Osho: Atem - der Nabel des Lebens



Dein Atem ist eine Brücke zwischen dir und deinem Körper


1. Strahlende, diese Erfahrung mag dir zwischen zwei Atemzügen dämmern. Nachdem der Atem hereingekommen ist (unten ist) und kurz bevor er wieder nach oben steigt (nach außen geht) – die Wohltat.

2. Wenn sich der Atem von unten nach oben kehrt und dann wiederum, wenn er sich von oben nach unten kehrt – durch diese beiden Wendungen, erkenne!

3. Oder, wann immer der einströmende Atem mit dem ausströmenden Atem zusammenfließt, in diesem Augenblick berühre das energielose, energieerfüllte Zentrum.

4. Oder, wenn der Atem ganz draußen ist oder ganz drinnen und von allein stillsteht – in solch einer universalen Pause verschwindet das eigene kleine Selbst. Dies ist schwierig nur für den Unreinen.


Die Wahrheit ist immer hier. Sie ist schon da. Sie ist nicht ein Ziel in der Zukunft. Die Wahrheit – das bist du, ganz genau hier und jetzt. Sie ist nicht etwas, das erschaffen oder ausgedacht oder gesucht werden muss. Versteht dies ganz klar; dann sind diese Techniken leicht zu verstehen und auch auszuführen.

Dein Geist ist ein Wunsch-Mechanismus. Dein Geist befindet sich immer im Wunschzustand – immer sucht er etwas, immer verlangt er etwas. Sein Ziel ist immer in der Zukunft: Um die Gegenwart kümmert sich der Geist überhaupt nicht. In diesen Moment kann der Geist nicht hineingehen, da hat er keinen Raum. Der Geist braucht die Zukunft, um sich zu bewegen. Er kann entweder in die Vergangenheit oder in die Zukunft gehen. In der Gegenwart kann er sich nicht bewegen, da ist kein Raum. Die Wahrheit ist in der Gegenwart und der Geist ist immer in der Zukunft oder in der Vergangenheit. So kommen Geist und Wahrheit nie zusammen.

Wenn du weltliche Ziele hast, ist es nicht so schwierig. Da ist das Problem nicht absurd, da kann es gelöst werden. Aber wenn du nach der Wahrheit suchst, wird dieses Suchen selbst unsinnig – weil die Wahrheit hier und jetzt ist, dein Geist aber immer dann und dort. Da gibt es kein Zusammentreffen. Versteht also das Erste: Ihr könnt die Wahrheit nicht suchen. Ihr könnt sie finden, aber suchen könnt ihr sie nicht. Das Suchen selbst ist das Hindernis. Im gleichen Moment, wo du zu suchen anfängst, hast du dich von der Gegenwart entfernt, auch von dir selbst, weil du immer in der Gegenwart bist. Der Sucher ist immer in der Gegenwart und das Suchen immer in der Zukunft. Du wirst, was auch immer du suchst, nicht finden.
Laotse sagt: „Suche nicht, sonst verfehlst du es. Du darfst nicht suchen, dann findest du.“
All diese Techniken Shivas holen euren Geist einfach nur aus Vergangenheit und Zukunft in die Gegenwart zurück. Das, was ihr sucht, ist bereits da. Es ist bereits der Fall. Der Geist muss vom Suchen auf das Nicht-Suchen umgelenkt werden. Das ist schwierig. Wenn man darüber intellektuell nachdenkt, ist es sehr schwierig – Wie soll man das Denken vom Suchen zum Nicht-Suchen umlenken? Denn dann macht der Kopf sogar aus dem Nicht-Suchen ein Ziel! Dann sagt er: „Jetzt will ich nicht mehr suchen, jetzt wünsche ich mir die Wunschlosigkeit.“ Das Suchen ist wieder dabei. Das Verlangen hat sich durch die Hintertür wieder eingeschlichen. Die einen haben weltliche Ziele, die andern glauben nicht-weltliche Ziele zu haben, aber alle Ziele sind weltlich, weil Suchen gleich Welt ist.

