Osho: Vollkommen unvollkommen - Osho, bist du unfehlbar?



Ich bin unfehlbar fehlbar!
Als erstes: Ich bin kein Perfektionist, denn Perfektionismus ist die eigentliche Ursache aller Neurosen. Solange die Menschheit die Idee der Perfektion nicht aufgibt, kann sie niemals geistig und seelisch gesund werden. Die bloße Vorstellung von Perfektion hat die ganze Menschheit in den Wahnsinn getrieben. Wer an Perfektion denkt, denkt an Ideologien, Ziele, Werte, an Soll und Darf-Nicht. Man muß einem bestimmten Schema entsprechen, und wenn man von diesem Schema abweicht, fühlt man sich total schuldig, ein Sünder. Und das Ideal muß zwangsläufig so ein, daß es nicht zu erreichen ist. Wenn es zu schaffen ist, hat es für das Ego keinen besonderen Wert.


Das Wesentliche am perfektionistischen Ideal ist also seine Unerreichbarkeit, nur dann ist es erstrebenswert. Seht ihr den Widerspruch? Und dieser Widerspruch erzeugt eine Schizophrenie: Du versuchst das Unmögliche, von dem du genau weißt, daß es nicht passieren wird, es geht von Natur aus nicht. Wenn es ginge, dann wäre es nicht sonderlich perfekt, dann könnte es ja jeder machen. Dann fällt nicht viel für das Ego ab, dein Ego hat nichts zu knacken, kann sich nicht daran messen. Das Ego braucht Unmögliches, und das Unmögliche wird von Natur aus nicht eintreten. Also bleiben nur zwei Alternativen: die eine ist, du beginnst dich schuldig zu fühlen. Wenn du unschuldig, naiv, intelligent bist, wirst du anfangen, dich schuldig zu fühlen. Schuldgefühle sind eine Art Krankheit.

Ich bin nicht hier, um euch irgendwelche Schuldgefühle zu machen. Meine ganze Anstrengung ist die, euch aus allen Schuldgefühlen herauszuhelfen. In dem Augenblick, wo ihr frei von Schuld seid, brecht ihr in Jubel aus. Und die Wurzel aller Schuld ist die Vorstellung von Perfektion.

Die zweite Alternative ist: Wenn du berechnend bist, wirst du zum Heuchler, wirst du so tun, als hättest du es geschafft. Du wirst anderen etwas vormachen und du wirst sogar versuchen, dir selbst etwas vorzumachen. Dann lebst du in Illusionen, in Wahnvorstellungen, und das ist sehr unheilig, sehr unreligiös, sehr unbekömmlich. Etwas vorzutäuschen, ein Leben voller Täuschungsmanöver zu führen, ist noch weit schlimmer als ein Leben in Schuldgefühlen. Ein schuldbewußter Mensch ist zumindest einfach, aber der Täuscher, der Heuchler, der Heilige, der sogenannte Weise, der Mahatma, ist ein Verbrecher. Er ist bis in die Wurzel unmenschlich, unmenschlich gegen sich weil er verdrängt; nur so kann man etwas vortäuschen. Alles, was er in sich entdeckt, das gegen sein Ideal verstößt, muß verdrängt werden. Er wird innerlich kochen, er wird schäumen vor Wut und Ärger. Seine Wut und sein Ärger werden sich auf tausend verschiedene Arten verraten. Auf ganz subtile Art, auf indirekte Art werden sie nach außen dringen.

Sogar Leute wie Jesus, nette, gute, stecken voll Wut und Ärger: und zwar gegen ganz unschuldige Dinge,  nicht zu glauben. Jesus kommt, gefolgt von seinem Gefolge, diesem Haufen von Schafsköpfen, die man Apostel nennt. Er hat Hunger, der ganze Haufen hat Hunger. Sie kommen zu einem Feigenbaum, aber die Feigen sind noch nicht reif. Der Baum kann nichts dafür, aber Jesus wird so wütend, daß er den Baum beschimpft; er verflucht den Feigenbaum. Nun, wie ist so etwas möglich? Einerseits sagt er: "Liebe deine Feinde wie dich selbst." Andererseits kann er nicht einmal einem Feigenbaum verzeihen, daß er keine Früchte trägt, weil es nicht die Jahreszeit dafür ist. 

