Osho: Renne nicht dem Wachstum nach
Tötet eure Lust auf sinnliche Sensationen
Lernt aus dem Sinnlichen und beobachtet es, denn nur so kommt ihr der Erkenntnis eurer selbst auf die Spur und setzt euren Fuß auf die erste Stufe der Leiter.
Tötet eure Lust auf sinnliche Sensationen
Wir leben für sinnliche Erfahrungen. Wir sind ständig auf der Suche nach immer neuen sinnlichen Erfahrungen; unser ganzes Leben ist ein Streben nach neuen Sinneserfahrungen. Aber merkwürdig: Je mehr ihr nach Sinneserfahrungen sucht, desto mehr stumpfen eure Sinne ab. Alles Feinsinnige geht verloren.
Klingt paradox. Im Sinnlichen geht der Sinn fürs Feine verloren. Dann verlangt ihr mehr sinnliche Erfahrungen und dieses Mehr tötet euren Sinn fürs Feine noch mehr ab. Dann müssen es noch mehr sein, bis schließlich der Augenblick kommt, da all eure Sinne abgestumpft und abgestorben sind. Noch nie war die Menschheit so stumpf und tot wie heute. Früher war sie sie deshalb lebendiger, weil es keine Möglichkeit gab, so viele sinnliche Kitzel zu bedienen. Heute dagegen gibt es aufgrund von Wissenschaft, Fortschritt, Zivilisierung und Bildung ungeahnte Möglichkeiten, immer tiefer in die Welt sinnlichen Erlebens vorzudringen. Am Ende tötet das den Menschen ab, ihr verliert den Sinn fürs Feine. Kostet noch mehr Speisen stärkere Reize, kräftigeres Essen und ihr schmeckt gar nichts mehr. Wenn ihr durch die Welt rennt, um immer mehr schöne Dinge, immer schönere Dinge zu sehen, werdet ihr blind davon, verlieren eure Augen alle Feinsinnigkeit.
Wechselt von Tag zu Tag das Objekt eurer Liebe sei es Freundin oder Freund, Ehefrau oder Ehemann wenn ihr sie täglich wechselt, wird euer Sinn fürs Lieben absterben, begebt ihr euch auf gefährlichen Boden. Ihr werdet nie in die Tiefe gehen, sondern euch immer nur an der Oberfläche aufhalten, an der Außenseite bleiben. Je mehr ihr erlebt, desto mehr nimmt eure Erlebnisfähigkeit ab. Und am Ende dann, wenn alles um euch her nichts mehr hergibt, wollt ihr das Göttliche, wollt ihr die Glückseligkeit, wollt ihr die Wahrheit haben. Ein Toter hat keine Ader fürs Göttliche. Um das Göttliche erfahren zu können, braucht man uneingeschränkte Empfindungsfähigkeit, muss man quicklebendig sein. Merkt euch: Nur Gleiches kann Gleiches zum Vorschein bringen.
Wenn ihr das Göttliche wollt ,das Göttliche heißt das Allerlebendigste, das Ewiglebendige, Ewigjunge, Ewiggrüne wenn ihr dem Göttlichen begegnen wollt, werdet ihr lebendiger werden müssen. Wie das geht? Tötet eure Lust auf sinnliche Sensationen
Sucht nicht den sinnlichen Kitzel; sucht die Verfeinerung, werdet empfindsamer.
Das sind ganz verschiedene Dinge. Wenn ihr auf Kitzel aus seid, braucht ihr Dinge dazu, müsst ihr mehr und mehr Dinge anhäufen. Aber wenn es euch um Verfeinerung geht, muss sich alle Aufmerksamkeit auf die eigenen Sinne richten, nicht auf die äußeren Dinge. Dann dürft ihr keine Dinge ansammeln, sondern müsst eure Gefühle vertiefen euer Herz, eure Augen, eure Ohren, eure Nase. Jeder Sinn muss dermaßen vertieft werden, dass er das Feinstoffliche wahrnehmen kann.
