Dies ist –virtuell & überhaupt- das erste Buch über den Schweizer Dichter & Filmemacher MATTHIAS ZSCHOKKE.

Das Libell will eine Hinführung, Einführung & Verführung zu Zschokke sein. Nicht mehr - nicht weniger.

Die umfangreiche Bibliographie weist Materialien für weitere Studien über Zschokke nach, mag eine Basis für den akademischen Diskurs bilden. Eine biographische Zeittafel rundet das Libell ab.

"Nein, zur Herde der Augenblicks - Schriftsteller gehört dieser Matthias Zschokke nicht... Bereits im ersten Buch hat er unverwechselbar seinen Stil gefunden, und sein ureigener literarischer Ton macht Zschokke unter den Autoren seiner Generation zu einem Exponenten der neuen deutschsprachigen Belletristik in den achtziger und neunziger Jahren.Und auch im 21. Jahrhundert bleibt er hochaktuell."


Niels Höpfner

 


 

 

 

N i e l s  H ö p f n e r

 

 



ZSCHOKKE

Ein sanfter Rebell

 

Bibliographie 1991-2oo6










 

 

 

 

 

 

 





 

 

 

 

 

 

 

 

 

 





Für Otto E. Mezzo-
"auf den Knien meines Herzens"








 

Inhalt

Max 
Prinz Hans 
Elefanten können nicht in die Luft springen,
weil sie zu dick sind -oder wollen sie nicht-
 
ErSieEs 
Edvige Scimitt 
Brut 
Der Wilde Mann 
Die Alphabeten 
Piraten 
Der reiche Freund 
Der dicke Dichter 
Erhöhte Waldbrandgefahr 
Die Exzentrischen 
Das lose Glück 
Die Einladung 
Die singende Kommissarin 
Ein neuer Nachbar
Raghadan
Maurice mit Huhn


Bibliographie 
Zeittafel 

Drei Interviews  
Matthias Zschokke: Der Anzug 










 

MATTHIAS ZSCHOKKE

 

 








 

 

...wir zerschellen an uns, zerbersten, zersplittern am Traum,

halten uns nieder im Wunsch, sehnen, sehnen, sehnen, und kein Leben.

MATTHIAS ZSCHOKKE, BRUT







M

it einem Paukenschlag betrat er die literarische Szene- der (am 29. Oktober) 1954 in Bern geborene Autor Matthias Zschokke: Nach einer Lesung im Frühjahr bei den "Solothurner Literaturtagen" wurde ihm am 22. November 1981 für seinen erst im folgenden Jahr (!) erschienenen Roman Max der mit 2o ooo Schweizer Franken dotierte Robert-Walser-Preis der Stadt Biel und des Kantons Bern verliehen. Matthias Zschokke ist ein Nachfahre des eidgenössischen Schriftstellers Heinrich Zschokke (1771-1848), der ein zigbändiges Œuvre verfaßte (ein noch heute bekannter Titel: Hans Dampf in allen Gassen) und Kleists Zerbrochnen Krug initiierte, der außerdem ein großer liberaler Demokrat war.





Max

Lesern mit konventionellen Lektüre-Gewohnheiten dürfte Max wie ein epischer Trümmerhaufen vorkommen. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich bei dem Buch um eine höchst kunstvolle Zertrümmerung des literarischen Phänotyps "Roman". Adorno hat, Hegel vom Kopf auf die Füße stellend, in Zusammenhang mit Literatur einmal geschrieben: "Das Ganze ist das Unwahre."

Ein changierendes Vexierbild: um sich an ihre vielfältige Eigentlichkeit vorsichtig heranzutasten, hat der Autor seine Figur Max episch atomisiert, dem Leser wird es überlassen, sie sich selbst wieder zu synthetisieren. Vor aller Augen knetet Zschokke aus dem Werkstoff Sprache sich einen Max zurecht, lesend nimmt man teil am Aufbau dieser Person, an dem Prozeß ihrer Kreation, und nie ist oder wird Max eine fix und fertige Romanfigur, der Autor hat sich als Ziel gesetzt, allenfalls eine größtmögliche Annäherung an sie zu erreichen, weil er davon überzeugt ist, daß Menschen nicht bis zum letzten Grund auslotbar sind (und bestimmt nicht zwischen zwei Buchdeckeln). Das Problem der "Identität". Max oder: ein Enkel von Gantenbein.


Max. Wer ist dieser Max? Ohne Zirkelschluß umkreist ihn der Autor in immer wieder neuen Anläufen: Max "schläft den ruhigen Bürgerschlaf, den bei gleichmäßigem Regen". ..."Max ist nicht männlich-schön, Max ist bürgerlich-schön, unauffällig, mehr rein, mehr sauber als schön. Er denkt viel über sich nach, wie gesagt, und er möchte gern anders sein. Wie alle." ..."Max kann tun und lassen, was er will, er wirkt immer so wie Öl auf Wasser. Er breitet eine geordnete, überschaubare Atmosphäre um sich aus/ wenn er die Bar betritt, sind die Rocker schon weg/ wenn er zur Hure geht, hat sie keine Syphilis/ wenn er beim Griechen ißt, ist das Fleisch frisch/ wenn er vergewaltigt wird, ist der Vergewaltiger liebenswert..." ..."Waschlappen nannte man so einen früher, und Max war auch wirklich wie ein nasses Tuch, nur tropfte er nicht und war auch angenehmer anzufassen."

Max ist eine "Zeit-Erscheinung" und dreiundzwanzig Jahre alt. Er hat bereits eine Zukunft als Schauspieler hinter sich. Vom Theater ist er abgegangen, weil er nicht glaubte, "Menschen seien durchschaubar, auffächerbar, zerlegbar, auffädelbar". Die Bühne mit ihrem verstaubten schönen Schein, mit ihren aufs Stichwort dressierten Akteuren kam ihm vor wie ein Exerzierplatz der Lüge: "Das Theater ist eine böse Institution, weil das Theater das Chaos nie zugeben wird, weil das Theater immer gegen Anarchie sein wird."

Ja, so eine Prise Anarchie und Chaos vermißt Max schmerzlich, in dieser verordneten Ordnungswelt mit all ihren Ordentlichkeiten. Er rafft sich auf zu kleineren Protesthandlungen: klebt Fahrkartenautomaten mit Leim zu, zeigt einem Kontrolleur nicht sein Billett vor, läuft bei Rot über die Straße, klaut im Warenhaus Streichhölzer, verbrennt seinen Paß, trägt "den Kopf nicht mehr auf Verbotshöhe". Aber: "Er ist kein Held geworden."

Bisweilen träumt dieser Max mit dem so komplizierten Innenleben sogar davon, in die Niederungen des Gewöhnlichen hinabsteigen zu können: "Ich müßte nicht individuell sein, ich müßte nicht originell sein, ich müßte nicht mehr darüber nachdenken, wie ich mich wohl von der Masse absetzen könnte, ich dürfte Masse sein, ich dürfte einfach so vor mich hinleben... Ich hätte nie mehr das Gefühl, daß ich mit Leuten zusammensitze, die alle viel klüger und viel sensibler und viel menschlicher sind als ich..." Gegen Ende ist Max "nur noch ein Zustand. ...Man spürt ihn kaum noch. Riecht ihn nicht. Er hüllt seinen Geruch in einen langen Mantel". Trotzdem gibt Max sich nicht auf: "Max kennt einen, dem es schlechter geht. Mit vollem Namen. Max ist zuversichtlich."                                                                                   

Die Schlußpassagen des Romans sind achtmal überschrieben: "Letztes Kapitel"- den Geist Max, den er rief, wie wird er ihn bloß wieder los, sein Autor? Eulenspiegel Zschokke läßt Max einen "großen, beliebten" Volksschauspieler in Neu Delhi werden, läßt ihn von einem Auto überfahren werden, läßt ihn von der Lava des Vesuvs zugeschüttet werden, damit er als freudloses Exemplar des heutigen Homo sapiens der Nachwelt erhalten bleibe, läßt ihn sich ein Bein amputieren ("Durch Verkürzung der Extremitäten hoffte er, einen reibungslosen und dynamischeren Blutkreislauf zu erreichen..."), läßt ihn schlicht verhungern, erschießt ihn schließlich, steckt ihn in Abfallsäcke und wirft ihn in einen Container zum Müll.

Wie eine Marionette zappelt die Romanfigur Max an den Fäden ihres Herrn und Meisters. Spielerisch-graziös behandelt der Autor auch seine Leserschaft, die, wie bei Jean Paul oder Laurence Sterne etwa, von ihm oftmals direkt angesprochen wird: "Ich bitte Sie höflich, nicht immer zu lachen. Ich tue meine Arbeit und Sie tun Ihre, und es gibt nichts zu lachen." Oder eine andere Fopperei: "An dieser Stelle hat sich mancher Leser erhoben und will wissen: ,Was ist jetzt?' ,Was ist mit Max, was tut er, was soll er?' Solchen Wissensdurst werde ich nicht löschen. Ein gelöschter Durst ist kein Durst." Prompt folgt ein eleganter Exkurs zum Thema "Wissensdurst", der von den "staatliche(n) Wissensdurstentzugsanstalten wie Schulen und Universitäten" handelt- aus nicht weiter Ferne lacht Karl Valentin herüber.

Zschokke hat erhebliche Vorbehalte gegenüber der epischen Erzählbarkeit: "Ich darf nicht einfach Geschichten erzählen. Lest den Grünen Heinrich... durch Eingriffe von außen, vom Staat, nein, von der Wirtschaft, wird jede Geschichte so geschüttelt und zerfetzt, daß es gelogen ist, diese in einem Buch " Wie so oft bricht der Autor mitten im Satz ab, bekennt sich auf diese Weise ausdrücklich zu einer Kunst des Fragmentarischen (Thomas Bernhard in Alte Meister : "Die höchste Lust haben wir ja an den Fragmenten, wie wir am Leben ja auch dann die höchste Lust empfinden, wenn wir es als Fragment betrachten, und wie grauenhaft ist uns das Ganze und ist uns im Grunde das fertige Vollkommene."), die ja überhaupt bezeichnend ist für seine chaotisch-anarchische Schreibmethode, die denselben Ursprung hat wie Maxens Theater-Ekel, aber -paradox genug- trotz aller epischen Zersplitterung (oder gerade ihretwegen) gewinnt der sogenannte Roman eine große Komplexität. Zschokke: ein Dekonstruktivist, ein "Zerneuerer". Sein Schreibprinzip: "Verweigerung als Stil" (Heinz F. Schafroth).

Max ist also auch ein Traktat über die Kunstform "Roman", ist ein Roman-Roman. Zschokkes Wahrheitsanspruch erzwingt die Zerstörung künstlerischer Geschlossenheit, da der Autor kein pseudoharmonisiertes Weltganzes vorlügen will. Was anfangs vielleicht aussah wie eine gezielte Vernichtung von Literatur, entpuppt sich schließlich als ihre radikalste Rettung: in einer kaputten Welt kann ein moderner Schriftsteller (heute und futurisch) eigentlich nur noch Scherbensammler sein. Darum ist für Zschokke "Welt" auch nicht griffig-greifbar (und erst recht nicht mit Wörtern und Worten), ihn plagt ein fundamentaler Weltzweifel, aber als Humorist, der er ist, rettet ihn sein Witz vor Weltverzweiflung.

"Zschokke ist ein durchtriebener Kannitverstan, der jeden bei Blindheit und Gedankenlosigkeit ertappt", schrieb Hartmut Schulze im "Spiegel". Zahllose hintersinnig-vertrackte Sätze in dem "Anti"-Roman Max bestätigen diese Feststellung: "Wir haben lesen gelernt, um lesen zu können, nicht um zu lesen. ...Meistens versucht Max, Judith zu zeigen, daß er sie liebe, anstatt sie zu lieben. ...Ich will jemand sein. Jeder muß jemand oder zum mindesten wie jemand sein, sonst liebt ihn keiner. ...Jeder macht sein Gesicht, Gesichter sind nicht. ...Man darf gewisse Dinge nicht denken, sonst fällt die ganze Welt zusammen, und wir, die wir die Dinge gedacht haben, wir stehen zuunterst, und auf uns fällt die ganze Welt. Die zuoberst zu liegen kommen, die kommen mit dem Schrecken davon, lauter verdatterte Akademiker und Hauptmänner, aber wir, wir werden zerdrückt werden, und das muß so sein." Solche gespielt-naiven Sätze, die im Erstaunen über den Zustand dieser Welt gründen, im philosophischen T h a u m á z e i n, könnten auch bei Robert Walser stehen. Von diesem unterscheidet sich Matthias Zschokke jedoch wesentlich durch die rigide Auflösung der epischen Struktur in seiner Prosa.

Zschokkes Max erlebte einen Hymnenhagel der Kritiker. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" allerdings unternahm der Rezensent einen literarischen Totschlagversuch, auf den der Kritiker Wolfram Schütte in der "Frankfurter Rundschau" süffisant replizierte: "Ein Buch, an dem sich schon mancher, wie ich lese, die Zähne ausgebissen hat; oft schüttelt Unverständnis den Kopf. Wer schulmeisterlich den erhobenen Zeigefinger aus der Vertikalen in die Horizontale herunterzirkelt und dieses Romandebüt abweisend von sich weghält, dem dreht es Nasen, dem schneidet es Fratzen, dem antwortet es mit Faxen."

In seiner dreispaltigen Eloge zieht Wolfram Schütte eine interessante formgeschichtliche Parallele mit seinem Hinweis auf "romantische 'Verwilderung' (Brentanos Godwi)". Und tatsächlich: so mancher Theorieaspekt in Friedrich Schlegels poetologischen Schriften könnte ebenso für Zschokkes Prosa gelten, was nicht weiter verwundern muß, denn auch schon die Dichter der Romantik waren "Junge Wilde", Opponenten gegen eine versteinerte Klassik.

In Zusammenhang mit Max bleiben noch zwei Merkwürdigkeiten zu erwähnen: Die konservative Berner Tageszeitung "Der Bund" druckte Zschokkes Erstling in Fortsetzungen- ein bei experimenteller Literatur sehr ungewöhnlicher Vorgang. Zudem ging von Max mutmaßlich eine unmittelbare literarische Wirkung aus. Der Schriftsteller Rainald Goetz besprach das Buch enthusiastisch, seinen avantgardistischen Charakter betonend: Es "ist ein Schritt heraus aus den... etwas abgetrampelten Wegen, in Richtung auf eine diesen Jahren adäquate Literatur" ("Deutschlandfunk", 22. August 1982). Die Rezension endete mit dem Satz: "Ich jedenfalls habe den Roman von Matthias Zschokke mit dem größten Gewinn gelesen."

Dieses Eingeständnis findet seine Bestätigung in dem Goetz-Roman Irre (erschienen 1983), dessen dritter Teil ohne vorherige Lektüre von Max kaum geschrieben worden sein könnte.

 


Prinz Hans

1984 veröffentlichte Matthias Zschokke, gefördert vom Deutschen Literaturfonds, sein zweites Buch Prinz Hans. Im ersten Teil liest es sich wie eine Fortsetzung von Max. Die Titelfigur ist zweifellos ein Bruder von Max, wenn nicht gar sein Zwilling- auch er ein Flaneur, der mit Kinderaugen durch die Welt spaziert: verwundert... erschreckt... verwundet.

Von seinem sozialen Status aus gesehen, kein imposanter Mensch, dieser Hans: "Er ist Angestellter eines Tabak-, Zeitungs- und Spirituosenhandels, wo er viermal die Woche um halb sechs die Tore, das heißt die Tür öffnen muß, um danach zehn Stunden ohne Unterbrechung im Verkauf tätig zu sein. Das trägt seinen bescheidenen Unterhalt. Auf Grund seines Dienstplans hat er oft zu den Zeiten der Arbeitslosen frei und sieht viele davon."

Trotzdem (und eben darum) adelt der Autor seinen Hans ironisch zum Prinzen hoch, denn "nur Prinzen und Könige können die Welt so hochnäsig negligieren, weil sie ihnen gehört. Was einem gehört, das bemerkt man nicht. Ihm steht eben auch die Welt zu und deren Liebe, drum vergißt er sie". Nun, so ganz schnell vergißt Hans die Welt denn doch nicht, aber zwischen ihr und ihm scheint sich eine dicke Panzerglasscheibe zu befinden. Für Hans, den "Rotzbub mit einem Kassandrawissen" (Zschokke), könnte auch gelten, was Claudio in Hofmannsthals Der Tor und der Tod übers Leben sagt: "Bin freilich scheinbar drin gestanden,/ Aber ich hab es höchstens verstanden,/ Konnte mich nie darein verweben./ Hab mich niemals dran verloren."

Auch in Zschokkes zweitem Buch Prinz Hans finden sich wiederum unzählige köstliche Beobachtungen und Reflexionen von melancholischem Witz. Etwa: "Wenn einer aus dem fahrenden Zug springt, gibt das eine ein- bis zweistündige Unterbrechung; deswegen läßt man ungern jemand springen. Man hält einander an der Jacke fest. Wenn einer v o r den einfahrenden Zug springt, geht man wieder hoch und kann einen Bus nehmen, der schnell von übergeordneter Stelle zur Entlastung hindirigiert wird. Darum macht das nicht soviel aus. Sehen möchte man es nicht. Man erschrickt." Oder: "Jeder hat die Möglichkeit, auf die Höhe der Zeit zu gelangen, er soll sich bloß nicht anstellen. Der Zeitgeist wartet nicht. Der schreitet voran. Springen Sie auf, oder versteinern Sie in den Regalen für Zurückgebliebene!"

Ein (glückliches) Max-Déjà-vu-Erlebnis stellen ebenfalls die Selbstkommentare des Autors dar, die sein Schreiben begleiten: "Weigert sich noch jemand, bunte Geschichten zum besten zu geben? Dieses Erzählungsgefährt wird dann schon wieder in Fahrt gebracht, das wird versprochen." Oder: "Die hintere Neonröhre links muß flackern, weil sie erwähnt werden will." Aber Prinz Charme treibt den Flirt mit seinen Lesern noch weiter, liebenswert-dreist, indem er eine Max-Repetition unverhohlen eingesteht: "Jetzt staunen Sie, wie ich mich frech wiederhole, über die unverschämte Tatsache, daß türkische Musik in den Hans wie in den Max hineinließt, das Gewaltige der Wiederholung..."

In Max hatte Zschokke ein diskontinuierliches Erzählen auf die Spitze getrieben, indem er epische Trümmerstücke ziemlich aleatorisch montierte (so erschien es zumindest), in Prinz Hans reiht er längere Episoden aneinander, um einen größeren epischen Bogen zu erreichen.

Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie nicht-

Ab Seite 134 von Prinz Hans setzt sich die Prosa fort mit einem Theaterstück, das sich als eine feine Kostbarkeit herausstellt. Unter dem Mammut-Titel Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie nicht-hat am 1o. Mai 1986 im "Theater zum westlichen Stadthirschen", einem Berliner Off-Theater, die Uraufführung stattgefunden. Der Kritiker Heinz Ritter urteilte: "Ein vielschichtiges, bizarr versponnenes Stück von hohem intellektuellen Reiz und subversiver Komik." Das

Das Stück spielt in einem sogenannten Loft, in einer ausgedienten und nicht gerade sehr komfortablen Fabrikhalle. Hier versammelt sich außer Hans, der nun graubündnerisch-poetisch Gionandris heißt, ein Rest der Jeunesse, die schemenhaft bereits in der vorangegangenen Prosa auftauchte: zum pirandellesken Rollenspiel finden sich ein die beiden jungen Frauen Leta und Zaira, gemeinsam mit einem Mann ihres Alters, der fortan die Hauptperson darstellt, namens Seume. Letzterer ist biographisch nicht identisch mit dem Dichter Johann Gottfried Seume (1763-181o), der den Spaziergang nach Syrakus im Jahre 18o2 schrieb, aber sicher ist die Namengebung eine Hommage für einen außenseiterischen Lieblingsdichter  Zschokkes.

Das Fabrikhallen-Quartett inszeniert sich in seiner öden Behausung eine neue und buntere Welt, denn die, die existiert, läßt sich nicht ertragen, muß überspielt werden. Bei "bitterlicher Kälte" träumt man sich fort ins Indische, ins wahrhaft "Prinzliche", hinüber zu Licht und Glanz- allen Störungen zum Trotz: obwohl "ein höflicher Mensch" Flugblätter verteilt und zu absurden Polit-Demonstrationen einlädt, obwohl ein Nachbar, der "Herr Riemer" (das wandelnde Prinzip Banalität), blödeste Außenwelt hereinzuschleppen versucht und obwohl sogar Gevatter Tod (als elegant-blasierte Allegorie) ein- und ausgeht (und sein Theater-Comeback feiert), ganz zu schweigen von einer Figur, die im Personenzettel des Bühnentextes "Jemand Bläuliches" heißt und (für die Akteure unsichtbar) destruktiv sich gebärdend, eine Art Assistent des Sensenmannes ist.

Beim Spiel des Quartetts geht es wirklich um alles: ums Leben. In der Tat findet ein Überlebens-Spiel statt, ganz im Gegensatz zu den Mätzchen, die ein ungebetener Gast-Clown darbietet: was der vorführt, ist lediglich L'art pour l'art, das sind nur mit viel Schweiß eingeübte und im Grunde dämliche Kunst-Stückchen.

Wie bewundernswert dagegen die Imaginationskraft der existentiellen Traumspieler! Sie schaffen es sogar, daß sich der ursprüngliche Beckett-Endspiel-Raum in ein paradiesisches Grün verwandelt. Und wenn dennoch am Schluß der Tod, zusammen mit seinen Schergen, abernten will, hat er damit doch erhebliche Schwierigkeiten: "Die bläuliche Person klappert nachdenklich mit den Zähnen, der Tod probiert verblüfft noch einmal sein Tänzlein." Zwar hat er Zaira bereits kassiert (sie wurde -in konkretem Wortsinn- von einem Geldsack erschlagen), aber das verbleibende Trio singt ihn (höchstwahrscheinlich und hoffentlich) t o t, "zu einer jämmerlichen Cellobegleitung" von Gionandris, dem "Prinzen" Hans.

Der Reichtum des rätselhaft-luziden Zschokke-Stückes läßt sich nicht in wenige Worte fassen: seine Heiterkeit, seine Trauer, sein Witz, seine Skurrilität, seine Naivität, seine Klugheit, ja, seine Weisheit. Ein riskanter Vergleich soll gewagt werden: Matthias Zschokkes Theaterstück hat eine ähnliche literarische Qualität wie Georg Büchners vor 166 Jahren entstandenes Bühnenwerk Leonce und Lena.

 

ErSieEs

1986 erschien Zschokkes drittes Buch ErSieEs, und damit wäre eine eigentlich nie beabsichtigte Berliner Trilogie komplett, denn Berlin, wo der Autor seit 198o lebt, bildet in allen drei Bänden die Kulisse.

Die formale Demontage der Literatur hält sich bei Zschokkes Buch ErSieEs in Grenzen. Seine Erzählstruktur wirkt weniger struppig als in den vorausgegangenen Veröffentlichungen, aber es bleibt noch genug Widerborstiges übrig, um die Lust an labyrinthischer Lektüre zu befriedigen.
Der Buchtitel bezeichnet die wundersame Eigenschaft einer der Hauptpersonen, ist abgeleitet von ihrem Namen, der Ersiës de Glych lautet. Das klingt geheimnisvoll türkisch-flandrisch, meint jedoch nichts anderes als ErSieEs, der Gleiche. Wieso ErSieEs? Warum der Gleiche? Mit Ersiës hat es eine besondere Bewandtnis: diese Person kann maskulin u n d feminin sein, ist ein Weib-Mann: "Oft ist sie eine Frau. Das Männliche, was hin und wieder durchglitzert, ist das übliche."

Es handelt sich keineswegs um einen transvestitischen Roman, auch nicht um einen transsexuellen wie etwa bei Virginia Woolfs Orlando, wo ein junger Mann innerhalb einer Zeitspanne von drei Jahrhunderten, selbst jedoch nur um zwanzig Jahre gealtert, sich schließlich in eine Frau verwandelt. Zschokkes Ersiës besitzt die faszinöse Fähigkeit, permanent zwischen den sexuellen Polen zu oszillieren, wird also auch vom Autor konsequent -wie Goethes Mignon- einmal als "sie" apostrophiert und dann wieder als "er". Aber Ersiës ist realiter kein Zwitter, sondern allenfalls zerebral: Metamorphose des Geschlechts ad libitum (und sei es nur die Projektion der anderen), denn Ersiës ist eine K u n s t f i g u r .

Schon als Es war Ersiës ein höchst merkwürdiges Balg: "Als Kind hatte sie Turnschuhe und dünne Beine, -vielleicht HAGERE?-, mehr zur Täuschung, denn bewegt hat sie sich nicht besonders sportlich, nie und heute muß sich Ersiës eben einiges gefallen lassen, weil sie ungehörig wenig weiß von dem, was zur Zeit wahr ist. Sie hat sich einmal ein Lexikon gekauft von 19o4, jetzt weiß sie meistens das Verkehrte oder das Halbe oder gar nichts."
Und wer ist diese/r Ersiës als erwachsene Person? Zumindest ist sie ziemlich dubios. Das fängt schon an bei den genannten Geburtsdaten, die alle verschieden sind. Und Ihr Beruf, meine Dame, mein Herr? Einer aus dem Bekanntenkreis meint: "Er wisse es auch nicht genau, aber er glaube, sie sei Lehrerin für ausgestorbene Sprachen. ...Manchmal schreibe sie Zeichen auf ein Papier, die niemand entziffern könne. Die nenne sie altphilologisch... Zu Korinth sagt sie Düsseldorf. ...Dann wieder sagt sie am Ufer eines der kleinen Dreckseen: ,Das ist mein tyrrhenisches Meer', oder so ähnlich, nur weil grade auch ein Mond drüber steht. All das mit der größten Selbstverständlichkeit, unverblümt..."

Vielleicht ist Ersiës auch ein/e leidenschaftslose/r Tabakwarenverkäufer/in- dieser Tätigkeit ging ja bereits "Prinz" Hans nach: "Ersiës verläßt die Leidenschaft schnell, das stimmt. Tabak mochte er nur drei Wochen lang leidenschaftlich gern verkaufen. Danach verkaufte er ihn mit kühler Distanz, und zuletzt gar nicht mehr. Deswegen trifft man selten Tabakverkäufer in Sechszimmerwohnungen an. Tabakverkäufer sind zu wenig leidenschaftlich."

Ersiës verdient den Lebensunterhalt als Versuchskarnickel der Pharma-Industrie. Scheinbar harmlos-naiv (und also mit unglaublicher Schärfe) berichtet Zschokke von zynisch-menschenverachtenden Experimenten- ohne die Sozialschnulze zu dudeln.

Ersiës wird von einem Literaturbetriebsmenschen geliebt, der seinerseits "eine Art Brieffreund" eines von ihm sehr geschätzten "Baufachmanns" ist, mit dem er viel und gern korrespondiert. Dabei geht es um tiefe literarische Sachen, etwa um eine Tagung zum Thema "Der Librettist und die Schaffensfrage", zu welcher der Literaturbetriebler "von dem sogenannten Professor, der... in Tübingen das Schriftdeutsche verwest", eingeladen worden ist. Oder um ein anderes (in reizvoller landschaftlicher Umgebung stattfindendes) Symposium zum Problem "Die Präsenz des Rezensenten in seiner Rezension". Mit kühlem Techniker-Kopf reagiert der Baufachmann in seinen Briefen (die in Versalien gesetzt sind) auf den kulturellen Schrott und Müll. Die epistolarische Pseudodebatte über brennendste Kunstfragen ist ein satirisches Glanzstück in Zschokkes Buch.

Zur epischen Menage à trois gesellt sich außerdem Mario Massa. In den wiederum ist Ersiës verliebt, schnöde den Literaturbetriebler zurückweisend, obwohl er auch an Ersiës köstliche Briefe schreibt, mit literarischen Beigaben sogar, etwa der in einer Anthologie aufgespürten Kurzgeschichte "Claudius Simonitsch und die Deutsche Bundespost" oder dem in der Zeitschrift "SCHAUSPIEL" gefundenen theatralischen Manifest "Berlinische Dramaturgie".

Aber vergeblich das Werben, Ersiës liebt Mario Massa, den "Meteorologischen Sänger"- wen bitte? Mario Massa singt morgens im Radio den Wetterbericht (bei seinen raren Lesungen gibt Zschokke selbstverständlich eine Probe der eigenen Sangeskunst). Im Monat September, zum Beispiel, singt Mario Massa:

"Ostatlantischer Tiefdruckwirbel
führt Meereskaltluft heran.
Guten Morgen, Madame, schneller
ging der Sommer, schon
Herbst schon Winter,
örtliche Frühnebelfelder,
Nieselregen.

Kalt altern
Nasenspitzen, Zehen.
Ihre Brustwarzen
hart, schon welk.
Schnaufen Sie,
nicht vergessen.
Herbstmode Tarnanzug
oder Gefieder.

Vorbei, vorbei,
Leintücher,
warm noch,
Leichentücher.
Nur mit der Ruhe,
Madame,
erst frühstücken.

Die Niederschläge kommen
im Erzgebirge auf."

ErSieEs - Zschokkes shakespearisch angezetteltes Geschlechterverwirrspiel endet nicht harmonisch-heiter-hormonisch: Die Liebenden kommen nicht zusammen; dem "Meteorologischen Sänger" wird beim Rundfunk gekündigt; nachdem der Literaturbetriebler Ersiës aus den Augen verloren hat, wird er wohl Berlin verlassen ("...es stinkt in der ganzen Stadt - die Gesichter sind grau geworden - bleich und grau - in den U-Bahnen nur noch bleiche, graue Gesichter, schuppige Hände - fröstelnd, gefesselt starren wir vor uns hin, zitternd").
Und was geschieht mit Ersiës? Nach einem im Wald mißglückten Rendezvous mit dem Tod endet Ersiës als an die Wand gehängtes Exponat bei einer Leistungsschau des Pharmakonzerns. Ersiës ist zum Objekt geworden, von ihm oder ihr ist nur noch ein vages Es übriggeblieben. Zwei Rentnerinnen wollen an dem Ausstellungsgegenstand Flügel entdecken, aber "ein junger Assistent in weißem Kittel" klärt die Besucher auf: ",...das sind Ablagerungen von Fluocortinbutyl nach rektaler und intravenöser Abgabe im crossover Vergleich. Sie sind absolut unbrauchbar, unbeweglich. Eine Art Höcker eher. Sehen Sie, Sie können sie anfassen. Schlecht durchblutet...'"

Im Vorwort verrät Matthias Zschokke ironisch: "Im Grunde genommen würde ich mich auf den Barrikaden besonders wohl fühlen." Und auch das Wohlgefühl des Autors auf den  Wort-  Barrikaden ist offenkundig: "Wie bin ich froh um krummgehauene Sätze. Oder rostige Sätze. Und wie schäm ich mich in der Öffentlichkeit für sie! ,Du Hundssatz! Willst mich der Lächerlichkeit preisgeben, vor allen Leuten!' zieh ich über ihn her- aber zu Hause, wenn ich allein bin, umarme ich den Satz und gebe ihm einen Kuß."

Und wieder wird in Jean-Paul-Karl-Valentin-Manier ein prächtiges Pointen-Feuerwerk gezündet. Daraus eine Rakete: "Eine heute besonders bewunderte Art, sich zu bewegen, ist das Grenzenüberschreiten.... Wer jemanden treffen möchte, begibt sich an die Grenzen; dort vertreibt sich die Zeit, was Rang und Namen hat. Vor dem Zollhaus herrscht ein buntes Treiben. Bei schönem Wetter finden sich Tausende hier ein, um der Grenzüberschreitung eines Tollkühnen beizuwohnen, welcher grade dabei ist, ein Paillettenkleid über seinen durchtrainierten, wohlgenährten Körper zu streifen. Ist alles vorbereitet, stellt er sich an die Grenze, konzentriert sich, ruft: ,Ich wage nun das Chaos', oder ,Ich überschreite nun meine Grenzen'..."
Und noch ein schneller Kracher: "...wer das Wahre sagt, wird geliebt. Das Bekannte ist das Wahre. Eine friedliche Herde, die sich gegenseitig hütet... es ist schwer, der Zeit zu entkommen, wenn einer nicht schön ist wie ein Sigurd und beredt wie ein begüterter Sohn."
Nein, zur Herde der Augenblicks - Schriftsteller gehört dieser Matthias Zschokke nicht. Und von besonders witziger Delikatesse sind erneut seine das eigene Schreiben umrankenden Reflexionen, denn die auktoriale Handschrift verhehlt er nie: "Hier folgt eine Naturbeschreibung, um dem Ganzen epische Breite zu geben: es windet. Die Blätter hallten fest an den Bäumen, wird wohl nicht Herbst sein. Und vielleicht kommt Regen. Oder sogar die Sonne. Je nachdem, was der Bauer sich wünscht."

Zschokke schreibt Literatur-Literatur. Bereits im ersten Buch hat er unverwechselbar seinen Stil gefunden (Le style, c'est le poète- was sonst? Aber anscheinend ist dies in Vergessenheit geraten...), und sein ureigener literarischer Ton macht Zschokke unter den Autoren seiner Generation zu einem Exponenten der neuen deutschsprachigen Belletristik in den achtziger und neunziger Jahren. Auch im 21. Jahrhundert bleibt er hochaktuell. Und ganz en passant wurde er einer der Begründer der literarischen Postmoderne (vgl. zur Begriffsdefinition: Ihab Hassan, Postmoderne heute. In: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne. Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1988) hierzulande, unter dem fröhlichen Banner ANYTHING GOES.

 

Edvige Scimitt

Mit einem Budget von nur 8oo ooo DM drehte Matthias Zschokke 1985 seinen ersten Spielfilm Edvige Scimitt. Er wurde bei den "Hofer Filmtagen" im Herbst selben Jahres uraufgeführt, das "Zweite Deutsche Fernsehen" zeigte ihn am 15. Mai 1986 in seinem "Kleinen Fernsehspiel". Helmut Schödel schrieb in der "Zeit": "Oben auf einer Wolke schwebte ein Film. ...Was die Wolke, auf der sich dieser Film ereignet, zum Schweben bringt: Ironie."
Eigentlich hieß sie Hedwig Schmitt. Als die Schweizerin in Palermo lebte, verballhornte die italienische Post ihren Namen in "Edvige Scimitt". Basierend auf Hedwigs Tagebüchern, erzählt Zschokkes Film einige Stationen aus ihrem Leben: Sie arbeitete -zu Beginn dieses Jahrhunderts- in London als Parlourmaid, in Mailand als "Saaltochter", in Palermo als Theatergarderobiere, in Zandvoort als Etagenkellnerin und in New York als Badraummädchen. Dabei erlebte sie "Ungeheuerlichkeiten auf absolut eigenwillige Art". (Zschokke)

Immer sind Männer hinter ihr her. Einige benutzen sie. Einer macht dem kunstseidenen Mädchen ein Kind. Edvige oder die Unschuld des Herzens. Kein soziales Drama, sondern viel Hintertreppe.

Der Film lebt von einer aberwitzigen Dialog- und Situationskomik. Und der gelernte Schauspieler Matthias Zschokke hat ein farbenfrohes Leinwandspektakel inszeniert- in theaterhaft künstlichen Dekors agieren die Darsteller entsprechend artifiziell-stilisiert. Als Bewunderer von Fellinis Plastiksonnemond blessiert Zschokke das realistische Medium Film.

In Kritiken las man zu Edvige Scimitt: "Der Leidensweg der literarischen Stereotype wäre auch als Film eine schwer verdauliche Küchenlied-Schmonzette, wenn Zschokke ihn nicht in einer phantastischen Bühnen-Kunstwelt mit kräftiger Ironie, fast wie ein knalliger Comic-Strip, abspulen würde. Dabei gelingt es ihm mit dem betont theatermäßigen Gestus der Schauspieler und einer gar nicht theatersteifen Kamera, die Komik des begnadeten Verführers ebenso wie die der tragisch verführten Unschuld hinter der Kitschfassade hervorzulocken." (Wolfgang Brenner)

Oder: "Zschokke handhabt die Mittel der Verfremdung nicht im Brechtschen Sinn, um den Zuschauer von der Emotion zum Nachdenken zu führen, sondern gerade umgekehrt: Indem er ihn zum Lachen bringt, spricht der Filmemacher die emotionale Ebene im Zuschauer an. Teils amüsiert, teils betroffen erlebt man ein Schicksal, das einem Stück Frank Wedekinds oder Ödön von Horváths entstammen könnte und doch gelebtes Leben bleibt..." (Gerhart Waeger)
Der Drehbuchautor und Regisseur selbst äußerte zu seinem Werk: "Edvige ist ein Film für Schauspieler, gegen den Trend zur Sprachlosigkeit, gegen den Film von nebenan, gegen den Film, den das Leben schrieb. Ein Film, in dem und über den ich lange nachdenken muß, eh ich ihn gut finde. Vielleicht ein Requiem, vielleicht ein ,Anderer Film', mindestens so bunt wie ein Film."

Matthias Zschokke erhielt für Edvige Scimitt als besten Spielfilm 1985 ein Jahr später auf der Berlinale den Preis der deutschen Filmkritik. In der Begründung zur Preisverleihung hieß es: "Die Jury würdigt damit ein Debüt, das sich durch eine ungewöhnliche Verknüpfung theatralischer und filmischer Mittel sowie durch eine hervorragende Behandlung von Licht, Farbe und Darstellung als souveränes Spiel zwischen Dokument und Fiktion auszeichnet."

 

Brut

Auf Grund seines zweiten Theaterstücks Brut wählten Kritiker der Zeitschrift "Theater heute" Matthias Zschokke in der Autoren-Sparte zum besten Nachwuchskünstler 1989.

Im Programmheft zur Uraufführung von Brut (Bonn, 18. November 1988) schreibt Zschokke: "Ich hätte etwas Filigranes bezüglich Seeräuberei zu berichten, etwas Kostbares unter dem Namen Brut; von sehnsüchtigen Menschen, die als Kinder unter aufgeschlagenen Knien litten, wie wir; deren Münder klebrig waren, wie unsre. Sie wünschten für sich kühne Größe mit einem Hauch Aristokratie, wie wir. Viele ließen sich überreden und traten in den Dienst der Rhätischen Bahnen, als Schrankenwärter oder Billeteure. Andere wagten einen Sprung und wurden Schlachter. Die wenigsten blieben rastlos. Sie konnten das Fernweh nicht hinauskomplimentieren aus sich auch nicht mit Hilfe einer Reise nach Abbado-, sie wurden Kapellmeister, waren unzufrieden, wurden Kammerjäger (oder -zofen), blieben unzufrieden, wurden Nationalökonome (oder-rätinnen), blieben unzufrieden-, und eines Tages sagten sie sich von allem los und entfernten sich: Sie wurden Piraten- nicht wie wir. Glauben Sie nicht, daß sie nun zufrieden seien. Im Gegenteil: Die Unzufriedenheit, die Unruhe, die Sehnsucht, das sind gerade die Motore, gleichsam die Galeerensklaven oder Schiffsschraubenantriebe, der Wind in den Segeln von Brut."

Ein irreal glitzerndes Märchen, eine Seeräuberpistole: Im Brutofen der "karibischen Sümpfe" dümpelt ein Piratenschiff. Die Besatzung an Bord: Kapitänin Tristana Nunez, die "Blutige"; Selkirk, ein androgyner Matrose, schön wie Melvilles Billy Budd und wohl entfernt verwandt mit Defoes Ur-Robinson; Azor, der Steuermann; Arud Caflisch, Koch; der Navigator Hornigold Glaser; Hallwax, ein opportunistischer Offizier; Kogge, ein tumber Schiffsjunge; außerdem ein unfreiwilliger Gast: eingesperrt im Mastkorb der grüngesichtige Dichter Julio Sloop, für den ein horrendes Lösegeld erpreßt werden soll.

Die Filibuster sind die Brut unerfüllter, verdrängter Sehnsüchte. "Von der Sehnsucht nach dem Absoluten sind sie aufs Weltmeer getrieben worden, und nun verzweifeln sie an der Sinnlosigkeit ihres Daseins", hat ein Kritiker geschrieben. Auf dem Schiff herrscht Chaos, das sanft beginnt: die Band mag nicht mehr zur blauen Stunde musizieren, des Kochs Künste werden verschmäht. Schließlich drei Leichen: die Kapitänin (ein travestierter Tristan) ermordet, verliebt in Selkirk, ihre Nebenbuhlerin, die Fürstin Lastadie Etmal (die gewissermaßen ein weiblicher Fliegender Holländer ist), nachdem sie vorher bereits den Dichter umgebracht hat, der mit Selkirk tändelte. Denn dieser ist eine als Mann verkleidete Frau, wie offenbar wird, als Selkirk sich erhängt hat: ein Opfer ihres Ennui ("Alle erleben, nur ich nicht!"). Hallwax nutzt die Gunst der Stunde und zettelt eine (halbherzige) Meuterei an, die nun die "führungsschwache" Kapitänin in den Mastkorb bringt. Und das piratische Narrenschiff zieht weiter seine Runden: obwohl Hornigold Glaser sein Navigationshandwerk beherrscht, fährt es immerzu im Kreis (Nietzsches "ewige Wiederkehr des Gleichen"), denn Azor, der Steuermann, ist- blind. Wie der blinde Seher in der antiken Tragödie raunt er: "...man kann sie nicht bezwingen, die Schöpfung." Ernüchterung, Enttäuschung steht am Ende aller Sehnsucht, nur "unlustig, zerstreut, mechanisch", wie es in Zschokkes letzter Regieanweisung heißt, geht die Seeräuberei weiter.

Der Kritiker Andreas Roßmann resümierte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" seine Eindrücke von Brut so: "Die Bricollage der Déjà-vus und Reprisen, Opern- und Trivialkunstzitate ist ebenso konstruiert wie ironisch: eine theatralische Abglanzverwertung. Im bunten Kostümstück steckt ein bizarres Konversationsstück. Seine vertrackte Eloquenz läßt die Piraten zwischen Kreuzberger Wohngemeinschaft und philosophischem Proseminar, Beziehungskiste und Selbstfindungskreis schaukeln. Das markierte Porträt einer Generation. Das Theater aber ist der Ort, an dem alle Metaphern in die Parabel münden: Satt und selbstzufrieden ist es geworden, und wenn es doch einmal auf Kurs geht, bewegt es sich bestimmt im Kreis. Weniger tiefsinnig als kokett, ist Brut vor allem ein Insider-Stück: Kritik am Theater und Liebeserklärung an das Theater zugleich."

Wie richtig diese Analyse auch sein mag, greift sie trotzdem zu kurz. Aber immerhin mißbraucht sie den Autor nicht ideologisch wie der Bonner "General-Anzeiger", der Zschokke eine Attacke auf "die abgetakelte 68er-Generation" unterstellte und ihn ans reaktionäre Ufer zu ziehen versuchte: "Zschokke will nicht nur unsere groteske Wirklichkeit in einer grotesken, und vielfach gebrochenen Piratenstory spiegeln. Er will vor allem vorführen, daß die großen Aufbrüche derer, die nach Wesentlicherem streben, nach gesellschaftlicher Veränderung etwa, scheitern müssen. Scheitern müssen aus zwei Gründen: Einmal, weil die Sinnfrage nach dem menschlichen Sein nicht zu lösen ist (und damit alles Tun am Ende fragwürdig wird) und zum anderen, weil die, die mit Macht zu neuen Ufern aufbrechen, den Keim des Scheiterns schon in sich tragen. Ihre Macken und Egoismen, Lüste und Begierden, kurz, ihre seelischen Beschädigungen, die sie bei Antritt der großen Reise mit an Bord nehmen, sorgen dafür, daß ihr Schiff am Ende in einer stinkigen, verseuchten, weit ab vom Schuß gelegenen Gegend immer im Kreise herumfährt." Dieses Stück hat Matthias Zschokke mit Brut  n i c h t geschrieben.

Treffender dürfte die "Neue Zürcher Zeitung" Zschokkes Brut-Intentionen charakterisiert haben: Das Stück ist "ein Diskurs über Tatenlosigkeit und Sehnsucht nach dem Abenteuer, über das Nicht-Handeln-Können und das Nicht-mehr-Handeln-Wollen, ein Diskurs aber auch über die ganz banale, alltägliche Not mit den Gefühlen. Figuren, die einmal mit grossen Träumen aufgebrochen sind, werden im Käfig eines endlosen Sichdrehens am Ort der Sinnlosigkeit ihrer Anstrengung, der Überflüssigkeit ihrer Existenz inne. Ein Ausbruch aus dem magischen Kreis scheint nicht möglich".

Und Zschokke selbst zu seinem Stück: "Aber vor allem hocken Zikaden im Mast, vor der Bühne, hinter den Scheinwerfern, überall; es surrt und lispelt; Geier sitzen auf den Rängen und dösen; aus der Ferne klingt eine Arie. Das ist Brut..."

 

Der Wilde Mann

Laut Lexikon sind Wilde Männer "tierhaft behaarte Waldmenschen, Schrate, Vegetations-dämonen"; seit dem Mittelalter findet man sie dargestellt auf Bildteppichen, in der Buchmalerei, auf Wappen und Münzen. Bis heute nennen ländliche Gasthöfe sich gern "Zum wilden Mann".

In eben einem solchen steigt in der Schweiz ein distinguierter, graumelierter Herr ab- Herr von Salzgitter aus Peine (eine Lesung verschlug Zschokke in die Kleinstadt bei Braunschweig; der Name blieb ihm unvergeßlich und erschien ihm verewigenswert): "Für die Moosbewohner war es eine Nacht wie jede; düster, dumpf und grauenvoll- wo das Grauen Morgengrauen ist. Der Wind riss die Ziegel von den Dächern und erschlug damit die Katzen und die Knechte. Die Gäste betrachteten stumpf das Sterben in Abessinien -hin und wieder fiel eine Bemerkung über das Wetter-, der Grund für die Leichen war das Ausland. Da ging die Tür auf, der Herr von Salzgitter trat ein, zog den Mantel aus- und stand damit ratlos im Raum; er war Diener gewohnt." (Zschokke)

Herr von Salzgitter hat schon einmal bessere Tage gesehen: "Einer, der sich Deutschland nicht mehr leisten konnte; den es niedergezwungen hatte in den Schmutz, wo er nun kroch, mit Marmor im Kopf. Zu Fall gebracht von einem schlechtparfümierten Gegner; einem mitteldeutschen Kastraten, von dem es sich nicht lohnt, besondere Merkmale zu erwähnen; vom Schicksal." (Zschokke) Herr von Salzgitter ist "Galanteriewarenhändler"-Vertreter für Kondomautomaten und Zubehör. Der Gast im "Wilden Mann" erlebt eine furchtbare Alptraumnacht. Er findet keinen Schlaf in dieser Nacht ("...wie da ein Deutscher in der Schweiz eine Nacht lang nicht schlafen kann- ein Hochgenuss! [Wir können andere nicht leiden; sie erinnern uns so fatal an uns selbst.]" [Zschokke]): immerzu dringen Leute in sein Zimmer ein, die Serviererin wirft sich ihm an den Hals, unten probt die dörfliche Blaskapelle, und ein schöner Jüngling sorgt für eine Verwirrung der Gefühle. Er ist "Projektionist", Filmvorführer, denn in der Herberge gibt es ein "Cino", in dem bedeutungsschwere und erbarmungslos dilettantische Filme, auf dem Dachboden selbstgedreht, gezeigt werden (eine authentische Erfahrung Zschokkes in seinem Heimatdorf Ins [das -nebenbei- übrigens Modell war für Dürrenmatts Güllen im Besuch der alten Dame]).

Herr von Salzgitter warnt den Jungen, er möge sich in acht nehmen: "Sonst überwältigt Sie mal der Abendwind, so wie Sie ausschauen. Der Abendwind liebt schöne Jünglinge. Wissen Sie das nicht?" Die stupide Antwort lautet: "So einen Wind gibt's nicht bei uns." Am Morgen ist der Fremde tot, auch wenn Venedig nicht in der Schweiz liegt. Die Bauern rufen zum Viehmarkt. Im Bild: Kühe, Kühe, Kühe.

Kritiker nannten den Wilden Mann (Berner Filmpreis 1989) des öfteren ein "Kinojuwel", rühmten seinen "hintergründigen Humor" und die literarisch ziselierten Dialoge, die oft ins Surreale hinüberspielen, lobten immer wieder die große schauspielerische Leistung von Dieter Laser, in der Rolle des Protagonisten. Zschokke selbst bezeichnete sein Lichtspiel als "eidgenössischen Aufklärungsfilm" und als "helvetischen Grusel- und Liebesfilm".

Und er fügte noch hinzu: "Der wilde Mann ist eine Torte. ...Die vorliegende Torte ist selbstver-ständlich eine ohne Boden. Tortenböden sind -mindestens in Nordostdeutschland- etwas vom Niederträchtigsten, was die Bäckerzunft hervorzubringen wagt: schaumstoffartig, saugfähig, nur dazu da, die Bissfestigkeit und saubere Finger zu gewährleisten. Der wilde Mann ist nichts als beste Füllung: feingeschabte, traurig-schöne Schauspieler (-innen) schlendern durch warmes, gebranntes Licht, erzählen auf sämigem Ton Merkwürdigkeiten aneinander vorbei und umschleichen sich dazu in knusprigen, exotischen Geräuschen..."

"Die Torte" wurde im "Kleinen Fernsehspiel/ Zweites Deutsches Fernsehen" am 17. Januar 1989 als Ursendung serviert.

Von April bis Juli 1996 arbeitete Zschokke an seinem dritten Spielfilm, der den merkwürdigen (Un-)Titel Erhöhte Waldbrandgefahr trägt; die Uraufführung fand am 12. August 1996 beim Filmfestival von Locarno statt. Das Drehbuch zu einem weiteren Film (Arbeitstitel: Die 3 schönen Müller) konnte aus finanziellen Gründen bislang nicht realisiert werden.

 

Die Alphabeten

Matthias Zschokkes drittes Theaterstück trägt den ingeniösen Titel Die Alphabeten (Uraufführung: 25. September 1994 in Bern - Deutsche Erstaufführung: 1. Oktober 1994 am "Deutschen Theater"/ Berlin). Auch diesmal bleibt der Autor, der für dieses Stück mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis 1992 ausgezeichnet wurde, seinem General- & Lieblingsthema treu, und das lautet: die bleierne Schwerkraft der Verhältnisse. Aber, auf dem Theater zumindest, bringt er sie zum Tanzen, mit Phantasie & Komik.

Eine Literaturpreisverleihungsfeier. Die Szene ist eine zum "Kulturzentrum umfunktionierte GOTISCHE KIRCHE". Ein Literaturverweser namens Dr. Samuel Seet präsentiert die gekürte Jungautorin Susanna Serval. Das edle Raubtier gibt sich widerborstig in der Dankesrede: ein Mädel aus der Vorstadt, hochgespült vom Literaturbetrieb.

Nachdem die kulturelle Notdurft befriedigt ist, verlangt die leibliche ihr Recht: vor den Klos kommt es zu einem Stau. Mit vulgärer Eleganz inszeniert Zschokke einen Toiletten-Slapstick. Kultur-Groupies, Kunst-Dunstkreis-Existenzen treibt es vom kalten Buffet zum Abort, die preisgekrönte Autorin kriegt Ohrfeigen vom Establishment. Wen feiern Preisverleiher eigentlich: die oder den Ausgezeichnete/n- oder sich selbst?

Immerhin sind bei der repräsentativen Kulturveranstaltung auch noch zwei Menschen anwesend, die in direkter Verbindung mit dem gemeinen Leben stehen: ein JUNGER MANN (22), der Martin heißt (und ein Schlawiner & Filou ist) sowie eine veritable (Kriminal-)KOMMISSARIN, mit dem eventuellen (unvergeßlich schönen) Namen Baltensberger. Beide sorgen für eine gewisse "normale" Ausgewogenheit unter Zschokkes Bühnenpersonal.

Die Preisverleihungsfeier dauert ein Viertel des Stücks. Dann schwebt erst einmal am Bühnenhimmel eine barocke Deus-ex-machina-Wolke vorbei, auf welcher FRITZ-DER-VERBRECHER sitzt. Er ist ein Bruder der spannenden Kommissarin und berichtet von noch spannenderen Verbrechen, die er beging, ehe er sich nach Südamerika absetzte. Eine Wolke später sitzt er hinter Gittern. Später räkeln sich dann noch Martin und Dr. Seet auf Wolken. Mehr oder weniger komfortable Wolkenkuckucksheime: Imaginationen der Susanna Serval.
Und wie nun fort zu Lande, auf dem Boden der schwankenden Realitäten? Im Zeitraffer: Fräulein Serval darbt in ihrer dunkel-feuchten Souterrainwohnung. Martin bandelt mit der Jungpoetin an, lockt sie ins Freie. Fräulein Serval findet Einlaß in Dr. Seets saturierte Privatsphäre ("Beletage, Parkett, Bücherwände"), sogenannte tiefe Konversationen, bei denen aus der Tiefe auch immer wieder die Kommissarin auftaucht.

Fräulein Serval und ihr Meister in einem "Tanzpalast". Fräulein Serval auf dem Rummelplatz als Horváth-Schießbudenfigur, mit der klassischen Nummer Susanna im Bade, frei nach Bibel und Rembrandt, angezettelt von Martin- aus Übermut und für ein paar Mark. Und Dr. Seet, er echauffiert sich darüber maßlos: die erlebte Geschmacklosigkeit verschlägt ihm den Appetit. Muß ins Krankenhaus, der so arg gebeutelte Kultursuppenkasper. Aber selbst im "Barocksaal" des Hospitals verweigert er die Nahrungsaufnahme, selbst im gewohnten kulturträchtigen Ambiente mundet das "Kalbsbries mit zerlassener Salbeibutter und Mangoldschaum" nicht mehr.
Danach folgt noch eine Satyrspiel-Szene: Auf einer "PREISVERLEIHUNGSWOLKE" kann nun auch der nichtsnutzige Martin nicht mehr den kulturellen Fallenstellern entkommen. Prompt sind ebenfalls die alten Literatur-Groupies zur Stelle. Alle sehen inzwischen ein bißchen tot aus. Aber das Kulturtitanicorchester schrammelt stoisch weiter. Bis in alle Ewigkeit.
"Die satirisch-kabarettistische Oberfläche täuscht, denn hier liegt eine ganz und gar schwarze Komödie vor, mit viel Scherz, Satire und schreckensstarrer Melancholie. Ein Jux mit Gänsehaut, in dem die Fröhlichkeit des Aschermittwochs herrscht", schrieb der Theaterwissenschaftler Klaus Völker über das Stück, dem er eine mit Franz Molnárs Liliom vergleichbare "Leichtgewichtigkeit" attestierte.

Die Alphabeten- auch eine Groteske. Eine Literatur-Farce. Gewiß. Und doch wesentlich mehr. Mühelos transzendiert Zschokke das Thema seines Stückes- der L i t e r a t u r b e t r i e b a l s M e t a p h e r . Ähnlich verfuhr Alexander Kluge in seinem Film Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (wo es ja auch nur eher beiläufig um Zirzensisches geht).

Das Sesam-öffne-dich!-Zauberwort zum Verständnis von Zschokkes Theaterstück heißt: DAS LEBEN. Ob sie die (mittlerweile zur Phrase heruntergekommene) Altfrankfurter Maxime, es gebe kein richtiges Leben im falschen, nur ahnen oder auch kennen, so umkreisen Zschokkes Theaterfiguren unablässig vitale Probleme. Mühsam buchstabieren sie herum im Alphabet des Lebens und versuchen, die Hieroglyphen des Lebens zu entziffern. Verzweifelte Lebensleser, diese Alphabeten.

Die ,Kulturenthusiasten' haben durch ihre Idolatrie a priori eine originäre Identität verspielt; die Jungschriftstellerin ringt noch um ihren existentiellen Status: "...kein Leben überhaupt, sondern Lebensdarstellung?! Und ich kann die Rollen nicht! ...und gönnte dem Leben nicht den Triumph, an ihm zu zerbrechen..."; Fritz-der-Verbrecher hat das ,total andere Leben' gewagt, das kriminelle, muß also zwangsläufig bestraft werden; Martin ist das, was man so leichtfertig einen ,Lebenskünstler' nennt, er ,schlägt sich durchs Leben' als Claqueur & Statist- irgendwie hat er als parasitäre, kunstlose Existenz ,das Leben begriffen'; Dr. Seet ist völlig ,lebens f r e m d', befindet sich "auf den Fersen des Lebens", wie die Kommissarin einmal mutmaßt. Und Seet selbst: "Ich... lebe davon, daß ich Nachwuchs ranziehe... Was ich tue, tue ich schlecht im Leben ...die Serval ...Sie wird's nicht aushalten, das Leben! ...Ein Freund der Bücher, der sein Leben nichts anderes getan hat, als Bücher zu vernichten und zu verhindern!..."

