Für die Wurmbehandlung reichen Pfennigbeträge

Von Dieter Wettig

Mainz. In den Elendsvierteln von Kalkutta: Frauen werden aus der Gosse aufgelesen, Kinder aus den Abfallhaufen gezogen und gerettet. Fast alle Kinder haben Würmer und sind ausgemergelt. Hände, Füße und Gesicht sind bei den meisten geschwollen, fast jedes dritte leidet unter Tuberkulose, viele haben Bronchopneumo-nien, dazu perforierte Trommelfelle durch frühere Otitiden, die nie behandelt wurden. Krätze und böse, eitrige Hauter--krankungen sind an der Tagesordnung. Die Schwestern der „Mis-sionaries of Charity" (Orden der Mutter Theresa) finden in den Abendstunden eines kühlen Dezembertages im Dreck der Millionenstadt ein Baby, das unter Durchfall leidet und schon stark dehydriert ist. Nach Ansicht der Frauen, die es aufnehmen, besteht keine Chance mehr für eine Krankenhauseinweisung: Extremfälle werden abgelehnt. Sie machen zuviel Mühe oder sind sowieso „aussichtslos".

Gemeinsam mit den Schwestern im Stadtteil Pilkhana kümmere ich mich um das Kind und um weitere 30 bis 40 Kinder und Jugendliche sowie rund 30 Frauen. Das „House for Destitude Wo-men and Children" in Pilkhana ist eines (euer zahlreichen Projekte von Mutter Theresas Orden in Kalkutta. An zwei Nachmittagen pro Woche betreue ich ihre kleinen und großen Patienten. Die zum Teil schwerkranken Menschen werden von vier Schwestern, von Angehörigen und Helferinnen aus der Nachbarschaft versorgt. Die wichtigste Aufgabe in diesem Haus ist die Basispflege, das heißt die Versorgung der Kranken mit Nahrung, Trinkwasser und Kleidung, und die Bereitstellung von Betten und Waschgelegenheiten für Kranke. Für die Arbeit in Pilkhana bleibt mir allerdings nur wenig Zeit, da der Ansturm der Patienten auf unsere Ambulanz einige Kilometer weiter am Stadtrand Kalkuttas sehr groß ist. Täglich suchen 300 bis 500 Menschen unsere Hilfe, die zwar in der Zehn-Millionen Metropole Kalkutta nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, aber es zählt ja auch die individuelle Hilfe im kleinen Rahmen. Mit wenig Geld läßt sich hier sehr viel verwirklichen. Es sind medizinische Leistungen möglich, dir in Deutschland ein Vielfaches verschlingen würden.

So betragen die Therapiekosten einer eitrigen Bronchitis bei einem Kleinkind 1,10 Mark, bei Erwachsenen 2,50 Mark. Behandelt werden die Patienten mit Penicillin, Ampicillin und Cotrimoxazol, dazu gibt es schleimlösenden Hustensaft und es werden Dampfbäder angeordnet. Aber auch andere Krankheiten sind mit finanziell geringem Aufwand in den Griff zu bekommen: Mit drei Mark kann die Otitis media eines Kindes behoben werden, auch hier werden Penicillintabletten und Ohrentropfen eingesetzt. Nur eine Mark erfordert die Bekämpfung der Amöben-Ruhr eines Kleinkindes. Die sehr häufig erforderliche Wurmbehandlung bei Kindern ist schon mit einem Betrag zwischen fünf und 60 Pfennigen möglich. Ebenfalls nur Pfennigbeträge erfordern Conjunctivitiden, grippale Infekte bei Erwachsenen oder unkomplizierte Malaria-Attacken. Scabiesbehandlung ist schon mit einer Mark möglich. Einfache medikamente wie Aspirin schlagen mit sechs Mark für 1.000 Tabletten zu Buche, 100 Penicillin Tabletten kosten 7,50 Mark. Eine Thorax-Aufnahme, mit radiologischem Befund, ist mit neun Mark ebenfalls recht preiswert. Die meisten Medikamente werden bei einem Grossisten in Kalkutta billig eingekauft; sie sind in Indien hergestellt worden und steuerfrei.

Waage, Stethoscop, Otoscop, Taschenlampe, Blutdruckmeßgerät, Urin- und Blutzuckermeßstäbchen und unsere fünf Sinne sind die technischen Hilfsmittel, mit denen wir Tag für Tag im Einsatz sind. Recht selten habe ich einen Patienten zur Stuhl- oder Blutanalyse zu einem Laborarzt, nur gelegentlich zur Tb-Diagnostik zu einem Radiologen geschickt. Die wenigsten Patienten können diese Untersuchungen selbst bezahlen, also übernimmt „Ärzte für die Dritte Welt" die Kosten.

Der Einsatz in Kalkutta hat mir in jeder Hinsicht viel gebracht: menschlich, medizinisch und kulturell. Ich habe einige gute Freunde gefunden, und ich freue mich, daß ich einigen Menschen helfen konnte, - auch wenn dies nur ein verschwindend kleiner Beitrag war.

Aus: "Arzt heute", 27. Februar 1986, S. 13

Dieter Wettig hält Sprechstunde in einem Kinder- und Mütterheim von Mutter Theresa

Eine kranke Frau wartet im Heim von Mutter Theresa auf ihre Genesung. - Der Nürnberger Fotograf Urs Schweizer hat Dieter Wettig bei seinem Einsatz in den Elendsviertel von Kalkutta begleitet und dabei interessante Aufnahmen gemacht. Zur Zeit ist Schweitzer wieder mit seiner Kamera in Indien und Nepal unterwegs. Fotos (2): Urs Schweizer