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Über Wodan
Valknutr
Ein kurzer Blick auf Grimners Antlitz

Seid gegrüßt. Ich bin Óðindís. Ich würde in diesem Aufsatz gerne mal meine ganz persönlichen Ansichten über den Gott Wodan darlegen.

Über Woden (Wodanaz, Wuotan, Wodan, Óðinn, Oden, Odin,) ist ziemlich viel aus alten Quellen bekannt, wie beispielsweise den Nibelungengeschichten, den Eddas, den Sagas und den Skaldendichtungen. Es scheint, daß es wohl etwas eingebracht hat, der Gott der poetischen Inspiration zu sein: Woden wurde von den Skalden, deren Schutzherrer ist, sehr in Andenken gehalten. Von Odin überlebten mehr Geschichten und Beschreibungen, als von irgendeiner anderen nordischen Gottheit. Das heißt jetzt nicht, daß die anderen Götter und Göttinnen nicht populär gewesen und vom Volk ausgiebig verehrt worden wären, sondern daß Óðinns Skalden (Dichter) es liebten, ihren Schutzherren zu verherrlichen. So wie die Geschichten von Königen und Helden überlebten, so überlebte auch die Kunde von Hár, bewahrt in Dichtungen, zu seiner Ehre geschrieben, und mit ihnen viele Geschichten der anderen Götter und Göttinnen.

Über 200 Namen Wodens aus den Quellen bekannt. Diese Titel und Kenninge geben einen guten Einblick in die Natur des am schwersten Erfaßbaren Gottes von allen. Einige dieser Aspekte sind in Vergessenheit geraten. Ich denke, es wäre gut für die Menschen, sich der ,vergessenen" Masken Wodens zu erinnern und seine vielen, wunderschönen Namen wieder auszusprechen.

Der Gott Woden hat, so glaube ich, die Eigenschaft, einer Person in einer Form bzw. ,Verkleidung" zu erscheinen, die ihre Wahrnehmung von ihm widerspiegelt. Odin ist bekannt als der Maskierte (Grimner); er nimmt viele Formen an, erscheint dem einen als ein alter zerlumpter Wanderer, als grimmiger Krieger dem anderen, einem dritten vielleicht als ein weiser alter Mann. Ich denke, daß es für die Leute wichtig ist, sich folgendes klarzumachen: wenn sie das Schlimmste von Woden erwarten, werden sie es höchstwahrscheinlich auch bekommen! In diesem Essay hoffe ich einige von Wodens wohlwollenden Masken zu beleuchten und zu zeigen, daß selbst seine schrecklichsten im Licht seines Höchsten Ziels besser verstanden werden können.

In der modernen Zeit scheint es, daß Woden vorrangig als Gott des Krieges und des Kampfes gesehen wird: ein finst'rer Krieger, der Streit entfacht und sich an ihm ergötzt. Es steht außer Zweifel, daß Wodan tatsächlich ein Gott des Kampfes ist; viele seiner Namen reflektieren diese Funktion. Die Raserei im Kampfe, die ,Berserkerwut", die einen Krieger außer sich geraten läßt, ihn unempfindlich gegen Wunden macht und ihm nahezu übermenschliche Kräfte verleiht - diese Wut ist seine Gabe. Wenn Woden Streit entfacht, so geschieht das, wie ich glaube, um uns stark zu machen - denn ohne Herausforderung können wir keine Krieger werden. Er ist auch bekannt als der Herr der Erschlagenen, der das Heer der Toten führt. Aus alter Zeit ist überliefert, daß er eine stürmische Schar von Skeletten - Jäger, Pferde und Hunde - durch den herbstlichen Nachthimmel jagend anführt. Dies war freilich beängstigend für christianisierte Leute. Ich denke, daß der Ursprung der Geschichte von der Wilden Jagd in den kultischen Versammlungen und im geistigen ,Flug" von Wuotans ekstatischen Jüngern liegt. Ein eher positiver Aspekt findet sich in den Legenden, in denen der furchterregende Anführer der Wilden Jagd einem besonders schlauen oder höflichen Bauern Gold schenkt. Sein Name Oski, ,Der Erfüller der Wünsche" erinnert an seine Großzügigkeit. Wodens ,Bärenhemdträger", die Berserker, genossen zweifelsohne die Macht, die sie von ihrem Gott erhielten, selbst wenn ihnen diese Macht die Angst und den Haß anderer Menschen eintrug. Es ist überliefert, daß die Berserker auch ,flogen": ihre Körper hätten still dagelegen, als ob sie schliefen. Ihre Seelen hingegen reisten in Form eines Tieres fort um zu kämpfen. Wenn die Schlachten und Gelage vorüber sind, nimmt sich Odin, was ihm gebührt. Dann wird er zum Führer der Toten, zum Fährmann, der den Seelen den Weg durch die mysteriöse Landschaft der Anderen Seite weist. Es paßt teilweise ganz gut zu ihm, denn er selbst hat den Tod erfahren. Diese bedeutenden Funktionen des Gottes sind jedoch nicht seine einzigen.

