Dies ist –virtuell & überhaupt- das erste Buch über den Schweizer
Dichter & Filmemacher MATTHIAS ZSCHOKKE.
Das Libell will eine
Hinführung, Einführung & Verführung zu Zschokke sein. Nicht mehr - nicht
weniger.
Die
umfangreiche Bibliographie weist Materialien für weitere Studien über Zschokke
nach, mag eine Basis für den akademischen Diskurs bilden. Eine biographische
Zeittafel rundet das Libell ab.
"Nein,
zur Herde der Augenblicks - Schriftsteller gehört dieser Matthias Zschokke
nicht... Bereits im ersten Buch hat er unverwechselbar seinen Stil gefunden, und
sein ureigener literarischer Ton macht Zschokke unter den Autoren seiner
Generation zu einem Exponenten der neuen deutschsprachigen Belletristik in den
achtziger und neunziger Jahren.Und auch im 21. Jahrhundert bleibt er
hochaktuell."
...wir
zerschellen an uns, zerbersten, zersplittern am Traum,
halten
uns nieder im Wunsch, sehnen, sehnen, sehnen, und kein Leben. MATTHIAS
ZSCHOKKE, BRUT
M
it einem
Paukenschlag betrat er die literarische Szene- der (am 29. Oktober) 1954 in Bern
geborene Autor Matthias Zschokke: Nach einer Lesung im Frühjahr bei den
"Solothurner Literaturtagen" wurde ihm am 22. November 1981 für
seinen erst im folgenden Jahr (!) erschienenen Roman Max der mit 2o ooo
Schweizer Franken dotierte Robert-Walser-Preis der Stadt Biel und des Kantons
Bern verliehen. Matthias Zschokke ist ein Nachfahre des eidgenössischen
Schriftstellers Heinrich Zschokke (1771-1848), der ein zigbändiges Œuvre verfaßte
(ein noch heute bekannter Titel: Hans Dampf in allen Gassen) und Kleists Zerbrochnen
Krug initiierte, der außerdem ein großer liberaler Demokrat war.
Max
Lesern mit konventionellen Lektüre-Gewohnheiten dürfte Max wie ein
epischer Trümmerhaufen vorkommen. In Wirklichkeit jedoch handelt es sich bei
dem Buch um eine höchst kunstvolle Zertrümmerung des literarischen Phänotyps
"Roman". Adorno hat, Hegel vom Kopf auf die Füße stellend, in
Zusammenhang mit Literatur einmal geschrieben: "Das Ganze ist das
Unwahre."
Ein
changierendes Vexierbild: um sich an ihre vielfältige Eigentlichkeit vorsichtig
heranzutasten, hat der Autor seine Figur Max episch atomisiert, dem Leser wird
es überlassen, sie sich selbst wieder zu synthetisieren. Vor aller Augen knetet
Zschokke aus dem Werkstoff Sprache sich einen Max zurecht, lesend nimmt man teil
am Aufbau dieser Person, an dem Prozeß ihrer Kreation, und nie ist oder wird
Max eine fix und fertige Romanfigur, der Autor hat sich als Ziel gesetzt,
allenfalls eine größtmögliche Annäherung an sie zu erreichen, weil er davon
überzeugt ist, daß Menschen nicht bis zum letzten Grund auslotbar sind (und
bestimmt nicht zwischen zwei Buchdeckeln). Das Problem der "Identität".
Max oder: ein Enkel von Gantenbein.
Max. Wer ist dieser Max? Ohne Zirkelschluß umkreist ihn der Autor in immer
wieder neuen Anläufen: Max "schläft den ruhigen Bürgerschlaf, den bei
gleichmäßigem Regen". ..."Max ist nicht männlich-schön, Max ist bürgerlich-schön,
unauffällig, mehr rein, mehr sauber als schön. Er denkt viel über sich nach,
wie gesagt, und er möchte gern anders sein. Wie alle." ..."Max kann
tun und lassen, was er will, er wirkt immer so wie Öl auf Wasser. Er breitet
eine geordnete, überschaubare Atmosphäre um sich aus/ wenn er die Bar betritt,
sind die Rocker schon weg/ wenn er zur Hure geht, hat sie keine Syphilis/ wenn
er beim Griechen ißt, ist das Fleisch frisch/ wenn er vergewaltigt wird, ist
der Vergewaltiger liebenswert..." ..."Waschlappen nannte man so einen
früher, und Max war auch wirklich wie ein nasses Tuch, nur tropfte er nicht und
war auch angenehmer anzufassen."
Max ist eine
"Zeit-Erscheinung" und dreiundzwanzig Jahre alt. Er hat bereits eine
Zukunft als Schauspieler hinter sich. Vom Theater ist er abgegangen, weil er
nicht glaubte, "Menschen seien durchschaubar, auffächerbar, zerlegbar,
auffädelbar". Die Bühne mit ihrem verstaubten schönen Schein, mit ihren
aufs Stichwort dressierten Akteuren kam ihm vor wie ein Exerzierplatz der Lüge:
"Das Theater ist eine böse Institution, weil das Theater das Chaos nie
zugeben wird, weil das Theater immer gegen Anarchie sein wird."
Ja, so eine
Prise Anarchie und Chaos vermißt Max schmerzlich, in dieser verordneten
Ordnungswelt mit all ihren Ordentlichkeiten. Er rafft sich auf zu kleineren
Protesthandlungen: klebt Fahrkartenautomaten mit Leim zu, zeigt einem
Kontrolleur nicht sein Billett vor, läuft bei Rot über die Straße, klaut im
Warenhaus Streichhölzer, verbrennt seinen Paß, trägt "den Kopf nicht
mehr auf Verbotshöhe". Aber: "Er ist kein Held geworden."
Bisweilen träumt
dieser Max mit dem so komplizierten Innenleben sogar davon, in die Niederungen
des Gewöhnlichen hinabsteigen zu können: "Ich müßte nicht individuell
sein, ich müßte nicht originell sein, ich müßte nicht mehr darüber
nachdenken, wie ich mich wohl von der Masse absetzen könnte, ich dürfte Masse
sein, ich dürfte einfach so vor mich hinleben... Ich hätte nie mehr das Gefühl,
daß ich mit Leuten zusammensitze, die alle viel klüger und viel sensibler und
viel menschlicher sind als ich..." Gegen Ende ist Max "nur noch ein
Zustand. ...Man spürt ihn kaum noch. Riecht ihn nicht. Er hüllt seinen Geruch
in einen langen Mantel". Trotzdem gibt Max sich nicht auf: "Max kennt
einen, dem es schlechter geht. Mit vollem Namen. Max ist zuversichtlich."
Die Schlußpassagen
des Romans sind achtmal überschrieben: "Letztes Kapitel"- den Geist
Max, den er rief, wie wird er ihn bloß wieder los, sein Autor? Eulenspiegel
Zschokke läßt Max einen "großen, beliebten" Volksschauspieler in
Neu Delhi werden, läßt ihn von einem Auto überfahren werden, läßt ihn von
der Lava des Vesuvs zugeschüttet werden, damit er als freudloses Exemplar des
heutigen Homo sapiens der Nachwelt erhalten bleibe, läßt ihn sich ein Bein
amputieren ("Durch Verkürzung der Extremitäten hoffte er, einen
reibungslosen und dynamischeren Blutkreislauf zu erreichen..."), läßt ihn
schlicht verhungern, erschießt ihn schließlich, steckt ihn in Abfallsäcke und
wirft ihn in einen Container zum Müll.
Wie eine
Marionette zappelt die Romanfigur Max an den Fäden ihres Herrn und Meisters.
Spielerisch-graziös behandelt der Autor auch seine Leserschaft, die, wie bei
Jean Paul oder Laurence Sterne etwa, von ihm oftmals direkt angesprochen wird:
"Ich bitte Sie höflich, nicht immer zu lachen. Ich tue meine Arbeit und
Sie tun Ihre, und es gibt nichts zu lachen." Oder eine andere Fopperei:
"An dieser Stelle hat sich mancher Leser erhoben und will wissen: ,Was ist
jetzt?' ,Was ist mit Max, was tut er, was soll er?' Solchen Wissensdurst werde
ich nicht löschen. Ein gelöschter Durst ist kein Durst." Prompt folgt ein
eleganter Exkurs zum Thema "Wissensdurst", der von den "staatliche(n)
Wissensdurstentzugsanstalten wie Schulen und Universitäten" handelt- aus
nicht weiter Ferne lacht Karl Valentin herüber.
Zschokke hat
erhebliche Vorbehalte gegenüber der epischen Erzählbarkeit: "Ich darf
nicht einfach Geschichten erzählen. Lest den Grünen Heinrich... durch
Eingriffe von außen, vom Staat, nein, von der Wirtschaft, wird jede Geschichte
so geschüttelt und zerfetzt, daß es gelogen ist, diese in einem Buch "
Wie so oft bricht der Autor mitten im Satz ab, bekennt sich auf diese Weise
ausdrücklich zu einer Kunst des Fragmentarischen (Thomas Bernhard in Alte
Meister : "Die höchste Lust haben wir ja an den Fragmenten, wie wir am
Leben ja auch dann die höchste Lust empfinden, wenn wir es als Fragment
betrachten, und wie grauenhaft ist uns das Ganze und ist uns im Grunde das
fertige Vollkommene."), die ja überhaupt bezeichnend ist für seine
chaotisch-anarchische Schreibmethode, die denselben Ursprung hat wie Maxens
Theater-Ekel, aber -paradox genug- trotz aller epischen Zersplitterung (oder
gerade ihretwegen) gewinnt der sogenannte Roman eine große Komplexität.
Zschokke: ein Dekonstruktivist, ein "Zerneuerer". Sein Schreibprinzip:
"Verweigerung als Stil" (Heinz F. Schafroth).
Max ist
also auch ein Traktat über die Kunstform "Roman", ist ein
Roman-Roman. Zschokkes Wahrheitsanspruch erzwingt die Zerstörung künstlerischer
Geschlossenheit, da der Autor kein pseudoharmonisiertes Weltganzes vorlügen
will. Was anfangs vielleicht aussah wie eine gezielte Vernichtung von Literatur,
entpuppt sich schließlich als ihre radikalste Rettung: in einer kaputten Welt
kann ein moderner Schriftsteller (heute und futurisch) eigentlich nur noch
Scherbensammler sein. Darum ist für Zschokke "Welt" auch nicht
griffig-greifbar (und erst recht nicht mit Wörtern und Worten), ihn plagt ein
fundamentaler Weltzweifel, aber als Humorist, der er ist, rettet ihn sein Witz
vor Weltverzweiflung.
"Zschokke
ist ein durchtriebener Kannitverstan, der jeden bei Blindheit und
Gedankenlosigkeit ertappt", schrieb Hartmut Schulze im "Spiegel".
Zahllose hintersinnig-vertrackte Sätze in dem "Anti"-Roman Max
bestätigen diese Feststellung: "Wir haben lesen gelernt, um lesen zu können,
nicht um zu lesen. ...Meistens versucht Max, Judith zu zeigen, daß er sie
liebe, anstatt sie zu lieben. ...Ich will jemand sein. Jeder muß jemand oder
zum mindesten wie jemand sein, sonst liebt ihn keiner. ...Jeder macht sein
Gesicht, Gesichter sind nicht. ...Man darf gewisse Dinge nicht denken, sonst fällt
die ganze Welt zusammen, und wir, die wir die Dinge gedacht haben, wir stehen
zuunterst, und auf uns fällt die ganze Welt. Die zuoberst zu liegen kommen, die
kommen mit dem Schrecken davon, lauter verdatterte Akademiker und Hauptmänner,
aber wir, wir werden zerdrückt werden, und das muß so sein." Solche
gespielt-naiven Sätze, die im Erstaunen über den Zustand dieser Welt gründen,
im philosophischen T h a u m á z e i n, könnten auch bei Robert Walser stehen.
Von diesem unterscheidet sich Matthias Zschokke jedoch wesentlich durch die
rigide Auflösung der epischen Struktur in seiner Prosa.
Zschokkes Max
erlebte einen Hymnenhagel der Kritiker. In der "Frankfurter Allgemeinen
Zeitung" allerdings unternahm der Rezensent einen literarischen
Totschlagversuch, auf den der Kritiker Wolfram Schütte in der "Frankfurter
Rundschau" süffisant replizierte: "Ein Buch, an dem sich schon
mancher, wie ich lese, die Zähne ausgebissen hat; oft schüttelt Unverständnis
den Kopf. Wer schulmeisterlich den erhobenen Zeigefinger aus der Vertikalen in
die Horizontale herunterzirkelt und dieses Romandebüt abweisend von sich weghält,
dem dreht es Nasen, dem schneidet es Fratzen, dem antwortet es mit Faxen."
In seiner
dreispaltigen Eloge zieht Wolfram Schütte eine interessante formgeschichtliche
Parallele mit seinem Hinweis auf "romantische 'Verwilderung' (Brentanos Godwi)".
Und tatsächlich: so mancher Theorieaspekt in Friedrich Schlegels poetologischen
Schriften könnte ebenso für Zschokkes Prosa gelten, was nicht weiter
verwundern muß, denn auch schon die Dichter der Romantik waren "Junge
Wilde", Opponenten gegen eine versteinerte Klassik.
In
Zusammenhang mit Max bleiben noch zwei Merkwürdigkeiten zu erwähnen:
Die konservative Berner Tageszeitung "Der Bund" druckte Zschokkes
Erstling in Fortsetzungen- ein bei experimenteller Literatur sehr ungewöhnlicher
Vorgang. Zudem ging von Max mutmaßlich eine unmittelbare literarische
Wirkung aus. Der Schriftsteller Rainald Goetz besprach das Buch enthusiastisch,
seinen avantgardistischen Charakter betonend: Es "ist ein Schritt heraus
aus den... etwas abgetrampelten Wegen, in Richtung auf eine diesen Jahren adäquate
Literatur" ("Deutschlandfunk", 22. August 1982). Die Rezension
endete mit dem Satz: "Ich jedenfalls habe den Roman von Matthias Zschokke
mit dem größten Gewinn gelesen."
Dieses
Eingeständnis findet seine Bestätigung in dem Goetz-Roman Irre
(erschienen 1983), dessen dritter Teil ohne vorherige Lektüre von Max
kaum geschrieben worden sein könnte.
Prinz
Hans
1984 veröffentlichte
Matthias Zschokke, gefördert vom Deutschen Literaturfonds, sein zweites Buch Prinz
Hans. Im ersten Teil liest es sich wie eine Fortsetzung von Max. Die
Titelfigur ist zweifellos ein Bruder von Max, wenn nicht gar sein Zwilling- auch
er ein Flaneur, der mit Kinderaugen durch die Welt spaziert: verwundert...
erschreckt... verwundet.
Von seinem
sozialen Status aus gesehen, kein imposanter Mensch, dieser Hans: "Er ist
Angestellter eines Tabak-, Zeitungs- und Spirituosenhandels, wo er viermal die
Woche um halb sechs die Tore, das heißt die Tür öffnen muß, um danach zehn
Stunden ohne Unterbrechung im Verkauf tätig zu sein. Das trägt seinen
bescheidenen Unterhalt. Auf Grund seines Dienstplans hat er oft zu den Zeiten
der Arbeitslosen frei und sieht viele davon."
Trotzdem (und
eben darum) adelt der Autor seinen Hans ironisch zum Prinzen hoch, denn
"nur Prinzen und Könige können die Welt so hochnäsig negligieren, weil
sie ihnen gehört. Was einem gehört, das bemerkt man nicht. Ihm steht eben auch
die Welt zu und deren Liebe, drum vergißt er sie". Nun, so ganz schnell
vergißt Hans die Welt denn doch nicht, aber zwischen ihr und ihm scheint sich
eine dicke Panzerglasscheibe zu befinden. Für Hans, den "Rotzbub mit einem
Kassandrawissen" (Zschokke), könnte auch gelten, was Claudio in
Hofmannsthals Der Tor und der Tod übers Leben sagt: "Bin freilich
scheinbar drin gestanden,/ Aber ich hab es höchstens verstanden,/ Konnte mich
nie darein verweben./ Hab mich niemals dran verloren."
Auch in
Zschokkes zweitem Buch Prinz Hans finden sich wiederum unzählige köstliche
Beobachtungen und Reflexionen von melancholischem Witz. Etwa: "Wenn einer
aus dem fahrenden Zug springt, gibt das eine ein- bis zweistündige
Unterbrechung; deswegen läßt man ungern jemand springen. Man hält einander an
der Jacke fest. Wenn einer v o r den einfahrenden Zug springt, geht man wieder
hoch und kann einen Bus nehmen, der schnell von übergeordneter Stelle zur
Entlastung hindirigiert wird. Darum macht das nicht soviel aus. Sehen möchte
man es nicht. Man erschrickt." Oder: "Jeder hat die Möglichkeit, auf
die Höhe der Zeit zu gelangen, er soll sich bloß nicht anstellen. Der
Zeitgeist wartet nicht. Der schreitet voran. Springen Sie auf, oder versteinern
Sie in den Regalen für Zurückgebliebene!"
Ein (glückliches)
Max-Déjà-vu-Erlebnis stellen ebenfalls die Selbstkommentare des Autors
dar, die sein Schreiben begleiten: "Weigert sich noch jemand, bunte
Geschichten zum besten zu geben? Dieses Erzählungsgefährt wird dann schon
wieder in Fahrt gebracht, das wird versprochen." Oder: "Die hintere
Neonröhre links muß flackern, weil sie erwähnt werden will." Aber Prinz
Charme treibt den Flirt mit seinen Lesern noch weiter, liebenswert-dreist, indem
er eine Max-Repetition unverhohlen eingesteht: "Jetzt staunen Sie,
wie ich mich frech wiederhole, über die unverschämte Tatsache, daß türkische
Musik in den Hans wie in den Max hineinließt, das Gewaltige der
Wiederholung..."
In Max
hatte Zschokke ein diskontinuierliches Erzählen auf die Spitze getrieben, indem
er epische Trümmerstücke ziemlich aleatorisch montierte (so erschien es
zumindest), in Prinz Hans reiht er längere Episoden aneinander, um einen
größeren epischen Bogen zu erreichen.
