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1. Ich komme später

 

Ein junger Mann suchte einen neuen Arbeitsplatz und kam in eine Fabrik.

"Sie können schon morgen hier anfangen", sagte der Direktor. "Sie bekommen in der ersten Zeit monatlich 350 Mark. Mehr kann ich Ihnen jetzt nicht geben. Ich hoffe, Sie sind damit zufrieden. Später bekommen Sie mehr."

"Danke", antwortete der junge Mann, "dann komme ich später!"

 

2. Ein Nachtbesuch

 

Es war Winter und kurz vor Mitternacht. Durch die leeren Straßen eines kleinen Landstädtchens kam ein Bauer. Er suchte das Haus des Arztes und klingelte an der Haustür. Endlich steckte der Doktor den Kopf aus dem Fenster.

"Meine Frau ist krank. Können Sie mit mir kommen?" fragte der Bauer.

Der Arzt zog sich an und ging mit dem Bauern durch den tiefen Schnee. Der Weg war weit und die Winternacht bitterkalt. Der Bauer wohnte eine gute Stunde vor der Stadt. Sein Haus lag ganz allein an einem großen Wald. Müde und naß kamen beide dort an. Vor der Tür klopften sie den Schnee von den Kleidern. Dann ließ der Bauer den Arzt ins Haus. Dort wärmte er sich die Hände ein wenig am Ofen. Dann folgte er dem Bauer in das Krankenzimmer.

Da lag die Frau im Bett, aber sie sah nicht sehr krank aus und litt auch nicht viel. Der Doktor untersuchte sie aufs beste, aber er fand keine schwere Krankheit. Er half, so gut er konnte und ging hinaus.

"Wie können Sie mich bei diesem Wetter für eine so leichte Krankheit nachts aus dem Bett holen?" sagte der Arzt böse zu dem Mann, der ihm folgte.

Bald aber mußte er laut lachen; denn der Bauer legte die Hand aufs Herz, sah ihm traurig in die Augen und sagte: "Wissen Sie, Herr Doktor, wir sind arm und können Sie nicht bezahlen. Da hab' ich zu meiner Frau gesagt, ich hole den Doktor bei der Nacht, da verliert er keine Arbeitszeit."

 

3. Die schnelle Reise

 

Der Direktor einer großen Fabrik ließ seine drei besten Reisenden kommen und sagte: "Meine Herren, wir haben eine große Reise zu machen. Einer von Ihnen soll durch ganz Süddeutschland und Österreich fahren. Hier auf der Karte sehen Sie den Reiseweg. Wie lange brauchen Sie dazu, Herr Schmidt?"

Herr Schmidt sah auf die Karte und sagte: "Dazu brauche ich sechs bis sieben Wochen."

"Das dauert mir viel zu lange. Wie lange brauchen Sie, Herr Müller?"

"Ich kann die Reise in vier bis fünf Wochen machen. Schneller geht es nicht."

"Das ist mir noch zu lange. Herr Kühn, wieviel Zeit brauchen Sie?"

"Ich mache die Reise, wenn Sie es wünschen, in vierzehn Tagen."

"Zeit ist Geld", sagte der Direktor, "fahren Sie noch heute ab!"

Herr Kühn fuhr ab. Er reiste nach Süddeutschland und Österreich. Er folgte dem Reiseweg der Karte und kam in alle Orte, die er besuchen sollte.

Nach vierzehn Tagen war er wieder da und eilte in das Büro seines Direktors.

"Das nenne ich eine schnelle Reise!" sagte dieser freundlich. "Nun erzählen Sie mir, was Sie unseren Kunden verkauft haben."

"Verkauft?" fragte Herr Kühn. Wie konnte ich etwas verkaufen? Ich hatte keine Zeit, auch nur einen Kunden zu besuchen. Ich mußte auf jedem Bahnhof in den nächsten Zug steigen und weiterfahren."

 

4. Die silberne Teekanne

 

Ein Schiff fuhr über den Ozean. Es war weit vom Land. Bis zum Horizont war nichts zu sehen als Himmel und Wasser.

Die Fahrgäste sonnten sich auf den Liegestühlen. Alle freuten sich über das herrliche Wetter und die schöne Seereise.

Nur der Schiffsjunge konnte sich nicht freuen. Er lief unruhig umher und suchte den Kapitän des Schiffes. Endlich fand er ihn in seiner Kajüte. Der Junge klopfte an die Kajütentür und trat ein.

"Darf ich Sie etwas fragen, Herr Kapitän?" sagte er. Der Kapitän lächelte freundlich. Da fragte der Junge: "Ist eine Sache verloren, wenn man genau weiß, wo sie ist?"

Der Kapitän antwortete: "Das ist eine dumme Frage. Wie kann etwas verloren sein, wenn du genau weißt, wo es ist?"

"Dann ist alles gut", rief der Junge zufrieden. "Dann ist Ihre silberne Teekanne auch nicht verloren. Ich weiß genau, wo sie ist. Sie ist mir vor fünf Minuten ins Meer gefallen."

 

5. Ein Lied für ein Essen

 

Ein Student kam in ein Gasthaus, setzte sich an den Tisch und ließ sich ein Mittagessen geben. Er aß und trank mit gutem Appetit. Als er aber bezahlen sollte, sagte er zu dem Wirt: "Ich habe nur wenig Geld. Ich will Ihnen für das Essen ein Lied singen."

Der Wirt wollte kein Lied hören, sondern sein Geld haben. Da sagte der Student: "Wenn ich ein Lied singe, das Ihnen gefällt, wollen Sie mir dann das Essen schenken?"

"Ja", sagte der Wirt, "aber das Lied muß mir gefallen. Es wird sehr schwer für Sie sein, denn ich liebe die Musik nicht."

"Eins wird Ihnen schon gefallen", sagte der Student und sang ein Lied nach dem anderen. Nach jedem Lied aber schüttelte der Wirt den Kopf und sagte: "Das gefällt mir nicht."

"Nun werde ich ein Lied singen, das Ihnen gefallen muß", rief der Student und fing an zu singen: "Nimm Geld aus der Tasche, bezahle den Wirt." Dabei fuhr er mit der Hand in die Tasche, holte richtig fünf Silberstücke heraus und hielt sie dem Wirt vor die Nase.

Da lachte der Wirt und rief: "Das ist ein schönes Lied, das gefällt mir."

Schnell steckte der Student sein Geld wieder in die Tasche und sagte: "Nun habe ich endlich mein Essen mit einem Lied bezahlt!"

Er drehte dem Wirt dem Rücken und ging davon.