Osho: Heute ein Heiliger, morgen ein Sünder



Sutra: Bleibe gegenüber Freund wie Feind, in Ehren wie in Schande unwandelbar gleich.


„Bleibe unwandelbar gleich“ – das ist die Grundlage. Was geschieht da in dir? Zwei Dinge geschehen da: Etwas in dir bleibt ununterbrochen gleich. Es ändert sich nie. Ihr mögt es noch nie beobachtet haben, ihr mögt ihm noch nie begegnet sein, aber wenn ihr genau hinschaut, werdet ihr erkennen, dass etwas in euch ununterbrochen gleich bleibt. Nur auf Grund dieses Gleichseins könnt ihr überhaupt eine Identität haben. Auf Grund dieser Gleichheit fühlt ihr euch zentriert; andernfalls wärt ihr ein einziges Chaos. Ihr sagt: „Meine Kindheit“. Was ist jetzt noch davon übrig? Wer also sagt: „Meine Kindheit“? Wer ist dieses „Meine“, „Mich“, „Ich“?

Nichts ist von deiner Kindheit übrig geblieben. Wenn dir zum ersten Mal deine Bilder aus deiner Kindheit gezeigt würden, würdest du dich nicht erkennen können. Alles hat sich geändert. Dein Körper ist nicht mehr derselbe, keine einzige Zelle ist dieselbe geblieben. Den Physiologen zufolge ist der Körper ein Fluxus. Er ist etwas Flussartiges: Jeden Moment sterben viele Zellen ab und werden viele neue geboren. Binnen sieben Jahren wird sich dein Körper total verändert haben; wenn du also siebzig Jahre alt werden wirst, wird sich bis dahin dein Körper zehn Mal total erneuert haben.

Jeden Moment verändert sich dein Körper – und dein Geist. Wenn du schon ein Foto von dir als Kind nicht erkennen kannst, würdest du umso weniger ein Foto von deinem geistigen Zustand als Kind erkennen, wenn das machbar wäre. Dein Geist ist sogar noch mehr im Fluss als dein Körper: Jeden Moment ändert sich alles. Selbst einen einzigen Augenblick lang bleibt da nichts gleich. Noch heute Morgen warst du ein anderer, geistig gesehen. Heute Abend wirst du ein vollkommen anderer Mensch sein.

Buddha sagte zu jedem, der zu ihm kam, bevor der Betreffende aufbrach und sich von ihm verabschiedete: „Und vergiss nicht: Der Mensch, der mich aufgesucht hat, ist nicht mehr derselbe, der jetzt zurückgeht. Du bist jetzt ein vollkommen anderer. Dein Geist hat sich verändert.“ Das Zusammentreffen mit einem Buddha muss natürlich deinen Geist zwangsläufig ändern – ob zum Besseren oder Schlechteren, aber derselbe bleiben kannst du nicht.

Du bist mit einer bestimmten Einstellung hergekommen; du wirst mit einer anderen Einstellung wieder gehen. Etwas hat sich geändert. Etwas Neues ist hinzugetreten, etwas anderes wurde gelöscht. Aber selbst dann, wenn du niemandem begegnest, wenn du einfach für dich allein bleibst – nicht ein Mal dann kannst du derselbe bleiben. Jeden Augenblick fließt der Fluss weiter.

Heraklit hat gesagt: „Du kannst nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen.“ Dasselbe lässt sich vom Menschen sagen: Du kannst demselben Menschen nicht wiederbegegnen – unmöglich! Und weil das so ist und weil wir keine Ahnung davon haben, wird das Leben so elend: Denn du erwartest immer, dass der andere sich gleich bleibt. Du heiratest ein Mädchen und erwartest, dass sie so bleibt, wie sie ist. Wie könnte sie! Als sie noch unverheiratet war, war sie anders; jetzt, da sie verheiratet ist, ist sie total anders. Ihr Geliebter zu sein ist das eine – ihr Ehemann etwas total anderes. Du kannst nicht erwarten, dass sich dir in deinem Ehemann dein Geliebter nähert. Das ist unmöglich. Ein Geliebter ist ein Geliebter; ein Ehemann ist ein Ehemann. Sobald der Geliebte zum Ehemann wird, hat sich alles geändert. Aber du lässt nicht von deinen Erwartungen ab: Das erzeugt Elend, unnötiges Elend. Wenn es uns gelingen würde, diesen Umstand zu erkennen, nämlich, dass unsere Einstellung fortwährend fließt und sich ändert, würde uns das viel, viel Unglück ersparen, und zwar ohne jeden Preis. Was dazugehört, ist einzig und allein die einfache Bewusstheit, dass sich unsere Einstellung verändert.

