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María L. Barbero

Lost Women Writers

April 1999

Prof.. Sara Lennox

 

 

 

Unterhaltung ist kritisierbar

Über die literarischen Kritiken an Tanja Kinkel, einer Autorin der deutschen Unterhaltungsliteratur

 

Einführung

Ich werde mich mit einer Autorin befassen, die einerseits die leidenschaftlichste Begeisterung, anderseits auch die entschiedenste Ablehnung hervorruft. Sie wird vom Publikum mit Enthusiasmus gelobt. Bei den Kritikern stoßen ihre Romane sowohl auf heißestes Lob als auch vernichtendste Ablehnung.

Man liest, was die Kritik über Tanja Kinkel sagt, aber man wird nicht schlau daraus. Ist sie ein neuer Star der Literatur, wie DIE ZEIT behauptet? Oder ist ihre Arbeit "Historien-Klimbim" in einer "zopfigen Sprache", wie die Kommentare in der "Südwest Presse" und "Der Spiegel" lauten? Es scheint schwer zu sein, Kinkel ohne Vorurteile zu betrachten. Ich habe Beispiele an Buchrezensionen gefunden, die ganz genau ihre Schwächen herausarbeiten. Andere Rezensionen dagegen sind suspekt positiv. In den negativsten Kritiken habe ich allerdings keine fundierte Analyse gefunden. Daher muß ich annehmen, daß für den nicht analysierenden Kritiker die Versuchung zu groß ist, Kinkel als schlechte Erzählerin zu präsentieren: sie ist jung, sie produziert viel, sie genießt die Gunst des großen Publikums, ergo muß sie schlecht sein.

Um mir einen Gesamteindruck von ihrem Werk zu verschaffen, habe ich mich mit Kinkels Romanen auseinandergesetzt, alle ihre Buchkritiken gelesen und zahlreiche Interviews mit der Autorin bewertet. Um die Richtigkeit von sarkastischen Kritiken beurteilen zu können, habe ich biographische Daten über sie gesammelt. Ich habe zuletzt Kontakt mit Frau Kinkel selbst aufgenommen, um aus erster Hand einige Informationen über ihre Arbeitsmethode und über ihre Inspirationsquellen zu bekommen.

Nachdem ich alle diese Informationen analysiert habe, bin ich zu dem Entschluß gekommen, daß die meisten negativen Kritiken über Tanja Kinkel auf Vorurteilen basieren, die wenig mit dem literarischen Wert ihres Werkes zu tun haben.

Ich werde hier Tatsachen über das Leben und die Arbeit von Tanja Kinkel präsentieren, die Kritiken zu ihrer Arbeit darstellen und die qualitativen Merkmale ihrer literarischen Arbeiten herausarbeiten. Damit werde ich beweisen, daß die negativen Kritiken, die sie als Autorin der Trivialliteratur abstempeln, nicht gerecht sind.

Zu ihrem Leben und Werk

Tanja Kinkel wurde 1969 in Bamberg als Tochter einer Familie der gehobenen Mittelklasse geboren. Während ihrer Schulzeit am Bamberger Kaiser-Heinrich-Gymnasium verbrachte sie einige Zeit mit Studienaufenthalten in Japan, England und den USA. Sie hat an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Germanistik und Theater- und Kommunikationswissenschaft studiert. Ihre Magisterarbeit schrieb sie 1994 über vier "Effi Briest" Verfilmungen. Drei Jahre später, nach einem Aufenthalt in den USA, promovierte sie mit einer Dissertation über Lion Feuchtwangers historische Romane.

Tanja Kinkel schrieb ihren ersten Roman im Jahr 1990. Wahnsinn, der das Herz zerfrißt ist eine Schilderung des Lebens des englischen Romantikers Lord Byron. Der Roman hat 800 Seiten und es wurden über 40.000 Exemplare verkauft.

1991 stellte sie ihren zweiten Roman vor: Die Löwin von Aquitanien. Auf tausend Seiten wird die Biographie von Eleonore von Aquitanien literarisch bearbeitet.

Für diese beiden Romane erhielt Kinkel 1992 den Bayerischen Förderpreis für junge Autoren. Bernard Gajek, Germanistikprofessor an der Universität Regensburg, bescheinigt ihr in seiner Laudatio "außergewöhnliche Anschaulichkeit, lebendige Handlung, Spannung und Detailreichtum".

Ihr drittes Buch erschien 1993. Die Puppenspieler (700 Seiten) war am Ende des ersten Jahres schon 40.000 mal verkauft worden und führte Anfang 1994 die Bestsellerliste des SPIEGEL an. Die Geschichte spielt in Deutschland und Italien in der Zeit der Fugger-Dynastie.

Im Sommer 1994, noch vor ihrem Universitätsexamen, erschien ihr viertes Werk. Mondlaub (400 Seiten) ist ein Roman über die letzten zwei Jahrzehnte maurischer Herrschaft in Granada.

In Die Schatten von La Rochelle (geschrieben 1996, 800 Seiten) beschreibt Tanja Kinkel das Leben in Frankreich im Jahre 1640. Die Story konzentriert sich auf einen kurzen Zeitraum, insbesondere auf die Verschwörung gegen Richelieu kurz vor seinem Tode.

Ihr bisher letztes Buch ist Unter dem Zwillingsstern (August 1998). Auf 550 Seiten wird die Geschichte zweier Freunde in Deutschland zwischen 1918 und 1933 erzählt.

 

Tanja Kinkel hat außerdem Kurzgeschichten, Kinderbücher, ein Drehbuch und zahlreiche kurze Science-Fiction Geschichten geschrieben.

Außerdem hält Kinkel, deren Arbeitspensum ihrer Kritiker in Erstaunen versetzt, jährlich 40 Lesungen ihrer Werken.

 

Die Kritiken

"Gelungene Psycho-Krimis, sagen die einen, altbackene Historienschinken die anderen". Die Meinungen um Tanja Kinkel können nicht widersprechender sein.

Es gibt zwei Arten von Kritiken über Kinkels Werke. Zum ersten haben wir die Buchrezensionen ihres Verlages oder die nicht literarischer Zeitschriften. Beide sind durchaus positiv und unkritisch. Ich werde mich mit dieser Sorte von Kritiken nicht befassen.