Und die Kommissarin? Sie jagt gesellschaftlich ganz konkret verfehlte Lebensexistenzen, um sie der Strafinstanz zuzuführen (so paßt die anfangs Fremde doch noch sehr exakt ins Stückkonzept), und auch privat hat sie ihre Malaisen ,mit dem Leben': "Manchmal fürchte ich, wir benehmen uns alle wie außen vor! - Leben nicht, sondern spielen lebendig, nach alten Regeln, unsinnig gewordenen?... Leben das Leben, als hätten wir es gelernt, so wie man lernt, mit Messer und Gabel zu essen? So routiniert, als hätten wir es schon ,zigmal getan? Reihen Gesten und Wörter aneinander, ohne Inhalt? - Hinkende Ruinen!"; und dann, ganz profan, nach Urlaubsphantasien: "Irgendwie bin ich danach ein ganzes Jahr wieder zu gebrauchen für dieses Leben hier..."

Wie Hofmannsthals Komödie Der Schwierige, in der sich alles ums Reden oder Schweigen dreht, sind auch Zschokkes Die Alphabeten thematisch stringent durchkomponiert. Und obwohl es in dem Stück um eine so ernsthafte (und entsetzliche) Angelegenheit geht wie ,das Leben', dürfte/ sollte/ müßte man viel gelacht haben, wenn die Aufführung vorbei ist (allein schon im Text sind zahllose Lacher versteckt, von nestroyscher Qualität). Es darf aber auch geweint werden. Zschokke zeigt nämlich auf der Bühne lächerliche Menschen: mit charmanter Brutalität zeigt er  u n s.

Die Kritikerin Sigrid Löffler merkte zu den Alphabeten an: "Richtige Dichter. Echte Kommissare. Ganze Kerle. Wahre Kunst. Große Worte. Tolle Typen. Das pralle Leben. Geht das überhaupt noch auf der Bühne? Heutzutage? Natürlich geht es nicht. Natürlich ist es nie gegangen. Die Zeiten sind nicht danach. Wo jeder nur noch den Abklatsch seiner selbst simuliert und die Realität sich nur noch imitierend an ihren eigenen Abziehbildern orientiert, kann auch die Schaubühne höchstens Zitate herbeizitieren und Menschendarsteller darstellen. Vorgetäuscht wird, was ohnehin austauschbar ist. Unfertige Gestalten. Halbe Portionen. Windige Typen. Knal-lige Kopien. Individualitäts-Schwindler. Redefiguren. Worthülsen. Leere Ausgänge. Ein Leben in Gänsefüßchen."

Bei den 2o. Mülheimer Theatertagen erhielt Zschokke für seine Alphabeten den Übersetzungs-förderpreis des Goethe-Instituts, so daß sein Stück seit 1996 auch auf englisch, französisch und spanisch vorliegt. Paradoxerweise blieb es auf deutsch ungedruckt und ist nur als Bühnen-manuskript zugänglich.

 

Piraten

Zu Zschokkes Roman Piraten, der im März 1991 nach einem Wechsel vom Münchener Paul List Verlag zum Hamburger Luchterhand Literaturverlag (vormals Frankfurt am Main) erschien, in Auszügen das Protokoll eines Rundfunkinterviews, das am 3o. Januar 1991 in Berlin stattfand:

In Ihrem Roman Piraten begegnet man denselben Figuren wie in Ihrem Theaterstück Brut. Das Buch zum Film ist ja längst gang und gäbe; nun also auch das Buch zum Stück?

Es ist selbstverständlich nicht das "Buch zum Stück", sondern es ist ein Buch, in dem Figuren auftauchen, die ich aus einem Stück entnommen habe. Das Stück existiert in dem Buch als Begriff, wird aber weiter nicht verwendet.

Der Brut-Theatertext erscheint parallel zu Ihrem Roman ebenfalls als Buch. Die beiden Texte ergänzen sich zwar, verweisen aufeinander, aber trotzdem ist jeder Text auch allein verständlich?

Ich finde es ganz wesentlich, daß dies zwei absolut selbständige Dinge sind. Warum ich das überhaupt gemacht habe, hat folgenden Grund: Ich liebe sehr die Romantiker. Die haben ganz krause Vorstellungen gehabt und ganz merkwürdige Versuche angestellt mit Verbindungen von verschiedenen Literaturgattungen. Und ich habe hier etwas, in Anlehnung an diese Versuche, einfach weitergetrieben und neu probiert, nämlich daß ich Figuren auftauchen lasse aus irgendeinem anderen Zusammenhang, den niemand kennen m u ß. Wenn man ihn kennt, gut. Bei den Romantikern, da passiert es, zum Beispiel, daß Leute zusammen ins Theater gehen, und dann wird beschrieben, was sie für ein Stück sehen, und ab der nächsten Seite folgt dann ein komplettes Theaterstück. Das habe ich versucht im Prinz Hans und habe das Gefühl, daß ich damit eigentlich den Leser eher betrüge, weil ich ihm ein Theaterstück aufdränge, das er vielleicht gar nicht lesen mag, weil Leser offenbar Mühe haben, Theaterstücke zu lesen, was ich zwar nicht verstehe, aber gut. In diesem Roman wollte ich den Leser nicht bedrängen. Wenn er das Theaterstück lesen will, dann kann er es sich besorgen. Wenn er will, kann er es lesen und hat vielleicht Vergnügen daran, weil es immer wieder kleine versteckte Hinweise gibt und Querverbindungen. Aber beides läßt sich auch jeweils allein verstehen.

Was fasziniert Sie so an dem Piratenmotiv, daß Sie es gleich zweimal bearbeitet haben?

Es sind die Figuren, die mir wichtig sind. Sie repräsentieren eine piratische oder freibeuterische oder anarchische Haltung, freilich in einem weniger spektakulären Sinn, als das normalerweise verstanden wird. Aber ich meine, sie sind viel grundsätzlicher in ihrer Verweigerung und ihrem Freibeutertum. Das Wort "Piraten" löst etwas anderes aus, das ist mir bewußt, aber meine Piraten sind, wie ich denke, viel tiefgreifender piratisch als dieses Klischee, das wir aus Filmen kennen. Ich will mit Piraten nicht eine "Piratengeschichte" erzählen, sondern ich meine mit Piraten einzelne Personen, die in dem Buch vorkommen und beschrieben werden, und diese Personen sind mir grundwichtig und grundnah. Das sind meine Nächsten, meine Liebsten, wegen ihrer piratischen Haltung, ihrer gesellschaftlichen Unbrauchbarkeit also.

Zwischen den Piraten in Ihrem Theaterstück und den Piraten in Ihrem Roman gibt es einen entscheidenden Unterschied: Wie in Woody Allens Film The Purple Rose of Cairo der Held aus der Leinwand in die Niederungen des gewöhnlichen Lebens hinabsteigt, so haben ja auch Ihre Filibuster die "Vierte Wand" des Theaters durchbrochen und sich als Schauspieltruppe selbständig gemacht, sozusagen ein Gen-Unfall im Theaterlabor. In Ihrem Roman heißt es: "Die Figuren haben sich rechtzeitig aus dem Original davongemacht. Sie ziehen heute drittklassig kostümiert durch Fußgängerzonen und werden ausgelacht, sobald sie sich im Suff dazu hinreißen lassen, von Brut zu erzählen... Schmierenkomödianten..." Also eine verschärfte, noch größere Verelendung als vorher?

Nur vordergründig. Ich habe das Gefühl, das ist eine Freiheit, was ich da beschreibe. Ich empfinde sie als befreit, diese Figuren.

Dieser verlorene Piraten-Schauspieler-Haufe erinnert etwas an Thomas-Bernhard-Figuren: an die erfolglosen Fünf etwa, die in der Macht der Gewohnheit das Forellenquintett proben, auch an Bernhards Der Theatermacher. Haben Sie einen Theater-Roman geschrieben oder mehr einen Lebenstheater-Roman?

Einen Lebensroman. Nur. Ich glaube, es ist ein Zeitroman. Ganz präzise, hoffe ich, an mir dran, an meiner Zeit, an meinem Umfeld. Ein Zeitroman, der über unser Leben, hier und heute, etwas erzählt.

Mehr als jemals zuvor erscheint Ihr Roman Piraten melancholisch grundiert, und im Schlußkapitel wird's dann stockfinster-traurig, wenn die Resttruppe depressiv über ihren Alkoholtöpfen hängt. Die wilden Jahre sind dann endgültig vorbei. Ein Selbstporträt? Resignieren Sie selbst inzwischen auch?

Das ist nicht tiefschwarz, dieses Ende. Ich lache da herzlich, das ist für mich die schönste Szene, die herrlichste Szene. Das sind wunderbare Figuren. Figuren, die sich von unglaublich vielen Zwängen gelöst haben. Sie sind von einer Offenheit und Klarheit und Wahrheit, daß ich mich danach sehne, bei ihnen am Tisch zu sitzen. Das ist für mich fast eine Utopie, dieser Tisch. Sie sind Befreite, und zwar nicht in dem kitschigen Sinn, das sind Asoziale oder in der Armut ist das Glück, sondern ich meine den Umgang zwischen diesen vier Leuten, der ist von einer Ehrlichkeit und absoluten Schutzlosigkeit, daß ich tief gerührt bin. Ich möchte da wirklich dazugehören. Deswegen würde ich mich keineswegs als resignativ bezeichnen. Ich glaube, das ist eine große Haltung, die da am Schluß beschrieben ist. Oder ich empfinde sie mindestens so. Das sind für mich große, ganz große Menschen, die da am Schluß sitzen und nur noch zusammen schweigen, entspannt und unverkrampft, trotz ihrer desolaten Situation. Sie haben eine Qualität von "Sensibilität" erreicht in sich selbst, eine Qualität von Rücksichtnahme aufeinander, wie ich sie anstrebe.

Es könnte nun vielleicht der völlig falsche Eindruck entstehen, bei Ihrem Roman Piraten handele es sich um eine sauertöpfisch-griesgrämige Angelegenheit... Zschokke- selbst ein Opfer "der Verhältnisse"...

Nein, dieser Eindruck könnte nicht entstehen!

...aber genau das Gegenteil ist der Fall. Sie erzählen locker und mit viel Witz. Und Sie haben in der Zwischenzeit auch nicht Ihre Lust am experimentellen Spiel mit der literarischen Form verloren, haben Ihr Repertoire vielmehr noch erweitert: Ihr Roman ist mit pseudowissenschaftlichen Fußnoten versehen, und ebenfalls fehlt ein Glossar nicht, das absurde Begriffserklärungen leistet...

Sie wollen jetzt hören, daß diese Fußnoten und dieses Glossar selbstverständlich Grund und Anlaß zur Heiterkeit geben können und sollen. Ich hoffe, daß man sogar darüber lachen kann, denn ich habe furchtbar viel verpackt darin und halte das Ganze für lustig. Trotzdem ist es ein ernsthafter Roman, und die Ernsthaftigkeit im gesamten beginnt schon beim Erscheinungsbild des Buches, das sehr klassisch ist und schön. Das ist mir sehr wichtig gewesen bei dem Buch, weil ich glaube, daß es leichter zu lesen ist, wenn es in sich erst einmal den Eindruck von einem geordneten, klassischen Roman erweckt, weil ich fürchte, daß die Leser durch kleine Schlenker, wie ich sie in Max gemacht habe, irregeführt werden und von vornherein glauben, das sei ein lustiges, verspieltes Buch. Jetzt habe ich hier eine ganz ernste und strenge Form gewählt, damit man es erst einmal als strenges Buch liest und bei genauer Lektüre dann plötzlich ein doppeltes und dreifaches Vergnügen hat, weil man anfängt, die Schnörkel und die Klippen und die Hürden und die Fehler und die Tücken wirklich auch selber zu entdecken und zu genießen.

Es gibt als Zugabe sogar ein paar Abbildungen, etwa den exakten Grundriß des Hotelspeisesaals, in dem der Erzähler die reisende Schauspielerbande kennenlernt, mit akkurater Anordnung der Tische, und es gibt auch ein Foto aus der piratischen Glanzzeit mit dem Oberpiraten Burt Lancaster. Und besonders hübsch sind die Seiten 186 und 187, auf denen ein Briefentwurf mitgeteilt wird, wobei die Korrekturen im Druck typographisch ihre Entsprechung finden. Also viel formaler Schabernack...

Ich habe Freude an solchen Sachen, das stimmt. Aber ich glaube, das ist mehr eine kulinarische Geschichte innerhalb eines Romans, bei mir jedenfalls. Wirklich wichtig sind mir die Piraten, diese neun Figuren, ob ich sie getroffen habe, wie genau ich sie gezeichnet habe.

Ihre Piraten sind ja höchst artifizielle Geschöpfe. Besteht dabei nicht die Gefahr, daß ihnen die epische Höhenluft zum Atmen etwas zu dünn wird- hat der Leser ausreichend Identifikationsmöglichkeiten mit ihnen? Leser sind meistens ja sehr erpicht darauf...

Das Problem kann höchstens entstehen, wenn man Schauspieler nicht für identifikationswürdig hält, daß man sagt, Schauspieler sind schon an sich eine fremde Welt, damit habe ich nichts zu tun. Aber ich meine, daß man sich mit den Figuren sehr gut identifizieren kann. Deren Biogra-phien sind heutig und mit unseren vergleichbar, und ihre Äußerungen und Verhaltensweisen entsprechen unserer Zeit, sie sind auf keinen Fall Kopfgeburten, wie Sie das andeuten, sondern Menschen aus Fleisch und Blut.

Aber der Erzähler erscheint wesentlich "bodenständiger" und hat eine zentrale Position in Ihrem Roman...

Da haben Sie aber nicht genau gelesen. Sie können mir nicht sagen, wer der Erzähler ist. Der Erzähler ist eine ganz schillernde Figur, vielleicht ist es Herr Nettelbeck, der uns erzählt (eine Figur, die einmal eingeführt wird am Anfang im Buch und die ursprünglich anfängt zu erzählen: mir), plötzlich dann erzähle  i c h die Geschichte. Die Erzählfigur ist eine Figur, die sich entzieht, und am Schluß ist sie überhaupt nicht mehr vorhanden, sondern es bin eigentlich nur noch ich, der erzählt. Im Vergleich zu den anderen Büchern ist das eher entschlackt; in den vorherigen Romanen war klar, da spielt jemand mit der Erzählhaltung, das konnte man herauslesen, schnell und leicht, das war nicht versteckt, und in dem hier ist es jetzt viel weniger vordergründig.

Ihr neuer Roman ist, abgesehen von einem münchhausischen Ausflug nach Australien, sehr linear erzählt, ohne kompliziert verschachtelte Erzählebenen- ist das eine Konzession an die Lesbarkeit? Oder ein Rückzug aus der Avantgarde? Streben Sie zu klassischen Gipfeln?

Ich habe von Anfang an den "klassischen Gipfel" erstrebt und hoffe, daß ich auch von Anfang an da oben mich getummelt habe und nicht irgendwo in der Avantgarde. Ich glaube nicht, daß der Begriff Avantgarde für mich zutrifft. Meine vorigen Romane, im besten Fall sind das freche Bücher gewesen, weil sie die Form nicht eingehalten haben, aber nicht aus bewußtem Kalkül, sondern zum Teil aus Unbekümmertheit oder...

..oder jugendlichem Übermut...

...gut, das darf man sagen, das ärgert mich nicht. Ich werde selbstverständlich älter: von Jahr zu Jahr ein Jahr mehr. Und ich arbeite immer wieder daran, wie könnt' ich's genauer sagen, wie kann ich's vielleicht so sagen, daß mich mehr Leute verstehen; das ist eine Konzession an den Leser. Ich leide selbstverständlich darunter, wenn nur wenig Leute mich lesen. Ich möchte gern, daß vielleicht mal hundert Leute mehr mich lesen, denn ich glaube, daß ich durchaus verständlich bin auch für mehr Leser, und nur mit großem Erstaunen stelle ich immer wieder fest, daß ich offenbar irgendwo in einem Gebiet mich äußere, wo nur wenig Leute mir folgen mögen, wo nur wenig Leute mich begleiten wollen.

Wie sähe Ihr Idealleser aus?

Leser sind schon an sich ideal. Die gibt's ja überhaupt nicht mehr.

Peilen Sie irgend eine Zielgruppe an?

Mehr. Mehr als vorher. Das ist die Zielgruppe. Ich finde, Leser gibt's zu wenig, grundsätzlich. Und jeder Leser ist für mich schon mal eine wohltuende Erscheinung. Selbstverständlich hoffe ich und träume ich davon, daß sie zunehmend wildere und spannendere Bücher lesen, die Leser. Aber schon überhaupt, d a ß sie lesen, freut mich, und ich würde mich natürlich noch mehr freuen, wenn sie m i c h läsen und nicht von vornherein sagten: Das ist Avantgarde! Ich mag nicht die Avantgarde-Leser. Das ist für mich eine komische Absonderung, ein Clubdenken, ein Logendenken. Ich mag ganz einfach L e s e r.

Sie sind ja nun kein Autor, der in psychologischem Realismus badet. Ihr Metier ist eine phantasievolle Fabulierkunst. Würde es Sie stören, wenn man Sie -ganz altmodisch- als DICHTER bezeichnete?

Nein. So bezeichne ich mich selbst immer.

Wenn Sie sich in der deutschsprachigen zeitgenössischen Literatur umschauen, was mißfällt Ihnen dort am meisten, was vermissen Sie am meisten? In Ihrem Roman spotten Sie: "Übrigens: Deutschland hat seine Dichter verdient."

Ich vermisse die Dichtung in der Literatur. Ich habe das Gefühl, daß Dichtung eine eigensinnige, verstockte, verquere Angelegenheit ist, immer unbotmäßig in ihrer Zeit...

...aber auch ein Träumen...

...Träumen gehört dazu. Daß man sich leistet zu träumen, ist darin inbegriffen... ja, eine unbrauchbare Haltung, die sich jemand leistet. Und mich ärgert maßlos... und ich ertrage sie nicht...diese b r a u c h b a r e Dichtung, die heute... nicht nur heute, die wird ja immer geschrieben...

...Literatur als Lebensanleitung... Gebrauchsliteratur...

...ich brauche Literatur zum Leben, aber das ist eine ganz andere Art von Brauchen. Es gibt eine Brauchbarkeit, wo man glaubt, Literatur müsse ins Leben hineinspielen. Das hat sie überhaupt nicht zu leisten, sondern das Leben soll sich nach der Literatur richten. Und die Literatur: je weiter weg vom Leben, desto besser... in einem Freiraum, da möchte ich die Dichtung haben. Und ich bin immer wieder furchtbar enttäuscht, wenn ich Bücher lese, die so vergeblich... so g u t g e m e i n t sind, die uns helfen wollen, unser Leben zu gestalten oder zu denken in irgend eine Richtung. Rundfunk oder Fernsehen sollen helfen, wie man mit den Problemen des Alltags umgeht. Ich mag nicht diese Alltagsliteratur.

Sie gehören jetzt -1991- zehn Jahre zur schreibenden Zunft. Wenn Sie eine persönliche Bilanz ziehen, wie fiele die aus?

Daß ich immer noch nicht dazugehöre, leider. Oder um Günter Eichs Gedicht "Zuversicht" zu zitieren:


"In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei."

 

Der reiche Freund

Es gibt im Werk eines jeden Künstlers (auch der besten) mindestens ein Opus, das artifiziellen Ansprüchen nur unzureichend genügt. Bei Zschokke dürfte dies wohl seine Komödie Der reiche Freund sein. Es wäre unredlich, sie durch Verschweigen auszuklammern (zumal sie Zschokkes bisherige Kunst-Leistung in toto nicht im geringsten beschädigt), aber sie soll hier nur kurz gestreift werden.

Ein erfolg- und mittelloser Architekt erhofft sich einen "Direktorenposten in Caracas" oder wenigstens finanzielle Unterstützung von einem "reichen Freund", der in einem Schloß residiert, mit dem fast stummen Diener Herrmann (die Figur evoziert Erinnerungen an den Filmschauspieler Erich von Stroheim in Sunset Boulevard) und der Dichterin Emilie (einer ältlichen Verwandten der Susanna Serval?), die er sich zur Unterhaltung und als Bewußtseins-Stimulans hält. Der reiche Freund, der feinsinnig Catull und Alkaios liest, ist eine kapitalistische "Charaktermaske", die naturgemäß jede Hilfe verweigert. Trotzdem ist Zschokke das Kunststück gelungen, den "reichen Freund" nicht eindimensonal-blöde gezeichnet zu haben, sondern sehr differenziert in seinen Idiosynkrasien und Defiziten: auch "Kapitalisten" sind Menschen und keine Pappkameraden.

Zuerst flüchtet Rosa, die Gefährtin des Architekten, eine köstlich Naive, aus dem goldenen Käfig, später auch der Bittsteller. Die dramatisierte Zeit des Stückes erstreckt sich über ein ganzes Jahr: es beginnt und endet in einer Silvesternacht. Am Schluß herrscht wieder der Status  quo.

Zschokkes Stück wurde von der Kritik fast unisono abgelehnt. In erster Linie krankt es wohl an der mangelhaften Dramaturgie: es ist ein örtlich zerfaserter Pseudo-Fünfakter ohne aristotelische Stringenz (und somit eigentlich ein verkappter szenischer Bilderbogen). Die Figuren erleben keine Entwicklung, sie bleiben unbeeindruckt von dem, was sie miteinander erlebt haben. Und die episch-monologische Textstruktur verhindert dramatische Impulse, torpediert fast alles Theatralische (das -in seinem Wesen- niemals statisch ist; Beckett bildet singulär eine geglückte Ausnahme). Sicher ein ehrenwertes Experiment- auch wenn es anscheinend mißlungen ist.

Anstatt das hinkende Stück mit Energie aufzuladen, inszenierte der Regisseur der Uraufführung (Staatstheater Hannover, 18. März 1995) durch modernistische Mätzchen Zschokkes Reichen Freund in Grund & Boden. Aber vielleicht wird ja doch noch eine künftige Aufführung alle Kritiker beschämen und das Urteil eines versprengten Rezensenten bestätigen: "Ein hübsches, charmantes Lustspiel voll Witz und funkelnder Sprache, heiter und melancholisch zugleich, elegisch und beherzt."


 

Der dicke Dichter

In drei Prosabänden war Matthias Zschokke mit dem Kopf über den Wolken und verwöhnte seine Leser durch humoresken Charme und formal-kühne Schreibraffinessen. Mit seinem vierten Roman Piraten begann ein melancholischer Sog, in dessen Strudel auch sein Fünftling Der dicke Dichter geriet, der im Mai 1995 erschien.

Ein depressiver Sturzflug des Autors und eine literarische Punktlandung: Mit diesem Werk, kaschiert unter alliterierendem Kinderbuchtitel, hat sich Zschokke schreibend erlaubt, "erwach-sen" geworden zu sein; und seinen "Urstil" aufgegeben, den kecken, frechen, obwohl er in seinen Kunstmitteln auch weiterhin subversiv bleibt, sie nun jedoch subtiler einsetzt. Man mag den Verlust originärer Unschuld beklagen, begreiflich ist es schon, wenn einer, der schreibt, wahrge-nommen wissen möchte, daß bei ihm hinter einer witzigen Fassade gleich der Abgrund beginnt.

Abgrund diesmal schon auf dem Cover: ein fetter Mann (mit roter Badekappe und riesiger Badehose) steht hoch oben auf dem Sprungbrett eines Schwimmbads- gleich wird er sich ins schwarze Cover-Nichts stürzen. Und stürzen wird auch er, aber ins reale Nichts, der "dicke Dichter".
Alden heißt er, wie Zschokke gegen Ende raunt, oder Ingold, er kommt schon bald zu Tode, ganz profan, bricht einfach zusammen in einem Bahnhofsrestaurant: "So erreichte er, daß zuletzt, als er starb, tatsächlich niemand sein Fehlen bemerkte." Keine erschütterte Nachwelt.
Der Rest der Biographie ist eine Rekonstruktion aus dem Nachlaß. Eine große Literaturleuchte war dieser dicke Dichter anscheinend nicht, erbärmlich-grausam knirscht der Reim: "Schon wieder ist ein Jahr vorbei, diesmal ist kein Vers dabei."

Zschokkes Romane sind von Anfang an immer Roman-Simulationen gewesen, Roman-Romane, die das Genre glänzend-perfide konterkarieren- auch beim Dicken Dichter dürfen sich die Gralshüter der reinen Form die Haare raufen (falls noch vorhanden). Der dicke Dichter spricht über sich und charakterisiert zugleich treffend Zschokkes Opus: "Ich schreibe zur Zeit an einem Buch. Darin soll nichts geschehen, die Zeiten sind Zeiten, mehr nicht, die Geschichten folgen brav eine hinter der anderen, manchmal geht ihnen die Luft aus, kleine Geschehnisse, Anekdoten, Zeug, von einem Dichter aufgeschrieben, der sich des schönen Titels wegen als dick bezeichnet. Manchmal gerät der Schreibende selbst ins Zentrum, ins Visier des Lesers, deckt sich mit dem Buchhelden, der ich bin, der jeder ist, erbarmungslos." Mit diesem Credo entpuppt sich der dicke Dichter als Zschokkes Strohmann. Und ist unser aller Sensenmann.

Traum eines jeden wahren Dichters dürfte wohl sein, ohne Haupt- und Staatsaktion auszukommen und ein Buch über "NICHTS" zu schreiben (das, freilich, geheckt -nolens volens- wieder zu einem Etwas wird, werden muß): Stifter, Handke & Co. haben sich diesen Traum erfüllt, und Zschokke hat es im Dicken Dichter auch getan, denn es "steht längst alles geschrieben, die schönsten, wahrsten Seiten liegen herum auf den Wegen zwischen den Mauern, wobei wir wissen, daß auch sie letztendlich aus lauter Irrtümern bestehen, diese schönsten, wahrsten Seiten, daß sie uns ablenken, uns irremachen, daß sie die Mauern sind und daß wir uns hüten sollten davor, immer neue Seiten draufstapeln zu wollen, Schicht auf Schicht, Geschichten, und tun es doch, verzweifelt, lenken ab, bringen die liebenswürdigsten Romanhelden erbarmungslos immer wieder um, murksen zarte Fräuleins ab..., nur um der Stille zu entrinnen, und tritt sie trotz aller Vorkehrungen ein, die Stille, so starren wir uns entsetzt in die Gesichter, in die Augen, die weit offen stehen, und sehen darin, daß auch das Gegenüber weiß, wie verkehrt alles ist, wie falsch, das Denken, die Richtung des Denkens, das Aufstehen, das Ins-Bett-Gehen, das Bett an sich, die Hosen, die Schuhe, die Haarschnitte, die Wissenschaften, die Religion, die Philosophie..."

Der Satz geht kaskadisch noch eine Seite weiter (und es gibt viele andere Kaskaden), schreit existentielle Verzweiflung heraus, die leitmotivisch - brutal Zschokkes Dicken Dichter ins Düstere färbt: "Es ist die Hölle, nichts zu tun zu haben und erbärmlich ist es, etwas zu tun. Wenn wir innehalten im Tun, dann schweifen unsere Blicke ab, werden stumpf und leer, wir erschrecken, erblassen vor dem Nichts, in das sie gleiten, also halten wir uns fest an den winzigen Hälmchen des Alltags, am Fensterputzen und Einkaufen, am Briefeschreiben und Haarewaschen, wie entsetzlich die Leere... der erschreckende Stumpfsinn des Alltäglichen; wo man gut daran tut, sich -solange man noch gelenkig genug ist- hinten auf die Karren der Besserwisserei zu schwingen, die ab und zu hochrädrig vorüberrollen, schnell und leicht, zu den Höhen der Herrschaft. Abends ist es besser. Es sollte immer Abend sein."

So klingt die Melodie, die Zschokkes gesamten Roman dominiert. Und Berlin, der Hauptschauplatz, ist längst Moder und Verfall, ohne Zukunft. Zschokke hat sich vom Autor als "lustiger Person" verabschiedet- auch wenn sein alter Schalk immer wieder noch einmal aufblitzt, etwa in den hemmungslos geflunkerten Geschichten, die der dicke Dichter seinem unterhaltungs-süchtigen geliebten Severinchen erzählt: Gute Nacht, Welt!

Matthias Zschokkes morbides Werk Der dicke Dichter ist der erste Fin-de-siècle-Roman der Jetztzeit- etliche Bücher anderer werden wohl noch folgen zur nahenden Jahrhundert- und Jahrtausendwende.


Der dicke Dichter wurde in Deutschland von der maßgeblichen Kritik fast völlig ignoriert, in der Schweiz jedoch hymnisch rezensiert. "Ein Wunderding, dieses kapriziöse Buch", war in der "Neuen Zürcher Zeitung" zu lesen. Und der Schriftsteller Urs Allemann schrieb in der "Basler Zeitung": "Ein Buch, das unsere Ratlosigkeit um nichts verringert- und warum sollte es, bitte? Ein zauberhaft ratloses, mutloses, mattes Buch über <<uns>> (wer immer das sein mag: <<Dieses Wir immer, das tröstliche Wir, das nicht existiert...>>, über unsere Ratlosigkeit, Mutlosigkeit, Mattigkeit: <<...wir alle wissen alles, das lähmt, verstehst du...>> Ein Buch über <<die Menschen mittleren Alters>>, die endlich gelernt haben, sich auszudrücken, <<und schon geht ihnen auf, dass das nichts hilft>>. Ein gelassen schwarzgalliges Buch. Ein Buch, in dem Tod, Staub, Leere, Verwahrlosung allgegenwärtig sind. Ein Buch, das einen Zustand anpeilt, <<wo jede Spitzfindigkeit schal und trüb wird, wo mit unverblümter Offenheit hinter allem die Banalität hervorgrinst>>. Ein Buch über das schäbige Geschäft des Schreibens, über das abgekartete Spiel mit Figuren- und über <<diese unendliche Angst, die uns treibt zu schreiben und zu schreiben>>. Ein Buch, das es <<Nichtigkeiten>> (einer rennenden Maus in der Tordurchfahrt, einer ziehenden Wolke) zutraut, <<von einem Moment auf den andern Glück auszulösen>>. Ein Buch, das uns poetisch streunend, <<ins fahle Licht der Wahrheit>> zerrt- und wir und es und einfach alles fällt darin, wie Hefeklösse, zusammen."


 

Erhöhte Waldbrandgefahr

Am liebsten würde ich Filme grundsätzlich in Studios drehen. Bücher werden schliesslich auch im Studio, im Kopf hergestellt. Das sogenannte Leben stört jede Kunst. Matthias Zschokke


Zschokke über den Titel: "Im Film wird er sofort erklärt. Im Titellied bereits, dessen Refrain eben Erhöhte Waldbrandgefahr heisst. Das hat damit zu tun, dass eine der Filmfiguren ein Wettersänger ist, der den Wetterbericht singt. Der Film erstreckt sich über ein Jahr, und da singt immer wieder einer den neuen Wetterbericht, für Januar, Februar und März und so. Und es fängt im Juli an; er singt unter anderem eben davon, dass es sehr heiss sei und erhöhte Waldbrandgefahr herrsche. Das ist das Praktisch-Konkrete. Und dann hoffe ich natürlich auch, dass eine Doppelbedeutung spürbar wird, dass im Klima des Films ein Knistern vorhanden ist."

Zschokke über die Filmhandlung: "Der Film handelt von Beziehungen, von Liebe vor allem. Wobei die Leute den Weg zueinander immer gerade verpassen. Eine asynchrone Liebesgeschichte. Ich hoffe, dass damit von unserer Zeit und unserer Gefühlslage erzählt wird, von unserer -ich weiss, das ist ein Modewort- sogenannten Vereinsamung, die in unseren Räumen und grossen Städten wächst. [...] Der Film spielt in einer sehr grossen Stadt, die sich vom Mittelmeer -San Remo- bis etwa Moskau und Sankt Petersburg erstreckt. Wenn ich diese Geschichte real -eins zu eins- hätte drehen wollen, wäre das unheimlich zeitaufwendig und teuer geworden und hätte beispielsweise enorme Reisekosten nach sich gezogen. So habe ich mir überlegt, das Ganze zu bündeln. Der Film spielt vor allem in Innenräumen. Da kann man vieles behaupten. [...] Als Meer fungiert der Brienzersee. Der hat sich gut gehalten, in jeder Wetterlage. Wir haben ihn von November bis Hochsommer je einmal ertappt. Erstens hat er eine wunderschöne Farbe an sich, eine ganz erstaunliche Türkisfarbe, im Stil Côte d’Azur. Man muss im Bild -für den See als Meer- halt ein bisschen mogeln, aber das geht gut."

Zschokke über die Produktionsbedingungen:"Ursprünglich sollte das Projekt richtig ausfinanziert werden. Wir haben Produzenten gesucht. So etwas dauert Jahre. [...] So habe ich die Produktion selbst übernommen. Es wäre auch keinem Produzenten zumutbar gewesen, mit den Leuten umzugehen wie ich, also zum Beispiel die Schauspieler zu fragen, ob sie ohne Gage oder zu einer geringen Gage mitspielen würden, einfach aus Interesse an der Sache. [...] Aber ich glaube auch, dass ich das nicht beliebig wiederholen kann. Das kann den Leuten jetzt einmal zugemutet werden. Und auch mir selbst. [...] Ich habe vor allem einen grossen Kompromiss gemacht: die extrem kurze Drehzeit. Viele Kollegen sagten, dass das gar nicht gehen würde, in nur fünfzehn Tagen einen ganzen Spielfilm zu drehen. Es ist ein Versuch, den ich wirklich nicht wiederholen möchte. Die Techniker sind unterbezahlt, die könnten nicht ewig so weiterarbeiten, die Schauspieler auch nicht. Es geht eigentlich nur, weil jeder, der mitmacht, irgendwelche Träume hat und Ideale und denkt, es müsste doch noch etwas anderes geben, als immer nur Geld zu verdienen. Aber auf diesen Träumen kann man nicht ewig herumreiten, das geht einmal, das ist ein Geschenk."

(Aus dem Interview Mit wenig Licht kann man viel verstecken von Hans M. Eichenlaub)

"Mario Massa ist nicht nur die Radiostimme im Hintergrund, sondern auch eine der drei Hauptfiguren [...]. Täglich trifft er beim Schwimmen seinen Freund Doktor Siano am Strand oder in der dortigen Bar. Hier fragt Siano den Meteo-Sänger, wie er sich verhalten solle angesichts der Tatsache, dass er eine Frau getroffen und ihr zu lange in die Augen gesehen habe; eine jüngere Frau aus anderem Milieu, der man noch einiges von der Welt zeigen könnte [...] Schauplatzwechsel. In einer seltsamen Klinik unterzieht sich Susanna zwecks Aufbesserung ihrer Finanzen einer eigenartigen Testreihe, in deren Verlauf weder Sonne noch Luft an ihre Haut dürfen. So liegt die junge Frau bandagiert, als hätte sie Brandverletzungen, im Bett. Sie liest im Buch Erhöhte Waldbrandgefahr von Fünfzigjährigen, die am Morgen schwimmen gehen (wie Siano und Massa), von Sommer und Hitze, die ihr erst einmal verwehrt bleiben. Erst später wird klar, dass Susanna die Frau ist, welche in Siano dezente amouröse Träume geweckt hat. Die beiden sehen sich in erwähnter Strandbar, in einem Restaurant. Siano bemüht sich bei jedem Treffen um eine Verabredung mit der Frau, will sie ins Theater führen, zum Spazieren oder so. Sie scheint seine Vorschläge stets sorgfältig abzuwägen, sagt dann aber immer nein, will ihre Begegnungen von Zufällen diktiert wissen. Erhöhte Waldbrandgefahr erzählt über rund ein Jahr vom Fortgang der nicht recht in Schwung kommenden Romanze zwischen dem angegrauten Intellektuellen und der jungen Gelegenheitsarbeiterin und vermischt diesen Erzählstrang mit weiteren Episoden. [...] Den Personen im beachtlich gespielten Film -die so etwas wie alte Bekannte aus Zschokkes literarischem Werk sind- scheint ein Zusammenfinden unmöglich. So, als lebten sie je allein auf Planeten, deren Umlaufbahnen sich in guten Momenten wohl annähern, die aber nicht wirklich aufeinandertreffen können. Alle -ausser den Freunden Massa und Siano- reden fast ständig aneinander vorbei, am stärksten auf sich selber konzentriert erscheint dabei Susanna. Die Sätze, die wie gedruckt von den Lippen der Figuren kommen, sind im einen Moment von geradezu umwerfender Banalität, um im nächsten genau in ebendieser ein Stück Wahrheit auszumachen. [...] In seiner Struktur folgt der bühnenmässig inszenierte Film keinen kinoüblichen Bahnen, ist vielmehr eine Art Puzzle, das eher Stimmungen auf die Leinwand bringt und Assoziationsfelder öffnet, als eine fortlaufende Geschichte erzählt. Erhöhte Waldbrandgefahr ist also kein filmisches Beziehungsroulette der gängigen Art, sondern ein schräges Kinostück, dessen Episoden der Regisseur geschickt zusammenbringt, dessen Dialoge von sanftem Witz, manchmal aberwitzig sind."

(Judith Waldner)

 "Der Sänger ist ein Star, seine faszinierenden, atonalen Songs laufen ständig im Radio und kommentieren auf ironische Weise die Handlung. Selten wurde Wetter schöner und komischer besungen als in diesen Liedern, deren Texte ebenfalls dem Montageprinzip gehorchen. Sie vermischen Versatzstücke der meteorologischen Tagesdaten, Schwüle und Schweissausbruch mit Alltagsbeobachtungen, sie geben lakonisch zerrissenen Gefühlen und Wahrnehmungen Ausdruck, die auch die Protagonisten bestimmen: der Wetterbericht als Grundlage einer postmodernen Condition humaine."

(Mathias Heybrock)

"...ein exotischer Cocktail aus Varieté, Comic strips, Short Stories und Trivialliteratur."
(Hanspeter Rederlechner)

"Ein trauriger, lustiger, erwachsener Film." (Matthias Zschokke)

 

Die Exzentrischen

 Der Spielort ist ein Bahnhofsrestaurant erster Klasse- irgendwo, in einer Kleinstadt. Erste Szene: "Abendsonne scheint herein."; zweite Szene: „Später. Die Sonne geht unter."; dritte Szene: "Draußen ist Nacht. Der Mond geht auf."; vierte Szene: "Der Mond ist weg."

Sechs Personen suchen einen Autor und finden ihn in Matthias Zschokke. Ihre Rollennamen: Baronne - Frieda Graf - Förster - Herzog - Richter - Kellner. Eine distinguierte Gesellschaft, deren Heimat ein besserer Stammtisch ist. Die sich hier immer wieder versammeln -einige von ihnen vermutlich bereits seit Jahrzehnten-, nennt Zschokke im Titel Die Exzentrischen. Sie existieren "ex centro", außerhalb eines Lebens-Zentrums, sind Randständige, Unbehauste- im Grunde ziemlich "normale" Zeitgenossen, die sich nur bedingt im herkömmlichen Wortsinn als "exzentrisch" bezeichnen lassen.

Klaus Völker schrieb in diesem Zusammenhang: "Matthias Zschokke hält es mit den ‘Piraten’, den Freibeutern des Lebens, menschenfreundlichen Käuzen und Sonderlingen, mit den Phantasieerfüllten, den nicht fanatisch auf Rentabilität Bedachten. Exzentriks sind akrobatisch geschickte Komiker, mit Übertreibungen arbeitende Varieté-Künstler. Die Exzentrischen, die Menschen, die er in seinem Stück in einem Bahnhofsrestaurant eines abgelegenen Orts zusammenkommen läßt, sind ganz unauffällige Leute, allenfalls leicht absonderlich, verstiegen und überspannt, Melancholiker, Unvernünftige, vom Leben Enttäuschte, mit etwas verschobenem Mittelpunkt. Alle haben ihre Hypochondrien, misanthropischen Zustände, Herzensängste, Sehnsüchte und Schwächen. Der Irrsinn der Freundlichkeiten, Bosheiten, der Scherze und Sticheleien breitet sich aus, aber es ist dieser von der Abendsonne milde beschienene Alltag, der das Leben ausmacht und das Glück enthält, von dem alle doch träumen."

Der "von der Abendsonne milde beschienene Alltag" dürfte dann doch wohl eine Zwangsharmonie-Phantasie sein. Zschokkes Die Exzentrischen sind ein schwarzes Endspiel mit komischen Tupfen. Ohne Becketts plumpe Mülltonnen mit dem Aha-Effekt für die ungebildeten Stände.

Ein existentielles Konversationsstück. Ein Redestück mit wunderbarer Rhetorik- manchmal seitenlange Monologe: und sie ermüden nicht, denn sie besitzen eine enorme innere Spannung. Innere Spannung durchs W o r t. Innere Spannung durch Emotionen. Äußerlich ereignet sich kaum etwas. Ein No-Action-Play. Vielmehr: ein modernes Seelendrama- von einem heutigen Arthur Schnitzler. Den Part der heftigen (und trotzdem zarten) ältlichen Baronne könnte man sich durchaus besetzt denken mit einer Adele Sandrock, und die Herren allesamt als todmüde Wiener Dekadenzlinge, und Frieda als das einst so "süße Mädel", mittlerweile etwas entstellt durch Frustrationen, die sie sich schauspielernd eingehandelt hat, und Hans Moser als kellnerndes Faktotum. Berlin grüßt Wien.

Am Schluß sagt Frieda, sie sei "restlos glücklich", und das meint natürlich: restlos unglücklich. Und das sind sie alle in Zschokkes Stück: einsame Menschen, restlos unglücklich.
Matthias Zschokke äußerte selbst zu seinem Stück, den harmlosen Naiven spielend (wie so gern und so oft): "Die Exzentrischen sind Menschen, die versuchen, miteinander einen Abend zu verbringen. Sie sitzen in einem Restaurant. Entfernt steht ein Kellner. Sie sind entsetzlich müde. Am liebsten würden sie sich auf der Stelle hinlegen und schlafen- dagegen reden sie an; das ist Würde. Viele Moden sind schon über sie hinweggefegt und haben sie übel zugerichtet. Was für Narben. Was für Flecken. Was für wunde Stellen. Trotzdem halten sie immer weiter an sich fest. Stolze Komiker, die sich weigern, Grimassen zu schneiden; die wissen, daß Lüge und Verrat nur fürs kleine, tägliche Leben taugen, nicht für sie. Am Ende ist es spät geworden, und sie gehen nach Hause."

Im Theaterverlagskatalog findet sich zu den Exzentrischen lakonisch die dramaturgisch-technische Anmerkung : 2 D[amen] - 4 H[erren] - 1 Dek[oration]. Anscheinend also müßte sich das Stück mit minimalem Aufwand auf der Bühne realisieren lassen. Aber dieser Eindruck täuscht. Zschokkes Drama Die Exzentrischen ist einer der am schwierigsten zu inszenierenden Theatertexte der Gegenwart und blieb darum bislang auch unaufgeführt: nur Altmeistern wie Peter Stein, Luc Bondy oder Klaus Michael Grüber könnte dieses Kunst-Stück gelingen- und nur mit einem hochkarätigen Schauspielerensemble, das für diese Regisseure obligat ist.

Eine mittelmäßige Inszenierung eines mittelmäßigen Regisseurs mit mittelmäßigen "Darstellern" in der sogenannten "Provinz" würde Zschokkes Stück für immer vernichten, wie es sich bereits in einer Hörspielfassung des „Saarländischen Rundfunks" andeutete: Schauspieler, die für eine schnelle Mark ihren Text bloß aufsagten, mehr oder weniger "kunstfertig" rezitierten, weil sie ihn nicht begriffen hatten, hineingestellt in einen schalltoten Raum- und kein Intercity raste vorbei im Ohrenkino.

Was ist denn die so große Crux bei dem Zschokke-Stück? Es erfordert von den Schauspielern absolute Stanislawskij-Fähigkeiten, ein Vergessen von Rolle & Bühne, totale Identifikation, nicht das geringste stilisierende Mogeln mehr, um die Zuschauer gnadenlos in eine peinsame Voyeur-Situation zu zwingen, die von den lustvoll-quälenden Wortorgasmen der Figuren evoziert wird.

Naturgemäß können das durchschnittliche (Stadttheater-) Schauspieler nicht leisten, die Frieda Graf so charakterisiert: "Ekelhaft, meine Kollegen. Prall gefüllt, zum Zerplatzen, entsetzlich. Man braucht bloß aus Versehen an sie zu stoßen, in der Kantine, und schon ergießt sich ihr ganzer Erlebnisbrei über einen. Kommen mir vor wie der Unhold neulich in der Zeitung, habt ihr gelesen?, der in Parterrewohnungen zu älteren Damen einsteigt und sich dort entblößt, wobei das schmächtige Männchen -als solcher war er beschrieben- eine noch nie gesehene Erregung vorweise, so drückte sich eine der belästigten Frauen aus, eine für sie unvorstellbare Erregung, nämlich ein Glied von der Größe einer Weinflasche - so kommen mir meine Kollegen manchmal vor, wie prall gefüllte Erzählpimmel, die steil in die Luft ragen und nur darauf brennen, daß einer sie streift, um losspritzen zu können, schäumend, zuckend, pulsierend, und alles zu überschwemmen mit ihrer Vergangenheit, mit Reisen, mit fremden Speisen, mit erotischen Verirrungen, in einer Weise, daß sie auch den trockensten Zeitgenossen mit sich reißen, in ihrem Erzählstrom, wir hängen an ihren Lippen, aus denen es brodelt und dampft, und wir möchten uns ebenfalls an den Spanierinnen reiben, in die französischen Poulets hineinbeißen, den italienischen Wein trinken, in die heißen, isländischen Quellen springen..."

Vielleicht sollte der Stammtisch der Exzentrischen im Bahnhofsrestaurant erster Klasse auf einer Drehbühne stehen, die sich im Robert-Wilson-Zeitlupentempo während der Aufführung einmal um 360° dreht... erbarmungslosester Weltstillstand im Schneckenkreis: täglich, immer wieder- und also das Grauen pur, das bereits im Hals das Lachen erstickt.

 

Das lose Glück

Die Kritiken zu Das lose Glück  waren durchweg brillant (auch in ihrer Verfertigung). Trotzdem wurden von dem Buch nur knapp 3 ooo Exemplare verkauft. Dies ist momentan auf dem deutschsprachigen Buchmarkt (mit 1oo Millionen potentiellen Lesern) das übliche Limit für moderne Gegenwartsliteratur, die etwas riskiert und diesen Namen verdient.

Wenn die Wellen die Worte an Land spülen

Von HANNES SCHMID

Dissonante Sprachsymphonie

Matthias Zschokke und sein neuestes Werk "Das lose Glück"

Auch wenn es nicht von A nach B geht, kann Literatur spannend sein. Ein paar Menschen im Boot. Stille See. Langeweile. Aber gewaltige Satzeskapaden treiben wie gigantische Wogen an die Bootswand. Das ist Zschokke, einer, der die Worte als Atem zum Leben braucht.
Als er im November 1996 den Aargauer Literaturpreis erhielt, ehrte die Jury diesen Berner und Berliner mit Aarauer und Gontenschwiler Heimatbrief für ein vielseitiges Werk, das geprägt sei von "unverwechselbarem Klang", ein Werk, das von einer spielerischen Heiterkeit zeuge, die nie darüber hinweg täusche, dass am Abgrund unserer Gegenwart getanzt werde. Getanzt mit Worten wird in Zschokkes Werk noch immer. Und thematisch schäkert er im schönsten Dialog und Erzählton mit seinen Figuren und mit seinem Publikum. Er bittet zum Wörtertanz und verschweigt auch nicht, dass er den Totentanz meint. "Das lose Glück" treibt hier bei leichtem Wellengang wie ein Papierschiffchen im Wasser. Strandgut, das niemand beachtet, das mal hier, mal dort am Ufer anlegt und Worte und Gedanken fallen lässt, zurück lässt.
Das Buch aus dem Ammann-Verlag ist der Reihe "Meridiane" zugeordnet. Der Meridian, das ist der Kreis der Himmelskugel. Zschokkes Meridiane kreisen ums Leben, das seine Buchgestalten scheinbar federleicht wegzugeben bereit sind. Oder, um näher an die Sache zu kommen: seine Menschen auf dem Schiff haben eigentlich alle nichts mehr zu verlieren am Leben. Feierabend ist ihr hübschestes Geräusch. "Wir sitzen auf diesem Schiff aus einem einzigen Grund: wir wollen in Ruhe gelassen werden, schweigen."

Vier Freunde sind es also, die das Wochenende regelmässig auf der Yacht einer skurrilen, mit Altersdepressionen beladenen Frau namens Tana verbringen. Dann, an einem Wochenende, an dem die Freunde wie an allen Wochenenden zusammen sind und auf Godot oder sonst ein Wunder warten, taucht aus der einbrechenden Dunkelheit eine Schwimmerin auf, die, schon etwas unterkühlt, um Aufnahme bittet. Die Freunde ziehen die nackte Frau aus dem Wasser, bergen das Opfer, das nun als therapiertes Wesen zum Märtyrium der andern seine nicht enden wollende, aber von wohliger Langeweile strotzende Lebensgeschichte ausbreitet. Aber die Rettung aufs Boot entwickelt sich auch für Ella, die Schwimmerin, zu einer Art Dürrenmatt'scher Panne. Ihr äusserliches Nacktsein ist eins, nun aber wird sie von den Freunden auch noch innerlich ganz und gar entblösst. Dass sich dann im Laufe der Schiffsfahrt aus einer Pistole ein Schuss löst, dass jemand wirklich sein Leben lassen muss, ist dramaturgisch gesehen ein einsamer Höhepunkt im Geflecht dieser die Schreibe umrankenden Reflexionen. Sonst lächelt die See. Schuberts "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" liegt gespenstisch über der Stille des dahintreibenden Bootes.

Menschen, Freunde, Phantasten. "Gerupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, ausgelastet mit den Schwierigkeiten pickend über einen Hof zu schreiten, vogelfrei, im losen Glück." Zschokkes Protagonisten sind Sonderlinge, das ohne Zweifel. Aber sie tragen die Schuhe, die wir auch tragen, und sie spielen mit den Gedanken, die auch in uns wohnen. Sie morden hier, lachen dort. Leiden an allem und lieben, wo es nach Liebe ausschaut. Sie wissen um das aktive Leben, das von den treibenden Kräften einer Gesellschaft geschätzt und propagiert wird.

Tana, die Besitzerin des Bootes, ist vermögend, was ihr Leiden am Altern keineswegs mindert. Samuel ist ein renommierter Anwalt mit hoher Klientschaft, der phlegmatisch Unlust und Trägheit verströmend das Geschwätz im Dämmerschlaf miterlebt. Portmann ist Forstingenieur und Linus hat eigentlich als Mädchen angefangen, als Lina. Lina wollte Sängerin werden. Und hier nun begegnen wir wieder, wie auf so manchen Schauplätzen dieses fast 300 Seiten zählenden Werkes, diesem komödiantischen Reiz, dieser Heiterkeit, die den Autor als hochbegabten Situationskomiker auszeichnet, als Schauspieler eben. So könnte etwa die Schilderung von Linas Gesangsstunden als eine herrliche Groteske auf dem Theater begeistern. Komisches fliesst in Tragikomisches. Sätze, die herausfordern, weil wir Leser verunsichert sind, ob hier einer mit uns oder mit seinen Figuren Schabernack treibt, oder ob Zuhören tatsächlich im gleichen Augenblick so schön wie mühsam sein kann. Worte um nichts. Worte in den Seewind geschrieben. Aber keines soll untergehen, keines soll unnütz verklingen.

So hielt es auch Beckett. Zschokkes neues Buch ist kein Roman, ist keine Erzählung, wird aber in anderer Form ohne Zweifel früher oder später als Theaterstück auf die Bühne kommen. Gedankensplitter, chaotisches, sprunghaftes Erzählen und Parlieren, ein sprachlicher Marathonlauf, den nur bestehen kann, wer Literatur pur liebt, wer dem Plaudern eines neurotischen Beobachters folgen mag. Mehr will dieses Buch nicht. Provokation ist beigemischt, sehr viel Humor bläht die Segel, und mit seiner aberwitzigen Dialog- und Situationskomik bereichert, erinnert das alles an Zschokkes frühere Werke, an "Der dicke Dichter" oder an "Max", den Erstling, für den er schon 1981 den Robert-Walser-Preis bekam. Manches will auch zu jenem andern Schreiber passen, den Matthias Zschokke verwandtschaftlich bedingt in seinem Gepäck mitschleppt, zu Heinrich Zschokke, dem Schriftsteller und Staatsmann, der an der Blumenhalde in Aarau wohnte und als "Schweizer Bote" und "Hansdampf in allen Gassen" einstmals eine grosse Leserschaft hatte.

Matthias Zschokke scheut sich auch keineswegs, mundartliche Floskeln einzubringen, was es schwer macht, das Erzählte geografisch zu orten. Die Zertrümmerung des Phänotyps "Roman" lässt ihn kalt, dafür strömt übers ganze Buch weg eine feine Walser'sche Sprachmelodie. Wie die Kleinbürger bei jenem - offensichtlich grossen Vorbild des Autors - permanent Selbstbewusstsein erkämpfen, schafft Zschokke mit seinen Bootsfreunden bewusst keine ironischen Helden.

Da gibt es im Buch Stellen, wo man tatsächlich meint, sich plötzlich in Simon Tanners Welt zu finden. Man hat Walser einen Chronisten des Alltags genannt, und was finden wir hier? Ist es nicht die Stimme von Simon Tanner, die hier in Zschokkes Werk spricht: "Jeden Tag um fünf Uhr gehen Frauen draussen im Treppenhaus an meiner Bürotür vorüber und freuen sich auf den Feierabend. Das ist ein hübsches Geräusch. - Ist es euch auch schon aufgefallen, wie miserabel man zur Zeit in unseren Gaststätten kocht? Mir ist jede Lust vergangen, mich mit meinen Klienten zum Essen zu verabreden. Das sage ich nur, weil ihr mir immer vorwerft, ich würde mich an der Unterhaltung nicht beteiligen. Wahr ist, dass ich oft erschöpft bin und in Gedanken versinke, während ich weich geschaukelt werde von deiner Yacht, Tana. Das leise Klatschen der Wellen lullt mich ein. Was für ein schöner Sommerabend heute . . ."

Zschokke kehrt immer wieder fast besessen zum Thema der Niederlage zurück. Die Altersfreundschaft ist angesprochen und mit ihr die Einsamkeit. Resignation ist spürbar, treibt auf sachten Wellen dahin. Was für eine Wahrheit, die Zschokke hier zwischen den Zeilen mitführt. Wörter treiben wie Schaumkronen in eine Dimension der Zeitlosigkeit, beleben diese Sprache, mit der ausufernd deklamiert und argumentiert wird. Und wenn der Autor auch bewusst die gängige epische Struktur in seiner Prosa auflöst, so beherrscht er seinen Stil meisterhaft. Diese Menschen, die er uns vorführt, und deren Glück wahrlich nur noch ein loses ist, scheinen fest entschlossen, "normales" Reagieren auf das, was wir moralisches Verhalten oder gesundes Denken nennen könnten, über Bord zu werfen. Denn im Grunde genommen ist Zschokkes Gesellschaft eine ziemlich dekadente, und seine Figuren sind auch Theaterfiguren, das ist halt durchs Band weg spürbar.

Und doch: Diese Prosa ist wirr und verwirrend und ohne Ziel - aber sie packt, nur literarische Nichtschwimmer werden darin den Boden verlieren.

("Aargauer Zeitung", 25.8.1999)


Bemerkenswerter Zeitvertreib

Matthias Zschokke und «Das lose Glück»

Von BEATRICE VON MATT

Da schreibt einer, klammheimlich in seinem Berliner Versteck, ein grosses lockeres Buch, das nichts als Vergnügen bereitet, eine intellektuelle Herausforderung zwar, aber doch ein lockeres grosses Leseglück. Das Buch heisst: «Das lose Glück». Das Lose ist das Thema. Auf der ganzen Linie und aus verschiedenen Blickwinkeln.

Das Lockere, das Entknotete, Aufgeweichte, Entkrampfte, Entbundene, das Mutwillige: das wären so Namen für dieses Lose, das sich dem Leser unmittelbar mitteilt, körperlich. Das Buch tut diese Wirkung dank der fliessenden, fast magischen Durchsichtigkeit seiner Komposition, dank der Schmiegsamkeit der Sätze, der melancholischen Leichtfüssigkeit der Figuren, dem Hintersinn ihrer Monologe, ihrer schwebenden kauzigen Reden ans Dasein.

Matthias Zschokke ist ein Philosoph und als solcher ein hinreissender Erzähler. Wir hätten keine Zeit vor dem Tod, die Spatzen zirpen's von den Dächern. Wie aber gewinnen wir Zeit vor dem Tod, fragt der Autor mit jedem Wort und mit jeder Gestalt. Weder mit dem besonderen Ereignis, den Reisen und Abenteuern, noch mit dem interessanten Job, wohl aber mit dem Wahrnehmen des Moments. Das schafft Zeit.