Irgendwer liebt dich, und dann erwartest du, immerzu von ihm geliebt zu werden. Aber schon im nächsten Augenblick hasst er dich; dann gerätst du durcheinander – das liegt nicht an seinem Hass, sondern nur an deiner Erwartungshaltung. Er hat sich verändert. Er ist lebendig, also muss er sich zwangsläufig ändern. Aber wenn du der Realität ins Auge sehen kannst, so wie sie ist, wird es dich nicht durcheinander bringen. Der, der dich eben noch liebte, kann dich schon im nächsten Moment hassen. Aber warte ab! Einen Moment später wird er dich wieder lieben. Überstürze also nichts; hab einfach Geduld. Und wenn der andere ebenfalls in der Lage ist, dies veränderliche Verhaltensmuster zu sehen, dann wird er nicht wegen Zuständen kämpfen, die sich ändern. Sie verändern sich; das ist natürlich.

Wenn du dir also deinen Körper anschaust, verändert er sich. Wenn du deine Einstellung zu verstehen suchst, verändert sie sich. Sie bleibt nie gleich. Selbst in zwei aufeinander folgenden Augenblicken bleibt nichts gleich. Deine Persönlichkeit fließt weiter, wie ein Strom. Wäre das alles und gäbe es nichts, was ununterbrochen, ewig, zeitlos gleich bleibt, wer erinnert sich dann, dass „meine Kindheit“ so und so war? Die Kindheit hat sich geändert, der Körper hat sich geändert, die Einstellung hat sich geändert. Wer ist es dann, der sich erinnert? Wer ist es, der dann Kindheit von Jugend und Alter erkennt? Wer erkennt da?

Dieser Erkennende muss derselbe bleiben; dieser Zeuge muss derselbe bleiben. Nur dann kann der Zeuge den nötigen Abstand haben, kann der Zeuge sagen: „Das da war meine Kindheit und das war in meiner Jugend und da wurde ich alt. Das war der Augenblick, da ich mich verliebte, und das der Augenblick, da meine Liebe in Hass umschlug.“ Dieses bezeugende Bewusstsein, dieser Erkennende, ist immer derselbe.

Also existieren in dir zwei Reiche oder zwei Dimensionen zugleich. Du bist beides: das Wandelbare, das sich immerzu verändert, und das Unwandelbare, das immerzu unveränderlich bleibt. Wenn du dir diese beiden Reiche bewusst machst, dann wird dir diese Technik weiterhelfen: „Bleibe … unwandelbar gleich.“ Merke dir: Bleibe unwandelbar gleich.

An der Peripherie bist du zwangsläufig wandelbar; aber im Mittelpunkt bleibe gleich. Führe dir vor Augen, was gleich bleibt. Es genügt, es dir vor Augen zu führen; etwas anderes brauchst du nicht zu tun. Es ist unwandelbar. Du kannst es nicht ändern, aber du kannst es vergessen. Du kannst dich dermaßen in die veränderliche Welt um dich herum verlieren, von ihr besessen werden – körperlich wie geistig –, dass dir dein Mittelpunkt vielleicht völlig entfällt. Der Mittelpunkt wird zu sehr vom veränderlichen Strom umwölkt … und natürlich gibt es da Probleme. Das Immergleiche ist leicht zu vergessen, weil Veränderung Probleme mit sich bringt.