Diese Schizophrenie beherrscht die Menschheit seit Tausenden von Jahren. Er sagt: "Gott ist die Liebe", aber trotzdem bringt Gott eine Hölle zustande. Wenn Gott die Liebe ist, dann müßte als erstes die Hölle abgeschafft werden. Die Hölle sollte auf der Stelle verbrannt und entfernt werden. Die Idee einer Hölle kann nur ein sehr eifersüchtiger Gott haben. Jesus wurde als Jude geboren, lebte als Jude, starb als Jude. Er war kein Christ, er hat das Wort "Christ" nie gehört. Und die jüdische Vorstellung von Gott ist keine besonders schöne Vorstellung.

Im Talmud steht, Gott erklärt es in eigenen Worten: "Ich bin ein eifernder Gott, sehr eifersüchtig. Ich bin nicht freundlich. Ich bin nicht euer Onkel!" Ein solcher Gott muß zwangsläufig eine Hölle schaffen. Ja, sogar im Himmel mit einem solchen Gott zu leben, der nicht dein Onkel ist, der nicht freundlich ist, der eifersüchtig ist, wäre die Hölle. Was soll schon paradiesisch daran sein, mit ihm zusammen zu wohnen? Die Luft wird von Despotismus und Diktatur verpestet sein, keine Freiheit, keine Liebe. Eifersucht und Liebe können nicht koexistieren.

So haben gerade die sogenannten guten Menschen viel Elend über die Menschheit gebracht. Das tut weh, weil wir über diese Dinge noch nie nachgedacht haben. Wir haben uns nie die Mühe gemacht, unsere Vergangenheit auszugraben, und alle Ursachen, unseres Unglücks liegen in der Vergangenheit. Und merkt es euch gut: eure Vergangenheit wird sehr viel stärker von Jesus, Mahavir, Konfuzius, Krishna, Rama und Buddha beherrscht als von Alexander dem Großen, Julius Cäsar, Tamerlan, Dschingis Khan, Nadir Shah. Die Geschichtsbücher reden von diesen Leuten, aber sind nicht Teil eures Unterbewußtseins geworden. Sie mögen Teil der Geschichte sein, aber sie nicht Bestandteil eurer Persönlichkeit.

Eure Persönlichkeit wird von den sogenannten guten Mensch geformt. Sicherlich, sie hatten ein paar gute Eigenschaften, aber unmittelbar nebenan war eine Kluft, und die kam aus der Idee, der Perfektion.

Die Jains behaupten, Mahavir hätte nie geschwitzt. Wie könnte ein perfekter Mensch schwitzen? Ich kann schwitzen, ich bin nicht perfekt. Und im Sommer ist Schwitzen so schön, daß ich es vorziehe zu schwitzen statt perfekt zu sein. Denn ein Mensch, der nie schwitzt, hat einfach einen Plastikkörper, synthetisch, ohne Atem, ohne Poren. Der ganze Körper atmet, deshalb schwitzt man. Schwitzen ist ein natürlicher Vorgang, um die Körpertemperatur ständig gleich zu halten. Nun, Mahavir muß innen höllisch gekocht haben. Wie will er es schaffen, seine Körpertemperatur konstant zu halten? Ohne Schwitzen geht es nicht, es ist unmöglich.

Die Jains sagen: Als Mahavir von einer Schlange in den Fuß gebissen wurde, floß nicht Blut, sondern Milch. Nun, Milch kann nur rauskommen, wenn Mahavir's Füße nicht Füße, sondern Brüste waren, und ein Mensch mit Brüsten an den Füßen gehört in den Zirkus!

Das also ist ihre Vorstellung von Perfektion: ein perfekter Mensch kann so etwas Schmutziges wie Blut, etwas Blutrünstiges wie Blut nicht haben; er ist wie Milch und Honig. Aber stellt es euch mal vor: ein Mensch voll Milch und Honig würde stinken! Die Milch würde sauer werden, und der Honig würde massenweise Mücken und Fliegen anziehen. Er wäre völlig mit Fliegen bedeckt! Mir gefällt diese Art Perfektion nicht.

Mahavir ist so perfekt, daß er nicht uriniert und keinen Stuhlgang hat. Solche Sachen machen nur Menschen, die nicht perfekt sind. Man kann sich Mahavir nicht auf einem Klo sitzend vorstellen, unmöglich. Aber was würde denn aus all seiner Scheiße? Dann wäre kein Mensch auf der Welt so voller Scheiße wie er.