Sechs Personen suchen sie, diese Zeit. Der Autor setzt ihrer vier in ein Abendboot mitten auf einen See, den man als Bielersee erkennt. Zwei weitere, die Sozialbeamtin Ellen und Roman, freischaffender Denker und Schreiber, «Hofberichterstatter», wie er selber sagt, treffen sich nach der Arbeit regelmässig im «Hofgarten», einer Berliner Gaststätte. Jede der Personen redet von ihren Kümmernissen, Anwandlungen, Eindrücken, von ihrer Befindlichkeit, ihrer Zeit also, und alle reden sie so kurzweilig und gescheit, dass man beim Lesen die Zeit vergisst. Sie sprechen mit Geschichten und Geschichtenanfängen oder mit Geschichten, deren Anfänge sie vergessen haben, sie reihen Erinnerungen, Beobachtungen aneinander, absichtslos, wie es scheint. Ihre Sprache schafft erst ihre Erfahrungen. Dann und wann entwickeln sie auch eine kleine Erzähltheorie. Manchmal schweigen sie, sind schlechter Laune. Nichts ist den Zeitsuchern verboten. Solange sie offen bleiben für die Gestimmtheit des Augenblicks, solange sie nicht in Höflichkeitsmasken erstarren voreinander, mit Floskeln die wahren Verhältnisse vertuschen.

Fliessende Zeit

Allesamt sind sie nicht mehr jung, die Helden, Mitte Vierzig vielleicht, und sie gewahren die Zeit am eigenen Körper, an erschlaffenden Armen und Bäuchen. «Reale Körper sind meist nicht schön, sie waren es bloss», bemerkt Ellen, und sie kann sich nicht genugtun mit der Beschreibung ruinöser Körperlandschaften: «Die Haut ist in Wirklichkeit immer uneben. Kalte Stellen wechseln mit heissfeuchten ab. Haare wachsen heraus, wo sie nicht sollten. Rauhe, karstige Flecken gehen über in weiche, moosige Ebenen. Knochen ragen hervor. Kühle Fetthügel verlieren sich in runzlighaarigem Gestrüpp.»

Man hat nicht nur einen Körper, sondern auch einen Beruf. Der aber ist nicht weiter von Belang. Berufe lenken ab von der Existenz. «Das Sein ist als Last offenbar geworden», könnten die vier im Boot mit Heideggers «Sein und Zeit» sagen, sie, die zusammen Kinder waren, die Komparatistikprofessorin Tana, der Staranwalt Samuel, der weltweit tätige Ökologe Portman und Linus, der einst eine Lina war, erst Sängerin werden wollte und dann Sänger und der jetzt zweimal in der Woche im Städtischen Museum Wache steht.


Fahle Ungestimmtheit

Diese Zuhausegebliebenen oder Zurückgekehrten machen sich nichts vor, nicht einmal Sympathie. Darum schminken sie ihre Reden nicht um. Linus' Geschlechtsumwandlung beispielsweise ist kein Thema; das Aussergewöhnliche ist nichts Besonderes. Ihr hauptsächlicher Seelenzustand ist jene «fahle Ungestimmtheit», die - nochmals gemäss Heidegger - mit Verstimmung nicht verwechselt werden darf und die nicht nichts ist, sondern das «Da» jäh und nackt ins Bewusstsein bringt. Jede Erzählstrategie, eine mit Spannungserzeugung, mit Anfang, Höhepunkt, Ende, würde ein falsches Weltverständnis vorspiegeln und das Gleichmass der vergehenden Zeit überspielen.

Matthias Zschokke greift auf den Novellenzyklus, den Novellenkranz als ein altes literarisches Muster zurück, um es gleichzeitig zu unterlaufen, zu minimisieren gewissermassen. Die Jacht, die der begüterten Tana gehört und die von ihr und den drei Freunden regelmässig aufgesucht wird, gibt den Rahmen ab für die Selbstergründungen und die fragmentarischen Binnengeschichten. Auf diesem Schiff erzählt jeder - so spontan wie möglich - ums Leben, um die Zeit wie Scheherezade in «Tausendundeiner Nacht» oder die Damen und Herren in Boccaccios «Decamerone». Was bei Boccaccio die Pest, ist bei Zschokke die Krankheit der Gesellschaft, sich mit allen Mitteln der Selbsttäuschung kollektiv über Schwermut und Einsamkeit hinwegzutrösten und sich so um die wahre Gegenwart zu bringen.

Es geschieht naturgemäss wenig, ausser etwa der unverhofften Verknüpfung der beiden Schauplätze: Ellen, die Berlinerin, ist wieder mal abgehauen aus dem Höllenradau ihrer Stadt, sie geht weg, um sich nach ihr zurücksehnen zu können, und logiert im Hotel «Seegurke» just an dem See, auf dem die andern vier jeweils zusammenkommen. Schwimmend taucht sie nachts am Bootsrand auf, wird, wie zu erwarten, als Störung empfunden. Sie berichtet dann aber so kraus, so recht widersinnig vom Abendessen im Hotel, dass sie alle für sich einnimmt. «Der Kellner sah aus wie ein Mann ohne Oberleib. Der einzige Gast an einem entfernten Tisch wirkte geköpft. Ich ass ein Schnitzel. Ich weiss nicht, warum es Schnitzel heisst, fiel mir auf, während ich die Speisekarte durchlas, also bestellte ich eins. Ein Schnitzelchen mit Salat, sagte der Kellner, während er es vor mich hinstellte, und genau so hat es denn auch geschmeckt.»
«Sie können bleiben», sagt Tana darauf, warnt aber doch noch: «. . . erwarten Sie nichts von uns. Vor allem versuchen Sie nicht uns auf irgendeine Weise zu gefallen . . . Wir sitzen auf diesem Schiff aus einem einzigen Grund: Wir wollen in Ruhe gelassen werden . . . Manchmal, wenn's einem zuviel wird, versucht er sich an einem Zipfelchen von Erlebtem zu erwärmen und erzählt etwas. Doch wehe ihm, wenn er abgekartetes Zeug vorträgt! Ich halte das nicht aus . . . Ich ertrage nur Losgelassenes, Befreites, Pures, Fürsichselbststehendes. All die gezüchtigten, domestizierten Existenzen, die es sich zur Aufgabe machen, den andern die Zeit zu vertreiben, diese dressierten Wesen, die im Kreis gehen, übereinander hüpfen, Purzelbäume schlagen und Heiterkeit vorgeben, um mich damit von mir selbst abzulenken, sind mir verhasst . . . Erzählen Sie nicht uns, erzählen Sie sich selbst . . .»

Auf jeder Seite wird vom Erzählen selber gehandelt. Jeglicher Herrschaftsanspruch und jegliche Konvention, alles Fertige und Verfertigte soll getilgt werden. So hat Zschokke mit diesem Buch gleich auch seine Poetik geschrieben. Wie er überhaupt dringlicher als sonst über die Möglichkeiten der Literatur nachdenkt, auch über ältere Literatur, über die rätselvollen Einzelverse des späten Hölderlin etwa, über Kleist, Melville oder auch C. F. Meyers Novelle «Der Schuss von der Kanzel», deren Hauptmotiv, die losgehende Pistole in der Hosentasche, das einzige jähe Handlungsmoment im «Losen Glück» abgibt. Das Opfer verblutet, wird beerdigt, dann ist wieder alles wie sonst. Das Kapitel «Eine Detonation» hat nur kurz den Fluss der Zeit unterbrochen. Angesichts des dunklen Ozeans, der alles umgibt, bleibt das Unglück ein Zufall. Andere Grossthemen wie Politik, Berlin und die Weltgeschichte, Biel und die Wirtschaftskrise drängen gelegentlich heran, sehen sich gleich wieder verbannt.

Dass aber trotz der Poetik des gelassenen Gleichmasses, der «fahlen Ungestimmtheit» dann doch eine Fülle unterhaltsamer Geschichten hineingeschmuggelt werden, gehört zur Selbstironie in diesem Werk. Es ist vornehmlich der Schriftsteller Roman, der «Hofberichterstatter», der vor Ellen das Rad schlägt und ihr wundersame Erfindungen auftischt: die Geschichte von der jungen Frau, die sich plötzlich in den Tod verwandelt und als allgegenwärtige Gefahr herumgeistert, oder die Geschichte vom hochstaplerischen Baron und dem Tigerbalsam, der skurrile Bericht über die Nacht mit dem Transvestiten.

Der solches zum besten gibt, ist derselbe, der sein Schreiben sonst als ein Warten versteht. Nach ein, zwei Stunden Dasitzen im heruntergekommenen Atelier könne es geschehen, dass «ein Wort vorsichtig den Kopf aus seinem Loch schiebt, witternd, mit zitternden Barthärchen. Irgendeins, Erdbeere vielleicht, Blut, Holzfällerchen. Dazu kichert es, ohne mir den Grund für seine Heiterkeit zu nennen . . .» In Zschokkes letztem Roman, «Der dicke Dichter», hatte dieses listige Wörtchen einen Namen und hiess Severinchen. Es war ein übermütiges Mädchen oder Bübchen - dem man nicht über den Weg trauen konnte. Bei diesem Autor flackert's zwischen den Zeilen.

Matthias Zschokke nimmt sich viel zärtliche Geduld für seine traurige Komödie vom Suchen nach der Zeit, und seine redseligen Zaubergestalten haben ältere Verwandte, die Clov und Hamm heissen, Vladimir und Estragon.

("Neue Zürcher Zeitung", 26.8.1999)

 

Der grosse schwarze Vogel Schwermut

Von BEAT MAZENAUER

Vor acht Jahren zähmten die «Piraten» ihre Lebensgier, indem sie Lethargie über die roman-tischen Vorstellungen ihrer Passion wuchern liessen. Und vor vier Jahren verlor sich «Der dicke Dichter» still und heimlich im Berliner Grossstadtgewirr, gescheitert am Widerstand der verlogenen Worte. Allesamt hatten sie es nicht geschafft, im richtigen Leben anzukommen.
Dieses titanische Unterfangen misslingt den Personen auch in Zschokkes jüngstem Roman. Tana, Portman, Samuel, Linus, Ellen und Roman erfüllen sich ein loses Glück, indem sie sich ganz ihrer Trägheit ergeben.

Das Leben hat sie gezeichnet, ermüdet und einsam werden lassen, ihre «Schwermut ist riesengross geworden mit den Jahren, hat allen Saft für sich abgezweigt, während Freude, Lust, Vergnügen und Heiterkeit klein und runzlig geblieben und nacheinander abgefallen sind.»
Während Roman in Berlin das Leben in seinem Hinterhof akribisch festhält (und an diesem Roman schreibt?), entflieht seine Freundin Ellen aus der Metropole in eine schweizerische Kleinstadt am See, wo sie aus Tana und ihre drei Bootsgäste trifft. Regelmässig kommen diese Gäste zu einer abendlichen Ausfahrt auf dem Wasser zusammen.

Geschichten erzählen

Freunde sind sie nicht, erklärtermassen, und gerade deshalb einander eine gute Gesellschaft. Sie wollen nichts voneinander als sich ehrlich beschweigen, den Zeitenlauf beklagen und banale Geschichten in die Runde werfen, doch ohne Aufmerksamkeit dafür zu heischen. Das rituelle Gleichmass ihres Beisammenseins genügt, um für Augenblicke der bürgerlichen Zelle zu entkommen.

Das ist alles. «Überall vergeht die Zeit und es geschehen grossartige Dinge. Hier nicht.» Die vier und dazukommend Ellen lagern lethargisch auf dem dümpelnden Boot, schweigend und erzählend, kaum miteinander plaudernd. Über ihren Köpfen kreist ruhig der grosse schwarze Vogel Schwermut.

Unter düstern Wolken

«Das lose Glück» ist ein eigenartiges Buch. Ereignislos wie das schale Leben und mitreissend wie die Versuche, sich gegen diese Ereignislosigkeit zu wehren. Die Fünf auf dem Boot sind aus der Zeit herausgefallen. Manchmal mit spiessiger Kleinlichkeit, dann wieder mit luzider Abgeklärtheit lassen sie ihre gescheiterte Anstrengung, das «Gleichgewicht des Schreckens in meinem Innern», zu Sprache werden.

Trägheit, Bescheidenheit, Feigheit demaskieren die falschen Hoffnungen von einst. Es ist nichts mehr davon übriggeblieben als eine nüchterne Trauer, als Ergebenheit in der Melancholie. «Wir sind nicht begabt, glücklich zu sein.» Einzig in dieser Einsicht liegt etwas Trost.

Frei von Illusionen

Diese Lethargie wandelt Matthias Zschokke mit erstaunlichen Zwischentönen ab. Er tut dies weniger experimentell ambitioniert als früher. Kunstvoll monologisierend lässt er seine Figuren Abschied nehmen vom Lebensglück.

Allein ihr hoher rhetorischer Aufwand ist verräterisch und kaschiert nur unzureichend die gebannte Lebenslust. Der ekstatische Sog hinab in die illusionsfreie Apathie lässt eine nur schwer gebändigte Wut erahnen.

Der Autor scheint diese melancholische Stimmung gut zu kennen. Abgesehen von ein paar Spannungsabfällen hält seine Prosa erstaunlicherweise über die beinahe 300 Seiten hinweg dicht. Allerdings birgt die Stärke dieser erzählerischen Konsequenz zugleich deren Schwäche. Es gilt sich einzulassen auf die unendliche, gleichtönige Schwermut ihrer trägen Figuren.

("Solothurner Zeitung", 31.8.1999)


Die Litanei vom schäbigen Alltag

Ein Schriftsteller in Berlin, vier Jugendfreunde auf einer Jacht und eine Frau, die den Kontakt zwischen den Schauplätzen herstellt: Matthias Zschokkes neues Buch «Das lose Glück».

Von ELSBETH PULVER

Das Buch führt keine Gattungsbezeichnung im Untertitel, vermeidet also die Behauptung, es handle sich um einen Roman. Und doch kommt der Autor nicht ganz darum herum, sich mit dem Wort zu beschäftigen: er entwirft einmal eine witzig-hintergründige Romantheorie und gibt dem ihm nah verwandten Berliner Schriftsteller den Namen Roman. Als gehe ihm die stereotype Sehnsucht vieler Kritiker nach einem möglichst figuren- und handlungsreichen Roman dennoch nicht ganz aus dem Kopf. Doch tut er alles, diese Erwartungen nicht zu bedienen.

Schwermütiges Palaver

Als eine beliebige Sammlung von Geschichten und Gedanken sollte «Das lose Glück» dennoch nicht gelesen werden. Dann schon eher als eine Sprechkantate für sechs Stimmen, für zwei Frauen-, vier Männerstimmen. Oder als ein Palaver, ein dauerndes Gerede, bei dem man schliesslich nicht mehr ausmachen kann, welche der Figuren redet. Als eine Sequenz von Monologen, die sich zu einem grossen Monolog verbinden, zu einer Elegie auf alles, was uns im Verlauf des Lebens und der menschlichen Entwicklung abhanden gekommen ist.
Das Älterwerden, die Erfahrung der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, das sind die grossen Themen, mit denen sich vor allem die vier Jugendfreunde - sie heissen Tana, Samuel, Portmann, Linus - in ihren nächtlichen Gesprächen auf dem See beschäftigen. Und weder die komfortable Jacht noch ihr materiell ziemlich sorgenfreies Leben können sie trösten; auch die Freundschaft, welche die Gruppe auf eine zuverlässig-oberflächliche Art verbindet, kann es nicht. Und dem Schriftsteller Roman und der mit ihm befreundeten Ellen, die beide mehr zufällig nach Berlin gekommen und dort geblieben sind, geht es nicht anders.

Schwermut prägt das Buch. «Sie ist riesengross geworden in den Jahren, hat allen Saft für sich abgezweigt», so, rückhaltlos, sagt es Tana, wohlhabende Jachtbesitzerin und unbedeutende Professorin für Komparatistik, die Wortführerin in dieser durch Einfälle und Geschichten nur wenig verhüllten Schwermutslitanei.

Jugend-Charme verloren

Die Figuren des neuen Buches sind, versteht sich, späte Nachkommen jener ausnahmslos jungen Protagonisten, mit denen Zschokke in seinen ersten Büchern erfolgreich debütierte. Nur sind sie - diese frühreif-altklugen «Max» und «Prinz Hans» - zusammen mit dem Autor älter geworden; sie haben den Charme und die unsicheren Hoffnungen ihrer Jugend verloren - und können nicht recht erwachsen und noch weniger älter werden. Das ist das Problem, das vor allem die vier gleichaltrigen Jugendfreunde auf dem Bielersee beschäftigt.

Immer wieder wird im Reden und Erzählen die Frage nach dem Sinn und einem möglichen Glück in diesem Leben laut, danach, was eigentlich wünschenswert, erwähnenswert, lebenswert wäre. Die Erinnerung an früher gibt den Ratlosen keinen Halt. Denn die Bücher Zschokkes sind an die Gegenwart gebunden, an diesen einen, unwiederholbaren, deshalb so wertvollen, deshalb so fragilen Augenblick. Aber noch weniger Gewicht wird der Zukunft beigemessen, schon gar nicht jener Version von Zukunft, die dem Schriftsteller Roman quasi vor seine Berliner Türschwelle gelegt wird. Die neue Ära, die neue Rolle der Stadt als Zentrum Deutschlands, das «Jahrtausendgezeter und das Gewinsel über historische Entwicklungen», das alles hat für diesen Autor, der in der Provinz aufgewachsen ist und seit vielen Jahren in der Metropole lebt, kein Gewicht. Was ihn interessiert, immer und überall, ist das Kleine und Unscheinbare, ja Schäbige, das, was sich in Hinterhöfen und Nebenstrassen findet.

Fasziniert vom Wertlosen

Mit Bewunderung, ja mit Neid beobachtet Roman einmal, gegen Schluss des Buches, ein Kind, das selbstvergessen alles untersucht, was sich am Strassenrand findet, alles Weggeworfene und Wertlose. Zwar weiss Roman, und mit ihm weiss es der Autor, dass er das Kind nicht nachahmen kann; dessen vorurteilsfreie Aufmerksamkeit ist für den Erwachsenen ein verlorenes Paradies, ist Inbegriff dessen, was im Titel das «lose» (das fragile, weil unbeständige) Glück genannt wird. Und dennoch hat das Schreiben, das Zschokke hier praktiziert, etwas mit der Beobachtung des Kindes zu tun.

Und dies ist es, was einen im Lesen immer wieder für diesen Autor einnimmt: Dass er unbeirrt durch die gerade geltenden Erwartungen und Vorstellungen seinen Weg geht und ein Aufheben macht von Dingen, denen andere keinen Blick gönnen.

("Berner Zeitung", 1o.9.1999)


Das Gackern des Nichts

Von CHRISTOPH BARTMANN

All die ausufernden Monologe verdüsterter Geistesmenschen, die, von Beckett bis Bernhard, die Literatur zu bieten hat, beruhen auf der empirisch unwahrscheinlichen Annahme, dass auf der anderen Seite jemand ist, der zuhört. Kaum je hat man der fiktionsnotwendigen Figur des literarischen Zuhörers die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Im Leben wird man diese Spezies dagegen selten antreffen. Wer hat schon üblicherweise Zeit und Lust, dem Gegenüber über Seiten und Stunden bei der Äußerung von Mitteilungen mit oft minderem Neuigkeitswert still zu assistieren, wer möchte nicht zwischendurch auch mal etwas bemerken dürfen? Die Figuren in Matthias Zschokkes neuem Prosabuch "Loses Glück" stehen unter Sprech- und Bekenntniszwang, aber manchmal ahnen sie noch, dass am anderen Ende des Kanals der Empfänger schon sanft entschlafen sein könnte. "Hört ihr mir überhaupt zu", fragt zum Beispiel Tana nach zweieinhalbseitiger Rede in die Runde, und das Echo bleibt matt. Der eine zieht tief Luft ein, der zweite nimmt einen Schluck Wein, der dritte behauptet, nicht zu verstehen. Was freilich für Tana kein Grund ist, nicht auf der Stelle zum nächsten, diesmal fünfseitigen Sprechakt anzuheben. Wenn man sich als Leser darauf eingestellt hat, dass in diesem Buch außer Reden nichts, aber auch rein gar nichts geschieht - abgesehen davon, dass einmal versehentlich eine Pistole losgeht -, wenn man sich einfach vom Schwall dieser maßlosen und artistischen Reden mitreißen lässt, dann kann auch die stille Teilhabe einen Kunstgenuss bedeuten. Beinahe staunend sieht dem Akrobaten Zschokke bei seinem Kunststück zu: die Statik nämlich seines Buches (das nicht "Roman" heißt) kommt ohne die üblicherweise tragenden Elemente aus und trägt trotzdem.

Die Handlung nimmt knapp eine halbe Seite ein. "Sie sind zu viert und sitzen auf ihrer Yacht", heißt der erste Satz, und kurz vor Schluss gibt es dann eine Art Zusammenfassung. Sie besagt, dass vier Freunde einen Abend auf einem See verbrachten. Eine Schwimmerin störte ihre Ruhe. Die Freunde zogen sie aus dem Wasser und ließen sie an Bord sich ausruhen. Im Verlauf des Abends zeigte die Besitzerin der Yacht eine Pistole. Sie trug sich mit Selbstmordgedanken. Ein anderer nahm die Pistole in Verwahrung. "Irgendwann später löste sich in seiner Hosentasche aus Versehen ein Schuss und tötete ihn. Dann gab es eine Beerdigung." Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Was die Personen der Nicht-Handlung reihum abliefern, sind zierliche Klagegesänge. Melancholie und Langeweile bilden den Cantus firmus einer mehrstimmigen Musik, die so schwermütig gar nicht klingt. Die Figuren leiden beschwingt: an einem Dasein, das zwar komfortabel ist, nun aber zum größeren Teil hinter ihnen liegt, sie leiden an einem Leben, das wie ihr eigenes aussah, nun aber doch ins Meer der Üblichkeiten gemündet ist. "Es entsteht kein ruhig gelebtes Leben mehr", bemerkt Protman. Die vier sind des Hergebrachten müde und des Neuen überdrüssig, schon ehe es begonnen hat. Statt sich auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu blamieren, sitzen sie lieber weintrinkend auf Tanas Yacht. "Schaut die Wülste an mir", deklamiert Tana, "schaut die Tränensäcke, schaut die langgewordenen Zähne, die schwarzen Lücken dazwischen, die matten Haare. Was habe ich verbrochen? Was haben wir auf uns geladen, dass wir so Ekel erregend werden, so abstoßend?!" Tana übertreibt. Alle übertreiben in diesem Buch. Sie übertreiben, sobald sie reden, so wie Opernsänger auf der Bühne die Gesten übertreiben. Tana ist Professorin für Komparatistik und hat von ihren Eltern eine Villa im Park geerbt. Samuel ist Wirtschaftsanwalt und arbeitet Tag und Nacht. Portman ist weltweit in Sachen Ökologie unterwegs. Linus hieß einmal Lina. Seine Sängerkarriere ist gescheitert, aber eine Erbschaft hat ihn unabhängig gemacht. Sorglos, aber betrübt sitzen die vier "ums schwarze Loch der Verzweiflung" herum wie um ein Lagerfeuer. Sie behaupten, sich zum Schweigen zu treffen. "Alle vier haben sie nichts erlebt und nichts vor, das zu erzählen sie reizen würde." Und so wäre es wohl auch diesmal, wenn nicht Ellen aus Berlin ihre Ruhe störte, die Schwimmerin. Sogleich wird sie von Tana über die herrschenden Rede- und Schweige-Etikette in Kenntnis gesetzt: Sie ertrage nur "Losgelassenes, Befreites, Pures, Fürsichselbststehendes". Und: "Kümmern Sie sich nicht, ob wir Ihnen zuhören."

Ein fremder Ankömmling auf einem Boot, das ist ein Motiv, aus dem sonst Thriller oder Psychodramen gemacht sind. Nicht so bei Zschokke. In seiner Sprechoper finden alle Abenteuer in direkter Rede statt. Das Abenteuer sind Ellens Reden selbst. Sie redet wie manche Figuren in frühen Botho-Strauß-Stücken: fahrig, durchgedreht, visionär. Sagt Sachen wie: "Eine Malerin fällt mir dazu ein. Die war freudlos, um nicht zu sagen verzweifelt. Niemand wollte eines ihrer schwefelgelben Bilder kaufen. Die Haare fielen ihr aus vor lauter Gram. Wer erfolglos schwefelgelbe Bilder malt, schämt sich nach einer Weile entsetzlich für sein Tun." Tana ist begeistert: "Ich kann gut denken, während Sie sprechen. (...) Das Material, das Sie anhäufen, bröckelt. Es ist puderig und hält nicht zusammen." Nun fangen auch die anderen an, aus ihrem Leben zu berichten, von erotischen Katastrophen oder von Kindern, "die aus uns herausgekrochen sind und nun ebenso leer und ziellos äsend in der Landschaft stehen wie wir". Samuel lobt Ellen; man könne fabelhaft abschweifen, "weil das, was sie sagen, so offen ist, so ohne Zentrum, ohne Welt". Keine unpassende Beschreibung, die Samuel hier für Zschokkes Schreibweise gibt. Man weiß nicht, wo es spielt, weiß nicht, womit es spielt, sieht keinen Anfang und kein Ende, und ist doch von diesem manieristischen Sprach-Spiel zuerst verwundert und dann bezaubert. Örtlich kann es auch vorkommen, dass dem Leser, auch wenn - oder weil - fast jeder Satz schön anzuschauen ist, der Mitteilungsdrang der Figuren zu viel wird.

Aber dann kommen wieder Sätze wie dieser: "Den Vorgang des Sichaustauschens halte ich für einen wichtigen." Satz für Satz demonstriert Zschokke, welch komischer Vorgang das wahrhaft "befreite", "pure" Sichaustauschen sein kann. Und wie selten er vereinbar ist mit dem "losen Glück", das Zschokkes Buch im Titel führt und seinen Figuren nur für den Fall in Aussicht stellt, dass sie werden wie "zerrupfte Hühner (...), ausgelastet mit den Schwierigkeiten, über einen Hof zu schreiten, vogelfrei". Wollte uns Matthias Zschokke so etwas ähnliches zu bedeuten geben? Egal, "Sie mögen mir erzählen, was Sie wollen, es ist mir alles gleich seltsam und unbegreiflich, wie Zauberei."

("Frankfurter Allgemeine Zeitung", 12.10.1999)


Von der schönen Zumutung der endlosen Monologe

Von HEINZ SCHAFROTH

Alles beginnt auf einem See im schweizerischen Mittelland, an einem warmen Sommerabend. Und dauert bis in die Nacht hinein. So lange nämlich sitzen vier Personen aus der am See gelegenen Kleinstadt auf einer bequemen (wenn nicht luxuriösen) Jacht und trinken Wein. Sie bekommen in den paar Stunden ihres Zusammenseins alle (vom Autor) ihre Lebensgeschichte oder erzählen sie einander, mitsamt den vielen sonstigen Geschichten, von denen das eigene Leben durchzogen zu sein pflegt. Die Voraussetzungen für so etwas wie Glück sind also gegeben: ein Glück wenigstens für die Dauer eines Sommerabends auf dem See, das nicht mehr ganz wetterfeste, beständige Glück, «das lose» eben, wie der Titel des Buchs es verheisst. Doch «das lose Glück» ist darin für die Hühner vorgesehen: «Zerrupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, ausgelastet mit den Schwierigkeiten, pickend über den Hof zu schreiten, vogelfrei im losen Glück.»

Das Erzählen und der Sarkasmus

Die Menschen bei Zschokke, das ist der ganze Unterschied zu den Hühnern, wissen, dass sie, täglich und stündlich, sterben. Und am besten meinen es die vier auf dem See zu wissen. Sie trauern der Zeit nach, «als noch nicht alles ein einziger Abstieg war», und erkennen staunend und schaudernd, wie schnell sie vergangen ist und weiter vergeht, während sie reden und klagen darüber, irgendwann anfangen damit und dann weiterreden und -klagen, in endlosen Monologen, die zeitweise nicht einmal mehr einer bestimmten Person zugeordnet sind. Weil das Reden aller nur der vergebliche Versuch ist, (sich) die Zeit zu vertreiben oder, noch besser (und noch wörtlicher!), sie totzuschlagen; denn im Schweigen könnte ihr Vergehen noch ungedämpfter hörbar werden. Die endlosen Monologe sind die schöne Zumutung von Zschokkes Prosa. Nicht erst im Roman «Das lose Glück». Aber so knapp wie hier hat dieser Autor noch nie den Punkt verfehlt, wo sein Erzählen suggeriert, nichts anderes als dieses Kontinuum des Monologisierens im Sinn zu haben. Oder jedenfalls überhaupt nicht davor zurückzuschrecken. (Dieselbe Neigung kennzeichnet auch Zschokkes neuste Theaterstücke. Aber sie werden gespielt. Zur Zeit gerade «L'ami riche», noch vom verstorbenen Gilbert Musy übersetzt, in einer erfolgreichen Lausanner Produktion.) Im literarischen Trend (was immer der gerade sei, mit Zschokkes Prosa und Theater will er zweifelsfrei nichts zu schaffen haben!) liegt der Autor damit nicht. Aber das stört ihn nicht nur nicht, das muss vielmehr so sein, wie aus den völlig unangestrengt in den monologischen Erzählfluss integrierten Passagen über die Literatur oder über Literaturtheorien hervorgeht. Eine von ihnen beschäftigt sich sarkastisch mit dem Einschläfernden eines Erzählens, das um seines Unterhaltungswerts willen auf Anfang, Mitte und Ende bestehen zu müssen glaubt. Zschokke hegt und pflegt den Sarkasmus solcher Passagen auch, um nicht selber der Versuchung zu abgerundeten Geschichten zu erliegen. Diejenigen seines Romans (in dem es eine Fülle von unvergesslichen Liebes- und Reisegeschichten gibt) sind meist ohne erkennbaren Anlass begonnen, sie interessieren nur die wirklich, die sie erzählen, und auch denen ist irgendwann das Ende entfallen, sofern es ihnen nicht der Tod abgenommen hat.

Der Weltschmerz und die Komik

Doch auch ohne dessen Eingreifen wissen diese Binnengeschichten (wie die Lebensgeschichten) wenig oder nichts vom Glück. Und umso mehr von der Resignation. Sie sei «keine schöne Gegend», hat Gottfried Keller auf ein Löschblatt notiert. Für die ZschokkePersonen ist sie es auch nicht und kommt nie aus der Gelassenheit, die sich abzufinden weiss mit dem Naturgesetz der Vergänglichkeit, der eigenen und der der Welt. Es ist nicht verboten, bei Zschokke vor allem den althergebrachten Weltschmerz am Werk zu vermuten. Dem Autor und seinem literarischen Personal dürfte an einer besseren Herkunft des nostalgischen, elegischen Redeflusses wenig gelegen sein. Aber sie sind sich (in einer selbstironischen Solidarität) auch völlig im Klaren darüber, dass der Weltschmerz heute nicht mehr ausreicht für die Tragödie. Sondern bestenfalls und gelegentlich für die Tragikomödie. Und in ihr (wie ein paar Buchseiten über Kleists «Amphitryon» bestechend nachweisen) steht das Komische seit jeher auf wackligen Füssen.

Der Tod und das Tränenlachen

Bei Zschokke auch da, wo es sich weit in die Sätze hervorwagt. Wenn diese, z.B., von einer Demonstration erzählen, deren Teilnehmer (einschliesslich der beiden Polizisten an der Spitze des kläglichen Zugs) auf einer leicht abschüssigen, plötzlich vereisten Strasse nur noch ein (und sicher nicht ihr ursprüngliches) Anliegen haben: gemeinsam mit der Tücke der Verhältnisse fertig zu werden. Die Tragikomödie minus das Komische ergibt so noch lange nicht das Tragische. Sie ruft nur in Erinnerung, dass das Leben manchmal buchstäblich zum Tränenlachen sein kann. Sogar auf Kosten eines toten Kindes. Die beiden Angestellten einer Bestattungsfirma tragen es auf einer Bahre zum Kleintransporter vor einem Berliner Mietshaus. Sie stellen sich dabei so ungeschickt an, dass der Vorgang zur Slapstick-Szene ausartet, die im Satz gipfelt: «Die kleine Leiche federt, als gings im Frühtau zu Berge.» Ein genial pietätloser Satz. Aber noch in der Pietätlosigkeit ist er (wie die ganze, in den Bewegungsabläufen akribisch genau beobachtete Szene) nichts als die Wahrheit und als solche eine nachhaltige Attacke auf das verlogene, kurzlebige Mitgefühl, mit dem ein totes Kind in der Literatur wie im Leben nicht nur rechnen kann, sondern muss.

Der Róman und der Román

Aber die Rezension will zurück, in die weite, zwar auch längst winterliche Seelen-Landschaft der vier auf der Jacht. Sie haben unterdessen Gesellschaft bekommen. Ellen, Sozialarbeiterin aus Berlin, ist aus der Schwärze der Nacht aufgetaucht und an Bord genommen worden. Die Wege, auf denen sie ausgerechnet hierher gelangte, sind erzählerisch verschlungene. Aber der Autor Zschokke ist auch auf ihnen ein begeisternder Guide. Was er Ellen auf der Jacht von ihrem Leben in Berlin und von der Reise an die Ufer des Sees erzählen lässt, setzt sich nicht durch und verändert die vier, die ihr zuhören, nicht. Dafür ist Ellen zu scheu und eine zu höfliche Zuhörerin. Aber vereinnahmen lässt sie sich von der melancholischen Suada der Gastgeber nicht. Und am Ende des Buches (nach dem lautesten Schuss, der je seit dem von der Kanzel gefallen ist!) reist sie, trotz der Bitte zu bleiben, weiter. Nicht zurück. Sondern weiter auf der Suche nach Freunden, die anders sind als der einzige, den sie in Berlin hatte, und von dessen zunehmender Depressivität sie sich beurlauben wollte und dabei vom Regen in die Traufe geraten ist.

Der Bentley und der Eisenbieger

Dieser Freund, namens Roman (von Zeit zu Zeit sollte der Name auch auf der zweiten Silbe betont werden!), ist Dichter. Von seiner psychischen Verfassung her und in seiner Oblomow-Müdigkeit würde er bestens zu denen auf der Jacht passen. Aber die Glanzlosigkeit und Dürftigkeit seiner Berliner Existenz sind per se ein Gegenprogramm zum luxuriösen Glanz der Lethargie auf dem See. Dazu kommt, dass der Román den Róman zur «Hofberichterstattung» anstiftet und «Auf Patrouille» schickt. Roman nimmt, in den jeweils so angekündigten Passagen, in Augenschein, was auf dem Hof unten und auf seinen Gängen durch die Stadt tagtäglich sich ereignet und verändert. Ach nein, zum grossen Berlin-Roman und -Fresko setzen die kleinen und unauffälligen Geschichten und Bilder, die dabei herausschauen, sich nicht zusammen. «So ganz ohne Zentrum. So ganz ohne Welt» wie sie sind, muss ein solches Pensum ihnen nur lächerlich vorkommen. Und Literatur darf bekanntlich sogar den grossen historischen Augenblick verpassen. Oder ihn nur in maliziösen Andeutungen zur Sprache bringen. Um sich dann dem zuzuwenden, was die Historie in ihrem Präpotenzgehabe immer missachtet. Das kann die Lebensmüdigkeit von vier Menschen auf einem unwirklich schönen See sein. Oder der arbeitsame Eisenbieger Mewes, der im Hof drunten seinen Bentley wäscht. Wenn das Auto denn wirklich ein Bentley ist und Herr Mewes wirklich ein Eisenbieger.

("Basler Zeitung", 9.11.1999)


Schmerzfrei ja - aber was sonst?

Matthias Zschokkes neuer Roman «Das lose Glück»


Von CHARLES CORNU

Tana, die Besitzerin der Jacht, sagt zu ihren drei Freunden und zeigt dabei eine Pistole, sie werde jetzt ins Wasser steigen, sich in den Kopf schiessen und versinken. Regt sich ob dieser makabren Ankündigung einer der drei - Samuel, Linus, Portmann - auf? Nicht die Spur. Sie verharren in träger Melancholie, in einer Art schmerzfreier und halbwegs glücklicher Ermattung. Immerhin nimmt Portmann Tana die Waffe weg und versorgt sie in seiner Tasche. Das allerdings hätte er gescheiter unterlassen, denn Stunden später und rund zweihundertsiebzig Seiten weiter hinten im Buch wird er sich versehentlich ins Bein schiessen, verbluten und sterben. Doch nach einem Moment hysterischer Aktivität der Leute auf der Jacht ändert auch das nicht viel an der lethargischen Stimmung.

Der Nebel der Ereignislosigkeit schliesst sich wieder über den Zurückgebliebenen. Zu diesen ist übrigens vorher noch eine wildfremde Schwimmerin gestossen, eine Frau aus Berlin, wie sich zeigt, die ferienhalber in die Gegend und an den See geraten ist, auf dem die Jacht dümpelt und der der Bieler- oder der Neuenburgersee sein könnte, jedenfalls ein schweizerisches Binnengewässer aus jener Region, in der Matthias Zschokke, der jetzt in Berlin lebende, 45-jährige Schauspieler, Schriftsteller, Dramatiker und Filmemacher, seine Jugendzeit verbracht hat. Und mit Ellen, der Schwimmerin, die mit widerwilliger Gastlichkeit auf die Jacht und in den Kreis der dort Weilenden aufgenommen worden ist, kommt noch deren Berliner Gefährte, Roman, irgendwie mit ins Spiel; also haben wir es jetzt insgesamt mit sechs Leuten zu tun. Diese Leute, was treiben sie überhaupt, was treibt sie an und um? Tja, das sind im Grunde schon fast allzu dramatische Fragen in Bezug auf die paar Personen, die offensichtlich ihre Jugendlichkeit und damit auch ihre Jugendträume längstens schon abgestreift und sich danach eingerichtet haben in dem, was im Buch einmal «das würgende Elend des Gemütlichen» oder auch «die Monstrosität des Gemässigtseins» genannt wird. Zschokke ist schon anlässlich seiner ersten Veröffentlichungen immer etwa mit seinem Landsmann Robert Walser verglichen worden. So wie sich in seinem neuen Buch Komik und Melancholie die Hand reichen, Poetisches mit Spöttischem, Träumerei mit Witz sich verschwistert, fühlt man sich in der Tat dann und wann wieder in Walsers kleinen Kosmos versetzt; da wie dort hat man es (ein Ausdruck Zschokkes) mit der «Tapferkeit des Allerweltlebens» zu tun. Wie endet Zschokkes Buch? So: Roman sagt zur Verkäuferin in der Berliner Konditorei, die er zu frequentieren pflegt: «Ich freue mich unbändig auf übermorgen, auf Sie im neuen Jahr, auf Ihre Kuchen, vielleicht gelingt es uns» - und Schluss ist ohne Punkt. Das Leben oder vielmehr die Attitüde des Lebendigseins könnte weitergehen wie bisher. Der Ausdruck «unbändig» ist an dieser Stelle ohnehin eine ungeheure, eine sozusagen walsersche Übertreibung. Gerade Unbändiges kommt nicht vor in Zschokkes Buch, vielmehr ists die sanfte Melodie des alltäglichen Mittelmasses, das halbe Glück der Resignation, das mild Elegische herbstlicher Existenzen, die es ausfüllen. Die sechs Leute übrigens reden nicht eigent-lich miteinander, sondern sie monologisieren mehr oder weniger träge vor sich hin, jede und jeder ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Aber auf diese Weise lernen wir Leser nach und nach ihre Herkünfte, ihre Entwicklungen (Schicksale wäre schon ein zu dramatisches Wort), ihre unterschiedlichen Charaktere kennen, und mit ihnen und durch sie werden wir in mancherlei Szenerien und Lebensstimmungen gezogen. Diese spielen sich ab und dehnen sich aus hier herum und in Berlin, auf Feldwegen wie auf städtischem Asphalt, in trübseligen Gaststätten und in hell erleuchteten Theaterpalästen, in staubiger Banalität, aber auch, selten einmal,in der klaren Luft grosser Dichtung, die erinnert und zitiert wird. Und das ergäbe den Stoff für ein Buch von nahezu dreihundert Seiten? Ja, gewiss. Zschokke komponiert und garniert nämlich die scheinbare Gleichförmigkeit und Ereignisarmut so abwechslungsreich, so kunstvoll, so gesättigt mit eigenwilligen und einprägsamen Bildern, und er entwickelt mit Sprachlust und -witz viele Geschichten oder Anfänge von Geschichten aus der einen grossen Geschichte (wobei er die meisten Erwartungen der Leser raffiniert unterläuft), dass man - obgleich es sich ja insgesamt um Figuren in den allermässigsten Lebenszonen handelt - von einer skurrilen Überraschung zur andern, von Entdeckung zu Entdeckung gelockt wird. Am Ende, das ja kein Ende sein will, hätte man es ganz gerne, dass eine oder einer der Beteiligten an diesem ebenso bunten wie zartfarbenen Gewebe weiterwirken würde.

("Der Bund", Bern, 27.11.1999)

 

Schwebend im Glücklosen

Von URS BUGMANN

«Wir alle haben nichts erlebt, und wir alle können nichts erzählen. Das ist eine Seuche, die uns befallen hat. Alles, was wir tun und denken, zerfällt immerzu. Es formt sich nichts Erlebtes daraus, bei niemandem. Wir haben einen Virus in uns, der alles zersetzt und auflöst. Es entsteht kein ruhig gelebtes Leben mehr.»

Das sagt Portman, einer von vier Freunden, die auf einer Jacht die Nacht verbringen ­ erzählend, dösend, im Gespräch. Sie sind nicht wirklich Freunde, mehr Gefährten, die aneinander gewöhnt sind, die sich diese Zuflucht ausserhalb des Jetzt und Hier, eine Art Schonraum des Belanglosen und Unverbindlichen erwählt haben.

Portman, Tana, die reiche Bootsbesitzerin, die sich lieber auf dem Wasser aufhält als in ihrem Herrschaftssitz, Linus, der als Lina begonnen hat, und Samuel: gewöhnliche Menschen. Samuel «hat fünf Kinder und eine zarte, krankheitsanfällig Frau», ist Anwalt und führt eine eigene Kanzlei. Portman beurteilt Landschaften, kennt sich aus im ökologischen Gleichgewicht, doch nicht in der Ökologie der Beziehungen; er hat eine Geliebte. Die vier wuchsen im Ort auf, trafen sich mit andern Schülern damals im Café Central, sind hier und aneinander hängen geblieben, treffen sich, ohne dass sie viel verbindet. «Sie kennen einander zu gut und sind sich dabei entglitten.»

Herausgehoben

Bis zu jener Nacht, in der eine Schwimmerin auftaucht, an Bord genommen wird. Aus ihrer Gegenwart entstehen Verbindlichkeiten, die vier haben eine Zuhörerin, eine Fremde erweitert den Kreis der Vertrauten, ihr Zuhören verändert das Erzählen. Nichts anderes wird erzählt, aber es hallt anders nach, und jetzt erzählt auch jemand anderer. Ellen, die Schwimmerin, die die Koffer gepackt und sich aufgemacht hatte, Freunde zu suchen, erzählt nicht von Ereignissen, nicht von «Jetztzeitigkeit, Aktualität», sie ist auf ihre Weise genauso weltentrückt, herausgehoben aus dem Alltag wie die vier auf ihrer Jacht.

Ellens Geschichte spielt an einem andern Ort, in Berlin, wo sie sich regelmässig mit Roman trifft, um mit ihm im Restaurant Hofgarten zu essen. Aus Zufall haben sie sich kennen gelernt, auch sie sind sich nicht wirklich nahe gekommen, haben sich nur an die Regelmässigkeit von Begegnungen gewöhnt, erleben eine Geschichte miteinander, die keine ist und sich doch zum Aufschreiben eignet: Roman macht am Ende des Buches Kopien, steckt sie in einen Umschlag, schickt sie weg.

Immer neue Geschichten

Es steht zu vermuten, dass aus den Kopien dieses Buch wurde, Matthias Zschokkes neuer Roman «Das lose Glück». Es ist ein fragiles, schwebendes Kunststück über lauter Ereignislosigkeit, über eine Zeit und Gesellschaft, in der «die Vorstellungen spriessen, die Möglichkeiten welken», in der es nicht mehr gelingt, vom Glück zu reden: «In einfachen Kulturen wie der unseren gibt es keine Ausdrucksform für das Glück. Da wirkt alles schal, was nicht leidet und sich quält.» Und keiner weiss hier zu sagen, «ob es tatsächlich sinnvoll ist, immer neu und immer schöner zu sagen, was wir alle längst wissen».

«Was wir alle längst wissen» schlägt sich nieder in immer neuen Geschichten, in Ereignisketten, Beziehungsgeflechten, die Roman in seiner «Hofberichterstattung» festhält, wie er mit ironischem Unterton seine Beobachtungen in den Berliner Höfen und Hinterhöfen überschreibt. Es gerinnt in den beiläufigen Berichten der vier Freunde auf ihrer Jacht, die über all das Bedeutungslose monologisieren, das ihnen widerfahren ist, das sie als Akteure in einem spielerischen Leben ­ das Schicksal zu nennen bei weitem zu pathetisch wäre ­ zu Wege bringen.

Am Ende holt ein Ereignis sie aus ihrem dämmernden, traumverlorenen Zustand: Portman hat sich mit einer Pistole versehentlich ins Bein geschossen, er verblutet an der Wunde. Die Waffe hatte er Tana abgenommen, die damit ins Wasser steigen und sich erschiessen wollte. Sein Tod, der jetzt an die Stelle von Tanas verhindertem Selbstmord getreten ist, macht alles Erzählen von diesem Ende her zu einer letzten Gelegenheit, jetzt erhält es Belang und Bedeutung.

Am Ende des Ereignishaften

So verhalten melancholisch Matthias Zschokke in diesem Roman eine Welt am Ende des Ereignishaften erzählen lässt, so poetisch verbrämt diese Endzeitsicht sich aus vielerlei Facetten von Lebensläufen und -entwürfen zusammenfügt: Es ist ein präziser Spiegel der Gegenwart, einer auseinander driftenden Zeit und Gesellschaft. Und Berlin, dieser Hauptort, der zu einem Nebenschauplatz wird, gerät zum Katalysator einer Geschichte, die bei aller Negation des Glücksvermögens und der Liebesfähigkeit von beidem spricht, vom Glück wie von der Liebe. Nicht immer im direkten Bild, zuallermeist im Gegenbild, im Widerschein des Scheiterns, in der Sehnsucht nach dem Ungeschehenen. Auf jenem nächtlichen See taucht ein Engel aus Berlin auf.

 Das ist ein zauberhaft leichter Roman, der alle Weltenschwere aufhebt und sich doch nicht weltverloren ins Idyllische flüchtet. Eine Feier des Erzählens als jenes schöpferischen Werden, aus dem die Welt erst ihren Sinn erhält. «Das lose Glück» meint hier beides: das Gelöstsein von allem Glück im Glücklosen, von dem in diesem Buch erzählt wird ­ und gerade darin scheint ein leichtes, gelöstes Glücklichsein auf, das jedem zukommt, der erzählen kann.

("Neue Luzerner Zeitung", 9.12.1999)


Plaudereien auf schwankenden Planken

Ein Buch, das kein Roman sein will: „Das lose Glück“ von Matthias Zschokke

Von KATHRIN HILLGRUBER

Es geht um viel Statik in diesem Buch, das kein Roman sein will. Was zählt, ist die richtige Balance, das Halten und Verlieren des Gleichgewichts. „Gesellige Schonung“ hatte sich in Goethes Novellenkranz Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten eine Adelsgesellschaft erbeten, die vor der Französischen Revolution geflüchtet war. Diese Einstellung, die „alle Unterhaltung über das Interesse des Tages“ ausschloss, wurde zum Prinzip des abwechselnden Erzählens, mit dem sich die Herrschaften die Zeit vertrieben. Die Figuren im Losen Glück fliehen eigentlich nur vor sich selbst, und das ist bekanntlich am schwersten.
Es handelt sich um ein bürgerliches Quartett jenseits der vierzig: Tana, Alleinerbin und Dozentin für Komparatistik, der erfolgreiche Anwalt Samuel, der mit Realitätssinn begabte Forstingenieur Portman sowie der Transsexuelle Linus, der als Lina angefangen und sich selbst und seine Sängerkarriere irgendwann vergessen hat. Nun will er nichts mehr werden, „nur noch sein“. Das Statische wird zum Programm: „Überall vergeht die Zeit, und es geschehen großartige Dinge. Hier nicht.“ Die vier Jugendfreunde, offenbar verkappte Epikureer, flüchten regelmäßig vor den Zumutungen und Verbindlichkeiten auf schwankenden Boden: Sie treffen sich an Bord von Tanas Jacht auf einem See im Schweizer Mittelland, der sich als Bielersee deuten lässt.

Matthias Zschokke, Schöpfer luftig verschmitzter Helden wie „Prinz Hans“ oder zuletzt „Der dicke Dichter“ (1995), orchestriert einen mehrstimmigen Schwanengesang auf die dahingehenden und vor allem dahingegangenen Jahre, eine Elegie des Verfalls. Man möchte von einem typischen, etwas anämischen Fin-de-siècle-Buch sprechen, in dem sich der Ennui in wunderschöne Episoden und Metaphern kleidet – aber es bleibt eben doch der im Grunde immer gleiche, um sich selbst kreisende Ennui, das taedium vitae, das mit dem Altern seinen sichtbaren Ausdruck findet: Fettwülste, Tränensäcke, länger werdende Zähne, matte Haare, alles wird wort- und variationsreich beklagt. Hier ist niemand ins Gelingen verliebt, sondern jedermann ins Scheitern. Trostlosigkeit kann ja so schön sein, besonders wenn man es sich im Leben kommod eingerichtet hat wie Tana: „In englischen Gesellschaftsromanen tauchen manchmal solche Erbinnen auf, fahren im Jaguar durch grüne Landschaften und erinnern sich an feuchte Internatstage.“

Die vorgeführte ideale Erzählgesellschaft, deren äußere Koordination wie im aristotelischen Theater örtlich (die Jacht) und zeitlich (ein Abend) eine Einheit bilden, erfährt eine Störung und gleichzeitig geistige Befruchtung von außen, direkt aus dem Wasser: Eine Schwimmerin bittet, von der langen Strecke ermattet, an Bord kommen zu dürfen: Das Standlicht des Schiffes habe sie angezogen. Sie stellt sich als Ellen aus Berlin vor, Sozialarbeiterin im Urlaub, abgestiegen im Hotel „Seegurke“. Im bewährten Gefüge der vier kommt ihr, dem Eindringling, bald die zentrale Rolle: als Unterhalterin zu – denn sie erzählt absichtslos, ohne „es gutmachen zu wollen“, so wie die Gastgeberin Tana es erwartet, ja anordnet – „lassen Sie es fließen“.

In die Monologe über mehrere Seiten, die mit einem schlichten „sagt:“ nach Art von Drehbüchern eingeleitet werden, sind Binnenerzählungen als Berichte von hochdifferenzierten Alltagsbeobachtungen und menschlichen Bemühungen eingebettet. Zschokkes Charaktere sind Wahrnehmungskünstler. Ihr geschärftes Erkenntnis-Instrumentarium trifft zwangsläufig auf dumpfe Zustände, denen gegenüber es machtlos ist. Sensible Gemüter treibt das in die Resignation; „denk der Vergeblichen!“ möchte man mit Gottfried Benn ausrufen.

Epikur pur

Doch schließlich wirkt auch die ästhetisch erlesen verpackte Absichtslosigkeit auf Dauer penetrant. Ob es tiefgefrorene Erbsen sind, die im Karton rasseln, lästige Fruchtfliegen oder ein Staubfaden in der Sonne – nichts ist vor ausführlichster Beschreibung sicher. Der Autor macht programmatisch das Kleine zum Großen, was er durch die Figuren Ellen und Roman (Ellens in Berlin gebliebener Freund) aus dem fernen, lärmenden Berlin zu berichten hat, das schrumpft er auf ein anthropologisch annehmbares Maß zusammen: „Es dauert von Tag zu Tag länger, von einem Ort an den anderen zu gelangen. Nicht, dass ich langsamer geworden wäre. Ich bemerke bloß mehr und mehr Kleinigkeiten, die mich aufhalten; Nebensächlichkeiten, die mich an andere Nebensächlichkeiten erinnern.“

Das eigene Leben wird ihnen allen immer unbegreiflicher, die zivilisatorischen Übereinkünfte sind für sie ausgehöhlt. Die Frage nach dem Glück muss als Zumutung erscheinen, wo der Schlaf schon als erstrebenswerter, seliger Zustand gilt. „Vogelfrei, im losen Glück“ sind einzig und allein „zerrupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein“. Dem Menschen, vom Bewusstsein seines Todes beschwert, bleibt demzufolge nur die Einübung in den Gleichmut – das ist Epikur pur. Dass es am Ende gar noch einen Toten gibt – einer der Freunde schießt sich mit Tanas Pistole aus Versehen in den Oberschenkel –, auch dieser Höhepunkt an äußerer Handlung wird bald von den unaufhörlichen Wellen des Gesprächs überspült.

Der Schweizer Matthias Zschokke, seit 1980 in Berlin lebend, hat ein haltloses, bodenloses Buch geschrieben. Die langen Monologe voller filmischer Slapstick-Episoden spannen sich über einen Untergrund tiefster Melancholie, in dem die Jacht der Erzählgesellschaft geankert hat. Die Unruhe, mit der die Verzweiflung, der Skandal des Alltags und des Älterwerdens ertragen, ja sogar mit fatalistischer Zustimmung begrüßt werden, stellt die eigentliche Provokation des Losen Glücks dar: die Provokation als Plauderei auf der Jacht oder im Salon, die Katastrophe als behagliche Kontemplation. Fin de siècle am Bielersee.

 ("Süddeutsche Zeitung", 9.12.1999)

 

Die Einladung

Hinter dem harmlosen Titel Die Einladung verbirgt sich schierer Lebens-Wahnsinn. Dabei ist die Fabel des Stückes, das an Zschokkes Der reiche Freund anknüpft, relativ einfach zu skizzieren: Der reiche Freund Ermenegildo Fürst aus der Weltmetropole Saarbrücken hat seinen Besuch in Berlin angesagt bei dem Architekten Friedrich und seiner Frau Friederike, was beide in hellste Aufregung versetzt- wie den hohen Gast empfangen, wie ihn standesgemäß bewirten, wie ihm angemessene Unterhaltung bieten? Zumal der Architekt ihn als Investor gewinnen will ("FRIEDRICH: [...} Glaub mir, diesmal ist es keine Hoffnung, die ich hege und schüre, diesmal ist es der nackte Wille zum Erfolg. Fürst wird kommen, ich werde ihn überzeugen, unsere Finanzen werden aufblühen [...} Wir haben keinen Hintergrund und sind deswegen darauf angewiesen, geliebt zu werden. [...] Wer aus dem Nichts kommt, muß sich polieren, wenn er wahrgenommen werden will. Wie in der Malerei: entweder hebt dich der Hintergrund hervor, oder du mußt selbst leuchten. Wir gehören zu der zweiten Sorte, wir müssen leuchten.")...

In Ermangelung illustrer Gäste werden zur Tischgesellschaft der grobschlächtige Schönheits-chirurg Dr. Kurz und der Schauspieler Harald, der zur Hebung des gesellschaftlichen Niveaus einen Literaturgeschichtsprofessor spielt (Paraderolle für einen Komiker), gebeten. Aber aller Aufwand ist vergebens: Fürst denkt nicht daran, in das Wohnbaumodell des Architekten, das überdies bei der Präsentation in Flammen aufgeht, auch nur einen Pfennig zu stecken.