Man kann also nicht etwas Nicht-Weltliches suchen. Im Augenblick wo ihr sucht, wird es weltlich. Wenn ihr nach Gott sucht, wird Gott zu einem Teil der Welt. Wenn ihr nach Moksha sucht, Nirvana, dann wird eure Befreiung Teil der Welt. Eure Befreiung ist dann nicht etwas, das über die Welt hinausgeht, weil Suchen gleich Welt ist, weil Verlangen gleich Welt ist. Ihr könnt also nicht nach Nirvana verlangen; ihr könnt nicht die Begierdelosigkeit begehren. Wenn ihr das intellektuell zu verstehen sucht, wird es zum Rätsel.
Shiva sagt nichts darüber. Er geht gleich dazu über, euch Techniken zu geben. Sie sind nicht intellektuell. Er sagt nicht etwa zu Devi: „Die Wahrheit ist hier. Suche sie nicht und du wirst sie finden.“ Er gibt sofort Techniken. Diese Techniken sind nicht intellektuell. Mach sie und dein Geist wird sich umkehren. Die Wendung ist nur eine Folge, nur ein Nebenprodukt – nicht ein Ziel. Die Umkehr ist nur ein Nebenprodukt.

Wenn du eine Technik befolgst, kehrt dein Geist auf seiner Reise in die Zukunft oder Vergangenheit um. Plötzlich findest du dich in der Gegenwart wieder. Darum haben Buddha, Lao Tse, Krishna euch Techniken gegeben. Aber sie führen ihre Techniken immer mit intellektuellen Konzepten ein. Nur Shiva macht es anders. Er gibt sofort Techniken, ohne intellektuelle Einführung, denn er weiß: Der Intellekt ist trickreich, ist das Gerissenste überhaupt. Er kann aus allem ein Problem machen. Jetzt wird das Nicht-Suchen zum Problem.

Es gibt Leute, die mich fragen, wie man nicht begehrt. Sie begehren die Begierdelosigkeit. Sie haben irgendwelches spirituelles Geschwätz gehört oder gelesen, dass man die Seligkeit erlangt, wenn man ohne Begierden ist. „Wenn du nichts begehrst, bist du frei, wenn du nichts begehrst, hört alles Leid auf.“ Jetzt begehren sie diesen leidlosen Zustand – und fragen, wie man nicht begehrt! Ihr Kopf führt sie an der Nase herum. Sie begehren immer noch, nur hat sich jetzt das Ziel verändert. Früher wollten sie Geld, Ruhm, Ansehen, Macht. Jetzt wollen sie das Nicht-Wollen. Nur das Objekt hat sich verändert, sie selbst aber bleiben gleich und ihr Wollen auch, nur ist es jetzt versteckter. Aus diesem Grund beginnt Shiva ohne jede Einführung sofort. Er spricht sofort von Techniken. Befolgt man diese Techniken, lenken sie das Denken um: Es wird auf die Gegenwart gerichtet. Und wenn das Denken zur Gegenwart kommt, bleibt es stehen. Es ist nicht mehr. Du kannst in der Gegenwart kein Denker sein. Das ist unmöglich. Wie könntest du im Hier und Jetzt denken? Die Gedanken stehen still, weil sie sich nicht bewegen können. Die Gegenwart hat keinen Spielraum; du kannst nicht denken. Wie kannst du dich im jetzigen Augenblick bewegen? Der Geist bleibt stehen; du bist im Nicht-Geist.

Vor allem ist also wichtig, wie man ins Hier und Jetzt gelangt. Du kannst es versuchen, aber die Mühe wird umsonst sein – denn wenn du mit Absicht in der Gegenwart sein willst, dann hat dich diese Absicht schon in die Zukunft gebracht. Wenn du fragst, wie du in der Gegenwart sein kannst, fragst du wieder nach der Zukunft. Während du fragst: „Wie kann ich gegenwärtig sein? Wie hier und jetzt sein?“, geht dieser Augenblick verloren und die Gedanken plappern schon und träumen von der Zukunft: Eines Tages bist du so weit, dass es keine Bewegung, kein Motiv, kein Suchen mehr gibt, sondern nur noch Seligkeit. Darum also: „Wie komme ich in die Gegenwart?“

