"Gud dai" - Friesisch für Anfänger
Der Online-Kurs von Andrea Hölscher
   

Lektion 6: Amringische Grammatik

Gud dai, leew Surfer!

Diesmal ein paar Worte zur Amringischen Grammatik (nach der Einführung zu Beginn dieses Kurses), damit Sie auch die Feinheiten der friesischen Sprache kennenlernen:
Ik an dü läßt sich mit "ich und du" recht einfach selbst erschließen. Auch bei hi/hat/at und wi (er/sie/es und wir) klingt Amring noch vertraut. An jam an jo (ihr und sie) muß man sich schon gewöhnen.

Regelmäßige Verben verändern sich sogar einfacher als im Deutschen - mit einem Unterschied:
Ein Beispiel (ich frage, du fragst, ...):
Einzahl SingularMehrzahl Plural
1. ik fraagewi fraage
2. dü fraagestjam fraage
3. hi/hat/at fraaget jo fraage

Die erste Person Singular entspricht immer auch dem Infinitiv. Die dritte Person Plural entspricht der 1. Person Singular, im Gegensatz zum Deutschen (da ist die 3. Person Plural wie die 3. Person Singular):
ik fraage, jo fraage - ich frage, ihr fragt.

Die regelmäßigen Verben muß man - wie in jeder Fremdsprache - fleißig lernen. Mit den üblicherweise vorhandenen Deutsch- und Englisch-Kenntnissen, sollte man schon sehr aufpassen, daß man nicht ins Schleudern gerät. Zum Beispiel bei:
trinken - drank
(trinken - trank - getrunken)
1. ik drank - droonk - dronken
2. dü drankst - droonkst
3. hi/hat/at drankt - droonkt
Ik san dronken - Ich bin betrunken.

Apropos ik san - ich bin: Ich bin hiermit zu den Hilfsverben gekommen.
wees - haa - wurd: sein - haben - werden.
Diese Worte sollte man sich gut einprägen.

Beispiel:
wees - sein.
1. ik san - wi san
2. dü beest - jam san
3. hi/hat/at as - jo san

Zusätzlich darf man sich im Amring mit diversen bestimmten und unbestimmten Artikeln herumschlagen. Die beiden wichtigsten sind:
a - der
at - die

Die Verneinung lautet ei. Also: Ik wene ei uun Flensborag - Ich wohne nicht in Flensburg. Außerdem ist ei das berühmte umgangssprachliche Fragewörtchen am Ende eines Satzes; den Norddeutschen als "ne", den Süddeutschen als "gell" bekannt. Oomram as net, ei? - Amrum ist nett, ne?

Dann gibt es da noch den Bereich der Fragewörter. Zum Beispiel:
huar - hü - hoker - wat
wo - wie - wer - was
Die Frage hoker as det? (wer ist das?) hört man recht häufig; wobei der Deutsche eher nur hoker raushört und sich fragt, um welchen Schemel es wohl geht.

Noch eine Besonderheit ist der Unterschied zwischen mut und skal (müssen/dürfen und sollen): skal wird dem Sinn nach meistens wie "müssen" benutzt. Also: ik skal tüs - ich muß nach Hause. Und mut als "dürfen" klingt dann so: Mut ik mi sat? - Darf ich mich setzen?

Übrigens kann man Einheimische von Gästen sogar im deutschen Gespräch unterscheiden, wenn es denn nicht bereits die Klangfarbe tut: Ruft jemand dem Kind auf der anderen Straßenseite zu "Wo sollst du denn hin?", oder hört man in der Kneipe den Satz "Ich soll nach Hause", dann hat man es untrüglich mit einem Friesen zu tun, der friesisch denkt und deutsch redet. Nun soll ich aber mal Schluß machen. Genug der Grammatik. In den nächsten Lektionen geht es wieder um den praktischen Alltag.

Bit do, leew Surfer. - Bis dann, lieber Surfer.


Literatur-Hinweis:
"Friesische Formenlehre in Tabellen",
III Amrum, zusammengestellt von Ommo Wilts, Husum 1995.
Ein Unterrichtsbuch in sehr übersichtlichen Tabellen; trocken, aber für Lernwillige unverzichtbar.


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