Parallel zur Haupthandlung läuft eine Nebenhandlung voller Leidenschaft und Dramatik ab: die Nachbarin des Architektenpaars, Frau Dr. Karnay, eine höchst erfolgreiche Wirtschaftsanwältin, ist einem göttlich schönen Gigolo namens Calvin verfallen (eine -nicht nur platonische- Sehnsucht nach Schönheit, nach Wahrheit: als Gegengift zum schnöden Mammon). Zufällig - wie es Theatergötter sich eben erlauben können- kommt Calvin ebenfalls aus der Weltmetropole Saarbrücken, wo er seine Liebesdienste auch Kathi, Fürsts Haushälterin, erweist. Als er diese zurückstößt mit einer eifernden Rede, die seinem Namenspatron alle Ehre machte ("CALVIN: [Er redet auf Kathi ein.] Erstick an deiner jämmerlichen kleinen Zuneigung, die das Wort Liebe nicht wert ist, an dieser plumpen Lust, dich anzulehnen, egal wo, dich niederzulassen, egal auf was, weil ich gerade da bin auf mir, Staub, der sich auf alles setzt, was tot ist. Ich bin nicht tot! Ich verachte jede Zutraulichkeit, dieses Bedürfnis von Allesfressern, von Säuen nach Nähe. Fordere mehr von dir und von mir. Wir müssen besser werden, alle. Schau mich nicht an mit diesem dummen kalbsäugigen Ausdruck. Du meinst nicht mich, du meinst das schäbige Bißchen, wofür ich in deiner Vorstellung stehe, diesen Schlauch voll warmer Grütze. Du nimmst mich und stülpst deine schalen Träume darüber. Keine schaut wirklich hin. Ihr seid alle besoffen. Euer Blick ist vernebelt. Da ist keine Klarheit drin, keine Wahrheit. Ihr laßt euch belügen- diese Manie, alles in die Mehrzahl zu setzen! Wie ich das hasse! Du hast keinen Stolz, kein Verlangen nach Einmaligkeit, du gibst dich zufrieden mit dem erstbesten Ersatz, irgendeinem ungefähren Glück. Aber ich bin mehr, als was ihr denkt, daß ich sei. Ich traue euch nicht, kann mich nicht auf euch verlassen. Ihr sagt ich leuchte, wenn ich funsle, ihr sagt ich strahle, wenn ich matt bin, ihr verderbt mich mit eurer Anspruchslosigkeit. Wir könnten wachsen, alle- was für eine Idiotie, alles in die Mehrzahl zu setzen! Jeder kann ein Riese werden, jeder kann verglühen, wenn er sich schürt, wenn er sich antreibt. Ihr schläfert mich aber ein, ihr verratet alles mit eurer Ungenauigkeit. Das ist keine Liebe, was du empfindest, das ist Faulheit, Bequemlichkeit, ein armseliges Verlangen nach ein wenig körperlicher Wärme und Nähe. Geht in den Stall, dort ist es warm. Fällt dir die Leere nicht auf, wenn wir uns aneinander pressen, die Lächerlichkeit nicht, wenn wir uns aneinander reiben? Spürst du nicht, wie stumpf ich mich anfühle, wie zäh die Zeit sich hinschleppt, wie alle Träume zerstieben, wenn wir zusammen sind. Wie bleich die Welt wird, wenn wir darin stehen. Wie alles in uns ertrinkt, was wir sein könnten. Was für eine gähnende Abwesenheit wir um uns schaffen, wie wir uns gegenseitig auslöschen, alle, aufsaugen. Laß dich nicht so leicht abspeisen. Weg mit der Bescheidenheit. Wie die Kakerlaken fressen wir Reste, Abfall. Du hast ein Anrecht auf mehr. Wir alle, wir haben die Kraft und die Möglichkeit, wir haben die Pflicht, groß zu werden, immer größer, über uns hinauszuwachsen, doch rundherum nichts als dieses kümmerliche, winzige, geduckte, verlogene Dahinvegetieren. Das lügt und betrügt und grimassiert weiter in alle Ewigkeit. Nicht einer, für den sich die Tausende von Jahren gelohnt hätten, nicht einer, der es verdient, Mensch genannt zu werden, nicht einer, von dem wir lernen könnten zu leben. Da winselst du vor meiner Tür, um deine unwürdigen, nutzlosen Stunden mit mir zusammen in dieser trüben Alltagsbrühe verplanschen zu können. Fordere mehr von dir, von mir, verlang, daß ich uns herausziehe, ich kann das, du nasser, sinkender Sack, du erstickende Blase voll Schleim, wozu lebst du, wenn du leben willst..."), erschießt sie ihn und sich: ersteres führt zu tiefer Trauer bei Frau Karnay und letzteres zu Fürsts überstürzter Abreise. Einziger Rettungsstrohhalm: Friedrich wird nun versuchen, Frau Karnay für seine Wohnbauprojekte zu gewinnen.

Die schrille Komik des Stückes resultiert aus den teils skurrilen, teils tiefen Ideen der schrägen Personen ("HARALD: Wie ich da im Bad so mein zerschmettertes Knie betrachtet habe, dachte ich: Kommen wir nicht alle aus dem Nichts, aus Schutt, sind aus Resten zusammengeflickt, notdürftig geklebt, mit Strohhaar, stromern über unsere versteppten Areale, auf denen man eigentlich Schafe weiden sollte, mit Märchen in unseren Köpfen, finsteren Märchen von Krieg, von Schlächtern, von blinder Gefolgschaft, von Kadavergehoram und blutig zerfetzten Rümpfen, Märchen von Hunger und Tod und Geilheit, vom großen Zusammenbruch, in dem alles zerplatzte, zerstob? Aus diesen rauchenden Trümmern zuckte und ringelte ein Gewürm, schiefe, bleiche, erinnerungslose Wesen erhoben sich, das sind wir, die jüngste Rasse; die alten Tugenden fanden nicht mehr zurück in uns, sie verflüchtigten sich, und wir leeren Hülsen geistern nun blicklos durch die Ruinen, die Sonne brennt, in den Ritzen zittern vertrocknete Grashalme- manchmal tauchen Fremde auf, aus fernen Ländern, die nach dem großen, alten Abendland suchen, von dem sie gelesen haben, mit neugierigen Augen streunen sie über das monumentale Leichenfeld, schauen in unsere hohlen Gesichter, stehen vor altem, ausgebranntem Gemäuer und staunen, hier ging also Heine, dort Hölderlin, da Schubert, wir schauen ihnen verkniffen zu... - FRIEDRICH: [Er macht Zeichen und flüstert:] Schlanker, schlanker... - Dr. KURZ: Lassen Sie ihn, bitte! Die Zeit verstreicht dabei sehr schön. - FRIEDRICH: In richtig feiner Gesellschaft, dachte ich, wird eher diskutiert als deklamiert?") und den gedrechselten, artifiziell hochgeschraubten Dialogen.

Die Einladung ist Zschokkes bislang gedankenschwerstes und wortgewaltigstes Theaterstück. Ist es überhaupt eine Komödie? Wenn ja, dann eine sehr moralische, und also: verzweifelte.
Welches Theater wird die Uraufführung wagen? Sie ist für September 2oo6 in Genf geplant.

 

Die singende Kommissarin

Früher, etwa in den späten Siebzigern, hatte sie als "Die singende Kommissarin mit ihren swingenden Vopos" Kultstatus und feierte Riesenerfolge. Die Band jedoch löste sich auf -aus welchen Gründen auch immer- und verschwand aus der Berliner Clubszene. Was blieb, sind Erinnerungen.
Silvesterabend. Die ehemalige singende Kommissarin Bergfeld hat Stallwache im Berliner Polzeirevier/ Abschnitt 32. Ein lokaler Rundfunksender strahlt heute von hier seine Live-Sendung "Ohr vor Ort" aus. Der unsichtbare Radiomoderator animiert die Kommissarin, zu singen und zu erzählen. Dafür ist der Raum reichlich mit Mikrophonen ausgestattet worden, was die Protagonistin anfangs ziemlich irritiert: "Erzählen?... Was soll ich Ihnen sagen? Da ist nichts. Um diese Zeit. Da ist es immer eher ruhig, ganz besonders ruhig."

 Und es bleibt den ganzen Abend ruhig, bis auf zwei kleinere Störungen durch den "Abschnittsgeschäftsführer", der Probleme mit den "Gleitzeiterfassungsbögen" hat, und einen Betrunkenen. Viel Zeit für die Kommissarin zum Nachdenken über sich, übers Leben. Allmählich geht die Realität über in einen (Alp-)Traum, ihre Lieder von damals tauchen auf... Eher monologisierend beginnt die Kommissarin zu erzählen, auch seltsame Schnurren, mit denen sie wohl kaum die Erwartungen des Radiopublikums erfüllt:

 "Was will ich auf dem Land?! Das habe ich mich während der ganzen Rückreise gefragt. Ich liebe das Berliner Abwassersystem, wie ich das Berliner Trinkwassersystem liebe. Ich liebe die Bäume hier, die mir vom Leib bleiben, schön und einsam und hochgewachsen, jeder einzelne mit Namen, hier eine Platane, dort eine Linde, da eine Kastanie, nein, sicher, es war zauberhaft, traumhaft, der See so klar und jugendschön, das Ufer, an das kichernd die Wellen schlugen, herrlich in der Erinnerung, aber entsetzlich, wenn ich daran denke, dorthin zurück zu müssen. Schön, eine Sehnsucht zu haben, aber ich bleibe wirklich lieber hier. Ich liebe die Busse und die Bahnen, die hier verkehren, ich verstehe hier die Sprache des Alltags, manchmal scheint sogar die Sonne, die Straßen sind breit und die Bürgersteige verläßlich, der Mond leuchtet durch die Nächte wie anderswo, die Straßenlaternen sind hell, wir haben elektrischen Strom und Gas, die Krematorien verbrennen rückstandsfrei, die Konditoren backen bißfest - was will ich auf dem Land?! Ich brauche die Stadt, hier ist mir wohl, hier weiß ich, wie ich über die Straßen komme, hier habe ich Bekannte, mit denen ich mich treffe einmal wöchentlich bei unserem Italiener, Franco, dann sitzen wir da, über dem Tisch der Luftabzug für die Küche, es stinkt nach altem Öl, manchmal wird einem von uns schlecht, draußen am Fenster ziehen die Einwanderer vorbei, müde, aber noch ganz... Wir reden über Politik, übers Leben, über Liebe, über Geld, über den Grund aller Dinge, wobei es regelmäßig demjenigen, der das Wort ergreift, mitten im Satz die Rede verschlägt; dann winkt er ab, voller Verachtung, weil er den Gedanken, den er eben noch im Kopf hatte, nicht mehr in Worte fassen kann; wir trinken Wein, Soave oder Valpolicella, sauer und bitter, wunderbar. Manfred ist beim Finanzamt. Er sinkt Abend für Abend in sich zusammen am Tisch, sitzt tief nach vorne gebeugt über dem Teller, wird fahl im Gesicht, die Bartstoppeln über der Lippe glitzern, wunderschön. Er ist dick geworden in letzter Zeit. Wir umarmen uns jeden Abend zur Begrüßung und zum Abschied. Dazu fassen wir uns um die Hüften. Darum weiß ich, wie dick er ist. Ich fasse ihn gern dort an, die Wülste lösen in mir das warme Gefühl von Geborgenheit aus, und er faßt mich auch dort an, und ich erstarre. Es geht das Gerücht, wir seien Versager. Ich hoffe, das ist nichts Schlimmes. Wir sitzen einfach da, halten die entblößten, faltigen Hälse ins Neonlicht und warten darauf, daß sie aufgebissen werden. Franco kennt uns. Er bringt unaufgefordert das Übliche. Ein abscheulicher Ort: kleine Mückchen fliegen das ganze Jahr über um den Wein - im Sommer kommen Wespen hinzu. Die Küche ist schändlich. Wenn's geht, esse ich Rührei - das müssen sie frisch machen - aber immer Rührei, das ist widerwärtig. Einige Male machten wir den Versuch, das Lokal zu wechseln - nichts als infame Umstände. Wir kamen immer zurück. Es liegt günstig für uns, und das Publikum, das dort verkehrt, stößt sich nicht daran, wenn wir nachlässig gekleidet sind. Wir haben uns in der Garderobenfrage für die Bequemlichkeit entschieden - das steht nicht jedem. Wir sitzen einfach da, einmal die Woche, trinken und essen - man muß Kontakte pflegen - unbedingt -, manchmal erzählt einer etwas, wir Versuchen zuzuhören oder doch so zu wirken; wir gucken so interessiert wir können, was uns anstrengt; wenn uns die Pausen lang vorkommen, rufen wir: Nein! Sowas! und wir vermeiden es, uns gegenseitig zu lang in die Augen zu schauen. Irmchen ist Schauspielerin. Die mit der Computergeschichte. Letztes Jahr hat sie eine Rolle in Karlsruhe gespielt. Es muß fürchterlich gewesen sein für sie. Lange hat sie überhaupt nicht davon gesprochen. Nur in Andeutungen. Nie mehr Körperkontakt mit Kollegen! sagte sie, oder: Am besten überhaupt keinen Kontakt mit Theaterleuten, keine Proben, nichts! Offenbar hatte man sie gezwungen, sich ein Haarteil zwischen die Augenbrauen zu kleben, damit es so aussah, als seien sie zusammengewachsen, ohne Erklärung, nur weil es dem Direktor so gefiel. Außerdem scheint ihr Partner entsetzlich gestunken zu haben. Angstschweiß, sagten wir. Sie beharrte darauf, er sei ungewaschen gewesen. Und darum in den Vertrag: Maximalnähe zum Partner neunzig Zentimeter! Bühnenkleidung aus dem Privatbesitz! Darauf bestehen! Dieses modrige, ungewaschene Schmuddelzeug - Kostüme, wie sie es nennen - verweigern! Vor jedem Auftritt einen Knaben mit Parfümzerstäuber über die Bühne jagen! In den Vertrag! Parfümmarke festlegen - sie haben keinen Geschmack -, Kostenübernahme durchs Theater! Rein in den Vertrag! Unglaublich, wie das stinkt! Ihr macht euch keine Vorstellung: Schauspielerschweiß aus dritter und vierter Generation in den Schmierlumpen! Sogenannter Bühnengeruch, von verstorbenen Kollegen! Todesschweiß! Leichengeruch! Und sie strengen sich so furchtbar an, sie pressen so, ihr macht euch keine Vorstellung, wie das heute zugeht auf Bühnen! Fratzenreißer! Krampfzustände! Wenn sie sich ruckartig bewegen, werdet ihr vollgespritzt von Schweiß! Sie triefen! Abstand in die Verträge! Bei Proben noch schlimmer, unbeschreiblich! Da kennen sie überhaupt keine Hemmungen mehr, die Kollegen, fallen über dich her, ziehen und zerren an dir rum, spucken und lecken! Ausprobieren nennen sie das! Methode! Alle Scheu abwerfen voreinander! Angstfrei ausloten! Mal sehen, was sich ergibt! Nichts ergibt sich, nichts! Wie im Leben, nichts! Wenn man sich an einen wildfremden Menschen ranschmeißt, ergibt sich nichts, eins aufs Maul ergibt sich. Widerwärtige Schamlosigkeit, als Freiheit deklariert! - Abstand, Ruhe, Freiraum in den Vertrag! Einsamkeit, Unbehelligtsein! Schutz vor den schmierigen Frotteuren, die sich an ihren Kollegen reiben, wenn keiner hinguckt! Überhaupt: Nie mehr Bühne! Es ist unwürdig! Mit zusammengeklebten Augenbrauen! Ich bitte euch! Was sind das für Menschen, die das veranstalten! Sogenannte Intendanten! Verpflichten ein paar Hungerleider, ihnen die Zeit zu vertreiben. Fühlen sich einsam und leisten sich darum persönliche Unterhalter, vom Staat bezahlt! Rein in den Vertrag: Regieanweisungen schriftlich, per Kurier zugestellt! Ausweichen den Schwätzern! Probezeit nur noch für technische Abläufe!... Sie war ganz schmal geworden, eindeutig, und wenn nur das Wort Karlsruhe fällt, kriegt sie heute noch weiße Flecken im Gesicht und Gänsehaut. Es muß grauenvoll gewesen sein für sie, das Inferno..."

Assoziativ & mäandernd fließt der stream of consciousness. Nicht selten gefrieren die Erzählungen der Kommissarin zu einer existentiellen Beichte der eigenen erschreckenden Durchschnittlichkeit und des eigenen grausamen Mittelmaßes, was sich durchaus ins Allgemeine verlängern läßt. Und trotzdem schwebt eine seltsame Heiterkeit über allem Elend. Dieses Kunststück gelingt dank der artifiziellen Diskrepanz zwischen einer ungewöhnlich hohen Sprachkultur und der Banalität von Alltäglichkeiten, in deren Dienst sie steht und die sie auf höchst poetische Weise zum Leuchten bringt.

Um Mitternacht dann draußen Feuerwerk & Glockenläuten. Am Fenster schiebt sich, aufgespießt auf einer Stange, ein abgeschlagener Frauenkopf empor, der dem der Kommissarin verblüffend ähnelt: ein rüder Scherz der  Kollegen. Die singende Kommissarin ist jedoch keine sozialkritische Studie von einem Polizeigewerkschaftsführer, der etwa Franz Xaver Kroetz heißen könnte. Zschokke hat den mikroskopischen Blick aufs Mikrokosmische: hat die selten gewordene Gabe, im Unauffälligen, Unscheinbaren und sonst Übersehenen metaphysisch Elend oder Glück aufblitzen zu lassen- eine Gabe, die nur noch DICHTER besitzen. Und naturgemäß haben diese es immer schwerer in der heutigen Zeit, die verlernt hat, Metaphern zu lesen und einen Subtext raunen zu hören: ABC wird sklavisch-stumpf als ABC buchstabiert und nicht poetisch begriffen als ABZ(schokke).

 Zschokke macht kein Hehl daraus, daß er in seinem (Fast-) Monolog (an dem er, mit Unterbrechungen, seit 1998 arbeitete) ausgesuchte Motive & Textpassagen aus eigener Prosa (vor allem aus seinem Roman Der dicke Dichter) in einer eigenwilligen Tour d'horizon neu montiert hat. Obendrein grüßt die singende Kommissarin einen englischen Vetter:The Singing Detective- so wird der Titelheld genannt in einer britischen TV-Serie (die auch im deutschen Fernsehen lief).

Kann ein solches Mixtum compositum gelingen, kann diese postmoderne Collage einen eigenen künstlerischen Mehrwert gewinnen- eine neue Qualität? Aber ja doch! Denn der Plot ist originär & äußerst originell und bietet eine Bombenrolle für die aussterbende Spezies großer Theater-diven.

 


Ein neuer Nachbar


Inhalt: Am Meer – Da Sie gerade vom Sterben reden – Roman und Ramona, der unsichtbare Film – Die unergründbare Elektrik – Das Cello – Dienerbewerbung – Der Besuch – Sommer – Sol – Der weinende Sänger – Balz – Der Professor – Brief eines Katzenfreundes – Der Brief an die Genfer – Brief an einen Verleger – Was ich gern lese – Warum ich Robert Walser mag – Ein neuer Nachbar – Leg dich hin – Reichstag, Berlin – Hinterlassenschaften – Die ewige Vorstadt – Lederträne – Kriegskolumne – Tagespolitische Kolumne – Amateure, Autodidakten, Dilettanten, ich – Diese Momente – Panetone – Mein Freund, mein gußeiserner Ofen


Kunst ist es, das andere zu suchen, sich zu entziehen, das Machbare nicht zu machen, die übriggebliebenen Unmöglichkeiten herauszuschälen und anzugehen in dem allgemeinen Gejohle und Besäufnis, beim ausgebrochenen Kunst-zum-Anfassen-Trubel. Matthias Zschokke


Leseprobe:

Am Meer

Gestern noch saß er auf der Hotelterrasse, schaute der Sonne zu, wie sie im Meer versank, versuchte, etwas dabei zu empfinden, Poetisches, Melodiöses, doch er sah nur die Kugel wegtauchen und war gleichmütig; dann stand er auf, und sie gingen zusammen essen, einen gegrillten Fisch mit Knoblauch und Bratkartoffeln, Salat, dazu tranken sie Wein; dann verließen sie das Restaurant, er schaute in den schwarzen Himmel, sah zwei, drei Sternschnuppen fallen, dachte daran, daß er sich bei der nächsten etwas wünschen sollte, überlegte, was er sich denn wünschen könnte, betrachtete das Gefunkel, sah keine weitere Sternschnuppe fallen; sie schlenderten am Ufer entlang zurück, legten sich ins Bett, hörten dem Meer zu und freuten sich aufs Einschlafen. Am folgenden Morgen war er kalt. So schnell geht das.

Sie war immer ruhig, wenn er draußen auf der Terrasse saß und der Sonne zuschaute oder den Sternen. Er guckte übelgelaunt und langweilte sich; zu Himmelskörpern fiel ihm nichts ein. Eigentlich saß er nur da, weil er nichts anderes mit sich anzufangen wußte. Er wartete auf sie, auf ihre Vorschläge. Und wenn es ihm zu lange dauerte, wurde er plötzlich wütend, sprang auf und rief hinein, er warte nicht mehr länger, er wisse, wie eine Sonne untergehe, er kenne das Meer, sie solle endlich voranmachen. Er trat ungeduldig an die Brüstung, ging auf und ab, drängelte, und sie mußte sich schnell anziehen und mit ihm das Zimmer verlassen. Doch schon im Treppenhaus verlangsamte er seine Schritte und wußte nicht weiter. Dann schaute er sie mißmutig an und erwartete, daß sie die Richtung vorgebe; kaum waren sie draußen ein paar Meter weiter gegangen, verlangte er, daß sie ihm erzählte, was sie tagsüber gedacht hatte. Ihre Sätze kommentierte er kaum. Er ging bloß neben ihr her und starrte mürrisch übers Meer. Und wenn sich im Gebüsch etwas regte, blieb er stehen, beugte sich vor, hielt den Atem an und versuchte herauszufinden, was da raschelte. Egal, ob sie gerade mitten in einem Satz steckte, er hörte ihr nicht weiter zu, um – wie nicht anders zu erwarten – jeweils eine Eidechse zu entdecken oder einen kleinen, grauen Vogel, irgendein alltägliches Tier halt, das an Straßenrändern, unter Sträuchern seine Zeit verbringt.

Jetzt sitzt er nicht mehr draußen auf der Terrasse, um der Sonne zuzuschauen, wie sie im Meer versinkt; und sie weiß nicht mehr, was die Terrasse soll, was die Sonne soll, das Meer – das kommt ihr alles leer vor, ohne Sinn, denn es muß doch von einem gesehen werden, wenn es etwas sein will.

Sie hat in der Rezeption angerufen und gesagt, ein Toter liege da. Im Nu standen zwei Männer vor der Tür, ihr kam es vor wie in Sekunden, legten ihn auf eine Bahre, zogen das Bett ab, räumten seine Sachen beiseite; sie mußte ein, zwei Formulare unterschreiben, dann trugen die Männer den Leichnam weg, und alles war verschwunden; nicht einmal der helle Fleck blieb zurück, der auf einer Tapete sichtbar wird, wenn man ein Bild entfernt – es war, als sei er nie gewesen.

Seit einiger Zeit hatte sie ihm ihre Gedanken nur noch ungern mitgeteilt; dauernd wurde sie aufgeschreckt vom Empfinden, sich zu wiederholen – das war ihr entsetzlich. Sie wurde heiser beim Sprechen, weil sie sich ärgerte über ihr vermeintlich ewiggleiches Geschwätz. Sie ließ mitten im Satz ein Wort aus, von dem sie überzeugt war, es eben gerade benutzt zu haben; sie brach die Sätze ohne Erklärung ab, weil sie den Eindruck hatte, den gleichen Gedanken vor kurzem erst geäußert zu haben; was sie sagte wurde unverständlich, hingemaulte Brocken, schlecht artikuliert, weil ihr zunehmend auch einzelne Buchstaben und Laute verbraucht vorkamen und sie sie nicht mehr über die Lippen bringen mochte. Ihm war das egal. Er blieb gleichmütig und ging darauf nie ein. Ihm war es einerlei, ob sie dumm, klug oder zweimal dasselbe sprach. Nur schweigen durfte sie nicht.

Jetzt darf sie schweigen, endlich, wird nicht mehr genötigt, ihre Erkenntnisse daherzuleiern, die ihr abgenagt und dürftig vorkommen – aber das erleichtert sie nicht. Es war ein eintöniges Leben mit ihm. Er hockte herum und wartete darauf, daß sie ihn unterhielt, und sie redete notgedrungen. Jetzt ist er weg, und sie sitzt schweigend da. Die Terrasse ist häßlich, eine große Zahnlücke, das Meer stinkt zur geöffneten Tür herein, sie hat keine Gedanken, es wird dunkel, sie empfindet nichts, ein Vogelschwarm zieht durch den Himmel, die Bäuche glitzern silbern, ein Schwarm Fische, und sie weiß nicht, ob jetzt die Zeit gekommen ist, essen zu gehen; er hatte den Tagesablauf bestimmt; wenn er unruhig wurde, war die Zeit gekommen aufzubrechen. Jetzt ist schwarze Nacht, sie weiß nicht, ob sie Hunger hat. So schnell geht das.


Ein guter, schonungsloser Freund

Von Matthias Zschokke erscheint dieses Frühjahr ein zauberhafter Geschichtenband. 29 Erzählungen und Kolumnen umfasst er, Beobachtungen eines Flaneurs durch die Randbezirke Berlins.

Von Beat Mazenauer

Wahre Freunde hat man nicht viele, und die wenigen gleichen einem selbst in verräterischer Weise. Deshalb gilt es, sie mit Bedacht zu wählen und ebenso zu behandeln. Dies letztere kann manchmal auch bedeuten, einen lange vermissten Freund abzuwimmeln, bevor er besuchsweise Zeuge wird, wie die Zeit an einem Spuren hinterlassen hat.

Auch davon handeln die Texte von Matthias Zschokke. Es sind Geschichten, die das Leben schrieb, auch wenn dem Zschokke entgegen hält: «Das Leben kann nicht schreiben, es wetzt bloss ab». Doch schriebe es, wie es der Volksmund will, so täte es dies vielleicht wie er. Seine Geschichten nehmen abstruse Wendungen und verlieren sich gerne im alltäglichen Warten und Dasitzen. Anstatt ihnen ein falsches Ende zuzufügen, verlegt sich der Autor lieber darauf, wirkliche Beiläufigkeiten auszumalen. Dabei erweist er sich gerne als Wohltäter, auch wenn er nicht zu verhindern vermag, dass vom altersgeplagten Körper seiner Figuren ein feiner Moderduft der Vergeblichkeit ausströmt.

«Fortsetzung folgt» - nie

Das Leben zerrinnt und Zschokke hält es mit distanzierter, aber stets gelassener Freundlichkeit fest. Nie verrät er seine literarischen Freunde, höchstens deren Streben nach einer richtigen schönen Lebensgeschichte. Solche gibt es nicht, und wenn, dann zersprengt sie der Erzähler mit Unschuldsmiene ins Leere. Der Erzähler Zschokke ist ein hinterlistiger Verfremdungskünstler.
Die Geschichte «Das Cello» bricht er, wo es spannend wird, lakonisch mit «Fortsetzung folgt» ab (was natürlich nie geschieht). Und den Lebensplan von Balz akzeptiert er nur vordergründig. Mit 22 will der seine Existenz auf dreissig Jahre hinaus exakt planen, Frau und Kinder inklusive. Der Autor treibt ihm erst nach Ablauf dieser Frist jegliche Illusionen aus. So boshaft handelt er indes nur selten. Meist ist der Erzähler, der auch seinen gusseisernen Ofen zu den Freunden zählt, allen ein guter Freund. Er reibt ihnen Balsam auf die Wunde der Sinnlosigkeit und lehrt sie den Trost der heiteren Melancholie. «Aber wenn alles Sinn hat, wie fad.»

Matthias Zschokke gibt sich in seinen Geschichten als echter Flaneur in falscher Zeit zu erkennen, ein «wahrer Desillusionist», der sich an die Sprache hält. Robert Walser ist einer, den er gerne mag, weil Walser nie versucht, seinem Leser zu gefallen, «sondern einzig und allein darum ringt, vor sich selbst zu bestehen, sich selbst zu genügen».

Dies fordert Zschokke auch vom Dichter, vom Künstler. Dass sie in «sogenannt historischen Momenten» gerne angerufen werden, empfindet er als üble Mode. Sie erlaubt zwar einen wohlfeilen Verdienst - meist mehr als mit Literatur zu bekommen sei - doch bleibe es meist bei gefallsüchtiger Plapperei. Dem hält er lieber ein launiges Aperçu über die «Lederträne» entgegen oder die Striemen, die zum Beispiel der Fahrradreifen beim Wendemanöver an der Wand im Hausgang hinterlässt. Solch unbescholtene Hinterlassenschaft scheint ihm eher von Dauer als selbst die Totalsanierung Berlins zu einer Hauptstadt, die doch stets nur ewige Vorstadt bleibe.

Schwebendes Verfahren

Die Kolumnen und kurzen Essays teilen die ironische Launenhaftigkeit der schrulligen Erzählungen. Sie plädieren mit leiser Vehemenz für das Unscheinbare, die Miniatur am Rande. «Kunst ist das andere» lautet ihr Leitsatz. Besorgt fragt Zschokke, «ob Alltag nicht geschützt werden muss vor dem Zugriff der gleichmachenden Kultur-Inflation».

Der Dichter als neutraler Aussenseiter. Dies mag zuweilen etwas gar eskapistisch klingen, doch steckt gerade darin auch eine leise Provokation, ein Moment des Widerständigen. Zschokkes Prosa ist ein schwebendes Verfahren. Sie verrät eine sorgsam gesetzte Schreibweise, die bewusst mit dem naiven Blick des reinen Toren spielt. Seine Helden üben sich in Illusionslosigkeit und im Gespür für den seltenen Glücksmoment. Klischees sind darin Spielfiguren.

«Das Glück ist nicht leicht in Worte zu fassen, doch ich habe den Eindruck, es sei mir hiermit gelungen», steht am Ende. Dagegen ist hier nichts einzuwenden.

"Bieler Tagblatt", 12.2.2oo2

 

Wie ein Rudel losgelassene junge Hunde


Matthias Zschokke kann von den letzten Dingen mit träumerischer Leichtigkeit erzählen. Das zeigt ein neuer Geschichtenband des in Berlin lebenden Schweizers.

Von Benedikt Scherer

Die Freiheit seiner Feder hat etwas Grossartiges und etwas Hinreissendes. Wie weit entfernt ist das vom Murks, mit dem andere Schriftsteller ihren Plot zusammenzimmern! Wer Zschokke liest, begegnet jungen Hunden, die eben von der Leine gelassen worden sind und nun frei herumtollen dürfen. Wenige Autoren wagen es, ihre Texte so ungeniert, so unbekümmert um Kohärenz und logische Stimmigkeit laufen zu lassen. Mit unbändiger Lust an der eigenen Spontaneität spinnen sich diese Sätze fort; mit souveräner Gebärde verweigern sie sich Erzählzielen und Pointen jeder Art. Und doch wird der Anspruch, eine aussersprachliche Wirklichkeit abzubilden, nie aufgegeben.

«So schnell geht das» Das Buch beugt geschickterweise von Anfang an einem Missverständnis vor, dem sich alle Schriftsteller ausgesetzt sehen, deren bevorzugte Stillage das Spöttisch-Leichte ist: dem Missverständnis nämlich, der Leserschaft bloss eine frivole und unverbindliche Plauderei vorsetzen zu wollen. Gleich die zwei ersten Geschichten rücken ein Thema ins Zentrum, das an Ernsthaftigkeit nicht zu überbieten ist.

Es geht darin um die gewiss nicht unbedenkliche Tatsache, dass wir alle diesen schrecklich-schönen Planeten irgendwann und mit unbekanntem Ziel wieder zu verlassen haben, die Jüngeren unter uns erst in sagen wir mal fünfzig Jahren, und alle anderen schon ein bisschen früher. «So schnell geht das», lautet der lakonische Satz, mit dem der Erzähler der Auftaktgeschichte den Umstand kommentiert, dass ein Mann eines Morgens tot im Bett gefunden wird.

Die ersten Seiten demonstrieren, dass es gerade das Luftige und Flockige ist, das diesem Schreiben erlaubt, sich den grossen Fragen zu nähern, ohne in existenzialistisches Pathos zu versinken. Es wäre allerdings falsch, anzunehmen, dass Zschokke sich auf das Eschatologische, auf die letzten Dinge spezialisiert hätte. Seine Erzähler zeichnen sich dadurch aus, dass sie schlechthin alles ihrer Aufmerksamkeit für würdig erachten.

Die Geschichten suggerieren, dass es genauso wichtig sein kann, über einen Grasbüschel im Asphalt von Neapel zu meditieren wie über ein weltpolitisches Ereignis oder ein bedeutendes philosophisches Problem. In dieser erstaunlichen Welt soll nichts übersehen und nichts verdrängt werden - das ist das heimliche Credo in einem Buch, das es selbstverständlich weit von sich weisen würde, ein Credo zu haben.

Walsers Geist

Wie man achtsam durch die Welt geht; wie man seine Liebe ausschliesslich jenen Dingen zuwendet, denen man sie zuwenden will; wie man dort, und nur dort in die soziale Wirklichkeit eintritt, wo sie einen interessiert; und wie man dabei völlig unbeeindruckt von gesellschaftlichen Konventionen bleibt - keine anderen Figuren der Weltliteratur haben das so überzeugend vorgelebt wie die weisen Komödianten und kauzigen Flaneure Robert Walsers. In der Tat geistert Walser von der ersten bis zur letzten Seite durch dieses Buch. Manche Erzählungen stehen ganz unverkennbar unter seinem Einfluss, manche gehen gar das Wagnis ein, seinen Ton zu imitieren. Deutlich etwa hört man den «Spaziergang» heraus, einmal auch den «Jakob von Gunten».

Dass sich Zschokke in einem kleinen Essay ausdrücklich mit Walser beschäftigt, verwundert also nicht. Dass der Aufsatz nicht sonderlich tief greift und auch nicht sonderlich originell ausfällt, erstaunt da schon mehr. Jedenfalls nimmt man ihn mit eher mildem Interesse zur Kenntnis. Überhaupt muss man sagen, dass sich nicht alle der neunundzwanzig Geschichten, von denen knapp die Hälfte im Erstdruck erscheint, auf gleichem Niveau bewegen. Sollte etwa ein Leser zeitlich nicht in der Lage sein, jenes Prosastück zu konsumieren, welches das Klischee vom weltfremden und spiessigen Universitätsprofessor um eine weitere überflüssige Variante bereichert, so muss er nicht befürchten, deswegen etwas Entscheidendes in seinem Leben zu verpassen.

Vom Blitz erschlagen Dass der 47-jährige, in Berlin lebende Matthias Zschokke, der bei uns zuletzt mit dem Roman «Das lose Glück» (2000) auf sich aufmerksam gemacht hat, über einen grandios versponnenen Humor verfügt, belegt die Titelerzählung «Ein fröhlicher Nachbar». In ihr wird nachdrücklich davor gewarnt, sich bei einem Nachbarn vorzustellen, der frisch eingezogen ist. Auch eine Story wie «Die unergründbare Elektrik» wird kaum Gefahr laufen, für konventionell gehalten zu werden. Ein frecher, unheimlich souverän operierender Erzähler treibt darin ein munteres Spiel mit dem Leser. Er berichtet von einem mysteriösen «Freiburger», der gegen grossen inneren Widerstand in die Gesellschaft hineinwächst und dann vom Blitz erschlagen wird. Die krude Sozialisationsgeschichte zieht manches Merkwürdige, Geheimnisvolle und Sperrige an, bevor sie in ein dreistes Finale mündet. «Eine Feder redet lieber etwas Unstatthaftes, als dass sie auch nur einen Moment lang ausruht», heisst es im «Räuber»-Roman von Robert Walser. Das ist der Satz, der als Motto über dieser Geschichte wie über dem ganzen Erzählband stehen könnte.

"Tagesanzeiger", Zürich, 15.2.2oo2

 
Impfstoff gegen die Banalität

Von Christian Bertram

[...] «Ein neuer Nachbar». Unmerklich wird der Leser von der Stimme eines ungenannten Erzähler-Ichs an die Hand genommen und durch ein nach rhythmischen und melodischen Gesichtspunkten zusammengestelltes Mosaik von Prosastücken geführt. Lebenszeugnisse und Selbstparodien des Schreibenden sind eingewoben in eine Folge von Alltagsbeobachtungen. Manchmal wirkt das wie ein literarisches Tagebuch, zumeist handelt es sich um ein fortlaufendes Selbstgespräch, an dem der Leser vergnüglich teilhaben kann.

Der Autor versteht es, das scheinbar Bedeutungslose in Worte zu binden

Wiederum ist Zschokkes Thema das Aushalten des Alltäglichen, der Wahrheit der grausigen, weil inhaltsleeren Wirklichkeit. Aus ihr steigen verzerrte Blasen, Fantasien und Fantasmagorien auf, aber ebenso ernüchternde Betrachtungen über das Älterwerden, den Tod. «Ich gehe gern umher, zwischen Häusern, über Land, an Küsten entlang», so lautet das Motto. Doch schon auf der nächsten Seite stirbt einer und verschwindet spurlos, als wäre er nie gewesen: «So schnell geht das.»
Werdegänge, Laufbahnen, Durchschnittskarrieren werden entrollt. Die verkorkste Lebens- und Familienplanung eines Beamten entfaltet sich. Skurrile Figuren erscheinen: ein Schauspieler, ein Sänger, der Dichter selbst. Er sitzt in einem «Büro» genannten Raum jahraus, jahrein an einem Tisch, beheizt ein Öfchen, trinkt «Schwarutee». Wir schauen ihm über die Schulter, wie er an eine Freundin, an seinen Verleger, an die Genfer Briefe schreibt und verwirft, stets angespannt. Mittags wird pausiert, man geht erfolglos Geräuschen, Tönen, Erscheinung nach im Quartier. Der kleine Mensch kehrt ewig wieder. Zum Beispiel der neue Nachbar, der zwischen Tür und Angel haltlos seinen Aufstieg vom Klempnersohn zum Unfallchirurgen, Knochensäger und Herrscher absterbender und zerstörter Gewebe schildert. Rührend-klägliche, erbärmliche Erkenntnisse werden da gezogen, Metaphern schriftstellerischen Geschicks leuchten auf.
Das Feld, auf dem dies sich austrägt, ist die Stadt Berlin, die Zschokke voll gegenstandslosem Begehren durchstreift. Seitenblicke werden ins Schweizer Seelenleben geworfen, das, so steht da, sein Glück hinter einer servilen Neigung zum Unglück verbirgt.

Zschokke, im Kampf gegen verkehrte Sätze, Plappermäuler, die Gefallsucht und den Lärm der Zeit, rät an entscheidender Stelle zur Kontemplation: «Schliesse das Fenster beizeiten, lass Ruhe einkehren, leg dich hin.» Zu den Stärken des Autors gehört es, das scheinbar Bedeutunglose und Vergängliche, wozu wir das Alltägliche einrechnen, in Worte und Sätze zu binden, gleichsam als Impfstoff, Tablette, Finte gegen die Unerträglichkeit und Unzulänglichkeit des Realen. Die letzte Zeile des Buches klingt denn auch fast wie ein Sieg: «Das Glück ist nicht leicht in Worte zu fassen, doch habe ich den Eindruck, es sei mir hiermit gelungen.»

"SonntagsZeitung", Zürich, 17.2.2oo2

 

Geschichten ohne Kunstdünger

Der Berner Autor Matthias Zschokke erzählt, polemisiert, reflektiert und sinniert: «Ein neuer Nachbar». Alte und neue Texte über Leben und Schreiben, Versanden und Auftauchen, über Hören und Sehen.

Von Susanne Schanda

Provozierend langsam und ereignisarm, durchsetzt mit Sarkasmus, Verrücktheiten und Melancholie: so erzählt Matthias Zschokke in «Ein neuer Nachbar». Und so stellt er Leben, Schreiben und Sterben dar. «Heute kann sich keiner mehr daran erinnern, wie das Sterben vor sich geht. Alle haben längst erledigt, was sie im Leben erledigen wollten, und sitzen nur noch da. (...) Alle Augenblicke schauen sie zur Tür, ob der Tod gerade eintrete; doch das tut er nicht.»
Dieses Leben vor dem Tod, das Noch-nicht-tot-Sein leuchtet Zschokke aus wie in einer Vivisektion. Balz plant sein Leben minutiös durch und versucht das Glück in einem schriftlichen Masterplan des Lebens zu bannen: «Das Glück, mit dem ich rechne, ruht fest verankert in mir.» Doch dann wächst das Leben über den Plan hinaus. Und schon ist Balz verloren.

Nach Gold graben

In der Titelgeschichte «Ein neuer Nachbar» will der Erzähler dem neu eingezogenen Mieter nur eben zum Willkommen eine Flasche Wein bringen, und schon wird er hineingezogen in eine weitverzweigte Lebensgeschichte voller Intimitäten. Im Treppenhaus stehend, wo immer wieder das Licht ausgeht, erzählt der neue Nachbar unvermittelt und ungefragt sein Leben, als hätte er schon lange auf diese Gelegenheit gewartet. Wehrlos und schicksalsergeben nimmt ihm der andere die Beichte ab. Hätte er doch nur seine Neugier bezähmt und den Wein selbst getrunken. Und doch. Zschokke unterläuft raffiniert Lesererwartungen und selbst aufgestellte Hypothesen.
Der 1954 in Bern geborene und seit 1980 in Berlin lebende Autor verweigert sich dem schnelllebigen, lärmigen Literaturmarkt, gegen den er gerne polemisiert - auch in diesem Band. «Kriegskolumne», höhnt er: «eine dieser Kolumnen zu einem dieser schwelenden Konflikte in einer dieser Regionen eben.»

Nicht die öffentlich verhandelte Tagespolitik, nicht das Rampenlicht sei der Ort für Schreibende, die Zschokke mit Heinzelmännchen vergleicht, denen man nicht bei der Arbeit zuschauen darf, oder mit Goldwäschern, die mühselig im Dreck graben, in der Hoffnung, dabei etwas zu finden, - etwa eine «Lederträne, die die ganze Welt mit ihrem einzigartigen Glanz für kurze Zeit in ein besseres Licht zu rücken vermag».

Neben neuen Texten versammelt der Prosaband «Ein neuer Nachbar» auch Essays, Polemiken und Erzählungen der letzten Jahre. So das poetische Bekenntnis «Warum ich Robert Walser mag» oder die 1994 in der Berner Zeitung veröffentlichte Geschichte «Sommer» über eine von Abscheu, Sadismus und Unterwürfigkeit geprägte Bubenfreundschaft.

Der sehende Blinde

«Roman und Ramona, der unsichtbare Film» enthält Zschokkes Lebensphilosophie, die zugleich seine Schreibphilosophie oder Poetik ist. In dieser Erzählung zieht sich das Leben auf die schiere Existenz zurück, ist Warten und Sich-Treiben-Lassen: «Er hatte sich angewöhnt, halbversandet auf Grund zu liegen und nur noch selten, zum Luftschnappen, aufzutauchen.»
Schliesslich taub und halb blind geworden, traut Roman sich nicht, die Geliebte Ramona anzuschauen, aus Angst, sie mit seinem Blick zu verscheuchen. Deshalb ist dieser Film ein unsichtbarer: Weil die Figuren aus dem Fokus der Kamera weggelaufen sind, um leben zu können. Denn: «Im Leben muss, was einem wert und wichtig ist, weggepackt, verborgen, ausgespart werden, erst dann erglüht und lockt es in voller Pracht, und alle verzehren sich danach.» Eine gewagte und geradezu altmodisch anmutende Ansicht im Zeitalter des Exhibitionismus und des «Big-Brother»-Fernsehens.

Befreiend unzeitgemäss

Wie in seinem letzten Roman «Das lose Glück» kokettiert Matthias Zschokke auch hier selbstbewusst mit dem Unspektakulären, mit dem leisen Fliessen der Zeit und einer Heinzelmännchen-Philosophie, nach der die wunderbarsten Dinge still und heimlich geschehen. Das ist befreiend unzeitgemäss und beschert uns phantastische Geschichten, die wie Blumen aus dem Asphalt wachsen.Zschokkes Texte brauchen keinen Kunstdünger, denn sie leben von ihrem eigenen Rhythmus aus Musse, Zufall, Glück und Arbeit: «Kunst ist es, das andere zu suchen, sich zu entziehen, das Machbare nicht zu machen, die übriggebliebenen Unmöglichkeiten herauszuschälen und anzugehen in dem allgemeinen Gejohle und Besäufnis, beim ausgebrochenen Kunst-zum-Anfassen-Trubel.»

"Berner Zeitung", 19.2.2oo2

 

Von Glück, Zeit und Vergänglichkeit


FEINSINNIG · Wieder diese Stille in Matthias Zschokkes Erzählband «Ein neuer Nachbar»

Von Hannes Schmid

Vom Glücklichsein erzählt Matthias Zschokke, nicht nur, aber dies auch. Und wieder finden wir im neuen Buch diese eigenartige Stimmung, wieder lässt uns der Autor an fremden Türen horchen. Der alte, der bewährte Zschokke-Stil, wie wir ihn von seinen Theaterstücken oder früheren Prosawerken kennen. Nach dem Roman «Das lose Glück» jetzt im neuen Erzählband also wieder dieses Gefühl einer mönchischen Vertrautheit zu Zeit und Vergänglichkeit. So zeigt der Autor seine kindlich-verspielte Freude, wenn im Frühling die neuen Bücher «zur Welt kommen», zeigt das keineswegs unangenehme Staunen über die Leere auf den Papieren.

Dasitzen, warten auf das, was geschieht oder nicht geschieht; feststellen, dass die glücklichen Tage kommen und gehen und ein Ich-Erzähler die wunderbare Langeweile eines Sommerabends geniesst. «Das Glück», so sagt er es seinem Freund, dem gusseisernen Ofen, «ist nicht leicht in Worte zu fassen, doch habe ich den Eindruck, es sei hiermit geschehen.» Dem ist nichts entgegenzuhalten, es sei denn, wir würden das Traurige oder Sarkastische nicht heraushören, das sich in Zschokkes Texten auch findet.

Das Hervorragende: Es geschieht wenig oder nichts, und dieses Nichts führt zu einer beglückenden Erfahrung der Sinne. 29 kurze Geschichten sind es diesmal. Episoden, tagebuchartige Aufzeichnungen erschliessen eine enge Welt, wie wir sie aus dem Blickwinkel eines sauberen Mansardezimmers festzuhalten vermögen. Einzelne dieser gesammelten Aufsätze sind bereits in verschiedenen Feuilletons erschienen. Das nachdenkenswert Besinnliche ist ebenso präsent wie das Humoristische. Blättern wir doch gleich zu jener Geschichte, die man nur dann ungeniert im Zugsabteil lesen kann, wenn es uns gleichgültig ist, dass sich Mitreisende über unser lautes Lachen mokieren. Denn das lässt sich in der lustig-tragischen Erzählung vom «Professor» keineswegs vermeiden. Dieser Kauz mit dem Gebiss einer «albanischen Schindmähre», der es nicht lassen kann, sich über andere lustig zu machen, der befürchtet, seine Frau würde «zusammenkrachen», weil sie weiter nichts im Leben erreicht hat als seine Frau zu sein. Dieser Professor ist das bildhafte Objekt einer dichterischen Begierde, wie Zschokke sie glänzend auf uns Lesende überträgt.

Die Geschichten dieses Autors enden kaum je mit glücklichem oder tragischem Ausgang, sie enden überhaupt nicht. «Fortsetzung folgt» heisst es einmal zum Abschluss eines Aufsatzes. Man ist keineswegs erstaunt darüber. Vieles bleibt Fragment. Schwarzweissbilder sind vorgegeben, das Kolorit haben wir mit unseren eigenen Erfahrungen hinzuzufügen. Kaum Anarchie, kaum Chaos - alles bewegt sich wie ein verlorenes Blatt auf den seichten Wellen eines Sees. Das Verführerische daran: Wir möchten mitschaukeln auf den Wellen, den ruhigen, den gleichmässigen. Kaum je kommt Sturm auf. Wir möchten uns tragen lassen dorthin, wo es möglich ist, die eigenen Traumre-alitäten zu erkunden. Es sind Geschichten, die sich an den Ordentlichkeiten des Lebens orientieren, Geschichten, als hätte sie Robert Walser diktiert. Jeder baut sich sein Nestchen, polstert es aus, «...und wer in seinem Leben nicht Professor oder sonst etwas Vernünftiges wird, aus dessen Tiefen weht einem an Werktagen der eiskalte Hauch der Sinnlosigkeit entgegen».

Gewiss, Robert Walser, ihm gilt die grosse Verehrung des Autors Zschokke. Auch hier wiederum mit einer sehr schönen Erzählung. 1981 hat Matthias Zschokke den Robert-Walser-Preis der Stadt Biel entgegennehmen dürfen. Auch in diesen neuen Erzählungen ist eine grosse Nähe zu Walser spürbar. Diese immergültigen Walserschen Worte wie «rechtschaffen», «gottgefällig», «Müssiggang», «Wohlergehen», «Fleiss», «Bescheidenheit» - man findet sie auch bei Zschokke, ganz präzise in der Erzählung «Dienerwerbung», die an Walsers Roman «Geschwister Tanner» erinnern. Die Stimmung ist dieselbe. Beschrieben wird nicht diese Zeit, die Aktivitäten und Höchstleistungen fordert, nichts, was zum kalten Büffet der Prominenz lockt, nichts, das zu Börsenlust oder Olympia-Gold drängen würde. Es ist der Erzählstil, ist die schlichte, die brillante Sprache, die den Autor nahe an Walser heranführt. Kein Plagiator, nein, gewiss nicht, aber einer, der mit Anmut in der Beiz, auf der Parkbank, im Treppenhaus, auf dem Arbeitsweg oder in der 2-Zimmer-Wohnung die Dinge verfolgt, die das Leben als geistige Nahrung anbietet.

Dieses Staunen also über eine Welt voller Kontraste finden wir in diesen Zschokke-Geschichten, die alles scheinbar Unwichtige für uns Leser zum Ereignis machen. Da läuft schlicht ein Film ab. Er führt uns mal zum klavierspielenden Nachbarn, dann in die Stadt Berlin, wo Kinder nach dem Fall der Mauer ihren Spielplatz vermissen, mal zum weinenden Sänger, dann wiederum zum Meer, das einer Frau nach dem Tod ihres Mannes das Schweigen zurückgibt.

Wer das Bedächtige, das Stille mag, wer es auch in der Literatur sucht, der findet es in diesen Erzählungen von Matthias Zschokke in unaufdringlicher Schlichtheit und Schönheit.

"Aargauer Zeitung", Aarau, 2o.2.2oo2

 

[...] Ich brauche im neuen Buch von Matthias Zschokke nur ein wenig zu blättern, und schon kommt mir vor, als hätte er auf mich gewartet, der "Schwierige" Hofmannsthals leibhaftig entgegen. Für diesen nämlich, eine immerhin berühmte Theaterfigur, sei es –schreibt Zschokke- immer noch unmöglich, "in dieser Viermillionenstadt irgendwo eine Bühne zu betreten, ohne sie nicht auch sofort wieder fluchtartig verlassen zu müssen, weil das Publikum ihn in missverstandenem Modernitäts- und Jetztzeitigkeitsgehabe vom ersten Wort an niedermacht und zerkichert".

Seitenlang erhält da eine Figur, die auf dem Theater nicht mehr genehm ist, ihren Auftritt in einem Prosatext. Und eigentlich wäre schon diese zufällig aufgeblätterte Stelle Grund genug, das Buch Zschokkes zu meinem persönlichen "Buch des Monats" –was sage ich: des Jahres!- zu machen!

"Ein neuer Nachbar" –so der Titel- ist eine Sammlung von kurzen, im Umfang zwischen zwei und achtzehn Seiten variierenden Texten (Geschichten, Essayistisches, spielerisch ernste Kolumnen), von denen viele mit Berlin zu tun haben, wo Zschokke seit langem lebt. Dennoch wird er wohl nie den grossen zukunftsweisenden Berlin-Roman verfassen, auf den die Medien (und vermutlich ausser ihnen niemand!) zu warten vorgeben. Um einen solchen zu schreiben, darf man nicht Robert Walser (ihm gilt ein besonders schöner Text) und William Carlos Williams als literarische Schutzgötter nennen, und nicht eine verlorene Komödiengestalt wie den "Schwierigen" lieben.

Dass dieser hier überhaupt auftritt, lässt sich leicht erklären. Denn wenn einer, gehört Zschokke zu den Autoren, die, dem Satz Hofmannsthals entsprechend, "die Tiefe an der Oberfläche verstecken". Das Komische und der Ernst, das Burleske und die Schwermut sind in seinen Büchern und gerade in den neuen Prosatexten so fein vermengt, dass es die wachste Aufmerksamkeit braucht, sie zu unterscheiden. Das Wort Tiefe gehört freilich nicht zum Vokabular dieses Autors, dennoch ist es brauchbar. Die "Tiefe" wird, beispielsweise, angedeutet durch einen Celloton, dem einer seitenlang nachrennt, bis er begreift, dass er den Spieler gar nicht finden will, um nicht enttäuscht zu werden. In der Tiefe, die sich mit der Oberfläche vermischt, ist aber auch das Gefühl der Leere enthalten, das, so gut wie die Sehnsucht, durch das Buch geht; und auch der Gedanke an den Tod, einschliesslich des Todes im Leben; die Schwermut, das schale Gefühl des Älterwerdens.

Es gibt, und in nicht geringer Zahl, wahre Trouvailles in diesem Buch. Im Prosastück "Der Reichstag" –entstanden im Jahr 1991, also lange bevor das Gebäude ("dieser Hans Albers der Architektur") wieder Staatssymbol wurde- beschreibt Zschokke das Gelände neben dem Reichstag: ein Stück Brachland, das nur von "überflüssigen Vögeln" benützt wird- und sommers von Menschen, die von "Kansas, Kurdistan, Kalabrien, Kloten" kamen, um hier "in Todesverachtung Würste zu braten, Fussbälle zu treten, Federbälle zu schlagen oder anderswie die Zeit zu verjagen und Sommerfrische zu erlangen". Lauter verlorene Gestalten, die den Zeitgeist, der gerade wieder "hühnchenhaft aufgeregt über dem Gelände flattert", nicht hören und von ihm nicht wahrgenommen werden. Ihnen, diesen Verlorenen, gehört die Sympathie des Autors; er zeichnet auf, was im grossen Berlin-Roman untergehen müsste: das Überflüssige, das Belanglose, das vielleicht das Wichtigste ist. So entsteht eine höchst eigenartige Poesie, die man als eine Poesie des Unaufwendigen, Beiläufigen, ja Schäbigen bezeichen möchte.

Ein Meistertext ist die Erzählung "Hinterlassenschaften"- auch wenn darin nichts beschrieben wird als die Velofahrt, die den Icherzähler sommers zu seinem Arbeitsplatz führt. Was bei anderen, auch bei Autoren, die nicht dem Spektakulären nachrennen, Begegnungen mit Menschen wären, mit Blumen, Gärten, Gebäuden, das führt bei Zschokke konsequent dem Boden entlang, auf dem das Rad rollt, buchstäblich über die Steine. Eine Kerbe im Randstein, ein Stein, der im Winter entfernt, eine Lücke, die ausgeglichen wurde, dazu die Erleichterung oder Störung, die der Fahrer bei solchen winzigen Veränderungen erlebt, das sind die "grossen" Ereignisse in diesem Text. Die Fahrt endet dort, wo der Icherzähler täglich sein Rad abstellt und wo ihm plötzlich graue Streifen auffallen: die Spuren, die sein Gefährt durch all die Jahre an der Mauer hinterliess. Sie sind seine "Hinterlassenschaft", sind das, was eine Zeitlang bleibt.

Es gibt aber noch eine andere "Hinterlassenschaft" in diesem Text, eine, die schwerer wiegt als die grauen Streifen. Jeden Tag fährt der Icherzähler an ein paar Baucontainern vorbei, die am Rand der Strasse stehen und in denen Hunderte von Arbeitern aus aller Herren Länder hausen, um "zu ausgesprochen burschikosen Bedingungen" an unserer Zukunft zu bauen. Deren Enkel aber werden in fünfzig Jahren von unseren Enkeln eine "entsprechende Lohnnachzahlung fordern". Da nimmt der Autor, sotto voce und beiläufig, unseren Diskurs der Vergangenheitsbewältigung auf, aber auf seine Art. Er denkt ihn resolut in die Zukunft hinein- vor deren Horizont die Gegenwart unversehens zur "Hinterlassenschaft" wird, die wir unseren Nachkommen zur Bewältigung überlassen. [...]

Elsbeth Pulver, Tagebuch mit Büchern. "ZeitSchrift für Kultur, Politik, Kirche (Reformatio)", Bern, 51. Jg., März 2oo2

 

Hors-d'œuvre de sagesse

Wilfred Schiltknecht

Trente proses réunies en recueil s'offrent pour surprendre et séduire le lecteur.

Des «histoires superflues» selon leur narrateur, qui pourtant espère, en les contant au lecteur avec une souriante connivence, atteindre «peut-être un jour à une parcelle de sagesse»:voilà ce que propose le nouveau livre de Matthias Zschokke. Ce recueil de textes rédigés entre 1988 et 2001 présente une trentaine de récits, lettres, gloses et pièces de circonstance. Des proses inégales, inédites pour près de la moitié d'entre elles, qui invitent tels d'alléchants hors-d'œuvre à goûter aux pièces fines d'un talent dont l'attachante singularité peut séduire et à tout le moins surprendre.

Frappe dans cette gerbe la variété des tons. Ici, un insistant persiflage dit l'étroitesse et la petitesse du mode de vie helvétique, empreint malgré la beauté des lieux et l'opulence générale d'une contrition et d'une morosité empêchant toute joie de vivre. Là, une satire grinçante de Berlin se gausse de l'exaspérant spectacle d'une ville obnubilée, après la chute du Mur, par le rêve d'accéder enfin au rang de grande capitale, et qui dans une exubérance aveugle ignore son présent pour se projeter dans un mirobolant avenir. Ou encore, un prétendu essai disserte sur l'art et les artistes, les amateurs, charlatans, autodidactes et dilettantes, et sur les chances de tomber parmi eux sur un bon poète. Des propos que l'auteur ponctue avec une véhémence polémique en exprimant ses convictions personnelles: «L'art, c'est de rechercher ce qui est autre [...], de ne pas faire ce qui est faisable, de délimiter les possibilités qui subsistent et de les mettre en œuvre.»