Ich habe in medizinischen Fachblättern von einem Mann gelesen, der längste Fall von Verstopfung: achtzehn Monate. Aber diese Mediziner kennen Mahavir nicht. Das ist noch gar nichts, vierzig Jahre. Länger hat es noch kein Mensch geschafft seine Eingeweide unter Kontrolle zu halten. Das ist wahres Yoga! Der bedeutenste Fall von Verstopfung in der ganzen Menschheitsgeschichte... und ich glaube nicht, daß ihn noch jemand übertreffen wird. Solche albernen Vorstellungen werden nur aufrecht erhalten, um die Menschen weiter leiden zu lassen. Wer solche Vorstellungen im Kopf hat, der fühlt sich bei allem schuldig. Du pinkelst und schon fühlst du dich schuldig. Was machst du da? Du sitzt auf dem Klo, und schon fällst du in die Hölle! Blut kommt aus deinem Körper, eine tiefe Demütigung.

Jesus geht über Wasser, erweckt einen Freund von den Toten, aber er selbst überlebt nicht am Kreuz. Er will Blinde, Taubstumme heilen, aber kann keinen einzigen Dummkopf zur Erleuchtung bringen, kann keinem einzigen Schafskopf helfen, aus seiner Dummheit herauszukommen, kann keinen einzigen Menschen retten.

Ich hin sehr fehlbar, weil ich kein Neurotiker bin, weil ich kein Psychotiker bin, weil ich kein Perfektionist bin. Und ich liebe meine Unvollkommenheiten... Ich liebe diese Welt, weil sie nicht perfekt ist. Sie ist nicht perfekt, und gerade darum wächst sie. Wenn sie perfekt wäre, wäre sie tot. Wachstum ist nur möglich, wenn etwas nicht perfekt ist. Perfektion setzt einen  Schlußpunkt. Perfektion ist der endgültige Tod. Dann gibt es keine Möglichkeit mehr,
Grenzen zu überschreiten.

Ich möchte, daß ihr es nie und nimmer vergeßt. Ich bin nicht vollendet, das ganze Universum ist nicht vollendet. Meine Botschaft ist, diese Unvollkommenheit zu lieben, über diese Unvollkommenheit zu jubeln.

Wenn sich erst einmal eine bestimmte Vorstellung in dir festgesetzt hat, wird sie nach und nach Wirklichkeit. Perfektionismus ist eine neurotische Vorstellung. Unfehlbarkeit ist gut für dumme Päpste, aber nicht für intelligente Menschen. Ein intelligenter Mensch wird begreifen, daß das Leben ein Abenteuer ist, ein ständiges Nachforschen: Versuch und Irrtum. Das ist gerade das Vergnügen, der wirkliche Saft des Lebens!

Ich möchte nicht, daß ihr vollkommen seid. Ich möchte euch so vollkommen unvollkommen wie möglich. Freut euch über eure Unvollkommenheit. Freut euch gerade über eure Gewöhnlichkeit! Hütet euch vor sogenannten "Heiligen Vätern", es sind alles nur scheinheilige Väter. Wenn ihr auf große Worte wie "Seine Heiligkeit" steht, dann nehmt den Titel "Seine Reine Gewöhnlichkeit" an, S.R.G., nicht S.H. Ich predige Gewöhnlichkeit. Ich erhebe keinen Anspruch auf Wunder, ich bin ein einfacher Mensch. Und ich möchte, daß auch ihr einfach werdet, so daß ihr diese beiden Extreme los seid: das Extrem der Schuld und das Extrem der Heuchelei. Genau in der Mitte liegt das Gesunde.

Ich bin nicht unfehlbar, und ich möchte auch nie unfehlbar sein, denn das ist Selbstmord. Ich möchte so viele Fehler wie möglich machen, und ich möchte weiter Fehler machen bis zu meinem letzten Atemzug, denn das heißt leben. Wenn du noch im letzten Atemzug Fehler machen kannst, dann hast du den Tod besiegt.

lch bin kein Heiliger, ich bin kein Weiser. Ich bin sicher ein bißchen verrückt, aber gerade weil ich verrückt bin, könnt ihr euch auf mich verlassen! Verlaßt euch nie auf Heilige, verlaßt euch nie auf weise Männer, sie machen euch nur verrückt.

Osho

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