßen. Über diese Querverbindung entwickelte sich ein Briefwechsel zwischen Henry Miller und Kurt Wagenseil, der auch während des Krieges nicht abriß: Millers Briefe gelangten auf dem Umweg über die neutrale Schweiz nach Deutschland. - Schon lange vor Kriegsbeginn überließ Henry Miller Kurt Wagenseil die Rechte für sein gesamtes literarisches Werk. Aber selbst Wagenseils ausgezeichnete Beziehungen vermochten im prüden Deutschland der 30er Jahre nichts auszurichten. Beim Lesen von Millers Büchern prallte jeder Lektor schockiert zurück, und kein Verleger wagte es, die herrschenden Tabus zu mißachten und ein finanzielles und gesellschaftliches Fiasko zu riskieren. Das Geschenk des amerikanischen Dichters an den jungen Deutschen, damals scheinbar wertlos, entpuppte sich jedoch eine Dekade später als millionenschwer - aber da war es für den Beschenkten bereits zu spät.

Zu Wagenseils illustrem Berliner Bekannten- und Freundeskreis gehörte auch ein anderer großer Name: Albert Einstein. Die Verbindung zu ihm sollte sich für Kurt Wagenseil schicksalshaft und in ihrer Auswirkung als verhängnisvoll erweisen. Gleich im Jahre 1933, rechtzeitig vor Beginn der Pogrome, verließ Albert Einstein Deutschland, und auch Kurt Wagenseil wurde damals nahegelegt, ins Ausland zu gehen. Aber der junge Mann, noch unverheiratet und im Hause der Mutter lebend, sah die Gefahr nicht und schlug alle guten Ratschläge besorgter Freunde in den Wind. Für Gefahren schien er überhaupt wenig Instinkt zu entwickeln. In aller Harmlosigkeit brachte er nach einem seiner Pariser Sommeraufenthalte das von Einstein herausgegebene "Braunbuch" [„Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror", 1933, Mitautor Friedrich Wolf; u.a. wurde die Schuld am Brand der NSDAP zugeschrieben, Anm. CW] mit nach Deutschland, eine Dokumentation über die Greuel des Dritten Reiches. In Frankreich wurde es in aller Öffentlichkeit verkauft, im Detuschland jener Zeit war allein sein Besitz schon lebensgefährlich. Ebenso arglos, wie er es über die Grenze brachte, berichtete Wagenseil einem Freund davon, nicht ahnend, daß dessen Tante wiederum Hitler freundschaftlich nahestand. In welcher Absicht auch immer, der Neffe dieser Dame erwies sich als schlechter Freund: Er plauderte. Das Ergebnis seiner Redseligkeit ließ nicht lange auf sich warten. Er selbst und Kurt Wagenseil wurden bald darauf verhaftet und kamen im Jahre 1935 ins KZ Dachau.

Einer - nur angedeuteten - Frage über diese Zeit weicht Wagenseil aus. Er vermerkt nur kurz, daß der andere zu Tode gemartert wurde. Er war dabei und mußte es mit ansehen.

Im Dezember 1935, neun Monate nach Einlieferung ins KZ Dachau, wurde Kurt Wagenseil auf Intervention des britischen Schriftstellers Harold Nicholson aus der KZ-Haft entlassen, um vieles mißtrauischer und vorsichtiger geworden. Als Lektor und Übersetzer im Deutschen Verlag verlieht er sich so unauffällig wie möglich, und als ihn das Auswärtige Amt unerwartet damit beauftragte, die feindlichen Propagandasender abzuhören und das Gehörte stenographisch aufzuzeichnen, wußte er seine maßlose Verblüffung über diesen Top-Secret-Auftrag geschickt zu verbergen. Seine "politische Vergangenheit" war bis zu dieser Stelle offenbar noch nicht vorgedrungen, und er hütete sich, auch nur den geringsten Hinweis darauf zu geben.