Zweitens gibt es die positiven professionellen Kritiker, die besonders ihre tief erforschten historischen Kontext und die fein ausgearbeitete Personen-Psychologie unterstreichen.

Als vielsagend betrachte ich eine dritte Art von Kritiken. Solche, die in Publikationen und in wichtigen Meinungsträgern erschienen sind und eine, meines Erachtens, unbegründet negative Meinung zu Tanja Kinkel darstellen. Hier sind einige Beispiele davon:

1) "Herz" - das ist offenbar die schwierigste Kategorie, die es zu bewältigen gilt und die von den jungen deutschen Erzählern nicht bewältigt wird. Ich spreche hier nicht von der "Kitschliga" Hera Linds, in der Blick und Verstand ebenso getrübt sind wie bei Tanja Kinkel (*1969), die ihre Groschenhefte zu Historienschinken aufplustert. All das kommt als letzter Aufguß trivialer Unterhaltungsware ("Sein Körper erschauerte unter den Zuckungen seines Innersten") natürlich nicht in Betracht.

Mehr wird dazu nicht gesagt. Durch keine Beispiele wird dieses kritische Urteil illustriert. Wir wissen nicht, warum der Kritiker meint, daß Kinkels Bücher Groschenhefte bzw. Historienschinken sind. Ein Beispiel von niederschmetternden Wörtern, hinter denen kein begründetes Urteil und kein Beispiel steht.

2) Einige Kritiker können sich Ironie nicht verkneifen. Die Schlagzeile von DIE ZEIT lautete:

"Mit 19 schrieb sie ihren ersten Schmöker, heute kaufen Millionen ihre Historienschinken"

Es ist nicht gerade unparteiisch, einen Schriftsteller als Schmöker- und Schinkenautor zu bezeichnen. Was der Autor einer solchen Reportage versucht, ist das Publikum von Anfang an zu beeinflussen, es negativ auf das Werk einzustellen.

3) Weiter unten im gleichen Artikel findet sich eine herablassende rhetorische Frage, die dazu dienen soll, die Autorin als altkluge Person zu klassifizieren:

" Was tut eine Neunzehnjährige, die sich in einen toten Dichter verliebt, in Lord Byron? Ganz einfach: "Ich habe einen Roman über ihn geschrieben", sagt Tanja Kinkel. Natürlich. Einen Roman. Mit Neunzehn."

4) Der Absatz endet mit einem ironischen Kommentar über angebliche Fertigkeiten, die die Autorin nicht meistern kann:

"Sagt es und blinzelt nervös mit den Augen. Interviews macht sie immer noch nicht mit links."

 

5) Hier hat der "sportliche" Vergleich einen bösartigen Ton:

"Dabei hat sie gar keinen Grund, aufgeregt zu sein: Wir sitzen in ihrer Münchner Winzwohnung, das Gespräch ist für sie also ein Heimspiel."

6) In anderen Artikeln, die als Kritik dienen sollen, kommentiert man nicht ihre literarischen Qualitäten, sondern ihre Persönlichkeit. Mit Ironie wird darauf hingewiesen, daß sie möglicherweise eingebildet sei:

"Wie sagte der alte Herr während der Buchmesse in Frankfurt? "Respekt!" Verbeugte sich und ging weiter. Die Kinkel saß am Verlagsstand und war ein bißchen verlegen. Aber nur ein bißchen".

7) Im folgenden Text (Teil eines langen Interview mit der Autorin in einem literarischen Feulleton, in dem man Kommentare zu ihrem Literarischen Stil erwartet hätte) wird Kinkel als Mitglied einer Jugend-Gruppe bezeichnet, deren Name für den nicht eingeweihten als Sektenname mißverstanden werden könnte. Und man kritisiert sogar ihre Fähigkeit, Kontakt aufzunehmen:

"Tanja Kinkel ist ein Trekky. Und die einzig gruppendynamisch beglückende Erfahrung, die sie je gemacht hat, waren die Treffen, die "Enterprise"-Fans conventions nennen".

Bevor auf ihre Bücher eingegangen wird präsentiert die Kritik Tanja Kinkel als eine altkluge junge Frau, die sich mit Teeny-Spiele beschäftigt.

Ich habe in den bisher aufgeführten Interviews und Rezensionen keine seriösen Ansätze gefunden, die ihre Arbeit analysieren. Man spricht über ihren Werdegang, über ihre Begeisterung für historische Themen und dann äußern die Kritiker Meinungen wie die, die man in den oben aufgeführten Beispielen lesen kann.

 

8) Andere Kritiker verbinden ihren Namen mit der deutschen Politik und nutzen diese Gelegenheit, Kinkels Namen mit Produktwerbung in Verbindung zu bringen und sie somit lächerlich zu machen:

"Die FDP hat kürzlich zu einem "Liberalen Kulturfrühstück" in den Schlachthof Hamburg eingeladen. Thema: Politik trifft Kultur, Kultur trifft Politik, "mit freundlicher Unterstützung der Reemtsma Cigaretten GmbH". Es las die Schriftstellerin Tanja Kinkel aus ihrem Roman Die Schatten von La Rochelle, vermutlich gesponsert von Ambre Solaire. Wir können nicht alle Kinkel heißen."

Ich möchte behaupten, daß literarische Kritik hiermit sehr wenig zu tun haben.

9) Auch an ihrem Verlag haben ihre Kritiker etwas auszusetzen. Ohne einen literaturkritischen Ansatz zu machen, diskutieren sie, ob der Verlag, in dem sie ihre Romane veröffentlicht nicht zu wenig literarisch sei:

"Will sie denn immer im Schmöker-Verlag Blanvalet publizieren, hat sie keine Angst, den Massen-Kitsch-Stempel verpaßt zu bekommen?"

10) Kinkel wird von Kritikern auch vorgeworfen, ihr Stil sei "zopfig":

"Doch alle diese Modernisierungsmaßnahmen haben auf Kinkels Diktion keinen Einfluß. Ihre Sprache ist so zopfig, daß der Leser das Bedürfnis hat, tief Luft zu holen, um den feinen Staub, der auf der Geschichte liegt, wegzupusten."