Wenn in deiner Nähe zum Beispiel ununterbrochen ein Geräusch stattfindet, wirst du es nicht bemerken. Wenn eine Uhr an der Wand ununterbrochen „Tick-Tack, Tick-Tack“ macht, den ganzen Tag lang, kommt dir das nie zu Bewusstsein. Aber wenn sie plötzlich stillsteht, wird dir das schlagartig klar. Wenn etwas immer gleich ist, braucht man es nicht zu bemerken. Wenn sich etwas verändert, muss der Verstand Notiz davon nehmen. Es entsteht eine Lücke, und das Muster wird erschüttert. Du hörtest es pausenlos, also war es nicht nötig hinzuhören. Es war da. Es hatte sich dem Hintergrund eingefügt. Aber wenn die Uhr jetzt plötzlich aufhört, wirst du hellhörig werden, wendet sich dein Bewusstsein schlagartig der Lücke zu.

Es ist genauso, wie wenn dir ein Zahn ausgefallen ist: Dann geht deine Zunge ununterbrochen zu dieser Stelle. Als der Zahn noch da war, wollte die Zunge nie zu ihm hin. Jetzt ist der Zahn nicht mehr da, ist nur die Lücke da. Dann geht die Zunge den ganzen Tag lang zur Lücke hin; du kannst machen, was du willst, du kannst es nicht ändern: Die Zunge geht zur Lücke. Warum? Weil etwas fehlt und sich der Hintergrund verändert hat. Etwas Neues ist eingetreten.

Wann immer etwas Neues eintritt, wirst du bewusst – aus vielen Gründen. Es ist eine Sicherheitsmaßnahme. Das brauchst du für dein Leben – um zu überleben. Wenn sich etwas verändert, musst du dir dessen bewusst werden: Es könnte gefährlich sein. Du musst Notiz davon nehmen, und du musst dich der neuen Situation, die jetzt eingetreten ist, erneut anpassen. Aber wenn alles so ist, wie es war, ist das nicht nötig: Dann brauchst du nicht bewusst zu sein. Und dieses Immergleiche in dir – was die Hindus atman, die Seele, genannt haben – ist immer da gewesen, ganz von Anfang an, falls es überhaupt einen Anfang gab. Und es wird bis ganz zum Ende weitergehen, falls es überhaupt ein Ende geben wird. Es ist seit Ewigkeiten gleich geblieben: Wie also kannst du dir seiner bewusst sein?

Es entgeht dir, eben weil es so permanent gleich ist, so ewig gleich ist. Vom Körper nimmst du Notiz, vom Geist nimmst du Notiz, weil die sich verändern. Und weil du Notiz von ihnen nimmst, fängst du an zu meinen, dass du sie seist: Du kennst nur sie; du beginnst, dich damit zu identifizieren.

Alles spirituelle Bestreben besteht nur darin, das Gleiche mitten im Ungleichen zu finden, das Ewige im Veränderlichen zu finden – das zu finden, was immer gleich ist. Das ist dein Mittelpunkt; und nur wenn es dir gelingt, dich dieses Mittelpunktes zu erinnern, wird dir diese Technik leicht fallen. Oder umgekehrt: Wenn dir diese Technik gelingt, wird dir das Erinnern leicht fallen. Du kannst die Reise von beiden Enden her antreten.

Versucht es ein Mal mit dieser Technik; die Anweisung lautet: Bleibe gegenüber Freund wie Feind, in Ehren wie in Schande unwandelbar gleich.

Sei gegenüber Freund wie Feind oder gegenüber dem Fremden unwandelbar gleich. Was bedeutet das? Es klingt widersprüchlich. In gewisser Weise wirst du dich verändern müssen, denn wenn ein Freund dich besuchen kommt, wirst du ihm anders begegnen müssen, als wenn dich ein Fremder besuchen kommt – dem wirst du wieder anders begegnen müssen. Wie könntest du einem Fremden entgegentreten, als würdest du ihn bereits kennen? Das geht nicht. Dieser Unterschied wird da sein, aber bleib trotzdem tief drinnen der Gleiche. Die Einstellung muss gleich sein, aber das Verhalten wird „ungleich“ sein. Du kannst einem unbekannten Menschen nicht so begegnen, als würdest du ihn schon kennen. Wie könntest du? Du kannst allenfalls Theater spielen, aber Theaterspielen bringt nichts. Der Unterschied wird da sein.