Elefanten
können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie
nicht-
Ab Seite 134
von Prinz Hans setzt sich die Prosa fort mit einem Theaterstück, das
sich als eine feine Kostbarkeit herausstellt. Unter dem Mammut-Titel Elefanten
können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie
nicht-hat am 1o. Mai 1986 im "Theater zum westlichen
Stadthirschen", einem Berliner Off-Theater, die Uraufführung
stattgefunden. Der Kritiker Heinz Ritter urteilte: "Ein vielschichtiges,
bizarr versponnenes Stück von hohem intellektuellen Reiz und subversiver
Komik." Das
Das Stück
spielt in einem sogenannten Loft, in einer ausgedienten und nicht gerade sehr
komfortablen Fabrikhalle. Hier versammelt sich außer Hans, der nun graubündnerisch-poetisch
Gionandris heißt, ein Rest der Jeunesse, die schemenhaft bereits in der
vorangegangenen Prosa auftauchte: zum pirandellesken Rollenspiel finden sich ein
die beiden jungen Frauen Leta und Zaira, gemeinsam mit einem Mann ihres Alters,
der fortan die Hauptperson darstellt, namens Seume. Letzterer ist biographisch
nicht identisch mit dem Dichter Johann Gottfried Seume (1763-181o), der den Spaziergang
nach Syrakus im Jahre 18o2 schrieb, aber sicher ist die Namengebung eine
Hommage für einen außenseiterischen LieblingsdichterZschokkes.
Das
Fabrikhallen-Quartett inszeniert sich in seiner öden Behausung eine neue und
buntere Welt, denn die, die existiert, läßt sich nicht ertragen, muß überspielt
werden. Bei "bitterlicher Kälte" träumt man sich fort ins Indische,
ins wahrhaft "Prinzliche", hinüber zu Licht und Glanz- allen Störungen
zum Trotz: obwohl "ein höflicher Mensch" Flugblätter verteilt und zu
absurden Polit-Demonstrationen einlädt, obwohl ein Nachbar, der "Herr
Riemer" (das wandelnde Prinzip Banalität), blödeste Außenwelt
hereinzuschleppen versucht und obwohl sogar Gevatter Tod (als elegant-blasierte
Allegorie) ein- und ausgeht (und sein Theater-Comeback feiert), ganz zu
schweigen von einer Figur, die im Personenzettel des Bühnentextes "Jemand
Bläuliches" heißt und (für die Akteure unsichtbar) destruktiv sich gebärdend,
eine Art Assistent des Sensenmannes ist.
Beim Spiel
des Quartetts geht es wirklich um alles: ums Leben. In der Tat findet ein Überlebens-Spiel
statt, ganz im Gegensatz zu den Mätzchen, die ein ungebetener Gast-Clown
darbietet: was der vorführt, ist lediglich L'art pour l'art, das sind nur mit
viel Schweiß eingeübte und im Grunde dämliche Kunst-Stückchen.
Wie
bewundernswert dagegen die Imaginationskraft der existentiellen Traumspieler!
Sie schaffen es sogar, daß sich der ursprüngliche Beckett-Endspiel-Raum in ein
paradiesisches Grün verwandelt. Und wenn dennoch am Schluß der Tod, zusammen
mit seinen Schergen, abernten will, hat er damit doch erhebliche
Schwierigkeiten: "Die bläuliche Person klappert nachdenklich mit den Zähnen,
der Tod probiert verblüfft noch einmal sein Tänzlein." Zwar hat er Zaira
bereits kassiert (sie wurde -in konkretem Wortsinn- von einem Geldsack
erschlagen), aber das verbleibende Trio singt ihn (höchstwahrscheinlich und
hoffentlich) t o t, "zu einer jämmerlichen Cellobegleitung" von
Gionandris, dem "Prinzen" Hans.
Der Reichtum
des rätselhaft-luziden Zschokke-Stückes läßt sich nicht in wenige Worte
fassen: seine Heiterkeit, seine Trauer, sein Witz, seine Skurrilität, seine
Naivität, seine Klugheit, ja, seine Weisheit. Ein riskanter Vergleich soll
gewagt werden: Matthias Zschokkes Theaterstück hat eine ähnliche literarische
Qualität wie Georg Büchners vor 166 Jahren entstandenes Bühnenwerk Leonce
und Lena.
ErSieEs
1986 erschien Zschokkes drittes Buch ErSieEs, und damit wäre eine
eigentlich nie beabsichtigte Berliner Trilogie komplett, denn Berlin, wo der
Autor seit 198o lebt, bildet in allen drei Bänden die Kulisse.
Die formale
Demontage der Literatur hält sich bei Zschokkes Buch ErSieEs in Grenzen.
Seine Erzählstruktur wirkt weniger struppig als in den vorausgegangenen Veröffentlichungen,
aber es bleibt noch genug Widerborstiges übrig, um die Lust an labyrinthischer
Lektüre zu befriedigen.
Der Buchtitel bezeichnet die wundersame Eigenschaft einer der Hauptpersonen, ist
abgeleitet von ihrem Namen, der Ersiës de Glych lautet. Das klingt
geheimnisvoll türkisch-flandrisch, meint jedoch nichts anderes als ErSieEs, der
Gleiche. Wieso ErSieEs? Warum der Gleiche? Mit Ersiës hat es eine besondere
Bewandtnis: diese Person kann maskulin u n d feminin sein, ist ein Weib-Mann:
"Oft ist sie eine Frau. Das Männliche, was hin und wieder durchglitzert,
ist das übliche."
Es handelt
sich keineswegs um einen transvestitischen Roman, auch nicht um einen
transsexuellen wie etwa bei Virginia Woolfs Orlando, wo ein junger Mann
innerhalb einer Zeitspanne von drei Jahrhunderten, selbst jedoch nur um zwanzig
Jahre gealtert, sich schließlich in eine Frau verwandelt. Zschokkes Ersiës
besitzt die faszinöse Fähigkeit, permanent zwischen den sexuellen Polen zu
oszillieren, wird also auch vom Autor konsequent -wie Goethes Mignon- einmal als
"sie" apostrophiert und dann wieder als "er". Aber Ersiës
ist realiter kein Zwitter, sondern allenfalls zerebral: Metamorphose des
Geschlechts ad libitum (und sei es nur die Projektion der anderen), denn Ersiës
ist eine K u n s t f i g u r .
Schon als Es
war Ersiës ein höchst merkwürdiges Balg: "Als Kind hatte sie Turnschuhe
und dünne Beine, -vielleicht HAGERE?-, mehr zur Täuschung, denn bewegt hat sie
sich nicht besonders sportlich, nie und heute muß sich Ersiës eben einiges
gefallen lassen, weil sie ungehörig wenig weiß von dem, was zur Zeit wahr ist.
Sie hat sich einmal ein Lexikon gekauft von 19o4, jetzt weiß sie meistens das
Verkehrte oder das Halbe oder gar nichts."
Und wer ist diese/r Ersiës als erwachsene Person? Zumindest ist sie ziemlich
dubios. Das fängt schon an bei den genannten Geburtsdaten, die alle verschieden
sind. Und Ihr Beruf, meine Dame, mein Herr? Einer aus dem Bekanntenkreis meint:
"Er wisse es auch nicht genau, aber er glaube, sie sei Lehrerin für
ausgestorbene Sprachen. ...Manchmal schreibe sie Zeichen auf ein Papier, die
niemand entziffern könne. Die nenne sie altphilologisch... Zu Korinth sagt sie
Düsseldorf. ...Dann wieder sagt sie am Ufer eines der kleinen Dreckseen: ,Das
ist mein tyrrhenisches Meer', oder so ähnlich, nur weil grade auch ein Mond drüber
steht. All das mit der größten Selbstverständlichkeit, unverblümt..."
Vielleicht
ist Ersiës auch ein/e leidenschaftslose/r Tabakwarenverkäufer/in- dieser Tätigkeit
ging ja bereits "Prinz" Hans nach: "Ersiës verläßt die
Leidenschaft schnell, das stimmt. Tabak mochte er nur drei Wochen lang
leidenschaftlich gern verkaufen. Danach verkaufte er ihn mit kühler Distanz,
und zuletzt gar nicht mehr. Deswegen trifft man selten Tabakverkäufer in
Sechszimmerwohnungen an. Tabakverkäufer sind zu wenig leidenschaftlich."
Ersiës
verdient den Lebensunterhalt als Versuchskarnickel der Pharma-Industrie.
Scheinbar harmlos-naiv (und also mit unglaublicher Schärfe) berichtet Zschokke
von zynisch-menschenverachtenden Experimenten- ohne die Sozialschnulze zu
dudeln.
Ersiës wird
von einem Literaturbetriebsmenschen geliebt, der seinerseits "eine Art
Brieffreund" eines von ihm sehr geschätzten "Baufachmanns" ist,
mit dem er viel und gern korrespondiert. Dabei geht es um tiefe literarische
Sachen, etwa um eine Tagung zum Thema "Der Librettist und die
Schaffensfrage", zu welcher der Literaturbetriebler "von dem
sogenannten Professor, der... in Tübingen das Schriftdeutsche verwest",
eingeladen worden ist. Oder um ein anderes (in reizvoller landschaftlicher
Umgebung stattfindendes) Symposium zum Problem "Die Präsenz des
Rezensenten in seiner Rezension". Mit kühlem Techniker-Kopf reagiert der
Baufachmann in seinen Briefen (die in Versalien gesetzt sind) auf den
kulturellen Schrott und Müll. Die epistolarische Pseudodebatte über
brennendste Kunstfragen ist ein satirisches Glanzstück in Zschokkes Buch.
Zur epischen
Menage à trois gesellt sich außerdem Mario Massa. In den wiederum ist Ersiës
verliebt, schnöde den Literaturbetriebler zurückweisend, obwohl er auch an
Ersiës köstliche Briefe schreibt, mit literarischen Beigaben sogar, etwa der
in einer Anthologie aufgespürten Kurzgeschichte "Claudius Simonitsch und
die Deutsche Bundespost" oder dem in der Zeitschrift "SCHAUSPIEL"
gefundenen theatralischen Manifest "Berlinische Dramaturgie".
Aber
vergeblich das Werben, Ersiës liebt Mario Massa, den "Meteorologischen Sänger"-
wen bitte? Mario Massa singt morgens im Radio den Wetterbericht (bei seinen
raren Lesungen gibt Zschokke selbstverständlich eine Probe der eigenen
Sangeskunst). Im Monat September, zum Beispiel, singt Mario Massa:
"Ostatlantischer Tiefdruckwirbel
führt Meereskaltluft heran.
Guten Morgen, Madame, schneller
ging der Sommer, schon
Herbst schon Winter,
örtliche Frühnebelfelder,
Nieselregen.
Kalt altern
Nasenspitzen, Zehen.
Ihre Brustwarzen
hart, schon welk.
Schnaufen Sie,
nicht vergessen.
Herbstmode Tarnanzug
oder Gefieder.
Vorbei, vorbei,
Leintücher,
warm noch,
Leichentücher.
Nur mit der Ruhe,
Madame,
erst frühstücken.
Die Niederschläge kommen
im Erzgebirge auf."
ErSieEs
- Zschokkes shakespearisch angezetteltes Geschlechterverwirrspiel endet nicht
harmonisch-heiter-hormonisch: Die Liebenden kommen nicht zusammen; dem
"Meteorologischen Sänger" wird beim Rundfunk gekündigt; nachdem der
Literaturbetriebler Ersiës aus den Augen verloren hat, wird er wohl Berlin
verlassen ("...es stinkt in der ganzen Stadt - die Gesichter sind grau
geworden - bleich und grau - in den U-Bahnen nur noch bleiche, graue Gesichter,
schuppige Hände - fröstelnd, gefesselt starren wir vor uns hin,
zitternd").
Und was geschieht mit Ersiës? Nach einem im Wald mißglückten Rendezvous mit
dem Tod endet Ersiës als an die Wand gehängtes Exponat bei einer
Leistungsschau des Pharmakonzerns. Ersiës ist zum Objekt geworden, von ihm oder
ihr ist nur noch ein vages Es übriggeblieben. Zwei Rentnerinnen wollen an dem
Ausstellungsgegenstand Flügel entdecken, aber "ein junger Assistent in weißem
Kittel" klärt die Besucher auf: ",...das sind Ablagerungen von
Fluocortinbutyl nach rektaler und intravenöser Abgabe im crossover Vergleich.
Sie sind absolut unbrauchbar, unbeweglich. Eine Art Höcker eher. Sehen Sie, Sie
können sie anfassen. Schlecht durchblutet...'"
Im Vorwort
verrät Matthias Zschokke ironisch: "Im Grunde genommen würde ich mich auf
den Barrikaden besonders wohl fühlen." Und auch das Wohlgefühl des Autors
auf denWort-Barrikaden ist offenkundig: "Wie bin ich froh um krummgehauene Sätze.
Oder rostige Sätze. Und wie schäm ich mich in der Öffentlichkeit für sie!
,Du Hundssatz! Willst mich der Lächerlichkeit preisgeben, vor allen Leuten!'
zieh ich über ihn her- aber zu Hause, wenn ich allein bin, umarme ich den Satz
und gebe ihm einen Kuß."
Und wieder
wird in Jean-Paul-Karl-Valentin-Manier ein prächtiges Pointen-Feuerwerk gezündet.
Daraus eine Rakete: "Eine heute besonders bewunderte Art, sich zu bewegen,
ist das Grenzenüberschreiten.... Wer jemanden treffen möchte, begibt sich an
die Grenzen; dort vertreibt sich die Zeit, was Rang und Namen hat. Vor dem
Zollhaus herrscht ein buntes Treiben. Bei schönem Wetter finden sich Tausende
hier ein, um der Grenzüberschreitung eines Tollkühnen beizuwohnen, welcher
grade dabei ist, ein Paillettenkleid über seinen durchtrainierten, wohlgenährten
Körper zu streifen. Ist alles vorbereitet, stellt er sich an die Grenze,
konzentriert sich, ruft: ,Ich wage nun das Chaos', oder ,Ich überschreite nun
meine Grenzen'..."
Und noch ein schneller Kracher: "...wer das Wahre sagt, wird geliebt. Das
Bekannte ist das Wahre. Eine friedliche Herde, die sich gegenseitig hütet... es
ist schwer, der Zeit zu entkommen, wenn einer nicht schön ist wie ein Sigurd
und beredt wie ein begüterter Sohn."
Nein, zur Herde der Augenblicks - Schriftsteller gehört dieser Matthias
Zschokke nicht. Und von besonders witziger Delikatesse sind erneut seine das
eigene Schreiben umrankenden Reflexionen, denn die auktoriale Handschrift
verhehlt er nie: "Hier folgt eine Naturbeschreibung, um dem Ganzen epische
Breite zu geben: es windet. Die Blätter hallten fest an den Bäumen, wird wohl
nicht Herbst sein. Und vielleicht kommt Regen. Oder sogar die Sonne. Je nachdem,
was der Bauer sich wünscht."
Zschokke
schreibt Literatur-Literatur. Bereits im ersten Buch hat er unverwechselbar
seinen Stil gefunden (Le style, c'est le poète- was sonst? Aber anscheinend ist
dies in Vergessenheit geraten...), und sein ureigener literarischer Ton macht
Zschokke unter den Autoren seiner Generation zu einem Exponenten der neuen
deutschsprachigen Belletristik in den achtziger und neunziger Jahren. Auch im
21. Jahrhundert bleibt er hochaktuell. Und ganz en passant wurde er einer der
Begründer der literarischen Postmoderne (vgl. zur Begriffsdefinition: Ihab
Hassan, Postmoderne heute. In: Wolfgang Welsch (Hg.), Wege aus der Moderne.
Weinheim: VCH, Acta Humaniora, 1988) hierzulande, unter dem fröhlichen Banner
ANYTHING GOES.
Edvige
Scimitt
Mit einem
Budget von nur 8oo ooo DM drehte Matthias Zschokke 1985 seinen ersten Spielfilm Edvige
Scimitt. Er wurde bei den "Hofer Filmtagen" im Herbst selben
Jahres uraufgeführt, das "Zweite Deutsche Fernsehen" zeigte ihn am
15. Mai 1986 in seinem "Kleinen Fernsehspiel". Helmut Schödel schrieb
in der "Zeit": "Oben auf einer Wolke schwebte ein Film. ...Was
die Wolke, auf der sich dieser Film ereignet, zum Schweben bringt: Ironie."
Eigentlich hieß sie Hedwig Schmitt. Als die Schweizerin in Palermo lebte,
verballhornte die italienische Post ihren Namen in "Edvige Scimitt".
Basierend auf Hedwigs Tagebüchern, erzählt Zschokkes Film einige Stationen aus
ihrem Leben: Sie arbeitete -zu Beginn dieses Jahrhunderts- in London als
Parlourmaid, in Mailand als "Saaltochter", in Palermo als
Theatergarderobiere, in Zandvoort als Etagenkellnerin und in New York als
Badraummädchen. Dabei erlebte sie "Ungeheuerlichkeiten auf absolut
eigenwillige Art". (Zschokke)
Immer sind Männer
hinter ihr her. Einige benutzen sie. Einer macht dem kunstseidenen Mädchen
ein Kind. Edvige oder die Unschuld des Herzens. Kein soziales Drama, sondern
viel Hintertreppe.
Der Film lebt
von einer aberwitzigen Dialog- und Situationskomik. Und der gelernte
Schauspieler Matthias Zschokke hat ein farbenfrohes Leinwandspektakel
inszeniert- in theaterhaft künstlichen Dekors agieren die Darsteller
entsprechend artifiziell-stilisiert. Als Bewunderer von Fellinis
Plastiksonnemond blessiert Zschokke das realistische Medium Film.