Shiva sagt darüber nichts. Er gibt dir einfach eine Technik. Mach sie und plötzlich findest du dich hier und jetzt wieder. Und dein Hier-und-Jetzt-Sein ist die Wahrheit, ist die Freiheit, ist dein Nirvana. Die ersten neun Techniken beschäftigen sich mit dem Atmen. Lasst uns also erst ein wenig über das Atmen lernen; danach gehen wir auf die Techniken ein. Wir atmen ständig, vom Augenblick der Geburt bis zum Augenblick des Todes. Alles andere zwischen diesen beiden Punkten ändert sich. Alles ändert sich, nichts bleibt gleich: Das einzig Beständige zwischen Geburt und Tod ist das Atmen. Aus dem Kind wird ein Jugendlicher; der Jugendliche wird alt, krank, sein Körper verfällt: Alles verändert sich. Mal glücklich, mal elend und leidend: Ständig ändert sich alles. Aber was auch immer zwischen diesen beiden Punkten geschieht – man muss atmen. Ob glücklich oder unglücklich, jung oder alt, erfolgreich oder erfolglos – gleich, was du bist, eines ist gewiss: Zwischen Geburt und Tod atmest du.

Das Atmen ist ein ständiger Fluss: Keine Lücke ist möglich. Wenn du auch nur für einen Augenblick zu atmen vergisst, bist du nicht mehr. Darum hängt das Atmen auch nicht von dir ab, denn sonst würde es problematisch. Jemand könnte für einen Moment das Atmen vergessen und was dann? In Wirklichkeit also atmest nicht du, weil du dazu nicht gebraucht wirst. Schläfst du tief, geht das Atmen weiter. Bist du unbewusst – das Atmen geht weiter; liegst du im Koma – das Atmen geht weiter. Du wirst nicht gebraucht: Das Atmen geht auch ohne dich weiter. Das Atmen ist eine Konstante deines Daseins – das ist also das Erste. Und das Atmen ist wesentlich und fundamental – das ist das Zweite. Du kannst nicht ohne Atem leben. So sind Atem und Leben gleichbedeutend. Das Atmen ist der Mechanismus des Lebens und das Leben ist tief mit dem Atmen verbunden. Darum nennen wir beides in Indien Prana. Wir haben ein Wort für beides. Prana bedeutet Vitalität, Lebenskraft: Dein Leben ist dein Atem.

Drittens: Dein Atem ist eine Brücke zwischen dir und deinem Körper, er verbindet dich, verknüpft dich mit deinem Körper. Er ist auch eine Brücke zwischen dir und dem Universum. Dein Körper ist nichts anderes als das zu dir gekommene Universum, das, was dir am nächsten ist.
Dein Körper ist Teil des Universums. Alles im Körper ist Teil des Universums – jedes Teilchen, jede Zelle. Er ist das, was dich dem Universum am nächsten bringt. Dein Körper ist dir der allernächste Zugang zum Universum. Der Atem ist die Brücke. Wenn die Brücke unterbrochen ist, bist du nicht mehr im Körper. Wenn die Brücke unterbrochen ist, bist du nicht mehr im Universum. Dann gehst du in eine unbekannte Dimension; dann befindest du dich nicht mehr im Raum und in der Zeit. Drittens also ist der Atem die Brücke zwischen dir, dem Raum und der Zeit.

Der Atem ist daher von höchster Bedeutung – das Wichtigste überhaupt. Daher haben die ersten neun Techniken mit dem Atmen zu tun. Durch sie kommst du plötzlich in die Gegenwart, triffst du plötzlich auf die Quelle des Lebens, kannst du Zeit und Raum hinter dir lassen. Durch bestimmte Atemtechniken wirst du in der Welt sein und zugleich jenseits von ihr.
Der Atem hat zwei Pole – der eine ist dort, wo er den Körper und das Universum berührt und der andere dort, wo er dich berührt und damit das, was über das Universum hinausgeht. Wir kennen nur den einen Teil des Atems. Wir kennen ihn nur dort, wo er ins Universum, in den Körper geht. Aber er geht jedes Mal vom Körper zum Nicht-Körper, vom Nicht-Körper zum Körper. Den anderen Punkt kennen wir nicht. Wenn man sich den anderen Punkt bewusst macht, das andere Ende der Brücke, den anderen Brückenkopf, wird man plötzlich verwandelt, in eine andere Dimension versetzt.