Woden ist der Schöpfergott. Mit seinen Brüdern Vili und Ve, von denen ich denke, daß sie Hypostasen seiner selbst sind, formte Woden die Welt aus der Leiche des Urriesen Ymir. Nachdem dies vollendet und dem ursprünglichen Chaos des Universums Ordnung und Form gegeben war, ging Odin in seiner dreifachen Gestalt am Ufer der Ursee spazieren. Er kam zu zwei Baumstämmen, die als Treibholz an den Strand gespült worden waren. Einer war eine Esche, der andere eine Ulme. Aus ihnen formten er und seine Brüder den ersten Mann und die erste Frau: Ask und Embla. Der erste der Aspekte des Gottes gab Atem und Leben, der zweite Bewußtsein und Bewegung und der dritte Gestalt und Sinne. Dieses Erschaffung von lebenden Wesen aus Bäumen spiegelt sich wider in des Vitki's Erschaffung der Runenstäbe, die ,zum Leben erweckt werden" durch Gesang (galdor), Atem und Blut. Der Atem ist das Geschenk Óðinns, die rhythmische Fluktuation des Lebens. Er ist die Lebenskraft beim Einatmen, und zu ihm geht der Atem zurück wenn wir unseren letzten Atemzug tun. Viele Leute denken, Odin sei der Grimmige Gott des Todes, Valkjosandi ,der Kieser der Erschlagenen", der das Leben beendet. Das ist er auch - aber er ist eben auch die Quelle des Lebensfunkens, und er hat uns die großen Geschenke der Gestalt, des Bewußtseins, des freien Willens, der Sinne und des Verstandes gegeben.

Woden's Name bedeutet ,"Wut , Wahnsinn, kultische Ekstase". Dies ist möglicherweise einer seiner fundamentalsten Aspekte. Woden ist die Energie, die Begrenzungen und Einschränkungen transzendiert, seien sie physisch, mental oder spirituell. Dergestalt ist wohl auch seine Verbindung mit den scheinbar nicht vereinbaren Funktionen des Gottes des Todes, der Schlachten, der Ekstase und der Inspiration. In jeder dieser Funktionen kann man erkennen, daß der gemeinsame Bestandteil die Transzendenz der Einschränkung und die Öffnung des Bewußtseins für weitere Blickwinkel ist. Die Seele, befreit von ihren fleischlichen Fesseln, wechselt in eine weniger beschränkte Existenz. Im Kampf wächst der Krieger, mit Wodens Hilfe, über sich hinaus, erreicht einen Geisteszustand, in dem er übermenschlicher Leistungen fähig ist. Wenn einer Ekstase erfährt, so befindet er sich in einem veränderten Bewußtseinszustand, der über den normalen weit hinausgeht. In einem Zustand der poetischen Ekstase erreicht der Skalde eine kreative Brillanz, die für ihn in einem normalen Geisteszustand unerreichbar wäre.

Odin gewann die Fähigkeit, seine eigenen Einschränkungen zu transzendieren, durch eine selbst auferlegte Prüfung. Er hängte sich selber an den Baum Yggdrasil, von seinem eigenen Speer verwundet, um die Kenntnis der Runen zu erlangen. Woden meisterte die schamanische Technik, physische und emotionale Krisen zu benutzen, um die Psyche ihre Beschränkungen durchbrechen zu lassen und in das transzendentale Reich der Macht, des Wissens und der Weisheit zu gelangen. In dieser Krise bis zum Tode wird das Bewußtsein gleichsam aus seinen gewohnten und beschränkten Wahrnehmungen zu einer viel umfassenderen Auffassung der Realität ,gezwungen". Es gibt sehr ähnliche schamanische Erzählungen in den meisten Naturreligionen der Welt. Gewöhnlich muß der Sucher einen Baum oder Pfahl irgendeiner Art (symbolisiert wohl das Rückgrat) erklimmen, muß eine Art persönlichen Tod erleiden, hängend zwischen Himmel und Erde, und wird in vielen Fällen von Tieren ,gefressen". Die schamanische Todesreise wird auf unterschiedlichen Wegen herbeigeführt; manchmal durch Krankheit oder durch absichtliches Tanzen bis zur Erschöpfung; manchmal durch Fasten oder durch schmerzhafte (gewöhnlich selbst zugefügte) Wunden. Später, falls der Schamane dies überlebt, kehrt er in einem durch seine Krafttiere wiederhergestellten Körper zur Mittleren Welt zurück, die Kraft und das Wissen der Anderswelten mit sich tragend. Oft ist die Macht des Schamanen in Liedern enthalten, die er von Führern und Verbündeten der Anderswelt gelernt hat. Traditionellerweise wird diese Macht und dieses Wissen durch Heilungen und Segnung von Zeremonien recht großzügig weitergegeben und keineswegs für sich behalten.

Odin's Selbstopfer an Yggdrasil ist eine perfekte Beschreibung dieser schamanischen Techniken. Nachdem er das Runenwissen erlangte, die großen Mysterien erfuhr, machte er sie sofort den anderen Göttern und würdigen Menschen zugänglich.