Bei einem Freund ist es unnötig, ihm vorzuspielen, dass er ein Freund sei. Bei einem Fremden wird es selbst dann, wenn du versuchst, ihm als Freund zu begegnen, Theater sein – etwas Neues. Du kannst nicht gleich bleiben; Ungleichheit wird notwendig sein. Jedenfalls was dein Verhalten betrifft, wirst du anders sein, aber was dein Bewusstsein betrifft, kannst du derselbe sein. Du kannst den Freund mit denselben Augen betrachten wie den Fremden.

Das ist schwer. Dir mag zwar zu Ohren gekommen sein: Schau auf Freund wie Feind unwandelbar gleich, aber das wird dir nicht eher möglich sein, als bis dir auch Folgendes möglich ist: Schau zunächst auf deinen Freund wie auf einen Fremden. Erst dann kannst du so auf den Fremden schauen wie auf den Freund. Beides hängt zusammen.

Hast du je deine Freunde so betrachtet, als wären sie Fremde? Wenn nicht, dann hast du deine Augen noch gar nicht aufgemacht. Sieh dir deine Frau an: Kennst du sie wirklich? Du magst seit zwanzig Jahren oder länger mit ihr zusammengelebt haben, aber dadurch wächst allenfalls die Möglichkeit, dass du nur immerzu vergisst, dass sie eine Fremde ist – und auch eine Fremde bleibt. Wie sehr du sie auch lieben magst – es macht keinen Unterschied. Ja, je mehr du sie liebst, desto fremder wird sie dir vorkommen – denn je mehr du liebst, desto tiefer dringst du und desto mehr wird dir bewusst, wie Fluss-ähnlich sie ist, sich bewegt, sich verändert – lebendig, jeden Augenblick anders. Wenn du nicht in die Tiefe schaust, wenn du nur auf einer Ebene feststeckst, wo „dies“ deine Frau ist, wo sie „so oder so“ heißt, dann hast du dir ein bestimmtes Teilstück ausgesucht und bildest dir immerfort ein, dass dies bestimmte Teilstück deine Frau sei. Und dann muss sie, wann immer sie sich verändern muss, dir ihre Veränderungen verhehlen. Ihr mag nicht liebevoll zu Mute sein, aber sie muss so tun als ob, weil du von deiner Frau Liebe erwartest.

Dann wird alles verlogen. Ihr wird nicht erlaubt, sich zu verändern; ihr wird nicht erlaubt, sie selbst zu sein. Dann ist es nur etwas Erzwungenes, dann stirbt die ganze Beziehung ab. Je mehr du sie liebst, desto mehr wirst du fühlen, wie sich das Muster verändert. Dann bist du in jedem Moment ein Fremder, kannst du nichts voraussagen; kannst du nicht sagen, wie sich dein Mann morgen Früh verhalten wird. Das kannst du nur voraussagen, wenn du einen Toten zum Ehemann hast – dann kannst du Voraussagen machen. Voraussagen sind nur über Dinge möglich, nie über Personen. Wenn jemand vorhersagbar ist, dann wisse, dass er tot ist, dass er gestorben ist. Seine Lebendigkeit ist einfach nur vorgetäuscht, daher kann man Voraussagen machen. Über Personen lässt sich nichts voraussagen – auf Grund von Veränderung.

Schau auf deinen Freund wie auf einen Fremden: Er ist einer! Hab keine Angst. Wir haben Angst vor Fremden, also vergessen wir immerzu, dass selbst ein Freund ein Fremder ist. Wenn du den Fremden sogar im Freund sehen kannst, wirst du niemals enttäuscht werden, denn von einem Fremden kannst du nichts erwarten. Du nimmst deine Freunde für gegeben; daher die Erwartungen und dann die Enttäuschungen. Niemand kann nämlich deine Erwartungen erfüllen; niemand ist dazu hier, um deine Erwartungen zu erfüllen. Jeder ist hier, um seine eigenen Erwartungen zu erfüllen. Niemand ist hier, um dich zu erfüllen. Jeder und jede ist dazu hier, um sich selbst zu erfüllen. Aber du erwartest von anderen, dass sie dich erfüllen, so wie die anderen erwarten, dass du sie erfüllst. Dann kommt es zum Konflikt, zu Gewalt, Streit und Unglück.