Une telle ambition conduit à des proses aventureuses. Rien n'y est prévisible, un narrateur ludique peut s'immiscer à tout moment pour se désoler d'une expression malheureuse ou se réjouir d'une image, s'emporter et céder à ses humeurs, faire dériver le cours. Ou couper court: «Et alors?» Sans lésiner sur les péripéties, vives, colorées, sauvages et choquantes çà et là dans leur crudité et leur apparent cynisme, mais rehaussées de jolies touches d'exotisme et d'évocations intenses, il aime à flâner, à s'attarder à la forme changeante d'un nuage, à la moiteur d'une atmosphère d'orage, aux subtiles nuances d'un rapport à autrui. Aux vestiges d'un passé révolu, à une nostalgie, à une disposition intérieure.

Affleure pourtant, dans ces voltes enjouées, la conscience de leur dérision. Mais le pur élan qui, dans une intransigeance walsérienne, porte au-delà «des horreurs de la banalité», ne faiblit pas. Zschokke soutient le rythme et le ton. Et perce aussi, dans la surabondance du vécu, un sentiment inespéré de bonheur. Ephémère et surgi à l'improviste, il s'inscrit dans la plénitude d'une vie au présent, libre dans son bel étonnement et dégagée de toute finalité: «Si tout avait un sens, comme ce serait fade.»

"Le Temps", Genève, 3o.3.2oo2

 

Himmeltraurig schöne Winzigkeiten

«Ein neuer Nachbar»: Ein prächtiger Sammelband mit Erzählungen, Satiren und Feuilletons von Matthias Zschokke

• CHARLES CORNU

Es gibt Leute, die wirken «wie eingeschneit von innen» (sagt Matthias Zschokke), und wer diese Gattung Mensch betrachtet und zuschaut, mit was für Lappalien sie sich tagaus, tagein beschäftigt, der gerät unwillkürlich in eine Stimmung zwischen Spott und Melancholie, Lächeln und Depression. Und anderseits gibt es Leute, denen gerät sogar der Alltag zum Abenteuer und zu Ausschweifungen, die staunens- und erzählenswert sind. Wenn dann einer sich anschickt, über diese und jene zu schreiben, so treiben seine Gedanken und Vorstellungen bald einmal dahin wie Ballone, einmal frisch mit dem Wind unbekümmerten Daseins, ein andermal träge dem Boden nah und schwer von Ballast.

So ein träumerischer und aufmerksamer Schöpfer von Ideen- und Bilderballonen aller Art und Färbung ist Matthias Zschokke, der 1954 in Bern geborene, seit langem in Berlin lebende Schriftsteller, Filmemacher und Schauspieler. (Man erinnert sich: Vor zwei Jahren ist er mit dem Literaturpreis der Stadt Bern ausgezeichnet worden.)

«Prosastückli»

Gut zwei Dutzend Texte dieses dahinschwebenden Genres, die von Zschokke in den letzten Jahren geschrieben worden sind, zum Teil noch unveröffentlichte, zum Teil verstreut in Zeitungen und Zeitschriften erschienene, finden sich jetzt vereinigt in einem Sammelband mit dem Titel «Ein neuer Nachbar». Texte?

Ein Verlegenheitswort, zugegeben, das man anwendet, wo der Charakter des Geschriebenen schwierig zu fassen ist. Handelt es sich bei Zschokke um Erzählungen? Ja, auch. Beispielsweise, wenn wir einem rätselhaften Cellospieler begegnen («Das Cello»), diesen näher kennen lernen und dabei in eine aberwitzige Gaunerstory hineingezogen werden. Sinds Satiren? In einzelnen Teilen und auf diskrete Weise: sicher. Könnte man sie als «Feuilletons» bezeichnen in jener fast verloren gegangenen kunstvollen und filigranen Qualität, wie sie von einem Polgar, einem Auburtin gepflegt worden ist? Gewiss, jedoch in einem durchaus persönlichen, keineswegs epigonalen Verständnis. Am nächsten kommt man Zschokkes Kreationen vielleicht mit Robert Walsers Wort vom «Prosastückli».

Solche Prosastückchen weisen ja in der Tat ein Vielerlei an Inhalten und Formen auf, und der Begriff trifft für Zschokkes Schreiben zu, weil dieser Autor uns gleichfalls ein besonderes Vergnügen bereitet dank sprachlicher Erfindungsgabe und Spiellust, genauem Beobachtungs-vermögen, auch dank der gewitzten Hingabe an die «himmeltraurig schönen Winzigkeiten» des Alltags und der ironischen Sympathie für Menschen, die ein eigenes skurriles oder ein ganz und gar banales Schicksal erfahren und verplempern.

Verspielte Schwermut

Apropos Walser. Mit diesem nicht einzuordnenden, dem Anschein nach anmutigen und liebenswerten, tatsächlich aber abgründigen Dichter ist Zschokke schon öfter und schon früh verglichen worden. Einer der jetzt neu veröffentlichten Texte (um bei diesem Allerweltswort zu bleiben) ist denn auch ausdrücklich Walser gewidmet. Und ein anderer, die Schweiz und die Schweizer mit ihrem «Phantomkummer» kritisch beäugender, umkreist eine Dienerbewerbung, was wiederum auf Walser verweisen dürfte.

Aber daneben erscheinen in Zschokkes Buch Erzählungen, die mit konkreter, anschaulicher und verhältnismässig dramatischer Deutlichkeit andere, «unwalsersche» Themen in Szene setzen. So etwa «Sommer», wo wir es mit einem Beispiel kindlicher Machterprobung und Grausamkeit zu tun bekommen, oder «Sol», wo das Kaputtmachen eines jungen Menschen vorgeführt wird.

Verbrauchtes wirkt neu

Die Mehrzahl der Geschichten aber spürt mit spöttischer Gewissenhaftigkeit und verspielter Schwermut den Leuten nach, die unser aller Nachbarn sind: jenen Glücklichen, denen «krachende Harmlosigkeit» und «knusprige Einfalt» eigen sind, und jenen Geplagten, die sich vom Alltag abwetzen lassen. In jedem Falle wirkt indessen gerade das Verbrauchte, das schon oft Wiederholte des gewöhnlichen Existierens im eigenwilligen Clair-obscur des zschokkeschen Humors wieder ganz neu und erregend und manchmal geradezu beschwingt.                         

"Der Bund", Bern, 4.5.2oo2

 

Dichterleben

«Ein neuer Nachbar»: Erzählungen von Matthias Zschokke

Matthias Zschokkes Texte sind durchdrungen von Ereignislosigkeit. Die erste Erzählung in seinem neuen Band handelt von einem Mann und einer Frau, die gemeinsam Ferien machen. Dann stirbt der Mann: «Gestern noch sass er auf der Hotelterrasse, schaute der Sonne zu, wie sie im Meer versank, versuchte, etwas dabei zu empfinden, Poetisches, Melodiöses, doch er sah nur die Kugel wegtauchen und war gleichmütig.» Am folgenden Morgen «war er kalt». Zschokke lakonisch: «So schnell geht das.» Er ist ein Epikureer der konsequenten Art: Der Tod geht uns nichts an, weil auch das Leben uns nichts angeht. «Am Meer» heisst die Erzählung, was bedeutet: irgendwo, irgendwann, irgendwer. Man wartet auf den Abend, man isst einen Fisch, man sieht eine Sternschnuppe und überlegt sich, was man sich wünschen könnte, man freut sich aufs Einschlafen beim Meeresrauschen. Glückliche Langeweile oder langweiliges Glück, es ist nicht zu entscheiden. Man braucht sich - da braucht man nach der Liebe nicht zu fragen. Die Frau holt zwei Männer, die Leiche wird weggebracht: «Nicht einmal der helle Fleck blieb zurück, der auf einer Tapete sichtbar wird, wenn man ein Bild entfernt - es war, als sei er nie gewesen.» Jetzt aber kommt ihr alles sinnlos vor: die Terrasse, die Sonne, das Meer. Zschokke lakonisch: «So schnell geht das.» Es ist nichts passiert, nur eine Waage ist auf die Gegenseite gekippt.

«Am Meer» ist eine traurige Geschichte, aber das Traurige ist darin nicht traurig, sondern himmeltraurig, das ist mehr und weniger zugleich. Das Traurige ist ins Unsentimentale gesteigert. Das beherrscht er wie kein anderer: Erhitzen durch Abkühlen. Matthias Zschokkes Geschichten sind kalt, aber in ihrem Eis glühen die Gefühle. Seine Lieblingsfiguren sehen aus, als hätten sie in Milch gebadet, blass und hinfällig. Im Herzen aber sind sie Goldwäscher und Bärenjäger. Doch wehe ihnen, wenn sie Gold finden und einen Bären töten. Sie wären dem nicht gewachsen. Ihr Glück ist ihre Erfolglosigkeit.

Eine irritierende Nähe von Armut und Reichtum, Unglück und Glück taucht Matthias Zschokkes Texte in ein unheimliches Licht: Sind es Märchen, sind es Utopien? Lehren sie einen das Gruseln oder das hoffnungsvolle Träumen? Es ist so oder so, nur fassbar ist es nicht. Zschokke mag keine gefälligen Eindeutigkeiten. Darin fühlt er sich Robert Walser nahe. Walser sei eine «Missverständnisfalle», sagt er in einem Aufsatz über ihn und meint dies durchaus als Liebeserklärung.

Der Band «Ein neuer Nachbar» versammelt Texte aus den letzten fünfzehn Jahren, gut die Hälfte davon waren bisher unveröffentlicht. Gerade in ihrer Vielfalt lässt sich beobachten, wie Matthias Zschokke literarische Produktion und Reflexion zur Deckung bringt. Jeder Ansatz zu einem Metatext wird ihm von selbst zum Text. Zum Beispiel die «Hinterlassenschaften»: Täglich fährt der Dichter mit dem Rad in die aufgelassene Fabrikhalle, die ihm als Arbeitsraum dient. Niemand grüsst ihn auf dem Weg - er ist derjenige, der wahrnimmt und begrüsst: eine Schwelle, die man mit etwas Beton über Nacht passierbar gemacht hat; einen Randstein, der zum Leidwesen des Radfahrers wieder eingesetzt wurde. An der Wand, wo er sein Rad abstellt, bemerkt er die feinen Spuren, die der Reifen über die Jahre hinterlassen hat. Wie den Häftling die Kreuze an der Zellenwand an die Freiheit, so erinnern sie ihn an den nahenden Tod. Dies sind die «Hinterlassenschaften» eines Dichters.

Das Dichterleben ist Matthias Zschokkes Thema. Das sollte man nicht mit seinem Leben verwechseln. Sich selbst hält er für kaum der Rede wert. Dass er auf dem Land aufgewachsen ist, vernehmen wir in der Titelgeschichte, aber nur gerade in einem Satz. Den ganzen langen Rest des Textes bestreitet der neue Nachbar mit seinem ausufernden Leben. Dazu steht in dem Satz erst noch, dass er wie sein Nachbar «auch» auf dem Land aufgewachsen sei, was ihm noch mehr Gewicht nimmt. Gerade in der Marginalisierung seiner Person erweist er sich aber als Dichter, zu dessen vornehmsten Aufgaben es bei Matthias Zschokke gehört, gegen sich selber, gegen den Versuch, eine Geschichte für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, anzuschreiben.

So weben sich Zschokkes Texte, indem sie ihrem Autor entkommen, und quellen da am muntersten, wo sie sein Ziel verfehlen. Das gibt ihnen etwas zauberhaft Luftiges und Lustiges. Dahinter aber steckt Berührungsangst, eine fast religiöse Scheu. Die Kunst täuscht sich, sagt Zschokke, wenn sie meint, die Dinge durch Zeigen zu erhöhen. In Wirklichkeit profaniert sie sie. Deshalb ist «die Vorstellung von der Erhabenheit der Kunst eine verkehrte». Zschokkes Texte hingegen wollen letztlich verbergen, nicht enthüllen; erhöhen, nicht profanieren. Dass dieser Widerspruch ihn nicht verstummen lässt, sondern beflügelt, ist das Sublime seiner Kunst.

Samuel Moser, "Neue Zürcher Zeitung", 7.5.2oo2

 

«Ich bin schizophren und das bin ich auch» 

Wunder- und Wundenkammer eines Wahlberliners: «Ein neuer Nachbar» von Matthias Zschokke

Von Hermann Wallmann

Lauter Gelegenheitsarbeiten, bevölkert. Zum Beispiel von einem Sol. Eine andere Figur aus einer Novelle, deren Titel dem Verfasser entfallen sei, heisst Theodor Zertz, eine weitere trägt den «ominösen» Namen Balz, und der neue Nachbar aus der Titelgeschichte ist ein Prof. Dr. Kay Ser. Es gibt den herzwehen «Brief eines Katzenfreundes», den apostolischen «Brief an die Genfer» - und eine Dienerbewerbung. Ansonsten «selbstlebensbeschreibende» Texte, die dem Motto entsprechen: «Ich gehe umher, zwischen Häusern, über Land, an Küsten entlang.» Matthias Zschokke, 1954 in Bern geboren, lebt seit 1980 in einer Stadt, deren Name nichts anderes ist als das Deminutiv seiner Heimatstadt: Berlin. Und tatsächlich kann man «Ein neuer Nachbar» auch lesen als die Wunderkammer oder Wundenkammer oder Verwunderungskammer eines halb hingezogenen, halb hingesunkenen Stadtschreibers.

Als Wahlberliner hat Zschokke auf die Frage antworten können. «Warum ich Robert Walser mag.» In der Schweiz schätze man «seine bis zur Selbstverleugnung durchgehaltene Demutsmimikry», und in Deutschland schmunzele man ihn wohlwollend beiseite, «weil man sich von der Putzigkeitsmaske, hinter der er sich versteckt, ablenken lässt». Matthias Zschokke liefert kaleidoskopartige Splitter zu einer Wunsch-Autobiografie, wenn er Walser - Aussensicht - mit einer Katze vergleicht, «die sich - wenn sie sich angestarrt fühlt - aus Verlegenheit zum hundertsten Mal hintereinander putzt». Oder - Innensicht - mit einem Kind, «das die Augen schliesst und glaubt, dann werde es nicht mehr gesehen». Die «Missverständnisfalle», als die er Walser versteht, wird vielleicht in dem anrührenden Talmiglanz eines Zweizeilers aufgehoben, den der Ich-Erzähler der «Ewigen Vorstadt» in einem verunglückten Film entdeckt haben will: «Rosen sind rot und Veilchen sind blau (blue) / ich bin schizophren und das bin ich auch (too).»

Der Taugenichts

Ebenfalls ein Riss zeigt sich zwischen Zschokkes romantischer Inbrunst und seiner romantischen Ironie. Mal ist er Eichendorff (und auch als Taugenichts wieder «geteilt»), besonders opak vielleicht in dem Text «Diese Momente». Es sind «zwei» Momente, beide im Sommer: tiefster Frieden, «wenn die Sonne auf den Tisch scheint und ich lausche, ob draussen vielleicht eine Tür geht», schwerste Bangnis, «wenn der Wind aufhört zu wehen (...), wenn sich die Sonne verhüllt - nicht in Wirklichkeit, da scheint sie hell und freundlich wie zuvor, doch um mich ist alles fahl, grau, finster.» Aber dann ist er wieder überdeutlich «beieinander», ein Heine, der seine «Kriegskolumne» liefert, diese mit den Zeilen von der alten und immer neuen Geschichte einleitet und das Zitat obendrein mit den Jahreszahlen 1991 und 2001 entprivatisiert.

Die Lederträne

Dabei hatte der Band begonnen mit einer Prosa-Miniatur «Am Meer», die den Geist des heraufbeschworenen Heine-Gedichts viel besser «verstanden» und sogar noch radikalisiert hat: «Er überlegte, was er sich denn wünschen könnte, betrachtete das Gefunkel, sah keine weitere Sternschnuppe fallen; sie schlenderten am Ufer entlang zurück, legten sich ins Bett, hörten dem Meer zu und freuten sich aufs Einschlafen. Am folgenden Morgen war er kalt. So schnell geht das.» - In «Lederträne» beschwert sich Zschokke über das «Themenunwesen», das etwa die Solothurner Literaturtage des Jahres 1995 auf die Idee gebracht habe, zu dem Thema «50 Jahre nach Kriegsende» Meinungen «abzuernten»; lieber setze er sich mit der Lederträne auseinander, die er in einem Buch von Friederike Mayröcker kennen gelernt habe.

Aber letztlich verfängt er sich - in (seltenen) Texten wie diesem - doch in dem Thema des Themenunwesens. Auch «Leg dich hin» - eine Empfehlung, die er seinen Kollegen gibt, sollten sie in historischen Augenblicken um Stellungnahmen gebeten werden - hält sich nicht heraus, sondern mischt sich ein, zugegeben (von) früh- bis spätromantisch.

Der Papierheld

Ein Dichter für - und wider - Berliner und Berner Republiken ist Matthias Zschokke weniger dort, wo er sich ostentativ gegen Vereinnahmungen wehrt, sondern wo er sie poetisch unterläuft, wo also seine Verweigerung ganz Gestalt - oder balzender «Papierheld» - geworden ist, ob er nun ein schizophrenes Gedicht zitiert oder im «Fall» der Mauer - eine zweigeteilte Stadt muss ihn fasziniert haben - eine anarchische Verlustbilanz aufmacht: «Die Mauersegler flohen nach China.» Oder ob er sich in einer «historischen Postkarte» darüber amüsiert, dass der Reichstag, «dieser Hans Albers der Architektur», wieder Regierungssitz wird...

Die Bäckerblume

Am schönsten ist die Geschichte «Da Sie gerade vom Sterben reden». Hier gibt es einen neuen Nachbarn im Text selbst, einen Textnachbarn. Ein Frühlingslied nämlich, das der Umhergeher ausgerechnet in dem Werbeperiodikum der Bäcker-Innung findet, in der «Bäckerblume». Geschrieben hat es - ein Name, wie mit dem Munde gemalt: - Robert Roberthin (1600-1648). Es besingt den holden Lenz und den Regenbogen, die Lerchen am Tag und die Nachtigallen in schauervollen (!) Nächten - und beklagt «der Schöpfung Haupt», den Menschen, der immer nur «für morgen» lebt:

Ihn weckt Auroras güldner Strahl,

Ihm lacht die Flur vergebens,

Er wird, nach selbstgemachter Qual,

Der Henker seines Lebens.

Die selbstgemachte Qual hört sich heute an wie eine Vorwegnahme der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mit anderen Worten, das «Tauge-nichts!» des Matthias Zschokke hat auch etwas mit Aufklärung - und Lebensrettung - zu tun.

"Basler Zeitung", 17.5.2oo2; dass. unter dem Titel: Das Salz der Lederträne. "Süddeutsche Zeitung", München, 28.6.2oo2

 

Fliederduft über einer Frauenleiche

Matthias Zschokke lässt im seinem neuen Erzählband das Alltägliche geheimnisvoll und das Verstörende banal erscheinen.

Von Sandro Benini

Matthias Zschokke liebt Robert Walser: In vielen der 29 Texte aus dem Erzähl- und Essayband «Ein neuer Nachbar» scheinen Walsersche Motive auf. Da sind diese versponnenen Mansardenzimmer-Existenzen, die vor der Unberechenbarkeit des Lebens in langjährige Gewohnheiten und Vorlieben flüchten und sich in der Hoffnung klein machen, das Unglück werde sie übersehen - wobei gerade dies die Haltung ist, die sie mit einem dumpfen Gefühl der Unzufriedenheit und der Trauer über verpasste Möglichkeiten erfüllt. «Ob mein Leben möglicherweise anders hätte verlaufen können? Eigene Kinder und die Universität verjagen Gedankenwolken, die sich über diesem Was-wäre-wenn-Themenkreis manchmal drohend zusammenbrauen wollen», heisst es in der Erzählung «Der Professor». Da ist das Sensorium für alltägliche Nichtigkeiten, das Auf und Ab des Immergleichen, der mit einer Mischung aus Melancholie und Spott unterlegte Sinn für Vergänglichkeit. Und schliesslich die mit wenigen Strichen geschaffene, zwischen Langeweile und unbestimmter Erwartung schwankende Atmosphäre eines Sommerabends, die Beschreibung des Duftes von Holunder, Flieder und Akazie.

Dennoch wäre es falsch, Zschokke als schlichten Walser-Epigonen zu bezeichnen. Dazu ist die Sprache der Prosastücke, die in den letzten fünfzehn Jahren entstanden und teilweise bereits in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind, zu eigenständig, die Bilder zu souverän und das Aufblitzen von Ironie und Sarkasmus zu radikal und unvermittelt.

Dem seit 1980 in Berlin lebenden 48-jährigen Berner Matthias Zschokke wird immer wieder eine Poetik der Ereignislosigkeit zugeschrieben. Die Erzählungen in «Ein neuer Nachbar» sind wohl unterkühlt und von einer hochartistischen sprachlichen Knappheit, in ihrer Mehrzahl aber alles andere als ereignislos. Vielmehr verleihen sie entweder alltäglichen Vorkommnissen den Anflug rätselhafter Bedeutsamkeit oder Aussergewöhnlichem den Anschein vollkommener Normalität. In «Das Cello» erhält der Ich-Erzähler einen Nachbarn, der irgendwo in einem nahen Wohnblock Cello spielt - dies so virtuos, dass die Musik für den Zuhörenden zu einem Symbol existenzieller Befreiung wird und er alles daransetzt, den geheimnisvollen Nachbarn ausfindig zu machen. «Sobald ich aber zuhören wollte, verstummte es», wie bei Zschokke alle Momente des Glücks genau dann entschwinden, wenn man sie festhalten will. Doch die Nachforschungen nach dem Cellovirtuosen sind erfolglos, und irgendwann gibt der Erzähler die Suche auf. Die Geschichte endet mit der irreführenden Anmerkung «Fortsetzung folgt» - ob dies als Ausdruck von Hoffnung auf künftiges Gelingen oder als die resignierte Erwartung zu verstehen ist, dass sich höchstens das Scheitern wiederholen kann, bleibt offen. Zschokke ist kein Freund von Eindeutigkeiten, die «Missverständnisfalle», die er im Aufsatz «Warum ich Robert Walser mag» hinter der Literatur des Bieler Schriftstellers ausmacht, stellt er selber häufig auf.

In der Erzählung «Sommer» hingegen erscheint das Abnorme im Licht des Alltäglichen: Es werden sadistische Scheusslichkeiten in kalter Distanziertheit aneinander gereiht, beiläufig eine rätselhafte Frauenleiche unter einem Busch erwähnt und der Sommer verflucht. Überhaupt ist der Tod eines der zentralen Motive des Bandes - verstanden als banaler Schlusspunkt unter die Banalität von Existenzen, die schon zu Lebzeiten eher noch nicht tot als lebendig waren: «Alle haben längst erledigt, was sie im Leben erledigen wollten, und sitzen nur noch da. (...) Alle Augenblicke schauen sie zur Tür, ob der Tod gerade eintrete», heisst es in der Erzählung «Balz», in der die Lebensplanung des Helden auf groteske Weise genau in dem Moment scheitert, in dem sie geglückt scheint.

Im Zentrum von Matthias Zschokkes essayartigen Texten stehen zumeist Reflexionen über die Rolle des Schriftstellers in der Öffentlichkeit und über die Aufgabe von Kunst und Literatur. Mit polemischer Schärfe kritisiert Zschokke in «Leg dich hin» die Neigung vieler Autoren, sich auf die Schnelle zu politischen Themen zu äussern. Mit irritierender Selbstverständlichkeit vertritt er eine Literatur, die sich der Legitimation durch unmittelbare gesellschaftliche und historische Bezüge entzieht und ihren Sinn in sich selber sucht. «Wie ich das Überflüssige liebe», heisst es an einer Stelle. Abstrakt formuliert, mag diese Poetik einen preziösen Beigeschmack haben - in Zschokkes Umsetzung ist davon nichts zu spüren.

"Weltwoche", Zürich, 22/2oo2

 

Frischlinge, Frühlinge und ich

Ein neuer Nachbar

Von Ulrike Baureithel

Kein Zweifel: Das ist keiner der "strotzenden Herbstfrischlinge", die uns alljährlich in die Redaktion gelaufen kommen und selbstbewusst unsere Lieblinge vom Vorjahr verdrängen, jene "jungen, unterhaltsamen, entzückenden Kerlchen, die uns sogar auf den Teppich pinkeln dürfen". Eher schon ist es eines jener "märzmageren Teilchen", das irgendwo vergessen im hintersten Regal liegt, "ein schiefes, hinkendes Ding", das wir eines Tages aus dem abgelegenen Quartier erlösen, damit es "seinen Eigensinn und seine Kraft" für "ein paar Stunden Leseglück" entfalte.

Kein Zweifel, dies Buch ist im Frühjahr erschienen, und sein Urheber hat ihm die bescheidene Laudatio gleich mitgegeben. Matthias Zschokkes Erzählungen und Miniaturen haben etwas vom verschämt Betörenden jener Frühjahrspreziosen, die im Herbst vergessen sind, weil zwischen den Saisons ein langer Sommer liegt, während dessen die "Herbstfrischlinge" schon vorwitzig ihre Schnauzen lüften, um ja nicht zu spät zum Trog zu kommen.

Wie auch könnten es die alltäglichen, doch besonderen Beobachtungen - wie eine Tochter ihre Mutter besucht, von der Liebe eines Mannes zu seinem gusseisernen Ofen und was ein beschädigter Bordstein über das Leben verrät - mit sinnwuchtigen Traktaten aufnehmen; wie eine dahinschmelzende Erzählung, die von nichts handelt, als dass im Nachbarhaus ein Cello erklingt, konkurrieren mit der breitbrüstigen Präsenz selbsternannter Epochendichtung?

"Der neue Nachbar" steht an der poetischen Schwelle zwischen hingeworfener Skizze und kunstvoll gebauter, absurder Abschweifung, die um so irritierender ist, als einzig dies Zufällige die Erzählung vorantreibt. Wo Zschokke weniger spielerisch, disziplinierter ist, gelingen ihm - wie in der kurzen Erzählung "Sommer" - Stücke von ungewöhnlicher Dichte und Aussagekraft.

"An der Schwelle" steht der gebürtige Berner auch zwischen seiner Herkunft und seiner Wahlheimat Berlin, insbesondere in seinen politischen Essays. Schwerelos schwebt der Schriftsteller durch den urbanen Raum des alten und neuen Berlin, schreibt eine historische Postkarte vom Reichstag, diesem "Hans Albers der Architektur", flaniert mit den russischen Krähen durch die Parks im Osten der Stadt oder schreibt, in umgekehrte Richtung, einen "Brief an die Genfer", der sich darüber Rechenschaft ablegt, was einer überhaupt wissen kann.

Mithin für den "Phantomkummer" seiner Landsleute hat Zschokke Bissiges übrig; doch das schönste Porträt widmet er dem "auf Zukunft spezialisierten" Berlin: "Man steht kurz davor, eine echte Stadt zu sein; man ist die ewige Vorstadt, ein bisschen öd, eine bisschen zu laut, gebläht vom Stolz auf etwas, das zwar nicht genau hier, aber doch immerhin in der Nähe stattfindet."

Am schwächsten wirken die Miniaturen dort, wo sie entweder dem schnellen Tagesgeschäft entsprungen sind oder Programmatisches zu Protokoll geben, wie in den etwas humorlosen Betrachtungen über "Amateure, Autodidakten, Dilettanten, Ich". Doch es gibt genügend andere "schiefe, hinkende Dinger", für die es sich lohnt, den Band auch nächstes Jahr noch aus dem Regal hervor zu kramen. Und gewiss wird uns Zschokke auch irgenwann wieder einen "Herbstfrischling" vor die Türe legen.

"Die Welt", Berlin, 6.7.2oo2

 

Die Neugier der Einsamen


Ein sarkastischer Romantiker: Matthias Zschokke macht ängstlichen Stubenhockern Beine

Von Nicole Henneberg

Der Erzähler, Theaterautor und Filmemacher Matthias Zschokke stammt aus der Schweiz. Mit Vorbildern wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch und Robert Walser im Rücken und Kollegen wie Urs Widmer und Thomas Hürlimann neben sich ist das nicht nur literarisch ein guter Ausgangspunkt, um sich in Berlin wohlzufühlen, wo Zschokke seit über 20 Jahren lebt. Denn: „Die Vermessenheit zu glauben, wo sie herkommen, sei es besonders schön, macht sie so ängstlich und unglücklich“ erklärt der Erzähler in der Geschichte „Dienerbewerbung“ seinem verzweifelten Gegenüber. Die verblüffende Dialektik dieses Arguments, setzt die Geschichten in Matthias Zschokkes Erzählungsband „Der neue Nachbar“ unter Spannung. Düstere Erinnerungen an zu schöne Orte treiben seine Figuren: Schriftsteller, Spurenleser, Flaneure und berufliche Randgänger durch die Straßen der großen Städte, in die sie sich geflüchtet haben, um in wohltuender Anonymität endlich ruhig leben zu können.

Als skeptischen Romantiker könnte man den 1954 in Bern geborenen Matthias Zschokke bezeichnen, dessen letzter Roman „Das lose Glück“ (1999) drei erfolgreiche Freunde vorführt, die sich in einer lauen Sommernacht auf einer Jacht inmitten des idyllischen Bieler Sees eingestehen müssen, mit ihrem Leben vollständig gescheitert zu sein. Die Welt erscheint in ihren Augen desto düsterer, je heller die Natur strahlt, je geordneter der Tag abläuft. In den Geschichten des neuen Buches nun gehen Zschokkes Figuren defensiv in die Offensive: Sie verkriechen sich in düsteren, vernachlässigten Zimmern und hüten sich davor, in geregelte Tagesabläufe eingespannt zu werden, die sich doch nur als Falltüren in die Verzweiflung erweisen würden. Auch ihren Nachbarn, ja jeder Art von Gespräch gehen sie aus dem Weg.

Doch manchmal geschieht es, dass Cello- oder Klavierspiel durch die Wände klingt und die Ruhe stört. Und schon ist es passiert: Die Neugier der Einsamen erwacht, ihre mühsam niedergehaltene Entdeckerlust springt an. Manchmal geht so eine Suche glimpflich aus, wie in der Erzählung „Das Cello“, wo der Protagonist nach einigem Warten doch nicht mehr wissen will, wer da spielt, weil er in dem Café, in dem er seit Tagen auf der Lauer liegt, schon mehr Menschen mit ihren Schicksalen gesehen hat, als ihm im Moment gut tun; die obszön geschminkte Wirtin inbegriffen. In der Titelgeschichte greift diese Notbremse nicht mehr, und das erzählende Ich wird in eine gnadenlos komische Gesprächsszene verwickelt: An der nachbarlichen Wohnungstür, unter der an- und ausgehenden Treppenbeleuchtung, bricht, unaufhaltsam wie ein Sturzbach, binnen Minuten aus dem Hausherrn seine ganze Lebensgeschichte hervor und überschwemmt den hilflos Zuhörenden mit Katastrophen, lange verheimlichten Leidenschaften und tragischen Zufällen.

Alltagsgefühle und Epochenwetter

Wie eine Bühnenszene ist diese Sequenz gebaut: mit Auf- und Abgängen und ausgeklügelten Beleuchtungseffekten, die den absurden Charakter des Dialogs verstärken. Denn der Nachbar gerät in einen Begeisterungstaumel ohnegleichen; Kleines und Großes, Alltagsgefühle und Epochenwetter setzt er umstandslos gleich – eine für Matthias Zschokke typische, ironische Sprachbewegung. So gut wie alle Probleme des menschlichen Lebens ließen sich vermeiden, wenn man nur ruhig zu Hause bliebe, wusste schon Franz Kafka („Einmal dem Läuten der Nachtglocke gefolgt..."). Und Robert Walser, mit dem Matthias Zschokke als Träger des gleichnamigen Preises oft verglichen worden ist, wusste das natürlich auch. So ist das eigene Zimmer, in dem man sich, auch um der schöpferischen Arbeit willen, verbarrikadiert, ein heimeliger, ein freier und selbstbestimmter Ort; aber auch ein unheimlicher: ein idealer Nährboden für die eigenen Ängste genauso wie für das Leiden an sich selbst und die Angst vor dem Tod.

Die Schriftsteller unter Zschokkes Erzählern spielen mit dieser Spannung und testen an ihr die Sujets, die sie finden oder, genauer, diejenigen, von denen sie gefunden werden. Vielleicht haftet deshalb den Figuren Zschokkes, seien sie nun Schriftsteller oder „Freiberufler“ der abenteuerlichen Sorte, etwas Paradigmatisches oder Prototypisches an, das ihrem Versuch entspringt, ein Leben ohne äußere Reibungen zu leben, weil die Turbulenzen ihrer Fantasie schon genug Aufregung bieten. Besonders anrührend werden sie dabei, wenn sie sich und ihre Umgebung über ihre empfindsame Natur zu täuschen versuchen – ein ironischer Erzählansatz par excellence.

Balz zum Beispiel, in der gleichnamigen Erzählung, ist so ein Fall: ein mittlerer Beamter und scheinbar eiskalter Klotz, der seine Lebensstrategie aber so feinsinnig und anrührend weise plant und auszuführen versucht, dass dem Leser um ihn ganz bang wird. Natürlich ist die Katastrophe absehbar, sie schwingt von der ersten Zeile der Novelle an mit. Der Ehevertrag, den der zartbesaitete Hüne Balz demütig den heiratsfähigen Damen seiner Umgebung vorlegt, wird die Grundlage eines glücklich kalkulierten Lebens, das aber so abrupt scheitert, dass es wenigstens als schockgefrorene Erinnerung überdauert.

Matthias Zschokke spannt seinen oberflächlich ruhig und behaglich wirkenden, an der Novellistik des neunzehnten Jahrhunderts geschulten Erzählton über die Abgründe von Sarkasmus und Verzweiflung und lässt manchmal die Szenarien des absurden Theaters dazwischen aufblitzen. Die melancholische Selbst- und Weltverweigerung seiner Figuren kippt dann so unversehens in existenzialistisches Aufbegehren, dass der Leser, verblüfft und begeistert, zum Spielball dieser hochkonzentrierten Erzählkraft wird.

Auf die Kolumnen und tagespolitischen Texte hätte der Band allerdings besser verzichtet – sie sprengen den prägnanten, kunstvollen Rahmen, den die Erzählungen bilden und verstellen den Blick auf solche Kleinodien wie das fünf Seiten kurze, erzählerisch raffiniert tiefstapelnde Cappriccio „Leg dich hin“, das allen Schriftstellern und Lesern eindringlich die Gefahr der falschen, sich zäh behauptenden Sätze vor Augen führt: Im medialen Tagesgeschäft einmal in die Welt gesetzt, krallen sie sich so hartnäckig in den Köpfen fest wie eklige, graue Grasbüschel in Betonritzen.

Dass für den Autor Matthias Zschokke Wörter und Metaphern genauso konsistente Körper wie Bahnsteiggeländer und gusseiserne Öfen („Mein Freund, mein gusseiserner Ofen“) sind, drückt jeder seiner Sätze aus. Und diese sorgfältig und gekonnt hergestellte Körperlichkeit der Sprache bringt seine Geschichten zum Leuchten.

"Der Tagesspiegel", Berlin, 21.7.2oo2

 

ERZÄHLUNGEN / Matthias Zschokke haucht einen neuen Band mit Geschichten und Episoden hin

Außenseiters Innenleben

Skurrile Dilettanten, Amateure und Chaoten bevölkern die Welt des extravaganten Schweizer Schriftstellers.

Autor: CORNELIA STAUDACHER


War da was? Könnte man nach manchen der 29 kleinen, leicht hingehauchten und ebenso schnell wieder zerronnenen Geschichten und Apercus fragen. Aber man täusche sich nicht. Denn Matthias Zschokke versteht, Alltägliches und Banales so zum Changieren zu bringen, dass hinter der vermeintlichen Ereignislosigkeit eine tiefe Einsicht in die Natur menschlichen Lebens aufscheint.

Die literarische Szene betrat der in Bern geborene Zschokke während der Solothurner Literaturtage 1981. Inzwischen ist er mit etlichen Preisen geehrt worden und gehört mit seinen melancholischen Ausschweifungen über des Lebens Unerträglichkeit und des Menschen Unzulänglichkeiten zu den exponierten deutschsprachigen Autoren der achtziger und neunziger Jahre. Selbstverloren dümpeln sie dahin, die Piraten, Chaoten und Outcasts, die freischaffenden Schreiberlinge oder "dicken Dichter", die das Personal seiner Erzählungen und Romane ausmachen. Ihre laszive Schwermut und genüsslich ausgekostete Lethargie macht es ihnen möglich, sich in den prosaischen Niederungen des realen Lebens einzurichten.

"So sitzt er da, der unförmige Dichter, im Käfig des Überdrusses schwitzend, und kümmert sich weder um sein Leben noch um seine Form, da sie beide im Vergleich zu denen seiner papierenen Helden immer makelhaft bleiben", heißt es in "Amateure, Autodidakten, Dilettanten, ich", einer raffiniert verschlungenen Paraphrase über Kunst und Künstler, die, wie fast die Hälfte der hier zusammengestellten Texte, schon einmal in einem zweckmäßigeren Rahmen veröffentlicht wurde, in diesem Fall zur Eröffnung einer Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Zürich. Was das Vergnügen, Zschokke auf seinen verschlungenen Pfaden durch die Labyrinthe der Phantomschmerzen und imaginierten Seelenkümmernisse seiner Protagonisten zu folgen, um nichts schmälert.

Mit jedem seiner knappen Sätze streift Zschokke die Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit seiner Personen und der Leser aufs Trefflichste. Ohne Schadenfreude, aber mit umso mehr Empathie. Ob es sich dabei um den Pflichtbesuch bei der Mutter handelt oder um einen ebenso lauen wie matten Sommerabend an der Panke. Um Balz, einen Beamten der mittleren Laufbahn, der von solch "krachender Harmlosigkeit", solch "knuspriger Einfalt" geschlagen zu sein scheint, dass er gar nicht merkt, wie auch schon vor seinem 53. Lebensjahr, als das Schicksal mit Macht zupackt, zwar alles nach Plan, nicht aber zum Wohle seiner Seele verlief: "Ihr gefällt es nicht mehr in mir. Zu viel ist schief gelaufen."

Oder um den Professor, dessen Aufgabe darin besteht, seinen Studenten zu erklären, "wie das Leben funktioniert", während er sich täglich vom "eiskalten Hauch der Sinnlosigkeit" umweht fühlt. Wie ein Ertrinkender den Strohhalm ergreift der "neue Nachbar" der Titelerzählung die Gelegenheit, endlich einen zu treffen, der ihm zuhört, und berichtet einem Unbekannten, dem Ich-Erzähler, haarklein aus seinem Leben, worin die tiefe Verzweiflung eines vereinsamten Menschen zum Ausdruck kommt. Ein anderes Mal sind es mehr oder weniger alltägliche Gegenstände, die Zschokke als Auslöser für seine poetisch-philosophischen Ausschweifungen dienen: ein Cello, ein Panettone oder der geliebte gusseiserne Ofen in der Berliner Fabriketage, in der Zschokke seit Jahren seine Schreibetage eingerichtet hat.

Der Erklärung, "Warum ich Robert Walser mag", bedarf es da gar nicht: Die Seelen- und Sprachverwandtschaft Zschokkes zu Robert Walser wird mit jeder neuen Veröffentlichung deutlicher. Wie er die kleinen Dinge des Alltags hochhält als Schutzpolster gegen die Trivialität der Wirklichkeit. Wie er die Sätze und Gedanken sich gegenseitig ins Wort fallen lässt und so der phantasmagorischen Rolle des Schreibers und der Schrift huldigt. Wie er den Leser an der Verfertigung seiner Texte teilhaben lässt, beim Durchmessen jener geheimnisvollen Räume zwischen Innen- und Außenwelt, dem "Bleistiftgebiet", wie Robert Walser es nannte.

Zschokkes "Hinterlassenschaften", so der Titel einer Episode, in der er über die Spuren sinniert, die sein Fahrrad auf dem täglichen Weg von seiner Wohn- zur Schreibstätte auf dem sandigen Berliner Untergrund hinterlässt, sind schwerelose, zufällige Botschaften, "in sich so zwingend, so absichtslos wahr wie nichts anderes in unserem ganzen Leben".

"Rheinischer Merkur", Bonn, 5.9.2oo2/ "Frankfurter Rundschau", 17.1o.2oo2 [Fantasten, Piraten, Poeten]


Raghadan

Matthias Zschokke zum Stück:
 

Mein Patenonkel war von Beruf Sänger. Er hatte eine wunderbar kraftvolle, samtene Baritonstimme, zum Weinen schön. Alle Jahre einmal machte er eine Tournee durch die Schweiz (er lebte und arbeitete in Frankreich) und trat dann privat auch bei uns zu Hause auf. Mal mit Schuberts „Winterreise“, mal mit Schumanns „Dichterliebe“, mal mit der „schönen Müllerin“ oder dann mit Liedern von Gabriel Fauré. Es war immer ein ungeheures Ereignis, wenn er kam. Das erste Mal, ich war noch klein, machte ich vor Begeisterung in die Hosen, so sehr erschütterte mich sein Gesang. Das war natürlich ein furchtbares Drama für mich. Es verzieht mir jetzt noch das Gesicht zur Grimasse, wenn ich daran denke. Zu meiner Entschuldigung lässt sich sagen, dass es in diesen Liedern ja tatsächlich meist sehr dramatisch oder tragisch zugeht. Das darf einen Knaben schon erschüttern. Später versetzten mich zusätzlich zu den Liedern auch noch die wechselnden Klavierbegleiterinnen, die er mitbrachte, in grösste Aufregung: bleiche, schlanke, junge Französinnen, die kein Deutsch sprachen und sich scheu im Hintergrund hielten, mit fiebrig grossen, dunklen Augen.

Wir lebten am Rand eines Weilers im Landhaus eines bankrottgegangenen Fabrikanten. Das Wohnzimmer glich einem Rittersaal in einem Jagdschloss. Es gab einen riesigen Kamin. An der Seite führte eine hölzerne Freitreppe in die erste Etage, wo von einer Balustrade weitere Räume abgingen. Diese Balustrade wurde für die Konzerte jeweils bestuhlt und diente den Zuhörern als Balkon. Auch parterre wurden Stuhlreihen aufgestellt. Die Wand zur Bibliothek liess sich dort ausserdem entfernen – es war alles aus stark duftendem Arvenholz gezimmert –, so dass eine Art Guckkastenbühne entstand, auf welcher der Onkel dann auftrat. Leider hatten wir keinen Flügel, der der Szenerie mit seinem schwarzen Lack zusätzlichen Glanz verliehen hätte. Es gab nur ein honigfarbenes Klavier. Das hatte meine Mutter mit in die Ehe gebracht. Ihr Vater war von Beruf Schreiner gewesen und hatte es einmal im Tausch für ein Bett bekommen. Im Winter verzog es sich jeweils. Das Haus stand am Ufer eines Flusses, der von Oktober bis März dampfte, und von wo dann unangenehm kalte, nasse Luft durch alle Ritzen kroch.

Vor den Konzerten, die meistens im Frühsommer stattfanden, wenn die Stämme der Birken am Ufer seidenglatt und die Blätter daran süss schmeckten und hellgrün waren, kam jeweils ein Spezialist aus der Stadt zum Stimmen. Er hiess Dambach. Mit den Jahren ermüdete das Klavier. Sein Klang wurde schütter. Eines Abends traten meinem Onkel, während er sang, die Adern auf der Stirn dick hervor, und er starrte den honigbraunen Kasten wütend an. Hinterher sagte er: „Dieser Klepper gehört zum Abdecker, das war das letzte Mal!“ (die Worte Klepper und Abdecker machten mir grossen Eindruck; ich hatte sie vorher noch nie gehört) – und tatsächlich kam er danach niemals wieder.

Noch heute vermögen mich Lieder und gesungene Balladen zu fesseln. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Erst vor kurzem wurde ich von einem dreissigjährigen Informatiker eingeladen zu einem Hauskonzert, hier in Berlin, ganz traditionell, mit allem Drum und Dran. Sicher, solche Veranstaltungen werden mehr und mehr zur Gratwanderung. Auf der einen Seite ist es zugegebenermassen komisch, einem erwachsenen, wohlgenährten Mann in dunklem Anzug und Rollkragenpullover dabei zuzuschauen, wie er – mit vor Konzentration verzerrtem Gesicht – im Jahr 2005 von Mägdelein und Liebesleid singt. Das hat etwas Vergorenes, Überzüchtetes, und es verführt zum Kichern. Andererseits ist es zum endgültigen Dahinschmelzen, wegen der unendlich vielen widerständigen Sehnsucht, die dafür mobilisiert werden muss.

Mich erschütterte der Gesang meines Onkels bis zu seinem letzten Konzert. Bestimmt hing es auch mit der Inszenierung zusammen, mit dem ungeheuren Ernst des ganzen Vorgangs, mit der Stille zwischen den Liedern, in der sich niemand zu rühren wagte –  niemand klatschte, es wurde kaum geatmet –, mit dem Glanz und dem Licht (die Konzerte fanden natürlich abends statt, zu einer Zeit, zu der ich normalerweise ins Bett musste), mit dem festlichen Essen hinterher – es gab immer hinterher ein gemeinsames Essen mit allen Gästen.

Die ganze Opern- und Musikwelt ist für mich bis heute eine märchenhafte, übertriebene, exaltierte geblieben. Ich fühle mich darin selig wie als Kind in den zu grossen Schuhen meines Vaters oder im zu weiten Unterrock meiner Mutter. In Opernkantinen ist das Leben immer mindestens zum Lachen oder zum Weinen. Darunter gibt man sich nicht zufrieden. Der graue Alltag, das Mittelmass, kommt nicht vor. Sänger sterben leicht und schnell – in Gedanken. Sie verlieben sich hoffnungslos – mündlich. Sie verachten abgrundtief und beten an, wo Gewöhnlichsterbliche nichts als kleine Zu- oder Abneigungen empfinden. Das rührt daher, dass Sänger dauernd in zu stark aufgeblasenen Gefühlen über Bühnen taumeln müssen und dadurch mit der Zeit vergessen, wie sie selbst wirklich empfinden.

In dieser Kantinenwelt spielt "Raghadan". Die Farben muss man sich zu kräftig vorstellen, die Schatten zu tief, das Licht zu gleissend. Die Darsteller schreiten, wo andere gehen, sie sind empört oder entsetzt, wo andere irritiert sind, sie beben, wo andere zittern, sie treten auf, wo andere eintreten.

 „Raghadan“ spielt unter der Treppe, im Kirschgarten des weissen Rössl. Seine Tage sind vergangen, aber gekommen sind sie nie. Die Atmosphäre, die Farben, die Kostüme, der Klang, alles ist mit Vergangenheit gestopft bis zum Platzen, bunt, gefühlsprall, fiebrig; es ist gesättigt, überreif; es steht kurz vor dem Kippen.

Vielleicht eine Art spiegelverkehrter Pubertät: es lauert um die letzte Liebe herum, sehnt sich nach dem verlorengegangenen eigenen Glauben an Gefühle, möchte seine grossen Fragen nicht länger relativieren, mag sich nicht mehr hüten vor seinen Empfindungen, möchte sich ihnen ungeschützt ausliefern, möchte leben und sich nicht mehr schämen dafür, möchte endlich Schluss machen mit dem antrainierten ironischen Augengezwinker.

Die künstlich blutenden Herzen von Schauspielern und Sängern in nachmittäglichen Theaterkantinen, wo jahraus, jahrein an derselben grandiosen Tragikomödie weitergeschrieben wird, einer endlosen, todernsten Seifenoper ... Außenstehende mögen dieses Ambiente peinlich oder exaltiert finden. Wer sich jedoch darauf einlässt, den ergreift es und wühlt es auf wie eine doppelte Portion Leben.


 

Maurice mit Huhn

Leseprobe:

Immer wieder ist es verblüffend, mit welchem Gleichmut der Mensch seit Tausenden von Jahren seine kurz bemessene Zeit verbringt, sitzend, liegend, belangloses Zeug redend, ohne Appetit Kleinigkeiten knabbernd, ohne Durst an Flüssigkeiten nippend, Dinge betrachtend, die ihm nichts sagen, sich auf Wege machend, die ihn an Orte führen, wo er nichts verloren hat, im festen Glauben verankert, er sei ein vernunftbegabtes Wesen und mache sich Gedanken über dies oder jenes, dabei aber in Wahrheit nichts denkend, nur so vor sich hin tuckernd, ewig die gleichen falschen Schlüsse ziehend, sich im Kreis drehend seit Tausenden von Jahren, von Nebentischen Gesprächsfetzen aufschnappend, Sonnenbrillen betreffend oder Tierfelle, rohes Fleisch, Regale, das Wetter, bis plötzlich einem von ihnen alles zu viel wird, einer Mutter beispielsweise, sie wandert spätabends durch ihre Wohnung, zieht Kleidungsstücke aus, begießt sie mit Brennsprit, zündet sie an, läßt sie hinter sich zu Boden fallen, dann kommt ihr der neunjährige schlafende Sohn in den Sinn, der nicht bei Bewußtsein verbrennen soll, sie holt aus der Küche einen Hammer, geht ins Kinderzimmer und schlägt dem schlafenden Jungen mit dem Hammer den Schädel ein, erschrickt beim Geräusch der splitternden Knochen, schlägt sich selbst auf den Kopf, aus Wut, bekommt Mitleid mit dem zuckenden Bündel vor sich, schleppt es an ein Fenster in der Stube, öffnet es, damit das Kind nicht im Rauch erstickt, weckt blutüberströmt den zweiten, ein Jahr älteren Sohn und schickt ihn zur Feuerwehr, der kriegt einen Schock, rennt los, die Feuerwehr kommt, löscht und bringt den jüngeren Knaben ins Krankenhaus, wo festgestellt wird, dass dessen Hirn eingedätscht und das Sprachzentrum zerstört ist, er wird nie mehr sprechen können, die Mutter wird interniert ... Der Mensch sitzt weiterhin da, auf Gartenstühlen, an Frühstückstischen, an Werkbänken, trinkt Bier, schimpft über das Wetter, redet von Autofelgen und Überschwemmungen, von Versicherungsbetrug und preisreduzierter Sommerware, die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, der Mensch zwitschert, ein Spatz auf dem Dach, hüpft hierhin, dorthin, pickt Brosamen, stopft sich voll ohne leer gewesen zu sein, legt sich hin ohne müde zu sein, erhebt sich ohne ausgeruht zu sein, trottet über Plätze, bellt, springt in Gewässer, schwimmt eine Strecke, legt sich zum Trocknen an die Sonne, weiß ganz und gar nicht, was er tut, behauptet, sein Vater sei schuld an allem oder seine Mutter, schuld an was, er weiß es nicht, an sich, er glaubt nachzudenken, weiß aber nicht, wie das geht, das Nachdenken, setzt sich, legt sich hin, steht auf, läuft über Plätze, trabt an Häuserfronten entlang, klingelt, wiehert etwas, ißt tüchtig, läßt sich vor Karren spannen, zieht bis zum Umfallen, man kann ihm Fäßchen um den Hals binden, er scharrt in Lawinen, gräbt Artgenossen aus, und plötzlich vergißt sich wieder einer, zerfetzt im Büro ein paar seiner Arbeitskollegen, wird eingesperrt, um dann zu sterben, wieder andere stürzen sich in ganz und gar höllische Aktivitäten, um mit ihrer Plackerei das viel Bedrohlichere in ihrem Inneren zu übertönen, das Ungeklärte, um nicht endgültig den Verstand zu verlieren, was unweigerlich geschehen würde, wenn sie sich schutzlos der Wirklichkeit aussetzen würden, diese merkwürdigen Wesen, die Menschen, die sich auf einmal vergessen und andere zerhacken. (S.138ff.)

© Ammann Verlag & Co., Zürich. Alle Rechte vorbehalten.



Wundertüte des Alltäglichen

Matthias Zschokkes Roman "Maurice mit Huhn"

Alle drei, vier Jahre, immer im Frühjahr, legt der Schweizer Dichter Matthias Zschokke (mittlerweile 51) seine Tarnkappe ab und zeigt sich der lesenden Welt. Diesmal präsentiert er den Roman "Maurice mit Huhn", sein achtes Prosawerk. Alles fing an mit dem übermütigen Schlingel "Max" (Robert-Walser-Preis 1981), der nun nicht mehr von seinem Moritz, pardon, Maurice amputiert ist. Das heilige Paar: endlich komplett. Der Übermut: gedämpft.

Der Roman entlehnt seinen Titel einem Gemälde des Schweizer Malers Albert Anker (1831-1910), der in dem Drei-Buchstaben-Dorf Ins lebte, wo Zschokke als Kind aufwuchs. Ein kleines Museum erinnert noch heute dort an den Maler. Auf dem Bild ist sein kleiner Sohn zu sehen, der mit Kulleraugen erwartungsvoll-neugierig in die Welt blickt, in den Patschhänden eine fette Henne. Ein Bildausschnitt schmückt den Band als Cover.

Zschokkes "Maurice mit Huhn" ist als Roman vieles nicht: keine der beim Publikum so beliebten Familiensagas; kein Entwicklungs- oder Bildungsroman; kein psychologischer Reißer; kein Beziehungskrisenopus; kein Wende-Elaborat; kein Generationenreport; keine Vergangenheitsbewältigungsschnulze. Was denn? Allenfalls versucht Maurice die Gegenwart zu bewältigen, und das nicht ohne Ächzen.

Maurice betreibt ein "Kommunikationskontor" in einer schäbigen Gegend Berlins, im Wedding, wie durch den oft genannten Nettelbeckplatz kenntlich wird. Kleinen Leuten hilft er bei amtlichen Korrespondenzen. Reich ist er damit nicht geworden, im Gegensatz zu seinem persischen Internatsschulfreund Hamid, dem er in Briefen aus seinem Leben berichtet, was Zschokke als auktorialem Erzähler Verschnaufpausen bietet und den Roman kurzweiliger, bunter macht.

Nein, kein "klassischer" Roman, mit Klimax, Peripetien usw. Es rauscht kein mächtiger Erzählstrom, der ewige. Durch eine Reihung von Miniaturen wird die traditionelle Romanfabel gründlich ruiniert. Diese Dekonstruktion zeichnet Zschokkes Roman aus als ein Werk der Moderne.

Ein pointillistisches Pastell des Lebens, gemalt mit Wörtern. Wie schön sich Bild an Bildchen reiht (Trakl): das vom Schauspieler Flavian Karr, der sich beim Film als Nazi-Kleindarsteller verschlissen hat und nun in Stadtmagazinen "Einzelcoaching" und Kurse zur "Befreiung der eigenen Stimme" anbietet; das von Carola’s Schreib-Shop (mit Apostroph), der Pleite geht; das vom Niedergang der Druckerei des Ehepaars Doberan; das von einem grotesken Arztbesuch, bei dem Maurice sich eine Alterswarze entfernen lassen will; das vom piefeligen Café Solitaire, wo Maurice Zeitungen liest, das dichtmachen muss. Und außerberlinisch ein "Städtetrip" nach Turin und ein satirischer Kongressbericht… Zschokkes Wundertüte des Alltäglichen ist bodenlos.

Und Maurice taucht ein ins Mikrokosmische: "Spatzen fliegen heran und wälzen sich in der trockenen Erde unter einem der Sträucher, einem abgestorbenen. So ein Staubbad von Spatzen kennt er noch nicht. Neugierig schaut er zu und freut sich, etwas Neues geboten zu kriegen. Wie Pferde, Katzen oder Schweine, wälzen sich die Spatzen in der Topferde."

Aus der Beobachtung, die Maurice gemacht hat, entwickelt Zschokke seine Poetologie: "Das Lustige an den Spatzen ist nicht, was sie getan haben. Das Lustige an ihnen ist, daß Maurice die Zeit hatte, sie wahrzunehmen. In jedem Augenblick tun Spatzen, Menschen, Elefanten und Meere, was sie tun. In jeder Sekunde geschieht alles, doch wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das Außergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluß, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloß vor, wir würden, wo immer wir gehen und stehen, Spatzen sehen, Hunde, Winde, die sich merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen – immer wieder natürlich und vor allem Menschen, von denen wir am allermeisten glauben, längst zu wissen, wie sie sind, die wir für unseresgleichen halten und demnach nicht für weiter beachtenswert; doch wie sie sich verhalten, ist immer neu ganz und gar unbegreiflich."

So geht es auch durchaus hart zur Sache. Leben und Sterben in Berlin: "Eine Greisin an einem Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice’ Mutter übernehmen zu wollen." Zschokke zeichnet ein gnadenloses Mutterporträt. Von Millionen Müttern. Wofür Peter Handke ein ganzes Buch ("Wunschloses Unglück") brauchte, reichen ihm wenige Seiten, die erzählerisch zweifellos der grandiose Höhepunkt sind. Und auch Hamid, der Freund, stirbt, krebszerfressen, da hilft ihm alles Geld nicht mehr.