Wodan ist ein Heiler in der schamanischen Tradition. Weil er fähig ist, von den Höhen zu den Tiefen zu reisen, so ist er auch fähig, ganz zu machen, was zerbrochen ist; die getrennten Teile der Seele und des Körpers in einem gesunden Ganzen zusammenzubringen. Der zweite Merseburger Zauberspruch gibt ein schönes Zeugnis von Wodan als einem Heiler: ein schamanischer Aspekt des Gottes, der von den Christen stärkstens unterdrückt wurde. Wie auch immer, Woden war und ist ein Gott der Ganzheit und der Heilung, und ein Gott der Großzügigkeit, immer willens, Wissen und Weisheit mit denen zu teilen, die es verdienen. Das war von jeher die Rolle des Großen Schamanen.

Einer von Wodens gut bekannten Titeln ist der des Gottes der Gehängten. Das Opfer des Hängens wurde in der Tat schon immer mit ihm assoziiert. Darin enthalten ist ein tiefes Mysterium. Man könnte sagen, daß die Aufhängung zwischen Himmel und Erde, das Erdulden des Todes, die Essenz menschlichen Zustandes ist. Trotzdem wir zwischen den Extremen unserer Natur hin- und hergerissen sind, ist es möglich einen Zustand des Gleichgewichts zu erreichen. Dieser seltene Zustand kann durch spirituelle Praktiken und mentale Disziplin, aber auch durch Krise und Opfer erreicht werden. Der letztere Pfad ist der des Schamanen. Der Lohn dieses teuer errungenen Zustandes kann große Weisheit und Macht sein. So wie die würgende Schlinge den Kreislauf zwischen den dualen Polen des Atems (eingeatmet - ausgeatmet) beendet, so gibt der Schamane freiwillig die dualen Pole Himmel und Hölle auf und fällt in die Leere des Todes zwischen ihnen, wenn er sich am Baum seines Selbstes aufhängt. Als Wodan nach einem Trunk aus Mimir's Brunnen der Weisheit verlangte, war er willens, ein Auge für dieses Privileg zu opfern. In diesem Moment stand er schwebend am Rande von Leben und Tod, Weisheit und Opfer, wie ein angehaltener Atemzug. Obwohl er für eine Realität blind wurde, wurde er doch für eine andere sehend. Das ist das odinische Paradoxon. Odin hat ein Auge, das alles sieht, was existiert und ein anderes, das all die nicht-manifesten Realitäten sieht. Wie auch immer, seine Weisheit transzendiert, was er - mit dem einen oder dem anderen Auge - sieht. Sein Blick hat die Tiefe der Synthese beider Realitäten. Nun, obwohl Woden als hell und dunkel zugleich gesehen wird, transzendiert seine wahre Natur die Beschränkungen die durch diese beiden Extreme definiert werden.

Woden lehrt uns, seinem Beispiel zu folgen, denn er will, daß wir unser höchstes Potential verwirklichen. Er will keine sklavischen Jünger, sondern Personen individueller Kraft, die - wie er - ihre eigene Weisheit durch die Aufgabe der Begrenzungen des Selbstes gewonnen und damit den Weg für höheres Wissen bereitet haben. Odin ist der größte Kriegsherr im Kampf des Bewußtseins. Er braucht Kameraden, die ihr beschränktes Selbst erobert haben und dadurch befähigt sind, ihm zu helfen. Woden zeigt uns, daß es Dinge gibt, die erfahren werden müssen um verstanden zu werden, und daß wir die Saat für alle Weisheiten bereits in uns tragen. Deswegen ist er als Fessel-Löser bekannt, und das beleuchtet, glaube ich, die wahre Göttlichkeit und Nobilität seiner Natur.

Der Walknoten ist Wodens Symbol. Seine drei verschlungenen Dreiecke repräsentieren viele Dinge, einschließlich des Knotens um des Gehängten Genick, die drei Ebenen der neun Welten, und die gegenseitige Durchdringung aller Seinsbereiche. Odins Knoten symbolisiert seine Natur als das, was alle Dinge inspiriert und vereinigt. Er ist das dynamische Ganze, und die Energie in der Materie. Der Walknoten ist eine Darstellung der neun Welten, getrennt und doch auf das engste miteinander verbunden, und repräsentiert auch die vielen Teile der Seele, die ein bewußtes Wesen ausmachen. All diese sind verknotet miteinander und haben seinen Geist gemeinsam. Den Walknoten in moderner Zeit zu tragen hat sich zu einem Symbol dafür entwickelt, daß der Träger/die Trägerin sich selbst an Wodan geopfert hat und bekräftigt das unlösbare Bündnis mit ihm. Der Knoten kann einen Eid bedeuten, aber er kann genauso das Band spiritueller Liebe oder die Windungen des Wyrd bedeuten. Der Ausdruck der amerikanischen Ureinwohner ,...ein guter Tag zum Sterben..." beschreibt exakt den Zustand des Geistes und des Willens, der durch das Tragen des Walknotens gekennzeichnet wird. Woden ist sowohl als Fessler als auch als Löser der Fesseln bekannt. Diese Namen beziehen sich auf seine Fähigkeit, die Fäden des Wyrd zu binden und zu lösen, und seine Kraft, Bänder zu knüpfen und zu lösen, wie z.B. die ,Schlachtfessel". Dies ist auch eine Bedeutung von Odins Knoten. Ein weiteres dreieiniges odinisches Symbol, das mit dem Walknoten verwandt ist und gewöhnlich ,Odroerir" genannt wird, sind drei gekreuzte Trinkhörner. Diese drei vereinten Hörner, die man gewöhnlich - wie auch die Walknoten - in Kultsteine geritzt fand, symbolisieren die drei Kessel, die den Met der Dichtung enthielten, und damit Odr, Odins Geschenk der poetischen Inspiration. Ich denke das es möglich ist, daß die drei runischen Aettir, (Familien", in Gruppen zu je 8 Runen) ebenso durch den Walknoten repräsentiert werden. Die Zahl neun, heilig und Odin zugeordnet, ist auch die Zahl der Ecken auf dem Walknoten. Es überrascht nicht, daß eine der Bedeutungen der Rune ,hagalaz", der neunten Rune, lautet: ,Quelle aller Runenstäbe".

