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María L. Barbero

Spring

Semester 1999

Deutsche Literatur des Expressionismus

Prof. Sigrid Bauschinger

 

 

 

Mutterschreie:

Vergleich zweier Elegien von

Else Lasker-Schüler und Rosalía de Castro

 

 

1. Einführung

 

Die elegische Dichtung hat ihre erste Darstellungen in der Antike und wurde danach von mehreren deutschen Autoren kultiviert. Das Thema des Kindstodes erscheint oft in der Literatur aller Kulturen.

Ohne auf andere Beispiele der Weltliteratur einzugehen, werde ich mich in meiner Arbeit auf zwei weibliche Stimmen konzentrieren, die ihre Klage und ihren Schmerz über den Verlust eines Kindes zum Ausdruck bringen. Es handelt sich hierbei um eine deutsche Dichterin, Else Lasker-Schüler, und um eine spanische, Rosalía de Castro. Ich werde in meinem Paper durch meine Analyse zeigen, wie das persönliche Erlebnis in die Dichtung dieser beiden Autorinnen einfließt, und wie sie ihre dichterischen Fähigkeiten dazu benutzen, den Schmerz zu einem künstlerischen Höhepunkt auszuarbeiten, der beiden zu einer Art Beruhigung und innere Akzeptanz des Geschehens verhelfen soll.

Außerdem möchte ich auch noch auf einige bemerkenswerte Gemeinsamkeiten hinweisen, die diese zwei Dichterinnen teilen. Trotz geographischer, zeitlicher und kultureller Entfernung sind diese Gemeinsamkeiten dafür verantwortlich, daß die Dichtung der beiden Autorinnen eine Ähnlichkeit ausweist, wie man sie nur von "verwandten Seelen" erwarten würde.

 

2. Rosalía de Castro

a. Biographische Zusammenfassung

Castro wurde am 21.2.1837 in Santiago de Compostela geboren. Sie wird als bedeutendste spanische Lyrikerin des 19. Jahrhunderts gefeiert. Sie schrieb ihre Gedichte —mit Ausnahme der Sammlung "An den Ufern des Sar" (1884)— in galicischen Sprache. Andere Werke sind "Cantares gallegos" (mit Volkslied-Töne), 1863, und "Follas novas", 1880, ein viel intimeres Buch in dem ihre Angst vor dem Tod und ihre Einsamkeit und Erbitterung wegen unerfüllter Wünsche zum Ausdruck gebracht werden. In Versen voll Schwermut und Trauer stellt sie die Armut und Not der Galicier sowie die Schönheit der galicischen Landschaft der Dürre des zentralen Kastiliens gegenüber. Ihre von Heine und Bécquer beeinflußte Lyrik bereitete die Erneuerung des Modernismus vor. Castro verfaßte auch zum Teil autobiographisch gefärbte Romane und Erzählungen ("La hija del mar", 1859; "Flavio", 1861; "Ruinas", 1864) sowie den an E. T. A. Hoffmann gemahnenden Roman "El caballero de las botas azules" (1867). Sie starb in Padrón, Provinz La Coruña, am 15.7.1885 an Krebs.

Castro wurde als illegitime Tochter eines katholischen Priesters und einer Frau niedrigen Adelstands geboren. Ihre Herkunft und ihre Kindheit, getrennt von Mutter und Vater, haben sie sehr geprägt. Sie wurde von zwei Schwestern ihres Vaters großgezogen. Erst mit fünfzehn Jahren ist sie zu ihrer Mutter gezogen. Obwohl sie nur sechs Jahre zusammen erlebten bis Rosalía 1858 heiratete, hat sie ihre Mutter abgöttisch geliebt und nach ihrem frühen Tod sehr vermißt. Das hat einige ihrer Kritiker und Biographen dazu veranlaßt zu denken, daß es zwischen den beiden schon während ihrer Kindheit eine enge Beziehung gegeben haben muß, im Gegensatz zur allgemein akzeptierten Meinung, die Mutter habe sich ihretwegen geschämt und sie anderen Menschen überlassen.