Zschokke hat einen ureigenen Sprachsound. Er schreibt Sätze, deren ausgebuffte Unschuld umwerfend ist: "Irgendwann hat Maurice damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Je länger er sich darin übte, desto schwerer tat er sich damit. Zu allem fiel ihm das eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen Gegenteil, weswegen er, weil er sich immerzu selbst ins Wort fiel, schließlich die Lust verlor, überhaupt noch etwas zu sagen. Andere, die mit ihm älter geworden waren, redeten im Unterschied zu ihm mehr und mehr."

Oder: "Immer wieder ist es verblüffend, mit welchem Gleichmut der Mensch seit Tausenden von Jahren seine kurz bemessene Zeit verbringt, sitzend, liegend, belangloses Zeug redend, ohne Appetit Kleinigkeiten knabbernd, ohne Durst an Flüssigkeiten nippend, Dinge betrachtend, die ihm nichts sagen, sich auf Wege machend, die ihn an Orte führen, wo er nichts verloren hat, im festen Glauben verankert, er sei ein vernunftbegabtes Wesen und mache sich Gedanken über dies oder jenes, dabei in Wahrheit nichts denkend, nur so vor sich hin tuckernd, ewig die gleichen falschen Schlüsse ziehend, sich im Kreis drehend seit Tausenden von Jahren, von Nebentischen Gesprächsfetzen aufschnappend, Sonnenbrillen betreffend oder Tierfelle…" - insgesamt fast zwei Seiten, diese Thomas-Bernhard-Tirade [siehe oben]. Wie jener ist Zschokke ein Moralist, was er jedoch, davon selbst erschrocken, mit Scherzen camoufliert.

Sein Roman "Maurice mit Huhn" hat eine Aura heiterer Grausamkeit, die den Leser rasch (und auf Dauer) in ihren Bann zieht. Bravourös gelingt dem Autor die Erfüllung seines selbst erklärten Vorsatzes: "Denen, die noch leben, erzählen, wie es war, als sie lebten."

Maurice lauscht immer wieder einem Cellospiel in der Nachbarschaft. Das zieht sich leitmotivisch durchs ganze Buch. Gern wüsste er, wer da spielt, an künstlerisch eigentlich unpassendem Ort, ist es ein Mann oder eine Frau: "Besuch beim Cellisten: Ein etwa fünfzig Jahre alter Mann öffnet die Tür. Er hat weiche, volle Lippen. Die Mundwinkel hängen leicht nach unten. Lefzen, denkt Maurice. … Besuch bei der Cellistin: Eine etwa fünfundzwanzigjährige Frau öffnet die Tür. Ihr Körper ist der eines Mädchens…" Unvermeidlich ein geiles Sexabenteuer, zur höhnischen Befriedigung der Lesererwartung. Natürlich hat Maurice die Besuche phantasiert. Kopfkino und kein Geheimnisverrat, der nur in profaner Banalität enden könnte. Das Cello bleibt Sehnsuchtsmetapher.

Am genüsslichsten wohl liest man Zschokkes wunderbaren Roman "Maurice mit Huhn", wenn man zur Lektüre Bachs Cellosuiten auflegt, vielleicht gespielt von Pablo Casals.

(Niels Höpfner - 24.2.2oo6)

 

Die neue Leichtigkeit des Seins

Matthias Zschokke schickt in seinem Berlin-Roman seinen Helden auf Reisen
NICOLE HENNEBERG

Im ruhigen Sog des Erzählens, mit spürbar schweizerischem Sprachklang, finden Engel und Spatzen, Mörder und Einsame, Schwätzer, Penner und Liebende zusammen. Mittendrin: Maurice, der Eigenbrötler. Maurice steht vor dem Spiegel und rasiert sich, er will mit einem Freund essen gehen. Viel lieber wäre er zu Hause geblieben, in seiner stillen Wohnung, ohne mit jemandem reden zu müssen, denn was soll man sich erzählen? Die Tage, Wochen, Jahre vergehen, doch sehen sie alle gleich aus, meint er, und sie werfen nichts ab, das zu einer Abendunterhaltung taugt. Soll er vielleicht erzählen, wie gern er die Abenddämmerung mag, wenn die Farben anfangen, dunkel ineinander zu verschwimmen und über den Dächern «Gebete, Seufzer und Flüche (…) aufsteigen wie Rauch im Winter»? Oder soll er vom Cellospiel erzählen, das er durch die Wand seines Büros hören kann? Er kennt den Musiker nicht, doch er hat ihn sich oft vorgestellt - es könnte ja auch eine junge, hübsche Frau sein, vielleicht sollte er ja doch versuchen, sie zu finden? Dass der Eigenbrötler Maurice ausgerechnet ein «Kommunikationskontor» betreibt, ist schon Ironie genug; aber Matthias Zschokke verlegt es auch noch in eine Gegend Berlins, die kurz vor dem Kollaps zu stehen scheint: «Die Schuhe in den Auslagen hier oben machen einen gesundheitspolizeilich fragwürdigen Eindruck, Tapetenläden dekorieren ihre Fenster aufs absurdeste, die Tiere in den Zoologischen Handlungen erregen Mitleid, (…) Drogeriemärkte erinnern an Gefängniskioske, wo es für Inhaftierte das Nötigste zu kaufen gibt, Supermärkte an Lebensmittelausgabehangars in Flüchtlingslagern.»

HÄSSLICH. Die Cafés in der Nachbarschaft sind grotesk hässlich, doch Maurice besucht sie trotzdem: Nirgends kann er, anhand deren beiläufigen Gesten, mehr über Menschen erfahren als hier. «Maurice mit Huhn» heisst der neue Roman von Matthias Zschokke, und es geht darin, wie der Autor anmerkt, um Gott und die Welt und den ganzen grossen Rest - was angesichts des entschlossenen Blickes des kleinen Maurice auf dem Buchumschlag unmittelbar einleuchtet: Das Huhn auf seinen Armen trägt er so sorgsam, als wäre es die Weltkugel selbst.

IDYLLISCH. Ausser Romanen und Erzählungen hat Matthias Zschokke, der 1954 in Bern geboren wurde und seit 1980 in Berlin lebt, Theaterstücke geschrieben und Filme gedreht, und oft lag seiner Prosa eine szenische oder eine Bild-Idee zugrunde wie dem kleinen Roman «Loses Glück» (1999), der auf einer Jacht auf dem idyllischen Bielersee spielt: Vier langjährige Freunde versuchen, einander ihr Leben zu erzählen; doch mit ihrem Sprechen erreichen sie einander nicht. Es sind nach-beckettsche Einsame, die monologisierend auf ihrem Unglück bestehen gegen den Rest der Welt, der sie um ihr luxuriöses Leben beneiden würde. In seinem neuen Roman öffnet Zschokke hingegen ein bewegtes Sprach- und Zeitpanorama, das eine Welt einfangen will, deren innerer Zusammenhang sich jeden Tag, unter Sturzbächen von Meinungen und Gefühlen, neu und anders aufzulösen scheint. Maurice lebt bescheiden, mit den Figuren aus dem 2001 erschienenen Erzählungsband «Der neue Nachbar» vergleichbar, die sich in schäbigen Zimmern verkriechen, um mit niemandem sprechen zu müssen. Doch die Welt lässt sich, trotz konzentrierter Bemühungen, nicht aussperren: Wie bei Maurice sind es die Töne eines Cellos, die den unfreiwillig Lauschenden zurück in die Welt locken.

NEUGIERIG. Diesmal ist der Held neugierig auf das Leben, ja er liebt sogar dessen Brüchigkeit: Zwischen Duden und Zeitung, zwischen Strassenbeobachtungen, Erinnerungen und Fantasien kann er sich frei bewegen. Und mit dieser neuen Leichtigkeit schickt der Autor ihn sogar auf die Reise in sein Heimatdorf, wo er die alte Sprachvertrautheit geniesst und trotzdem ein Aussenstehender bleibt, der sonderbare Fragen stellt. Von diesem archimedischen Punkt aus gelingt sogar die Liebe: «Und wir wachen auf und sagen das Gleiche, und wir schlafen ein, nachdem wir das Gleiche gesagt haben, und manchmal kommt ein neuer Gedanke hinzu, der uns überrascht, eine neue Redewendung, die uns gefällt …»

VERSTÖREND. Es ist die Sprache, die die Welt aus ihren zusammenhanglosen Bruchstücken immer wieder neu und anders zusammenfügt. Der Autor jongliert mit den verschiedenen Möglichkeiten, ist bestrebt, alle gleichzeitig in der Luft zu halten, und beschwert sich mitunter über larmoyante Entgleisungen seines Helden. Manchmal klagt er auch selbst über die Mühen, all die Details in eine angemessene Form zu bringen («Um den Abschnitt zu einem Rondo kurzzuschliessen …»). Man fühlt sich beim Lesen an eine Bach-Sonate erinnert, doch immer wieder blitzt die pure Gewalt auf, ohne dass der Erzähler merklich die Stimme höbe - was einen verstörenden Effekt ergibt, den wir schon von Zschokkes Geistesverwandtem Robert Walser her kennen. Anders als Wilhelm Genazino, der sarkastisch die kleinbürgerlichen Marotten kommentiert, und anders als Markus Werner, dessen Figuren von einem inneren Furor geschüttelt und getrieben werden, glaubt Matthias Zschokke an die tiefere Wahrheit des Beiläufigen, in deren ruhigem Sog sich, mit spürbar schweizerischem Sprachklang, Engel und Spatzen, Mörder und Einsame, Schwätzer, Penner und Liebende zusammenfinden.

"Basler Zeitung", 14.2.2006

 

Sensationen des Alltags

Es ist die «Rhythmusstörung», die den in Berlin lebenden Schweizer Schriftsteller interessiert - sein neuer Roman, «Maurice mit Huhn», ist ein Protokoll der Ereignislosigkeit

Von Ulrike Baureithel

Man müsse das Buch auf jeder Seite aufschlagen und lesen können, wünscht sich Matthias Zschokke. «Jeder Teil steht für sich, doch die Gesamtkomposition ergibt einen erkennbaren Rhythmus.» Ich mache also den Versuch und schlage Zschokke auf, Seite 73. «Dass sich gehenlässt, wer sich geliebt weiss», heisst es da. Der vierzehnzeilige Abschnitt handelt vom nachlässigen Aufzug angejahrter Liebender («zerbeulte Hosen», «zerdätschte Frisuren»), die wissen, dass sie nicht mehr gefallen müssen, weil sich der liebende Partner daran erinnert, dass man ihm einmal gefallen hat. Ein weiteres Mal zu gefallen, hiesse, «in die Abgründe einer neuen Leidenschaft gerissen zu werden». Von dieser Furcht zurückgehalten, «vergisst man oft, liebenswürdig zu sein». - Eine der vielen kleinen philosophischen Betrachtungen, die Zschokkes neues Buch, «Maurice mit Huhn», bereithält; und man sollte den Abschnitt nicht missverstehen: Der Autor dieser wohl gefeilten, wenn auch nicht wohlfeilen Stücke will gefallen, auch wenn er keine Lust hat, die obligatorischen Schubladen zu bedienen.

Sein «Roman» genanntes Buch hebt damit an, dass Maurice lieber in seinem Büro sitzen bliebe und vor sich hinstarrte, als das Hemd zu wechseln, sich zu rasieren, um seinen Schauspielerfreund Flavian zu treffen, mit dem er nichts auszutauschen hat. Denn was gäbe es schon zu erzählen von Maurices Existenz im Berliner Nordosten, wo die Blumen welk in den Läden hängen, die Ärzte und Apotheker blass aussehen und selbst das Café Solitaire um die Ecke, wo Maurice «seine Zeit absitzt» und tätige Müssiggänger beobachtet, in Agonie fällt. «Wer es nicht schafft, rechtzeitig wegzuziehen», so das vernichtende Urteil über die Gegend, «versickert und verendet hier.»

Welke Blumen, blasse Ärzte

Mit Maurice teilt Matthias Zschokke die Vorliebe für Café-Häuser, und als wir uns, nicht im Berliner Nordosten, sondern im alten Westen in einem traditionsreichen Literaturcafé treffen, kommt der winterblasse Mann gerade aus dem entgegengesetzten Ende der Republik zurück. Einfacher, erzählt er, sei dort das Leben gegenüber dem anstrengenden in Berlin, wo es im Winter besonders dunkel ist (was offenbar immer nur SchweizerInnen aufzufallen scheint, die Stadt nimmts gelassen). Seit 1980 sitzt der 1954 in Bern geborene und im Aargau aufgewachsene Autor und Filmemacher nun seine Zeit ab in dieser Stadt, in die es ihn verschlagen hat, weil es eben eine Grossstadt hatte sein sollen, Berlin damals billig war und Schweizer Markenware gefragt. Mittlerweile, findet er, sei die Schweizer Literatur hier allerdings wie überhaupt in Deutschland randständig geworden. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass die zschokkeschen Dichterexistenzen, von denen er erzählt, seit Jahren eher an der Peripherie als im Zentrum angesiedelt sind.

Billig ist Berlin inzwischen nämlich nur noch in den Randbezirken, in Wedding zum Beispiel, wo Maurice sein «Kommunikationsbüro» unterhält, weil er sich eine bessere Adresse nicht leisten kann und hier die legasthenische Kundschaft lebt, die seine Dienstleistungen nachfragt. Wenn er nicht gerade im «Solitaire» sitzt oder heimlich den baren Fussabdrücken einer jungen Frau folgt, die am Spreeufer spaziert, verschanzt sich Maurice in seinem heruntergekommenen Hinterhofbüro und lauscht den Tönen eines unsichtbaren Cellos, das auf den folgenden 250 Seiten das Leitmotiv liefert. In Zschokkes vor vier Jahren erschienenem Erzählband «Der neue Nachbar» hatte das Cello schon einmal für kurze Zeit die erzählerische Führung übernommen, war auf dem Höhepunkt allerdings einfach abgebrochen, mit der vom Publikum nicht sehr ernst genommenen Ankündigung: «Fortsetzung folgt.»

Rätselhaftes Cello

Nun hat Zschokke die Fortsetzung also tatsächlich nachgereicht, auch wenn dabei, wie er versichert, ein neuer Grundton das Motiv dominiert und eine neue Melodie entstanden ist. Um dieses Cello und ihre Töne erzeugende Urheberin kreisen Maurices Fantasien: Handelt es sich um einen Mann, eine Frau? Um ein unentdecktes Talent, ein Genie gar? Ist es, wenn es schweigt, endgültig verstummt, gestorben oder nur ins wohlhabende Zehlendorf gezogen? Warum ertönt plötzlich ein Klavier, dann wieder ein Fagott? Maurice führt lange Monologe mit dem Cellisten, treibts mit der Cellistin auf dem Balkon, unternimmt aber keinen wirklichen Versuch, dem geheimnisvollen Spiel auf die Spur zu kommen. «Maurice träumt von der Sensation», erklärt Zschokke, «und hat deshalb Angst, das Rätsel zu lösen.»

Dafür beobachtet Maurice seine Umgebung, registriert jedes kleinste Zeichen des Verfalls in der stehen gebliebenen Zeit, abseits des Metropolenaktionismus. Den Berliner Durchsteckschlössern wird dabei die gleiche erzählerische Aufmerksamkeit zuteil wie dem Abstieg des Buchdruckers Doberan, den Maurice in Briefen an den fernen Freund Hamid protokolliert, wobei er sich als Ich-Figur endlich ins Spiel bringen darf. Je weniger passiert, desto dringlicher fordert die Ereignislosigkeit, dieses «müde Trotten durch ödes Einerlei», Rechenschaft. Selbst wenn Maurice Reisen unternimmt, zum Beispiel an die Kindheitsstätten in der Schweiz, handeln sie vom Stillstand in der Zeit - der Titel des Romans, «Maurice mit Huhn», ist einem Genregemälde von Albert Anker entlehnt.

Am Genre kaut Zschokke denn auch heftig herum: Ihn langweilten die gut gebauten, fertigen Geschichten mit Anfang, Höhepunkt und Ende, diese Stückware, die in den Leipziger oder Oldenburger Schreibwerkstätten hergestellt wird. Nicht die Sensation «ist das Grandiose», sondern «die Rhythmusstörung, der Aussetzer» und das am Rande Aufgesammelte, Belanglose, in dem sich das Ganze verbirgt. Zschokke plädiert für eine «philosophische, essayistische» Romanform, die Einsprengsel, Abschweifung, Mehrstimmigkeit, Perspektiv- und Zeitenwechsel und das lange Verweilen im Augenblick erlaubt. Die barocke Erzähltradition wird dabei ebenso geplündert und in den Roman geschmuggelt wie das Theaterfach, aus dem der gelernte Schauspieler Zschokke ursprünglich stammt. Wenn er seitenweise von den schmerzenden Füssen der Besitzlosen berichtet, die die falschen Schuhe tragen, dann meint er das Leben in den falschen Schuhen ebenso wie die falsche «passende» literarische Form. Wie Hühner, die absichtslos picken, oder Töne, wenn sie ohne Zuhörer gespielt werden und nicht gefallen wollen, muss also Literatur im besten Sinne zweck- und absichtslos sein, nicht erziehen wollen oder nur unterhalten.

Dafür allerdings sind Zschokkes Sätze zu massgeschneidert und seine Beobachtungen viel zu wahrnehmungsbesoffen und hintersinnig. Absichtslos wird hier kein Wort gesetzt, «jeder Satz», beharrt der Autor, «gehört genau so, wie er da steht». Das macht das Lesen mitunter auch zur Anstrengung. Gerade weil der Text so unstrukturiert und absichtslos dahinzufliessen scheint, wird der Leser in ständige Alarmbereitschaft versetzt. Schwächer ist der Roman - wie schon die Erzählungen - dort, wo es um Politik geht. Vielleicht haben politische Ereignisse - der Krieg in Jugoslawien ebenso wie die Entschlüsselung des Genoms - eine kurze Halbwertszeit, und vielleicht sind ja wirklich alle Theater mittlerweile «von Händlern» besetzt: Doch dass deshalb Maurices Meinung über Fahrräder die Wichtigkeitsskala umkrempeln könnte, wäre noch zu beweisen.

Das allerdings sollte kein ernst gemeinter Einwand gegen die Lektüre sein. Wer sich auf Zschokke einlässt, sollte sich nicht auf eine «runde Geschichte» freuen, dafür auf eine melancholisch gestimmte, wahrnehmungsintensive Entdeckungsreise machen, auf der Unscheinbares attraktiv, Belangloses sensationell und Abseitiges bedeutungsvoll wird und die viel Lebensklugheit bereithält.

"WOZ - Die Wochenzeitung", Zürich, 23.2.2oo6

 

Liebenswerte Gleichförmigkeit

Matthias Zschokke präsentiert ein Buch über die kleinen Tragödien und Komödien, die sich nebenan abspielen

Der in Berlin lebende Berner Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor Matthias Zschokke setzt in «Maurice mit Huhn» seine Alltagsbeobachtungen mit heiter-ironischer Melancholie fort.

Gibt es einen Diminutiv für Leben? Das Lebenchen, das Lebenlein? Unsinn. Auf so abwegige Gedanken kann einen nur so einer wie Matthias Zschokke bringen, der sich auch im jüngsten Buch wieder als geistvoller Flaneur, unermüdlicher Kuriositätensammler, unerschöpflicher Ideenspinner und spöttisch distanzierter Beobachter des Alltags erweist, und zwar zumeist in Berlin, wo er seit nunmehr dreissig Jahren lebt, aber auch auf kleineren Reisen oder wenn er Kindheitserinnerungen wieder belebt, die ihn zurück ins Seeland und ins Anker-Dorf Ins führen. Weshalb denn auch sein Buch den Titel «Maurice mit Huhn» trägt, wie wiederum ein Gemälde von Albert Anker heisst.
 

«Unfassbarste Tragödien»
 

Was dem Exilberner Paul Nizon, Jahrgang 1929, Paris bedeutet, das ist für den ein Vierteljahrhundert später ebenfalls in Bern geborenen Matthias Zschokke Berlin geworden: Ort des Lebens, der Erfahrungsfülle immer wieder, der Geistesabenteuer dann und wann und deren Vereinnahmung und Verwirklichung durch die Sprache. Für die Leser wiederum heisst das auch, bei Zschokke wie bei Nizon, Rückkehr zu Örtlichkeiten, Situationen und Beziehungen, die schon in früheren Werken aufgetaucht sind. Im Falle Zschokkes zum Beispiel ist das die Wohnung, in die immer wieder die schwer zu lokalisierenden Klänge eines Cellos dringen. Aber anders als bei Nizon, wo Erotik und Leidenschaften in der Sprachwerdung sich zum singulären Ereignis auftürmen, ists bei Zschokke in der Regel das Alltagsgleichmass, das ihn beschäftigt, das ihn unterhält, lächert und handkehrum abstösst. «Wer sich Rechenschaft über sein eigenes Leben ablegt», schreibt er, «kommt zum Schluss, es gleiche sich tagaus, tagein, es sei ein müdes Trotten durch ödes Einerlei aufs von jeglicher Überraschung bare Ende zu.» Und weiter: «Wer etwas genauer hinschaut, wird feststellen, dass sich in seiner unmittelbaren Umgebung die unfassbarsten Tragödien und Komödien ereignen und er gar nicht ins Phantasiereich der anderen auszuwandern bräuchte, um angeregt zu werden.»
Ja, solches Sinnieren über das «Leben» und ab und zu sonstwie ein nachdenkliches Traktätlein über das eine und andere Phänomen des Daseins kommen auch vor in Zschokkes Kollektion aus «Tagen süsser Trostlosigkeit» (wie er, bzw. der zuschauende, notierende und Briefe schreibende Maurice sie nennt); aber meistens handelt es sich doch eher um das distanziert teilnehmende Beobachten konkreter Individuen und realer Geschehnisse, von Beständigem und Veränderlichem in der Nachbarschaft, von Stimmungen des Lichts, Gerüchen, Geräuschen, Aromen der Stadt.
 

Das grosse Abenteuer
 

Sogar so etwas wie leibhaftige Brunst scheint Maurice einmal zu übermannen. Der Spieler des Cellos im verwinkelten Nachbarhaus, den Maurice endlich aufspürt, der erweist sich nämlich als eine Spielerin, und schon nach kurzem Geplauder gibt diese sich ihm, auf dem Balkon des Hauses, mit Wonne hin. Maurice erlebt endlich, endlich sein grosses Abenteuer, der banale Werktag explodiert mit Wucht – bloss, er gesteht es am Ende, ist der ganze Vorgang reine Phantasterei, blosses Wunschdenken, Traumbegehren, das den Klängen des verborgenen Cellos entsprungen ist. Maurice, der zwar bei Gelegenheit eine Freundin zur Seite hat und mit einem Freund zu korrespondieren pflegt, bleibt der ewige Einzelgänger, der abseits steht, dabei ein bisschen traurig ist, weil nichts sich als so tief und so vollkommen erweist, wie man sichs erträumt hat, und daneben ist er auch ein bisschen amüsiert, weil die Leute gerade in ihrer Unvollkommenheit so komisch sind. Wenn man beim Lesen sich Maurice so vorstellt, wie er in seiner kahlen Behausung aufschreibt, was ihm widerfahren oder eben auch nicht widerfahren ist, da kommt einem unwillkürlich ein kleines Gedicht von Robert Walser in den Sinn (wie ja überhaupt bei Zschokke manche Klänge an Walser erinnern): «Ich mache meinen Gang; / der führt ein Stückchen weit / und heim; dann ohne Klang / und Wort bin ich beiseit.»

Charles Cornu, "Der Bund", Bern, 23.2.2oo6  

 

Der Mann im Café Solitaire

«Maurice mit Huhn» - Matthias Zschokkes berückender Roman

 

Matthias Zschokke hat eine leichthändige Romankomödie geschrieben. Sie ist witzig, doch lauert am Rande die Finsternis. Nichts Menschliches fehlt. Göttliches scheint kaum auf - es sei denn als der reine Klang eines Cellos, das von irgendwoher durch die Wände dringt. Miniaturdramen folgen aufeinander, gelebt von anrührenden Leuten, vor allem von Maurice, der Hauptfigur. Einer liebenswürdigeren Gestalt begegnet man in der neueren Literatur nicht leicht. Nicht einmal bei Zschokke selber. Dabei gibt er sich Mühe, seinen Protagonisten auch ein bisschen lächerlich erscheinen zu lassen.
Hintersinnige Geschichten

Aber nur ein bisschen. Maurice hat den überlegenen Charme der Erfolglosen, die den Erfolg durchschauen und darum verweigern. Er ist ein trauriger Clown, über den man laut lachen kann, auch dann, wenn man mit ihm leidet. Manchmal lacht man qualvoll. Weil er so Recht hat mit seinen schwarzen Gedanken zum Leben, zum Heute, zum Ort, wo er wohnt, Berlin. Maurice stammt aus der Schweiz, aus dem gleichen Dorf wie der berühmte Maler, der in Paris einst Furore machte mit Bildern von Bauernkindern. Dieser malte auch Porträts seines Sohnes Maurice. Darum trage er diesen Namen wie viele andere in jenem Dorf im Grossen Moos beim Städtchen L., erklärt der Romanheld. «Maurice mit Huhn»: das Bild Albert Ankers ziert den Umschlag.

Der Autor - auf einer neuen Höhe seiner Kunst - lässt seinen Mann schreiben. Maurice fährt von der Wohnung beim Bahnhof Zoo täglich mit dem Fahrrad zum Büro im öden Nordosten Berlins. «Kommunikationskontor» heisst seine Firma. Er bestreitet sie allein, erhält hie und da Aufträge von Einwanderern, für die er amtliche Briefschaften erledigt. Daneben richtet er Briefe an Hamid, seinen ehemaligen Geschäftspartner, der in Genf längst einen besseren Job hat. Er schildert Hamid seinen Alltag in dem tristen Quartier, das dieser ja kennt. Er erzählt vom Café Solitaire, wo er trotz Sauerbratengerüchen täglich seinen Milchkaffee trinkt, von den Läden, die immer wieder aufgeben müssen, von den Bewohnern, für die es kein Entrinnen gibt aus dieser Randzone. Er berichtet von ihren Verlusten und Widersprüchen, auch von der Greisin, die, am Fenster ihres Hinterhofes kauernd, auf Maurice wartet. Sie bildet sich ein, er sei ihr Sohn.

Lauter verrückte und hintersinnig gewöhnliche Geschichten. Es sind diese tausendundein Geschichten, die bewirken, dass sich Maurice doch nicht unter die S-Bahn wirft. Denn er ist ein verkappter Schriftsteller. Wenn er schreibt, lebt er gern. Hierfür verbringt er seine Tage im Büro. Da gewinnt er seine eigene Sicht auf die Dinge, seine eigene Sprache. Ein Satz müsse stumm für sich allein stehen; sobald er vor Dritten geäussert werde, klinge er falsch. Darum schreibt er lieber, als er redet. Er ist ein zarter dichterischer Philosoph. Aber er wird nie abstrakt, sondern kleidet alles in grossartige Exempel.

Er erzeugt Spannung mit fast nichts. Zu einem Leitmotiv wird die Musik, die ihn manchmal mit Macht ergreift. Maurice phantasiert deren Urheber herbei, noch lieber deren Urheberin. Mit der «Cellistin» erträumt er eine Liebesstunde, deren üppige Schilderung jedem Erotikthriller wohl anstehen würde.

Dieser Roman ist dicht angefüllt mit Wirklichkeiten. Doch liegt auch ein Zwielicht darüber. Das kommt von Maurices fahler Seele. Er erfährt die Welt als «Zwischenreich», wie er einmal sagt, als eine Art Purgatorio. Überall nimmt er das Vergehen wahr. An den Uhren frisst der Rost, Autos schmelzen vor seinen Augen zu Klumpen zusammen. Dass nichts Bestand hat hienieden, ist an abgewetzten Orten augenfälliger. Weil er Oberflächen durchsichtig macht, liest man ihn gebannt, aber auch beklommen. Er erzählt auf so hartnäckig hinterhältige Weise, dass man bald an Beckett, bald an Robert Walser denkt. Das sind grosse Massstäbe, gewiss, aber Matthias Zschokke wird ihnen gerecht.
Kostbare Lektüre

Abgesehen von den eingeschobenen Briefen verzichtet der Autor diesmal auf jede aufwendige Erzählkonstruktion. Er erfindet kein Boot als Kleinstschauplatz wie im «Losen Glück», und er lässt auch keinen dicken Dichter sterben. Er beschränkt sich auf die Darstellung eines etwas kauzigen Daseins, das ab und zu unterweltlich fratzenhaft wird. Wenn er etwa erklärt, wieso in dem Quartier so viele Amputierte anzutreffen sind. Junge Ärzte brauchten für ihren Abschluss eine Brust, eine Niere, ein Raucherbein und bezögen ihre «Fälle» gern aus Randbezirken. Nicht dass die Leute bezahlt würden für ihre Körperteile. Doch die Aussicht auf ein warmes Essen und saubere Leintücher gewinne fast jeden für einen chirurgischen Eingriff. «Wer überlebt, flaniert hinterher durch die Quartierstrassen, die Versehrungen stolz zur Schau stellend wie solche aus einem grossen, ehrenvollen Krieg.»

Es gibt aber auch die «würgende Geborgenheit» des Schweizer Heimatidylls, in das Maurice hie und da zurückkehrt und wo er der merkwürdigsten Auftritte gewahr wird. Etwa in der Begegnung mit einer Schulklasse, die mit Koffern übers Feld zieht. Die Kinder müssten erfahren, was es heisse, vertrieben zu werden, erklärt der Lehrer dem verdutzten Auslandschweizer. Darum habe er sie nach Unterrichtsbeginn gleich wieder heimgeschickt und ihnen befohlen, innert kürzester Frist das Nötigste einzupacken.

Der pädagogische Einfall entspricht ungefähr der Forderung nach mehr «Erfahrenshintergrund», wie sie gelegentlich an verwöhnte Schriftsteller gestellt wird. Maurice liest darüber in der Zeitung im Café Solitaire. Etwas Krieg würde jeder Dichtung gut tun, so die Theorie eines «am deutschen Geisteshimmel neu aufsteigenden Denksterns».

Zschokkes Prosa ist auch diesmal nicht leicht zu fassen. Sie lässt die Welt fast banal erscheinen und rückt sie dabei unauffällig aus dem Lot. Der Menschenkosmos, den sie in Schieflage bringt, ist der unsere. Eine kostbare Lektüre.
Beatrice von Matt

"Neue Zürcher Zeitung", 25.2.2oo6

 

Vogelfrei vor Glück


Matthias Zschocke erzählt mit Schweizer Charme vom Berliner Stillstand
Von Ulrike Baureithel

Es ist natürlich eine Übertreibung, dass sich HartzIV-Geschädigte aus dem Berliner Wedding in der „Aussicht auf ein helles, warmes Zimmer, wochenlang frische Laken, regelmäßige Kost, menschliche Zuwendung drei mal am Tag und funktionierende Fernsehgeräte“ im nahe gelegen Universitätsklinikum ihre Glieder amputieren lassen. Auch die in den Schweizer Bergen handelnde Geschichte, in der inhaftierte Mörder und Betrüger Sänften aus Fahrradteilen zusammenschweißen, um auf karitativer Basis Gelähmte zu Bergtouren auszuführen, ist eine Mär und in diesem Fall, so ihr Erfinder, dem besonderen Schweizer Humor geschuldet.

Tatsächlich kann man Matthias Zschokkes neues Buch „Maurice mit Huhn“, mit dem sich der seit 1980 in Berlin lebende Autor nach vierjähriger Pause zurückmeldet, auf jeder beliebigen Seite aufschlagen und eine mehr oder minder skurrile Geschichte, eine lebenskluge Betrachtung oder einen entlegenen Wahrnehmungssplitter finden: blutvoll genug, um eigenständig bestehen zu können, zugleich „in schönster Rondomanier“ in die anderen Teile eingebunden.

Den erzählerischen Grundton übernimmt dabei ein Cello, das schon in Zschokkes 2002 veröffentlichtem Erzählband „Ein neuer Nachbar“ eingeführt und mit dem Versprechen „Fortsetzung folgt“ versehen wurde. Nun also erklingt dieses Cello erneut, versteckt in einem Hinterhaus im Berliner Nordosten, wo es Maurices Aufmerksamkeit erregt. Dieser Maurice, der sich selbst als „unscheinbar und uninteressant“ empfindet, unterhält dort ein „Kommunikationsbüro“, wo er, da er sich keine bessere Adresse leisten kann, seine Dienste anbietet. Meist allerdings sitzt er untätig am Schreibtisch, im Café „Solitaire“ am nah gelegenen Nettelbeckplatz oder flaniert durch den Kiez. Denn im Hauptberuf ist Maurice Wahrnehmungssensor, der den langsamen Niedergang seiner Umgebung – den Wechsel der Pächter, den Ausverkauf der Läden und die fehlgenährte Blässe der Bewohner - minuziös registriert: „Wer es nicht schafft, rechtzeitig wegzuziehen, versickert und verendet hier.“

Allerdings leidet Maurice auch an einer Sprechhemmung, die um so dramatischer wird, je mehr die Zeit um ihn herum stillzustehen scheint. Mit seinem Schauspieler-Freund Flavian mag er sich schon nicht mehr treffen, weil er das „dumme Zeug“, das dann aus ihren Mündern stürzt, nicht mehr ertragen kann. Die Frau, die ihm gegenüber sitzt und die „die Rolle seiner Geliebten übernommen hat“, liebt er schweigend; soziale Kontakte hält er für eine Zumutung. Nur in den Briefen an den fernen Freund Hamid, der seine Büromiete finanziert, spricht er von seiner Befindlichkeit und sagt „ich“.

Maurice erzählt in diesen Briefen auch vom Cello hinter der Wand, von seiner Freude am Spiel, von der Betrübnis, wenn es ausbleibt: In welchem Haus mag es sich verbergen, von wem wird es gespielt, ist ein Talent, gar ein Genie am Werk, und hat es in diesem dahindümpelnden Teil der Stadt überhaupt eine Chance? Maurice führt lange Monologe mit dem Cellisten und treibt’s mit der Cellistin auf dem Balkon. Verstummt das Cello einige Tage, fürchtet er, es sei ermordet worden oder ins angemessenere Zehlendorf verzogen. Seine Versuche, das Instrument aufzuspüren, bleiben halbherzig und im Ansatz stecken; lieber blättert er im Duden nach vergessenen Wörtern, widmet sich der akkuraten Beschreibung Berliner Durchsteckschlösser oder einer Kamelie, die, obwohl kleinwüchsig und verkrüppelt, „Winter für Winter die schönsten, sehnsuchtsvollsten Blüten aus sich heraus“ erzeugt.

Dieses süchtige Sehnen in der dahin- tröpfelnden Zeit, in der Sekunde für Sekunde „alles geschieht“ und die doch nur als Stillstand empfunden wird, ist Zschokkes Thema und Erzählprogramm. Gleichgültig, ob er von der siechen Greisin am Fenster berichtet (in der Rolle von Maurices Mutter), Maurice an die Stätten seiner Kindheit zurückreisen oder einfach nur das still gestellte Genregemälde „Maurice mit Huhn“ aufleben lässt, überall treibt ihn die Frage, „wofür wir leben, wenn wir bleiben, was wir waren“.

Dieser zutiefst barocke Weltzweifel ruft ein Teatro mundi auf, auf dem die Spieler ihre Füße in „schmerzende Schuhe“ zwängen, weil es „Anstrengung und Kühnheit erfordert“, von Schuhen und vom Leben „zu verlangen, dass sie passen“. So„verkürzen sie sich ihre lange Weile“ mit erfundenen „Geschichten mit Hand und Fuß, Anfang und Ende, Aktionen und Reaktionen, Ursachen und Wirkungen“.

Solche „handwerklich gut durcherzählten, schnellen Geschichten“, in denen die „Rhythmusstörung“, der „Aussetzer“ die Form diktiert, interessieren den 1954 in Bern geborenen und im Aargau aufgewachsenen Matthias Zschokke erklärtermaßen nicht. Dabei haben das Theater- und Filmgewerbe, in dem er sich ebenfalls einen preiswürdigen Namen gemacht hat, sichtlich ihre komischen Spuren hinterlassen: Chirurgische Schnitte unterbrechen den Wahrnehmungsfluss, maßgeschneiderte Sentenzen stören das treibende Erzählgut, Distanzgesten die Illusion – und schwebende Motive geben Rätsel auf.

Hühner gehören übrigens seit seinem ersten [recte: letztem] Roman „Das lose Glück“ (1999) zu Zschokkes Lieblingsmotiven. „Gerupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben“, heißt es dort programmatisch, „die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten … vogelfrei, im losen Glück.“ Listig hat Zschokke das Huhn nun Maurice in den Arm gelegt, auch dieser nichts weiter als „ein Wissenskörner pickendes Huhn“. Vielleicht sollte man dieses Buch genauso lesen: pickend über die Seiten schreiten, sich hinhocken, wieder aufstehen und dabei nicht das Gleichgewicht verlieren.

"Der Tagesspiegel", Berlin, 26.2.2oo6

 

Das Leben ist ein Mysterium

Matthias Zschokke: "Maurice mit Huhn"

Rezensiert von Jörg Magenau

In dem neuem Buch des Berliner Autors Matthias Zschokke, "Maurice mit Huhn", geht der Leser zusammen mit dem Flaneur Maurice auf eine Entdeckungsreise in der Großstadt Berlin. Das Alter Ego des Autors Maurice erlebt nicht viel Spannendes, es ist vielmehr der Rhythmus und Fluss des Lebens, den er mit Präzision liebevoll dokumentiert. Als schweizerischer Erzähler in der Tradition Robert Walsers begegnet Zschokke dem Mysterium "Leben" staunend und erzählend.
 

In Matthias Zschokkes Erzählungsband "Ein neuer Nachbar" gab es eine Geschichte mit dem Titel "Das Cello". Sie handelte von einem Mann, der durch die Wand seines Büros immer wieder die Töne eines Cellos hört. Die Klänge faszinieren ihn, und er stellt sich vor, wer dort im Verborgenen übt.

Es gelingt ihm nicht zu lokalisieren, woher die Musik kommt: irgendwo aus dem Nachbarhaus in einem verwinkelten Berliner Hinterhofkomplex. Doch eigentlich will er es auch gar nicht wissen. Seine Suche bleibt halbherzig, und die Phantasien um eine schöne Cellistin sind zu kostbar, als dass sie durch eine Enttäuschung in der Wirklichkeit aufgewogen werden könnten.
Die Geschichte endete mit dem lakonischen Vermerk: "Fortsetzung folgt". Der Roman "Maurice mit Huhn" ist nun diese Fortsetzung, wenn man bei einem Buch, das allerlei Geschichten, Beobachtungen, Empfindungen, Reflexionen und Aphorismen versammelt, überhaupt von einer Fortsetzung reden kann. Eine nacherzählbare Handlung gibt es nicht. Vielmehr geht um das Leben selbst, um das Verstreichen der Zeit, den Alltag und das Altern und um die Wahrnehmung der Dinge.

"In jeder Sekunde geschieht alles", heißt es an einer Stelle, "doch wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das Außergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen."

Also kann in diesem außergewöhnlichen Buch alles interessant werden: die Spatzen, die im Sand baden, ein Besuch beim Arzt, die Veränderungen in der benachbarten Konditorei, der Wechsel der Jahreszeiten und die Läuse im Efeu, das notorische Fensterputzen und eben auch die Töne eines Cellos.

Matthias Zschokke wurde 1954 in Bern geboren und lebt seit 30 Jahren als Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor in Berlin. Mit Maurice hat er sich ein Alter Ego geschaffen, einen Flaneur in der Großstadt, der gerne mit dem Fahrrad unterwegs ist und der die abgelegenen Gebiete bevorzugt. Im Wedding hat er einen Büroraum gemietet, wie Zschokke selbst. Allerdings ist Maurice kein Schriftsteller, sondern betreibt ein "Kommunikationskontor".

Dort übernimmt er die Amtskorrespondenzen für "ausländische und orthographisch benachteiligte Mitbürger". Das heißt: Er hat so leidlich sein Auskommen, sitzt aber sehr oft einfach nur herum, denkt nach und schreibt ein paar Briefe an seinen Freund Hamid (der am Ende stirbt). Der erste Satz des Romans ist Programm: "Wieder nichts zu tun gehabt."

Zschokke ist ein sehr schweizerischer Erzähler in der Tradition Robert Walsers. Action- und spannungsorientierte Leser müssen vor ihm gewarnt werden. Alle anderen können in seinen Büchern auf Entdeckungsreisen gehen. Maurice preist die Stille und möchte am liebsten, wie alle echten Indianer, unhörbar sein, wenn er sich durch die Welt bewegt. Menschen zu begegnen und gar Gespräche führen zu müssen ist ihm zuwider. Reisen hält er eigentlich für überflüssig, unterzieht sich aber dennoch immer wieder dieser Anstrengung.

Mehrmals reist er in sein Schweizer Heimatdorf, wo er Seltsames erlebt: Eine Schulklasse mit Koffern in der Hand marschiert durch den Ort, weil die Kinder, wie der Lehrer erklärt, begreifen sollen, was es bedeutet, vertrieben zu werden. In diesem Ort bei Bern löst sich auch das Rätsel des Romantitels: "Maurice mit Huhn" ist ein Bild des hier geborenen Malers Albert Anker, eines Naturalisten aus dem 19. Jahrhundert. Ihm, der einst häufig nach Paris reiste, ist es zu verdanken, dass auch heute noch die Züge hier halten und dass die Jungen im Ort häufig "Maurice" heißen.

"Maurice mit Huhn" ist ein Roman, der wie eine Wundertüte funktioniert. Er enthält großartige Geschichten - ob vom sterbenden Präsidenten Mitterand oder von homoerotischen Kindheitserfahrungen. Die Töne des Cellos aus dem Nachbarhaus verbinden die disparaten Momente. Das Leben ist ein Mysterium, dem man nur staunend - und das heißt: erzählend - begegnen kann. Doch das Verstreichen der Zeit lässt sich nicht fassen.

"Nicht einmal das Leichteste, nicht einmal meinen Schatten und meinen eigenen Geruch kann ich halten, nichts, alles löst sich auf", notiert Maurice.

"Deutschlandradio Kultur", Berlin, 27.2.2oo6  

 



 

Das Aussergewöhnliche im Alltag

 In allen Sparten und Tönen gewieft: Der in Berlin lebende Berner Matthias Zschokke hat einen wunderbaren Roman über die Frage nach der Identität geschrieben. Am 6. März stellt er seinen «Maurice mit Huhn» in Bern vor.

JOHANNES KÜNZLER

 Maurice ist ein Prachtexemplar, ein wahrer Antiheld. Im trostlosen Nordosten Berlins betreibt er ein «Kommunikationskontor», eine Schreibstube für weniger Wortgewandte. Ab und zu fährt er ins Schweizer Seeland, wo er die Orte seiner Kindheit besucht. Maurice findet, er führe ein unspektakuläres Leben. Gerne schlendert er herum, beobachtet das nahe Liegende – und freut sich daran. Doch oft überkommt ihn das Gefühl, das richtige Leben ziehe an ihm vorbei.
 

Nach jedem Ausbruchversuch, die «Wirklichkeit» zu spüren, findet er sich schon in Kürze am Schreibtisch und in seine Gedanken versunken wieder. Von irgendwo drüben hinter den Wänden tönt sanft ein Cello herüber, Maurice möchte den Cellisten oder die Cellistin aufsuchen – er tut es nicht. Lieber denkt er sich Szenen einer solchen Begegnung aus. «Wissen ist grauenvoll, erholsam dagegen das Ahnen», meint er.
 

Blubbern im Kopf
 

So ist Maurice – dieser exemplarische Protagonist aus Matthias Zschokkes Figurenkabinett. «Irgendwann hat Maurice damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Zu allem fiel ihm das eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen Gegenteil, weswegen er, weil er sich immerzu ins Wort fiel, schliesslich die Lust verlor, überhaupt noch etwas zu sagen.» Und Maurice’ Gedanken- und Redefluss mäandert immer fort.
 

Lässt er sich zuerst von einem Erzähler vorführen, nimmt er diesem unvermittelt das Wort, um selber weiterzusprechen. Das Spiel mit der Erzählperspektive – das Matthias Zschokke bereits in früheren Romanen getrieben hat – geht so weit, bis die Erzählfigur perplex bemerkt: «Was für ein Durcheinander. Wer hat dazwischen gesprochen? Maurice’ Freund? Ein Jugendfreund? Ein weiterer Maurice?»
Dem 52-jährigen Berner Seeländer Matthias Zschokke, der seit 1980 in Berlin lebt, geht es weniger um das Autobiografische, obwohl auch in diesem Roman einige Passagen auf seinen Lebenslauf verweisen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Identität zu fassen ist: Nur punktuell, aus verschiedenen Blickwinkeln, muss die Antwort lauten. Ganz so, wie Zschokkes Roman kein klassisches Roman-Ganzes ergibt, sondern sein «Panorama» aus unzähligen Fragmenten zusammensetzt, wobei die Leser die Lücken und Sprünge selber ausmalen dürfen.
Ganz nach Zschokkes Manier gibt es in «Maurice mit Huhn» keine eigentliche Handlung, sondern vielmehr ein träumerisches Assoziieren und Collagieren zahlloser Szenen, Geschichtchen und Gedankenfetzen: Wie zäh sich in der Sommerglut die Spree durch Berlin schiebt, wie sich ein Arbeitsloser im Café «Solitaire» beschäftigt gibt, welchen Genuss ein Gnagi verspricht und dies nicht halten kann und so weiter.
 

Stöbern im Alltag
 

Somit sind Buch und Figuren fest in unserer Welt verankert: Wenn die Rede auf jenen unseligen 11. September, die Flexibilisierung der Arbeitswelt oder etwa auf die Frage kommt, warum Albert Ankers Bilder gerade in den Sammlungen «konservativer, politisch reaktionärer Kreise» wiederzufinden sind, manifestiert sich sogar ein Realismus, den heute so manche Schriftsteller geradezu demonstrativ aussparen, fürchtend, es würde ihre Kunst herunterziehen. Matthias Zschokke geht damit ohne Scheu um und lässt sein Sprachrohr Maurice festhalten, dass im Alltäglichen das Aussergewöhnliche stecke und dass es bei der Kunstproduktion ja um die Behandlung des Stoffes gehe und nicht um den Stoff an sich.
 

Verwandlung der Welt
 

Zschokke ist in allen Sparten und Tönen gewieft: Für seine Romane, Theaterstücke und Spielfilme ist der ausgebildete Schauspieler deshalb mit Preisen geradezu überschüttet worden. Nicht zuletzt wegen der brillanten Technik sprudelt auch das neue Werk trotz melancholischem Grundton schalkhaft und gewitzt. Die Beschreibungen sind meisterhaft. Nur ab und zu möchte man nörgeln, die Sprache sei etwas gar überkandidelt, doch vergisst man das Kriteln sofort wieder, da einen der Schreibe Fluss einfach weiterreisst.
 

Auch dass der Autor da und dort auf Motive und Szenen bereits erschienener Erzählungen zurückgreift, tut der Sache keinen Abbruch. In einen neuen Zusammenhang gestellt und/ oder neu formuliert, verwandelt sich Zschokkes Welt gerade selbst. Dieses Dichten funktioniert; es ist klug und gut gemacht und überaus anregend.

"Berner Zeitung", 27.2.2oo6



Der Genuss, loszulassen
MATTHIAS ZSCHOKKE: »Maurice mit Huhn« 
 
Von Heide Grasnick 
 
Sie können ihn aufschlagen, wo Sie wollen, und werden erleichtert spüren, wie Sie beim Lesen loslassen, weil da endlich einer ... nicht um Ihre Gunst buhlt«. So Matthias Zschokke über Robert Walser, nachzulesen in seinem Band, »Der neue Nachbar«. In Bern geboren, wohnt und arbeitet der Autor seit fast 25 Jahren in Berlin. Für seine Theaterstücke, Filme, Erzählungen und Romane hat er renommierte Literatur- und Theaterpreise eingesammelt. Aufschlagen, wo man will und beim Lesen loslassen, in diesen Genuss kommt auch der Leser von »Maurice mit Huhn«.


Der Autor und ein Ich-Erzähler durchstreifen den Berliner Wedding, eine Welt, die sie dem Leser in alltäglichen Episoden, witzigen Beiläufigkeiten, ernüchternden Betrachtungen nahebringen. Den Wedding hat Zschokke sich regelrecht vorgenommen. Die Verkäuferinnen im Supermarkt sind samt und sonders krank, die Pächter des Cafés um die Ecke wechseln ständig. Wer hier wohnt, will nur weg. So brillant schwarz und vernichtend räsonierte, deklamierte und schwadronierte sonst nur der Übertreibungskünstler Thomas Bernhard. Die wichtigsten Personen: Maurice, Schweizer Schriftsteller. Sein Freund, der Schauspieler Flavian; der persische Geschäftsmann Hamid, den Maurice aus der gemeinsamen Schweizer Internatszeit kennt und der ihn finanziell unterstützt. Die Freundin von Maurice. Eine Greisin, die seine Mutter ist.


Maurice radelt jeden Morgen in den trostlosen Berliner Nordosten und entdeckt auf dem Weg in sein »Kommunikationskontor«, das im Hinterhof eines ehemaligen Fabrikgebäudes liegt, die unscheinbarsten Dinge. Er erledigt für ausländische und andere orthographisch unsichere Mitbürger die Korrespondenzen mit Behörden, Krankenkassen und Vermietern. Maurice kann davon leben, mehr schlecht als recht.


Schlechter ergeht es dem Kleindarsteller Flavian, dessen Gesicht bei den Castingagenturen inzwischen als »verbraucht und nicht mehr vermittelbar« gilt. Im Gespräch mit Maurice führt er das große Wort. Doch beide verstecken sich voreinander, der eine hinter seinem Wortschwall, der andere, indem er schweigt. Dem Überlebenskünstler Hamid dagegen kann Maurice in langen persönlichen Briefen von sich erzählen. Reden kann Maurice mit der namenlos bleibenden Freundin, einer friedlich freundlich, blassen Figur, sein Halt. Die Mutter liebt ihren Sohn bedingungslos, doch er nicht sie: »Ihr Körper ist ausgeweidet von Dummheit.« Nüchtern, mit sich schützender Distanz, beobachtet er den körperlichen Verfall seiner Mutter, erinnert sich an ihr armseliges, angstbesetztes Leben. Lässt sie aber beim Sterben im trostlosen Altersheim nicht allein. Passagen, die für den Leser von verstörender Intensität sind.


Zschokkes Figuren sind müde. In ihrer Erfolglosigkeit glücklich eingerichtet, »trödeln« sie auf ihrem Lebensweg herum, »dem Start viel näher als dem Ziel«. Von Maurice heißt es, er sei bis heute dumm geblieben, lebe »in der beständigen Angst, enttarnt zu werden als das, was er ist und am Ende gewesen sein wird: ein Wissenskörner pickendes Huhn, das Huhn in seinen eigenen Armen«. Zu sehen als Bild auf dem Schutzumschlag. Der Autor hängt an seinem Stadtteil, an dessen Bewohnern, dem ganzen Ensemble. Doch drängt er sich dem Leser nicht auf, zwanglos darf dieser durch seine Welt flanieren. Festlegen will der Autor sich nicht, scheinbar wahllos lässt er die Figuren und Begebenheiten einander folgen. Fragmente sind ihm wichtig. Dem mit Zschokkes Werk vertrauten Leser kommt vieles bekannt vor. Er kennt den Berliner Nordosten, Hamid und den Cellospieler, der über sein Leben und die Suche nach dem Talent philosophiert: »Talent reift nicht. Es bleibt sein Leben lang eine Hoffnung«. »Warum ich das erzähle? Weil einen manchmal das Leben erwischt mit unfassbarer Schönheit und weil ich es wahrnehmen möchte, wenn es mir überraschend begegnet.«

"Neues Deutschland", Berlin, 15.3.2oo6

 


 

Dem Leben in die Augen schauen

Matthias Zschokke erzählt im Roman «Maurice mit Huhn» vom Glück des Faulen

«Maurice mit Huhn» ist ein Buch über das Naheliegende. Es lässt das Sichtbare und Fassbare, aus dem die Wirklichkeit wird, vorüberziehen. Matthias Zschokke holt daraus das Leseglück.

Eva Bachmann

Ist es ein Missgeschick oder vielleicht der brandaktuelle Kommentar zur Zeit, wenn in diesem Frühjahr der Vogelgrippe ein Buch erscheint, auf dessen Titelbild ein Kind zärtlich und vertrauensvoll ein Huhn an sich drückt? Die Koinzidenz ist zufällig – aber alles andere als unglücklich. Denn der Protagonist in diesem Roman verweigert grundsätzlich, sich auf eine medial gemachte Wirklichkeit einzulassen. Da werden sogar die einstürzenden Zwillingstürme zur Randbemerkung. Wichtig ist nicht, was grossgeredet wird. Sondern, was ihm tatsächlich zustösst. Und das ist nicht viel, aber eben real und darum wertvoll.

Die Gedanken ziehen vorbei

«Maurice mit Huhn» heisst das Bild von Albert Anker. Maurice, nach dem Sohn des Malers, heissen viele Seeländer Buben. Vielleicht auch Maurice, der Ich-Erzähler des Romans, der inzwischen in einem Aussenbezirk von Berlin gestrandet ist. Er mag dieses Bild, in dem das Leben erstarrt ist: Den Bauch des Huhns stellt er sich warm und prall vor, der Bub fühlt die weichen Flaumfedern an seinen Händen, er ist wach, stolz auf das Huhn – und weiss, dass er sich nicht rühren darf, damit das Bild etwas für die Ewigkeit wird. Ankers Kinderporträts werden heute hoch gehandelt, hängen in Museen; «die meisten Originale befinden sich jedoch in privatem Besitz. Wegen ihrer Motive und der naturalistischen Malweise sind es eher konservative, politisch reaktionäre Kreise, in denen sie gesammelt werden.»

So fliessen die Gedanken bei Maurice von einem zum anderen. «Maurice ist faul. Seinen Gedanken vermag er nicht zu folgen. Sie kommen vorbei, sehen ihn dösen, lassen ihn in Frieden und ziehen weiter.» Maurice hat nichts zu tun, er sitzt in seinem Kommunikationskontor und hört einer unbekannten Cellistin auf der anderen Seite der Wand beim Üben zu. Oder er fährt mit dem Velo durch Berlin, trinkt einen Milchkaffee in der Cafékonditorei, wo auch ein Arbeitsloser unauffällig Pause vom Nichtstun macht, zu Hause lebt er neben einer namenlosen Frau, die aus Gewohnheit seine Geliebte ist. Alles zieht an ihm vorbei. Unstrukturiert wächst sich das, was er sieht, in seinem Kopf aus und drängt in den Roman.

Eine Geschichte gibt es nicht. Matthias Zschokke schreibt eine Reihe kleiner Genrebilder mit einigen wiederkehrenden Motiven zu einem Buch zusammen. Als Stadtwanderer mit einem Blick für das Unauffällige gleicht er darin Robert Walser, nur seine Beobachtungen sind heutiger, es geht um Obdachlose, um billige Schuhe, das Gras im Asphalt, die Glaspaläste der Banken. Doch wie bei Walser sind Perlen in diese Prosa geknüpft, Sätze, die in aller Einfachheit von universell Gültigem handeln. «Man weiss selten, dass man glücklich ist, meistens nur, dass man glücklich war.»

Vom Wert des Erlebens

Maurices Lieblingsthema ist das Sein und Leben in der Wirklichkeit. In der Zeitung steht, «dass ein am deutschen Geisteshimmel neu aufsteigender Denkstern öffentlich die Meinung vertrete, ein Schriftsteller müsse erst etwas Herausragendes erlebt haben, etwa eine Prise KZ-Luft geschnuppert, bevor er anfangen dürfe zu schreiben.» Für Maurice ist der Duft von Lindenblüten im Juni herausragend genug. «Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman.»

Maurice verachtet jene, die sich in höllische Aktivitäten, gesellschaftliche Verpflichtungen, endloses Reden stürzen, um das Bedrohliche in ihrem Inneren zu übertönen, «um nicht endgültig den Verstand zu verlieren, was unweigerlich geschehen würde, wenn sie sich der Wirklichkeit aussetzen würden». Maurice überlässt sich der Wucht dessen, was von aussen auf ihn anstürmt, duldend, sich freuend, meistens still. «Stumme, antriebslose Menschen sind nicht unbedingt als solche geboren worden. Oft schaffen sie es bloss nicht länger, ihren von ihnen als solchen erkannten Blödsinn weiterhin zu äussern.»