In Kritiken
las man zu Edvige Scimitt: "Der Leidensweg der literarischen
Stereotype wäre auch als Film eine schwer verdauliche Küchenlied-Schmonzette,
wenn Zschokke ihn nicht in einer phantastischen Bühnen-Kunstwelt mit kräftiger
Ironie, fast wie ein knalliger Comic-Strip, abspulen würde. Dabei gelingt es
ihm mit dem betont theatermäßigen Gestus der Schauspieler und einer gar nicht
theatersteifen Kamera, die Komik des begnadeten Verführers ebenso wie die der
tragisch verführten Unschuld hinter der Kitschfassade hervorzulocken."
(Wolfgang Brenner)
Oder:
"Zschokke handhabt die Mittel der Verfremdung nicht im Brechtschen Sinn, um
den Zuschauer von der Emotion zum Nachdenken zu führen, sondern gerade
umgekehrt: Indem er ihn zum Lachen bringt, spricht der Filmemacher die
emotionale Ebene im Zuschauer an. Teils amüsiert, teils betroffen erlebt man
ein Schicksal, das einem Stück Frank Wedekinds oder Ödön von Horváths
entstammen könnte und doch gelebtes Leben bleibt..." (Gerhart Waeger)
Der Drehbuchautor und Regisseur selbst äußerte zu seinem Werk: "Edvige
ist ein Film für Schauspieler, gegen den Trend zur Sprachlosigkeit, gegen den
Film von nebenan, gegen den Film, den das Leben schrieb. Ein Film, in dem und über
den ich lange nachdenken muß, eh ich ihn gut finde. Vielleicht ein Requiem,
vielleicht ein ,Anderer Film', mindestens so bunt wie ein Film."
Matthias
Zschokke erhielt für Edvige Scimitt als besten Spielfilm 1985 ein Jahr
später auf der Berlinale den Preis der deutschen Filmkritik. In der Begründung
zur Preisverleihung hieß es: "Die Jury würdigt damit ein Debüt, das sich
durch eine ungewöhnliche Verknüpfung theatralischer und filmischer Mittel
sowie durch eine hervorragende Behandlung von Licht, Farbe und Darstellung als
souveränes Spiel zwischen Dokument und Fiktion auszeichnet."
Brut
Auf Grund
seines zweiten Theaterstücks Brut wählten Kritiker der Zeitschrift
"Theater heute" Matthias Zschokke in der Autoren-Sparte zum besten
Nachwuchskünstler 1989.
Im
Programmheft zur Uraufführung von Brut (Bonn, 18. November 1988)
schreibt Zschokke: "Ich hätte etwas Filigranes bezüglich Seeräuberei zu
berichten, etwas Kostbares unter dem Namen Brut; von sehnsüchtigen
Menschen, die als Kinder unter aufgeschlagenen Knien litten, wie wir; deren Münder
klebrig waren, wie unsre. Sie wünschten für sich kühne Größe mit einem
Hauch Aristokratie, wie wir. Viele ließen sich überreden und traten in den
Dienst der Rhätischen Bahnen, als Schrankenwärter oder Billeteure. Andere
wagten einen Sprung und wurden Schlachter. Die wenigsten blieben rastlos. Sie
konnten das Fernweh nicht hinauskomplimentieren aus sich auch nicht mit Hilfe
einer Reise nach Abbado-, sie wurden Kapellmeister, waren unzufrieden, wurden
Kammerjäger (oder -zofen), blieben unzufrieden, wurden Nationalökonome (oder-rätinnen),
blieben unzufrieden-, und eines Tages sagten sie sich von allem los und
entfernten sich: Sie wurden Piraten- nicht wie wir. Glauben Sie nicht, daß sie
nun zufrieden seien. Im Gegenteil: Die Unzufriedenheit, die Unruhe, die
Sehnsucht, das sind gerade die Motore, gleichsam die Galeerensklaven oder
Schiffsschraubenantriebe, der Wind in den Segeln von Brut."
Ein irreal
glitzerndes Märchen, eine Seeräuberpistole: Im Brutofen der "karibischen
Sümpfe" dümpelt ein Piratenschiff. Die Besatzung an Bord: Kapitänin
Tristana Nunez, die "Blutige"; Selkirk, ein androgyner Matrose, schön
wie Melvilles Billy Budd und wohl entfernt verwandt mit Defoes Ur-Robinson;
Azor, der Steuermann; Arud Caflisch, Koch; der Navigator Hornigold Glaser;
Hallwax, ein opportunistischer Offizier; Kogge, ein tumber Schiffsjunge; außerdem
ein unfreiwilliger Gast: eingesperrt im Mastkorb der grüngesichtige Dichter
Julio Sloop, für den ein horrendes Lösegeld erpreßt werden soll.
Die
Filibuster sind die Brut unerfüllter, verdrängter Sehnsüchte. "Von der
Sehnsucht nach dem Absoluten sind sie aufs Weltmeer getrieben worden, und nun
verzweifeln sie an der Sinnlosigkeit ihres Daseins", hat ein Kritiker
geschrieben. Auf dem Schiff herrscht Chaos, das sanft beginnt: die Band mag
nicht mehr zur blauen Stunde musizieren, des Kochs Künste werden verschmäht.
Schließlich drei Leichen: die Kapitänin (ein travestierter Tristan)
ermordet, verliebt in Selkirk, ihre Nebenbuhlerin, die Fürstin Lastadie Etmal
(die gewissermaßen ein weiblicher Fliegender Holländer ist), nachdem
sie vorher bereits den Dichter umgebracht hat, der mit Selkirk tändelte. Denn
dieser ist eine als Mann verkleidete Frau, wie offenbar wird, als Selkirk sich
erhängt hat: ein Opfer ihres Ennui ("Alle erleben, nur ich nicht!").
Hallwax nutzt die Gunst der Stunde und zettelt eine (halbherzige) Meuterei an,
die nun die "führungsschwache" Kapitänin in den Mastkorb bringt. Und
das piratische Narrenschiff zieht weiter seine Runden: obwohl Hornigold Glaser
sein Navigationshandwerk beherrscht, fährt es immerzu im Kreis (Nietzsches
"ewige Wiederkehr des Gleichen"), denn Azor, der Steuermann, ist-
blind. Wie der blinde Seher in der antiken Tragödie raunt er: "...man kann
sie nicht bezwingen, die Schöpfung." Ernüchterung, Enttäuschung steht am
Ende aller Sehnsucht, nur "unlustig, zerstreut, mechanisch", wie es in
Zschokkes letzter Regieanweisung heißt, geht die Seeräuberei weiter.
Der Kritiker
Andreas Roßmann resümierte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"
seine Eindrücke von Brut so: "Die Bricollage der Déjà-vus und
Reprisen, Opern- und Trivialkunstzitate ist ebenso konstruiert wie ironisch:
eine theatralische Abglanzverwertung. Im bunten Kostümstück steckt ein
bizarres Konversationsstück. Seine vertrackte Eloquenz läßt die Piraten
zwischen Kreuzberger Wohngemeinschaft und philosophischem Proseminar,
Beziehungskiste und Selbstfindungskreis schaukeln. Das markierte Porträt einer
Generation. Das Theater aber ist der Ort, an dem alle Metaphern in die Parabel münden:
Satt und selbstzufrieden ist es geworden, und wenn es doch einmal auf Kurs geht,
bewegt es sich bestimmt im Kreis. Weniger tiefsinnig als kokett, ist Brut
vor allem ein Insider-Stück: Kritik am Theater und Liebeserklärung an das
Theater zugleich."
Wie richtig
diese Analyse auch sein mag, greift sie trotzdem zu kurz. Aber immerhin mißbraucht
sie den Autor nicht ideologisch wie der Bonner "General-Anzeiger", der
Zschokke eine Attacke auf "die abgetakelte 68er-Generation"
unterstellte und ihn ans reaktionäre Ufer zu ziehen versuchte: "Zschokke
will nicht nur unsere groteske Wirklichkeit in einer grotesken, und vielfach
gebrochenen Piratenstory spiegeln. Er will vor allem vorführen, daß die großen
Aufbrüche derer, die nach Wesentlicherem streben, nach gesellschaftlicher Veränderung
etwa, scheitern müssen. Scheitern müssen aus zwei Gründen: Einmal, weil die
Sinnfrage nach dem menschlichen Sein nicht zu lösen ist (und damit alles Tun am
Ende fragwürdig wird) und zum anderen, weil die, die mit Macht zu neuen Ufern
aufbrechen, den Keim des Scheiterns schon in sich tragen. Ihre Macken und
Egoismen, Lüste und Begierden, kurz, ihre seelischen Beschädigungen, die sie
bei Antritt der großen Reise mit an Bord nehmen, sorgen dafür, daß ihr Schiff
am Ende in einer stinkigen, verseuchten, weit ab vom Schuß gelegenen Gegend
immer im Kreise herumfährt." Dieses Stück hat Matthias Zschokke mit Brutn i c h t geschrieben.
Treffender dürfte
die "Neue Zürcher Zeitung" Zschokkes Brut-Intentionen
charakterisiert haben: Das Stück ist "ein Diskurs über Tatenlosigkeit und
Sehnsucht nach dem Abenteuer, über das Nicht-Handeln-Können und das
Nicht-mehr-Handeln-Wollen, ein Diskurs aber auch über die ganz banale, alltägliche
Not mit den Gefühlen. Figuren, die einmal mit grossen Träumen aufgebrochen
sind, werden im Käfig eines endlosen Sichdrehens am Ort der Sinnlosigkeit ihrer
Anstrengung, der Überflüssigkeit ihrer Existenz inne. Ein Ausbruch aus dem
magischen Kreis scheint nicht möglich".
Und Zschokke
selbst zu seinem Stück: "Aber vor allem hocken Zikaden im Mast, vor der Bühne,
hinter den Scheinwerfern, überall; es surrt und lispelt; Geier sitzen auf den Rängen
und dösen; aus der Ferne klingt eine Arie. Das ist Brut..."
Der
Wilde Mann
Laut Lexikon
sind Wilde Männer "tierhaft behaarte Waldmenschen, Schrate, Vegetations-dämonen";
seit dem Mittelalter findet man sie dargestellt auf Bildteppichen, in der
Buchmalerei, auf Wappen und Münzen. Bis heute nennen ländliche Gasthöfe sich
gern "Zum wilden Mann".
In eben einem
solchen steigt in der Schweiz ein distinguierter, graumelierter Herr ab- Herr
von Salzgitter aus Peine (eine Lesung verschlug Zschokke in die Kleinstadt bei
Braunschweig; der Name blieb ihm unvergeßlich und erschien ihm verewigenswert):
"Für die Moosbewohner war es eine Nacht wie jede; düster, dumpf und
grauenvoll- wo das Grauen Morgengrauen ist. Der Wind riss die Ziegel von den Dächern
und erschlug damit die Katzen und die Knechte. Die Gäste betrachteten stumpf
das Sterben in Abessinien -hin und wieder fiel eine Bemerkung über das Wetter-,
der Grund für die Leichen war das Ausland. Da ging die Tür auf, der Herr von
Salzgitter trat ein, zog den Mantel aus- und stand damit ratlos im Raum; er war
Diener gewohnt." (Zschokke)
Herr von
Salzgitter hat schon einmal bessere Tage gesehen: "Einer, der sich
Deutschland nicht mehr leisten konnte; den es niedergezwungen hatte in den
Schmutz, wo er nun kroch, mit Marmor im Kopf. Zu Fall gebracht von einem
schlechtparfümierten Gegner; einem mitteldeutschen Kastraten, von dem es sich
nicht lohnt, besondere Merkmale zu erwähnen; vom Schicksal." (Zschokke)
Herr von Salzgitter ist "Galanteriewarenhändler"-Vertreter für
Kondomautomaten und Zubehör. Der Gast im "Wilden Mann" erlebt eine
furchtbare Alptraumnacht. Er findet keinen Schlaf in dieser Nacht ("...wie
da ein Deutscher in der Schweiz eine Nacht lang nicht schlafen kann- ein
Hochgenuss! [Wir können andere nicht leiden; sie erinnern uns so fatal an uns
selbst.]" [Zschokke]): immerzu dringen Leute in sein Zimmer ein, die
Serviererin wirft sich ihm an den Hals, unten probt die dörfliche Blaskapelle,
und ein schöner Jüngling sorgt für eine Verwirrung der Gefühle. Er ist
"Projektionist", Filmvorführer, denn in der Herberge gibt es ein
"Cino", in dem bedeutungsschwere und erbarmungslos dilettantische
Filme, auf dem Dachboden selbstgedreht, gezeigt werden (eine authentische
Erfahrung Zschokkes in seinem Heimatdorf Ins [das -nebenbei- übrigens Modell
war für Dürrenmatts Güllen im Besuch der alten Dame]).
Herr von
Salzgitter warnt den Jungen, er möge sich in acht nehmen: "Sonst überwältigt
Sie mal der Abendwind, so wie Sie ausschauen. Der Abendwind liebt schöne Jünglinge.
Wissen Sie das nicht?" Die stupide Antwort lautet: "So einen Wind
gibt's nicht bei uns." Am Morgen ist der Fremde tot, auch wenn Venedig
nicht in der Schweiz liegt. Die Bauern rufen zum Viehmarkt. Im Bild: Kühe, Kühe,
Kühe.
Kritiker
nannten den Wilden Mann (Berner Filmpreis 1989) des öfteren ein
"Kinojuwel", rühmten seinen "hintergründigen Humor" und
die literarisch ziselierten Dialoge, die oft ins Surreale hinüberspielen,
lobten immer wieder die große schauspielerische Leistung von Dieter Laser, in
der Rolle des Protagonisten. Zschokke selbst bezeichnete sein Lichtspiel als
"eidgenössischen Aufklärungsfilm" und als "helvetischen Grusel-
und Liebesfilm".
Und er fügte
noch hinzu: "Der wilde Mann ist eine Torte. ...Die vorliegende Torte
ist selbstver-ständlich eine ohne Boden. Tortenböden sind -mindestens in
Nordostdeutschland- etwas vom Niederträchtigsten, was die Bäckerzunft
hervorzubringen wagt: schaumstoffartig, saugfähig, nur dazu da, die
Bissfestigkeit und saubere Finger zu gewährleisten. Der wilde Mann ist
nichts als beste Füllung: feingeschabte, traurig-schöne Schauspieler (-innen)
schlendern durch warmes, gebranntes Licht, erzählen auf sämigem Ton Merkwürdigkeiten
aneinander vorbei und umschleichen sich dazu in knusprigen, exotischen Geräuschen..."
"Die
Torte" wurde im "Kleinen Fernsehspiel/ Zweites Deutsches
Fernsehen" am 17. Januar 1989 als Ursendung serviert.
Von April bis
Juli 1996 arbeitete Zschokke an seinem dritten Spielfilm, der den merkwürdigen
(Un-)Titel Erhöhte Waldbrandgefahr trägt; die Uraufführung fand am 12.
August 1996 beim Filmfestival von Locarno statt. Das Drehbuch zu einem weiteren
Film (Arbeitstitel: Die 3 schönen Müller) konnte aus finanziellen Gründen
bislang nicht realisiert werden.
Matthias
Zschokkes drittes Theaterstück trägt den ingeniösen Titel Die Alphabeten
(Uraufführung: 25. September 1994 in Bern - Deutsche Erstaufführung: 1.
Oktober 1994 am "Deutschen Theater"/ Berlin). Auch diesmal bleibt der
Autor, der für dieses Stück mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis 1992 ausgezeichnet
wurde, seinem General- & Lieblingsthema treu, und das lautet: die bleierne
Schwerkraft der Verhältnisse. Aber, auf dem Theater zumindest, bringt er sie
zum Tanzen, mit Phantasie & Komik.
Eine
Literaturpreisverleihungsfeier. Die Szene ist eine zum "Kulturzentrum
umfunktionierte GOTISCHE KIRCHE". Ein Literaturverweser namens Dr. Samuel
Seet präsentiert die gekürte Jungautorin Susanna Serval. Das edle Raubtier
gibt sich widerborstig in der Dankesrede: ein Mädel aus der Vorstadt, hochgespült
vom Literaturbetrieb.
Nachdem die
kulturelle Notdurft befriedigt ist, verlangt die leibliche ihr Recht: vor den
Klos kommt es zu einem Stau. Mit vulgärer Eleganz inszeniert Zschokke einen
Toiletten-Slapstick. Kultur-Groupies, Kunst-Dunstkreis-Existenzen treibt es vom
kalten Buffet zum Abort, die preisgekrönte Autorin kriegt Ohrfeigen vom
Establishment. Wen feiern Preisverleiher eigentlich: die oder den
Ausgezeichnete/n- oder sich selbst?
Immerhin sind
bei der repräsentativen Kulturveranstaltung auch noch zwei Menschen anwesend,
die in direkter Verbindung mit dem gemeinen Leben stehen: ein JUNGER MANN (22),
der Martin heißt (und ein Schlawiner & Filou ist) sowie eine veritable
(Kriminal-)KOMMISSARIN, mit dem eventuellen (unvergeßlich schönen) Namen
Baltensberger. Beide sorgen für eine gewisse "normale" Ausgewogenheit
unter Zschokkes Bühnenpersonal.
Die
Preisverleihungsfeier dauert ein Viertel des Stücks. Dann schwebt erst einmal
am Bühnenhimmel eine barocke Deus-ex-machina-Wolke vorbei, auf welcher
FRITZ-DER-VERBRECHER sitzt. Er ist ein Bruder der spannenden Kommissarin und
berichtet von noch spannenderen Verbrechen, die er beging, ehe er sich nach Südamerika
absetzte. Eine Wolke später sitzt er hinter Gittern. Später räkeln sich dann
noch Martin und Dr. Seet auf Wolken. Mehr oder weniger komfortable
Wolkenkuckucksheime: Imaginationen der Susanna Serval.
Und wie nun fort zu Lande, auf dem Boden der schwankenden Realitäten? Im
Zeitraffer: Fräulein Serval darbt in ihrer dunkel-feuchten Souterrainwohnung.
Martin bandelt mit der Jungpoetin an, lockt sie ins Freie. Fräulein Serval
findet Einlaß in Dr. Seets saturierte Privatsphäre ("Beletage, Parkett, Bücherwände"),
sogenannte tiefe Konversationen, bei denen aus der Tiefe auch immer wieder die
Kommissarin auftaucht.