Rosalía de Castro heiratete Manuel Murguía, einen Intellektuellen, der sie dazu brachte, ihre Verse zu veröffentlichen. Aus dieser Ehe sind sieben Kinder geboren. Das sechste Kind, Adriano, ist mit 18 Monaten bei einem Unfall zu Hause ums Leben gekommen. Ihm hat sie das Gedicht gewidmet, das ich hier analysieren möchte.

Obwohl sie am Anfang ihrer Ehe sehr oft Murguía zu seinen wechselnden Arbeitsstellen begleitete, hat Rosalía später lange Zeit in Galicien bei ihren Kindern verbracht, während ihr Mann in Madrid arbeitete.

Castro wird als eine der wichtigsten literarischen Stimmen in der Spanischen und Galicischen Literatur gefeiert. Ihre Verse, in denen das melancholische Bild ihrer Heimat vorherrscht (der Regen, die traurige Stimmung, die Erinnerung an den Tod) gelten als Erneuerung in der Spanischen dichterischen Landschaft ihres Jahrhunderts. Die romantischen Einflüsse sind sehr wichtig und sie wird als erste große Dichterin Spaniens angesehen.

 

b. Das Gedicht an Adriano

Kurz nach dem Verlust ihres Sohnes schreibt Rosalía de Castro folgendes Gedicht, das sich an der Tradition der Elegie orientiert, auch wenn die Versmaße nicht mit den Elegien der Antike vergleichbar sind:

Es war ein ruhiger Tag

lauwarm das Wetter,

und es regnete unaufhörlich,

schweigsam und sanft;

und während ich leise

weinte und schluchzte

mein Kind, zarte Rose,

schlafend starb.

 

Als es aus dieser Welt schied, was für eine Ruhe auf seiner Stirn!

Als ich es gehen sah, was für ein Unwetter auf meiner!

 

Erde über die unbegrabene Leiche

bevor sie sich zu zersetzen beginnt..., Erde!

Das Grab ist schon zu, beruhigt Euch,

sehr bald wird aus den frischen Brocken Erde

grün und kräftig das Gras wachsen.

 

Was sucht ihr bei den Gräbern,

traurigen Blickes, Gedanken bewölkt?

Macht euch keine Sorgen um das, was wieder zu Staub wird!

Nie wird derjenige, der im Grabe ruht

zurückkommen, um euch zu lieben oder zu beleidigen.

 

 

Nie! Ist es war, daß alles

für immer endet?

Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

und auch die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

 

Du bist für immer gegangen; aber meine Seele

wartet immer noch mit liebevollem Eifer,

und du wirst kommen, oder ich werde gehen, Schatz meines Lebens

dahin, wo wir uns treffen werden.

 

Etwas von dir ist in meinem Inneren geblieben,

das nie sterben wird

und Gott, gerecht und gut wie er ist,

wird dies nie von mir trennen.

Im Himmel, auf der Erde, im Unergründlichen

werde ich Dich finden und Du mich.

Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

und die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

 

Aber... es ist wahr, er ist weg

und wird nie wieder zurückkehren.

Es gibt nichts Ewiges für den Menschen, Gast

für einen Tag in dieser irdischen Welt

wo er geboren wird, lebt und dann stirbt,

genauso wie Alles hier geboren wird, lebt und dann stirbt.

 

Es handelt sich hiermit um acht unregelmäßige Strophen unterschiedlicher Länge und Reim (meine Übersetzung reimt sich selbstverständlich nicht, aber die spanische Originalverse haben einen weiblichen Reim). Es gibt Strophen mit zwei, vier, fünf, sechs und acht Versen. Mehr Variationen sind kaum vorstellbar, und sie sprechen über die Verzweiflung der Autorin, die ihren Schmerz nicht durch einen festen Reim zügeln kann. Die zweite Strophe könnte man als elegisches Distichon in der alten griechischen Tradition lesen. Die Abwechslung von kurzen und langen Strophen wird in der Spanischen Literatur als Einfluß von romantischen Autoren des 19. Jahrhunderts angesehen, darunter José de Espronceda und G. A. Bécquer.