Ein sehr grundlegender Weg, die runischen Mysterien wahrzunehmen, ist der des Klangs. Óðinn ist auch als Herr der magischen Lieder (galdor) bekannt. Diese Fähigkeit, die er durch sein Selbst-Opfer erlangte, wird vom vitki verwendet, um das Bewußtsein zu verändern. Von den ältesten Zeiten hat sich die Lehre von der Seele erhalten. Einiges dieser alten spirituellen Lehre hat sich im hinduistischen Kulturkreis erhalten, wie die Lehre von den Chakras, oder Energierädern, die im menschlichen Körper enthalten sind. Viele Eingeborenenvölker, wie die Tolteken, Inuit oder Sami (skand. Urbevölkerung, auch Lappen genannt), haben solche ,Landkarten des Bewußtseins", die unsere psycho-spirituelle Topographie beschreiben. Jedes Chakra vibriert bei einer bestimmten Frequenz. Durch Veränderung dieser Frequenz kann man Veränderungen in der Wahrnehmung verursachen. Musik ist ein grundlegender Weg, diese Veränderungen hervorzurufen. Wie Seiten auf einer Geige vibrieren die Chakras harmonisch, wenn ein Ton in der Nähe ihrer Frequenz gespielt wird. Meisterschaft der bewußtseinsverändernden Qualitäten des Klangs ist eine der primären Quellen von Odins Macht - ebenso für den/die vitki. Odin ist der große Gott des Atems, des Geistes, des Windes, des Sturms und des Magischen Liedes. Die Klänge der Runen, gesungen von einem Erulier (Runenmeister) bändigen die Kräfte der Natur und richten sie aus. Daher denke ich, daß es Wodans Stimme war, die am Beginn der Zeiten alle Dinge aus der Leere Ginnungagaps zum Blühen brachte, lange bevor er selbst überhaupt Form annahm. Alles, was existiert, ist Schwingung: selbst die am wenigsten mystisch veranlagten Kreaturen von allen, Wissenschaftler, stimmen dem zu. Alles ist Bewegung: die Oszillation von Teilchen in die und aus der Existenz. Odin selbst ist so: Seine Natur umspannt die Extreme der Existenz und er ist in konstanter Bewegung. Er ist der Meister des Flusses und der Veränderung. Sein Name Unn bedeutet ,Welle". Das sublime und rhythmische Rauschen der ruhelosen See ist die Musik des zyklischen Ansteigens und Absinkens von Wodens Natur. Als der mächtigste aller Magier hat Odin die Macht, allen elementaren Kräften durch sein Beherrschen der Essenz der Vibration, die in den Runen Gestalt angenommen hat, zu befehlen. Er lehrt uns, daß wir durch Galdor, runische Lieder, unser Bewußtsein, und damit unsere Realität verändern können.

Ich glaube, daß das Singen der Runen das menschliche Nervensystem (und die Seele) deutlich beeinflussen kann. Mit etwas Übung kann man lernen, welcher Ton welche Veränderung im Bewußtsein verursacht. Man erreicht die Fähigkeit, wie Odin, das Bewußtsein nach seinem Willen zu verändern und Lebensenergie das Rückgrat hinauffließen zu lassen - von der Wurzel des Baumes zu seiner Krone. Dies wird in vielen Kulturen durch die Gefiederte Schlange repräsentiert. Der Stab des Hermes ist wahrscheinlich das am besten bekannteste Symbol dieser Art. Sie repräsentiert das Erreichen göttlichen Bewußtseins dadurch, daß man lernt, Lebensenergie das Rückgrat entlang nach oben zu bewegen und sie auf der Krone des Kopfes zum ,Blühen" zu bringen, da wo die Schlange ihre Flügel entfaltet.