Erinnere dich unentwegt an den Fremden. Vergiss nicht: Noch dein engster Freund ist ein Fremder – von dir so weit entfernt wie nur möglich. Wenn sich dieses Gefühl, dieses Wissen bei dir eingestellt hat, dann kannst du den Fremden betrachten und in ihm auch den Freund entdecken. Wenn der Freund ein Fremder sein kann, dann kann der Fremde ein Freund sein. Schau einen Fremden an: Er kennt deine Sprache nicht, er gehört nicht zu deinem Land, er gehört nicht zu deiner Religion, er gehört nicht zu deiner Hautfarbe. Du bist weiß, und er ist schwarz, oder du bist schwarz, und er ist weiß. Ihr könnt nicht sprachlich kommunizieren; ihr gehört nicht der gleichen Kirche an. Ihr habt also keinen gemeinsamen Boden an Nation, Religion, Rasse oder Hautfarbe – keinen gemeinsamen Boden! Er ist ein totaler Fremder. Aber sieh ihm in die Augen, und du findest das gleiche Menschsein dort. Das ist der gemeinsame Boden. Und dasselbe Leben und dieselbe Existenz: Das ist für euch die Wurzel, Freunde zu sein.

Du magst seine Sprache nicht verstehen, aber du kannst ihn verstehen. Selbst Schweigen kann kommunikativ sein. Einfach indem du ihm tief in die Augen hineinschaust, wird der Freund offenbar werden. Und wenn du richtig zu schauen vermagst, dann kann dich sogar ein Feind nicht täuschen, kannst du den Freund in ihm anschauen. Er kann dir nicht vormachen, nicht dein Freund zu sein. Er mag noch so weit entfernt von dir sein – er ist dir nah, weil du derselben existenziellen Strömung, demselben Fluss angehörst wie er. Ihr gehört derselben Erde des Seins an.

Wenn dies geschieht, ist sogar ein Baum dir nicht fern. Dann ist selbst ein Stein nicht weit von dir weg. Ein Stein ist sehr fremd. Da ist kein gemeinsamer Boden, keine Möglichkeit zu irgendeiner Kommunikation. Aber dieselbe Existenz ist da: Auch ein Stein existiert. Auch ein Stein hat am Sein teil. Er ist da – ich nenne ihn „er“. Auch er nimmt Raum ein; auch er existiert in der Zeit. Die Sonne geht auch für ihn auf, so wie sie für dich aufgeht. Irgendwann gab es ihn noch nicht, so wie es dich noch nicht gab, und eines Tages wirst du sterben, und wird auch er sterben, wird der Stein verschwinden. Im Existieren begegnen wir uns. Diese Begegnung ist die Freundschaft. Was unsere Persönlichkeit betrifft, unterscheiden wir uns. Was unsere Manifestation betrifft, unterscheiden wir uns, was unsere Essenz betrifft, sind wir eins.

Als Manifestationen sind wir alle Fremde füreinander; wir mögen uns also noch so nahe kommen – wir bleiben uns fern. Ihr könnt nah beieinander sitzen, ihr könnt euch umarmen, aber noch näher kommen könnt ihr euch unmöglich. Was eure veränderliche Persönlichkeit betrifft, seid ihr nie dieselben. Ihr seid euch nie ähnlich, ihr seid euch immer fremd. Ihr könnt euch da draußen nicht begegnen, denn ehe ihr zusammenkommen könnt, habt ihr euch schon verändert. Jedes Zusammenkommen ist ausgeschlossen. Was die Körper betrifft und was die Einstellungen betrifft, kann keine Begegnung stattfinden. Denn ehe ihr zusammenkommen könnt, seid ihr schon nicht mehr dieselben.