Was das Thema angeht, haben wir hier zwei poetologische Ebenen, die man ganz klar unterscheiden kann: die innere der Autorin und die äußere, die das tägliche Leben und das Geschehen darstellt.

In der ersten Strophe wird eine Lagebeschreibung gegeben:

 

Es war ein ruhiger Tag

lauwarm das Wetter,

und es regnete unaufhörlich,

schweigsam und sanft;

und während ich leise

weinte und schluchzte

mein Kind, zarte Rose,

schlafend starb.

 

Die Umgebung wird als ruhig beschrieben; der galicische Regen und die melancholische Stimmung werden dargestellt. Die tragische Situation wird leidenschaftslos dargestellt: die Mutter weint und schluchzt, das Kind stirbt "schlafend".

Als es aus dieser Welt schied, was für eine Ruhe auf seiner Stirn!

Als ich es gehen sah, was für ein Unwetter auf meiner!

 

In diesem elegischen Distichen ist wieder ein Vergleich zwischen den beiden Lagen zu erkennen: Ruhe bei dem Kind, Verzweiflung ("Unwetter") bei der Mutter.

Erde über die unbegrabene Leiche

bevor sie sich zu zersetzen beginnt..., Erde!

Das Grab ist schon zu, beruhigt Euch,

sehr bald wird aus den frischen Brocken Erde

grün und kräftig das Gras wachsen.

 

Die dritte Strophe ist ein Versuch, die Wirklichkeit objektiv darzustellen. Die Mutter entfernt sich so sehr vom Geschehen, daß sie sogar die Kraft hat, externe Beobachter des Geschehens zur Ruhe zu berufen ("beruhigt Euch"). Die Details, die präsentiert werden (die Leiche wird sich zersetzen, das Gras wird auf dem Grab wachsen) scheinen von einem äußeren Ich der Dichterin zu kommen, die versucht, Distanz zu bewahren. Die gleiche distanzierte Stimmung herrscht in der nächsten Strophe:

Was sucht ihr bei den Gräbern,

traurigen Blickes, Gedanken bewölkt?

Macht euch keine Sorgen um das, was wieder zu Staub wird!

Nie wird derjenige, der im Grabe ruht

zurückkommen, um euch zu lieben oder zu beleidigen.

 

Die Autorin scheint ironischerweise gegen diejenigen zu rebellieren, die traurig und betroffen durch den Tod des Kindes sind ("Was sucht ihr..."). Sie benutzt dafür Trostwörter, die sie vermutlich als Mutter von anderen hören mußte ("Nie wird derjenige,[...] zurückkommen"). Aber in der nächsten Strophe wird sie dieses gleiche Argument mit einer rhetorischen Frage ("Nie! Ist es war, daß alles für immer endet?") umdrehen:

Nie! Ist es war, daß alles

für immer endet?

Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

und auch die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

 

Die Dichterin ist aus dem äußeren Ich in das innere Ich zurückgekehrt. Ihre eigene Gedanken, ihre eigene Philosophie wird dargestellt ("das, was ewig ist kann nicht enden, und auch die Unendlichkeit kann kein Ende haben"), um Hoffnung zu schaffen.

Du bist für immer weggegangen; aber meine Seele

wartet immer noch mit liebevollem Eifer,

und du wirst kommen, oder ich werde gehen, Schatz meines Lebens

dahin, wo wir uns treffen werden.

 

Die mütterlichen Gefühle kommen dann ans Licht, zusammen mit der Hoffnung von einem Wiedersehen zwischen Mutter und Kind. Die Wirklichkeit wird durch die geistige Empfindung ersetzt. Das Kind wird mit Kosenamen genannt.

Etwas von dir ist in meinem Inneren geblieben,

das nie sterben wird

und Gott, gerecht und gut wie er ist,

wird dies nie von mir trennen.

Im Himmel, auf der Erde, im Unergründlichen

werde ich Dich finden und Du mich.

Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

und die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

 

In der siebten Strophe kommt die klare religiöse Aussage: etwas vom Kind wird bei der Mutter unsterblich sein ("Etwas von dir ist in meinem Inneren geblieben, das nie sterben wird"), und Gott und der Himmel werden als Zeugen beschworen. Die Strophe endet mit dem Leitmotiv, das in der fünften Strophe die Wendung der Stimmung im Gedicht ankündigte:

Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

und die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

 

Vorher war das Versprechen eines Wiedersehens ausgesprochen worden ("werde ich Dich finden und Du mich").

In der letzten Strophe kehren Vernunft ("es ist wahr, er ist weg und wird nie wieder zurückkehren") und philosophische, rationale Gedanken in die Autorin zurück. Am Ende hat man das Gefühl, daß sie sich vom Geschehen distanziert hat, vielleicht durch ihre vorher ausgedruckte Überzeugung, daß die Trennung von ihren Kind nur zeitlich ist:

Aber... es ist wahr, er ist weg

und wird nie wieder zurückkehren.

Es gibt nichts Ewiges für den Menschen, Gast

für einen Tag in dieser irdischen Welt

wo er geboren wird, lebt und dann stirbt,

genauso wie Alles hier geboren wird, lebt und dann stirbt.

 

 

3. Else Lasker-Schüler

a. Biographische Zusammenfassung

Else Lasker-Schüler wurde am 11. Februar 1869 als Tochter eines Bankiers in Wuppertal-Elberfeld geboren. Sie hatte eine sehr enge Beziehung zu ihrer Mutter, deren Tod 1890 ein großer Verlust für Lasker-Schüler war. Ihre ersten Gedichte erschienen 1899. Sie lebte lange Jahre in Berlin (wo ihr Sohn Paul am 24.8.1899 geboren wurde) und war in den literarischen Cafés zu Hause. Sie traf mit vielen Künstlern und Schriftstellern ihrer Zeit zusammen. Sie war zweimal verheiratet. Sie lebte von ihren literarischen Produktionen und ihren Zeichnungen; aber immer mit Geldsorgen. Der Sohn war ein begabter Zeichner und sie liebte ihn abgöttisch. M. Schmid-Ospach behauptet, "Die grenzenlose Liebe zur Mutter und zum Bruder Paul übertrug sich und vereinte sich auf den Sohn Paul". Er starb 28jährig am 14 Dezember 1927 in Berlin.

Über den Tod des Sohnes schreibt sie: "Am Abend, bevor er starb, empfand ich ihn wieder zweijährig. Ich hätte ihn tragen können, einsingen können in den Todesschlaf... Wenn ein Kind stirbt, weiß man, daß Raum und Zeit Zustand ist, und man vermag nur zu knien, sein Kind im Sterben zu erreichen."

Das Gedicht "An mein Kind" erschien in drei Bücher der Autorin: "Konzert" (1932), "Hebräerland" (1937) und "Mein blaues Klavier" (1943).

1933 hatte sie emigrieren müssen, zuerst in die Schweiz, dann nach Israel. Am 22. Januar 1945 starb sie in Jerusalem.

 

b. Das Gedicht an Paul

Dieses Gedicht ist in elegischen Distichen geschrieben. Der Reim ist frei, einige Verse sind kürzer, andere lang.

An mein Kind

 

Immer wieder wirst du mir

Im scheidenden Jahre sterben, mein Kind,

 

Wenn das Laub zerfließt

Und die Zweige schmal werden.

 

Mit den roten Rose

Hast du den Tod bitter gekostet,

 

Nicht ein einziges welkendes Pochen

Blieb dir erspart.

 

Darum weine ich sehr, ewiglich.....

In der Nacht meines Herzens.

 

Noch seufzen aus mir die Schlummerlieder,

Die dich in den Todesschlaf schluchzten,

 

Und meine Augen wenden sich nicht mehr

Der Welt zu;

 

Das Grün des Laubes tut ihnen weh.

— Aber der Ewige wohnt in mir.

 

Die Liebe zu dir ist das Bildnis,

Das man sich von Gott machen darf.

 

Ich sah auch die Engel im Weinen,

Im Wind und im Schneeregen.