Ende des Krieges heiratete Kurt Wagenseil. aus seiner Ehe mit Ellen Neumann stammen zwei mittlerweile erwachsene Söhne, der eine Arzt, der andere Lektor. Nach Kriegsende halfen erst Henry Millers Carepakete der Familie beim Überleben und nicht lange danach sein literarisches Werk. Kurt Wagenseil hatte die Lizenz an einen mutigen Verleger weitergegeben, der erkannte, daß man sich in dieser chaotischen Zeit ungewöhnliche Entscheidungen leisten könne: nämlich die, Henry Miller in Deutschland herauszugeben. So übersetzte Kurt Wagenseil für Ledig-Rowohlt in Hamburg erst den "Schwarzen Frühling" und dann nacheinander "Wendekreis des Steinbocks", "Wendekreis des Krebses", "Sexus", "Plexus", "Nexus" und "Stille Tage in Clichy". "Es war nicht ganz einfach", erinnert er sich heute, und man kann bei dieser untertriebenen Formulierung sicher sein: Es war ungeheuer schwierig. Die Zeit für Ungewöhnliches war reif. Henry Millers Bücher wurden ein großer Erfolg für Autor und Verleger, und natürlich auch für den Übersetzer. Die Millionen, die er brachte, flossen allerdings nicht mehr in Kurt Wagenseils Kasse. Aber er ereifert sich nicht über die verpaßte Gelegenheit. "Ich bin nach wie vor darauf angewiesen, Geld zu verdienen", sagt er ohne Bedauern. so ist sein Arbeitstag angespannt und umfaßt sieben bis acht Stunden Übersetzen. Das erfordert Disziplin und Zeiteinteilung. Der Tag im Hause Wagenseil beginnt um sechs Uhr. Nach dem gemeinsamen Frühstück zerstreut sich die Familie in die verschiedenen Himmelsrichtungen zur Arbeit. Frau Wagenseil, Lehrerin an einer Sonderschule, fährt in den Nachbarort, Wagenseil-Junior [Christian] in einen Verlag. "Und dann", berichtet der Herr des Hauses schmunzelnd, "bin ich erst mal Hausmann, kümmere mich um die Wohnung und führe den Hund spazieren. Danach setze ich mich an den Schreibtisch". Das ist, direkt unter dem Fenster, ein schönes, altes Stück aus Kirschbaumholz, mit einem Biedermeierstuhl davor, dessen Lehne zum Geradesitzen zwingt. Die Schreibmaschine wirkt in diesem Rahmen wie ein Anachronismus. In der zehntausend Bände umfassenden Bibliothek sind etwa 150 Bücher Übersetzungen aus dem Englischen und Französischen. Sie repräsentieren Kurt Wagenseils erfolgreiches Schaffen als Übersetzer, dessen Einfühlsamkeit und sprachliche Präzision Autoren, Verleger und Leser zu schätzen wissen.

Autorin: Ursula Pommer.

Ein Gläschen Kognak für Einstein

Von Kurt Wagenseil

Schon damals hieß Bologna mit seiner mittelalterlichen Schönheit von Kuppeln und Spitztürmen und den schweigenden Toren, hinter denen Gärten voll Duft und Schönheit lagen, die Alma mater studiorum. Eines Tages, als Albert Einsteins Relativitätstheorie bereits für die ganze Welt ein Begriff war, kam der Professor nach Bologna und hatte mich gebeten, mich einer jüngeren Tochter anzunehmen und sie in die Oper und in die Museen zu begleiten. Unter Führung des damals bedeutendsten jungen Germanisten Vincenzo Errantes wollte er auch das Haus von Carducci besuchen. Als er die Erinnerungsstücke an diesen großen Dichter und Italiens und Nobelpreisträger von 1906 betrachtet hatte, äußerte der Gelehrte den Wunsch, vor seiner Abreise noch in einer kleinen Kneipe mit echt bolognesischem Anstrich zu Abend zu essen, um dort in Frieden einen Teller Tagliatelle zu verzehren. Zuerst hatte man ihn in ein großes modernes Hotel führen wollen, aber Einstein erhob lebhaften Einspruch, weil er in Bologna lieber in ein kleines, verräuchertes, halbdunkles und schweigsames Lokal gehen wollte, mit vergitterten Fenstern, hinter denen dicke Köche die herrlichen Nudeln herstellten. Da wurde Einstein in ein Lokal geleitet, das den Namen eines bunten Vogels führt, unweit von S. Petronio, in eine halbversteckte Wirtschaft, deren Wände mit Bildern berühmter Männer und schöner Frauen ganz bedeckt waren, die alle hier schon einmal gegessen und getrunken hatten. Da gab es den ehemaligen Kronprinzen von Bayern und einen Dänenprinzen, die Herzogin von Aosta, neben Siegfried Wagner und Donna Rachele, der Gattin Mussolinis. Schon nach zehn Minuten hatte der Koch, dem das Lokal gehört und der auf einem erhöhten Podest sitzend die Operationen der Küche leitete, aber auch die Gäste überwachte, den Namen des erlauchten Gastes erfahren, und nun konnte man ihn seine Befehle rufen hören: "Eine Portion Tagliatelle á la Duchesse für Professore Einstein!" - "ein Kotlett mit weißen Trüffeln für Professore Einstein!" - "Einen Kognak Napoleon..." "Keinen Kognak für mich", erklärte Einstein, "danke vielmals."

Da kam der Koch und Wirt selber mit einer uralten Kognakflasche, zog die weiße Mütze vom Kopf, hielt dem Gelehrten ein Tablett mit einem Gläschen hin, zeigte ihm das vergilbte Etikett auf der Flasche und fing an, das Mysterium zu erläutern: "Diese alte Flasche..."

"Danke vielmals, aber ich trinke keinen Kognak", unterbrach ihn Einstein. "Diese alte Flasche kam kürzlich im tiefsten Keller eines der ältesten Paläste unserer Stadt zum Vorschein. Sie ist sozusagen eine Reliquie..."

"Ich sage Ihnen doch, daß ich nicht trinke." - "Und hier, Herr Einstein, steht das Bild des Kaisers. In seinem Namen bitte ich Sie, ein halbes Gläschen zu genehmigen..."

Wie hätte Einstein Napoleon hächstpersönlich einen Korb geben können?

1./2. August 1970 (Zeitung unbekannt, da nur einzelne Kopie erhalten, unter der Erzählung beginnt ein Anzeigenteil für die Stadt Bingen)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis

E-Mail: carrope@gmx.de