Zitat aus: AKUPUNKTUR & Traditionelle Chinesische Medizin

33. Jahrgang

Listed in Embase / Excerpta Medica

Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft MbH, Uelzen, www.ml-verlag.de

 

September 2005 - Seite 162 - ISSN 1614-6891

 

Leserbrief

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,


ich schreibe Ihnen diesen Leserbrief, weil ich den Artikel „Erste Ergebnisse der Gerac-Akupunkturstudien" gelesen (AKU 32, 4 [2004] habe. Ich bin Medizinerin, arbeite momentan in Paris. Als Tochter einer Patientin, die in der Gerac-Studie mit Akupunktur behandelt wurde, möchte ich Ihnen schreiben, denn ich habe in Ihrer Zeitschrift den Artikel „Erste Ergebnisse der Gerac-Akupunkturstudien" gelesen (AKU 32, 4 (2004). Die Zeitschrift lag letztens im Wartezimmer meiner Hausärztin in Berlin aus, konnte sie kopieren. Meine Mutter wurde damals in einer Praxis in Berlin wegen Kreuzschmerzen behandelt und musste unterschreiben, dass sie entweder eine richtige oder Scheinakupunkturbehandlung bekommen werde, ohne zu wissen, was sie bekommt. Ich interessierte mich sehr für diese Behandlung, denn ich studierte Medizin im letzten klinischen Semester. Meine Mutter erzählte mir damals, was der Arzt bei ihr nadelte und vor allem, wie er nadelte, und ich besorgte mir nach kurzer Suche aus dem Internet einen Artikel, in dem die Studie genau beschrieben war. Zusammen fanden wir dann anhand der gestochenen Stellen heraus, zu welcher Gruppe (Verum oder Plaze-bo) sie gehörte - was sie enttäuschte, denn sie gehörte zur „falschen" Gruppe aus ihrer Sicht, sie meinte: „Nicht richtig gestochen, kein Wunder, dass die Schmerzen nicht besser wurden."

Dies war der Artikel:

 

The German Multicenter, Randomized, Partially Blinded, Chronic Low-Back Pain: A Preliminary Report ..., Michael Haake ... Journal of Alternative and Complementary ..., October 2003, 9, 5, 763-770 ...


....


In einigen Foren und Chats erzählte meine Mutter davon und bekam von vielen anderen Patienten das Gleiche zu hören. Einige meldeten sich erst daraufhin zur Kreuzschmerzstudie an, die meisten aber dann zur Knie- oder Kopfschmerzstudie, weil man ja ordentlich Geld dafür bekam. Die Knie-Akupunktur-Studie machte auch kein Geheimnis aus den richtigen und falschen Punkten, denn darüber zirkulierte auch ein entsprechender kostenloser Artikel. Soviel ich weiß, wussten alle Patienten durch die Foren und Chats und den Artikel Bescheid darüber, ob sie zur richtigen oder falschen Gruppe gehörten. Meine Mutter hatte die Chat-Dialoge auf ihrem Computer gespeichert und weiß von einigen Dutzend Leuten, die in der Gerac-Studie darin waren und auf diese Art und Wiese teilnahmen und auch genau Bescheid über die Art ihrer Behandlung wussten, nachdem sie die Artikel gelesen hatten. Die Artikel verbreiteten sich damals in den Chatrooms und Foren wie ein Lauffeuer.


Wenn ich nun in der AKU-Zeit-schrift von dieser „wissenschaftlichen" Studie lese, kann ich deswegen nur lachen! Wie wollen Sie etwas wissenschaftlich prüfen, wenn die Leute Bescheid wissen? Jeder, der zur Plazebo-Gruppe gehörte, war doch sehr frustriert und ließ sich vom Hausarzt oder Orthopäden noch etwas anderes verschreiben, meiner Mutter zum Beispiel half in dieser Zeit am besten die Unterwassergymnastik mit anschließenden Massagen gegen ihre Kreuzschmerzen, entsprechend gut fiel dann das Rating in der telefonischen Nachbefragung nach einem halben Jahr aus.


....


162 AKU 33, 3 (2005)