Fräulein
Serval und ihr Meister in einem "Tanzpalast". Fräulein Serval auf dem
Rummelplatz als Horváth-Schießbudenfigur, mit der klassischen Nummer Susanna
im Bade, frei nach Bibel und Rembrandt, angezettelt von Martin- aus Übermut und
für ein paar Mark. Und Dr. Seet, er echauffiert sich darüber maßlos: die
erlebte Geschmacklosigkeit verschlägt ihm den Appetit. Muß ins Krankenhaus,
der so arg gebeutelte Kultursuppenkasper. Aber selbst im "Barocksaal"
des Hospitals verweigert er die Nahrungsaufnahme, selbst im gewohnten kulturträchtigen
Ambiente mundet das "Kalbsbries mit zerlassener Salbeibutter und
Mangoldschaum" nicht mehr.
Danach folgt noch eine Satyrspiel-Szene: Auf einer
"PREISVERLEIHUNGSWOLKE" kann nun auch der nichtsnutzige Martin nicht
mehr den kulturellen Fallenstellern entkommen. Prompt sind ebenfalls die alten
Literatur-Groupies zur Stelle. Alle sehen inzwischen ein bißchen tot aus. Aber
das Kulturtitanicorchester schrammelt stoisch weiter. Bis in alle Ewigkeit.
"Die satirisch-kabarettistische Oberfläche täuscht, denn hier liegt eine
ganz und gar schwarze Komödie vor, mit viel Scherz, Satire und
schreckensstarrer Melancholie. Ein Jux mit Gänsehaut, in dem die Fröhlichkeit
des Aschermittwochs herrscht", schrieb der Theaterwissenschaftler Klaus Völker
über das Stück, dem er eine mit Franz Molnárs Liliom vergleichbare
"Leichtgewichtigkeit" attestierte.
Die
Alphabeten- auch eine Groteske.
Eine Literatur-Farce. Gewiß. Und doch wesentlich mehr. Mühelos transzendiert
Zschokke das Thema seines Stückes- der L i t e r a t u r b e t r i e b a l s M e t a p h e r . Ähnlich verfuhr Alexander Kluge in seinem Film Die
Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos (wo es ja auch nur eher beiläufig um
Zirzensisches geht).
Das Sesam-öffne-dich!-Zauberwort
zum Verständnis von Zschokkes Theaterstück heißt: DAS LEBEN. Ob sie die
(mittlerweile zur Phrase heruntergekommene) Altfrankfurter Maxime, es gebe kein
richtiges Leben im falschen, nur ahnen oder auch kennen, so umkreisen Zschokkes
Theaterfiguren unablässig vitale Probleme. Mühsam buchstabieren sie herum im
Alphabet des Lebens und versuchen, die Hieroglyphen des Lebens zu entziffern.
Verzweifelte Lebensleser, diese Alphabeten.
Die
,Kulturenthusiasten' haben durch ihre Idolatrie a priori eine originäre Identität
verspielt; die Jungschriftstellerin ringt noch um ihren existentiellen Status:
"...kein Leben überhaupt, sondern Lebensdarstellung?! Und ich kann die
Rollen nicht! ...und gönnte dem Leben nicht den Triumph, an ihm zu
zerbrechen..."; Fritz-der-Verbrecher hat das ,total andere Leben' gewagt,
das kriminelle, muß also zwangsläufig bestraft werden; Martin ist das, was man
so leichtfertig einen ,Lebenskünstler' nennt, er ,schlägt sich durchs Leben'
als Claqueur & Statist- irgendwie hat er als parasitäre, kunstlose Existenz
,das Leben begriffen'; Dr. Seet ist völlig ,lebens f r e m d', befindet sich
"auf den Fersen des Lebens", wie die Kommissarin einmal mutmaßt. Und
Seet selbst: "Ich... lebe davon, daß ich Nachwuchs ranziehe... Was ich
tue, tue ich schlecht im Leben ...die Serval ...Sie wird's nicht aushalten, das
Leben! ...Ein Freund der Bücher, der sein Leben nichts anderes getan hat, als Bücher
zu vernichten und zu verhindern!..."
Und die
Kommissarin? Sie jagt gesellschaftlich ganz konkret verfehlte Lebensexistenzen,
um sie der Strafinstanz zuzuführen (so paßt die anfangs Fremde doch noch sehr
exakt ins Stückkonzept), und auch privat hat sie ihre Malaisen ,mit dem Leben':
"Manchmal fürchte ich, wir benehmen uns alle wie außen vor! - Leben
nicht, sondern spielen lebendig, nach alten Regeln, unsinnig gewordenen?...
Leben das Leben, als hätten wir es gelernt, so wie man lernt, mit Messer und
Gabel zu essen? So routiniert, als hätten wir es schon ,zigmal getan? Reihen
Gesten und Wörter aneinander, ohne Inhalt? - Hinkende Ruinen!"; und dann,
ganz profan, nach Urlaubsphantasien: "Irgendwie bin ich danach ein ganzes
Jahr wieder zu gebrauchen für dieses Leben hier..."
Wie
Hofmannsthals Komödie Der Schwierige, in der sich alles ums Reden oder
Schweigen dreht, sind auch Zschokkes Die Alphabeten thematisch stringent
durchkomponiert. Und obwohl es in dem Stück um eine so ernsthafte (und
entsetzliche) Angelegenheit geht wie ,das Leben', dürfte/ sollte/ müßte man
viel gelacht haben, wenn die Aufführung vorbei ist (allein schon im Text sind
zahllose Lacher versteckt, von nestroyscher Qualität). Es darf aber auch
geweint werden. Zschokke zeigt nämlich auf der Bühne lächerliche Menschen:
mit charmanter Brutalität zeigt eru
n s.
Die
Kritikerin Sigrid Löffler merkte zu den Alphabeten an: "Richtige
Dichter. Echte Kommissare. Ganze Kerle. Wahre Kunst. Große Worte. Tolle Typen.
Das pralle Leben. Geht das überhaupt noch auf der Bühne? Heutzutage? Natürlich
geht es nicht. Natürlich ist es nie gegangen. Die Zeiten sind nicht danach. Wo
jeder nur noch den Abklatsch seiner selbst simuliert und die Realität sich nur
noch imitierend an ihren eigenen Abziehbildern orientiert, kann auch die Schaubühne
höchstens Zitate herbeizitieren und Menschendarsteller darstellen. Vorgetäuscht
wird, was ohnehin austauschbar ist. Unfertige Gestalten. Halbe Portionen.
Windige Typen. Knal-lige Kopien. Individualitäts-Schwindler. Redefiguren. Worthülsen.
Leere Ausgänge. Ein Leben in Gänsefüßchen."
Bei den 2o. Mülheimer
Theatertagen erhielt Zschokke für seine Alphabeten den Übersetzungs-förderpreis
des Goethe-Instituts, so daß sein Stück seit 1996 auch auf englisch, französisch
und spanisch vorliegt. Paradoxerweise blieb es auf deutsch ungedruckt und ist
nur als Bühnen-manuskript zugänglich.
Zu Zschokkes Roman Piraten, der im März 1991 nach einem Wechsel vom Münchener
Paul List Verlag zum Hamburger Luchterhand Literaturverlag (vormals Frankfurt am
Main) erschien, in Auszügen das Protokoll eines Rundfunkinterviews, das am 3o.
Januar 1991 in Berlin stattfand:
In Ihrem
Roman Piraten begegnet man
denselben Figuren wie in Ihrem Theaterstück Brut. Das Buch zum Film ist ja längst
gang und gäbe; nun also auch das Buch zum Stück?
Es ist
selbstverständlich nicht das "Buch zum Stück", sondern es ist ein
Buch, in dem Figuren auftauchen, die ich aus einem Stück entnommen habe. Das Stück
existiert in dem Buch als Begriff, wird aber weiter nicht verwendet.
Der Brut-Theatertext
erscheint parallel zu Ihrem Roman ebenfalls als Buch. Die beiden Texte ergänzen
sich zwar, verweisen aufeinander, aber trotzdem ist jeder Text auch allein verständlich?
Ich finde es
ganz wesentlich, daß dies zwei absolut selbständige Dinge sind. Warum ich das
überhaupt gemacht habe, hat folgenden Grund: Ich liebe sehr die Romantiker. Die
haben ganz krause Vorstellungen gehabt und ganz merkwürdige Versuche angestellt
mit Verbindungen von verschiedenen Literaturgattungen. Und ich habe hier etwas,
in Anlehnung an diese Versuche, einfach weitergetrieben und neu probiert, nämlich
daß ich Figuren auftauchen lasse aus irgendeinem anderen Zusammenhang, den
niemand kennen m u ß. Wenn man ihn kennt, gut. Bei den Romantikern, da passiert
es, zum Beispiel, daß Leute zusammen ins Theater gehen, und dann wird
beschrieben, was sie für ein Stück sehen, und ab der nächsten Seite folgt
dann ein komplettes Theaterstück. Das habe ich versucht im Prinz Hans
und habe das Gefühl, daß ich damit eigentlich den Leser eher betrüge, weil
ich ihm ein Theaterstück aufdränge, das er vielleicht gar nicht lesen mag,
weil Leser offenbar Mühe haben, Theaterstücke zu lesen, was ich zwar nicht
verstehe, aber gut. In diesem Roman wollte ich den Leser nicht bedrängen. Wenn
er das Theaterstück lesen will, dann kann er es sich besorgen. Wenn er will,
kann er es lesen und hat vielleicht Vergnügen daran, weil es immer wieder
kleine versteckte Hinweise gibt und Querverbindungen. Aber beides läßt sich
auch jeweils allein verstehen.
Was
fasziniert Sie so an dem Piratenmotiv, daß Sie es gleich zweimal bearbeitet
haben?
Es sind die
Figuren, die mir wichtig sind. Sie repräsentieren eine piratische oder
freibeuterische oder anarchische Haltung, freilich in einem weniger spektakulären
Sinn, als das normalerweise verstanden wird. Aber ich meine, sie sind viel
grundsätzlicher in ihrer Verweigerung und ihrem Freibeutertum. Das Wort
"Piraten" löst etwas anderes aus, das ist mir bewußt, aber meine
Piraten sind, wie ich denke, viel tiefgreifender piratisch als dieses Klischee,
das wir aus Filmen kennen. Ich will mit Piraten nicht eine
"Piratengeschichte" erzählen, sondern ich meine mit Piraten einzelne
Personen, die in dem Buch vorkommen und beschrieben werden, und diese Personen
sind mir grundwichtig und grundnah. Das sind meine Nächsten, meine Liebsten,
wegen ihrer piratischen Haltung, ihrer gesellschaftlichen Unbrauchbarkeit also.
Zwischen
den Piraten in Ihrem Theaterstück und den Piraten in Ihrem Roman gibt es einen
entscheidenden Unterschied: Wie in Woody Allens Film The
Purple Rose of Cairo der Held aus der Leinwand in die Niederungen des gewöhnlichen
Lebens hinabsteigt, so haben ja auch Ihre Filibuster die "Vierte Wand"
des Theaters durchbrochen und sich als Schauspieltruppe selbständig gemacht,
sozusagen ein Gen-Unfall im Theaterlabor. In Ihrem Roman heißt es: "Die
Figuren haben sich rechtzeitig aus dem Original davongemacht. Sie ziehen heute
drittklassig kostümiert durch Fußgängerzonen und werden ausgelacht, sobald
sie sich im Suff dazu hinreißen lassen, von Brut zu erzählen... Schmierenkomödianten..."
Also eine verschärfte, noch größere Verelendung als vorher?
Nur vordergründig.
Ich habe das Gefühl, das ist eine Freiheit, was ich da beschreibe. Ich empfinde
sie als befreit, diese Figuren.
Dieser
verlorene Piraten-Schauspieler-Haufe erinnert etwas an Thomas-Bernhard-Figuren:
an die erfolglosen Fünf etwa, die in der Macht
der Gewohnheit das Forellenquintett proben, auch an Bernhards Der
Theatermacher. Haben Sie einen Theater-Roman geschrieben oder mehr einen
Lebenstheater-Roman?
Einen
Lebensroman. Nur. Ich glaube, es ist ein Zeitroman. Ganz präzise, hoffe ich, an
mir dran, an meiner Zeit, an meinem Umfeld. Ein Zeitroman, der über unser
Leben, hier und heute, etwas erzählt.
Mehr als
jemals zuvor erscheint Ihr Roman Piraten
melancholisch grundiert, und im Schlußkapitel wird's dann stockfinster-traurig,
wenn die Resttruppe depressiv über ihren Alkoholtöpfen hängt. Die wilden
Jahre sind dann endgültig vorbei. Ein Selbstporträt? Resignieren Sie selbst
inzwischen auch?
Das ist nicht
tiefschwarz, dieses Ende. Ich lache da herzlich, das ist für mich die schönste
Szene, die herrlichste Szene. Das sind wunderbare Figuren. Figuren, die sich von
unglaublich vielen Zwängen gelöst haben. Sie sind von einer Offenheit und
Klarheit und Wahrheit, daß ich mich danach sehne, bei ihnen am Tisch zu sitzen.
Das ist für mich fast eine Utopie, dieser Tisch. Sie sind Befreite, und zwar
nicht in dem kitschigen Sinn, das sind Asoziale oder in der Armut ist das Glück,
sondern ich meine den Umgang zwischen diesen vier Leuten, der ist von einer
Ehrlichkeit und absoluten Schutzlosigkeit, daß ich tief gerührt bin. Ich möchte
da wirklich dazugehören. Deswegen würde ich mich keineswegs als resignativ
bezeichnen. Ich glaube, das ist eine große Haltung, die da am Schluß
beschrieben ist. Oder ich empfinde sie mindestens so. Das sind für mich große,
ganz große Menschen, die da am Schluß sitzen und nur noch zusammen schweigen,
entspannt und unverkrampft, trotz ihrer desolaten Situation. Sie haben eine
Qualität von "Sensibilität" erreicht in sich selbst, eine Qualität
von Rücksichtnahme aufeinander, wie ich sie anstrebe.
Es könnte
nun vielleicht der völlig falsche Eindruck entstehen, bei Ihrem Roman Piraten
handele es sich um eine sauertöpfisch-griesgrämige Angelegenheit... Zschokke-
selbst ein Opfer "der Verhältnisse"...
Nein, dieser
Eindruck könnte nicht entstehen!
...aber
genau das Gegenteil ist der Fall. Sie erzählen locker und mit viel Witz. Und
Sie haben in der Zwischenzeit auch nicht Ihre Lust am experimentellen Spiel mit
der literarischen Form verloren, haben Ihr Repertoire vielmehr noch erweitert:
Ihr Roman ist mit pseudowissenschaftlichen Fußnoten versehen, und ebenfalls
fehlt ein Glossar nicht, das absurde Begriffserklärungen leistet...
Sie wollen
jetzt hören, daß diese Fußnoten und dieses Glossar selbstverständlich Grund
und Anlaß zur Heiterkeit geben können und sollen. Ich hoffe, daß man sogar
darüber lachen kann, denn ich habe furchtbar viel verpackt darin und halte das
Ganze für lustig. Trotzdem ist es ein ernsthafter Roman, und die
Ernsthaftigkeit im gesamten beginnt schon beim Erscheinungsbild des Buches, das
sehr klassisch ist und schön. Das ist mir sehr wichtig gewesen bei dem Buch,
weil ich glaube, daß es leichter zu lesen ist, wenn es in sich erst einmal den
Eindruck von einem geordneten, klassischen Roman erweckt, weil ich fürchte, daß
die Leser durch kleine Schlenker, wie ich sie in Max gemacht habe, irregeführt
werden und von vornherein glauben, das sei ein lustiges, verspieltes Buch. Jetzt
habe ich hier eine ganz ernste und strenge Form gewählt, damit man es erst
einmal als strenges Buch liest und bei genauer Lektüre dann plötzlich ein
doppeltes und dreifaches Vergnügen hat, weil man anfängt, die Schnörkel und
die Klippen und die Hürden und die Fehler und die Tücken wirklich auch selber
zu entdecken und zu genießen.
Es gibt
als Zugabe sogar ein paar Abbildungen, etwa den exakten Grundriß des
Hotelspeisesaals, in dem der Erzähler die reisende Schauspielerbande
kennenlernt, mit akkurater Anordnung der Tische, und es gibt auch ein Foto aus
der piratischen Glanzzeit mit dem Oberpiraten Burt Lancaster. Und besonders hübsch
sind die Seiten 186 und 187, auf denen ein Briefentwurf mitgeteilt wird, wobei
die Korrekturen im Druck typographisch ihre Entsprechung finden. Also viel
formaler Schabernack...
Ich habe
Freude an solchen Sachen, das stimmt. Aber ich glaube, das ist mehr eine
kulinarische Geschichte innerhalb eines Romans, bei mir jedenfalls. Wirklich
wichtig sind mir die Piraten, diese neun Figuren, ob ich sie getroffen habe, wie
genau ich sie gezeichnet habe.
Ihre
Piraten sind ja höchst artifizielle Geschöpfe. Besteht dabei nicht die Gefahr,
daß ihnen die epische Höhenluft zum Atmen etwas zu dünn wird- hat der Leser
ausreichend Identifikationsmöglichkeiten mit ihnen? Leser sind meistens ja sehr
erpicht darauf...
Das Problem
kann höchstens entstehen, wenn man Schauspieler nicht für identifikationswürdig
hält, daß man sagt, Schauspieler sind schon an sich eine fremde Welt, damit
habe ich nichts zu tun. Aber ich meine, daß man sich mit den Figuren sehr gut
identifizieren kann. Deren Biogra-phien sind heutig und mit unseren
vergleichbar, und ihre Äußerungen und Verhaltensweisen entsprechen unserer
Zeit, sie sind auf keinen Fall Kopfgeburten, wie Sie das andeuten, sondern
Menschen aus Fleisch und Blut.
Aber der
Erzähler erscheint wesentlich "bodenständiger" und hat eine zentrale
Position in Ihrem Roman...