 

Lasker-Schülers Gedicht ist thematisch in Paaren organisiert. Die erste zwei Distichen beinhalten eine Aussage darüber, daß der Schmerz über den Verlust des Sohnes die Dichterin immer begleiten wird:

Immer wieder wirst du mir

Im scheidenden Jahre sterben, mein Kind,

Wenn das Laub zerfließt

Und die Zweige schmal werden.

 

In den nächsten zwei wird die Erinnerung an das Leiden deutlich, das der Sohn ertragen mußte:

Mit den roten Rose

Hast du den Tod bitter gekostet,

 

Nicht ein einziges welkendes Pochen

Blieb dir erspart.

 

Die nächsten zwei sind eine Aussage über den grenzenlosen Schmerz der Mutter, und über die Ewigkeit, die sie für diesen Schmerz voraussagt:

Darum weine ich sehr, ewiglich.....

In der Nacht meines Herzens.

 

Noch seufzen aus mir die Schlummerlieder,

Die dich in den Todesschlaf schluchzten,

 

Das siebte Distichon druckt die Beziehung der Dichterin zur restlichen Welt aus; der Tod des Sohnes bedeutet für sie Isolierung und Erlöschen des Interesses an anderen Sachen:

Und meine Augen wenden sich nicht mehr

Der Welt zu;

 

Und dann spricht sie über den Gegensatz zwischen dem Irdischen, dem Zeitlichen (Das Grün des Laubes, das ihren Augen weh tut) und dem Ewigen, dem Göttlichen, das sie tröstet und in ihr wohnt:

Das Grün des Laubes tut ihnen weh.

— Aber der Ewige wohnt in mir.

Und diese Erwähnung des Ewigen ist die Einführung zu dem, was ich als Hauptaussage des Gedichtes sehe:

Die Liebe zu dir ist das Bildnis,

Das man sich von Gott machen darf.

 

Man kann behaupten, daß für Lasker-Schüler die Liebe der Mutter zum Kinde mit der himmlischen Liebe gleichgestellt ist. Diese Liebe vermittelt eine geistige Kraft, die zur Wiedergeburt führt und die das ewige Leben ankündigt. Und hiermit wird auch die Verbindung zum letzten Distichon gebildet, in dem das Himmlische (der Engel) mit dem Menschlichen verbunden wird (der Engel weint) und in dem die Natur als Kulisse des Ganzen vorherrscht:

Ich sah auch die Engel im Weinen,

Im Wind und im Schneeregen.

 

4. Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen beider Autorinnen

Rosalía de Castro und Else Lasker-Schüler verfügen über gewisse biographische Erfahrungen, die ähnliche Auswirkungen auf beide Dichterinnen gehabt haben. Beide haben ihre literarische Karriere als Dichterinnen angefangen (Rosalía in 1857, zwanzigjährig; Lasker-Schüler in 1899, mit dreißig Jahren).

Man sollte die Tatsache beachten, daß sowohl Lasker-Schüler als auch Castro als "dichtende Frauen" einen besonderen Minderheits-Status in ihren Gesellschaften genossen. Während Lasker-Schüler aus einer jüdischen Familie stammte, stammte Castro aus einer Region Spaniens (Galicia), die eine eigene Geschichte und Mythologie hat und deren Einwohnern eine sehr ausgeprägte melancholische Empfindsamkeit zugesprochen wird.

Was den sozialen Status angeht, war die Entwicklung beider Frauen umgekehrt: Else Lasker-Schüler, die in einer wohlhabenden Bourgeois Familie geboren wurde, hat sich absichtlich vom bürgerlichen Dasein distanziert; Rosalía de Castro, uneheliche Tochter eines katholischen Priesters, hat sich in mit Mühe die Anerkennung der bürgerlichen Gesellschaft "eingearbeitet".

Der Einfluß der Liebe zur Mutter war in beiden Autorinnen sehr groß.