Die Geschichte, in der Odin den Met der Inspiration gewinnt, enthält diese archetypische Schlange-zu-Vogel Transformation. Er betritt das Ale-Gebirge in Schlangengestalt durch ein Loch und findet die Riesentochter Gunnlöd, die den von Zwergen gebrauten Met bewacht. Ihr Vater hat ihn den Zwergen gestohlen, die den weisesten der Götter, Kvasir, getötet und aus seinem heiligen Blut diesen Met gebraut hatten. Betört von der Schönheit und der Kraft des Gottes, willigt Gunnlöd ein, ihm einen Trank von dem Met zu gewähren, wenn er ihr drei Nächte des Vergnügens verspricht. Diesen Teil der Vereinbarung erfüllt Odin, wie nur der Herr der Ekstase es kann. Als er seinen Preis haben will, trinkt er die drei Kessel auf einmal leer. Er verwandelt sich in einen Adler und trägt den Met der Weisheit nach Asgard. Dies ist eine poetische Metapher für das Heben des Bewußtseins von einem niedrigen, begrenzten Zustand in einen höheren, transzendenten. Es ist auch eine Geschichte darüber, daß man in die Tiefen seiner selbst gehen muß, um den Met der Weisheit zu gewinnen und ihn dann ins Bewußtsein zu integrieren, um ihn mit allen anderen zu teilen.

Eine häufig auftauchende Verkleidung des Gottes ist die des Wanderers. Es heißt, daß er, eingehüllt in einen blauschwarzen Mantel, seine leere Augenhöhle von einer Klappe oder der Hutkrempe verdeckt, Midgard bereist und gerne inkognito die Menschen beobachtet. Odin tarnt seinen Glanz mit Lumpen, so daß er unbemerkt reisen kann. So könnte der Gott der Götter als der Obdachlose an der Straßenecke getarnt sein. Wie Hermes, mit dem er viel gemeinsam hat, bewegt er sich von den Höhen zu den Tiefen und umgekehrt. Alle Welten stehen ihm offen, er ist der Meister der Geistreise. Es heißt, daß Odin wie schlafend liegen könne, während seine Seele unterwegs ist. Er ist auch als Formveränderer bekannt, der in der Sage die Form sowohl der Schlange als auch des Adlers annimmt. Wodans Schlangenform ist wieder etwas typisches für schamanische Transformation. Die Schlange ist symbolisch für das Maskuline und das Feminine gemeinsam, für unendliches Leben und die Kundalini. Der Adler, der Edelste der Vögel, besitzt die Kraft des seelischen Adels und ultimativer spiritueller Fähigkeiten. Ich vermute, daß einige seiner anderen tierischen Formen den Raben, den Wolf, das Pferd und den Bären beinhalten. In dieser Form, so wie in seinen zahlreichen menschlichen Verkleidungen, bereist er die Welt, sammelt Informationen und verfolgt seine oftmals mysteriösen Ziele.

Wodens bekannteste Begleiter sind die zwei Raben Huginn und Muninn. Ihre Namen bedeuten ,Gedanke" oder ,kühn" und ,Erinnerung" oder ,begierig". Sie fliegen jeden Tag von Asgard weg um für Hrafntyr Informationen zu sammeln. Nichts entgeht dem scharfen Blick von Huginn und Muninn. Sie kehren zu Allvater zurück, setzen sich auf seine Schultern und krächzen Neuigkeiten aus aller Welt. Der Rabe ist ein Tier, daß besonders gut zu Odin paßt. Der Rabe ist der schlauste Vogel von allen, vielen Völkern als ein Schöpfer- und Trickster-Geist bekannt. Ein Rabe ist unscheinbar in seinem blau-schwarzen Federkleid, und Raben findet man praktisch überall. Raben sind Galgenvögel im wörtlichen Sinn. Vor langer Zeit, als die Felder, auf denen die Gefallenen lagen, schwarz von diesen Schlachtfeldkehrer waren, oder sie ominös aus den Opferhainen krächzten, assoziierten die Leute sie natürlich mit dem Gott der Schlachten und der Gehängten. Raben sind sehr vokale Kreaturen; die ursprüngliche Bedeutung des angelsächsischen Wortes Galdor war ,Gekrächze eines Rabens". Es ist kein Zufall, daß Runen-galdor mit den Raben verbunden ist. Odin als Gott des Gesangs und der Rede hat natürlich Vertraute, die geschwätzig sind. Raben ahmen menschliche Rede nach und können viele Worte lernen. Das hat ohne Zweifel viel zu ihrer Reputation als mächtige spirituelle Wesen beigetragen und könnte der Ursprung für die Geschichten von Schamanen sein, die Rabengestalt annehmen, um Magie zu wirken.

Weitere vertraute Begleiter Odins sind die Wölfe Freki und Geri. Wölfe sind ebenfalls sehr vokal geprägte Kreaturen, sind hochintelligent und suchen Schlachtfelder auf. In der Wildnis ist das Heulen der Wölfe in einer Winternacht eine so gute Anrufung Odins, wie ich sie mir nur vorstellen kann. Der Wolf wird in der germanischen Volkssage gelegentlich als ein Tier erwähnt, in das sich Menschen verwandeln. Diese Werwolfgeschichten sind, wie ich glaube, Überbleibsel eines odinischen Kultes von wolfshauttragenden Kriegern, oder eines spezifischen Clans von Leuten, die Wolfsgestalt annahmen. Wölfe sind soziale Tiere, die eine ausgeprägte Hackordnung und Hierarchie haben. Die alte germanische Kriegergefolgschaft hatte eine ähnliche Struktur, in der der Gefolgsherr die Rolle des Leitwolfs innehatte. Das macht Ulf-Oðinn zum ultimativen Alpha-Wolf.