Da haben Sie
aber nicht genau gelesen. Sie können mir nicht sagen, wer der Erzähler ist.
Der Erzähler ist eine ganz schillernde Figur, vielleicht ist es Herr
Nettelbeck, der uns erzählt (eine Figur, die einmal eingeführt wird am Anfang
im Buch und die ursprünglich anfängt zu erzählen: mir), plötzlich dann erzählei c h die Geschichte. Die Erzählfigur ist eine Figur, die sich entzieht,
und am Schluß ist sie überhaupt nicht mehr vorhanden, sondern es bin
eigentlich nur noch ich, der erzählt. Im Vergleich zu den anderen Büchern ist
das eher entschlackt; in den vorherigen Romanen war klar, da spielt jemand mit
der Erzählhaltung, das konnte man herauslesen, schnell und leicht, das war
nicht versteckt, und in dem hier ist es jetzt viel weniger vordergründig.
Ihr neuer
Roman ist, abgesehen von einem münchhausischen Ausflug nach Australien, sehr
linear erzählt, ohne kompliziert verschachtelte Erzählebenen- ist das eine
Konzession an die Lesbarkeit? Oder ein Rückzug aus der Avantgarde? Streben Sie
zu klassischen Gipfeln?
Ich habe von
Anfang an den "klassischen Gipfel" erstrebt und hoffe, daß ich auch
von Anfang an da oben mich getummelt habe und nicht irgendwo in der Avantgarde.
Ich glaube nicht, daß der Begriff Avantgarde für mich zutrifft. Meine vorigen
Romane, im besten Fall sind das freche Bücher gewesen, weil sie die Form nicht
eingehalten haben, aber nicht aus bewußtem Kalkül, sondern zum Teil aus Unbekümmertheit
oder...
..oder
jugendlichem Übermut...
...gut, das
darf man sagen, das ärgert mich nicht. Ich werde selbstverständlich älter:
von Jahr zu Jahr ein Jahr mehr. Und ich arbeite immer wieder daran, wie könnt'
ich's genauer sagen, wie kann ich's vielleicht so sagen, daß mich mehr Leute
verstehen; das ist eine Konzession an den Leser. Ich leide selbstverständlich
darunter, wenn nur wenig Leute mich lesen. Ich möchte gern, daß vielleicht mal
hundert Leute mehr mich lesen, denn ich glaube, daß ich durchaus verständlich
bin auch für mehr Leser, und nur mit großem Erstaunen stelle ich immer wieder
fest, daß ich offenbar irgendwo in einem Gebiet mich äußere, wo nur wenig
Leute mir folgen mögen, wo nur wenig Leute mich begleiten wollen.
Wie sähe
Ihr Idealleser aus?
Leser sind
schon an sich ideal. Die gibt's ja überhaupt nicht mehr.
Peilen Sie
irgend eine Zielgruppe an?
Mehr. Mehr
als vorher. Das ist die Zielgruppe. Ich finde, Leser gibt's zu wenig, grundsätzlich.
Und jeder Leser ist für mich schon mal eine wohltuende Erscheinung. Selbstverständlich
hoffe ich und träume ich davon, daß sie zunehmend wildere und spannendere Bücher
lesen, die Leser. Aber schon überhaupt, d a ß sie lesen, freut mich, und ich würde
mich natürlich noch mehr freuen, wenn sie m i c h läsen und nicht von
vornherein sagten: Das ist Avantgarde! Ich mag nicht die Avantgarde-Leser. Das
ist für mich eine komische Absonderung, ein Clubdenken, ein Logendenken. Ich
mag ganz einfach L e s e r.
Sie sind
ja nun kein Autor, der in psychologischem Realismus badet. Ihr Metier ist eine
phantasievolle Fabulierkunst. Würde es Sie stören, wenn man Sie -ganz
altmodisch- als DICHTER bezeichnete?
Nein. So
bezeichne ich mich selbst immer.
Wenn Sie
sich in der deutschsprachigen zeitgenössischen Literatur umschauen, was mißfällt
Ihnen dort am meisten, was vermissen Sie am meisten? In Ihrem Roman spotten Sie:
"Übrigens: Deutschland hat seine Dichter verdient."
Ich vermisse
die Dichtung in der Literatur. Ich habe das Gefühl, daß Dichtung eine
eigensinnige, verstockte, verquere Angelegenheit ist, immer unbotmäßig in
ihrer Zeit...
...aber
auch ein Träumen...
...Träumen
gehört dazu. Daß man sich leistet zu träumen, ist darin inbegriffen... ja,
eine unbrauchbare Haltung, die sich jemand leistet. Und mich ärgert maßlos...
und ich ertrage sie nicht...diese b r a u c h b a r e Dichtung, die heute...
nicht nur heute, die wird ja immer geschrieben...
...Literatur als Lebensanleitung... Gebrauchsliteratur...
...ich
brauche Literatur zum Leben, aber das ist eine ganz andere Art von Brauchen. Es
gibt eine Brauchbarkeit, wo man glaubt, Literatur müsse ins Leben
hineinspielen. Das hat sie überhaupt nicht zu leisten, sondern das Leben soll
sich nach der Literatur richten. Und die Literatur: je weiter weg vom Leben,
desto besser... in einem Freiraum, da möchte ich die Dichtung haben. Und ich
bin immer wieder furchtbar enttäuscht, wenn ich Bücher lese, die so
vergeblich... so g u t g e m e i n t sind, die uns helfen wollen, unser Leben zu
gestalten oder zu denken in irgend eine Richtung. Rundfunk oder Fernsehen sollen
helfen, wie man mit den Problemen des Alltags umgeht. Ich mag nicht diese
Alltagsliteratur.
Sie gehören
jetzt -1991- zehn Jahre zur schreibenden Zunft. Wenn Sie eine persönliche
Bilanz ziehen, wie fiele die aus?
Daß ich immer noch nicht dazugehöre,
leider. Oder um Günter Eichs Gedicht "Zuversicht" zu zitieren:
"In Saloniki
weiß ich einen, der mich liest,
und in Bad Nauheim.
Das sind schon zwei."
Der
reiche Freund
Es gibt im
Werk eines jeden Künstlers (auch der besten) mindestens ein Opus, das
artifiziellen Ansprüchen nur unzureichend genügt. Bei Zschokke dürfte dies
wohl seine Komödie Der reiche Freund sein. Es wäre unredlich, sie durch
Verschweigen auszuklammern (zumal sie Zschokkes bisherige Kunst-Leistung in toto
nicht im geringsten beschädigt), aber sie soll hier nur kurz gestreift werden.
Ein erfolg-
und mittelloser Architekt erhofft sich einen "Direktorenposten in
Caracas" oder wenigstens finanzielle Unterstützung von einem "reichen
Freund", der in einem Schloß residiert, mit dem fast stummen Diener
Herrmann (die Figur evoziert Erinnerungen an den Filmschauspieler Erich von
Stroheim in Sunset Boulevard) und der Dichterin Emilie (einer ältlichen
Verwandten der Susanna Serval?), die er sich zur Unterhaltung und als Bewußtseins-Stimulans
hält. Der reiche Freund, der feinsinnig Catull und Alkaios liest, ist eine
kapitalistische "Charaktermaske", die naturgemäß jede Hilfe
verweigert. Trotzdem ist Zschokke das Kunststück gelungen, den "reichen
Freund" nicht eindimensonal-blöde gezeichnet zu haben, sondern sehr
differenziert in seinen Idiosynkrasien und Defiziten: auch
"Kapitalisten" sind Menschen und keine Pappkameraden.
Zuerst flüchtet
Rosa, die Gefährtin des Architekten, eine köstlich Naive, aus dem goldenen Käfig,
später auch der Bittsteller. Die dramatisierte Zeit des Stückes erstreckt sich
über ein ganzes Jahr: es beginnt und endet in einer Silvesternacht. Am Schluß
herrscht wieder der Statusquo.
Zschokkes Stück
wurde von der Kritik fast unisono abgelehnt. In erster Linie krankt es wohl an
der mangelhaften Dramaturgie: es ist ein örtlich zerfaserter Pseudo-Fünfakter
ohne aristotelische Stringenz (und somit eigentlich ein verkappter szenischer
Bilderbogen). Die Figuren erleben keine Entwicklung, sie bleiben unbeeindruckt
von dem, was sie miteinander erlebt haben. Und die episch-monologische
Textstruktur verhindert dramatische Impulse, torpediert fast alles Theatralische
(das -in seinem Wesen- niemals statisch ist; Beckett bildet singulär eine geglückte
Ausnahme). Sicher ein ehrenwertes Experiment- auch wenn es anscheinend mißlungen
ist.
Anstatt das
hinkende Stück mit Energie aufzuladen, inszenierte der Regisseur der Uraufführung
(Staatstheater Hannover, 18. März 1995) durch modernistische Mätzchen
Zschokkes Reichen Freund in Grund & Boden. Aber vielleicht wird ja
doch noch eine künftige Aufführung alle Kritiker beschämen und das Urteil
eines versprengten Rezensenten bestätigen: "Ein hübsches, charmantes
Lustspiel voll Witz und funkelnder Sprache, heiter und melancholisch zugleich,
elegisch und beherzt."
Der
dicke Dichter
In drei
Prosabänden war Matthias Zschokke mit dem Kopf über den Wolken und verwöhnte
seine Leser durch humoresken Charme und formal-kühne Schreibraffinessen. Mit
seinem vierten Roman Piraten begann ein melancholischer Sog, in dessen
Strudel auch sein Fünftling Der dicke Dichter geriet, der im Mai 1995
erschien.
Ein
depressiver Sturzflug des Autors und eine literarische Punktlandung: Mit diesem
Werk, kaschiert unter alliterierendem Kinderbuchtitel, hat sich Zschokke
schreibend erlaubt, "erwach-sen" geworden zu sein; und seinen
"Urstil" aufgegeben, den kecken, frechen, obwohl er in seinen
Kunstmitteln auch weiterhin subversiv bleibt, sie nun jedoch subtiler einsetzt.
Man mag den Verlust originärer Unschuld beklagen, begreiflich ist es schon,
wenn einer, der schreibt, wahrge-nommen wissen möchte, daß bei ihm hinter
einer witzigen Fassade gleich der Abgrund beginnt.
Abgrund
diesmal schon auf dem Cover: ein fetter Mann (mit roter Badekappe und riesiger
Badehose) steht hoch oben auf dem Sprungbrett eines Schwimmbads- gleich wird er
sich ins schwarze Cover-Nichts stürzen. Und stürzen wird auch er, aber ins
reale Nichts, der "dicke Dichter".
Alden heißt er, wie Zschokke gegen Ende raunt, oder Ingold, er kommt schon bald
zu Tode, ganz profan, bricht einfach zusammen in einem Bahnhofsrestaurant:
"So erreichte er, daß zuletzt, als er starb, tatsächlich niemand sein
Fehlen bemerkte." Keine erschütterte Nachwelt.
Der Rest der Biographie ist eine Rekonstruktion aus dem Nachlaß. Eine große
Literaturleuchte war dieser dicke Dichter anscheinend nicht, erbärmlich-grausam
knirscht der Reim: "Schon wieder ist ein Jahr vorbei, diesmal ist kein Vers
dabei."
Zschokkes
Romane sind von Anfang an immer Roman-Simulationen gewesen, Roman-Romane, die
das Genre glänzend-perfide konterkarieren- auch beim Dicken Dichter dürfen
sich die Gralshüter der reinen Form die Haare raufen (falls noch vorhanden).
Der dicke Dichter spricht über sich und charakterisiert zugleich treffend
Zschokkes Opus: "Ich schreibe zur Zeit an einem Buch. Darin soll nichts
geschehen, die Zeiten sind Zeiten, mehr nicht, die Geschichten folgen brav eine
hinter der anderen, manchmal geht ihnen die Luft aus, kleine Geschehnisse,
Anekdoten, Zeug, von einem Dichter aufgeschrieben, der sich des schönen Titels
wegen als dick bezeichnet. Manchmal gerät der Schreibende selbst ins Zentrum,
ins Visier des Lesers, deckt sich mit dem Buchhelden, der ich bin, der jeder
ist, erbarmungslos." Mit diesem Credo entpuppt sich der dicke Dichter als
Zschokkes Strohmann. Und ist unser aller Sensenmann.
Traum eines
jeden wahren Dichters dürfte wohl sein, ohne Haupt- und Staatsaktion
auszukommen und ein Buch über "NICHTS" zu schreiben (das, freilich,
geheckt -nolens volens- wieder zu einem Etwas wird, werden muß): Stifter,
Handke & Co. haben sich diesen Traum erfüllt, und Zschokke hat es im Dicken
Dichter auch getan, denn es "steht längst alles geschrieben, die schönsten,
wahrsten Seiten liegen herum auf den Wegen zwischen den Mauern, wobei wir
wissen, daß auch sie letztendlich aus lauter Irrtümern bestehen, diese schönsten,
wahrsten Seiten, daß sie uns ablenken, uns irremachen, daß sie die Mauern sind
und daß wir uns hüten sollten davor, immer neue Seiten draufstapeln zu wollen,
Schicht auf Schicht, Geschichten, und tun es doch, verzweifelt, lenken ab,
bringen die liebenswürdigsten Romanhelden erbarmungslos immer wieder um,
murksen zarte Fräuleins ab..., nur um der Stille zu entrinnen, und tritt sie
trotz aller Vorkehrungen ein, die Stille, so starren wir uns entsetzt in die
Gesichter, in die Augen, die weit offen stehen, und sehen darin, daß auch das
Gegenüber weiß, wie verkehrt alles ist, wie falsch, das Denken, die Richtung
des Denkens, das Aufstehen, das Ins-Bett-Gehen, das Bett an sich, die Hosen, die
Schuhe, die Haarschnitte, die Wissenschaften, die Religion, die
Philosophie..."
Der Satz geht
kaskadisch noch eine Seite weiter (und es gibt viele andere Kaskaden), schreit
existentielle Verzweiflung heraus, die leitmotivisch - brutal Zschokkes Dicken
Dichter ins Düstere färbt: "Es ist die Hölle, nichts zu tun zu haben
und erbärmlich ist es, etwas zu tun. Wenn wir innehalten im Tun, dann schweifen
unsere Blicke ab, werden stumpf und leer, wir erschrecken, erblassen vor dem
Nichts, in das sie gleiten, also halten wir uns fest an den winzigen Hälmchen
des Alltags, am Fensterputzen und Einkaufen, am Briefeschreiben und
Haarewaschen, wie entsetzlich die Leere... der erschreckende Stumpfsinn des Alltäglichen;
wo man gut daran tut, sich -solange man noch gelenkig genug ist- hinten auf die
Karren der Besserwisserei zu schwingen, die ab und zu hochrädrig vorüberrollen,
schnell und leicht, zu den Höhen der Herrschaft. Abends ist es besser. Es
sollte immer Abend sein."
So klingt die
Melodie, die Zschokkes gesamten Roman dominiert. Und Berlin, der
Hauptschauplatz, ist längst Moder und Verfall, ohne Zukunft. Zschokke hat sich
vom Autor als "lustiger Person" verabschiedet- auch wenn sein alter
Schalk immer wieder noch einmal aufblitzt, etwa in den hemmungslos geflunkerten
Geschichten, die der dicke Dichter seinem unterhaltungs-süchtigen geliebten
Severinchen erzählt: Gute Nacht, Welt!
Matthias
Zschokkes morbides Werk Der dicke Dichter ist der erste Fin-de-siècle-Roman
der Jetztzeit- etliche Bücher anderer werden wohl noch folgen zur nahenden
Jahrhundert- und Jahrtausendwende.
Der dicke Dichter wurde in Deutschland von der maßgeblichen Kritik fast
völlig ignoriert, in der Schweiz jedoch hymnisch rezensiert. "Ein
Wunderding, dieses kapriziöse Buch", war in der "Neuen Zürcher
Zeitung" zu lesen. Und der Schriftsteller Urs Allemann schrieb in der
"Basler Zeitung": "Ein Buch, das unsere Ratlosigkeit um nichts
verringert- und warum sollte es, bitte? Ein zauberhaft ratloses, mutloses,
mattes Buch über <<uns>> (wer immer das sein mag: <<Dieses
Wir immer, das tröstliche Wir, das nicht existiert...>>, über unsere
Ratlosigkeit, Mutlosigkeit, Mattigkeit: <<...wir alle wissen alles, das lähmt,
verstehst du...>> Ein Buch über <<die Menschen mittleren
Alters>>, die endlich gelernt haben, sich auszudrücken, <<und schon
geht ihnen auf, dass das nichts hilft>>. Ein gelassen schwarzgalliges
Buch. Ein Buch, in dem Tod, Staub, Leere, Verwahrlosung allgegenwärtig sind.
Ein Buch, das einen Zustand anpeilt, <<wo jede Spitzfindigkeit schal und
trüb wird, wo mit unverblümter Offenheit hinter allem die Banalität
hervorgrinst>>. Ein Buch über das schäbige Geschäft des Schreibens, über
das abgekartete Spiel mit Figuren- und über <<diese unendliche Angst, die
uns treibt zu schreiben und zu schreiben>>. Ein Buch, das es
<<Nichtigkeiten>> (einer rennenden Maus in der Tordurchfahrt, einer
ziehenden Wolke) zutraut, <<von einem Moment auf den andern Glück auszulösen>>.
Ein Buch, das uns poetisch streunend, <<ins fahle Licht der
Wahrheit>> zerrt- und wir und es und einfach alles fällt darin, wie
Hefeklösse, zusammen."