Bezüglich der thematischen und ästhetischen Ähnlichkeiten beider Gedichte, möchte ich auf folgende Punkte aufmerksam machen:

 

  1. Die Autorinnen schreiben elegische Gedichte an den verlorenen Sohn. Obwohl Paul Lasker schon erwachsen war, als er gestorben ist, präsentiert ihn Else Lasker-Schüler in ihrem Gedicht wie ein Kind. Beide Dichterinnen erleben den Tod des Kindes wie ein Schlaf, für den sie ein leises Lied singen:
  2. Lasker-Schüler

    Rosalía

    Noch seufzen aus mir die Schlummerlieder,

    Die dich in den Todesschlaf schluchzten,

    während ich leise

    weinte und schluchzte

    mein Kind, zarte Rose,

    schlafend starb.

     

     

  3. Sie beschreiben der Zustand der Natur, als das Kind starb:
  4. Lasker-Schüler

    Rosalía

    a) Wenn das Laub zerfließt

    Und die Zweige schmal werden

    b) Im Wind und im Schneeregen.

    Es war ein ruhiger Tag

    lauwarm das Wetter,

    und es regnete unaufhörlich,

    schweigsam und sanft;

     

     

  5. Sie präsentieren eine lebendige und kräftige Natur im Gegensatz zum toten Kind:
  6. Lasker-Schüler

    Rosalía

    Das Grün des Laubes tut ihnen (meinen Augen) weh

    sehr bald wird aus den frischen Brocken Erde

    grün und kräftig das Gras wachsen

     

     

  7. In ihrem Schmerz distanzieren sie sich von den anderen Menschen und vom Rest der Welt:
  8. Lasker-Schüler

    Rosalía

    Und meine Augen wenden sich nicht mehr

    Der Welt zu

    Was sucht ihr bei den Gräbern,

    traurigen Blickes, Gedanken bewölkt?

    Macht euch keine Sorgen um das, was wieder zu Staub wird!

     

     

  9. Sie behaupten, etwas vom Kind lebt ewig in ihnen:
  10. Lasker-Schüler

    Rosalía

    a) — Aber der Ewige wohnt in mir.

    b) Darum weine ich sehr, ewiglich.....

    a) Du bist für immer weggegangen; aber meine Seele

    wartet immer noch mit liebevollem Eifer,

    und du wirst kommen,

    b) Etwas von dir ist in meinem Inneren geblieben,

    das nie sterben wird

    c) Nein, das, was ewig ist kann nicht enden,

    und auch die Unendlichkeit kann kein Ende haben.

     

     

  11. Sie präsentieren religiöse Bilder:
  12. Lasker-Schüler

    Rosalía

    a) Die Liebe zu dir ist das Bildnis,

    Das man sich von Gott machen darf.

    b) Ich sah auch die Engel im Weinen

    a) und Gott, gerecht und gut wie er ist,

    wird dies nie von mir trennen.

    c) Im Himmel, auf der Erde, im Unergründlichen

    werde ich Dich finden und Du mich.

     

     

  13. Sie rufen das Kind mit Kosenamen:
  14. Lasker-Schüler

    Rosalía

    mein Kind.

    Schatz meines Lebens ("bien de mi vida")

     

     

  15. Zum Schluß drücken beide Autorinnen ihre Zuversicht aus, daß sie sich mit ihren Kinder wieder treffen werden, auch wenn dieser Gedanke bei Lasker-Schüler nicht so positiv geladen ist wie bei Rosalía de Castro.

Lasker-Schüler

Rosalía

Immer wieder wirst du mir

Im scheidenden Jahre sterben, mein Kind,

Im Himmel, auf der Erde, im Unergründlichen

werde ich Dich finden und Du mich.

 

 

Es ist fraglich, ob Else Lasker-Schüler das Werk Rosalías gekannt hat und somit ein Einfluß Castros auf Lasker-Schüler zu begründen wäre.

Wenn kein Einfluß nachzuweisen ist, kann man davon ausgehen, daß ihre schmerzhafte Erfahrung beide Dichterinnen dazu veranlaßt hat, ihrem Schmerz Ausdruck zu verleihen. Daß sie ähnliche Bilder und Ausdrücke benutzen, könnte in der Tatsache liegen, daß gewisse Lebenserfahrungen in beiden Autorinnen eine ähnliche Empfindsamkeit bewirkt haben.