Sensationslos

Bei so einem Satz müsste jeder verstummen – der Autor eingeschlossen. Matthias Zschokke, der seit vielen Jahren in Berlin lebende Berner Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor, schreibt zum Glück weiter. Den überragend konstruierten Plot hat er sich auch in diesem Buch leichthändig geschenkt, er vertraut auf das Glück des Flaneurs und seines Funds am Wegrand. Zum Glück für die Leser. Denn die Sensationslosigkeit gibt auch uns Gelegenheit, nicht der Story hinterher zu lesen, sondern auf den Rand zu achten. Auf die kleinen Kerben, die der Text dem Zeitgeist zufügt. Oder auf Zschokkes aussergewöhnliche Beschreibungen, etwa davon, wie sich die Farben der Dinge auf seinem Tisch verändern, wenn die Sonne hinter einer Wolke verschwindet. Wer das liest, denkt nicht so schnell daran, das Buch wegzulegen, um ein Tagwerk zu erledigen.

"St. Galler Tagblatt", 10.4.2oo6



Wo sich «nicht» auf «Licht» reimt
Peter Rüedi

Leben und leiden lernen beim Lesen: Matthias Zschokkes «Maurice mit Huhn» macht’s möglich.

Was sollen wir von so einem halten? Er sitzt im Nordosten der Stadt, wo Berlin am trostlosesten ist und sich längst aus dem Staub und Russ und Mief und Moder gemacht hat, wer noch einen Funken Hoffnung in sich trug; in diesem Niemandsland hockt der Mensch mit dem schönen Namen Maurice (einen Helden wollen wir ihn nicht einmal im negativen Sinn nennen) am Schreibtisch eines «Kommunikationskontors», den er vor undenkbaren Zeiten eingerichtet hat, um ausländischen oder sonst in deutscher Rechtschreibung behinderten Mitbürgern im Umgang mit der Welt, vor allem den Behörden, beizustehen. Er tut nichts.

«Wieder nichts zu tun gehabt»: So beginnt der «Roman». Die Leute können sich seine Dienste längst nicht mehr leisten, in diesem grauen, fahlen, petrolschwarzen, stumpfen, schlammfarbigen wüsten Land, wo «der Rost die Zeiger der Uhr annagt, die draussen an der Mauer hängt, rechts vor meinem Fenster, wenn die grünen Wiesen grau werden, die roten Dächer grau, wenn die Gebete, Seufzer und Flüche darüber zart aufsteigen wie Rauch im Winter, all dieses Material, aus dem das Bedürfnis nach Veränderung gekeltert wird». Alles fällt, an allem zieht mächtig die Schwerkraft. «Seit ich meine Zeit hier absitze», lesen wir, und: «Ich habe die letzten Monate wieder mit nichts als Aufstehen und Insbettgehen vertrödelt, ohne dass mir auch nur eine Minute daraus zur Erzählung geronnen wäre», und: «Maurice musste erkennen, dass auch er immer noch auf demselben Weg herumtrödelte, auf dem er schon immer herumgetrödelt hatte, auf dem Weg zu sich, und zwar wie alle: dem Start viel näher als dem Ziel.» Ein gnadenloser Langweiler, dieser Berliner Oblomow.

Der ihn erfunden und mit dem einen oder andern autobiografischen Detail ausgestattet hat (wie eine Voodoo-Puppe, deren Magie ohne ein paar Haare oder intime Accessoires nicht funktioniert ), muss nach einer Reihe von Prosaveröffentlichungen (u.a. «Max», 1982, «Der dicke Dichter», 1995), nach mehreren Theaterstücken und einigen Filmen – Matthias Zschokke muss, bei allem Lob, das ihm über die Jahre die Kritik zukommen liess, auch in seinem fünfzigsten Jahr damit rechnen, dass er vom sogenannten Normalleser selbst für einen Langweiler gehalten wird. Der ist zwar ein Phantom, der Normalleser, aber ein weitverbreitetes, aus allen zusammengesetzt, die, eben weil ihnen das «eigentliche» Leben von Alltag zu Alltag abhanden kommt, sich gern an Geschichten halten mit Hand und Fuss, Anfang und Ende, Aktionen und Reaktionen, Ursachen und Wirkungen, Leichen, Polizisten, Intrigen, Liebe, Leidenschaft, Schicksal, Tod. Das ist ein Zitat Zschokkes, und so geht es weiter: «Diese Geschichten schreiben sie nieder und verkürzen sich auf solche Weise immerhin ihre lange Weile.»

Langeweile verlängert den Tag

Zschokke dagegen ist ein «Langweiler» aus Vorsatz. Ein Metaphysiker der Langeweile und der Ereignislosigkeit. «In jeder Sekunde geschieht alles, doch wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das Aussergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloss vor, wir würden, wo immer wir gehen und stehen, Spatzen sehen, Hunde, Winde, die sich merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen – immer wieder natürlich und vor allem Menschen, von denen wir am allermeisten glaubten, längst zu wissen, wie sie sind, die wir für unseresgleichen halten und demnach für nicht weiter beachtenswert; doch wie sie sich verhalten, ist immer neu ganz und gar unbegreiflich.»

Das liest sich wie eine in dieses Buch, «Maurice mit Huhn», eingeschriebene Gebrauchsanleitung und ist auch eine – nicht ohne Selbstbewusstsein, ja, bei aller Selbstverkleinerung, die Zschokke sonst in der unverkennbaren Nachfolge Robert Walsers betreibt, nicht ohne eine gewisse Arroganz vorgetragen. Allein, anders lässt sich diese Ästhetik der gleitenden Assoziationen und der Beiläufigkeit nicht verstehen denn als ein Versuch, die Zeit anzuhalten in einem Flirren von disparaten Partikeln, Erzählperspektiven und (relativen) Verweigerungen von Aussergewöhnlichem. Die Preisgabe dessen, was die Literaturwissenschaft «auktoriale Erzählinstanz» nennt, also der Verzicht des Autors auf die Herrschaft über seinen Stoff, ist ein Akt der poetischen Befreiung. Wie der bewusste Umgang mit der langen Weile.

Zschokkes Haltung ist mit der eines Kindes vergleichbar, das sich einen «ganz langweiligen Tag» wünscht, weil «der nicht so schnell vorbei ist». Die Langeweile, die Faulheit als Methode: Sie macht die Zeit bewusst (die andere in ihrer Gier nach Ereignis und Spannung und Handlung totschlagen). «Maurice ist faul. Seinen Gedanken vermag er nicht zu folgen. Sie kommen vorbei, sehen ihn dösen, lassen ihn in Frieden und ziehen weiter. Er ist nicht in der Lage, einen von ihnen festzuhalten. Sie sind zu schnell.» Und: «Was für ein befreiender Tag, all die unterdrückten Dummheiten, die zurückgehaltenen Wörter und Laute auf die offene Wiese hinauszutreiben, sie laufen zu lassen, sie galoppieren und Sprünge machen zu sehen.»

Das ist, versteht sich, ein erzählerischer Trick. Eine Quadratur des Kreises. Wie schön (und im Hinblick auf Zschokke bedenkenswert) der Satz von Racine ist, nach welchem Kunst «etwas aus nichts machen» sei («L’art c’est faire quelque chose de rien»), so gilt doch selbst in diesen flüchtigen Sphären zumindest im übertragenen Sinn der Energiesatz: «Von nichts kommt nichts.» Das Nichts ist nicht ein pathetisch beschworenes schwarzes Loch – lesen wir mal einen Satz wie «Aus den geöffneten Fenstern gähnte schwarz das Nichts», nimmt sich der aus wie ein Stilbruch, wie ein Rückwärtssalto in eine Art Expressionismus. Das Nichts ist das Auge, wenn nicht eines erzählerischen Taifuns, so doch einer frischen und unvorhersehbaren poetischen Brise. Bei allen Strategien der Verfinsterung (sie bewirken gelegentlich einen geradezu heiteren Grimm, wie die Suaden von Thomas Bernhard) hat Zschokke eine ungemein leichte Hand, die Gelassenheit, den Wörtern, Gedanken, Sätzen die Zügel schiessen zu lassen und ein Klima der Beiläufigkeit herzustellen. Einen Hang zur unvermittelten Idylle hat er auch.

Humor hat er auch

Wie alle seine Bücher ist «Maurice mit Huhn» – der Titel ist der des berührenden Porträts, das Albert Anker von seinem fünfjährigen Sohn gemalt hat, es ist auf dem Schutzumschlag zu sehen: Einen Teil seiner Jugend verbrachte Zschokke im Seeland, im Anker-Dorf Ins –; wie alle Bücher dieses Autors ist auch dieses eine ganz unvergleichliche Mischung aus mutwilliger Verspieltheit und Melancholie (mit zum Glück nur sehr gelegentlichen Ausrutschern ins Preziöse: «Er trank in kleinen Schlucken und hatte dabei das Gefühl, in sich einen starken Vogel mit schillerndem Gefieder zu tränken» – na ja). Die unzeitgemässe Verbindung von Taugenichts und Weltschmerz («Eine gewaltige Trostlosigkeit ergreift ihn und füllt ihn süss aus», heisst es einmal) macht diese Prosa nicht eben tauglich für Hardcore-Inhaltisten oder auf «Handlung» Versessene unter den Lesern. Aber die, die ein Ohr dafür haben (oder auch nur die Bereitschaft hinzuhören), beschenkt sie mit einem eigenen erzählerischen Sound. Und mit einer auffallend sprachgestischen Komik. Denn Humor hat Zschokke auch.

Ersparen wir uns die Sisyphusarbeit einer Nacherzählung. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Systematik, mit der dieser fliessenden, spriessenden Prosa ohnehin nicht beizukommen ist: Die Rede ist in «Maurice mit Huhn» vom Mann Maurice und vom Bild dieses Namens; von einem in Genf weilenden reichen Geschäftsmann, an den gelegentlich Briefe geschrieben werden; von paradiesischen Ahnungen, die ein hinter einer Mauer erklingendes Cello auslöst (im Lauf des Texts, den wir nicht eine Geschichte nennen wollen, verwandelt es sich in ein Piano, zwischenzeitlich sogar in ein Fagott); von einer Begegnung mit dem verbitterten Cellisten und der zauberhaften Cellistin (beide fantasiert: Letztere in einer staunenswerten erotischen Slowmotion); von einer Frau, die die Rolle seiner Geliebten, einer Greisin, die die seiner Mutter übernimmt (Zschokke ist ausgebildeter Schauspieler mit einer Vergangenheit bei Zadek und anderswo); von Mitterrands letztem Silvester-Abendmahl, bei welchem der Todkranke gierig Ortolane verschlingt (geschützte Fettammern); von einem Städteflug nach Turin und Kongressen in Flughafengebäuden; von einer Rückkehr ins Dorf der Jugend; von einem fulminanten Lob der Trägheit und dem Porträt eines veritablen Heroen der Faulheit; vom wunschlosen Unglück des Betreibers einer bankrotten Druckpresse. Und immer wieder von bleichen, käsigen, verstummenden, zerfallenden Menschen in den Kaffees, Bäckereien, Metzgereien oder Papeterien des «verfluchten Orts» im Berliner Nordosten, von all seinen Grautönen und tiefen Himmeln und Trostlosigkeiten. Und ja, das auch: Vom bleichen und etwas faden unvergleichlichen Genuss eines original bernischen Gnagis erzählt es auch, dieses Buch.

Wer wie Zschokke von nichts erzählt, erzählt von Gott und der Welt. Also von allem.

"Die Weltwoche", Zürich, Nr.17/ 2oo6

 

 

Wonne der Langsamkeit
 
Hinreißend kritisch: Matthias Zschokkes "Maurice mit Huhn"
 
VON HANSJÖRG GRAF
 

Maurice mit Huhn heißt der neue Roman von Matthias Zschokke, dem in der Schweiz geborenen, aber seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Autor und Filmemacher. Der Buchtitel ist ebenso erklärungsbedürftig wie das gleichnamige Bildmotiv auf dem Umschlag. Porträtiert ist der etwa fünfjährige Sohn des Malers Albert Anker (1831 - 1910), der im gleichen Dorf des Kantons Bern aufgewachsen ist, aus dem Zschokke stammt. Maurice, der mit seinem "blauen, rockartigen Bauernhemd" auch ein Mädchen sein könnte, presst ein weißes Huhn an seine Brust; "nein, er presst es nicht an sich, er trägt es vielmehr, liebevoll an sich geschmiegt auf seinen Armen."

Wer dieses Bild "übersetzt", entdeckt in ihm eine zeitlich begrenzte Rückkehr des Verlorenen Sohnes: Zschokkes Maurice, ein Oblomow des 21. Jahrhunderts, zieht es hin und wieder an die Stätten seiner Kindheit; er gestattet sich kleine Fluchten. Dennoch hält er am Provisorium Berlin fest, wo er im Nordosten der Stadt ein "Kommunikationskontor" betreibt, doch alle sozialen Kontakte meidet. Ist dieser Solitär ein Wanderer zwischen zwei Welten? Sind diese Welten nur im Traum Realität?

Maurice macht sich nichts aus Fakten; aber ein Tag ohne Events wird für ihn zum Ereignis. So erlebt er einen Sommertag in der Landschaft seiner Schweizer Anfänge. Es ist ein "schöner Tag" für ihn. Im Gastgarten eines Hotels riskiert er einen Smalltalk mit einer Dame vom Nebentisch. Der Gegenstand dieses nur aus wenigen Sätzen bestehenden Gesprächs ist unverfänglich, ja nebensächlich; bloß die Tatsache, dass es zustande kommt, zählt: "Er hätte ihr gern noch gesagt, sie habe ihm Mut gemacht weiterzuleben, er habe ihr gern beim Essen zugeschaut." Doch dazu kommt es nicht mehr.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", heißt es bei Ludwig Wittgenstein. Das gilt auch für Maurice: "Kaum öffnet er seinen Mund, macht er Fehler und verdirbt alles. Ein Fall für den Psychiater, sagen einige. Vielleicht mag er sich aber einfach nicht erklären, weil ihm das Ungeklärte lieber ist." Ohne Zweifel: Zschokkes Hauptdarsteller - die Kette reicht von Max (1982) und Prinz Hans (1984) über ErSieEs (1986) bis zum Dicken Dichter (1995) und dem Neuen Nachbarn (2002) - leben in einer "Saturn-Zeit", um mit Anselm Kiefer zu sprechen; sie hören den Hufschlag der apokalyptischen Reiter; ihre Schwermut ist von Weltverständnis und Zeitkritik geprägt. Doch von Augenblick zu Augenblick wird ihnen bewusst, dass es sich entgegen aller Erfahrung lohnt, da zu sein. Maurice erlebt diesen Moment im Gastgarten eines Schweizer Hotels. Er entdeckt die Poesie in der Prosa seines Lebens.

"Dem Ziellosen nachjagen, dem Unbrauchbaren, Überflüssigen. Sich noch einmal und noch einmal wiederholen. Darauf beharren. Lieber sich zerstören lassen, als eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Lieber sich von ihm überrollen lassen, als auf den Wagen der Vernunft aufzuspringen." Was Matthias Zschokke auf den letzten Seiten seines Romans Maurice mit Huhn mit dem Nachdruck von Maximen formuliert, entzieht sich einer eingleisigen Erklärung: Es sind Leitsätze, die das Glück des Irregulären feiern; gleichzeitig erinnern sie aber auch an das "Programm" eines Romans, der diese Gattungsbezeichnung nach allen Regeln der Kunst ad absurdum führt. Was vorliegt, ist ein Pasticcio aus Geschichten, Skizzen, Lesestücken und Denkbildern - um nur die wichtigsten Varianten von Zschokkes Kleiner Prosa zu nennen. Von einem roten Faden kann nicht die Rede sein, wohl aber von der Klammer, die Maurice' "Suche nach Wirklichkeit" bildet. Was auf den ersten Blick plakativ wirken mag, präzisiert schon der nachfolgende Satz, wo vom "Verlangen nach Welt, Blut, Luft, Strafe, Schweiß" gesprochen wird.

Das Unscheinbare entpuppt sich als das Allumfassende. Zschokkes Minimalismus erschließt einen Makrokosmos: Maurice, der alles sieht, ohne selbst gesehen zu werden, beobachtet einen Rentner, der mit Hilfe eines Feldstechers einen Plattenbau im Visier hat. "Warum der Rentner die Rede wert ist? Als er auf die Straße trat, öffnete sich vor Maurice einen Moment lang der ganze kleine Tag, das ganze Leben."

Zschokke beschreibt Maurice als einen, "der keinen Tag vergehen lässt, ohne sich mit dem gewöhnlichen Leben zu beschäftigen". Das Leben als Lektion: Der enzyklopädische Ansatz in Maurice mit Huhn äußert sich auch in Gedankengängen, die von der Gentechnologie über Goethes Faust und den Jugoslawienkrieg bis zu den Obdachlosen auf dem Berliner Nettelbeckplatz reichen. Zschokke will denen, "die noch leben, erzählen, wie es war, als sie lebten". Er fühlt sich einer großen aufklärerischen Tradition verbunden, indem er rigoros zwischen Sein und Schein unterscheidet.

Die Polyphonie von Maurice mit Huhn - "Was für ein Durcheinander" - schließt nicht aus, dass gerade in den Randbemerkungen und Klammersätzen sich der Geist von Zschokkes Roman unmittelbar artikuliert. Im Beiseitesprechen verwandelt sich die Marginalie in einen Schlüsseltext: "Was für ein Vergnügen, in einer Stadt zu leben, die so gut duftet." So mutiert der Melancholiker zum Hedonisten; Widerspruchsgeist und Sanftmut präsentieren sich als Gegensatzpaar.

Wer sich auf Zschokkes siebenten Roman Maurice mit Huhn einlässt, darf nicht mit Action rechnen; dafür tauscht er die Wonnen der Langsamkeit ein. Es zahlt sich aus, mit Maurice auf die Suche nach einem Cello zu gehen, dessen Klänge die Fantasie des Hörers in Trab setzen; das Tempo des Erzählers verführt den Leser aber auch dazu, ganze Passagen und einzelne Sätze auf der Zunge zergehen zu lassen. Doch wer sich über die Angemessenheit solcher Vergleiche mokiert, lese den letzten Satz des Romans: Maurice und seine Freundin besuchen ein Restaurant. "Dann betrachten sie glücklich das Essen vor sich auf dem Tisch und schweifen in Gedanken ab."

"Frankfurter Rundschau", 3.5.2oo6
 


Lob des Schlendrians

Matthias Zschokke bummelt durch Berlin

Faulheit«, wie der Aphoristiker Cioran schrieb, »ist Skeptizismus des Fleisches.« Nach dieser Definition wäre Maurice, die Hauptfigur in Matthias Zschokkes neuem Buch, von besonders tiefer Skepsis erfüllt. Entweder sitzt er seine Zeit im Café ab, oder er setzt sich auf sein Fahrrad, um gemächlich durch den Berliner Wedding zu kurven. Dort, wo die Mieten günstig sind, unterhält er ein »Kommunikationskontor«, das Hilfe bei amtlichem Schriftverkehr offeriert. Nur dass Maurice keine Aufträge bekommt. Was einesteils seiner Trägheit geschuldet ist, nicht zuletzt aber auch seiner bedrohlich fortgeschrittenen Einsilbigkeit. Gespräche sind ihm zuwider.

So entfaltet sich der urbane Bummelalltag eines Eigenbrötlers, der zwar nichts zu tun, dafür aber umso mehr zu gucken und zu staunen. Denn, so sagt es der Erzähler: »Wer etwas genauer hinschaut, wird feststellen, dass sich in seiner unmittelbaren Umgebung die unfassbarsten Tragödien und Komödien ereignen und er gar nicht ins Phantasiereich der anderen auszuwandern bräuchte, um angeregt zu werden.« Das ist, in nuce, Zschokkes Poetik. Dafür ist er ihm gerade der Solothurner Literaturpreis zugesprochen worden – für »poetischen Widerstand gegen die Hektik und die Vergesslichkeit unserer auf Effizienz gestimmten Epoche«. Maurice, augenzwinkerndes Alter Ego des Autors, setzt diese Haltung konsequent um: Schauend wird ihm die Welt zur Wundertüte. Es sind die Sensationen des Beiläufigen, die sich das Leben zwischen Hinterhof und Straße ausdenkt, die Absurditäten am Rande, die unser Pedalritter zu heiter-melancholischen Gedankenketten verarbeitet.

Die Handlung ist mithin das Unwichtigste an diesem »Roman« genannten Textgeflecht. Matthias Zschokke, der 1954 in Bern geborene Berliner, schreibt aber keine Romane im landläufigen Sinne. Sein Erzählverfahren lässt sich vielmehr mit dem vergleichen, was Robert Walser als »Alltagsvertiefungsversuche« bezeichnete. Es ist ein sprunghaft-assoziatives Erzählen, das eben nicht der gut gebauten Story, sondern im scheinbar Belanglosen das Ganze entdeckt. Entsprechend kann für ein »Wissenskörner pickendes Huhn« wie Maurice unterschiedslos alles interessant werden: das Arrangement einer Schaufensterauslage, ein Zeitungsbericht über Wildschweine, unbequeme Schuhe, ein Verkehrsdelikt et cetera.

Dieser typische Zschokke-Held hat »nie richtig gelernt zu denken« – was wir ihm danken. Denn dadurch kommt er auch gar nicht erst auf die dumme Idee, aus seiner Anschauung der Welt eine Weltanschauung zu synthetisieren. Alles, was ihm ins Auge fällt, bleibt fragmentarisch. Umso erstaunter wird der Leser feststellen, dass all die Wahrnehmungssplitter am Ende durchaus ein Bild ergeben. Vordergründig fügt es sich zu einem Porträt des Dichters als tüchtigem Taugenichts. Insofern hätten wir es mit einem Künstlerroman zu tun. Man kann dieses poetisch getönte Buch aber auch noch ganz anders lesen.

Je länger wir Maurice durch seinen Stadtbezirk begleiten, desto mehr gewinnen wir den Eindruck, dass alle Zeichen auf Verfall stehen. Im Wedding sehen selbst die Ärzte blass aus. Die Geschäftspleiten mehren sich, bei den Mütterlein reicht das Sterbegeld nur noch für eine »Blitzbeerdigung«. Der Protagonist wird zum Chronisten des Niedergangs des traditionellen Arbeiterviertels. So ist der Roman auch eine subtile Sozialstudie: In den Realitätspartikeln, die Maurice zusammenträgt, spiegelt sich die Misere der Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht. Sage niemand, unser Nichtsnutz sei zu nichts nütze.

"Die Zeit", Hamburg, 1.6.2oo6

 

*

 

 

Matthias Zschokke, Schweizer Dichter & Filmemacher, mittlerweile 51, hat in den letzten 2o Jahren acht Prosabände, acht Theaterstücke und drei Spielfilme vorgelegt. Er ist vielfach mit Preisen ausgezeichnet worden, und die Brockhaus-Enzyklopädie nennt seinen Namen. Zwar gab es zahlreiche (und bei weitem überwiegend positiv wertende) tagespublizistische Bemühungen um sein Werk (die in der Bibliographie verzeichnet sind), jedoch blieb ihm "breite" Anerkennung bislang versagt. Wie für manch anderen Großen der Literatur in der Vergangenheit gilt immer noch -leider- auch für Zschokke, den Eigenbrötler, den Einzelgänger, den durch nichts und niemanden Vereinnahmbaren, den im heutigen Literaturbetrieb Unzeitgemäßen, den wundersam wunderbaren Fremdling, Ariosts Wort: "Es hat in unserer Mitte Zauberer..., aber niemand weiß sie."

 

 

 

 

 


 



Bibliographie 1981-2oo6

I. Veröffentlichungen von Matthias Zschokke

1. Prosa


Max. Roman. München: List 1982; 2. Auflage 1982; Frankfurt/M.-Berlin- Wien: Ullstein 1984 (Taschenbuch Nr. 261o4); Genève: Zoé 1988; Nimes: Chambon 1989; Genève: Zoé 2oo4 (Poche 29) [Übersetzung: Gilbert Musy; Nachwort: Heinz F. Schafroth]
Prinz Hans. München: List 1984; Frankfurt/M.-Berlin-Wien: Ullstein 1986 (Taschenbuch Nr. 2o797)
ErSieEs. München: List 1986; Hamburg-Zürich: Luchterhand 1992 (SL 1o28) [Überarbeitete Ausgabe]
Piraten. Roman. Frankfurt am Main: Luchterhand 1991
Der dicke Dichter. Roman. Köln-Basel: Bruckner & Thünker 1995; 2. Auflage 1995
Das lose Glück. Zürich: Ammann 1999; 2. Auflage 2ooo [Broschur]; Hamburg: Gemstar eBook 2ooo; Bonheur flottant. Genève: Zoé 2oo2 (Übersetzung: Patricia Zurcher)
Ein neuer Nachbar. Zürich: Ammann 2oo2; Berlin, l'éternel faubourg. Genève: Zoé 2oo3 [Minizoé Nr. 61 - Drei ausgewählte Texte](Übersetzung und Nachwort: Patricia Zurcher); Novi susjed. Zagreb: Durieux 2oo5 (Übersetzung: Štefica Martić)
Maurice mit Huhn. Zürich: Ammann 2oo6


2. Theater


Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind -oder wollen sie nicht-. Berlin: Kiepenheuer 1983 [Bühnenmanuskript]; [ohne Titel] gedruckt in: Prinz Hans. A.a.O.; Les élephants ne peuvent pas faire de cabrioles, parce qu'ils sont trop gros- ou n'on auraient ils pas envie? Lausanne: SSA [Société Suisse des Auteurs] 1999 [Bühnenmanuskript. Französische Übersetzung: Gilbert Musy]
Brut. Schauspiel mit Musik. Berlin: Kiepenheuer 1986 [Bühnenmanuskript]; Frankfurt am Main: Luchterhand 1991; L'Heure bleue ou la nuit des pirates. Carouge-Genève: Zoé 1993 [Französische Buchausgabe; Übersetzung: Gilbert Musy]
Die Alphabeten. Berlin: Kiepenheuer 199o [Bühnenmanuskript]; Literate People [Englische Übersetzung: Tony Meech]; Les Alphabètes [Französische Übersetzung: Gilbert Musy]; Los Alfabetos [Spanische Übersetzung: Victor-L. Oller];Pismennyja [Belarussische Übersetzung für eine Aufführung in Witebsk: Halina Skakun], München: Goethe-Institut 1996/ Berlin: Kiepenheuer 1996; Zimu [Chinesische Übersetzung: Wang Ge]. Beijing: Beijing Foreign Studies University 2oo2 [E-Book]
Der reiche Freund. Berlin: Kiepenheuer 1994 [Bühnenmanuskript]; gedruckt in: Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH/ SCHAUSPIEL Hannover (Hg.), Programmheft Nr.25, Spielzeit 1994/95; auf deutsch und französisch [L'Ami riche; Übersetzung: Gilbert Musy] in: MIMOS, Basel, 49.Jg., Nr.3/ 1997; in: Programmheft Theater St. Gallen, Spielzeit 2ooo/2oo1 [Überarbeitete Fassung]; L'amico ricco. Lausanne: SSA [Société Suisse des Auteurs] 2oo5 [Italienische Übersetzung: Daniele Morresi].
Die Exzentrischen. Berlin: Kiepenheuer 1997 [Bühnenmanuskript]
Tempi-Bar [Mini-Drama]. "Passagen/ Passages", Zürich, Nr.27/ 1999 [News & Dates]
Die Einladung. Berlin: Kiepenheuer 2ooo [Bühnenmanuskript]
Der Geburtstag des Sängers [Mini-Drama]. In:Stefan Koslowski, Andreas Kotte und Reto Sorg(Hg.), Berner Almanach, Bd.3/ Theater. Bern: Stämpfli 2ooo
Die singende Kommissarin. Berlin: Kiepenheuer 2oo1 [Bühnenmanuskript]
Raghadan. Berlin: Kiepenheuer 2oo5 [Bühnenmanuskript]
 

3. Film


Edvige Scimitt. München: Titania Film 1985 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Der wilde Mann. Zürich: LOOK NOW! 1988 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Erhöhte Waldbrandgefahr. Zürich: Lang AG 1996 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Ein Schiff zum Übersetzen. [Kurzfilm-Porträt von Gilbert Musy für das Schweizer Fernsehen] Zürich: SRG 1999
 

4. Hörspiel


Brut.[Fremdadaption] "Rias", Berlin, 17.1.199o; "DeutschlandRadio", Berlin, 21.7.2oo2
Die Exzentrischen. [Fremdadaption] "Saarländischer Rundfunk", Saarbrücken, 22.3.1998; dass.: "DeutschlandRadio", Köln; "Deutschlandfunk", Berlin, 15.12.1998
L'Ami riche. "RSR" ["Radio Suisse Romande"], Lausanne, 19.4.1998

 

5. Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien


Max auf der Suche nach sich selbst. "Bieler Tagblatt/ Seeländer Bote", 14.11.1981 [Auszug aus "Max"]
Max. "Der Bund", Bern, Nr.297/ 19.12.1981 - Nr.13/ 18.1.1982 [Abdruck in Fortsetzungen]
Ansprache Matthias Zschokkes anlässlich der Preisübergabe. In: "Neues Bieler Jahrbuch 1981", Biel 1982
In: Gabi Kohwagner (Hg.), Kopfstand. Haunshofen: Semikolon 1982 [Auszug aus "Prinz Hans"]
Prinz Hans. In: Beatrice Steiner und E.Y. Meyer (Hg.), Geräusche. Karlsruhe: Literarische Gesellschaft 1982 [Auszug aus "Prinz Hans"]
Halle. In: Bodo Morshäuser (Hg.), Thank You Good Night. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985 (edition suhrkamp Nr.1227)
Edvige Scimitt. "Filmpodium-Programm", Zürich, April 1986
XI Matthias Zschokke. "Basler Zeitung", 15.5.1986 [Antwort auf die Umfrage: Max Frisch wird 75: Was bedeutet er jungen Autoren?]
Die Erdbeertorte. In: Texte aus dem Aargau. Aarau: Argauische Kantonalbank 1987; dass. in: Ammann, Egon / Bugmann, Urs (Hg.): Lese-Zeit. Literatur aus der Schweiz. Zürich: Ammann 1988
75o Jahre Theatertreffen Berlin. In: Peter von Becker, Michael Merschmeier und Henning Rischbieter (Hg.), Theater 1987 [Jahrbuch der Zeitschrift "Theater heute"]. Zürich: Orell Füssli + Friedrich 1987
In: Stefan Hösl, Bonndorf/ Schwarzw.: Landkreis Waldshut 1987 [Vorwort zum Katalog]
Amateure Autodidakten Dilettanten Ich. In: Herzblut. Zürich: Museum für Gestaltung 1987 [Vorwort zum Katalog]; Auszug u.d.T.: Der Dichter. Programmheft zur Uraufführung von "Brut", Bonn 1988
Vorsatz zu Brut. "Magazin zum Berliner Theatertreffen 1987", Berlin 1987; dass. im Programmheft zu "Brut"
Der wilde Mann. Xanadu Film: Zürich 1988 [Produktions-Prospekt]; dass. in "Spiel im ZDF", Mainz, Heft 1/ Januar 1989; dass. u. d. T.: Wie ein Deutscher in der Schweiz eine Nacht lang nicht schlafen konnte. "Filmpodium", Zürich, Januar 199o
Die Wahrheit über Herrn Nettelbeck. "Basler Zeitung", 28.1o.1989 [Auszug aus "Piraten"]
Von Kondomen und Dämonen. "Filmpodium", a.a.O.
Einiges aus dem Leben der Dichter. "Basler Zeitung", 6.1.199o
Die unergründbare Elektrik. In: Christoph Siegrist (Hg.), Schweizer Erzählungen, Bd. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 199o
Zusammenklang nach den dubiosen Regeln der Empfindungswelt. "Basler Zeitung", 12.4.1991 [Drei Briefe an Pia Reinacher zu "Piraten"]
La différence entre 1291 et 4711. "Écriture", Lausanne, Nr.37/ 1991
Arbeitsnotiz zur Programmheftgestaltung. Programmheft zu "Brut", hg. vom Deutschen Schauspielhaus, Hamburg 1991
Neues Deutschland. "Neue Rundschau", Frankfurt am Main, 1o2.Jg./1991, Heft 3
Vous nous racontez des histoires?/ Une histoire. "La Licorne" [Écrivains présents], Poitiers 1991
Reichstag, Berlin. "NZZ- Folio", Zürich, Nr.12/ 1991
Vom Glück des Mitlaufens. "NZZ-Folio", Zürich, Nr.7/ 1992
Rede bei der Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises. Freie Volksbühne/ Berlin, 8.11.1992 [Typoskript]
Der weinende Sänger. "Neue Zürcher Zeitung", 5./6.12.1992
Sommer. "Berner Zeitung", 24.9.1994
In Programmheft: Journées Littéraires de Soleure - Solothurner Literaturtage - Giornate Letterarie di Soletta- Sentupada Litterara a Soloturn 26.-28.Mai 1995
Am Meer. "ausdruck". Eine Verlags-Rundschau. [Ohne Ort] 1.Jg./ Nr.2, Juni 1995
Leg dich hin. "drehpunkt", 27.Jg., Nr.93/ November 1995
Der Besuch. "Neue Zürcher Zeitung", 16.4.1996
Höhepunkt im Leben eines Dramatikers. "Magazin zum Berliner Theatertreffen 1996", Berlin 1996
Sich einen Namen machen [Rede bei der Verleihung des Aargauer Literaturpreises. Aarau, 9.11.1996; Typoskript]
Balz. In: Texte aus dem Aargau 7. Aarau: Aargauische Kantonalbank 1997
Hier und jetzt ist alles möglich; Schlusswort "Aargauer Zukunftsrat", 8. August 1998. Lenzburg: Stapferhaus 1998 [Stapferhaus-Texte, Ausgabe 9]
Warum ich in Berlin lebe. In: Beatrice von Matt und Michael Wirth (Hrsg.), >ABENDS UM ACHT<. Zürich-Hamburg: Arche 1998, S. 175ff.
Roman und Ramona, der unsichtbare Film. In: Adrian Mettauer, Wolfgang Pross und Reto Sorg (Hg.), Berner Almanach, Bd.2/ Literatur. Bern: Stämpfli 1998
Nichts Erreichtes, etwas Ersehntes. [Reisebericht über Weimar] "Tages-Anzeiger", Zürich, 18.3.1999 [News & Dates]
Matthias Zschokke. "Le Culturactif Suisse"
[ http://www.culturactif.ch/ecrivains/zschokke.htm], Lausanne, 9.5.1999 [Interview mit Patricia Zurcher; Archiv]
Schau die Sternschn...schon vorbei. [Berlin-Tips] "Tages-Anzeiger", Zürich, 9.9.1999 [News & Dates]
Raum und Ruhe in Baden-Baden. "Tages-Anzeiger", Zürich, 3.2.2ooo [News & Dates]
Das Cello. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 4.3.2ooo [Berlin-Ausgabe]
Warum ich Robert Walser mag. "Mitteilungen der Robert Walser-Gesellschaft", Zürich, Nr.5, März 2ooo [News & Dates]
Lettre aux Lémaniques. "Le Passe-Muraille", Lausanne, Nr.47-48, Juillet 2ooo
Baeckeoffe, Wunderfitzel und Knepflas. "Tages-Anzeiger", Zürich, 28.9.2ooo [News & Dates]
Die Ewige Vorstadt/ The Eternal Suburb. In: Kathrin Becker, Urs Stahel [Fotomuseum Winterthur] (Hrsg.), "Remake Berlin". Göttingen: Steidl 2ooo [News & Dates]
"Ich werde als schwieriger Fall behandelt". "Berner Zeitung", 7.12.2ooo [Interview mit Michael Angele; Archiv]
"Gegen alle Vernunft sterben die Walsers ja nicht aus...". "Der Bund", Bern, 7.12.2ooo [Interview mit Charles Linsmayer; Archiv]
Der Anzug. Ebd. [News & Dates]
Berlin? Berlin. "Brugger Neujahrsblätter 2oo1", Brugg 2ooo; Hinterlassenschaften. Ebd.
Entwaffnende Sätze oder Von der Geduld, auf sie zu warten. "Basler Zeitung", 29.1.2oo1 [Briefwechsel mit Heinz Schafroth über Robert Walser] [News & Dates]
Zwei Hauptstädte - zwei Kulturen. "Tages-Anzeiger", Zürich, 24.3.2oo1 [News & Dates]
Selbstauskunft. "Programmheft Theater St. Gallen" zu "Der reiche Freund", Spielzeit 2ooo/2oo1, Mai 2oo1 [News & Dates]
Der Professor. "Aargauer Zeitung", Aarau, 2o.1o.2oo1 [News & Dates]
In Hüttenfinken zum Nachtessen. „Tagesanzeiger“, Zürich, 7.11.2oo1 [Archiv]; Seelenruhe finden im Kurgebiet von Baden. Ebd., 21.11.2oo1 [Archiv]; Behagliche Ruhe und dem Körper schmeichelnde Wäsche. Ebd., 12.12.2oo1 [Archiv]; Der grosse, eisige Hauch am See. Ebd., 16.1.2oo2 [Archiv]; Weg wird für einmal zum Ziel. Ebd., 13.2.2oo2 [Archiv]; Wo einst Tim und Struppi abstiegen. Ebd., 1o.4.2oo2 [Archiv]; Schweizer (Hotel-)Geschichten – Grenchen oder die Crux mit der dritten Titte. Ebd., 15.5.2oo2 [Archiv]; Der Alpenkranz für dich allein. Ebd., 12.6.2oo2]; Mitspielen auf der Klaviatur des Luxus. Ebd., 16.9.2oo2 [Archiv]; Himmlische Hinfälligkeit in Schaffhausen. Ebd., 9.1o.2oo2 [Archiv]; Die Sucht nach dem Besonderen überwinden. Ebd., 2o.11.2002 [Archiv]; Ein Fleck Erde, der auch Gott am Herzen liegt. Ebd., 11.12.2oo2 [Archiv][Hotelgeschichten; Titel von der Redaktion]
In NZZ Folio, Zürich, März 2oo2 [Texte zu Fotos von Jules Spinatsch]
Heimat. In: Reto Sorg/ Yeboaa Ofosu (Hg.), Natürlich die Schweizer!. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2oo2
Aus lauter nichts. "NZZ-Folio", Zürich, Nr.1o/ Oktober 2oo2 [Archiv]
Ungarische Gruften, dampferfüllt. Tages-Anzeiger, Zürich, 12. 3. 2oo3; Die «Fledermaus» quasi im Originalzustand. A.a.O., 26.3.2oo3; Über allem liegt unangestrengte Gelassenheit. A.a.O., 9.4.2oo3; Gebäck, Gerümpel, Goyas und Gellértbad. A.a.O., 30.4.2oo3. [News & Dates]
Liebesgrüße nach Budapest. "Theater der Zeit", Berlin, Nr.6/ 2oo3
Der ewige Rekrut. In: Peter Stamm (Hg.), Diensttage. Schweizer Schriftsteller und ihr Militär. München und Wien: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag 2oo3
Ist das neapolitanisches Geld? In: Beat Wismer, Martin Kunz und Sibylle Omlin (Hg.), Muscheln und Blumen. Literarische Texte zu Werken der Kunst. Zürich: Ammann 2oo3
Berlin, am... . "drehpunkt", 36. Jg., Nr. 12o/ Oktober 2oo4
Eine Stadt wie staubgelbe Wogen. "Tages-Anzeiger", Zürich, 11.1.2oo5; Leben mit dem Charme des Provisorischen. Ebd., 18.1.2oo5; An der Luft. Ebd., 25.1.2oo5; Wunderbare Schwermut. Ebd., 1.2.2oo5; Einfarbige Grandiosität. Ebd., 15.2.2oo5; Unter roten Bergen und putzwütigen Fischen. Ebd., 22.2.2oo5 [Reiseberichte aus Jordanien; News & Dates]
Von der Kunst, die düsteren Gedanken ans Geld zu verjagen. "Quarto", Bern, Nr.2o/2oo5


 

II. Veröffentlichungen über  Matthias Zschokke

 

1. Porträt- und Werkskizzen


Achermann, Erika: Die Weite von Berlin. "züri-tip", Zürich, 22.12.1989
Beutler, Maja: Kleine Wörter - grosse Piraten [Laudatio zur Verleihung des Aargauer Literaturpreises; Typoskript]
Busch, Frank: Z- wie Zauberer. "Die Zeit", Hamburg, 44.Jg./ Nr.48, 24.11.1989
Dubois, Ursula: Mit Phantasie der Wirklichkeit trotzen. "Berner Zeitung", 2o.6.1986
Eichenlaub, Hans M.: "Ich möchte, dass das, was ich mache, verstanden wird". "Der Bund", Bern, 9.1.199o; dass. u.verschied. T. in: "Aargauer Tagblatt", Aarau, 6.1.199o; "Bündner Zeitung", Chur, 8.1.199o; "Der Landbote", Winterthur, 6.1.199o; "Luzerner Tagblatt", 8.1.199o
Fabbri, Sandrine: Matthias Zschokke - "Je suis parti à Berlin dans l'idée de jouer". "Le Temps", Genève, 23.1o.1999
Guglielmetti, Thomas: Dramaturgie des Stillstands. Universität Basel, April 1996 [Typoskript]
Habicht, Werner u.a. (Hg.): Zschokke, Matthias. In: Der Literatur-Brockhaus, Bd.3. Mannheim: Brockhaus 1988 [Falscher Geburtstag]
Hadorn, Werner: Matthias Zschokke. "Biel-Bienne", 12.11.1981
Harenberg Schauspielführer. Dortmund: Harenberg 1997, S.1214f. [Brut, Die Alphabeten]
Höpfner, Niels: Ein sanfter Rebell der Literatur. "Radio DRS", Basel, 28.5.1986; 28.7.1987; ders.: Der schüchterne Rebell Matthias Zschokke. "DeutschlandRadio Berlin", 17.2.1995; ders.: ZSCHOKKE - Ein sanfter Rebell. Köln 2oo2 [Privatdruck für die Deutsche Bibliothek/ Frankfurt, Deutsche Bücherei/ Leipzig und Schweizerische Landesbibliothek/ Bern; textidentisch mit der Printversion der Website]
Hubler, Rolf: Verweigerung als Stil. Lizentiatsarbeit an der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Bern/ Deutsches Seminar. Bern 1987 [Typoskript]
Käser, Rudolf: Zschokke, Matthias. In: Walther Killy (Hg.), LiteraturLexikon, Bd.12. Gütersloh/ München: Bertelsmann 1992
Kienzle, Siegfried: Zschokke, Matthias. In: Schauspielführer der Gegenwart. 2o2 Autoren und 1148 Stücke. Stuttgart: Kröner 1999, 6. Auflage
Kraft, Thomas: Zschokke, Matthias. In: Dietz-Rüdiger Moser (Hg.), Neues Handbuch der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur seit 1945. München: Nymphenberger 199o; dtv 1993
Matt, Beatrice von: Das Schöne und das Schäbige. Matthias Zschokkes Blick auf Berlin."Neue Zürcher Zeitung", 9./10.11.1996
Moser, Samuel: Matthias Zschokke. In: Heinz Ludwig Arnold (Hg.), Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur [KLG]. München: edition text + kritik 1992
Moser, Samuel: "Ich mag keine Knatterwinde". "Bieler Tagblatt/ Seeländer Bote", 2o.9.1997 [Interview]
Munzinger-Archiv: MATTHIAS ZSCHOKKE. Biograph. Archiv 6/9o. K o1931o-1 Z-WE 1. Ravensburg: Munzinger 199o
Musy, Gilbert u.a.: Matthias Zschokke ou l'ami berlinois: A propos de l'oeuvre littéraire, dramaturgique et cinématographique d'un jeune talent. "RSR", Lausanne, 19.4.1998
Neidhardt, Christoph: Elefanten und ein Clown, der rot wird. "Die Weltwoche", Zürich, 54.Jg./ Nr.21, 22.5.1986
Overhoff, Carolin: Dichter oder Schwätzer? Über die Künstler-Figuren in Matthias Zschokkes Theaterstücken. Programmheft zu "Der reiche Freund", Hannover, a.a.O.
Pilz, Dirk: Die Zeit zur Rechenschaft bestellen - Matthias Zschokke. In: Stück-Werk 4 - Deutschschweizer Dramatik. Hg. von Veronika Sellier und Harald Müller. Berlin: Theater der Zeit 2oo5
Poschmann, Gerda: Matthias Zschokke: Brut. In: Der nicht mehr dramatische Theatertext. Tübingen: Max Niemeyer 1997
Renoldner, Klemens: Einsame Menschen, hoch überm See. "Mimos", Basel, 49. Jg./1997, Nr.3
Schanda, Susanne: Als Erzähler immer auch Spieler und Dramatiker. "Berner Zeitung", 24.8.1994
Schmid, Hannes: «Ich sitze gerne an meinem Tisch und schaue vor mich hin». "Mittelland Zeitung", Solothurn, 6.5.2oo2 [Archiv]
Schmid, Heinz: Nach Laune Buch, Film, Theater. "SonntagsBlick", Zürich, 31.12.1989
Sitzler, Susann: hippo city central - die stadt der verzauberten nilpferde. "SWISS magazine", Basel, Nr. 5/ 2oo4; dass. u. d. Titel: Der Westmensch. "tip", Berlin, Nr.14/2oo4
Stähli, Fridolin/ Gros, Peter: Der Aargau liegt am Meer. Zürich: Ammann 2oo3, S.367ff.
Sucher, C. Bernd (Hg.): Zschokke, Matthias. In: Theaterlexikon, München: dtv 1995
Teuwsen, Isabell: Ein Leben im zweiten Gang. "Schweizer Illustrierte", Zürich, Nr.8/ 2oo6
Völker, Klaus: Ein Abenteuer gegen die Ödnis des Lebens. "Der Tagesspiegel", Berlin, 28.9.1991; ders.: Scherz, Satire, Melancholie. "Berliner Theater", Heft 1o, Dezember 1992 [Auszüge aus der Laudatio zur Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises]
[an.]: AUTORENPORTRÄT Matthias Zschokke. "Theater-Rundschau", Bonn, Juni 1991
[an.] Zschokke [...] 3) Matthias. In: Brockhaus Enzyklopädie, Bd.24. Mannheim 1994 [Falscher Geburtstag]
 

 

2. Einzeldarstellungen

Max

a) Deutsche Ausgabe

Barth, Achim: Wie Heinrich Zschokkes Nachfahre Deutschland heute sieht. "Münchner Merkur", 2o./21.2.1982
Beck, Kurt: Lieber auf die Barrikaden. "Die Woche", Zürich, 2o.11.1981
Becker, Michael: Ein Balanceakt im Packeis. "Nürnberger Nachrichten", 2o.8.1982
Brender, Irmela im "Süddeutschen Rundfunk", Stuttgart, 18.4.1982
Burri, Peter: Ein Max zum Mögen. "Basler Zeitung", 13.3.1982
Deckstein, Dagmar in "Hessische Allgemeine Zeitung", Kassel, 6.11.1982
Eckerle, Ejo: Die gewohnte Sicht der Dinge aufbrechen. "Münchner Buch-Magazin", Nr.14, August 1982
Goetz, Rainald im "Deutschlandfunk", Köln, 22.8.1982
Grebe, Ellen: Max- wie ein Chamäleon. "tz", München, 26.2.1982
Hippler, Christiane: Der widerwillige Schweizer. "Acher- und Bühler Bote", Bühl, 7.1o.1982
Höchli, Stefan: Matthias Zschokke: Max. "Aargauer Volksblatt", Aarau, 24.4.1982
Höpfner, Niels im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 22.7.1982; Teilabdruck (Matthias Zschokke- ein sanfter Rebell): "Deutsches Ärzteblatt", Köln, 83.Jg./ Heft 2o, 14.5.1986
Hrabe, B.: Auf der Suche nach Max. "Salzburger Nachrichten", 1o./11.7.1982
Krüger, Michael: Max bleibt. Die Welt muß sich ändern. "Die Zeit", Hamburg, 37.Jg./Nr.14, 2.4.1982. Auch in: Volker Hage (Hg., in Zusammenarbeit mit Adolf Fink), Deutsche Literatur 1982. Ein Jahresüberblick, Stuttgart: Reclam 1983 (Universal-Bibliothek Nr. 7915); ders. im "ZDF" ("aspekte"), Mainz, 7.5.1982
Kuhn, Christoph: "Ich nenne ihn Max. Aber wer ist schon Max?" "Tages-Anzeiger", Zürich, 1o.3.1982
Lettau, Annette: "Wir sind gerne etwas speziell". "Westermanns Monatshefte", Braunschweig", Nr.9/ 1982
Marckwald, Ernst: Mit Originalität auf der Suche nach innen. "Der neue Tag", Weiden, 22.9.1982
Melchinger, Christa im "Südwestfunk", Baden-Baden, 16.9.1982
Meucelin, Marianne: Sich selber suchen. "St. Galler Tagblatt", 2.4.1982; dies.: Ein Individualist wider Willen. "Der Landbote", Winterthur, 31.7.1982; dies.: Max als Selbstportrait. "Aargauer Tagblatt", Aarau, 11.9.1982
Michaelis, Tatjana im "Bayerischen Rundfunk", München, 8.9.1982
Minwegen: Ein junger Mann geht aus der Schweiz fort, um in Berlin als Schauspieler zu leben. "Das neue Buch- Buchprofile für Katholische Büchereiarbeit", Bonn, 27.Jg./Nr.5, 1982
Moser, Samuel: Max oder das Holzapfelverlangen. "Süddeutsche Zeitung", München, 1.4.1982; ders. in "Radio DRS", Zürich, 25.8.1982
Nawe, Günter: Mann ohne Eigenschaften. "Kölnische Rundschau", 3o.9.1983
Pulver, Elsbeth: Max. "Bücherpick", Urtenen, Nr.1/ 1982
Renz, Peter im "Hessischen Rundfunk", Frankfurt, 22.4.1982; dass. u.d.T.: Die Verweigerung von Geschichte. In: "Neues Bieler Jahrbuch 1981", Biel 1982
Schachtsiek-Freitag, Norbert: Traurige Wahrheiten. "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt", Hamburg, 22.8.1982
Schafroth, Heinz F.: Von der Schwierigkeit sich sich vom Leib zu halten. In: "Neues Bieler Jahrbuch 1981", a.a.O. [Laudatio zur Verleihung des Robert-Walser-Preises]; ders.: Widerpart und Kompagnon. "Evangelische Kommentare", Stuttgart, Nr.12/1982; ders.: Von Ioioio zu Oioioi. Ohne Ort und Datum [Typoskript]; ders.: Verweigerung als "Stil". In: "Aspekte der Verweigerung in der neueren Literatur aus der Schweiz" (Sigriswiler Kolloquium der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften). Zürich: Ammann 1988
Schmitz, Klaus in der "Deutschen Welle", Köln, 12.7.1982
Schnitzler, Alexander: Rückblick auf 23 Jahre "Max". "Generalanzeiger für Bonn", 15.7.1982
Schulze, Hartmut: Ein Schweizer Prinz in West-Berlin. "Der Spiegel", Hamburg, 38.Jg., Nr.34/1984
Schütte, Wolfram: Mann Max mit & ohne Eigenschaften. "Frankfurter Rundschau", 22.5.1982
Stänner, Paul im "Sender Freies Berlin", 12.5.1982; ders.: Nicht zuständig. "Der Tagesspiegel", Berlin, 13.6.1982; dass.in: Volker Hage, a.a.O.
Stenger, Michael: Eine vergebliche Suche. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 3o.3.1982
Stierli, Heinz: Matthias Zschokkes erster Roman "Max". "Vaterland", Luzern, 14.4.1982
Stumm, Reinhardt: Preise kannte er nur vom Gemüsemarkt. "Tages-Anzeiger", Zürich, 25.11.1981; dass. in: "Neues Bieler Jahrbuch 1981", a.a.O.
Ueding, Gert: Zwang zur Belanglosigkeit. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 2o.4.1982
Weiss, Christina im "Saarländischen Rundfunk", Saarbrücken, 8.8.1982
Winkels, Hubert: Der wackelnde Charakterkopf. "Überblick", Düsseldorf, Nr.42/Mai 1985
Wolff, Uwe: Schwanengesang auf den Zeitgeist. "Rheinischer Merkur"/ Christ und Welt", Bonn, 2.4.1982
Zacharias, Carna: Sehen, wie Sätze entstehen. "Abendzeitung", München, 15./16.5.1982
[an.]: Interview mit Matthias Zschokke. Voller Leidenschaft. "Bieler Tagblatt", 14.11.1981
[an.]: Preisgekröntes Erstlingswerk. "Femina", Zürich, Nr.8, 14.4.1982
[an.] in "Wirtschaftswoche", Düsseldorf, Nr.19, 7.5.1982
[an.]: Gegen die Sprachlosigkeit. "Zofinger Tagblatt", 29.5.1982
[an.]: Freiheit als Zwang. "Badisches Tagblatt", Baden-Baden, 3.9.1982
[an.]: Bücherkiste. Matthias Zschokke- Max. "Der Schweizerische Beobachter", Glattbrugg, Nr.18, 3o.9.1982
[an.]: Die Romanernte. "Arbeiter-Zeitung", Wien, 21.1.1983
[C.C.] (=Cornu,Charles): Traumtänzer und Eulenspiegel. "Der Bund", Bern, 3.4.1982
[duf.]: Max von Matthias Zschokke. "Thuner Tagblatt", 2.4.1982
[eka]: Max mag nur Max und sonst nichts. "Welt am Sonntag", Hamburg, 14.3.1982
[EvS] (=van Stein, Emmanuel): Zschokke las aus "Max". "Kölner Stadt-Anzeiger", 16.9.1983
[GRS.]: Enttäuschender Erstling. "Solothurner Zeitung", 4.5.1982
[gwk]: Das Buch von Max. "Reutlinger General-Anzeiger", 29.9.1982
[JW]: Person und Erzähler. "Wiesbadener Kurier", 26.3.1983
[K.B.]: Sprachbällchen. "Esslinger Zeitung", 7.3.1983
[m.v.] (=Zelger-Vogt, Marianne): Vexierspiel mit einer Romanfigur. "Neue Zürcher Zeitung", 2o./21.3.1982
[Phi.]: Matthias Zschokke, Schriftsteller, Berlin. "Der Bund", Bern, 14.11.1981; dass. in.: "Neues Bieler Jahrbuch 1981", a.a.O.



b) Französische Ausgaben

Faure, Gabrielle: Deux images du 2oe siècle: 1919: DEMIAN, de Hermann Hesse -1982: MAX, de Matthias Zschokke. "Service de Presse Suisse", ohne Ort und Datum [Typoskript]
Giauque-Gagnebin, Dominique: Max. "La Vie Protestante", Genève, 3.3.1989
Lucas, Gérald: Max. "GHI- Genève Home Informations", 5.1.1989
Prat, Y.: "Max". "Calades", November 1989
Rüf, Isabelle: Matthias Zschokke, génie familier. "L'Hebdo", Lausanne, 22.12.1988
Schiltknecht, Wilfred: Max? Un stratège de l'imaginaire. "Journal de Genève", 1o.12.1988
[an.]: Aimez-vous Max? "Gazette de Lausanne", 3.9.1988
[an.]: Max. "L'Est Vaudois", Montreux, 7.3.1989
[an.]: La Suisse en livres. "Construire (MIGROS)", Zürich, 19.4.1989 [Sammelartikel]
[an.]: Vient de Paraitre. "Libération", Paris, 26.1o.1989
[an.]: MATTHIAS ZSCHOKKE, ECRIVAIN ET CINEASTE. "Lyon Figaro", 9.5.199o
[B.,Bernadette]: <<Max>> ou les états d'âme d'un auteur suisse-allemand de Berlin-Ouest. "Le Monde", Paris, 9.5.199o
[F.K.]: Max. "Journal du Jura", Bienne, 21.12.1988
[J.P.M.]: <<Max>> ou le comédien du paradoxe. "Le Progrès", Lyon, 11.5.199o
[M.S.]: <<Max>> de Matthias Zschokke - Esquisse pour un non-conformiste. "Journal et Feuille d'Avis de Vevey Riviera", 23.12.1988
[Qg-T]: Max et son double. "Libération", Paris, 11.5.199o
[S.Pr]: Ecrivains de Berlin. "24 Heures", Lausanne, 18.5.1989
[V.E.]: Max. "Fémina", Lausanne, 3.2.1989
[Y.-M.R.]: <<Max>>> de Matthias Zschokke. "Dossiers Publics", Genève, Nr.64/ März 1989

 