Aber bedenkt: Shiva spricht nicht von Yoga, sondern von Tantra. Yoga arbeitet ebenfalls mit dem Atem, aber die Techniken von Yoga und Tantra unterscheiden sich grundsätzlich.
Yoga will das Atmen systematisieren. Wenn du dein Atmen systematisierst, macht dich das gesünder. Wenn du dein Atmen systematisierst und die Geheimnisse des Atmens kennst, verlängert sich dein Leben: Du wirst gesünder und lebst länger. Du wirst stärker, energiegeladener, vitaler – lebendig, jung, frisch. Aber darum geht es beim Tantra nicht. Im Tantra geht es nicht um irgendeine Systematisierung des Atmens, sondern allein darum, den Atem als Technik dafür zu nutzen, sich nach innen zu wenden. Man muss keinen bestimmten Atemstil üben, weder ein bestimmtes Atemsystem noch einen bestimmten Atemrhythmus – nein! Man nimmt das Atmen so, wie es ist. Man muss sich dabei nur gewisse Punkte bewusst machen.
Es gibt da gewisse Punkte, aber wir sind uns ihrer nicht bewusst. Wir atmen seit eh und je, wir werden atmend geboren und wir sterben atmend, aber wir sind uns dieser Punkte nicht bewusst. Und das ist seltsam. Der Mensch forscht, dringt tief in den Weltraum vor, fährt zum Mond. Der Mensch will immer weiter von der Erde ins All dringen und kennt nicht das, was ihm im Leben am nächsten ist. Es gibt beim Atmen bestimmte Punkte, die ihr euch noch nie bewusst gemacht habt und diese Punkte sind Türen – die allernächsten Türen, die euch in eine andere Welt hineinführen können, in ein anderes Dasein, ein anderes Bewusstsein. Aber sie sind sehr versteckt.

Einen Mond zu beobachten ist nicht sehr schwer. Selbst den Mond zu erreichen ist nicht sehr schwer: Das ist nur eine Reise im Groben. Man braucht dazu die Technologie des Maschinenzeitalters, man braucht spezialisiertes Wissen und dann geht‘s. Atmen ist euch das Allernächste und je näher ein Objekt, desto schwerer ist es zu erkennen. Je näher, desto schwieriger; je offensichtlicher, desto schwieriger. Es ist euch so nah, dass es schon keinen Raum mehr zwischen euch und eurem Atmen gibt. Oder, der Abstand ist so gering, dass eine äußerst scharfsichtige Beobachtung dazu gehört, bevor man bestimmter Punkte gewahr wird. Um diese Punkte geht es bei diesen Techniken. Jetzt also jede Technik im Einzelnen:

Shiva antwortet:

Strahlende, diese Erfahrung mag dir zwischen zwei Atemzügen dämmern. Nachdem der Atem hereingekommen ist (unten ist) und kurz bevor er wieder nach oben steigt (nach außen geht) – die Wohltat.

Das ist die Technik: „Strahlende, diese Erfahrung mag dir zwischen zwei Atemzügen dämmern.“ Nachdem der Atem hereingekommen, das heißt unten ist, und kurz bevor er nach außen geht, das heißt aufsteigt – „die Wohltat“. Richte deine Bewusstheit auf das, was zwischen diesen zwei Punkten ist – und dann das Ereignis … Wenn dein Atem hereinkommt, schau zu. Wenn dein Atem hereinkommt, beobachte! Für einen einzigen Moment oder den tausendsten Teil eines Moments, ist kein Atem da: Ehe er sich aufwärts wendet, ehe er nach außen geht. Der Atem kommt herein – dann kommt ein gewisser Punkt und das Atmen steht still. Danach geht der Atem hinaus. Wenn der Atem hinausgeht, bleibt das Atmen wiederum für einen einzigen Moment – oder den Bruchteil eines Moments – stehen. Dann wieder das Einatmen.

Ehe der Atem sich wendet, nach innen oder außen, kommt ein Moment, wo du nicht atmest. In diesem Moment ist das Ereignis möglich, denn wenn du nicht atmest, bist du nicht in der Welt. Macht euch das klar: Wenn du nicht atmest, bist du tot: Du bist zwar noch, aber tot. Aber der Augenblick ist von so kurzer Dauer, dass du es nie bemerkst.