Erhöhte
Waldbrandgefahr
Am
liebsten würde ich Filme grundsätzlich in Studios drehen. Bücher werden
schliesslich auch im Studio, im Kopf hergestellt. Das sogenannte Leben stört
jede Kunst. Matthias Zschokke
Zschokke über den Titel: "Im Film wird er sofort erklärt. Im Titellied
bereits, dessen Refrain eben Erhöhte Waldbrandgefahr heisst. Das hat
damit zu tun, dass eine der Filmfiguren ein Wettersänger ist, der den
Wetterbericht singt. Der Film erstreckt sich über ein Jahr, und da singt immer
wieder einer den neuen Wetterbericht, für Januar, Februar und März und so. Und
es fängt im Juli an; er singt unter anderem eben davon, dass es sehr heiss sei
und erhöhte Waldbrandgefahr herrsche. Das ist das Praktisch-Konkrete. Und dann
hoffe ich natürlich auch, dass eine Doppelbedeutung spürbar wird, dass im
Klima des Films ein Knistern vorhanden ist."
Zschokke über
die Filmhandlung: "Der Film handelt von Beziehungen, von Liebe vor allem.
Wobei die Leute den Weg zueinander immer gerade verpassen. Eine asynchrone
Liebesgeschichte. Ich hoffe, dass damit von unserer Zeit und unserer Gefühlslage
erzählt wird, von unserer -ich weiss, das ist ein Modewort- sogenannten
Vereinsamung, die in unseren Räumen und grossen Städten wächst. [...] Der
Film spielt in einer sehr grossen Stadt, die sich vom Mittelmeer -San Remo- bis
etwa Moskau und Sankt Petersburg erstreckt. Wenn ich diese Geschichte real -eins
zu eins- hätte drehen wollen, wäre das unheimlich zeitaufwendig und teuer
geworden und hätte beispielsweise enorme Reisekosten nach sich gezogen. So habe
ich mir überlegt, das Ganze zu bündeln. Der Film spielt vor allem in Innenräumen.
Da kann man vieles behaupten. [...] Als Meer fungiert der Brienzersee. Der hat
sich gut gehalten, in jeder Wetterlage. Wir haben ihn von November bis
Hochsommer je einmal ertappt. Erstens hat er eine wunderschöne Farbe an sich,
eine ganz erstaunliche Türkisfarbe, im Stil Côte d’Azur. Man muss im Bild -für
den See als Meer- halt ein bisschen mogeln, aber das geht gut."
Zschokke über
die Produktionsbedingungen:"Ursprünglich sollte das Projekt richtig
ausfinanziert werden. Wir haben Produzenten gesucht. So etwas dauert Jahre.
[...] So habe ich die Produktion selbst übernommen. Es wäre auch keinem
Produzenten zumutbar gewesen, mit den Leuten umzugehen wie ich, also zum
Beispiel die Schauspieler zu fragen, ob sie ohne Gage oder zu einer geringen
Gage mitspielen würden, einfach aus Interesse an der Sache. [...] Aber ich
glaube auch, dass ich das nicht beliebig wiederholen kann. Das kann den Leuten
jetzt einmal zugemutet werden. Und auch mir selbst. [...] Ich habe vor allem
einen grossen Kompromiss gemacht: die extrem kurze Drehzeit. Viele Kollegen
sagten, dass das gar nicht gehen würde, in nur fünfzehn Tagen einen ganzen
Spielfilm zu drehen. Es ist ein Versuch, den ich wirklich nicht wiederholen möchte.
Die Techniker sind unterbezahlt, die könnten nicht ewig so weiterarbeiten, die
Schauspieler auch nicht. Es geht eigentlich nur, weil jeder, der mitmacht,
irgendwelche Träume hat und Ideale und denkt, es müsste doch noch etwas
anderes geben, als immer nur Geld zu verdienen. Aber auf diesen Träumen kann
man nicht ewig herumreiten, das geht einmal, das ist ein Geschenk."
(Aus dem
Interview Mit wenig Licht kann man viel verstecken von Hans M.
Eichenlaub)
"Mario
Massa ist nicht nur die Radiostimme im Hintergrund, sondern auch eine der drei
Hauptfiguren [...]. Täglich trifft er beim Schwimmen seinen Freund Doktor Siano
am Strand oder in der dortigen Bar. Hier fragt Siano den Meteo-Sänger, wie er
sich verhalten solle angesichts der Tatsache, dass er eine Frau getroffen und
ihr zu lange in die Augen gesehen habe; eine jüngere Frau aus anderem Milieu,
der man noch einiges von der Welt zeigen könnte [...] Schauplatzwechsel. In
einer seltsamen Klinik unterzieht sich Susanna zwecks Aufbesserung ihrer
Finanzen einer eigenartigen Testreihe, in deren Verlauf weder Sonne noch Luft an
ihre Haut dürfen. So liegt die junge Frau bandagiert, als hätte sie
Brandverletzungen, im Bett. Sie liest im Buch Erhöhte Waldbrandgefahr
von Fünfzigjährigen, die am Morgen schwimmen gehen (wie Siano und Massa), von
Sommer und Hitze, die ihr erst einmal verwehrt bleiben. Erst später wird klar,
dass Susanna die Frau ist, welche in Siano dezente amouröse Träume geweckt
hat. Die beiden sehen sich in erwähnter Strandbar, in einem Restaurant. Siano
bemüht sich bei jedem Treffen um eine Verabredung mit der Frau, will sie ins
Theater führen, zum Spazieren oder so. Sie scheint seine Vorschläge stets
sorgfältig abzuwägen, sagt dann aber immer nein, will ihre Begegnungen von Zufällen
diktiert wissen. Erhöhte Waldbrandgefahr erzählt über rund ein Jahr
vom Fortgang der nicht recht in Schwung kommenden Romanze zwischen dem
angegrauten Intellektuellen und der jungen Gelegenheitsarbeiterin und vermischt
diesen Erzählstrang mit weiteren Episoden. [...] Den Personen im beachtlich
gespielten Film -die so etwas wie alte Bekannte aus Zschokkes literarischem Werk
sind- scheint ein Zusammenfinden unmöglich. So, als lebten sie je allein auf
Planeten, deren Umlaufbahnen sich in guten Momenten wohl annähern, die aber
nicht wirklich aufeinandertreffen können. Alle -ausser den Freunden Massa und
Siano- reden fast ständig aneinander vorbei, am stärksten auf sich selber
konzentriert erscheint dabei Susanna. Die Sätze, die wie gedruckt von den
Lippen der Figuren kommen, sind im einen Moment von geradezu umwerfender Banalität,
um im nächsten genau in ebendieser ein Stück Wahrheit auszumachen. [...] In
seiner Struktur folgt der bühnenmässig inszenierte Film keinen kinoüblichen
Bahnen, ist vielmehr eine Art Puzzle, das eher Stimmungen auf die Leinwand
bringt und Assoziationsfelder öffnet, als eine fortlaufende Geschichte erzählt.
Erhöhte Waldbrandgefahr ist also kein filmisches Beziehungsroulette der
gängigen Art, sondern ein schräges Kinostück, dessen Episoden der Regisseur
geschickt zusammenbringt, dessen Dialoge von sanftem Witz, manchmal aberwitzig
sind."
(Judith
Waldner)
"Der
Sänger ist ein Star, seine faszinierenden, atonalen Songs laufen ständig im
Radio und kommentieren auf ironische Weise die Handlung. Selten wurde Wetter schöner
und komischer besungen als in diesen Liedern, deren Texte ebenfalls dem
Montageprinzip gehorchen. Sie vermischen Versatzstücke der meteorologischen
Tagesdaten, Schwüle und Schweissausbruch mit Alltagsbeobachtungen, sie geben
lakonisch zerrissenen Gefühlen und Wahrnehmungen Ausdruck, die auch die
Protagonisten bestimmen: der Wetterbericht als Grundlage einer postmodernen
Condition humaine."
(Mathias
Heybrock)
"...ein
exotischer Cocktail aus Varieté, Comic strips, Short Stories und
Trivialliteratur."
(Hanspeter Rederlechner)
Der
Spielort ist ein Bahnhofsrestaurant erster Klasse- irgendwo, in einer
Kleinstadt. Erste Szene: "Abendsonne scheint herein."; zweite Szene:
„Später. Die Sonne geht unter."; dritte Szene: "Draußen ist Nacht.
Der Mond geht auf."; vierte Szene: "Der Mond ist weg."
Sechs
Personen suchen einen Autor und
finden ihn in Matthias Zschokke. Ihre Rollennamen: Baronne - Frieda Graf - Förster
- Herzog - Richter - Kellner. Eine distinguierte Gesellschaft, deren Heimat ein
besserer Stammtisch ist. Die sich hier immer wieder versammeln -einige von ihnen
vermutlich bereits seit Jahrzehnten-, nennt Zschokke im Titel Die
Exzentrischen. Sie existieren "ex centro", außerhalb eines
Lebens-Zentrums, sind Randständige, Unbehauste- im Grunde ziemlich
"normale" Zeitgenossen, die sich nur bedingt im herkömmlichen
Wortsinn als "exzentrisch" bezeichnen lassen.
Klaus Völker
schrieb in diesem Zusammenhang: "Matthias Zschokke hält es mit den
‘Piraten’, den Freibeutern des Lebens, menschenfreundlichen Käuzen und
Sonderlingen, mit den Phantasieerfüllten, den nicht fanatisch auf Rentabilität
Bedachten. Exzentriks sind akrobatisch geschickte Komiker, mit Übertreibungen
arbeitende Varieté-Künstler. Die Exzentrischen, die Menschen, die er in seinem
Stück in einem Bahnhofsrestaurant eines abgelegenen Orts zusammenkommen läßt,
sind ganz unauffällige Leute, allenfalls leicht absonderlich, verstiegen und überspannt,
Melancholiker, Unvernünftige, vom Leben Enttäuschte, mit etwas verschobenem
Mittelpunkt. Alle haben ihre Hypochondrien, misanthropischen Zustände, Herzensängste,
Sehnsüchte und Schwächen. Der Irrsinn der Freundlichkeiten, Bosheiten, der
Scherze und Sticheleien breitet sich aus, aber es ist dieser von der Abendsonne
milde beschienene Alltag, der das Leben ausmacht und das Glück enthält, von
dem alle doch träumen."
Der "von
der Abendsonne milde beschienene Alltag" dürfte dann doch wohl eine
Zwangsharmonie-Phantasie sein. Zschokkes Die Exzentrischen sind ein
schwarzes Endspiel mit komischen Tupfen. Ohne Becketts plumpe Mülltonnen
mit dem Aha-Effekt für die ungebildeten Stände.
Ein
existentielles Konversationsstück. Ein Redestück mit wunderbarer Rhetorik-
manchmal seitenlange Monologe: und sie ermüden nicht, denn sie besitzen eine
enorme innere Spannung. Innere Spannung durchs W o r t. Innere Spannung durch
Emotionen. Äußerlich ereignet sich kaum etwas. Ein
No-Action-Play. Vielmehr: ein
modernes Seelendrama- von einem heutigen Arthur Schnitzler. Den Part der
heftigen (und trotzdem zarten) ältlichen Baronne könnte man sich durchaus
besetzt denken mit einer Adele Sandrock, und die Herren allesamt als todmüde
Wiener Dekadenzlinge, und Frieda als das einst so "süße Mädel",
mittlerweile etwas entstellt durch Frustrationen, die sie sich schauspielernd
eingehandelt hat, und Hans Moser als kellnerndes Faktotum. Berlin grüßt Wien.
Am Schluß
sagt Frieda, sie sei "restlos glücklich", und das meint natürlich:
restlos unglücklich. Und das sind sie alle in Zschokkes Stück: einsame
Menschen, restlos unglücklich.
Matthias Zschokke äußerte selbst zu seinem Stück, den harmlosen Naiven
spielend (wie so gern und so oft): "Die Exzentrischen sind Menschen, die
versuchen, miteinander einen Abend zu verbringen. Sie sitzen in einem
Restaurant. Entfernt steht ein Kellner. Sie sind entsetzlich müde. Am liebsten
würden sie sich auf der Stelle hinlegen und schlafen- dagegen reden sie an; das
ist Würde. Viele Moden sind schon über sie hinweggefegt und haben sie übel
zugerichtet. Was für Narben. Was für Flecken. Was für wunde Stellen. Trotzdem
halten sie immer weiter an sich fest. Stolze Komiker, die sich weigern,
Grimassen zu schneiden; die wissen, daß Lüge und Verrat nur fürs kleine, tägliche
Leben taugen, nicht für sie. Am Ende ist es spät geworden, und sie gehen nach
Hause."
Im
Theaterverlagskatalog findet sich zu den Exzentrischen lakonisch die
dramaturgisch-technische Anmerkung : 2 D[amen] - 4 H[erren] - 1 Dek[oration].
Anscheinend also müßte sich das Stück mit minimalem Aufwand auf der Bühne
realisieren lassen. Aber dieser Eindruck täuscht. Zschokkes Drama Die
Exzentrischen ist einer der am schwierigsten zu inszenierenden Theatertexte
der Gegenwart und blieb darum bislang auch unaufgeführt: nur Altmeistern wie
Peter Stein, Luc Bondy oder Klaus Michael Grüber könnte dieses Kunst-Stück
gelingen- und nur mit einem hochkarätigen Schauspielerensemble, das für diese
Regisseure obligat ist.
Eine mittelmäßige
Inszenierung eines mittelmäßigen Regisseurs mit mittelmäßigen
"Darstellern" in der sogenannten "Provinz" würde Zschokkes
Stück für immer vernichten, wie es sich bereits in einer Hörspielfassung des
„Saarländischen Rundfunks" andeutete: Schauspieler, die für eine
schnelle Mark ihren Text bloß aufsagten, mehr oder weniger
"kunstfertig" rezitierten, weil sie ihn nicht begriffen hatten,
hineingestellt in einen schalltoten Raum- und kein Intercity raste vorbei im
Ohrenkino.
Was ist denn
die so große Crux bei dem Zschokke-Stück? Es erfordert von den Schauspielern
absolute Stanislawskij-Fähigkeiten, ein Vergessen von Rolle & Bühne,
totale Identifikation, nicht das geringste stilisierende Mogeln mehr, um die
Zuschauer gnadenlos in eine peinsame Voyeur-Situation zu zwingen, die von den
lustvoll-quälenden Wortorgasmen der Figuren evoziert wird.
Naturgemäß
können das durchschnittliche (Stadttheater-) Schauspieler nicht leisten, die
Frieda Graf so charakterisiert: "Ekelhaft, meine Kollegen. Prall gefüllt,
zum Zerplatzen, entsetzlich. Man braucht bloß aus Versehen an sie zu stoßen,
in der Kantine, und schon ergießt sich ihr ganzer Erlebnisbrei über einen.
Kommen mir vor wie der Unhold neulich in der Zeitung, habt ihr gelesen?, der in
Parterrewohnungen zu älteren Damen einsteigt und sich dort entblößt, wobei
das schmächtige Männchen -als solcher war er beschrieben- eine noch nie
gesehene Erregung vorweise, so drückte sich eine der belästigten Frauen aus,
eine für sie unvorstellbare Erregung, nämlich ein Glied von der Größe einer
Weinflasche - so kommen mir meine Kollegen manchmal vor, wie prall gefüllte Erzählpimmel,
die steil in die Luft ragen und nur darauf brennen, daß einer sie streift, um
losspritzen zu können, schäumend, zuckend, pulsierend, und alles zu überschwemmen
mit ihrer Vergangenheit, mit Reisen, mit fremden Speisen, mit erotischen
Verirrungen, in einer Weise, daß sie auch den trockensten Zeitgenossen mit sich
reißen, in ihrem Erzählstrom, wir hängen an ihren Lippen, aus denen es
brodelt und dampft, und wir möchten uns ebenfalls an den Spanierinnen reiben,
in die französischen Poulets hineinbeißen, den italienischen Wein trinken, in
die heißen, isländischen Quellen springen..."
Vielleicht
sollte der Stammtisch der Exzentrischen im Bahnhofsrestaurant erster
Klasse auf einer Drehbühne stehen, die sich im Robert-Wilson-Zeitlupentempo während
der Aufführung einmal um 360° dreht... erbarmungslosester Weltstillstand im
Schneckenkreis: täglich, immer wieder- und also das Grauen pur, das bereits im
Hals das Lachen erstickt.
Die
Kritiken zu Das lose Glück waren
durchweg brillant (auch in ihrer Verfertigung). Trotzdem wurden von dem Buch nur
knapp 3 ooo Exemplare verkauft. Dies ist momentan auf dem deutschsprachigen
Buchmarkt (mit 1oo Millionen potentiellen Lesern) das übliche Limit für
moderne Gegenwartsliteratur, die etwas riskiert und diesen Namen verdient.
Wenn
die Wellen die Worte an Land spülen
Von
HANNES SCHMID
Dissonante
Sprachsymphonie
Matthias
Zschokke und sein neuestes Werk "Das lose Glück"
Auch
wenn es nicht von A nach B geht, kann Literatur spannend sein. Ein paar Menschen
im Boot. Stille See. Langeweile. Aber gewaltige Satzeskapaden treiben wie
gigantische Wogen an die Bootswand. Das ist Zschokke, einer, der die Worte als
Atem zum Leben braucht.
Als er im November 1996 den Aargauer Literaturpreis erhielt, ehrte die Jury
diesen Berner und Berliner mit Aarauer und Gontenschwiler Heimatbrief für ein
vielseitiges Werk, das geprägt sei von "unverwechselbarem Klang", ein
Werk, das von einer spielerischen Heiterkeit zeuge, die nie darüber hinweg täusche,
dass am Abgrund unserer Gegenwart getanzt werde. Getanzt mit Worten wird in
Zschokkes Werk noch immer. Und thematisch schäkert er im schönsten Dialog und
Erzählton mit seinen Figuren und mit seinem Publikum. Er bittet zum Wörtertanz
und verschweigt auch nicht, dass er den Totentanz meint. "Das lose Glück"
treibt hier bei leichtem Wellengang wie ein Papierschiffchen im Wasser.
Strandgut, das niemand beachtet, das mal hier, mal dort am Ufer anlegt und Worte
und Gedanken fallen lässt, zurück lässt.
Das Buch aus dem Ammann-Verlag ist der Reihe "Meridiane" zugeordnet.
Der Meridian, das ist der Kreis der Himmelskugel. Zschokkes Meridiane kreisen
ums Leben, das seine Buchgestalten scheinbar federleicht wegzugeben bereit sind.