Durch die "Poetisierung" der Kritik wir ihre Ironie noch deutlicher.

 

11) "Litaneihaft beginnt Kinkel ihre Sätze mit einem altklugen "Nun" ("Nun, sie brauchte niemanden, und am Ende war es ein Glück") oder mit einem betulichen "Oh" ("Oh, es war schwer, sie nicht ins Feuer zu werfen"). Dieses "schickt sich nicht", jenes ist "hinreißend" oder "graziös". "

Das ist die einzige Kritik, in der Beispiele aus ihrem Vokabular angegeben werden. Allerdings sind die Adjektive "litaneihaft" und "altklug" dazu gedacht, um die Meinung des Lesers zu manipulieren

12) "Hier herrscht der sauberste Konjunktiv: "Er hatte sie sehen wollen, weil er dachte, er stürbe", und die Leute reden sich zu gern im Zofen-Deutsch an: "Aber meine Liebe", "Teuerste", "Grundgütiger".

Diese Beispiele zeigen sprachliche Merkmale Kinkels Sprache, die als Basis für eine qualitative Analyse genommen werden könnten. Allerdings ist die Haltung des Kritikers in den darauffolgenden Sätzen weiterhin parteiisch und dazu bedacht, den Leser zu beeinflussen:

13) "Nun könnte man meinen, daß historische Stoffe einer antiquierten Sprache bedürfen, doch wer mit Tanja Kinkel spricht, merkt schnell: Sie schreibt, wie sie redet."

Kinkel schreibt, wie sie spricht. Und das wird ihr vorgeworfen. Daß man an einem Autor die Verwendung der Sprache einer Epoche kritisiert (das Zofen-Deutsch) scheint mir übertrieben und unbegründet. Die Ironie über die Verwendung des Konjunktivs halte ich für unpassend. Auch wenn der Konjunktiv in der Umgangssprache nicht mehr üblich ist, wird er immer noch in der Schriftsprache verwendet und verleiht der Sprache eine undiskutabel Expressivität.

Meiner Beobachtung nach, stellen die literarischen Kritiker Tanja Kinkel als pures Marketing-Phänomen dar, kommentieren ein paar allgemeine Züge ihrer Romane und verleihen ihr schließlich das Prädikat „trivial", ohne sich intensiv mit ihrer Arbeit zu befassen. Da in ihrer Arbeit Feminismus keine Rolle spielt, wird sie auch nicht von dieser Seite der Kritik beachtet. Ich habe keinerlei feministischen Kritiken zu Kinkels Arbeit aufspüren können.

Aufgrund des Mangels an guten literarischen Kritiken, versuche ich im folgenden meine eigene Meinung zu ihrem Stil zu erarbeiten.

 

Kommentar zum Stil anhand zweier Romane

Ich habe mich insbesondere auf zwei von Kinkels Romanen konzentriert: ihr Erstlingswerk, Wahnsinn, der das Herz zerfrißt und das vier Jahre später geschriebene Mondlaub. Bei der Analyse dieser Werke habe ich besondere Werte entdeckt, die ich im Folgenden darstellen möchte.

 

Historischer Charakter

Als allgemeine Züge beider Werke kann man als erstes die gut recherchierten historischen Hintergründe nennen. Die Autorin hat bei der Studie der historischen Zusammenhänge in beiden Romanen hervorragende Arbeit geleistet.

In Wahnsinn... wird das Leben von Lord Byron dargestellt, insbesondere die Beziehung zu seiner Schwester Augusta. Aus dem Roman ist zu entnehmen, daß Kinkel mit verschiedenen (auch widersprüchlichen) Biographien von Byron gearbeitet hat, die ihn manchmal als Genie, manchmal als Verrückten darstellen. Sie kennt seine Dichtung und hat sich durchgehend mit der Korrespondenz beider Geschwister beschäftigt. Nebenbei verwendet sie zahlreiche Informationen zu anderen Nebenfiguren des Romanes, wie zum Beispiel Caroline Lamb und Lady Byron.

Was Byrons Dichtung angeht, präsentiert Tanja Kinkel in ihrem Roman eine informative Beschreibung:

"Die aus zwei Gesängen bestehende Verserzählung vom düsteren, zynischen Reisenden, der die Welt verachtet und doch alles andere sucht, nur nicht ein friedliches Dasein,..."

Als stilistisches Mittel spielen die Briefe in Wahnsinn, der das Herz zerfrißt eine wichtige Rolle. Briefe werden auszugsweise dargestellt (Sätze oder längere Absätze) oder komplett präsentiert. Kinkel verwendet in ihrem Roman die Originalbriefe der beiden Geschwister, die einen ausgeprägten brieflichen Kontakt pflegten. Diese Briefe spielen eine wichtige Rolle, indem sie die Beziehung zwischen Byron und Augusta Leigh vor und nach ihrer Liebesbeziehung illustrieren. Durch die Einfügung dieser Dokumente in die Erzählung nähert sich Tanja Kinkel einem Genre, das am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts große Bedeutung in der Literatur gehabt hat: dem Briefroman.

Kinkel zitiert im gesamten Roman Fragmente von Byrons Gedichte und benutzt Übersetzungen der Liebesnoten, die Byrons Liebhaberinnen schickten:

Caroline Byron -

die Liebste nächts Thyrza

6 die treueste - Gott segne Dich

Liebster - ricordati di Biondetta

Von Deiner wilden Antilope

sowie Byrons "poetische" Antworten:

Gedenke dein, gedenke dein!

Bis deines Lebens eitler Schaum

Verbraust, soll Scham dein Erbe sein,

Dich hetzend wie ein Fiebertraum.

 

Mondlaub ist der Roman einer Epoche, deren historische Kulissen bis aufs kleinste Detail erarbeitet worden sind. Um die drei Seiten Spaniens im 15. Jahrhundert zu beschreiben, hat sich Tanja Kinkel sowohl mit der kastilischen als auch mit der arabischen und jüdischen Kultur beschäftigt. Ihre Beschreibungen des Alhambra Palastes und der kastilischen Burgen können nur das Ergebnis einer langen Recherche vor Ort sein.