Für Tantra ist jeder Atem, der nach außen geht, ein Tod und jeder neue Atemzug ist eine Neugeburt. Einströmender Atem ist Wiedergeburt, ausströmender Atem ist Tod. Der ausströmende Atem ist gleich bedeutend mit Tod: Der einströmende Atem ist gleichbedeutend mit Leben. Mit jedem Atemzug stirbst du also und wirst wieder geboren. Die Lücke dazwischen ist von sehr kurzer Dauer, aber eine scharfe, unbestechlich wache Beobachtung kann dir die Lücke bewusst machen. Wenn du die Lücke spüren kannst, so sagte Shiva – „die Wohltat“. Dann ist nichts anderes nötig. Du bist gesegnet. Du hast erkannt: Die Sache ist passiert.
Du brauchst das Atmen nicht zu üben. Lasse es, wie es ist. Wie kann eine Technik so einfach sein?! Es sieht einfach aus, nicht wahr? Eine so einfache Technik soll zur Wahrheit führen? Die Wahrheit zu erkennen heißt: Das zu erkennen, was weder geboren wird noch stirbt, jenes ewige Element, das immer ist. Den Ein-Atem, den Aus-Atem kannst du erkennen, aber die Lücke dazwischen erkennst du nie.

Versuche es. Plötzlich wird dir der Punkt bewusst. Und du kannst ihn finden: Er ist bereits da. Nichts braucht dir oder deiner Struktur hinzugefügt zu werden: Alles ist schon da. Alles ist schon da, außer der Bewusstheit. Wo also anfangen? Werde dir zunächst des einströmenden Atems bewusst: Beobachte ihn, vergiss alles andere und beobachte den Ein-Atem – einfach nur das Strömen. Wenn der Atem deine Nasenlöcher berührt, spüre ihn dort. Dann lass den Atem einströmen. Gehe voll bewusst mit dem Atem mit. Wenn du mit dem Atem tief nach innen gehst, bleibe am Ball. Eile ihm nicht voraus; folge ihm nicht nach, begleite ihn nur. Denk daran: Laufe nicht vor und folge nicht wie ein Schatten, sondern gehe mit ihm mit.

Atem und Bewusstheit müssen quasi eins werden. Der Atem kommt herein: Du gehst mit. Nur so ist es möglich, den Punkt zwischen zwei Atemzügen zu erhaschen. Es wird nicht leicht sein. Gehe mit dem Atem hinein, hinaus: ein – aus, ein – aus. Buddha vor allem hat damit gearbeitet und so ist diese Methode heute eine buddhistische, die als "Anapanasati Yoga" bekannt ist. Und Buddhas Erleuchtung beruhte auf dieser Technik – allein auf ihr.

Alle Seher der Welt sind durch irgendeine Technik zur Erleuchtung gelangt und jede ist in diesen 112 enthalten. Diese erste ist eine buddhistische Technik. Buddha hat gesagt: „Mach dir deinen Atem bewusst, wie er hereinkommt, wie er hinausgeht: ein – aus, ein – aus.“ Er erwähnte nie die Lücke, denn das ist nicht nötig. Buddha wollte nicht, dass eure Aufmerksamkeit durch den Gedanken an die Lücke gestört wird. Also sagte er einfach:"Seid bewusst – wenn der Atem hereinkommt, geht mit ihm und wenn er hinausgeht, geht mit ihm. Einfach nur dies: Geht mit dem Atem hinein, hinaus.“ Er verlor kein Wort über den anderen Aspekt dieser Technik.
Der Grund ist, dass Buddha zu sehr einfachen Menschen sprach. Und selbst seine wenigen Worte genügten, um das Verlangen nach dem Intervall zu erzeugen. Dieser Wunsch, in das Intervall zu kommen, schränkt die Aufmerksamkeit ein, denn dann wirst du vorauseilen. Der Atem kommt herein, aber du bist ihm schon voraus, weil du an der Lücke interessiert bist, die gleich kommen muss! Buddha erwähnt sie also nie, Buddhas Technik beschränkt sich auf die eine Hälfte.

Aber die andere Hälfte kommt automatisch. Wenn deine Atembewusstheit ständig weiterwächst, stößt du eines Tages unverhofft auf das Intervall. Die Aufmerksamkeit wird scharf, tief und intensiv, deine Bewusstheit schließt die ganze Welt aus, bis auf den Atem, der ein- und ausströmt. Dein Atem wird zu deiner Welt, zur gesamten Arena deines Bewusstseins – und so stößt du zwangsläufig auf die Lücke, in der kein Atem da ist. Wenn du ganz beim Atem bist, wie könnte dir entgehen, wann kein Atem da ist? Dir wird plötzlich bewusst, dass kein Atem da ist. Das ist der Augenblick, da du spürst, dass der Atem weder hinausgeht noch hereinkommt, sondern völlig stillsteht. In diesem Stillstand "die Wohltat".