Wir können noch nicht einmal das Grobstoffliche wahrnehmen und müssen lernen das Feinstoffliche wahrzunehmen. Die Welt erscheint uns nur deswegen grobstofflich, weil wir keinen Sinn für das Feinstoffliche haben. Das Unsichtbare liegt im Sichtbaren verborgen. Seht auf diese Bäume. Ihr schaut aufs Grobe den Körper des Baumes. Ihr seht niemals, ihr spürt niemals das Leben darin was da wächst! Der Baum selber wächst nicht; der Baum ist nur eine Hülse. Etwas anderes, Unsichtbares, wächst da in ihm. Nur seinetwegen wächst der Baum. Nur weil das Innere wächst, wächst auch das Äußere. Aber ihr schaut nur auf den Baum, und so ist nur die Schale sichtbar.
Schaut euch um. Schaut eurem Freund, eurer Freundin in die Augen. Ihr seht nur die Augen an, nicht den, der durch sie hindurch sieht. Berührt den Körper des andern. Ihr berührt nur die Schale; ihr fühlt nie das Feinstoffliche darin. Man fühlt nur den Körper, das Äußere weil eure Augen, eure Sinne, so abgestumpft sind, dass sie kein Gespür für das Innere, das Unsichtbare haben.
Wir brauchen mehr Feingefühl. Sucht weniger Sinneseindrücke und schult euer Feingefühl. Wenn ihr berührt, werdet zu dieser Berührung. Wenn ihr schaut, werdet ganz Auge. Wenn ihr hört, werdet ganz Ohr, lasst euer gesamtes Bewusstsein ins Hören einfließen. Werdet zu euren Ohren wenn ihr einem Lied lauscht oder dem Vogelgesang. Vergesst alles andere, so als gäbe es nichts anderes als nur die Ohren. Legt euer gesamtes Wesen in eure Ohren. Dann werden eure Ohren feinfühliger werden.
Wenn ihr euch etwas anschaut eine Blume oder ein schönes Gesicht oder die Sterne werdet zu euren Augen. Vergesst alles andere, so als wäre der Rest eures Körpers vom Erdboden verschluckt worden und euer ganzes Bewusstsein hätte sich auf die Augen konzentriert. Dann werden eure Augen tiefer blicken können und ihr werdet in der Lage sein, selbst Unsichtbares zu sehen. Selbst Unsichtbares ist sichtbar; aber dazu benötigt man durchdringendere Augen.
Tötet eure Lust auf sinnliche Sensationen
und schult euer Feingefühl. Achtet weniger auf die Welt da draußen und mehr auf eure Sinne. Läutert sie. Wenn ihr nicht auf den sinnlichen Kitzel aus seid, werden sie gereinigt. Je mehr ihr den sinnlichen Kitzel sucht, desto mehr tötet ihr eure Sinne ab. Der Mensch, der zum Göttlichen hinfindet, ist der Mensch, dessen Sinne restlos lebendig sind, bis zum Rand ihrer Möglichkeit. Dann könnt ihr das Göttliche nicht nur sehen, sonder könnt ihr das Göttliche schmecken, könnt ihr das Göttliche riechen
kann das Göttliche durch jeden einzelnen eurer Sinne in euch eintreten. Erst wenn das Göttliche durch alle Sinne Einlass in euch findet, kommt es zur endgültigen Verwirklichung. Wer das Göttliche lediglich sehen kann, ist nur partiell verwirklicht. Dann ist man nicht wirklich erleuchtet. Solange man das Göttliche nicht auch berühren kann, nicht schmecken kann, ist man nur teilweise erleuchtet,.
Sich so auszudrücken mag absurd wirken. Wie Gott schmecken? Ist er eine Speise? Ja. Er ist alles. Du kannst ihn schmecken, aber dazu brauchst du einen sehr verfeinerten Geschmackssinn: Jeder Bissen wird dann für dich göttlich. Durch dein Essen wirst du das Göttliche empfinden. Die Rishis, die Weisen der Upanischaden, haben gesagt: Anna Brahmasmi Essen ist Brahma. Sie müssen ihn geschmeckt haben, sie müssen ihn gegessen haben. Und wir tun immer so, als wäre Gott ein Problem der Logik, und so streiten wir immerzu weiter und laufen ständig um den heißen Brei herum mit unserem ewigen Für und Wider. Wir zanken uns, ob Gott existiert oder nicht. Völlig irrelevant. Was hat Gott mit Argumenten und Logik, mit rationalen Spitzfindigkeiten zu tun?! Gott hat im Grunde nur etwas mit Feingefühl zu tun. Werdet feinfühliger, wenn ihr ihn nicht spüren könnt! Sobald ihr empfindsam seid, ist er da. Er ist seit jeher da gewesen, nur fehlen euch die Antennen dafür. Dinge stumpfen euch ab. Sinnlichkeit stumpft euch ab. Tötet eure sinnlichen Gelüste.