Habt ihr das je beobachtet? Du empfindest für jemanden Liebe– ein ganz tiefes Aufwallen! Du bist voll davon, aber schon im Augenblick, da du hingehst und sagst: „Ich liebe dich!“, ist es weg. Kennt ihr das? Dass es jetzt vielleicht nicht mehr da ist! Dass es vielleicht eine bloße Erinnerung ist! Es war da, aber jetzt ist es nicht da. Der bloße Umstand, dass du es beim Schopfe gepackt hast, es manifest gemacht hast, hat es ins Reich der Veränderung hereingeholt. Als du es empfandest, mag es tief in deinem Wesen gewesen sein; aber indem du es hervorholst, bringst du es ein in das Netz von Zeit und Veränderung: Jetzt mündet es im Fluss. Es mag in dem Augenblick, da du sagst: „Ich liebe dich!“, schon völlig abhanden gekommen sein.

Es ist ausgesprochen schwer; aber wenn ihr es beobachtet, wird daraus eine Tatsache werden. Dann könnt ihr es euch ansehen: Im Freund steckt der Fremde, und im Fremden der Freund. Dann könnt ihr unwandelbar gleich bleiben, dann verändert ihr euch zwar an der Peripherie, aber im Wesentlichen, im Mittelpunkt, bleibt ihr gleich.

In Ehre wie in Schande: Wer wird geehrt und wer wird entehrt? Du? Niemals! Nur das, was sich verändert – und das bist du nicht. Jemand ehrt dich: Wenn du es so verstehst, dass er dich ehrt, fangen damit die Schwierigkeiten an. Er ehrt ein bestimmtes Erscheinungsbild von dir, nicht dich. Wie könnte er dich kennen? Du kennst dich ja nicht ein Mal selbst. Er ehrt ein bestimmtes Erscheinungsbild; er ehrt etwas, das in deine wandelbare Persönlichkeit Eingang gefunden hat. Du bist freundlich, liebevoll: Das ehrt er. Aber diese Freundlichkeit und diese Liebe sind nur an der Peripherie – schon im nächsten Moment wirst du nicht mehr liebevoll sein, bist du vielleicht schon von Hass erfüllt. Dann sind vielleicht keine Blüten mehr da, nur noch Dornen; dann bist du vielleicht nicht mehr so heiter, du bist vielleicht nur traurig und deprimiert. Du bist vielleicht grausam, wütend. Dann wird er dich entehren. Und dann plötzlich wieder das liebevolle Erscheinungsbild! Die anderen kommen nicht mit dir in Berührung, sondern mit deinen Erscheinungsbildern.

Merkt euch das: Sie ehren und entehren nicht dich! Sie können weder das eine noch das andere tun, weil sie dich gar nicht kennen, dich gar nicht kennen können. Wenn nicht einmal du dir deiner selbst bewusst bist, wie könnten sie es sein? Sie haben ihre eigenen Formeln, sie haben ihre eigenen Theorien, sie haben ihre Maßstäbe und Anhaltspunkte. Sie haben ihre Prüfsteine und sie sagen: „Wenn einer so und so ist, werden wir ihn ehren; und wenn einer so und so ist, werden wir ihn missachten. Sie also richten sich nach ihren Kriterien. Und du kommst ihren Prüfständen niemals nahe – immer nur deine Erscheinungsbilder.

Sie können dich heute einen Sünder nennen und morgen einen Heiligen. Sie können dich heute einen Heiligen nennen und schon morgen wenden sie sich gegen dich, steinigen dich zu Tode. Was geschieht da? Sie kommen mit deiner Peripherie in Berührung, sie kommen nie mit dir in Berührung. Vergesst also nie: Sie mögen sagen, was sie wollen, es betrifft niemals dich. Du bleibst jenseits davon, du bleibst „draußen vor“. Ihre Verurteilungen, ihre Beifallsäußerungen – egal, was sie tun: Es hat nie wirklich etwas mit dir zu schaffen, nur mit deinen Erscheinungsbildern in der Zeit.