Das Pferd ist Wodan ebenfalls heilig. Das Pferd ist aus offensichtlichen Gründen das verbreitetste Geist-Tier in schamanischen Kulturen. So wie es Menschen auf der Erde trägt, trägt es auch die Seele in die anderen Seinsbereiche, einschließlich des Landes der Toten. Sleipner ist Odins achtbeiniges Pferd, das als das beste aller Rösser gilt. Es wurde vermutet, daß, entsprechend der Aussage, daß das Pferd die toten Seelen trägt, die acht Beine die vier Männer symbolisieren, die einen Sarg tragen. Vielleicht symbolisieren Sleipners viele Beine auch große Geschwindigkeit, oder die acht Beine einer Spinne, die sich frei durch ihr Netz bewegt: in Odins Fall wäre das das Netz des Wyrd. Pferde dienten den Kriegsherren als Streitroß und sind tapfere Kämpfer. Das Pferd besitzt nicht nur die Fähigkeit zu reisen, sondern auch Wildheit und Mut. In der Wikingerzeit waren Pferdekämpfe ein populärer Sport. Vielleicht sahen die Leute im Wettkampf dieser kraftvollen Tiere eine Reflektion der Herausforderungen, denen sich große Helden oder selbst Götter stellten. Wodan als der Gott der Wilden Jagd führt einen Haufen gespenstischer Reiter an. Ich denke, es ist möglich, daß diese ,Jäger" wirkliche Krieger waren, die nach ihrem Tod als Reiter vom Großen Kriegsherren persönlich angeführt werden. Acht-, sechs- oder dreibeinige Pferde tauchen im germanischen Wilde-Jagd-Mythos auf. Auch wurden Pferde nach der germanischen Überlieferung oftmals geopfert und anschließend verzehrt. Möglicherweise ist das weiße Pferd von Uffington ein odinisches Roß, oder wurde von den angelsächsischen Eroberern zu einem solchen umfunktioniert.

Bjorn, Odin als Bär, ist eine weitere nordische Kreatur, die an der Spitze der Nahrungskette steht. Kein anderes Tier erregt solche Ehrfurcht oder sieht so menschlich aus, wie der Bär. Sie sind sowohl für ihre spirituelle als auch für ihre physische Kraft bekannt. So könnten die Berserker (Bärenhemdträger), Odins kultische Krieger, sehr gut eine andere Sorte eines ,Geist-Tier-Clans" gewesen sein, die eine bestimmte Art odinischer Bärengestaltwandlung schamanistisch praktizierte. Die Bärengestalt ist eine Form, die Odin annimmt, wenn er die Wildnis durchstreift und sich mit Jörd, der Göttin der Erde vereinigt.

Ein aufschlußreiches Charakteristikum Odins ist, daß er immer weibliche Weisheit gesucht hat. Zuallererst ist da natürlich seine Frau Frigg zu nennen, die die ganze Wyrd kennt, aber darüber schweigt. Ich glaube, von ihr erhält er eine Art Gegengewicht oder Ausgleich zu seiner unbändigen Energie, denn sie ist das Heim, ist Behaglichkeit, ist die Stille, und sie repräsentiert auf gewisse Weise die Sicherheit einer geordneten Gesellschaft. Odin sucht auch Jörd, die Göttin der Erde. Sie ist für ihre Weisheit genau so berühmt, wie er. Aus ihrer Vereinigung entsprangen die Walküren, Töchter der Erde und des Himmels. Ich glaube, sie sind weibliche Ausdrucksformen von Odins Seele. Die Göttin Freja, die Odin vanische Mysterien wie z.B. Seidh beibrachte, ist vielleicht sein am besten bekannter magischer Gegenpart. Er lernte vieles, was später verbotenes Wissen war, von ihr. Skadhi ist eine weitere seiner Lehrerinnen. Diese Jöten-Göttin liebt wie er die rauhe Kraft der Wildnis. Ihr gehören die Berge und die Geheimnisse des Winters, die Mysterien der Jagd und die Weisheit, die durch lange Nachtwachen auf eisigen Gipfeln erlangt wird. Selbst zu menschlichen Frauen geht er, um Wissen zu erlangen. Loki beschuldigte Odin, an kultischen Ritualen von Frauen teilzunehmen, und er sagte das so, als wäre es eine große Beleidigung. Er deutete an, daß Odin ,zur Frau wurde", durch das Trommeln mit den Völva-Hexen, durch das Tragen von Frauenkleidung und das Aufgeben von Kontrolle. All dies sind bekannte schamanische Techniken. Loki meinte seine Beschuldigungen als Beleidigung, aber wahrscheinlich waren es einst eine akzeptierte Techniken für einige Männer, eine weibliche Persönlichkeit anzunehmen und zu integrieren - als Teil eines schamanischen Trainings sozusagen. Viele Schamanen haben eine ,geistige Ehefrau" bzw. einen ,geistigen Ehemann", und manchmal ziehen sie sich wie dieser magische Führer an, um besser zu kommunizieren. Darin kann man die psychologische Integration sehen, die für den Magier notwendig ist, um seine geistige Gesundheit im Angesicht der verwirrenden Realitäten, mit denen er ständig konfrontiert wird, zu wahren. Es heißt, daß Woden mit seinen weiblichen Verehrern eine andere Art von Beziehung eingeht, als er es mit seinen männlichen Anhängern tut. Frauen, so scheint es, kennen ein freundlicheres Gesicht des Gottes. Anders als seine männlichen Auserwählten, die sich oftmals durch Eide und die Herausforderung des Kampfes an ihn binden, ist die Verbindung einer Frau zu ihm mehr auf der Ebene des Herzens. Frauen sprechen von ihm nicht so oft als Kriegsgott, sondern als Herr der Ekstase und der Weisheit. Es gab freilich Frauen, die seine Schild-Maiden waren und sich mit ihm als ihrem Führer im Kampf verbanden. Meine Erfahrungen mit Woden haben mir gezeigt, daß er ein liebender Gott ist, ein loyaler und inspirierender Begleiter und der Beste aller Lehrer. Odin nimmt oftmals die Rolle der Muse für seine weiblichen Anhänger an und inspiriert ihre kreativen Arbeiten. Es wurde geschrieben, daß die Muse eines Vitki's (und die Repräsentation seines höheren Selbstes) seine Walküre ist; aber es ist Odin selbst, der als geistiger Führer und inspirierende Kraft für die Vitka handelt.