Prinz Hans


Aeschbacher, Marc: Ein Portrait des jungen Mannes als Künstler. In: Tendenzen der schweizerischen Gegenwartsliteratur (1964-1994). Exemplarische Untersuchung zur Frage nach dem Tode der Literatur. Bern: Peter Lang 1997 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Nr. 16o4)
Barth, Achim: Prinz Hans gegen den Rest der zubetonierten Welt. "Münchner Merkur", 1o./ 11.3.1984
Becker, Michael: Ein schöner Jux. "Nürnberger Nachrichten", 3.9.1984
Bugmann, Urs: Erzählen wird Selbstzweck. "Luzerner Neuste Nachrichten", 25.7.1984
Burri, Peter: Aus Max wurde jetzt Hans. "Berner Zeitung", 4.6.1984
Giesler: Parabel städtischer Existenz. "Das neue Buch-Buchprofile für Katholische Büchereiarbeit", Bonn, 29.Jg./ Nr.5, 1984
Hahn, Friedrich: Die Welt des Erzählers ist in ihre Einzelteile zersprungen. "Kurier/ Freizeitwoche", Wien, 16.-22.6.1984
Höpfner, Niels: Spiel ums Leben. "Frankfurter Rundschau", 5.5.1984; gekürzter Nachdruck (Matthias Zschokke- ein sanfter Rebell): "Deutsches Ärzteblatt", a.a.O.
Huber, Rupert: Die Abenteuer eines Antihelden. "Augsburger Allgemeine", 8./9.9.1984
Krättli, Arnold: Werden und Wollen. "Schweizer Monatshefte", Zürich, Nr.9/ September 1984 [Sammelartikel]
Kuhn, Christoph: Dem Hans steht der Max vor der Sonne. "Tages-Anzeiger", Zürich, 2.6.1984
Marthaler, Peter: Im Banne Robert Walsers. "Solothurner Zeitung", 3o.5.1984
Mings, Ute im "Bayerischen Rundfunk", München, 5.9.1984
Moser, Samuel: Einer, dem die Welt nicht gehört. "Süddeutsche Zeitung", München, 12.4.1984
Neunzig, Hans A.: Rotzbub mit Kassandrawissen. "Sender Freies Berlin", 19.4.1985
Quack, Josef: Von Witzworten spärlich erleuchtet. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 19.4.1984
Sachße, Tilman im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 19.7.1984
Schafroth, Heinz F.: Matthias Zschokke: Prinz Hans."Aargauer Tagblatt", Aarau, 8.12.1984
Scheuzger, Jürg: O wie gut, dass niemand weiss... . "Neue Zürcher Zeitung", 16./17.9.1984
Schlodder, Holger: Prinz Hans- doppelt. "Wiesbadener Kurier", 16.6.1984; dass. u.d.T.: Wundersame Geschichten um Prinz Hans. "Mannheimer Morgen", 4.9.1984; dass. u.d.T.: Wiederholung eines Geniestreiches. "Darmstädter Echo", 6.1o.1984
Schneider, Helmut: Reizvolle Erzählanläufe. "Salzburger Nachrichten", 25./26.8.1984
Schulze, Hartmut: Ein Schweizer Prinz in West-Berlin. A.a.O.
Stierli, Heinz: Lauter Scherben, die kein Bild ergeben. "Der Landbote", Winterthur, 3o.6.1984; ders.: Scherben, die kein Bild ergeben. "Vaterland", Luzern, 21.8.1984
Thomas, Arnfried: Prinz Hans. "Deutsche Tagespost", Würzburg, 27./28.7.1984
Thurnher, Harald: "Der strukturierte Märchenprinz". "Vorarlberger Nachrichten", Bregenz, 31.3.1984
Vogler, Heini in "Radio DRS", Basel, 3o.5.1984
Winkels, Hubert: Der wackelnde Charakterkopf. A.a.O.
Witte, Axel: Wie alle- und wie viele den Wunsch, ganz anders zu sein. "Volksblatt Berlin", 7.7.1984
[C.C.] (=Cornu, Charles): Eulenspiegel in der Großstadt. "Der Bund", Bern, 26.5.1986
[ig]: Die Welt als Puppenspiel. "Kreiszeitung für die Landkreise Diepholz und Nienburg/ Hoyaer Wochenblatt", 2.3.1985
[lg]: Matthias Zschokke: Prinz Hans. "Donau-Kurier", Ingolstadt, 8.6.1984
[W.P.]: Amüsante Prosa über blasierten Kioskverkäufer. "Berliner Morgenpost", 4.1o.1984
 

ErSieEs


Bielefeld, Claus-Ulrich: Azoren in allen Poren. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 9.5.1986
Burri, Peter: Matthias Zschokke oder <<Ersiës>> de Glych>>. "St. Galler Tagblatt", 24.6.1986
Chiquet, Pierre: Von einer frappanten Nichtigkeit. "Nordschweiz-Basler Volksblatt", 1o.6.1986
Falcke, Eberhard: Poesie und Pose. "Süddeutsche Zeitung", München, 28./29.6.1986
Fleck im "ORF", Wien, 17.8.1986
Heering, Andreas: Krummgehaune Sätze. "Stuttgarter Zeitung", 13.9.1986
Höpfner, Niels: Froh um krummgehauene Sätze. "Der Spiegel", Hamburg, 4o.Jg., Nr.2o/1986
Isermann, Ingrid: Surrealismus des Bewußtseins. "Neue Zürcher Nachrichten", 16.4.1986
Krauber, Helmut: Mythisches. "Stadtzeitung", München, 3o.5.1986
Krause, Werner: Der zarteste und letzte von allen. "Kleine Zeitung/ TV-Illustrierte", Graz, 3.5.1986
Meier, Peter: Ein Schatzkästlein des Zeitgeists. "Tages-Anzeiger", Zürich, 27.5.1986
Pulver, Elsbeth: Mit Freundlichkeit der eigenen Erstarrung beiwohnen. "Neue Zürcher Zeitung", 9.5.1986
Schafroth, Heinz F.: Ersies, der in der Abendsonne Sitzende. "Basler Zeitung", 9.11.1985; ders.: Der Einfalt und die Wolfshunde. "Basler Zeitung", 12.6.1986
Schaub, Hanns: Für immer ausruhen von allem Bösen. "Die Welt", Hamburg, 5./6.1986
Schulze-Reimpell, Werner im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 18.7.1986; ders.: Beifall für ein Plaudergenie. "Der Tagesspiegel", Berlin,
17.8.1986; ders.: Plaudergenie auf dem Kanapee. "Rheinischer Merkur/ Christ und Welt", Bonn, 22.8.1986
Wilmes, Hartmut in der "Deutschen Welle", Köln, 22.9.1986
Winkels, Hubert im "Südwestfunk", Baden-Baden, 28.5.1986
[C.C.] (=Cornu, Charles): Von Kanapees aus die Welt betrachtend. "Der Bund", Bern, 26.4.1986
[-jek-]: Urlaubszeit-Bücherzeit. "Kurzeitung des Nordseeheil- und Schwefelbades St. Peter-Ording", 1.8.1986

 

Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie nicht-


Brenner, Wolfgang: Von Elefanten und Hirschen. "tip", Berlin, Nr.1o/1986
Burri, Peter: Stadtneurotiker werden Stadthirschen. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 5.7.1986
Eberhard, Erika: Die schönen Königskinder. "Magma", Zürich, Juni 1986
Frederiksen, Jens: Von Theatermachern, Imkern und antiken Helden am Reck. "Allgemeine Zeitung", Mainz, 17.5.1986 [Sammelartikel]
Ganz, Rudolph im "Sender Freies Berlin", 12.5.1986; ders.: Spaziergang in den Orient. "tip", Berlin, Nr.12/1986
Gerber, Werner und Sudars, Dieter: Gespräch mit Matthias Zschokke. Programmheft zur Aufführung Elefanten..., hg. vom "Theater zum westlichen Stadthirschen", Berlin 1986; dass. in: "Zeitmitschrift. Journal für Ästhetik", Düsseldorf, Nr.2/1986
Höpfner, Niels: Siehe Prinz Hans
Jenke, Eva: So einfach ist das also (doch nicht). "Volksblatt Berlin", 13.5.1986
Keck, Thomas in "Siegessäule", Berlin, Nr.6/1986
Qpferdach: Elefantitis. "die tageszeitung", Berlin, 21.5.1986
Rhode, Carla im "Sender Freies Berlin", 11.5.1986
Ritter, Heinz im "Deutschlandfunk", Köln, 12.5.1986; dass. u.d.T.: Leonce in der Fabrik. "Saarbrücker Zeitung", 22.5.1986
Roßmann, Andreas: Seume in Kreuzberg. "Der Tagesspiegel", Berlin, 14.5.1986
Rutkowski, Sabine: Orient now. "zitty", Berlin, Nr.11/1986
Sudars, Dieter: Siehe Gerber, Werner
Teuwsen, Isabell: Mit zügelloser Phantasie gegen Mäusefürze. "Tages-Anzeiger", Zürich, 27.6.1986
Völker, Klaus: Stücke-Markt. "Berliner Festspiele Magazin 1/86", Mai 1986 [Sammelartikel]
Wiegenstein, Roland H.: Es war einmal. "Frankfurter Rundschau", 23.5.1986 [Sammelartikel]
[an.]: Theater zum westlichen Stadthirschen (Berlin)/ Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie nicht? von Matthias Zschokke. "Sonderheft zum ,3. Heidelberger Stückemarkt'", Mai 1986
[an.]: Orientalischer Traum. "Südost-Express", Berlin, 9.Jg./Nr.6, Juni 1986
[A.R.] (=Roßmann, Andreas): Hirsch-Sprung. "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt", Hamburg, Nr.22, 1.6.1986
[Krys]: Elefanten zu Gast im Stadthirschen. "Berliner Morgenpost", 14.5.1986
[nyb]: Stadthirsch kommt mit dem Stück von den Elefanten. "BZ", Berlin, 12.5.1986
[pl]: Café Oriental. "Rhein-Neckar-Zeitung", Heidelberg, 24.5.1986
[veg.] (=Egli, Viviane): Orientalisches Klagelied. "Neue Zürcher Zeitung", 1.7.1986
 

Edvige Scimitt

Boebers, Jürgen: Suche nach Geborgenheit. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 18.1.1986
Brenner, Wolfgang: KNALLIG."Edvige Scimitt" von Matthias Zschokke. "tip", Berlin, Nr.8/1986
Brüne, Klaus (Red.): Lexikon des Internationalen Films, Bd.2. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1987
Chiquet, Pierre: Ein irrwitzig gewöhnliches Leben."Nordschweiz-Basler Volksblatt", 9.5.1986
Eichenlaub, Hans M.: Matthias Zschokkes erstaunlicher Erstling. "Bündner Zeitung", Chur, 22.4.1986
Geldner, Wilfried: Weit entfernt. "Süddeutsche Zeitung", München, 17.5.1986
Höpfner, Niels: Wie ein Jungfilmer entsteht. "Deutschlandfunk", Köln, 12.8.1985; Kurzfassung: "Sender Freies Berlin", 8.9.1985; Teilabdruck (Jungfilmer Zschokke in Hof: Leben filmen): "Basler Zeitung", 3o.1o.1985 und "Spiel im ZDF", Mainz, Heft 5/ Mai 1986
Jacobsen, Wolfgang: Edvige Scimitt. "epd-Film", Frankfurt, Nr.4/1986
Jansen, Peter W. im "ZDF" ("aspekte"), Mainz, 1o.1.1986
Just, Lothar R. (Hg.): FILM-Jahrbuch 1987. München: Heyne 1987 (Nr.32/1o5)
Kaps, Angelika: Edvige Scimitt. "Der Tagesspiegel", Berlin, 9.4.1986
Kilb, Andreas: Verhuschte Frau. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 17.5.1986
Lampert, Thomas: Lebenschronik eines Dienstmädchens. "Der Rheintaler", Heerbrugg, 17.5.1986
Lange, Hellmuth A.: Edvige Scimitt (ZDF). "Wiesbadener Kurier", 17.5.1986
Langholz, Rainer: Keine Moral. "Kieler Nachrichten", 17.5.1986
Leuthold, Beatrice: Kino der Emotion: Die eigene Haut zu Markte tragen, braucht Mut. "Tages-Anzeiger", Zürich, 21.1.1986 [Sammelartikel]
Loher, Bruno: Phantasie und Realität im Leben. "Neue Zürcher Nachrichten", 1o.4.1986
Meier, Peter: Multimedial aktiv- und das mit viel Erfolg. "Tages-Anzeiger", Zürich, 12.4.1986
Schäfer, Horst: Siehe Schobert, Walter
Schneider, Hape: Edvige war ein Frauenzimmer. "Züri-Woche", Glattbrugg, 1o.4.1986
Schobert, Walter und Schäfer, Horst (Hg.): Fischer Film Almanach 1987. Frankfurt a. Main: Fischer Taschenbuch 1987 (Nr.447o)
Schödel, Helmut: Schrottintensive Zeiten. "Die Zeit", Hamburg, 4o.Jg./Nr.46, 8.11.1985 [Sammelartikel]; ders.: Filmwolke. A.a.O., 41.Jg./Nr.22, 23.5.1986
Waeger, Gerhart: Edvige Scimitt- Ein Leben zwischen Liebe und Wahnsinn. "zoom", Bern, Nr.3/1986
Wehrli, Peter K. in "DRS", Zürich, Frühjahr 1986 [TV-Interview]
Zimmermann, Verena: Stadtkino: "Edvige Scimitt". "Basler Zeitung", 9.5.1986
[amü.] (=Müller, Adrian): Von Mythen und dramatischer Software. "Neue Zürcher Zeitung", 9.5.1989 [Sammelartikel]
[an.]: Film-Cocktail "Egg seul" hatte Premiere. "Nordbayerische Nachrichten", Forchheim, 28.1o.1985
[an.]: Edvige Scimitt. "Cinema", Zürich, Nr.12/ 1985
[bel.]: Requiem auf eine Dienstbotin. "Züritip", Zürich, 11.4.1986
[bel.]: "Edvige Scimitt", Saaltochter. "Tages-Anzeiger", Zürich, 15.5.1986
[B.Z.]: Edvige Scimitt. "Stuttgarter Zeitung", 17.5.1986
[dlw] (=Weber, Daniel): Ein tragikomisches Stationendrama. "Neue Zürcher Zeitung", 1o.4.1986
[Holl.] (=Holloway, Ronald): Edvige Scimitt. "Variety", New York, 13.11.1985
[K.W.]: Weg in den Wahnsinn. "Frankfurter Rundschau", 15.5.1986; dass. u.d.T.: Weg aus der Provinz. "Kölner Stadt-Anzeiger", 15.5.1986
[ml]: 22.o5, ZDF: "Edvige Scimitt". "Der Bund", Bern, 15.5.1986
[Sd]: Edvige Scimitt. "Frankfurter Neue Presse", 17.5.1986
[St.R]: Journal surréaliste. "Le Matin", Lausanne, 19.1.1986
[wg]: Leben im Hotel. "TR 7", Basel, Mai 1986
 

Brut


a) Bonner Uraufführung

Bruck, Werner im "Westdeutschen Rundfunk", Köln, 21.11.1988
Busch, Frank: Meuterei auf dem Unterhaltungsdampfer. "Süddeutsche Zeitung", München, 6.12.1988; ders.: Düsseldorf/ Bonn: Piranhas und Piratinnen. "Theater heute", Zürich, Nr.2/ 1989
Draeger, Wolfhart: Wenn die Schiffskapelle nicht mehr üben will. "Die Welt", Hamburg, 23.11.1988
Edinger, Elisabeth E.: Piraten segeln im Kreis. "Express", Köln, 21.11.1988
Gerber, Dieter: Von Einer, die mehr will als "nur" leben. "Generalanzeiger für die Bundeshauptstadt Bonn", 21.11.1988
Hennecke, Günther: Phantastik am Rhein. "Neue Zürcher Zeitung", 24.11.1988; ders.: Piraten-Ironie auf den Mast getrieben. "Passauer Neue Presse", 22.11.1988
Kanthak, Dietmar: Sinn über Bord. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 7.12.1988
Kill, Reinhard: Im Seichten dümpeln. "Rheinische Post", Düsseldorf, 26.11.1988
Lackmann, Thomas: Die Piraten fahren im Kreis. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 26.11.1988
Oehlen, Martin: Es konnte noch nie so weitergehen. "Kölner Stadt-Anzeiger", 21.11.1988
Pfister, Eva: Piraten, die am Leben leiden. "Mannheimer Morgen", 25.11.1988; dies.: Sehnsüchtige Weise vom Freibeutertum. "Tages-Anzeiger", Zürich, 29.11.1988
Pörtner, Rudolf: Die Welt als Irrenhaus. "Neue Westfälische", Bielefeld, 5.12.1988
Roßmann, Andreas: Seeräuberpistole. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 22.12.1988; ders.: Brut. In: Klaus Völker (Hg.), Bertelsmann SCHAUSPIELFührer. Gütersloh/ München: Bertelsmann 1992
Ruf, W.: Matthias Zschokke: Brut. "Die Deutsche Bühne", Zürich, Nr.2/1995
Schader, Ingeborg: Die Schöne und die See. "Rhein-Zeitung", Koblenz, 22.11.1988
Schmidt, Hannes: Von Literaten und Piraten. "NRZ" ("Neue Ruhr Zeitung/ Neue Rhein Zeitung"), Essen, 23.11.1988
Schödel, Helmut: Mein Pferd für eine Hose. "Die Zeit", Hamburg, 43.Jg./Nr.48, 25.11.1988
Schulze-Reimpell, Werner: Grüße vom Klabautermann. "Rheinischer Merkur/ Christ und Welt", Bonn, 25.11.1988; ders.: Der geheimnisvolle Matrose. "Der Tagesspiegel", Berlin, 25.11.1988
Stilett, Hans: Piratenschiff auf sinnloser Beutefahrt. "Gießener Anzeiger", 22.11.1988; ders.: Wort-Witz und Piraten-Logik. "Saarbrücker Zeitung", 25.11.1988
Stumm, Reinhardt: Tod im Traumboot der Sehnsucht. "Basler Zeitung", 25.11.1988
Terschüren, H.D.: Gestrandete Seeräuber. "Bonner Rundschau", Köln, 21.11.1988
Thiemer, Horst im "Deutschlandfunk", Köln, 19.11.1988
[an.]: V. 37 Kritiker nennen Höhepunkte der Spielzeit 1988/89. In: Peter von Becker, Michael Merschmeier und Henning Rischbieter (Hg.), Theater 1989 [Jahrbuch der Zeitschrift "Theater heute"]. Zürich: Orell Füssli + Friedrich 1989 [Wahl zum besten Nachwuchskünstler 1989 als Autor]
[aro] (=Roßmann, Andreas) im "Frankfurter Allgemeine Magazin", Nr.455, 18.11.1988
[epf.]: "Filigranes" über Seeräuberei. "Der Bund", Bern, 23.11.1988
[lnw]: Die Schöne bei den Seeräubern. "WZ -Westdeutsche Zeitung/ Düsseldorfer Nachrichten", 22.11.1988
[T.]: "Brut". "Theater-Rundschau", Bonn, Dezember 1988
[U.Sch.] (=Schreiber, Ulrich) in "Frankfurter Rundschau", 23.11.1988


b) Göttinger Aufführung

Griebler, Annelis: Vergebliches Träumen. "Kölner Stadt-Anzeiger", 22./23.11.1989
Sattler, Juliane: Das sirrende Sehnen. "Hessische Allgemeine", Kassel, 4.1o.1989
Winters, Hans-Christian: Schlaglichter, Blackouts... "Göttinger Tageblatt", 2.1o.1989
Zerull, Ludwig: Göttingen: Kein Abenteuer mit den Piraten. "Theater heute", Zürich, Nr.11/ 1989
[an.]: JT: Wieder mal gegen den Wind. "Blick", Göttingen, 27.9.1989
[an.]: ...auf Reisen gegangen, Neues zu (er)finden. "Extra Tip", Göttingen, 27.9.1989
[an.]: JT: Prima "Brut"- jetzt kommt Else. "Blick", Göttingen, 4.1o.1989
[lni]: Junges Theater zeitnah mit "Brut". "Bergische Landeszeitung", Bergisch Gladbach, 3.1o.1989; ders.: Zeitnah mit "Brut". "Oldenburgische Volkszeitung", Vechta, 3.1o.1989
[ters] (=Winters, Hans-Christian): Aufbruch unterm Totenkopf. "Göttinger Tageblatt", 3o.9.1989
[-tina-] (=Fibinger, Tina): Brut- Ein Piratenstück. "Hier und Jetzt", Duderstadt, Nr.1o/ 1989; dies.: Brut. A.a.O., Nr.11/ 1989
[V.K.]: BRUT. "charakter", Göttingen, Nr.5/ 1989
[WL]: Spielzeitauftakt mit >>Brut<< des jungen Autors Zschokke. "Freizeitmagazin", Göttingen, 28.9.1989


c) Zürcher Aufführung

Achermann, Erika: Piratenleben, wie es scheint. "Tages-Anzeiger", Zürich, 3.1.199o
Augustin, Sonja: Buntes Seemannsgarn mit wenig Tiefgang. "Neue Zürcher Nachrichten", 6.1.199o
Bischof, Hugo: <<Ach, wir zerschellen an uns >>. "Luzerner Tagblatt", 6.1.199o
Caduff, Corina: Eine harmlose Piraten-Metapher. "Der Zürcher Oberländer", Wetzikon, 3.1.199o
Fässler, Günther:Ein einziger hat das Zeug zur Piraterie. "Luzerner Neuste Nachrichten", 3.1.199o; ders.: Im Schwamm über ein Meer von Sehnsucht. "Oberländer Tagblatt", Sargans, 3.1.199o
Grieder, Walter: Wenn Träume und Illusionen bersten. "Zürcher Unterländer", Bülach, 4.1.199o
Kraft, Martin: Eine absurde Seeräuber-Geschichte. "Der Landbote", Winterthur, 3.1.199o; ders.: Welträtsel im karibischen Sumpf. "Zürichsee-Zeitung", Stäfa, 3.1.199o
Lang, Guy: Piraten dümpeln vor sich hin. "Tagblatt der Stadt Zürich", 6.1.199o
Loepfe, Koni: Vor allem ein Augenschmaus. "Volksrecht", Zürich, 3.1.199o
Mattenberger, Urs: Märchenhafte Abenteuer ohne Perspektive. "Badener Tagblatt", 3.1.199o
Peter, Charlotte: Die Morde kommen leichtfüßig einher. "Züri-Woche", Glattbrugg, 4.1.199o
Plessing, Irene von: Konturenlose Figuren in <<Brut>> am Neumarkt-Theater. "Aargauer Volksblatt", Aarau, 5.1.199o
Stierli, Heinz: Per Schiff voller Sehnsucht Richtung Sehnsucht. "Basler Volksblatt", 3.1.199o; "Vaterland", Luzern, 3.1.199o
Terry, Thomas: Auf den Flügeln der Phantasie. "St. Galler Tagblatt", 9.1.199o
Tresch, Christine: Absurd? Absurd! "Die Wochenzeitung", Zürich, 26.1.199o
Weber, Lilo: Zahme Piraten, weich gepolstert. "Berner Zeitung", 6.1.199o
Willmann, Birgitta: <<Brut>>- Piraten zwischen Leere und Langeweile. "Sonntagszeitung", Zürich, 31.12.1989
[amü.] (=Müller, Adrian): Nachdenkliche Piraten. "Neue Zürcher Zeitung", 3.1.199o
[rst] (=Stumm, Reinhardt): Leuchtendes Meer und Piratenliebe: Zschokkes "Brut" in Zürich. "Basler Zeitung", 2.1.199o


d) Hamburg-Berliner Aufführung

Barz, Paul: Ein Autor als Regisseur. "Welt am Sonntag", Hamburg, 21./22.9.1991; ders.: Piratenbrut und Heidentänze. "Trierischer Volksfreund", 8.1o.1991
Bohn, Ulla: Piratenschiff voller Neurosen. "BZ", Berlin, 1o.1o.1991
Bombeck, Nataly: Piratenstück mit viel Poesie. "Bild" [Hamburg-Ausgabe], Hamburg, 3o.9.1991
Burkhardt, Werner: Von Inseln und Meeren. "Süddeutsche Zeitung", München, 1.1o.1991
Goldberg, Henryk: Dümpeln im Flachwasser, und alle grübeln mit. "Spandauer Volksblatt", Berlin, 1o.1o.1991
Hablützel, Niklaus: Ein Autor ohne Regisseur. "die tageszeitung", Berlin, 3o.9.1991
Hofmann, Isabelle: Bizarres Werk aus Witz und Wahn. "Hamburger Morgenpost", 3o.9.1991
Kleinert, Lore: Was Frauen alles erleben dürfen. "die tageszeitung", Berlin, 2.1o.1991
Kohls, Mareile: Piraten-Brut. "Prinz" [Hamburg-Ausgabe], Hamburg, Nr. 1o/ Oktober 1991
Laages, Michael: Etwas Filigranes über Seeräuberei. "Hamburger Rundschau", 19.9.1991; ders.: Das wilde ferne Bild im Kopf. A.a.O., 2./3.1o.1991
Lange, Mechthild: Poetische Ansprüche- uneingelöst. "Frankfurter Rundschau", 2./3. 1o.1991
Michaelis, Rolf: Grübelnde Piraten, lebende Iren. "Theater heute", Zürich, Nr.11/ 1991
Nellissen, Monika: Ein Pirat steckt doch in jedem von uns. "Die Welt" [Hamburg-Ausgabe], Hamburg, 25.9.1991
Oehmsen, Susanne: "Brut"- ein zu langatmiges Piraten-Stück auf Kampnagel. "Elmshorner Nachrichten", 3o.9.1991
Pees, Matthias: Philosophenkahn statt Piratenboot. "Neue Osnabrücker Zeitung", 2.1o.1991; dass. u.d.T.: Piraten sind Dünnhäuter. "Mecklenburger Aufbruch", Schwerin, 16.1o.1991
Penzlin, Dagmar: Wenn Piraten Liebe fehlt. "Winsener Anzeiger", 5.1o.1991
Rehder, Mathes: Scheherazades kleiner Bruder. "Hamburger Abendblatt", 29.8.1991; ders.: Sehnen, sehnen- und kein Ausweg. A.a.O., 3o.9.1991
Reich, York: Erst spritzig, dann trocken. "die tageszeitung", Berlin, 11.1o.1991
Schmidt-Missner, Jürgen: Mit Piraten im Kreisverkehr. "Nürnberger Nachrichten", 1.1o.1991
Tomerius, Lorenz: Hebbel-Theater: Wieder einmal ist ein Fliegender Holländer gestrandet. "Berliner Morgenpost", 1o.1o.1991
Warnecke, Kläre: Piraten auf einer Hühnerleiter. "Die Welt", Hamburg, 3o.9.1991
Wirsing, Sibylle: Piraterie zwischen Sein und Nichtsein. "Der Tagesspiegel", Berlin, 1o.1o.1991
Witzeling, Klaus: "Ich will das Brenzlige". "Hamburger Morgenpost", 26.9.1991
Wlodyga, Felicitas: Hält nur die Sprache die Brut noch zusammen? "Berliner Morgenpost", 16.2.1992
[aro] (=Roßmann, Andreas) im "Frankfurter Allgemeine Magazin", Nr.6o4, 27.9.1991
[m.v.] in "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 8.1o.1991


e) Genfer Aufführung

Collet, Francine: Des pirates désenchantés partent à l'abordage avec beaucoup de souffle. "Le Courrier", Genf, 2o.1.1993
Fabbri, Sandrine: Quand les pirates noient le poisson. "Journal de Genève et Gazette de Lausanne", 18.1.1993
Fabrycy, Isabelle: Les naufragés du plaisir. "Le Matin", Lausanne, 13.1.1993
Musy, Gilbert: Matthias Zschokke/ Le spécialiste des <<délicatesses rares>>. "Journal de Genève et Gazette de Lausanne", 16./17.1.1993
Olivier, Jean-Michel: Le Poche prend le large. "La Suisse", Genf, 19.1.1993
Pralong, Michèle: Un théâtre grave et comique. "Journal de Genève et Gazette de Lausanne", 16./17.1.1993
Savioz, Chantal: Un écrivain suisse aborde les pirates des mers du sud. "Tribune de Genève", 15.1.1993; dies.: Le Théâtre de Poche rêve de grande aventure et de piraterie. "Tribune de Genève", 18.1.1993; Le Théâtre de Poche donne dans la grande aventure et la piraterie. "24 Heures", Lausanne, 18.1.1993
[an.]: Ein Deutschschweizer in Genf. "Stehplatz", Bern, Nr.9/ Februar 1993
[F.CT] (= Collet, Francine): Dans le sillage des pirates. "Le Courrier", Genf, 15.1.1993


f) Dortmunder Aufführung

Berke, Bernd: Piraten bei Windstille. "Westfälische Rundschau", Dortmund, 15.4.1996
Heitmann, Christoph in "Radio 91,2", Dortmund, 15.4.1996
Keim, Stefan: Piratenbrut bei flauer Brise. "Westfalenpost", Hagen, 15.4.1996
Kentrup, Roland: Brut. "Theater-Magazin", Dortmund, April 1996
Link, Günter: Zur Theaterkritik von "Brut" im Schauspielhaus -Ohne Herztropfen und Magentabletten! "Stadtanzeiger", Dortmund, 15. Mai 1996
Peiseler, Christian: DORTMUND: Alle begehren Pippi Langstrumpf. "Theater heute", Seelze, Nr.6/1996
Schnettler, Silke: Leben in der Konservendose. "theater pur", Essen, Nr.5/ Mai 1996
Schrahn, Martin: "Brut"-Piraten im Redestreß. "Ruhr-Nachrichten", Dortmund, 15.4.1996
Stiftel, Ralf: Die Piraten sind müde. "Westfälischer Anzeiger", Hamm, 16.4.1996
Widow, Anke: Piraten ohne Zukunft schippern im Kreis. "Stadtanzeiger", Dortmund, 17.4. 1996
Wiegers, Annegret: Wunschträume auf hoher See. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 16.4.1996
[an.]: Meuterei im Schauspielhaus. "Theater-Zeitung", Dortmund, Nr.4/1996
[an.]: "Brut" erzählt von zerronnenen Träumen. "Ruhr-Nachrichten", Dortmund, 1o.4.1996
[JG]: Piraten erobern Schauspielhaus. "Westfälische Rundschau", Dortmund, 1.4.1996
[sk] (=Keim, Stefan): Das triste Alltagsleben der Piratinnen. "Westfalenpost", Hagen, 11.4.1996
[wi] (= Wiegers, Annegret): Vom langweiligen Piratenalltag. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 11.4.1996
 

Der wilde Mann

Acklin, Claudia: Kleine Leute, kühl und distanziert beobachtet. "Tages-Anzeiger", Zürich, 2o.1.1989 [Sammelartikel]; dies. und Furler, Andreas: <<Die Darstellungskunst ist eine schwebende Angelegenheit>>. A.a.O., 9.8.1989 [Sammelartikel]
Badan, Marco: La tournée del cinema svizzero. "Quotidiano", Bioggio, 8.2.1989 [Sammelartikel]
Blöchinger, Brigitte: Schlafmangel mit Stilüberfluß. "Der Zürcher Oberländer", Wetzikon, 9.1.199o
Charlot: Zürcher Filmstenogramm - Der wilde Mann. "Zürichsee-Zeitung", Stäfa, 12.1.199o
Dättwyler, Tommy: Rückblick auf die 24. Solothurner Filmtage. "Aargauer Volksblatt", Aarau, 27.1.1989 [Sammelartikel]
Dusek, Barbara: Wahnsinn und Normalität. "Ostschweizer AZ", St. Gallen; "Schaffhauser AZ"; "Volksrecht", Zürich; "Winterthurer AZ", 4.1.199o
Eichenlaub, Hans M.: Gute Filme und aufdringliche, fragwürdige Sponsorenpolitik. "Aargauer Tagblatt", Aarau; "Brugger Tagblatt"; "Freiämter Tagblatt", Wohlen, 2o.8.1988 [Sammelartikel]; ders.: Eine Torte mit doppeltem Boden. "Bündner Zeitung", Chur, 8.1.199o
Gächter, Christoph: Keine Krise beim Dokumentarfilm. "Vorwärts", Basel, 2.2.1989 [Sammelartikel]
Glur, Beat: Die Zukunft des Schweizer Spielfilms hat begonnen. "Berner Zeitung", 19.1.199o [Sammelartikel]
Guardo, Alfio di: Place au cinéma suisse. "La Liberté", Fribourg; "Le Courrier", Genève, 27.4.1989 [Sammelartikel]
Hermann, Ludwig: Der wilde Mann. "Biel-Bienne", 16.11.1989
Hickethier, Knut: Schweizer Realismus. "epd/ Kirche und Rundfunk", Frankfurt/ Main, Nr.6/ 25.1.1989
Horstmann, Ulrich: Kopf einziehen. "Kölner Stadt-Anzeiger", 19.1.1989
Isler, Thomas: Zeitgeist- vielzitierter Gast in Solothurn. "Badener Tagblatt", 28.1.1989 [Sammelartikel]
Kalberer, Guido: Einbruch der Dunkelheit. "Limmat Zeitung", Dietlikon, 26.1.1989 [Sammelartikel]; ders.: Der unheimlich Ungeborgene. A.a.O., 4.1.199o
Katz, Anne-Rose: Älper-Alptraum. "Süddeutsche Zeitung", München, 19.1.1989
Kessler, Mark: Der Mensch braucht eine Notwendigkeit. "Freiburger Nachrichten", Freiburg/ Schweiz, 2o.8.1988 [Sammelartikel]
Koll, Hans Peter (Hg.): Lexikon des Internationalen Films 1989/9o. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt 1991
Kopka, Christiane: Das grauenvolle Dorf. "Westfälische Rundschau", Dortmund, 19.1.1989
Kradolfer, Edi: Vorsichtiges Aufspüren von Wirklichkeit. "zoom", Bern, 17/1988 [Sammelartikel]
Malach, Viera: Ein [!] Hommage an den <<Wilden Mann>> ins [!] Ins. "Bieler Tagblatt", 25.11.1989
Morace, Mariano: Il cinema svizzero alle Giornate cinematografiche di Soletta. "Azione", Lugano, 26.1.1989 [Sammelartikel]
Münzel, Guido: Von Gewohnheiten und Galanteriewaren. "Berner Zeitung", 1.3.1989; ders., Dramatisch-schelmisches Lustspiel, ebd.; ders.: Im Schweizer Film gibt es wieder Inhalte. A.a.O., ?.1.1989 [Sammelartikel]
Oberholzer, Niklaus: Ein altes Häuschen in Emmenbrücke. "Vaterland", Luzern, 2o.1.1989 [Sammelartikel]
Perret, Jean: Dernière nuit à l'auberge. "Journal de Genève"; "Gazette de Lausanne",28.1.1989
Prisi, Elsbeth: Der wilde Mann. "zoom", Bern, Nr.6/1989
Ramer, Angelika: Nur ein Schweizer Regisseur erhielt eine Auszeichnung. "Ostschweizer AZ", St.Gallen; "Schaffhauser AZ"; "Volksrecht", Zürich; "Winterthurer AZ", 16.8.1988 [Sammelartikell
Rauber, Reto: Vom Theaterbesucher zum Filmstar. "Zofinger Tagblatt", 14.1.1989
Rederlechner, Hp.: Kleine Fluchten und grosse Reisen. "Grenchner Tagblatt", 16.8.1988 [Sammelartikel]
Richter, Robert: Auf Distanz zur Schweiz? "Tele", Zürich, 3o.1.1989 [Sammelartikel]; ders.: Verspielte, skurrile und spannende Spielfilme. "Bieler Tagblatt", ?.1.1989 [Sammelartikel]
Rohrbach, Stefan: Sonderbares geschieht in Ins. "Bieler Tagblatt", 18.11.1989
Schelbert, Corinne: Eine <<Erfolgsgeschichte>> mit einigen Knicks. "Tages-Anzeiger", Zürich, 15.8.1988 [Sammelartikel]
Schertenleib, Christof: Wo Schmetterlinge zu Leoparden werden. "Die Presse", Wien, 2o./ 21.8.1988 [Sammelartikel]
Schödel, Helmut: Schön war die Zeit. "Die Zeit", Hamburg, 43.Jg./Nr.45, 4.11.1988 [Sammelartikel]; ders.: Mann im Moos. A.a.O., 44.Jg./Nr.3, 13.1.1989
Simon-Zülch, Sybille: Absurde Wirklichkeit. "die tageszeitung", Berlin, 19.1.1989
Volonterio, Guglielmo: <<Grand Hotel>> svizzero-tedesco. "Corriere del Ticino", Lugano, 2o.1.1989
Wiegand, Wilfried: Das Ende einer Dienstreise. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 19.1.1989
Zaugg, Fred: Bedenkliches und Heiteres. "Der Bund", Bern, 2o.1.1989 [Sammelartikel]
[ar.] (=Ramer, Angelika): Man erlebt fast absurdes Theater. "Schaffhauser AZ", 7.12.1988
[Boe.] (=Boesiger, Johannes): Die Zeit der Konsolidierung. "Neue Zürcher Zeitung", 19.8.1988 [Sammelartikel]
[bre.] (=Brehm, Walter): <<Till>> (k)ein Baby-Film und der <<Wilde Mann>> ist (nur) ein Hotel. "Thurgauer Zeitung", Frauenfeld; "Bischofszeller Zeitung", 17.8.1988 [Sammelartikel]
[dlw.] (=Weber, Daniel): Die wilde Nacht im <<Wilden Mann>>. "Neue Zürcher Zeitung", 21.1.1989; ders.: <<Der Wilde Mann>> im Zürcher Filmpodium. A.a.O., 5.1.199o
[Edna.]: Der Wilde Mann. "Variety", New York, 31.8.1988
[gim.]: <<Der wilde Mann>> - Eigenwillig. "züri-tip", Zürich, 5.1.199o
[lr]: <<Der Wilde Mann>>. "Zürcher Student", 8.1.199o
[ml]: Preise für Berner Filmschaffende. "Der Bund", Bern, 23.1o.1989
[mü.]: Matthias Zschokke - Meister der Ironie. "Basellandschaftliche Zeitung", Liestal, 12.1.199o
[mün]: Schelmische Parodie menschlichen Verhaltens. "Berner Zeitung", 15.11.1989
[nic.]: Ein eher kompliziertes Landleben. "Zofinger Tagblatt", 21.1.1989
[pm]: Telekritik - Der wilde Mann. "Badisches Tagblatt", 19.1.1989
 

Piraten


Fässler, Günther: Brut über einem Eulenspiegelei im Piratennest. "Der Landbote", Winterthur, 23.3.1991; dass. u. d. T.: Ein Kuckucksei im Piratennest. "Bündner Zeitung", Chur, 1.5.1991
Geisel, Sieglinde: Windstille Prosa. "Die Wochenzeitung", Zürich, 12.7.1991
Grunder, Hans-Ulrich: Der lustvolle Drang in die Ferne", "Bieler Tagblatt", 13.4.1991 [Sammelartikel]
Helbig, Carmen: Matthias Zschokke/ Piraten. "Journal Frankfurt", 25.1o.1991
Höpfner, Niels im "Deutschlandfunk", Köln, 1.4.1991 [Interview]; Teilabdruck (Der melancholische Pirat): "tip", Berlin, Nr.15/ 1991; ders.: Am Abend vorgestellt: Matthias Zschokke- Piraten. "Westdeutscher Rundfunk", Köln, 9.9.1991
Huber, Christine: So lustig und spannend war Literatur noch selten. "Berner Zeitung", 17.4.1991
Jokostra, Peter im "Rias", Berlin, 3o.4.1991
Kalberer, Guido: Alles findet auf der Bühne statt. "Tages-Anzeiger", Zürich, 7.8.1991
Kraft, Martin: Erinnerungen an ein Theaterstück. "Schweizer Feuilletondienst", Zürich, 28.5.1991 [Typoskript]; "Rheintalische Volkszeitung", Altstetten, 26.6.1991
Mack, Gerhard: In der Werkelwelt. "Stuttgarter Zeitung", 3.5.1991
Mazenauer, Beat: Lethargische Piraten dümpeln über Pappmeere. "Nidwaldner Volksblatt", 2o.6.1991; ders.: Kaperfahrten auf den grossen Gefühlen. "Zürichsee-Zeitung", Stäfa, 2.1.1992
Mittag, Susanne: Lese-Abenteuer. "BuchJournal", Frankfurt/ Main, Nr. 1/1991
Mohr, Peter: Lächerliches vom Kulturbetrieb. "Spandauer Volksblatt", Berlin, 16.6.1991
Pulver, Elsbeth: Ernsthafter Unernst. "Neue Zürcher Zeitung", 13.6.1991
Quirchmayr, Erwin: Chaos aus Prinzip. "AZ- Unabhängige Tageszeitung", Wien, 21./22.9.1991
Reinacher, Pia/ Vogler, Heini in "Radio DRS", Basel, 13.3.1991; dies./ Zschokke, Matthias: Zusammenklang nach den dubiosen Regeln der Empfindungswelt [Briefwechsel mit Autoren III: Über Matthias Zschokkes <<Piraten>>]. "Basler Zeitung", 12.4.1991
Ruhnau, Uwe-Jens: Ein Piratenstück. "Westdeutsche Zeitung", Düsseldorf, September 1991 [Beilage: Literatur-Zeitung]
Schafroth, Heinz F.: Dass einem ganz metaphorisch zumute wird... . "Basler Zeitung", 28.1o.1989
Schattenhofer, Monika: Ein stilles Durcheinander. "Frankfurter Rundschau", 3o.3.1991
Schlodder, Holger: Auf trüben Gewässern dahingedümpelt. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 25.5.1991
Schödel, Helmut: Gestern Pirat, heute privat- Zschokke über das Ende der Abenteuer. "Die Presse", Wien, 16./17.3.1991; ders. im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 5.5.1991
Schulze, Karin: Die Räuberpistole geht nach hinten los. "Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt", Hamburg, 9.8.1991
Schulze-Reimpell, Werner: Witz und Witzchen. "Nürnberger Nachrichten", 18.4.1991
Staudacher, Cornelia: Berliner Blau im wilden Norden. "Der Tagesspiegel", Berlin, 17.3.1991
Ueding, Gert: Schrott am Plötzensee oder Wie komme ich auf den Ararat? "Die Welt" Hamburg, 24.4.1991 [Sammelartikel]
Vogler, Heini: Siehe Reinacher, Pia
Wahlster, Barbara im "Süddeutschen Rundfunk", Stuttgart, 25.7.1991 [Interview]
Wiesner, Herbert: Lebensläufe kapern. "Süddeutsche Zeitung", München, 11./12.5.1991
Winkels, Hubert: Piraten und Seifenblasen. "Die Zeit", Hamburg, 46.Jg./Nr.18, 26.4.1991
Wördemann, Raimund in der "Deutschen Welle", Köln, 19.11.1991
Zulauf, Jochen im "Sender Freies Berlin", 24.4.1991
[an.]: Katz- und Maus-Spiel mit der Leseerwartung. "Berner Tagwacht", 6.4.1991; dass. [gl]: "Bündner Tagblatt", Chur, 13.5.1991
[an.]: Die rosaroten Korsaren. "Sibylle", Leipzig, Nr.6/1991
[C.C.] (=Cornu, Charles): Das Leben schreibt nicht, es wetzt ab. "Der Bund", Bern, 16.3.1991
[np]: "Hochgespülte Sonderlinge". "Der Schweizer Beobachter", Glattbrugg, 27.9.1991

 

Die Alphabeten


a) Berner Uraufführung

Achermann, Erika: <<Lieber falsch leben als richtig sterben>>, "Tages-Anzeiger", Zürich, 27.9.1994
Bergen, Stefan von: Die <<Alphabeten>> finden vor lauter Gerede keine Worte. "Berner Zeitung", 22.9.1994; ders.: Verspielte Vertonung einer Wortpartitur. A.a.O., 27.9.1994
Dubois, Ursula: Macher und Gemachte. "Stehplatz", Bern, September 1994
Eichmann-Leutenegger, Beatrice: Gefährdung des Künstlers. "Luzerner Zeitung", 27.9.1994
Fässler, Günther: Verschwindende Pfütze im Wörtermeer. "Bündner Zeitung", Chur, 28.9.1994; ders.: Die Pfütze im Wörtermeer. "Luzerner Neuste Nachrichten", 27.9.1994
Fellenberg, Walo von: Eine Frau wehrt sich! "Blick", Zürich, 27.9.1994
Genre, Heide in "next/ SRG", Zürich, 25.9.1994 [TV-Bericht]
Halter, Martin: Ohne Preis keine Kunst. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 28.9.1994
Höpfner, Niels: Aus dem Buch des (Kultur-) Lebens. "Theater der Zeit", Berlin, 49. Jg./Nr.6, November/ Dezember 1994
Inan, Cihan: Bewundernswerte Allerweltsweisheiten. "Berner Tagwacht", 29.9.1994
Linsmayer, Charles: Das Theater als Riesenspielzeug. "Der Bund", Bern, 24.9.1994 [Interview mit Matthias Zschokke]; ders.: <<Wir leben nicht, wir spielen lebendig>>. A.a.O., 27.9.1994
Maurer, Roland: Alles komisch, alles tragisch, alles egal. "Berner Woche" Nr.221/ 1994 [Beilage des "Bund"]; ders.: Ein skurril-hintergründiges Stück. "Solothurner Zeitung"; "Grenchner Tagblatt"; "Langenthaler Tagblatt"; "Berner Rundschau", Langenthal; "Der Zürcher Oberländer", Wetzikon, 27.9.1994
Mack, Gerhard: Aufbruch und Erstarrung. Neue Schweizer Dramatik. "Die Deutsche Bühne", Zürich, 63. Jg., Nr.1/1992 [Sammelartikel]
May, Nicola in Programmheft Heft 51 Die Alphabeten. "StadtTheater Bern" 1994/95
Moser, Samuel: Preisverleihung im Himmel: Ein Schurke- herrlich! "Süddeutsche Zeitung", München, 29.9.1984
Peternell, Svend: Ohne traumwandlerische Sicherheit. "Berner Oberländer", 27.9.1994
Reich, Richard: Das Ich in der Flasche. "Neue Zürcher Zeitung", 28.9.1994
Richard, Christine: Der Dichter als Ausdenker. "Theater heute", Velber, Nr.1/ 1995
Schanda, Susanne: <<Ich denke beim Schreiben an Bühnenrealität>>. "Berner Zeitung", 22.9.1994 [Interview mit Matthias Zschokke]
Stebler, Beatrice in "1o vor 1o/ SRG", Zürich, 23.9.1994 [TV-Interview]
Stumm, Reinhardt: Nur Darstellung, Lebensdarstellung. "Basler Zeitung", 27.9.1994
Tresch, Christine: Gefallene Engel. "Die Wochenzeitung", Zürich, 3o.9.1994
Wenner, Hildegard im "DeutschlandRadio", Köln, 26.9.1994
Zimmermann, Marie-Louise: Kultur ist kein Zuckerschlecken. "Cash", Zürich, Nr.39/3o.9.1994
[an.]: Die Alphabeten. "Prolog", Bern, Nr.1/ September 1994
[an.]: <<Die Alphabeten>> von Matthias Zschokke. "Berner Woche" Nr.219/ 1994 [Beilage des "Bund"]
[hel.]: Eine Inszenierung ohne Biss. "Aargauer Tagblatt", Aarau; "Brugger Tagblatt"; "Freiämter Tagblatt", 27.9.1994
[svb]: Nur ein Theater. "Berner Zeitung", 22.9.1994


b) Berliner Aufführung

Baschleben, Klaus: Hinter der Rede herrscht Sprachlosigkeit. "Berliner Zeitung", 18.1o.1994
Ebert, Gerhard: Wenn Talent sich nicht anpaßt. "Neues Deutschland", Berlin, 24.1o.1994
Göpfert, Peter Hans: Lorbeer für die Kommissarin. "Die Welt", Berlin, 18.1o.1994
Grack, Günther: Seiltanz auf Spinnfäden. "Der Tagesspiegel", Berlin, 18.1o.1994
Hackenberg, Dorothee: Die Alphabeten. "Die Woche", Hamburg, 27.1o.1994
Höpfner, Niels: Siehe Berner Uraufführung
Huser, Karin: Viel Lob für Zschokkes deutsche Erstaufführung. "Berner Zeitung", 19.1o.1994
Kohse, Petra: In Komik verschieden. "die tageszeitung", Berlin, 2o.1o.1994
Kroekel, H.: Die Sprechblasen der "Alphabeten": Selbst der Regisseur hatte Probleme. "Berliner Kurier", 18.1o.1994
Löffler, Sigrid: ...wir leben nicht, wir spielen lebendig... . In: STÜCKE '95. Hg. vom Kulturamt der Stadt Mülheim an der Ruhr, 1995
Nümann, Dirk: Mhm, jaja, mhm. "junge Welt", Berlin, 19.1o.1994
Oesterreich, Volker: Von A bis Z perfekt: "Die Alphabeten". "Berliner Morgenpost", 18.1o.1994
Paul, Gerold: Wenn es nur gut unterhält. "Märkische Allgemeine", Berlin, 26.1o.1994
Ritter, Heinz im "Sender Freies Berlin", 17.1o.1994
Rhode, Carola im "Sender Freies Berlin", 23.1o.1994
Tomerius, Lorenz: Eine Breitseite gegen den Kulturbetrieb. "Berliner Morgenpost", 16.1o.1994 [Interview mit Matthias Zschokke]
Wengierek, Reinhard: Wenn der dicke Hintern alles erstickt. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 2o.1o.1994
Wiegenstein, Roland H.: Randständige Begabung. "Frankfurter Rundschau", 27.1o.1994
Wille, Franz: Schreiben, wählen, sehen. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 18.1o.1994
[an.]: Die hochgebildeten Furzer. "Der Tagesspiegel", Berlin, 22.9.1994
[A.R.] (=Reber, Annette): Die Alphabeten. Programmheft des "Deutschen Theaters", Berlin, 112. Spielzeit 1994/95
[sam]: Wir leben nicht, wir spielen lebendig. "BZ", Berlin, 18.1o.1994
[F.W.] (= Wille, Franz): Der Dichter als Ausdenker. "Theater heute", Velber, Nr.1/1995


c) Genfer Aufführung

Adamo, Ghania: Ennemis de la logique, "Les Alphabètes" déclenchent l'incongruité et le rire. "Le Temps", Genève, 24.1.2ooo
Cerretelli, Claudia: théâtre à la comédie de genève - Les alphabètes. "Scènes Magazine", Genève, Février 2ooo
Chantre, Pierre-Louis: Les infortunes de Matthias Zschokke. "L'Hebdo", Lausanne, 21.10.1999
Genecand, Marie-Pierre. Un brouillage existentiel dans la jungle des villes. "Le Courrier", Genève, 26.1.2ooo
Gerber, Yves: Selon Matthias Zschokke, dire l'amour est une épreuve. "Dimanche", Genève, 23.1.2ooo
Mertenat, Thierry: Le théâtre de Zschokke se joue la vie aux trousses. "Tribune de Genève", 25.1.2ooo
Paschoud, Martine: Zschokke, toujours là où on ne l'attend pas. "Le Journal de la Comédie". Genève, Nr.3, Decembre 1999/ Janvier 2ooo; dies.: Matthias Zschokke, Sphinx des temps modernes. "Programme Les Alphabètes", Genève, 18.1.2ooo
Prélaz, Catherine: Le mots contre la médiocrité. "Le Matin", Lausanne, 17.1.2ooo; dies.: Le théâtre a la parole. A.a.O., 18.1.2ooo
Villiger Heilig, Barbara: Susanna im Bade. "Neue Zürcher Zeitung", 21.1.2ooo
[hpg.]: Geschicktes Zschokke-Kreuzworträtsel. "Der Bund", Bern, 2o.1.2ooo
[V.B.]: Les Alphabètes. "Fémina", Lausanne, Nr.4, 23.1.2ooo
 

Der reiche Freund

a) Berliner Stückemarkt

Funke, Christoph: Heiteres Scheitern. "Der Tagesspiegel", Berlin, 14.5.1994
Gwalter, Maja E.: Lebensarchitektur, Traumerfüllung? "Neue Zürcher Zeitung", 2o.5.1994
Nayhauß, Dirk von: "Der reiche Freund" beim Stückemarkt. "Berliner Morgenpost", 14.5.1994
Schmidt-Mühlisch, L.: "Der reiche Freund" und die "Brennende Finsternis". "Die Welt", Berlin, 14.5.1994 [Sammelartikel]


b) Hannoversche Uraufführung

App, Volkhard im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 19.3.1995
Barth, Siegfried: Die starke Sprache geht mit dem "Reichen Freund" im Pool baden. "Neue Presse Hannover", 2o.3.1995
Berndt, Hans: Eine anämische Gesellschaft. "Handelsblatt", Düsseldorf, 24./25.3.1995; ders. : Ein abgestorbener Held: Kein Platz für Tasso? "Main-Echo", Aschaffenburg, 3o.3.1995
Corinth, Ernst: Die große Langeweile im Feuchtbiotop. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 2o.3.1995; ders.: Panoptikum der Dekadenz. "Weser-Kurier", Bremen, 21.3.1995
Fischer, Ulrich: Zu lang und zu lyrisch. "Südkurier", Konstanz, 22.3.1995
Hammerthaler, Ralph: Szenen rund um ein Bassin. "Süddeutsche Zeitung", München, 22.3.1995
Jasper, Martin: Auf Flügeln der Illusion ins Frustschloß. "Braunschweiger Zeitung", 31.3.1995
Krumbholz, Martin: THEATER I - Der reiche Freund. "Die Woche", Hamburg, 31.3.1995
Kunitzsch, Michael: Die Beschäftigungen des reichen Mannes. "Neue Zürcher Zeitung", 25./ 26.3.1995
Lenze, Sabine: "Der reiche Freund": Dialoge so flach wie der See. "Bild", Hannover, 22.3.1995
Löffler, Sigrid: Ja, die Armut des Reichen. "Basler Zeitung", 2o.3.1995
Piontek, Peter: Suche nach den Textritzen. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 16.3.1995
Roßmann, Andreas: Architektur macht nicht glücklich. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 22.3.1995
Schulze-Reimpell, Werner: Kein Glück im Schloß. "Frankfurter Rundschau", 22.3.1995
Warnecke, Kläre: Bunker, aus denen kein Schrei nach außen dringt. "Die Welt", Berlin, 2o.3.1995 [Sammelartikel]
Wille, Franz: Flaschenpost im Nirgendwo. "Theater heute", Velber, Nr.5/1995
Zschau, Mechthild im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 19.3.1995


c) Moerser Aufführung

Bernrieder, Irmgard: Als wäre der andere gar nicht da. "Rheinische Post", Düsseldorf, 17.6.1995
Hennrich, Lutz: Geld oder Glück. "theater pur", Essen, Nr.7/8, Juli/ August 1995
Metzner, Günther: Öde End-Zeit. "NRZ" ("Neue Rhein Zeitung/ Neue Ruhr Zeitung"), Essen, 19.6.1995
Platzeck, Wolfgang: Im Wartesaal der Hoffnung. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung", Essen, 26.6.1995
Schulze-Reimpell, Werner: Moers: Hunold, der Unhold? "Theater heute", Velber, Nr.8/1995


d) Lausanner Aufführung

Chantre, Pierre-Louis: Les infortunes de Matthias Zschokke. "L'Hebdo", Lausanne, 21.10.1999
Demidoff, Alexandre: A Renens, Philippe Mentha se frotte à "L'Ami riche" et s'y pique. "Le Temps", Genève, 23.1o.1999
Fovanna, Christophe: Un carré d'âmes qui tournent en rond. "Le Matin", Lausanne, 21.1o.1999
Kuffer, Jean-Louis: Matthias Zschokke allie la douceur à la réstistance. "24heures", Lausanne, 18.9.1999; ders.: Ce fric dont on risque de crever. A.a.O., 28.1o.1999
Rüf, Isabelle u.a.: L'Ami riche de Matthias Zschokke. "RSR", Lausanne, 21.1o.1999
[ag]: L'ami riche. "Domaine Public", Lausanne, Nr.14o6, 5.11.1999


e) St. Galler Aufführung

Däster, Uli: Matthias Zschokke Der reiche Freund. "Theaterkurier", Baden, November 2oo1
Fässler, Günther: Warum Unglück immer glückt. "Der Landbote", Winterthur, 19.5.2oo1 [News & Dates]
Hellwig, Gerhard: Vom täglichen Versagen. "Thurgauer Zeitung", Frauenfeld, 19.5.2oo1
Herzog, Madeleine: Vampiristischer Narzissmus. "Terzett", St. Gallen, Mai 2001; dies.: Der reiche Freund. "Programmheft Theater St. Gallen", Spielzeit 2ooo/2oo1; dies. und Grunwald, Ralf: Sehnsuchtsbilder des Reichtums. A.a.O.
Hoffmann, Tobias: Die matten Farben des Geldes. "Der Bund", Bern, 19.5.2oo1; dass., "Aargauer Zeitung", Aarau, 19.5.2oo1 [News & Dates]
Surber, Peter: Hamster im Rad. "St. Galler Tagblatt", 17.5.2oo1; ders.: Eine Hose ist keine Hose. A.a.O., 19.5.2oo1 [News & Dates]
[mü]: Ruhelose Sehnsucht- wonach? "Aargauer Zeitung", Baden, 26.11.2oo1
[sda]: Eine Beziehung in der Schwebe. "Neue Mittelland Zeitung", Solothurn, 19.5.2oo1
 

Der dicke Dichter


Allemann, Urs: Irgendwie verloren aufgeräumt. "Basler Zeitung", 26.5.1995
Bättig, Joseph: Dicker Dichter, schlanker Grossstadtroman. "Luzerner Zeitung", 29.7.1995
Bussmann, Rudolf: Abgründiges Lächeln. "drehpunkt", Basel, Nr.92/ August 1995
Cornu, Charles: Gl