In Mondlaub sind die historische Hintergründe ebenfalls sehr gut beschrieben. Die Gesellschaft und die Kultur in Spanien des 15. Jahrhunderts werden überzeugend dargestellt.

Die maurische Kiltur spielt die Hauptrolle:

„Laylas geheime Heldin war Wallada, die Tochter eines Kalifen, die in Córdoba gelebt und gewirkt hatte. Wallada. zählte zu den größten Dichterinnen – und Dichtern – nicht nur von al Andalus, sondern der arabischen Sprache überhaupt. Statt zu heiraten, hatte sie sich ihre Liebhaber ausgesucht, und ihre heftige Affäre mit dem Dichter Ibn Zaydun – eine Beziehung, die sie und nicht er später abbrach – gehörte einschließlich der Gedichte, welche die beiden aneinander gerichtet hatten, zu den populärsten Liebeslegenden. Es war Walladas Wahlspruch gewesen, der Laylas Aufmerksamkeit ursprünglich auf sie gelenkt hatte, als Ibn Faisal ihn zitierte (selbstverständlich nur, um ein Beispiel für Walladas bevorzugtes Versmaß zu geben):

„Ich bin, weiß Gott, der edlen Dinge fähig

und schreite stolz dahin.

Meinem Liebhaber gebe ich das Recht,

die Wange mir zu streicheln,

meinen Kuß gebe ich jedem, den ich will."

Auch die historischen Merkmale der kastillischen, christlichen Gesellschaft werden dargestellt:

„Ein guter Christ, hatte man ihr mitgeteilt, als sie das erstemal nach einem Bad fragte, brauche sich in der Regel nur dreimal im Leben zu waschen – bei der Taufe, vor seiner Hochzeit und vor seiner Beerdigung. Alles weitere sei Luxus, und Don Sancho halte nichts von Luxus."

Außerdem wird die jüdische Komponente dieser dreigestaltenen Kultur auch präsentiert:

„Die allmorgendlichen und allabendlichen Gebete der Juden verstörten Layla allerdings auch noch aus einem anderen Grund: Ihr wurde klar, daß sie schon lange aufgehört hatte, auf die Gebetszeiten, die der Islam vorschrieb, zu achten. Früher war sie meistens von allein aufgewacht, kurz bevor der Muezzin rief, doch das war schon lange her. Während sie Abraham Senior und seine Glaubenssgenossen dabei beobachtete, wie sie ihre Häupter neigten, versuchte sie sich an die korrekte Form der rakah zu erinnern – mußte man sich zweimal zu Boden werfen, oder nur einmal?"

Historische Personen werden auszugsweise portraitiert: Isabella von Kastillien, ihr Beichtvater Fray Hernando de Talavera, Torquemada, Christophoro Kolumbus, Boabdil, der letzte Emir Granadas... Die Beschreibungen halten sich an die historischen Daten, dieser Personen.

Außerdem werden historische Ereignisse und Figuren präsentiert: zum Beispiel, der Fall von Alhama oder der legendäre historisch Nationalheld El Cid. Auch ein Auto de Fe (die Verbrennung eines konvertierten Juden von der Inquisition) wird beschrieben. Die Autorin illustriert auf lehrreiche und interessante Weise die historische Situation mit den folgenden Wörtern von Fray Hernando de Talavera:

„Vor siebzig Jahren", sagte Talavera, „als der Großvater unserer Königin noch ein Kind war, wurde in Kastilien ein Gesetz über die Juden und Mauren erlassen. Ihnen wurde verboten, mit Christen zu handeln, für Christen als Handwerker zu arbeiten, den Arzt- oder Apothekerberuf zu erlernen, ihren Wohnort zu verändern. Daraufhin flohen die meisten Mauren, die noch in Kastilien lebten, nach Granada. Viele der Juden, die ihre Heimat nicht verlassen wollten, entschieden sich für den Übertritt zum christlichen Glauben. Sie wurden conversos genannt, aber die meisten von ihnen behielten heimlich die mosaischen Gesetzte bei.

Vor fünf Jahren beschloß die heilige Inquisition, streng gegen alle solche conversos vorzugehen."

All diese Details, die literarische Beschreibung, die Briefe und die Nachahmung des Briefromanes sowie die historischen Referenzen verleihen Kinkels Romanen einen außergewöhnlichen Wert. Sie sind höchst informativ für den Leser, authentisch und verständlich.

 

Sprache

Eine Eigenschaft Kinkels Still ist, daß sie in der Lage ist, ihre Sprache an die Sprache der Epoche oder der Autoren, über die sie schreibt, anzupassen. Dazu einige "romantische" Eindrücke über Lord Byrons "Childe Harold Pilgerfahrt":

"Die Pilgerfahrt stand in der Tradition des englischen Reisegedichts, gewiß, aber statt idyllischer Abendlandschaften mit Kirchturm und Kuhglocke hörte man von den exotischsten Gegenden, von Kalifen, Derwischen, Wüsten und Wadis, von bis ins kleinste Detail beschriebenen Stierkämpfen in Spanien, von einem verzaubernden Griechenland, das gleichwohl unter der türkischen Fremdherrschaft ächzte. Die wilde Landschaft Albanien und der Aufruf zum Widerstand gegen die Türken waren schon etwas ganz anderes als die heimatlichen Narzissen am See, die von der herrschenden Schule der Seepoeten so liebevoll beschrieben wurden!

Diese Fähigkeit, ihre Sprachregister zu verändern, bewirkt eine besondere Glaubwürdigkeit ihrer Darsteller. Byrons Charakter ist überzeugend, sowohl wenn er zitiert wird (Und wenn ich fünfzig Mätressen hätte, ich würde sie alle am nächsten Tag vergessen haben) als auch, wenn sein Umgang mit der englischen High Society nachgeahmt wird („Guten Tag, meine Beste. Was gibt es Neues auf dem Lande?").