Woden kommt oft verkleidet als weißhaariger, alter, großer und schlanker Mann daher. Woden ist der älteste und der Vater aller Götter, und es heißt, daß, wie machtvoll die anderen Gottheiten auch sein mögen, vor ihm alle wie kleine Kinder sind. Odin ist der Großvater allen Lebens, der Wissen vom Anfang aller Zeiten besitzt. Er ist eine vertraute Figur in vielen Volkssagen, ein wandernder weiser Mann an einen Stab gelehnt. Er gibt die Weisheit, er ist der Lehrer des Helden, und ein ausgezeichneter Zauberer. In seiner Verkleidung des weisen alten Mannes erscheint Odin unerwartet, um Hilfe anzubieten, oder um den Sucher zu testen. Er ist Fimbulthul, der größte aller Dichter, und seine Erinnerung ist tief. Er, der der Gott der poetischen Inspiration ist, kann die fesselndsten Geschichten erzählen. Er ist der alte Mann, der den Skalden Geschichten aus den alten Tagen erzählte und noch erzählt. Einige dieser Glücklichen, die Odin in dieser Verkleidung trafen, gewannen großes Wissen von ihm. Karl ist dennoch gefährlicher als er aussieht. Es ist nicht klug, mit diesem alten Mann Scherze zu treiben, denn er ist sehr scharfsinnig und leicht verärgert. Wie auch immer, er ist jemand den man lieber auf seiner Seite hat.

Woden gewährt viele Geschenke. Viele seiner Namen widerspiegeln diese Funktion. Er ist der Gott des Handels, der Ringgeber, Oski, der Erfüller der Wünsche, der Versorger und der Siegbringer. Odin verleiht seinen Auserwählten große intellektuelle und spirituelle Reichtümer und sorgt für sie im materiellen Sinn. Dennoch, seine Geschenke und sein Sieg mag nicht immer so wunderbar vom menschlichen Standpunkt aus aussehen. In vielen der alten heidnischen Geschichten, macht ein König oder Krieger einen Handel mit Odin. Gegen eine Opfergabe gewährt ihm Odin Sieg im kommenden Kampf. Dann, nachdem er ihm den Sieg gewährt hatte, wollte Odin seine Gegenleistung haben, woraufhin der Mann dies zu umgehen versuchte: womit er am Ende nur seinen eigenen Tod beschleunigte. Daher kommt wohl Odins Reputation, seine auserwählten Helden zu betrügen. Tatsächlich sind jedoch meist die Menschen die Eidbrecher, weil sie nicht willens waren, dem Gott seinen Teil zu geben. Sie banden sich an den Gott durch einen Eid, und ich denke diese Geschichten sind eine Warnung davor, Dinge zu versprechen, die man nicht willens ist zu geben. Wodan hat seine eigenen Vorstellungen von Sieg; die Vorstellungen eines Gottes. Seine Perspektive ist zeitlos. Tod in dieser Welt ist unausweichlich und es ist nicht die schlimmste Sache, die einem widerfahren kann. Als Gott des Todes weiß Wodan sehr gut, daß es viel schwieriger ist, zu leben, als zu sterben. Er wird seine Helden zu sich nehmen, wenn er will, aber sie gehen nach Walhalla, einen höheren Existenzbereich. Die Heiden haben dies immer als die größte Ehre empfunden; ein Einherjer zu sein, ein Held, der sich selbst überwunden, und damit einen Platz in Odins Heer errungen hat - oder in Frejas. Ich denke, daß von Wodans Perspektive aus gesehen der Tod eines seiner wertvollsten Geschenke ist.