 

 

 

Verzeichnis der verwendeten Literatur

Bücher

Über Rosalía de Castro

Über Else Lasker-Schüler

 

Audiovisuelle Media

Encarta 97 Enzykloplädie (Microsoft Corporation) (Zu Versmaße)

 

Internet-Seiten

Auf Deutsch

Lasker-Schüler

http://members.aol.com/woheisch/linksd1.htm#inhalt

http://www.els.gesellschaft.wtal.de/

Rosalía de Castro und Galicien

http://homepages.uni-tuebingen.de/kabatek/normen.htm

http://www.fu-berlin.de/fun/10-98/w1.htm

Auf Englisch

Lasker-Schüler

http://www.igc.apc.org/ddickerson/lasker-schueler.html

http://www.userpage.fu-berlin.de/~markhall/elsch.html

http://www.boydell.co.uk/1838.HTM

Rosalía de Castro und Galicien

http://inferno.asap.um.maine.edu/faculty/march/Rosalia.html

Auf Spanisch

Lasker-Schüler

http://www.escuela-interlet.com/critico/critico4/4crit4.htm

http://www.geocities.com/Athens/Acropolis/7894/alefem.html

Rosalía de Castro und Galicien

http://www.ctv.es/USERS/mforca/prolcantares.htm (Auf Galicisch)

 

 

 

 

Anmerkungen

1. Die Elegie (aus dem Griechischen élegos: Klagelied) ist unter formalen Aspekten ein Gedicht jedweder Thematik in elegischen Distichen, unter inhaltlichen Aspekten ein wehmütig-resignatives Klagegedicht. In der griechischen Antike, wo die Elegie im 7. Jahrhundert v. Chr. in Ionien entstand, war zumeist die erstere Form vorherrschend (nur das Epigramm wurde nicht der Elegie zugerechnet), während sich bereits im antiken Rom (etwa bei Catull und Kallimachos) der Kanon immer mehr auf das Klagemoment hin verengte.

In Deutschland führte Martin Opitz die lyrische Gattung ein und versah sie mit einem persönlich-melancholischen Ton, der das Vergangene betrauern sollte. Friedrich Gottlieb Klopstock etablierte dann die Elegie unter Rückgriff auf das elegische Distichon der Antike. Bedeutende Elegien der Klassik schufen Goethe (Römische Elegien) und Schiller (Das Ideal und das Leben), doch wurde die Form erst von Friedrich Hölderlin mit Menons Klage um Diotima, Heimkunft oder Der Wanderer vollendet. Weitere Elegien stammen etwa von Paul Fleming, Friedrich Freiherr von Logau (1604-1655), Johann Christoph Gottsched, Matthias Claudius, Eduard Möricke, Franz Grillparzer, Rainer Maria Rilke (Duineser Elegien), Franz Werfel, Georg Trakl, Bertolt Brecht (Buckower Elegien), Karl Krolow, Gottfried Benn, Paul Celan, Ingeborg Bachmann, Nelly Sachs und anderen.

2. In "A mi madre" ("Meiner Mutter"), ein kleiner Gedichtband, der nach dem Tod der Mutter veröffentlicht wurde, sagt sie:

¡Ay, que profunda tristeza!

¡Ay, qué terrible dolor!

Ella ha muerto y yo estoy viva.

Ella ha muerto y vivo yo.

(So ein tiefer Trauer,

so ein schrecklicher Schmerz.
Sie ist tot und ich lebe.

Sie ist tot und lebendig bin ich.)