In Mondlaub zitiert die Autorin sprachliche Quellen aus dem Spanischen:

Als der Cid zum Streit sich stellte / trug er fest bei sich am Herzen / der Jimena zartes Tuch

aus dem Arabischen:

„Es steht geschrieben: Sind auch nur zwanzig Standhafte unter euch, sie überwinden zweihundert, und so unter euch hundert sind, so überwinden sie tausend der Ungläubigen."

und aus dem Hebräischen:

Vergießet Träne um Träne, nieder rinnt mein Auge als Träne, denn gefangen ward die Herde des Herrn. Rabbi Elasar sagte: Was sollen diese dreiTränen? Eine wurde über das erste Heiligtum und eine über Israel, das sie von seiner Stätte der Verbannung führten."

In Kinkels Werken gibt es zwei sehr differenzierte stilistische Ebenen. Einerseits die Ebene der fiktiven Personen, die eine fließende und für den Leser verständliche Sprache verwenden, meistens angepaßt an die Epoche des Romans. Zweitens, die erzählerische Ebene, in der die Autorin ein neutrales Register verwendet, eine aktuelle Stimme, die die Ereignisse der Vergangenheit überarbeitet. Ihre Sprache, weit entfernt vom vorgeworfenen „Zopfigen", ist vielmehr von kurzen Sätzen und einem einfachen verständlichen Wortschatz charakterisiert.

 

Personen

Wie schon oben aufgeführt, werden in Kinkels historischen Romanen zahlreiche historische Personen dargestellt. Die Psychologie der Charaktere ist sehr gut ausgearbeitet. Sie wirken sehr realistisch und keineswegs klischeeartig. Während des Verlaufs der Aktion unterliegen sie einer überzeugenden psychologischen Entwicklung.

Von Byron, zum Beispiel, werden sowohl seine Exzentrizität als auch seine ausgeprägten romantischen Züge gezeigt. Er ist am Anfang das Kind, das Begeisterung für Totenschädel verspürt:

„Ich wußte doch, daß es noch Überreste von den Mönchen hier gibt, Mama!"

später der verschwenderische Student, der sich einen zahmen Bären hält, oder der snobistische Lord, dessen Sportdrang alle in Bewunderung versetzte:

„Kennen Euer Lordschaft so was wie Erschöpfung?"

Byron lachte: „Doch, hin und wieder. Als ich kürzlich Edleston endlich aus dem Wasser gezogen hatte, war ich selbst so erledigt, daß ich keinen Schritt mehr gehen konnte".

Die Sprache paßt sich schließlich der Ausdrucksweise, eines Dandys, der zahlreiche Liebesaffären hat, an. Im Buch beschreibt Byron seine letzte Liebhaberin, Theresa Guiccioli:

„Sie hat auch einen Teil von uns; - ich meine diesen Hang zum Verspotten, wie er Tante Sophy und Dir und mir & allen B´s eigen ist", schrieb er an Augusta. „Sie ist hübsch – eine große Kokette – außerordentlich eitel – maßlos geziert – ziemlich gescheit – ohne die geringsten Prinziepien – mit einem guten Teil Phantasie und etwas Leidenschaft."

Diese Anpassung der Sprache an die Entwicklung der Personen ist allerdings meiner Meinung nach in Mondlaub nicht so perfekt. Ihre fiktive Protagonistin hat kein historisches Vorbild und ihr wird die Rolle einer Zeugin der historischen Ereignisse zugeteilt. Layla ist eine Kreatur Kinkels, ein Kind ohne Kindheit in einer extrem gewalttätigen Welt. Der Leser wird von Beginn an in die Gefühle und Gedanken Laylas eingeweiht, die immer den Eindruck eines erwachsenen Menschens macht. Da der Schwerpunkt dieses Romans nicht die persönliche Entwicklung der Personen sondern die Darstellung historischer Fakten it, bleibt die Frage offen, ob diese fehlende Entwicklung die Qualität des Buches beeinträchtigt.

 

Formale Struktur

Beide Romane sind in mittellangen Kapiteln strukturiert, die chronologisch aufgebaut sind. Die Prosa ist leicht und klar. Die Dialoge sind hervorragend eingebaut.

Wahnsinn... beginnt mit einem Einführungskapitel, mit einem späten Treffen zwischen Byrons Schwester, Augusta, und seiner Ehefrau, Annabella Byron, geb. Millbanke. Nach diesem Kapitel, in dem uns die Perspektive der Gesellschaft zur inzestuösen Beziehung Augustas und Lord Byron gezeigt wird, wird die Geschichte linear von Anfang an dargestellt. Dies vereinfacht die Verständlichkeit und verdeutlicht die Entwicklung der Charaktere.

Bei Mondlaub ist der Aufbau ähnlich: ein Einführungskapitel am Anfang und ein linear Aufbau der Handlung danach. Allerdings ist das erste Kapitel von Mondlaub keine Retrospektive, sondern eine Präsentation von Isabel de Solís, der Mutter Laylas, und deren Schicksal nachdem sie als junge Christin von Mauren entführt wird.

Die Kapitel sind nicht numeriert. Beide Romane sind in Bücher aufgeteilt (fünf im Fall von Mondlaub, sechs und ein Epilog in Wahnsinn...). Jedes Buch besteht aus verschiedenen Kapiteln, die durch eine Blanko-Spalte getrennt sind. Während die Bücher in Wahnsinn... nach Datum geordnet sind (1851, 1788-1812...), ist die Aufteilung in Mondlaub geographischer Natur: Granada, Kastilien, Krieg (in Sevilla), Heimkehr, Alhambra... Jeweils am Ende des Romans schreibt die Autorin ein Nachwort mit Erklärungen zur Historie des Werkes. Hier der Anfang vom Nachwort von Wahnsinn...:

„Die in diesem Buch dargestellten Personen, ihre Ansichten und Handlungen sind authentisch. Da es sich jedoch um einen Roman und keine wissenschaftliche Biographie handelt, fehlt die unbedingte Korrektheit und Verläßlichkeit. Ich habe mir die Freiheit jedes Romanciers genommen und Fiktives mit Historischem verschmolzen, um vor allem zwei Menschen darzustellen, die, jeder auf seine Art, zu den Ungewöhnlichsten ihrer Zeit gehörten."