Es gibt viele Arten von Helden, die Odin für sich erwählt. Manche sind nicht so offensichtlich, wie andere. Manche Helden arbeiten unsichtbar für andere, indem sie eine Art stillen Mutes und stiller Disziplin entwickeln. Andere sind Krieger des Bewußtseins, die sich selbst immer wieder neu herausfordern, um Weisheit zu erlangen. Wieder andere kämpfen für ihre Überzeugung selbst gegen übergroße Widerstände. Es gibt viele tapfere Seelen und es gibt viele Schlachtfelder. Der Lohn dafür, Odin zu folgen, ist in der Tat groß, aber er wird vom uneingeweihten Auge oft nicht erkannt. Wenn der odinische Held eine gequälte Seele zu sein scheint, ein Einzelgänger oder Außenseiter, dann könnte es exakt wegen der Gaben Odins sein. Odins Ekstase kann ein erschreckendes und befremdliches Geschenk sein, aber jeder, der sie erfahren hat muß zugeben, daß es den Preis wert ist.

Was ist die Bedeutung all der Masken des Gottes? Ich glaube, daß Woden ein Gott ist der zu uns in der Erscheinungsform kommt, die wir in der Lage sind, wahrzunehmen. Wahrheit (einer seiner Namen, Sath) ist blendend für den beschränkten Verstand. Ich denke, daß viele seiner furchteinflößenden Masken Projektionen des menschlichen Verstandes sind, der mit nicht verstehbaren Mysterien konfrontiert wurde. Woden ist der Gott der wilden Sturmwinde, und tatsächlich ist die Kraft in der Natur, die unseren Geist zu einer Wahrnehmung des Sublimen befähigt, seine Kraft. Wenn die Wut des Sturmwindes und die Gewalt des Blitzes Manifestationen von Wodans ruhelosem Geist sind, so sind die ebenso intensiven Empfindungen in seinen Auserwählten gleichermaßen durch ihn hervorgerufen. Wod, die Wurzel des Namens Woden, ist das angelsächsische Wort für Wahnsinn, Verrücktheit, extreme Wut. Woden wird seit langer Zeit mit Verrücktheit assoziiert. Manchmal kann ein Zustand der Ekstase, eine schamanische Trance, dem uneingeweihten Auge als Wahnsinn erscheinen. Dies würde jemandem, der glaubt, Selbstkontrolle wäre eine Notwendigkeit für einen freien Mann oder eine freie Frau - was früher wie heute im übrigen der Fall war - als ein furchteinflößender Zustand erscheinen. Es gibt immer die Gefahr, in den Wahnsinn abzugleiten, wenn man die äußeren Bereiche des Bewußtseins erforscht, ins Auge der Wahrheit starrt, denn man könnte ja allem begegnen, was falsch ist im eigenen Selbst... Sich selbst dem Gott hinzugeben scheint eine schreckliche Sache zu sein, aber was wirklich erschreckend ist, ist seinen eigenen Ängsten und Projektionen gegenüberzustehen. Woden konfrontiert die Seele mit diesen Schrecken um uns zu lehren, daß unsere Seelen in Wahrheit von diesen Fesseln der Angst frei sein könnten, wenn wir Verantwortung für unser eigenes Bewußtsein übernehmen würden. Odin ist bekannt als Trickster, aber ich denke, daß wenn man die Mythen mal untersucht, wird man feststellen, daß die, die glauben, von Odins Verkleidungen genarrt worden zu sein, in Wahrheit sich selbst getäuscht haben.

Was ist Wodens Ziel? Ich glaube, es ist, diese Welt und das Leben so lange wie möglich zu bewahren, und sich währenddessen auf den unausweichlichen Kampf mit den Kräften der Zerstörung vorzubereiten. Odin hat die schreckliche Verantwortung übernommen, die die Schattenseite seiner Macht ist. Wodan ist der größte der Helden, würdig der mächtigen Einherjer, die zu ihm gekommen sind. Ich denke, daß Woden mit unser aller spirituellen Evolution befaßt ist, und daß sich Woden selbst weiterentwickelt. Er ist nicht der selbe wie im 6. Jahrhundert. Neue Weisheit war schon immer sein Ziel. Seine Wege mögen beängstigend oder manchmal unverständlich sein. Ein Kind mißversteht auch oft die Handlungen seiner Eltern. Manchmal will es Dinge, die es nicht wirklich braucht. Woden zeigt uns, was wir wirklich brauchen, ganz egal was wir glauben zu brauchen. Wenn ihn das streng und hart erscheinen läßt, ist es ganz gut, sich daran zu erinnern, wie ein Kind empfindet, dem die Eltern die Süßigkeiten wegnehmen, um zu verhindern, daß es krank wird. Woden kennt unsere Mühen und er versteht unseren Schmerz. Er ist ein Gott des Schmerzes, denn seine Bürde ist schwer und er hat viel gelitten, um Weisheit zu erlangen. Er kennt den Schmerz und erfährt Trauer für alles, was vergehen muß. Er hat Mitgefühl für seine Kinder, die so sehr wie er sind. Er lehrt uns Ekstase, damit wir uns unserer göttlichen Natur erinnern, und Mut besitzen in all unseren Kämpfen, selbst wenn er Streit entfacht, um uns zu reizen.




Übersetzung von Gerd




 

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