3. Marina Mayoral, Introducción a «En las orillas del Sar», en Clásicos Castalia, Madrid, 1978. Pág. 12.

4. "Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bezeichnete Manuel Murguía, eine der wichtigsten Persönlichkeiten des galicischen Rexurdimento, der sprachlich-literarischen Wiedergeburt, Autor eines monumentalen galicischen Geschichtswerks, Ehemann Rosalía de Castros und erster Präsident der Real Academia Gallega, die Ähnlichkeit mit dem Portugiesischen als Maßstab für die Reinheit des Galicischen" (Aus http://homepages.uni-tuebingen.de/kabatek/normen.htm)

5. "Sprachwissenschaftlich gesehen ist das Galicische in erster Linie mit dem Portugiesischen verwandt. Beide haben sich aus dem ,,Galego-Portugués" (Galicisch-Portugiesisch) entwickelt, einem Dialekt des Lateins, der sich in der nordwestlichen Region der iberischen Halbinsel herausgebildet hatte. Während das Portugiesische sich weit verbreitete, ist Galicisch immer eine ,,kleine" unter den romanischen Sprachen geblieben." (Aus http://www.fu-berlin.de/fun/10-98/w1.htm)

6. Dies ist meine Übersetzung vom Original Gedicht, das lautet

Era apacible el día

y templado el ambiente,

y llovía, llovía,

callada y mansamente

y mientras silenciosa

lloraba yo y gemía,

mi niño, tierna rosa,

durmiendo se moría.

Al huir de este mundo, ¡qué sosiego en su frente!

Al verle yo alejarse, ¡qué borrasca en la mía!

Tierra sobre el cadáver insepulto

antes que empiece a corromperse..., ¡tierra!

Ya el hoyo se ha cubierto, sosegaos,

bien pronto en los terrones removidos

verde y pujante crecerá la hierba.

¿Qué andáis buscando en torno de las tumbas,

torvo el mirar, nublado el pensamiento?

¡No os ocupéis de lo que al polvo vuelve!

Jamás el que descansa en el sepulcro

ha de tornar a amaros ni a ofenderos.

¡Jamás! ¿Es verdad que todo

para siempre acabó ya?

No, no puede acabar lo que es eterno,

ni puede tener fin la inmensidad.

Tú te fuiste por siempre; mas mi alma

te espera aún con amoroso afán,

y vendrás o iré yo, bien de mi vida,

allí donde nos hemos de encontrar.

Algo ha quedado tuyo en mis entrañas

que no morirá jamás,

y que Dios, porque es justo y porque es bueno,

a desunir ya nunca volverá.

En el cielo, en la tierra, en lo insondable

yo te hallaré y me hallarás.

No, no puede acabar lo que es eterno,

ni puede tener fin la inmensidad.

Mas... es verdad, ha partido

para nunca más tornar.

Nada hay eterno para el hombre, huésped

de un día en este mundo terrenal,

en donde nace, vive y al fin muere,

cual todo nace, vive y muere acá.

7. Die romanischen Sprachen wie etwa Französisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch verwenden ein anderes System der Verslehre, das sich möglicherweise teilweise aus spät- oder vulgärlateinischen Vorbildern entwickelt hat. Man nennt dieses System alternierend, weil innerhalb einer Zeile die Anzahl der Silben und nicht Betonung oder Länge der wichtigste Faktor ist.

In Madrid hat Rosalía nicht weit von Bécquer gelebt und sie haben sich persönlich gekannt.

In Wirklichkeit ist Adriano nicht im Schlaf gestorben, sondern als Folge eines Falls zu Hause. Das Kind hat sich den Kopf geschlagen und war sofort tot (E. Montero, Rosalía de Castro. La luz de la negra sombra. Silex: Madrid 1985. Seiten 151-152).

8. Sie hat einige Gedichte für ihre Mutter geschrieben:

Mutter

Ein weisser Stern singt ein Totenlied

In der Julinacht,

Wie Sterbegeläut in der Julinacht.

Und auf dem Dach die Wolkenhand,

Die streifende, feuchte Schattenhand

Sucht nach meiner Mutter.

In fühle mein nacktes Leben,

Es stösst sich ab vom Mutterland,

So nackt war nie mein Leben,

So in die Zeit gegeben,

Als ob ich abgeblüht

Hinter des Tages Ende,

Versunken

Zwischen weiten Nächten stände,

Von Einsamkeiten gefangen.

Ach Gott! Mein wildes Kindesweh!

...Meine Mutter ist heimgegangen.

(GW I. S. 13)

9. Schmid-Ospach, op. cit. S. 16.

10. Gotthard Gudert, op. cit. S. 59.

 

 © María L. Barbero García