Am Ende des Nachworts in Mondlaub wird auf die Verschmelzung zwischen Geschichte und Phantasie im Werk hingewiesen:

„Isabel de Solís gebar Abdul Hassan Alí zwei Kinder, von denen mindestens eines ein Sohn war, doch was aus ihnen wurde, bleibt Thema für Spekulationen. Das Schicksal meiner Heldin ist daher frei erfunden, nicht dagegen Jusuf ben Ismail (Josef ha Levi Ibn Nagralla), der auf die beschriebene Weise am 30. Dezember 1066 in Granada umgebracht wurde. Seine posthumen Aktivitäten gehen natürlich allein auf mein Konto – aber wer weißt?"

Zum Schluß bietet die Autorin in ihren Büchern eine Referenz-Bibliographie, die sehr nützlich sein kann, wenn man die von ihr vorgeschlagenen Themen vertiefen möchte.

Angesichts dieser stilistischen und strukturellen Merkmalen läßt sich sagen, daß Kinkel an der Darstellung historischer Gegebenheiten interessiert ist. Diese sollen für den Leser nachvollziehbar sein und werden durch Phantasie und Schreibkunst ergänzt.

 

 

Entwicklung

Tanja Kinkel wird zum Teil vorgeworfen, ihre Werke seien reine „Stangenprodukte", nach einem einfachen Marketing-Erfolgsmuster konzipiert. Meiner Meinung nach ist Tanja Kinkel trotz gemeinsamer Qualitätsmerkmale in ihren Werken keine Autorin, die sich selbst kopiert. Mit dem Vergleich beider Romane kann man sehen, daß sie zweifellos eine literarische Entwicklung ihres Stils durchgemacht hat. Zwischen Wahnsinn... und Mondlaub liegen vier Jahren. Bei einer Autorin ihrer Jugend, die so viel produziert, ist dies ist eine bedeutungsvolle Zeitspanne.

Wahnsinn, der das Herz zerbricht ist in gewisser Weise ein gelungener Aufsatz. Seine Autorin erklärt die Entstehung des Buches als eine Trotzreaktion ihrerseits gegen die Art, wie die Biographen Byrons Schwester und Geliebte Augusta Leigh behandelt haben. Sie wollte Augustas Figur unter einem anderem Licht erscheinen lassen. In dem Buch wirken die Personen glaubhaft und "rund", die Charaktere werden so dargestellt, wie man sie aus ihren Briefen und den Tagebüchern der Zeitgenossen interpretieren kann.

Kinkel erklärt in ihrem Nachwort, aus welchen Quellen die Briefe stammen. Die Zitate aus Byrons Werken sind mit einer Ausnahme der Gesamtausgabe entnommen worden. Die Briefe, die nicht von Byron stammen, wurden von der Autorin selbst übersetzt.

Meines Erachtens ist Wahnsinn, der das Herz zerfrißt eine gepflegte Nacherzählung der Wirklichkeit. Mit klarer und eleganter Sprache wird eine Geschichte erzählt, die sich immer im Rahmen der Historie bewegt.

Mondlaub ist ein viel ambizionierter Roman. Auch wenn die Handlung durch eine einzige Figur zusammengehalten wird (Layla, die Halbschwester Boabdils, des letzten Emirs von Granada), konzentriert sich das Geschehen nicht auf diese Hauptperson. Was Kinkel hier versucht, ist eine Rekreation von Kulturen und Zusammenhängen. Die Studie der Charaktere, die beim ersten Roman vorherrschend gewesen war, hat hier viel weniger Gewicht. Kinkel erlaubt sich mehrere literarische Freiheiten und kreiert neben den historischen Figuren frei erfundene Personen, auf die sich die Aktion stützt. Während Jusuf eine historische Figur ist, und nur seine Anwesenheit in Laylas magische Welt frei erfunden worden ist, ist Layla eine fiktive Frauenfigur, eine Kindfrau, in der ich die Begeisterung der Autorin für Fantasy und Science-Fiction wiederfinde.

Ihr Erstlingswerk war ein Roman über historische Menschen, aber Mondlaub ist ein Roman der Geschichte, ein Roman der von der realistischen Beschreibung und Darstellung des historischen Geschehens lebt.

Die Entwicklung von der anfänglichen Anpassung an das historische Geschehen hin zum Einbringen ihrer literarischen Phantasie ist meiner Meinung nach eine bemerkenswerte Evolution in Kinkels Werk, die nicht außer Acht gelassen werden sollte.

Es läßt sich darüber streiten, welche von beiden Perspektiven am geeignetsten ist, um sich dem historischen Geschehen zu nähern. Auf jeden Fall wird die Tatsache deutlich, daß ihr Stil eine klare Entwicklung durchgemacht hat.

 

Unterhaltungsromane und Trivialromane

Tanja Kinkel wird Trivialität vorgeworfen. Gemäß der akademischen Definition ist sie aber vielmehr eine achtbare Autorin der Unterhaltungsliteratur:

Unter den Begriff "Unterhaltungsliteratur" fallen literarische Texte, deren Hauptfunktion die Befriedigung eines Unterhaltungsbedürfnisses des Publikums ist. Innerhalb des Dreischichtenmodells von H. F. Foltin, wird die Unterhaltungsliteratur auf einer mittleren Rangstufe zwischen Dichtung und Trivialliteratur angesiedelt. Danach unterscheidet sich die Unterhaltungsliteratur von der Trivialliteratur vor allem durch eine größere thematische, formale und sprachliche Vielfalt.

Nach dieser Definition möchte ich Tanja Kinkels Arbeit als Beispiel der Unterhaltungsliteratur einordnen. Ihre Geschichten sind gut recherchiert; ihre Themen sind interessant und was ihren Stil angeht, ist die Sprache klar, mit Liebe zum Detail, einfühlsamen Dialogen und sensiblen Momentaufnahmen.

Ihre Thematik und ihre Indentifikation mit ihren Figuren zeigen wie weit Kinkels Konzept davon entfernt ist, rein mechanische Romane für die Masse zu produzieren.