Diese eine Technik war für Millionen genug. Ganz Asien hat über Jahrhunderte mit dieser Technik experimentiert und gelebt. Tibet, China, Japan, Burma, Thailand, Ceylon, ganz Asien, außer Indien, hat sich an diese Technik gehalten – an eine einzige Technik – und Tausende und Abertausende haben so zur Erleuchtung gefunden. Und dabei ist sie erst die allererste Technik!
Aber unglücklicherweise haben die Hindus sie vermieden, weil sie mit Buddhas Namen verknüpft ist. Je bekannter sie als eine buddhistische Methode wurde, desto mehr verdrängten die Hindus sie. Und nicht nur deshalb: Es gibt noch einen anderen Grund. Weil Shiva diese Technik als erste nennt, haben viele Buddhisten behauptet, dieses Buch, „Vigyan Bhairav Tantra“, sei buddhistisch, nicht hinduistisch.

Es ist weder hinduistisch noch buddhistisch und eine Technik ist nur eine Technik. Buddha hat sie benutzt: Aber sie stand jedem offen. Buddha wurde zwar zum Buddha durch diese Technik, aber die Technik selbst war schon vor Buddha da. Probiert sie aus. Sie gehört zu den einfachsten überhaupt – das heißt: einfach im Vergleich zu anderen Techniken, nicht einfach für euch. Andere Techniken werden schwieriger sein, darum wird sie als erste erwähnt.

Die zweite Technik:

Wenn sich der Atem von unten nach oben kehrt und dann wiederum, wenn er sich von oben nach unten kehrt – durch diese beide Wendungen, erkenne!

Das ist das Gleiche, aber mit einem feinen Unterschied. Die Betonung liegt jetzt nicht auf der Lücke, sondern auf dem Wendepunkt. Ein- und ausströmender Atem bilden einen Kreis. Ihr dürft nicht vergessen, dass es sich nicht um zwei parallele Linien handelt. Wir stellen uns hier immer zwei parallele Linien vor – einströmender Atem und ausströmender Atem. Das stimmt nicht. Der einströmende Atem ist die eine Hälfte des Kreises; der ausströmende Atem ist die andere.
Das müsst ihr verstehen. Erstens: Ein- und Ausatmen bilden einen Kreis, nicht parallele Linien; denn parallele Linien treffen sich nirgends. Zweitens: Ein – und ausströmender Atem sind nicht zwei Atemzüge, sondern einer. Der Atem, der einströmt, strömt auch aus; es muss also innen einen Wendepunkt geben. Irgendwo muss er sich wenden. Es muss einen Punkt geben, wo der hereinkommende Atem auszuströmen beginnt.

Warum legt er so viel Wert auf den Wendepunkt? Denn, so sagt Shiva: "Wenn sich der Atem von unten nach oben kehrt und dann wiederum, wenn er sich von oben nach unten kehrt – durch diese beiden Wendungen, erkenne!" Sehr einfach: Aber er sagt viel: Erkenne die Wendung und du erkennst das Selbst …

Warum ist das Selbst in der „Wendung“ zu erkennen? Wer Autofahren kann, weiß, was eine Gangschaltung ist. Immer wenn du in einen anderen Gang schaltest, musst du durch den Leerlauf gehen, der überhaupt kein Gang ist. Vom ersten Gang schaltest du in den zweiten und vom zweiten in den dritten, aber du musst immer durch den Leerlauf. Dieser Leerlauf ist ein Wendepunkt. In diesem Wendepunkt wird der erste zum zweiten Gang und der zweite zum dritten. Wenn dein Atem hereinkommt und dann hinausgeht, muss er erst durch den Leerlauf: Anders geht es nicht. Er durchquert neutrales Territorium.
In diesem neutralen Territorium bist du weder Körper noch Seele, weder körperlich noch geistig, weil das Körperliche ebenso ein Gang deines Daseins ist wie das Geistige. Du gehst von Gang zu Gang, aber du musst auch einen Leerlauf haben, wo du weder Körper noch Geist bist. In diesem neutralen Gang bist du einfach: Du bist reines Dasein, unberührt, einfach, unverkörpert, ohne eine geistige Form.