Ich will euch eine Zen-Anekdote erzählen.
Ein junger Mönch lebte einmal in der Nähe von Kyoto. Er war schön, jung, und die ganze Stadt fand Gefallen an ihm. Sie ehrten ihn. Sie hielten ihn für einen großen Heiligen. Dann eines Tages kippte das ganze Bild. Ein Mädchen wurde schwanger und es verriet seinen Eltern, dass dieser Mönch schuld sei. Also kehrte sich die ganze Stadt gegen ihn. Sie kamen und brannten seine Hütte nieder. Es war Morgen, und ein sehr kalter Morgen, ein Wintermorgen, und sie warfen das Kind dem Mönch vor die Füße. Der Vater des Mädchens sagte ihm: „Das da ist dein Kind, also übernimm auch die Verantwortung!“ Der Mönch sagte einfach: „Ist das so?“ Und da fing das Kind zu weinen an, also vergaß er die Menge und begann, sich um das Kind zu kümmern. Die Menge ging hin und zerstörte die ganze Hütte, brannte sie nieder. Dann war das Kind hungrig und der Mönch hatte kein Geld, also musste er hingehen und in der Stadt für das Kind betteln gehen. Wer aber gab ihm jetzt noch etwas? Noch wenige Augenblicke zuvor war er ein großer Heiliger gewesen, aber jetzt ist er ein großer Sünder. Wer wollte ihm jetzt etwas geben? Wo immer er anklopfte, schlug man ihm die Tür vor der Nase zu. Alle verdammten ihn in Grund und Boden. Dann kam er wieder beim selben Hause an, dem Hause des Mädchens. Das Mädchen war ganz außer sich, und dann hörte sie das Kind weinen und schreien und sah den Mönch dastehen und sagen: „Gebt nicht für mich – ich bin ein Sünder. Aber dies Kind ist kein Sünder. Könntet ihr diesem Kind etwas Milch geben?“ Da beichtete das Mädchen, dass sie den Namen des Mönchs nur deshalb genannt hatte, um den wahren Vater des Kindes zu verhehlen. Er war absolut unschuldig.

Also drehte sich die ganze Stadt wieder um und alle fielen ihm zu Füßen, baten ihn um Vergebung. Und der Vater des Mädchens kam, holte das Kind zurück mit weinenden Augen, die Tränen liefen ihm über die Backen und er sagte: „Aber warum hast du das nicht gleich gesagt? Warum hast du dich heute Morgen nicht geweigert? Das Kind ist gar nicht deins!“ Der Überlieferung nach soll der Mönch geantwortet haben: „Ist das so?“ Am Morgen hatte er gesagt: „Ist das so? Ist das mein Kind?“ Und am Nachmittag sagte er: „Ist das so? Das ist nicht mein Kind?“

In diesem Sinne ist dies Sutra Richtlinie für das Leben: Du musst in Ehren wie in Schande unwandelbar gleich bleiben.

Dein innerster Mittelpunkt muss gleich bleiben, ohne Rücksicht darauf, was sich an der Peripherie abspielen mag. Die Peripherie muss sich zwangsläufig ändern, aber du darfst dich nicht ändern. Und weil du zwei Seiten hast, die Peripherie und die Mitte, werden hier gegensätzliche, widersprüchliche Begriffe benutzt: Bleibe unwandelbar gleich …

Und diese Technik lässt sich auf alle Gegensätze anwenden: In Liebe oder Hass, Armut oder Reichtum, Wohlsein oder Unwohlsein – was es auch sei: Bleibe unwandelbar gleich!

Halte dir einfach vor Augen, dass alle Veränderung nur deine Außenseite betrifft. Sie kann nicht dich betreffen – das ist unmöglich. Also kannst du Abstand halten, und dieser Abstand ist nicht erzwungen. Du weißt einfach, es ist so. Das ist kein erzwungenes Abstandhalten, du brauchst dir von dir aus keinerlei Mühe zu geben, Abstand zu wahren. Wenn du versuchst, Abstand zu wahren, bist du immer noch auf der Außenseite, hast du den Mittelpunkt noch nicht kennen gelernt. Der Mittelpunkt ist losgelöst – er ist es seit jeher gewesen. Er ist transzendental. Er ist immer das Jenseitige. Alles, was darunter geschieht, geschieht niemals ihm.