Ein anderer Aspekt, der Tanja Kinkels Romane vom „Romantischen Kitsch" unterscheidet, ist das Fehlen eines Happy Ends. Kinkels historische Romane bieten keine Interpretation der Geschichte an, sondern sie wollen vielmehr eine sachliche Darstellung sein. Obwohl die Autorin sich einige literarische Freiheiten in der Behandlung ihrer Charaktere erlaubt, bleibt sie immer dem genauen Verlauf der Geschichte treu. Ihre Genauigkeit ist bemerkenswert. Sie vermeidet beispielsweise das Erfinden von Sexszenen. Damit könnte man einfaches Lesepublikum ködern. Aber Kinkel liegt viel mehr daran, Geschichte – ein Feld, daß sie nach eigenen Bekenntnissen fasziniert – an die Öffentlichkeit zu bringen. Und zwar, Geschichte wie sie sie interpretiert: mit Frauen voller Menschlichkeit, wie Augusta, die von (männlichen) Biographen als unnatürliche Bestie dargestellt wird. Oder mit dem Gesamtbild einer brodelnden Gesellschaft, von der Historiker nur Bruchstücke präsentieren.

 

Studien um Kinkel

Bisher ist über Kinkel sehr wenig Sekundärliteratur verfaßt worden. Auf Hochschulniveau ist im Institut für mittelalterliche Geschichte der Universität Salzburg ein Referat unter dem Titel Das Mittelalterbild im Roman anhand von zwei Beispielen geschrieben worden. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse und Bewertung von zwei Romanen Tanja Kinkels: Die Löwin von Aquitanien und Die Schatten von La Rochelle. Diese Arbeit wurde im Rahmen eines Geschichts-Seminars, geleitet von Dr. Christine Janotta, verfaßt. Gemeinsam mit anderen 14 Arbeiten wurde die Verbindung zwischen Geschichte und Literatur erörtert.

Kinkels Arbeit ist sicher mehr Beachtung wert. Ihre historischen und literarischen Qualitäten sollten eingehend studiert werden, um Vorurteile durch parteiische Kritiker zu widerlegen. Außerdem sollte die entsprechende Verbindung zu anderen deutschen historischen Autoren herausgearbeitet werden.

Warum erweckt Kinkel noch keine Interesse auf Universitätsebene? Dazu möchte ich Auszüge eines Aufsatzes von Jochen Schulte-Sasse zum Thema präsentieren. Die Erklärung der Geringschätzung Karl Mays kann man auch ziemlich genau und trotz zeitlicher Distanz in Kinkels Fall anwenden:

„Neben dem Etikett des „Jugendschriftstellers" behindert ein weiterer „Aufkleber" den Zugang zum Werke Mays. Es ist dies die Kategorisierung Mays als Trivialautor im literarisch abschätzigen Sinne. Das spannungstrunkene Verschlingen der Mayschen „grünen Bände" gehört zu den eingestandenen Jugendsünden fast jedes bildungsbefliessenen Bürgers. Die sentimentale Erinnerung an diese garaantiert breites Interesse, das sich allerdings bei näherem Zusehen darauf beschränkt, erkennen zu wollen, wie weit man sich über seine Jugendsünde qualitativ erhoben hat. Das Bewußtsein des Geleisteten und Erreichten will sich in der literarischen Verurteilung des ehemals Anziehenden spiegeln, wobei man meint, das eigene saubere gegen das Maysche unreine Stilempfinden setzen zu können."

Es ist schade, daß viele Kritiker Unterhaltungs- und Qualitätsliteratur für entgegengesetzte Schreibmodelle halten.

 

 

Zum Schluß

Zum Thema der Unterhaltungsliteratur schreibt die Kritikerin Bridget Fowler:

„Retrospectively, we can often see that the mandarin view of what is culturally significant within a given period underestimates these sub-literary fields – both in terms of the degree of diversity of the genre and the diversity of ideological meaning within them in their continued potential for writing of artistic quality. In this context, writers disavowal of art and the implicit choice of a contract to entertain should not always delude us into taking these at face value. Unfortunately, this kind of writing – both ist production and reception – is largely uncharted."

Das Thema ist also weitgehend unbekannt... und weitgehend ungerecht beurteilt worden.

Ihrerseits beschwert sich Tanja Kinkel über die engstirnige Ansichten ihrer Zeitgenossen: "Die Trennung zwischen ernster und unterhaltender Literatur ist in Deutschland so schrecklich verkrampft" . In den literarischen Kreisen gibt es gewisse Vorurteile gegen die Unterhaltungsliteratur. Dabei stellt diese Gattung der Literatur die Antwort zu einem der wichtigsten Bedürfnisse des Menschen dar.

Und trotzdem versuchen die deutsche Kritiker, neue und qualitativ gute Autoren mit dem Stempel "Schreiber/in von (nur) Unterhaltungsliteratur" zu disqualifizieren, ohne sich die Mühe zu geben, die Arbeiten eingehend zu analysieren.

Was haben diese Kritiker gegen Unterhaltungsliteratur?

Graham Greene soll gesagt haben: "Wollen die Deutschen gar nicht unterhalten werden?".

 

 

Literaturverzeichnis

 

Werke von Tanja Kinkel

Romane

Kinkel, Tanja. Die Löwin von Aquitanien. Wahnsinn, der das Herz zerfrißt (Zwei Romane in einem Band). München: Wilhelm Goldmann Verlag. 1990.

---, Die Puppenspieler. München: Blanvalet Verlag. 1993.

---, Die Schatten von La Rochelle. München: Blanvalet Verlag. 1996.

---, Mondlaub. München: Blanvalet Verlag. 1995.

---, Unter dem Zwillingsstern. München: Blanvalet Verlag. 1998.

 

Kurze Erzählungen

 

Privat Korrespondenz mit Tanja Kinkel

 

Interviews mit der Autorin

Duhm-Heitzmann, Jutta. „Das wunderkind Tanja Kinkel: Mit 19 der erste Roman und heute Millionenauflagen." Die Zeit 103 (1997).

Duhm-Heitzmann, Jutta und Schmid-Burgk, Niko (Photo). „Wunderkind, allein zu Haus". Die Zeit 103 (1997).