Oder, um näher an die Sache zu kommen: seine Menschen auf dem Schiff haben
eigentlich alle nichts mehr zu verlieren am Leben. Feierabend ist ihr hübschestes
Geräusch. "Wir sitzen auf diesem Schiff aus einem einzigen Grund: wir
wollen in Ruhe gelassen werden, schweigen."
Vier
Freunde sind es also, die das Wochenende regelmässig auf der Yacht einer
skurrilen, mit Altersdepressionen beladenen Frau namens Tana verbringen. Dann,
an einem Wochenende, an dem die Freunde wie an allen Wochenenden zusammen sind
und auf Godot oder sonst ein Wunder warten, taucht aus der einbrechenden
Dunkelheit eine Schwimmerin auf, die, schon etwas unterkühlt, um Aufnahme
bittet. Die Freunde ziehen die nackte Frau aus dem Wasser, bergen das Opfer, das
nun als therapiertes Wesen zum Märtyrium der andern seine nicht enden wollende,
aber von wohliger Langeweile strotzende Lebensgeschichte ausbreitet. Aber die
Rettung aufs Boot entwickelt sich auch für Ella, die Schwimmerin, zu einer Art
Dürrenmatt'scher Panne. Ihr äusserliches Nacktsein ist eins, nun aber wird sie
von den Freunden auch noch innerlich ganz und gar entblösst. Dass sich dann im
Laufe der Schiffsfahrt aus einer Pistole ein Schuss löst, dass jemand wirklich
sein Leben lassen muss, ist dramaturgisch gesehen ein einsamer Höhepunkt im
Geflecht dieser die Schreibe umrankenden Reflexionen. Sonst lächelt die See.
Schuberts "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" liegt
gespenstisch über der Stille des dahintreibenden Bootes.
Menschen,
Freunde, Phantasten. "Gerupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben,
die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu
hocken, wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, ausgelastet mit den
Schwierigkeiten pickend über einen Hof zu schreiten, vogelfrei, im losen Glück."
Zschokkes Protagonisten sind Sonderlinge, das ohne Zweifel. Aber sie tragen die
Schuhe, die wir auch tragen, und sie spielen mit den Gedanken, die auch in uns
wohnen. Sie morden hier, lachen dort. Leiden an allem und lieben, wo es nach
Liebe ausschaut. Sie wissen um das aktive Leben, das von den treibenden Kräften
einer Gesellschaft geschätzt und propagiert wird.
Tana,
die Besitzerin des Bootes, ist vermögend, was ihr Leiden am Altern keineswegs
mindert. Samuel ist ein renommierter Anwalt mit hoher Klientschaft, der
phlegmatisch Unlust und Trägheit verströmend das Geschwätz im Dämmerschlaf
miterlebt. Portmann ist Forstingenieur und Linus hat eigentlich als Mädchen
angefangen, als Lina. Lina wollte Sängerin werden. Und hier nun begegnen wir
wieder, wie auf so manchen Schauplätzen dieses fast 300 Seiten zählenden
Werkes, diesem komödiantischen Reiz, dieser Heiterkeit, die den Autor als
hochbegabten Situationskomiker auszeichnet, als Schauspieler eben. So könnte
etwa die Schilderung von Linas Gesangsstunden als eine herrliche Groteske auf
dem Theater begeistern. Komisches fliesst in Tragikomisches. Sätze, die
herausfordern, weil wir Leser verunsichert sind, ob hier einer mit uns oder mit
seinen Figuren Schabernack treibt, oder ob Zuhören tatsächlich im gleichen
Augenblick so schön wie mühsam sein kann. Worte um nichts. Worte in den
Seewind geschrieben. Aber keines soll untergehen, keines soll unnütz
verklingen.
So
hielt es auch Beckett. Zschokkes neues Buch ist kein Roman, ist keine Erzählung,
wird aber in anderer Form ohne Zweifel früher oder später als Theaterstück
auf die Bühne kommen. Gedankensplitter, chaotisches, sprunghaftes Erzählen und
Parlieren, ein sprachlicher Marathonlauf, den nur bestehen kann, wer Literatur
pur liebt, wer dem Plaudern eines neurotischen Beobachters folgen mag. Mehr will
dieses Buch nicht. Provokation ist beigemischt, sehr viel Humor bläht die
Segel, und mit seiner aberwitzigen Dialog- und Situationskomik bereichert,
erinnert das alles an Zschokkes frühere Werke, an "Der dicke Dichter"
oder an "Max", den Erstling, für den er schon 1981 den
Robert-Walser-Preis bekam. Manches will auch zu jenem andern Schreiber passen,
den Matthias Zschokke verwandtschaftlich bedingt in seinem Gepäck mitschleppt,
zu Heinrich Zschokke, dem Schriftsteller und Staatsmann, der an der Blumenhalde
in Aarau wohnte und als "Schweizer Bote" und "Hansdampf in allen
Gassen" einstmals eine grosse Leserschaft hatte.
Matthias
Zschokke scheut sich auch keineswegs, mundartliche Floskeln einzubringen, was es
schwer macht, das Erzählte geografisch zu orten. Die Zertrümmerung des Phänotyps
"Roman" lässt ihn kalt, dafür strömt übers ganze Buch weg eine
feine Walser'sche Sprachmelodie. Wie die Kleinbürger bei jenem - offensichtlich
grossen Vorbild des Autors - permanent Selbstbewusstsein erkämpfen, schafft
Zschokke mit seinen Bootsfreunden bewusst keine ironischen Helden.
Da
gibt es im Buch Stellen, wo man tatsächlich meint, sich plötzlich in Simon
Tanners Welt zu finden. Man hat Walser einen Chronisten des Alltags genannt, und
was finden wir hier? Ist es nicht die Stimme von Simon Tanner, die hier in
Zschokkes Werk spricht: "Jeden Tag um fünf Uhr gehen Frauen draussen im
Treppenhaus an meiner Bürotür vorüber und freuen sich auf den Feierabend. Das
ist ein hübsches Geräusch. - Ist es euch auch schon aufgefallen, wie miserabel
man zur Zeit in unseren Gaststätten kocht? Mir ist jede Lust vergangen, mich
mit meinen Klienten zum Essen zu verabreden. Das sage ich nur, weil ihr mir
immer vorwerft, ich würde mich an der Unterhaltung nicht beteiligen. Wahr ist,
dass ich oft erschöpft bin und in Gedanken versinke, während ich weich
geschaukelt werde von deiner Yacht, Tana. Das leise Klatschen der Wellen lullt
mich ein. Was für ein schöner Sommerabend heute . . ."
Zschokke
kehrt immer wieder fast besessen zum Thema der Niederlage zurück. Die
Altersfreundschaft ist angesprochen und mit ihr die Einsamkeit. Resignation ist
spürbar, treibt auf sachten Wellen dahin. Was für eine Wahrheit, die Zschokke
hier zwischen den Zeilen mitführt. Wörter treiben wie Schaumkronen in eine
Dimension der Zeitlosigkeit, beleben diese Sprache, mit der ausufernd deklamiert
und argumentiert wird. Und wenn der Autor auch bewusst die gängige epische
Struktur in seiner Prosa auflöst, so beherrscht er seinen Stil meisterhaft.
Diese Menschen, die er uns vorführt, und deren Glück wahrlich nur noch ein
loses ist, scheinen fest entschlossen, "normales" Reagieren auf das,
was wir moralisches Verhalten oder gesundes Denken nennen könnten, über Bord
zu werfen. Denn im Grunde genommen ist Zschokkes Gesellschaft eine ziemlich
dekadente, und seine Figuren sind auch Theaterfiguren, das ist halt durchs Band
weg spürbar.
Und
doch: Diese Prosa ist wirr und verwirrend und ohne Ziel - aber sie packt, nur
literarische Nichtschwimmer werden darin den Boden verlieren.
("Aargauer Zeitung", 25.8.1999)
Bemerkenswerter Zeitvertreib
Matthias
Zschokke und «Das lose Glück»
Von
BEATRICE VON MATT
Da
schreibt einer, klammheimlich in seinem Berliner Versteck, ein grosses lockeres
Buch, das nichts als Vergnügen bereitet, eine intellektuelle Herausforderung
zwar, aber doch ein lockeres grosses Leseglück. Das Buch heisst: «Das lose Glück».
Das Lose ist das Thema. Auf der ganzen Linie und aus verschiedenen Blickwinkeln.
Das
Lockere, das Entknotete, Aufgeweichte, Entkrampfte, Entbundene, das Mutwillige:
das wären so Namen für dieses Lose, das sich dem Leser unmittelbar mitteilt, körperlich.
Das Buch tut diese Wirkung dank der fliessenden, fast magischen Durchsichtigkeit
seiner Komposition, dank der Schmiegsamkeit der Sätze, der melancholischen
Leichtfüssigkeit der Figuren, dem Hintersinn ihrer Monologe, ihrer schwebenden
kauzigen Reden ans Dasein.
Matthias
Zschokke ist ein Philosoph und als solcher ein hinreissender Erzähler. Wir hätten
keine Zeit vor dem Tod, die Spatzen zirpen's von den Dächern. Wie aber gewinnen
wir Zeit vor dem Tod, fragt der Autor mit jedem Wort und mit jeder Gestalt.
Weder mit dem besonderen Ereignis, den Reisen und Abenteuern, noch mit dem
interessanten Job, wohl aber mit dem Wahrnehmen des Moments. Das schafft Zeit.
Sechs
Personen suchen sie, diese Zeit. Der Autor setzt ihrer vier in ein Abendboot
mitten auf einen See, den man als Bielersee erkennt. Zwei weitere, die
Sozialbeamtin Ellen und Roman, freischaffender Denker und Schreiber, «Hofberichterstatter»,
wie er selber sagt, treffen sich nach der Arbeit regelmässig im «Hofgarten»,
einer Berliner Gaststätte. Jede der Personen redet von ihren Kümmernissen,
Anwandlungen, Eindrücken, von ihrer Befindlichkeit, ihrer Zeit also, und alle
reden sie so kurzweilig und gescheit, dass man beim Lesen die Zeit vergisst. Sie
sprechen mit Geschichten und Geschichtenanfängen oder mit Geschichten, deren
Anfänge sie vergessen haben, sie reihen Erinnerungen, Beobachtungen aneinander,
absichtslos, wie es scheint. Ihre Sprache schafft erst ihre Erfahrungen. Dann
und wann entwickeln sie auch eine kleine Erzähltheorie. Manchmal schweigen sie,
sind schlechter Laune. Nichts ist den Zeitsuchern verboten. Solange sie offen
bleiben für die Gestimmtheit des Augenblicks, solange sie nicht in Höflichkeitsmasken
erstarren voreinander, mit Floskeln die wahren Verhältnisse vertuschen.
Fliessende
Zeit
Allesamt
sind sie nicht mehr jung, die Helden, Mitte Vierzig vielleicht, und sie gewahren
die Zeit am eigenen Körper, an erschlaffenden Armen und Bäuchen. «Reale Körper
sind meist nicht schön, sie waren es bloss», bemerkt Ellen, und sie kann sich
nicht genugtun mit der Beschreibung ruinöser Körperlandschaften: «Die Haut
ist in Wirklichkeit immer uneben. Kalte Stellen wechseln mit heissfeuchten ab.
Haare wachsen heraus, wo sie nicht sollten. Rauhe, karstige Flecken gehen über
in weiche, moosige Ebenen. Knochen ragen hervor. Kühle Fetthügel verlieren
sich in runzlighaarigem Gestrüpp.»
Man
hat nicht nur einen Körper, sondern auch einen Beruf. Der aber ist nicht weiter
von Belang. Berufe lenken ab von der Existenz. «Das Sein ist als Last offenbar
geworden», könnten die vier im Boot mit Heideggers «Sein und Zeit» sagen,
sie, die zusammen Kinder waren, die Komparatistikprofessorin Tana, der
Staranwalt Samuel, der weltweit tätige Ökologe Portman und Linus, der einst
eine Lina war, erst Sängerin werden wollte und dann Sänger und der jetzt
zweimal in der Woche im Städtischen Museum Wache steht.
Fahle Ungestimmtheit
Diese
Zuhausegebliebenen oder Zurückgekehrten machen sich nichts vor, nicht einmal
Sympathie. Darum schminken sie ihre Reden nicht um. Linus' Geschlechtsumwandlung
beispielsweise ist kein Thema; das Aussergewöhnliche ist nichts Besonderes. Ihr
hauptsächlicher Seelenzustand ist jene «fahle Ungestimmtheit», die - nochmals
gemäss Heidegger - mit Verstimmung nicht verwechselt werden darf und die nicht
nichts ist, sondern das «Da» jäh und nackt ins Bewusstsein bringt. Jede Erzählstrategie,
eine mit Spannungserzeugung, mit Anfang, Höhepunkt, Ende, würde ein falsches
Weltverständnis vorspiegeln und das Gleichmass der vergehenden Zeit überspielen.
Matthias
Zschokke greift auf den Novellenzyklus, den Novellenkranz als ein altes
literarisches Muster zurück, um es gleichzeitig zu unterlaufen, zu minimisieren
gewissermassen. Die Jacht, die der begüterten Tana gehört und die von ihr und
den drei Freunden regelmässig aufgesucht wird, gibt den Rahmen ab für die
Selbstergründungen und die fragmentarischen Binnengeschichten. Auf diesem
Schiff erzählt jeder - so spontan wie möglich - ums Leben, um die Zeit wie
Scheherezade in «Tausendundeiner Nacht» oder die Damen und Herren in
Boccaccios «Decamerone». Was bei Boccaccio die Pest, ist bei Zschokke die
Krankheit der Gesellschaft, sich mit allen Mitteln der Selbsttäuschung
kollektiv über Schwermut und Einsamkeit hinwegzutrösten und sich so um die
wahre Gegenwart zu bringen.
Es
geschieht naturgemäss wenig, ausser etwa der unverhofften Verknüpfung der
beiden Schauplätze: Ellen, die Berlinerin, ist wieder mal abgehauen aus dem Höllenradau
ihrer Stadt, sie geht weg, um sich nach ihr zurücksehnen zu können, und
logiert im Hotel «Seegurke» just an dem See, auf dem die andern vier jeweils
zusammenkommen. Schwimmend taucht sie nachts am Bootsrand auf, wird, wie zu
erwarten, als Störung empfunden. Sie berichtet dann aber so kraus, so recht
widersinnig vom Abendessen im Hotel, dass sie alle für sich einnimmt. «Der
Kellner sah aus wie ein Mann ohne Oberleib. Der einzige Gast an einem entfernten
Tisch wirkte geköpft. Ich ass ein Schnitzel. Ich weiss nicht, warum es
Schnitzel heisst, fiel mir auf, während ich die Speisekarte durchlas, also
bestellte ich eins. Ein Schnitzelchen mit Salat, sagte der Kellner, während er
es vor mich hinstellte, und genau so hat es denn auch geschmeckt.»
«Sie können bleiben», sagt Tana darauf, warnt aber doch noch: «. . .
erwarten Sie nichts von uns. Vor allem versuchen Sie nicht uns auf irgendeine
Weise zu gefallen . . . Wir sitzen auf diesem Schiff aus einem einzigen Grund:
Wir wollen in Ruhe gelassen werden . . . Manchmal, wenn's einem zuviel wird,
versucht er sich an einem Zipfelchen von Erlebtem zu erwärmen und erzählt
etwas. Doch wehe ihm, wenn er abgekartetes Zeug vorträgt! Ich halte das nicht
aus . . . Ich ertrage nur Losgelassenes, Befreites, Pures, Fürsichselbststehendes.
All die gezüchtigten, domestizierten Existenzen, die es sich zur Aufgabe
machen, den andern die Zeit zu vertreiben, diese dressierten Wesen, die im Kreis
gehen, übereinander hüpfen, Purzelbäume schlagen und Heiterkeit vorgeben, um
mich damit von mir selbst abzulenken, sind mir verhasst . . . Erzählen Sie
nicht uns, erzählen Sie sich selbst . . .»
Auf
jeder Seite wird vom Erzählen selber gehandelt. Jeglicher Herrschaftsanspruch
und jegliche Konvention, alles Fertige und Verfertigte soll getilgt werden. So
hat Zschokke mit diesem Buch gleich auch seine Poetik geschrieben. Wie er überhaupt
dringlicher als sonst über die Möglichkeiten der Literatur nachdenkt, auch über
ältere Literatur, über die rätselvollen Einzelverse des späten Hölderlin
etwa, über Kleist, Melville oder auch C. F. Meyers Novelle «Der Schuss von der
Kanzel», deren Hauptmotiv, die losgehende Pistole in der Hosentasche, das
einzige jähe Handlungsmoment im «Losen Glück» abgibt. Das Opfer verblutet,
wird beerdigt, dann ist wieder alles wie sonst. Das Kapitel «Eine Detonation»
hat nur kurz den Fluss der Zeit unterbrochen. Angesichts des dunklen Ozeans, der
alles umgibt, bleibt das Unglück ein Zufall. Andere Grossthemen wie Politik,
Berlin und die Weltgeschichte, Biel und die Wirtschaftskrise drängen
gelegentlich heran, sehen sich gleich wieder verbannt.
Dass
aber trotz der Poetik des gelassenen Gleichmasses, der «fahlen Ungestimmtheit»
dann doch eine Fülle unterhaltsamer Geschichten hineingeschmuggelt werden, gehört
zur Selbstironie in diesem Werk. Es ist vornehmlich der Schriftsteller Roman,
der «Hofberichterstatter», der vor Ellen das Rad schlägt und ihr wundersame
Erfindungen auftischt: die Geschichte von der jungen Frau, die sich plötzlich
in den Tod verwandelt und als allgegenwärtige Gefahr herumgeistert, oder die
Geschichte vom hochstaplerischen Baron und dem Tigerbalsam, der skurrile Bericht
über die Nacht mit dem Transvestiten.