Probiert es aus, in polarisierten Situationen. Bleibt immerzu mit dem in euch in Tuchfühlung, was gleich bleibt. Wenn jemand dich beleidigt, fokussiere dich auf den Punkt, wo du ihm einfach nur zuhörst – ohne irgendetwas zu tun, ohne zu reagieren, einfach nur zuhörst. Der hier beleidigt dich, und jemand anders lobt dich. Höre einfach nur zu. Beleidigung/Lob, Ehre/Entehrung: Höre nur zu. Deine Peripherie wird gestört sein: Schau dir auch dies an; ändere nichts. Schau hin, bleib tief in deiner Mitte, schaue von dort aus zu. Du wirst eine Distanz verspüren, die nicht erzwungen ist, die spontan ist, die natürlich ist.

Und hast du erst einmal ein Gespür für diese natürliche Distanz, kann nichts dich stören. Du wirst still bleiben. Was immer auf der Welt geschehen mag – du wirst unbewegt bleiben. Selbst wenn jemand dich umbringt, wird das nur den Körper betreffen – nicht dich. Du wirst jenseits davon bleiben. Diese „Jenseitigkeit“ führt dich in die Existenz hinein – in das, was Seligkeit ist, ewig ist, in das, was wahr ist, was immer ist, hinein in das, was todlos ist, hinein ins eigentliche Leben. Du magst es Gott nennen oder deinen eigenen Ausdruck dafür finden. Du kannst es nirvana nennen – was immer du willst; aber solange du dich nicht von der Peripherie zum Mittelpunkt begibst, und solange du dir nicht des Ewigen in dir bewusst wirst, ist dir weder Religion widerfahren, noch ist dir Leben widerfahren. Du verfehlst es – verfehlst alles. Das ist möglich: Die Ekstase zu leben zu verfehlen.

Shankara sagt: „Ich nenne denjenigen einen Sannyasin, der weiß, was sich verändert und was unveränderlich ist, der weiß, was sich bewegt und was unbeweglich ist.“ Dies ist in der indischen Philosophie als „Unterscheidungsgabe“ bekannt – vivek. Hierzwischen unterscheiden zu können, zwischen dem Reich der Veränderung und dem Reich des Unveränderlichen, wird vivek genannt – Unterscheidungsfähigkeit, Bewusstheit.

Dieses Sutra lässt sich auf sehr, sehr tiefer Ebene anwenden und ganz einfach; in allem, was du tust. Du verspürst Hunger? Denk an die beiden Reiche: Hunger ist nur von der Peripherie her wahrnehmbar, weil es die Peripherie ist, die Nahrung, die Brennstoff braucht. Du brauchst keine Nahrung, du brauchst keinen Brennstoff, wohl aber dein Körper. Erinnere dich: Wenn Hunger kommt, kommt er von der Peripherie; du bist nur der, der ihn wahrnimmt. Wärest du nicht da, würde er nicht wahrgenommen. Wäre der Körper nicht da, würde er gar nicht kommen. Durch deine Abwesenheit würde es nur an der Wahrnehmung fehlen, denn der Körper kann nicht wahrnehmen. Der Körper kann Hunger haben, aber er kann ihn nicht erkennen. Du kannst ihn erkennen; haben kannst du ihn nicht.

Sag also niemals: „Ich habe Hunger.“ Sag innerlich immer: „Ich merke, dass mein Körper Hunger hat.“ Lege den Akzent darauf, dass du es bemerkst. Dann ist die Unterscheidung da. Oder du wirst alt. Sage niemals: „Ich werde langsam alt.“ Sage lediglich: „Mein Körper wird langsam alt.“ Dann wirst du auch im Augenblick des Todes wissen: „Nicht ich bin es, der jetzt stirbt – sondern mein Körper stirbt. Ich wechsle jetzt nur die Körper, ziehe nur um.“ Wenn diese Unterscheidung immer tiefer geht, wird eines Tages plötzlich die Erleuchtung da sein.

Osho

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