Seite 10 / Donnerstag, 27. Februar 1986

AUS ALLER WELT

ÄRZTE ZEITUNG / Nr. 38

Als Arzt im Krankenhaus in Kalkutta

„Die Schwerstkranken werden oft abgelehnt, da sie eh aussichtslos sind"

Von Dieter Wettig

Kalkutta. Manche Frauen wurden aus der Gosse aufgelesen, manche Kinder aus den Abfallhaufen gezogen und gerettet. Fast alle Kinder leiden an Würmern und sind ausgemergelt. Hände, Füße und Gesicht sind bei vielen geschwollen, fast jedes dritte Kind hat Tuberkulose, viele haben Bronchopneumonien, dazu perforierte Trommelfelle durch Otitiden, die nie behandelt wurden. Krätze und eitrige Hauterkrankungen sind an der Tagesordnung. Die Schwestern der „Missionaries of Charity" (Orden der Mutter Theresa) landen in den Abendstunden eines kühlen Dezembertages in den Straßen Kalkuttas ein Baby, das unter Durchfall litt und schon stark dehydriert war. Nach Ansicht der Schwestern, die es aufnahmen, bestand keine Chance mehr für eine Krankenhauseinweisung. Schwerstkranke werden oft abgelehnt, da sie zuviele Mühe machen oder „eh aussichtlos" sind.

Gemeinsam mit den Schwestern im Stadtteil Pilkhana kümmerte ich mich um das Kind, wie um weitere 30 bis 40 Kinder und Jugendliche, sowie 20 bis 30 Frauen. Das „House for Destitude Women and Children" in Pilkhana ist eines jener zahlreichen Projekte von Mutter Theresas Orden in Kalkulla und an zwei Nachmittagen pro Woche betreute ich ihre kleinen und großen Patienten. Die zum Teil schwerkranken Menschen werden von vier Schwestern sowie von Angehörigen und Helferinnen aus der Nachbarschaft versorgt.

Täglich suchen 300 bis 500 Menschen ambulante Hilfe

Die wichtigste Aufgabe in diesem Haus ist sicherlich die Basispflege, das heißt die Versorgung dieser Ärmsten mit Nahrung, Trinkwasser und Kleidung, Gelegenheit zum Waschen und die Bereitstellung von Betten für Kranke. Für die Arbeit in Pilkhana blieb mir allerdings nur wenig Zeit, da der Ansturm der Patienten auf unsere Ambulanz einige Kilometer weiter sehr groß ist. Täglich suchen 300 bis 500 Menschen unsere Hilfe, die zwar in der zehn Millionen Metropole nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, aber es zählt ja die individuelle Hilfe im kleinen Rahmen.

Mit wenig Geld läßt sich hier sehr viel verwirklichen. So betragen die Therapiekosten einer eitrigen Bronchitis beim Kleinkinf umgerechnet 1,10 Mark, bei Erwachsenen 2,50 DM. Mit drei DM kann eine Otitis mcdia beim Kind behoben werden, nur eine Mark erfordert die Bekämpfung der Amöbenruhr eines Kleinkindes.

Skabiesbehandlung ist schon mit einer DM möglich

Die sehr häufig erforderliche Wurmbehandlung bei Kindern läßt sich schon mit einem Betrag zwischen fünf und 60 Pfennig durchführen. Ebenfalls nur Pfennigbeträge erfordern Konjunktivitiden (0,60 DM), grippale Infekte bei Erwachsenen (0,30 DM) oder unkomplizierte Malaria-Attacken (0,50 DM). Skabiesbehandlung ist schon mit einer Mark möglich. Einfache Medikamente wie Azetylsalizylsäure schlagen mit sechs DM für 1000 Tabletten zu Buche, 100 Penicillin Tabletten kosten 7,50 DM.

Waage, Stethoskop, Otoskop, Taschenlampe, Blutdruckmeßgeräte, Urin- und Blutzuckermeßstäbchen und die fünf Sinne der Ärzte und Pfleger sind die technischen Hilfsmittel. Recht selten habe ich einen Patienten zur Stuhl- oder Blutanalyse zu einem Laborarzt überwiesen. Die wenigsten Patienten können diese Untersuchungen selbst bezahlen, also übernimmt unser Komitee „Ärzte für die Dritte Welt die Kosten.

Der Einsatz in Kalkutta hat mir in jeder Hinsicht viel gebracht: menschlich, medizinisch und kulturell. Ich habe einige gute Freunde gefunden und freue mich, daß ich einigen Menschen helfen konnte, wenn dies auch nur ein verschwindend kleiner Beitrag sein konnte.

Das „House for Destitude Women and Children" in Pilkhana ist eines jener zahlreiche Projekte von Mutter Theresas Orden in Kalkutta, Foto: Wettig

Die wichtigste Aufgabe in Pilkhana ist die Versorgung der Ärmsten mit Nahrung und Kleidung sowie die Basiskrankenpflege, Foto: Wettig

Weiterer Artikel

Hauptseite