 

 

Endnoten

"Eine empfehlenswerte Lektüre für alle Freunde gehobener Historienromane, (...), ohne Sentimentalitäten oder Romantizismen". M. Wichert, Regionaler OnLinedienst Freiburg 1996.

"...Tanja Kinkel, die ihre Groschenhefte zu Historienschinken aufplustert". L. Hagestedt in der Internet-Literaturzeitschrift "Grauzone".

Jutta Duhm-Heitzmann, DIE ZEIT 1997, 103

Artikel in "Neue Presse" vom 26.11.98

Artikel in "Neue Presse" vom 26.11.98

Fränkische Nachrichten, 16-3-95.

Diesen Preis haben auch Autoren wie Horst Bienek, Herbert Rosendorfer und Manfred Bieler am Anfang ihrer Karrieren bekommen.

NZZ, 1.3.1994.

Meine Gefühle schlagen Purzelbäume, 1988.

Der Prinz und der Drache, Naemi, Ester, Rachel und Ja-Ala.

Die Reise mit meiner Schwester, 1990.

Diese Geschichten werden von Kinkel auf Englisch verfaßt und können in verschiedenen Internet Sci-Fi Zeitschriften gelesen werden. Entsprechende Internet-Adressen siehe Literaturverzeichnis.

Passauer Neue Presse, Feuilleton. Internet-Referenz im Literaturverzeichnis.

Referenzen zu den literarischen Rezensionen des Blanvalet Verlags und den in allgemeinen Zeitschriften erschienenen Kritiken siehe Literaturverzeichnis.

Liste von positiven Kinkel-Kritiken, siehe Literaturverzeichnis.

L. Hagestedt. Op.cit.

DIE ZEIT 1997, Nr. 03

Siehe Note 17.

DIE ZEIT 1997, Nr. 03

Tanja Kinkel ist nicht verwandt mit dem Politiker Klaus Kinkel.

DIE ZEIT, 1998, Nr. 25

S. Beyer, DER SPIEGEL 42/1998

(Adj.; fig.; abwertend) rückständig, überholt. Wahrig, Deutsches Wörterbuch.

DER SPIEGEL 42/1998.

Wahnsinn, der das Herz zerfrißt, Goldmann 13179, München, 19/98, Seite 69.

Brief Byrons an Augusta, "Muß ich diese Frau Mutter nennen?!!!", op. cit, Seite 32

Auszug aus dem Brief von Caroline Lamb an Byron, op. cit., Seite 75.

Brief Byrons an Annabelle Milbanke, Seite 146.

z.B., Seite 57 bis 63 op. cit., fünf Briefe; Seite 159 bis 161, drei Briefe.

Zettel von Caroline Lamb, Seite 76 op. cit.

Byron a C. Lamb. Op. cit., Seite 77.

Layla, die erfundene, nicht historische Protagonistin, stammt aus einer maurisch-katillischen Ehe und wuchs im Hof des Emir von Granada, ihres Vaters, auf.

Mondlaub, Bertelsmann, Wien 1995. Seite 64.

Op. cit., Seite 122.

Op. cit., Seite 286.

Op. cit., Seite 144.

Op. cit., Seite 73 und folgenden.

Op. cit., Seite 258.

Op.cit. Seite 84.

Op. cit. Seite 92.

Op. cit., Seite 258.

Op. cit. Seite 254.

Op. cit. Seite 277.

Op. cit., Seite 28.

Op. cit., Seite 45.

Op. cit., Seite 240.

Zuerst durch die Ereignisse ihrer Kindheit (ihre Lage am maurischen Hof, mit Intrigen und Machtkämpfe) und dann durch den Einfluß vom Ifrit ist bei Layla diese Verwandlung Kind-Frau nicht gegeben.

Aus dieser Beziehung stammte eine Tochter, Elisabeth Medora (1814-1848)

Op. cit., Seite 275.

Op. cit. Seite 412.

DIE ZEIT; 1997, Nr. 03.

Nachwort op. cit., Seite 275, zweiter Absatz.

Layla und Jusufs Geist.

Tanja Kinkel veröffentlicht Science-Fiction-Geschichten in mehreren Internet On-line-Zeitschriften (siehe Literaturverzeichnis).

Es gibt Kritiker, die an Mondlaub diese globale Konzeption der Geschichte, zusammen mit der nicht nachvollziehbaren Einstellung der jungen Hauptdarstellerin, die keine historische Figur ist, kritisieren: Tanja Kinkel ist es aber trotz vielversprechender Ansätze nicht gelungen, Mondlaub mit derart viel Tiefgang auszustatten wie Die Puppenspieler, und die Abschweifung in die Welt der Märchen, die sie mit dem Erscheinen von Jusuf ben Ismail als Geist auf die Spritze trebt, wirkt eher störend. Frankfurter Nachrichten, 16.3.1995. Und auch

"Das Problem ist, daß es Tanja Kinkel nicht gelingt, die historischen Kulissen überzeugend zu gestalten. Sie setzt viele Dialoge in einer heutigen Sprache. Sie projiziert die Psychologie des 20. Jahrhunderts in feudale Verhältnisse zurück". Nürnberger Zeitung, 14.10.1995.

Siehe "Negative Kritiken" im Literaturverzeichnis. .

Große Brockhaus Enzyklopädie.

Reinische Post vom 14.10.98. Rezension über Kinkels Unter dem Zwillingsstern.

in Wahnsinn...

Für Internet-Referenz, sehe Literaturverzeichnis.

Jochen Schulte-Sasse: Karl Mays Amerika-Exotik und deutsche Wirklichkeit.

Op. cit. in Literatur für viele 2, Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (LiLi) Beiheft 2, Hg. von H. Kreuzer. Göttingen 1976. S. 124-125.

In Romance Revisited, New York University Press 1995, pages 89-99, Literature Beyond Modernism: Middlebrow and Popular Romance.

Kinkel in einem Interview für die Mannheimer Morgenzeitung am 6.10. 98.

Zitiert von T. Kinkel. Die Referenz zu dem Zitat soll in der FAZ zum Todestag vom Graham Green erschienen sein.

© María L. Barbero García