Tötet euren Hunger auf Wachstum.
Dies Sutra ist sehr revolutionär, sehr gefährlich.
Tötet euren Hunger auf Wachstum.
Das kling absurd; denn wenn ihr jeglichen Hunger auf Wachstum tötet, was soll es dann, ins Göttliche hinein zu wachsen? Wie soll man dann zur Wahrheit gelangen, wie soll man dann erleuchtet werden? Wozu dann überhaupt meditieren und all dieser Wind?
Wir werden tief in dies Sutra einsteigen müssen.
Tötet euren Hunger auf Wachstum.
Es gibt zweierlei Wachstum eines, für das man etwas tun kann; und ein anderes, für das man überhaupt nichts tun kann. Ersteres erfordert, dass ihr euch dafür ins Zeug legt; und letzteres erfordert, dass ihr dafür keinen Finger rührt.
Das spirituelle Wachstum ist das letztere. Da bringt es überhaupt nichts, wenn ihr euch ins Zeug legt; damit erzeugt ihr lediglich Barrieren. Was spirituelles Wachstum betrifft, da gibt es einfach nichts zu tun. Das Einzige, was man dafür tun kann, ist zu kapitulieren und das ist ein Nichtstun. Ihr könnt nur eines tun: Dem Göttlichen zu gestatten, in euch zu arbeiten. Ihr braucht nur zu kooperieren, mehr nicht. Ihr braucht euch nur treiben zu lassen; ihr braucht nicht zu schwimmen
Nur ein tiefes Loslassen, mehr ist nicht gemeint mit:
Tötet euren Hunger auf Wachstum.
Wachst so, wie die Blume wächst zwar unbewusst, doch eifrig darauf bedacht, ihre Seele der Luft zu öffnen. Nicht anders müsst ihr nach vorn drängen, um eure Seele dem Ewigen zu öffnen.
Aber es muss das Ewige sein!
Aber lasst es das Ewige sein, was da eure Stärke und Schönheit hervorlockt, nicht das Verlangen nach Wachstum. Denn im ersteren Falle entwickelt man sich in der Pracht der Reinheit, im anderen verhärtet man sich im leidenschaftlichen Drang sich persönlich hervorzutun.
Ich wiederhole es noch einmal: Aber lasst es das Ewige sein, was da eure Stärke und Schönheit hervorlockt, nicht das Verlagen nach Wachstum.
Denn jedes Verlangen ist ein Hindernis, selbst das Verlangen nach dem Göttlichen. Jedes Verlangen ist Knechtschaft, selbst das Verlangen muss befreit werden. Das Verlangen selbst ist das Problem, also kann es einen nicht nach dem Göttlichen verlangen. Das ist ein Widerspruch. Es kann einen nur nach der Welt verlangen, aber nicht nach dem Göttlichen. Denn Verlangen ist die Welt, Verlangen ist Sansar, das ewige Rad. Man kann sich nicht nach Moksha, Befreiung sehnen. Sobald man in einem Zustand ohne Verlangen ist, widerfährt einem Moksha einfach. Sobald du wunschlos glücklich bist, tritt die Befreiung ein, widerfährt dir das Göttliche.
Gestatte dem Göttlichen, alles zum Vorschein zu bringen, was in dir verborgen ist. Renne nicht dem Wachstum hinterher. Gib dich hin, sodass das Wachstum einsetzen kann. Das Wachstum kann nicht ausbleiben, aber dazu wird es nicht durch deine Bemühung kommen, sondern durch seine Gnade. Es kommt immer nur durch das Göttliche.
Und das hat seine Gründe.