Darum die Betonung des Wendepunktes. Der Mensch ist eine Maschine, eine große, sehr komplizierte Maschine. Du hast viele Gänge im Körper, viele Gänge im Hirn. Du bist dir nicht bewusst, was für ein großartiger Mechanismus du bist, aber du bist eine großartige Maschine. Und es ist gut, dass dir das nicht bewusst ist, sonst würdest du verrückt. Der Körper ist eine so große Maschine, dass die Wissenschaftler sagen: Wenn wir eine Fabrik nach dem Modell des menschlichen Körpers bauen wollten, würden dazu sechs Quadratkilometer Land benötigt. Und der Lärm wäre so groß, dass ein Umkreis von hundertfünfzig Quadratkilometern davon belästigt würde.
Der Körper ist eine große mechanische Einrichtung, die größte überhaupt. Ihr habt Millionen und Abermillionen von Zellen und jede Zelle lebt. Ihr seid eine Riesenstadt von siebzig Millionen Zellen: Es leben siebzig Millionen Einwohner in euch und die ganze Stadt funktioniert sehr still und glatt. Jeden Moment ist der Mechanismus in Gang. Er ist sehr kompliziert.

Diese Techniken werden sich in vielen Punkten auf euren Körpermechanismus und euren geistigen Mechanismus beziehen. Aber die Betonung wird immer auf solchen Punkten liegen, wo ihr plötzlich nicht mehr Teil des Mechanismus seid. Vergesst das nicht. Plötzlich bist du nicht mehr Teil des Mechanismus! Es gibt Augenblicke, wo du die Gänge wechselst. Zum Beispiel wechselst du beim Einschlafen die Gänge, denn tagsüber brauchst du für dein Wachbewusstsein einen anderen Mechanismus. Ein anderer Teil des Hirns funktioniert. Wenn du einschläfst, tritt dieser Teil außer Kraft. Ein anderer Teil des Hirns schaltet sich ein und dazwischen ist eine Lücke, eine Pause, ein Wendepunkt – Gangschaltung! Morgens, wenn du wieder aufwachst – Gangschaltung! Oder du sitzt ganz ruhig da und plötzlich sagt einer etwas und du wirst wütend – Gangschaltung! Alles ändert sich plötzlich.

Wenn du wütend wirst, ändert sich plötzlich dein Atem, er wird gereizt, chaotisch. Ein Zittern kommt hinein; dir ist, als würdest du ersticken. Der ganze Körper will etwas tun, etwas kaputtmachen, damit das Erstickungsgefühl verschwindet. Dein Atem wechselt, dein Puls wechselt den Rhythmus. Bestimmte Chemikalien schießen ins Blut. Das ganze Drüsensystem ändert sich. Wenn du wütend wirst, bist du ein anderer Mensch. Ein Wagen steht still: Du startest ihn. Lege keinen Gang ein, lass ihn im Leerlauf. Er kann schnurren und vibrieren, aber sich nicht bewegen: Er wird heiß. Genauso wirst du auch heiß, wenn du wütend bist und nichts tun kannst. Der Lauf-Mechanismus, der Tu-Mechanismus ist eingeschaltet – aber du tust nichts: Du läufst heiß. Du bist ein Mechanismus, aber natürlich nicht nur ein Mechanismus. Du bist mehr, aber dies Mehr muss gefunden werden. Wenn du einen Gang einlegst, ändert sich innen alles. Wechselst du den Gang, gibt es einen Wendepunkt.

Shiva sagt: "Wenn sich der Atem von unten nach oben kehrt und dann wiederum, wenn er sich von oben nach unten kehrt – durch diese beiden Wendungen, erkenne!"