Alles was du tust kann nie über dich hinauswachsen. Ausgeschlossen. Alles was du tust bleibt immer unter dir. Die Tat bleibt immer unter dem, der sie tut. Anders geht es nicht. Der Maler ist größer als sein Gemälde und der Meditierer ist größer als seine Meditation. Was immer du tust, wird unter dir bleiben, wie willst du also zum Göttlichen gelangen können? Das Göttliche steht nicht unter dir, also kannst du auch nicht durch deine eigenen Anstrengungen zu ihm gelangen. Sollte es jemals möglich sein, durch deine eigenen Anstrenungen zu Gott zu gelangen, stünde dieser Gott unter dir und nicht über dir, wäre dieser Gott nur eine Ware etwas, das du in den Händen halten kannst, etwas, das du geleistet hast. Merkt es euch also gut: Zu Gott gelangt man nicht durch eigene Anstrengungen. Gott kann euch widerfahren, aber er wird keine Großtat sein.
Was also ist zu tun? Was könnt ihr von euch aus dazu tun? Ihr eurerseits müsst eine negative Anstrengung beisteuern, und zwar die folgende: Errichtet keine Barrieren, stellt keine Hindernisse in den Weg. Bleibt offen und abwartend und bereit euch in Gang zu setzen, bereit aufzubrechen. Wenn der Magnet in Kraft tritt, lasst ihr die Magnetkräfte einfach wirken.
Was hat es dann mit dem Meditieren auf sich, auf das ich so großen Wert lege? Es dient dazu, eure Barrieren auszuräumen; das nenne ich ,negative Anstrengung. Durchs Meditieren gelangt ihr zwar nicht zum Göttlichen, aber durchs Meditieren werdet ihr offen für das Wirken des Göttlichen. Damit sagt ihr, dass ihr bereit seid, dass ihr jetzt kooperieren werdet.
Das ist alles, was eurerseits vonnöten ist. Zulassen, Loslassen, Kapitulieren. Durch Willen ist nichts zu machen. Im Reich des Göttlichen führt Wille zu gar nichts, zählt nur Kapitulieren. Aber dann passiert alles.
Durch die Meditationen, die wir hier machen, reißt ihr lediglich eure Barrieren ein. Darum betone ich immer, dass ihr wie Kinder sein sollt. Geht wieder zurück in die Kindheit. Vergesst eure Zivilisiertheit, eure Kultur, eure Manieren, eure Posen, eure Persönlichkeit, eure Grimassen. All das ist nur Fassade. Weg damit! Werdet wie kleine Kinder.
Es wird euch wie Verrücktheit erscheinen. Seinen Verstand aufzugeben und wieder Kind zu werden wird wie Wahnsinn erscheinen. Dann seid eben wahnsinnig! Aber koste es, was es wolle: Seid wieder wie Kinder. Jesus sagt: Lasset die Kinder zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich. Ich sage wieder dasselbe. Geht zurück bis zu dem Punkt, wo eure Zivilisation euch zu korrumpieren begann, zu dem Punkt, wo eure Erziehung euch zu korrumpieren anfing, zu dem Punkt, wo die Gesellschaft eintrat. Geht bis an den Punkt zurück, wo ihr noch asozial oder präsozial wart, wo sich noch keine Gesellschaft eurer bemächtigt hatte. Bis hin an den Punkt, wo ihr noch unschuldig und rein wart
und solange ihr nicht bis an diesen Punkt zurückgeht, bleiben eure Hände gebunden.
Werdet wieder Kinder. Dabei werdet ihr unterwegs das Gefühl haben, dass es verrückt von euch sei, alle eure Erwachsenenwerte wegzuwerfen. Bildung, Kultur, Religion, heilige Schriften und Sitten alles werft ihr weg: Jetzt geht ihr zurück an den Punkt, wo ihr noch ihr selbst wart und wo die Gesellschaft euch noch nicht verdorben hatte.
Der ganze Vorgang wird euch wie Wahnsinn vorkommen, aber das ist er nicht. Er ist eine Katharsis. Und wenn ihr ihn durchhaltet, werdet ihr mehr bei Sinnen wieder zum Vorschein kommen, weniger wahnsinnig. Euer Wahnsinn wird ausgemistet sein. Ihr werdet reiner, mehr bei Sinnen sein.
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