Achte auf den Wendepunkt. Aber es ist ein sehr kurzer; es gehört eine sehr scharfe Beobachtung dazu. Und wir können überhaupt nicht beobachten; wir merken nichts. Wenn ich dir sage: „Betrachte diese Blume, die ich dir gebe“, dann kannst du das nicht. Einen Augenblick lang siehst du sie und dann denkst du schon an etwas anderes, vielleicht etwas über die Blume, aber es wird nicht die Blume sein. Du magst über die Blume nachdenken, darüber, wie schön sie ist – und bist schon weitergewandert. Nun ist die Blume nicht mehr in deinem Betrachtungsfeld: Es hat sich verändert. Du magst sagen, dass sie rot, blau, weiß ist, aber damit bist du schon weiter.
Betrachten heißt: Ohne ein Wort dabeibleiben, ohne innere Verbalisierung, ohne inneres Plappern. Nur eins: Dabeibleiben. Wenn du drei Minuten lang bei einer Blume verharren kannst, ganz und gar, ohne Geistesregung, wird es passieren – „die Wohltat“. Du erkennst.

Aber wir sind überhaupt keine Betrachter. Wir sind nicht bewusst, wir sind nicht wach: Wir können auf nichts achten. Wir springen immer nur herum. Dies ist Teil unseres Erbes – unseres Affenerbes. Unser Hirn ist lediglich der Nachwuchs des Affengehirns. Den Affen in uns gibt es immer noch. Er springt ständig von einem Ast zum andern; der Affe kann nicht stillsitzen. Darum bestand Buddha so sehr darauf, dass man einfach nur dasitzen soll, ohne jede Bewegung; denn dann kann der Affe in uns nicht mehr herumtoben.

In Japan kennen sie eine besondere Form der Meditation, „Za-Zen“ genannt. Das heißt: Nur dasitzen, nichts tun. Keine Bewegung. Man sitzt da wie eine Statue – tot, reglos. Aber es ist gar nicht nötig, jahrelang wie eine Statue dazusitzen. Wenn du auf die Wendepunkte deiner Atemzüge aufmerksam geworden bist, ohne dass sich der Geist regt, geht die Tür auf. Du gelangst in dein eigenes Inneres, in das innere Jenseits.

Warum sind diese Wendepunkte so wichtig? Sie sind deshalb wichtig, weil der Atem dir am Wendepunkt gestattet, eine andere Richtung einzuschlagen. Er war mit dir, als er hereinkam; er wird mit dir sein, wenn er wieder hinausgeht. Aber am Wendepunkt ist er nicht mit dir und du bist nicht mit ihm. In diesem Moment ist der Atem losgelöst von dir und du von ihm. Wenn Atem Leben ist, dann bist du jetzt tot. Wenn Atem dein Körper ist, dann bist du jetzt Nicht-Körper. Wenn Atem dein Geist ist, dann bist du Nicht-Geist – in diesem Moment.

Habt ihr schon einmal festgestellt, dass das Denken plötzlich stehen bleibt, wenn ihr den Atem anhaltet? Wenn du in diesem Moment zu atmen aufhörst, stehen die Gedanken still. Dein Geist kann jetzt nicht funktionieren. Ein plötzlicher Stopp im Atmen und der Geist steht still. Warum? Weil er ausgekuppelt wird. Nur solange der Atem strömt, ist er mit dem Geist, mit dem Körper verknüpft: Bei nichtströmendem Atem wird der Geist ausgekuppelt. Jetzt bist du im Leerlauf. Der Wagen läuft: Der Motor läuft. Der Wagen macht Geräusche, er ist startbereit. Aber es ist kein Gang drin. Der Körper des Wagens ist nicht mit der Mechanik des Wagens verkuppelt. Der Wagen ist in zwei Teile geteilt. Er ist fahrbereit, aber der Fahrmechanismus ist nicht mit ihm verkuppelt.
Das Gleiche geschieht, wenn der Atem sich wendet: Du bist nicht mehr mit ihm verkuppelt. In diesem Augenblick kann dir leicht bewusst werden, wer du bist. Was ist dies „Seiende“? Was ist dies „Dasein“? Wer wohnt in diesem Gehäuse des Körpers? Wer ist der Herr? Bin ich nur das Haus oder gibt es da auch einen Hausherrn? Bin ich nur der Mechanismus oder ist dieser Mechanismus auch von etwas anderem durchdrungen? In dieser Lücke des Wendepunktes – so sagt Shiva – „erkenne!“ Er sagt, werde dir einfach der Wendung bewusst und du erkennst das, was dich wirklich beseelt, wirst zur verwirklichten Seele.

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