Der
solches zum besten gibt, ist derselbe, der sein Schreiben sonst als ein Warten
versteht. Nach ein, zwei Stunden Dasitzen im heruntergekommenen Atelier könne
es geschehen, dass «ein Wort vorsichtig den Kopf aus seinem Loch schiebt,
witternd, mit zitternden Barthärchen. Irgendeins, Erdbeere vielleicht, Blut,
Holzfällerchen. Dazu kichert es, ohne mir den Grund für seine Heiterkeit zu
nennen . . .» In Zschokkes letztem Roman, «Der dicke Dichter», hatte dieses
listige Wörtchen einen Namen und hiess Severinchen. Es war ein übermütiges Mädchen
oder Bübchen - dem man nicht über den Weg trauen konnte. Bei diesem Autor
flackert's zwischen den Zeilen.
Matthias
Zschokke nimmt sich viel zärtliche Geduld für seine traurige Komödie vom
Suchen nach der Zeit, und seine redseligen Zaubergestalten haben ältere
Verwandte, die Clov und Hamm heissen, Vladimir und Estragon.
("Neue
Zürcher Zeitung", 26.8.1999)
Der
grosse schwarze Vogel Schwermut
Von
BEAT MAZENAUER
Vor acht
Jahren zähmten die «Piraten» ihre Lebensgier, indem sie Lethargie über die
roman-tischen Vorstellungen ihrer Passion wuchern liessen. Und vor vier Jahren
verlor sich «Der dicke Dichter» still und heimlich im Berliner
Grossstadtgewirr, gescheitert am Widerstand der verlogenen Worte. Allesamt
hatten sie es nicht geschafft, im richtigen Leben anzukommen.
Dieses titanische Unterfangen misslingt den Personen auch in Zschokkes jüngstem
Roman. Tana, Portman, Samuel, Linus, Ellen und Roman erfüllen sich ein loses Glück,
indem sie sich ganz ihrer Trägheit ergeben.
Das Leben hat
sie gezeichnet, ermüdet und einsam werden lassen, ihre «Schwermut ist
riesengross geworden mit den Jahren, hat allen Saft für sich abgezweigt, während
Freude, Lust, Vergnügen und Heiterkeit klein und runzlig geblieben und
nacheinander abgefallen sind.»
Während Roman in Berlin das Leben in seinem Hinterhof akribisch festhält (und
an diesem Roman schreibt?), entflieht seine Freundin Ellen aus der Metropole in
eine schweizerische Kleinstadt am See, wo sie aus Tana und ihre drei Bootsgäste
trifft. Regelmässig kommen diese Gäste zu einer abendlichen Ausfahrt auf dem
Wasser zusammen.
Geschichten
erzählen
Freunde
sind sie nicht, erklärtermassen, und gerade deshalb einander eine gute
Gesellschaft. Sie wollen nichts voneinander als sich ehrlich beschweigen, den
Zeitenlauf beklagen und banale Geschichten in die Runde werfen, doch ohne
Aufmerksamkeit dafür zu heischen. Das rituelle Gleichmass ihres Beisammenseins
genügt, um für Augenblicke der bürgerlichen Zelle zu entkommen.
Das
ist alles. «Überall vergeht die Zeit und es geschehen grossartige Dinge. Hier
nicht.» Die vier und dazukommend Ellen lagern lethargisch auf dem dümpelnden
Boot, schweigend und erzählend, kaum miteinander plaudernd. Über ihren Köpfen
kreist ruhig der grosse schwarze Vogel Schwermut.
Unter
düstern Wolken
«Das
lose Glück» ist ein eigenartiges Buch. Ereignislos wie das schale Leben und
mitreissend wie die Versuche, sich gegen diese Ereignislosigkeit zu wehren. Die
Fünf auf dem Boot sind aus der Zeit herausgefallen. Manchmal mit spiessiger
Kleinlichkeit, dann wieder mit luzider Abgeklärtheit lassen sie ihre
gescheiterte Anstrengung, das «Gleichgewicht des Schreckens in meinem Innern»,
zu Sprache werden.
Trägheit,
Bescheidenheit, Feigheit demaskieren die falschen Hoffnungen von einst. Es ist
nichts mehr davon übriggeblieben als eine nüchterne Trauer, als Ergebenheit in
der Melancholie. «Wir sind nicht begabt, glücklich zu sein.» Einzig in dieser
Einsicht liegt etwas Trost.
Frei
von Illusionen
Diese
Lethargie wandelt Matthias Zschokke mit erstaunlichen Zwischentönen ab. Er tut
dies weniger experimentell ambitioniert als früher. Kunstvoll monologisierend lässt
er seine Figuren Abschied nehmen vom Lebensglück.
Allein
ihr hoher rhetorischer Aufwand ist verräterisch und kaschiert nur unzureichend
die gebannte Lebenslust. Der ekstatische Sog hinab in die illusionsfreie Apathie
lässt eine nur schwer gebändigte Wut erahnen.
Der
Autor scheint diese melancholische Stimmung gut zu kennen. Abgesehen von ein
paar Spannungsabfällen hält seine Prosa erstaunlicherweise über die beinahe
300 Seiten hinweg dicht. Allerdings birgt die Stärke dieser erzählerischen
Konsequenz zugleich deren Schwäche. Es gilt sich einzulassen auf die
unendliche, gleichtönige Schwermut ihrer trägen Figuren.
("Solothurner Zeitung", 31.8.1999)
Die Litanei vom schäbigen Alltag
Ein
Schriftsteller in Berlin, vier Jugendfreunde auf einer Jacht und eine Frau, die
den Kontakt zwischen den Schauplätzen herstellt: Matthias Zschokkes neues Buch
«Das lose Glück».
Von
ELSBETH PULVER
Das Buch führt
keine Gattungsbezeichnung im Untertitel, vermeidet also die Behauptung, es
handle sich um einen Roman. Und doch kommt der Autor nicht ganz darum herum,
sich mit dem Wort zu beschäftigen: er entwirft einmal eine witzig-hintergründige
Romantheorie und gibt dem ihm nah verwandten Berliner Schriftsteller den Namen
Roman. Als gehe ihm die stereotype Sehnsucht vieler Kritiker nach einem möglichst
figuren- und handlungsreichen Roman dennoch nicht ganz aus dem Kopf. Doch tut er
alles, diese Erwartungen nicht zu bedienen.
Schwermütiges
Palaver
Als eine
beliebige Sammlung von Geschichten und Gedanken sollte «Das lose Glück»
dennoch nicht gelesen werden. Dann schon eher als eine Sprechkantate für sechs
Stimmen, für zwei Frauen-, vier Männerstimmen. Oder als ein Palaver, ein
dauerndes Gerede, bei dem man schliesslich nicht mehr ausmachen kann, welche der
Figuren redet. Als eine Sequenz von Monologen, die sich zu einem grossen Monolog
verbinden, zu einer Elegie auf alles, was uns im Verlauf des Lebens und der
menschlichen Entwicklung abhanden gekommen ist.
Das Älterwerden, die Erfahrung der Vergeblichkeit und Vergänglichkeit, das
sind die grossen Themen, mit denen sich vor allem die vier Jugendfreunde - sie
heissen Tana, Samuel, Portmann, Linus - in ihren nächtlichen Gesprächen auf
dem See beschäftigen. Und weder die komfortable Jacht noch ihr materiell
ziemlich sorgenfreies Leben können sie trösten; auch die Freundschaft, welche
die Gruppe auf eine zuverlässig-oberflächliche Art verbindet, kann es nicht.
Und dem Schriftsteller Roman und der mit ihm befreundeten Ellen, die beide mehr
zufällig nach Berlin gekommen und dort geblieben sind, geht es nicht anders.
Schwermut prägt
das Buch. «Sie ist riesengross geworden in den Jahren, hat allen Saft für sich
abgezweigt», so, rückhaltlos, sagt es Tana, wohlhabende Jachtbesitzerin und
unbedeutende Professorin für Komparatistik, die Wortführerin in dieser durch
Einfälle und Geschichten nur wenig verhüllten Schwermutslitanei.
Jugend-Charme
verloren
Die
Figuren des neuen Buches sind, versteht sich, späte Nachkommen jener
ausnahmslos jungen Protagonisten, mit denen Zschokke in seinen ersten Büchern
erfolgreich debütierte. Nur sind sie - diese frühreif-altklugen «Max» und «Prinz
Hans» - zusammen mit dem Autor älter geworden; sie haben den Charme und die
unsicheren Hoffnungen ihrer Jugend verloren - und können nicht recht erwachsen
und noch weniger älter werden. Das ist das Problem, das vor allem die vier
gleichaltrigen Jugendfreunde auf dem Bielersee beschäftigt.
Immer
wieder wird im Reden und Erzählen die Frage nach dem Sinn und einem möglichen
Glück in diesem Leben laut, danach, was eigentlich wünschenswert, erwähnenswert,
lebenswert wäre. Die Erinnerung an früher gibt den Ratlosen keinen Halt. Denn
die Bücher Zschokkes sind an die Gegenwart gebunden, an diesen einen,
unwiederholbaren, deshalb so wertvollen, deshalb so fragilen Augenblick. Aber
noch weniger Gewicht wird der Zukunft beigemessen, schon gar nicht jener Version
von Zukunft, die dem Schriftsteller Roman quasi vor seine Berliner Türschwelle
gelegt wird. Die neue Ära, die neue Rolle der Stadt als Zentrum Deutschlands,
das «Jahrtausendgezeter und das Gewinsel über historische Entwicklungen», das
alles hat für diesen Autor, der in der Provinz aufgewachsen ist und seit vielen
Jahren in der Metropole lebt, kein Gewicht. Was ihn interessiert, immer und überall,
ist das Kleine und Unscheinbare, ja Schäbige, das, was sich in Hinterhöfen und
Nebenstrassen findet.
Fasziniert
vom Wertlosen
Mit
Bewunderung, ja mit Neid beobachtet Roman einmal, gegen Schluss des Buches, ein
Kind, das selbstvergessen alles untersucht, was sich am Strassenrand findet,
alles Weggeworfene und Wertlose. Zwar weiss Roman, und mit ihm weiss es der
Autor, dass er das Kind nicht nachahmen kann; dessen vorurteilsfreie
Aufmerksamkeit ist für den Erwachsenen ein verlorenes Paradies, ist Inbegriff
dessen, was im Titel das «lose» (das fragile, weil unbeständige) Glück
genannt wird. Und dennoch hat das Schreiben, das Zschokke hier praktiziert,
etwas mit der Beobachtung des Kindes zu tun.
Und
dies ist es, was einen im Lesen immer wieder für diesen Autor einnimmt: Dass er
unbeirrt durch die gerade geltenden Erwartungen und Vorstellungen seinen Weg
geht und ein Aufheben macht von Dingen, denen andere keinen Blick gönnen.
("Berner Zeitung", 1o.9.1999)
Das Gackern des Nichts
Von
CHRISTOPH BARTMANN
All
die ausufernden Monologe verdüsterter Geistesmenschen, die, von Beckett bis
Bernhard, die Literatur zu bieten hat, beruhen auf der empirisch
unwahrscheinlichen Annahme, dass auf der anderen Seite jemand ist, der zuhört.
Kaum je hat man der fiktionsnotwendigen Figur des literarischen Zuhörers die
gebührende Aufmerksamkeit geschenkt. Im Leben wird man diese Spezies dagegen
selten antreffen. Wer hat schon üblicherweise Zeit und Lust, dem Gegenüber über
Seiten und Stunden bei der Äußerung von Mitteilungen mit oft minderem
Neuigkeitswert still zu assistieren, wer möchte nicht zwischendurch auch mal
etwas bemerken dürfen? Die Figuren in Matthias Zschokkes neuem Prosabuch
"Loses Glück" stehen unter Sprech- und Bekenntniszwang, aber manchmal
ahnen sie noch, dass am anderen Ende des Kanals der Empfänger schon sanft
entschlafen sein könnte. "Hört ihr mir überhaupt zu", fragt zum
Beispiel Tana nach zweieinhalbseitiger Rede in die Runde, und das Echo bleibt
matt. Der eine zieht tief Luft ein, der zweite nimmt einen Schluck Wein, der
dritte behauptet, nicht zu verstehen. Was freilich für Tana kein Grund ist,
nicht auf der Stelle zum nächsten, diesmal fünfseitigen Sprechakt anzuheben.
Wenn man sich als Leser darauf eingestellt hat, dass in diesem Buch außer Reden
nichts, aber auch rein gar nichts geschieht - abgesehen davon, dass einmal
versehentlich eine Pistole losgeht -, wenn man sich einfach vom Schwall dieser
maßlosen und artistischen Reden mitreißen lässt, dann kann auch die stille
Teilhabe einen Kunstgenuss bedeuten. Beinahe staunend sieht dem Akrobaten
Zschokke bei seinem Kunststück zu: die Statik nämlich seines Buches (das nicht
"Roman" heißt) kommt ohne die üblicherweise tragenden Elemente aus
und trägt trotzdem.
Die
Handlung nimmt knapp eine halbe Seite ein. "Sie sind zu viert und sitzen
auf ihrer Yacht", heißt der erste Satz, und kurz vor Schluss gibt es dann
eine Art Zusammenfassung. Sie besagt, dass vier Freunde einen Abend auf einem
See verbrachten. Eine Schwimmerin störte ihre Ruhe. Die Freunde zogen sie aus
dem Wasser und ließen sie an Bord sich ausruhen. Im Verlauf des Abends zeigte
die Besitzerin der Yacht eine Pistole. Sie trug sich mit Selbstmordgedanken. Ein
anderer nahm die Pistole in Verwahrung. "Irgendwann später löste sich in
seiner Hosentasche aus Versehen ein Schuss und tötete ihn. Dann gab es eine
Beerdigung." Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Was
die Personen der Nicht-Handlung reihum abliefern, sind zierliche Klagegesänge.
Melancholie und Langeweile bilden den Cantus firmus einer mehrstimmigen Musik,
die so schwermütig gar nicht klingt. Die Figuren leiden beschwingt: an einem
Dasein, das zwar komfortabel ist, nun aber zum größeren Teil hinter ihnen
liegt, sie leiden an einem Leben, das wie ihr eigenes aussah, nun aber doch ins
Meer der Üblichkeiten gemündet ist. "Es entsteht kein ruhig gelebtes
Leben mehr", bemerkt Protman. Die vier sind des Hergebrachten müde und des
Neuen überdrüssig, schon ehe es begonnen hat. Statt sich auf dem Jahrmarkt der
Eitelkeiten zu blamieren, sitzen sie lieber weintrinkend auf Tanas Yacht.
"Schaut die Wülste an mir", deklamiert Tana, "schaut die Tränensäcke,
schaut die langgewordenen Zähne, die schwarzen Lücken dazwischen, die matten
Haare. Was habe ich verbrochen? Was haben wir auf uns geladen, dass wir so Ekel
erregend werden, so abstoßend?!" Tana übertreibt. Alle übertreiben in
diesem Buch. Sie übertreiben, sobald sie reden, so wie Opernsänger auf der Bühne
die Gesten übertreiben. Tana ist Professorin für Komparatistik und hat von
ihren Eltern eine Villa im Park geerbt. Samuel ist Wirtschaftsanwalt und
arbeitet Tag und Nacht. Portman ist weltweit in Sachen Ökologie unterwegs.
Linus hieß einmal Lina. Seine Sängerkarriere ist gescheitert, aber eine
Erbschaft hat ihn unabhängig gemacht. Sorglos, aber betrübt sitzen die vier
"ums schwarze Loch der Verzweiflung" herum wie um ein Lagerfeuer. Sie
behaupten, sich zum Schweigen zu treffen. "Alle vier haben sie nichts
erlebt und nichts vor, das zu erzählen sie reizen würde." Und so wäre es
wohl auch diesmal, wenn nicht Ellen aus Berlin ihre Ruhe störte, die
Schwimmerin. Sogleich wird sie von Tana über die herrschenden Rede- und
Schweige-Etikette in Kenntnis gesetzt: Sie ertrage nur "Losgelassenes,
Befreites, Pures, Fürsichselbststehendes". Und: "Kümmern Sie sich
nicht, ob wir Ihnen zuhören."
Ein
fremder Ankömmling auf einem Boot, das ist ein Motiv, aus dem sonst Thriller
oder Psychodramen gemacht sind. Nicht so bei Zschokke. In seiner Sprechoper
finden alle Abenteuer in direkter Rede statt. Das Abenteuer sind Ellens Reden
selbst. Sie redet wie manche Figuren in frühen Botho-Strauß-Stücken: fahrig,
durchgedreht, visionär. Sagt Sachen wie: "Eine Malerin fällt mir dazu
ein. Die war freudlos, um nicht zu sagen verzweifelt. Niemand wollte eines ihrer
schwefelgelben Bilder kaufen. Die Haare fielen ihr aus vor lauter Gram. Wer
erfolglos schwefelgelbe Bilder malt, schämt sich nach einer Weile entsetzlich für
sein Tun." Tana ist begeistert: "Ich kann gut denken, während Sie
sprechen. (...) Das Material, das Sie anhäufen, bröckelt. Es ist puderig und hält
nicht zusammen." Nun fangen auch die anderen an, aus ihrem Leben zu
berichten, von erotischen Katastrophen oder von Kindern, "die aus uns
herausgekrochen sind und nun ebenso leer und ziellos äsend in der Landschaft
stehen wie wir". Samuel lobt Ellen; man könne fabelhaft abschweifen,
"weil das, was sie sagen, so offen ist, so ohne Zentrum, ohne Welt".
Keine unpassende Beschreibung, die Samuel hier für Zschokkes Schreibweise gibt.
Man weiß nicht, wo es spielt, weiß nicht, womit es spielt, sieht keinen Anfang
und kein Ende, und ist doch von diesem manieristischen Sprach-Spiel zuerst
verwundert und dann bezaubert. Örtlich kann es auch vorkommen, dass dem Leser,
auch wenn - oder weil - fast jeder Satz schön anzuschauen ist, der
Mitteilungsdrang der Figuren zu viel wird.
Aber
dann kommen wieder Sätze wie dieser: "Den Vorgang des Sichaustauschens
halte ich für einen wichtigen." Satz für Satz demonstriert Zschokke,
welch komischer Vorgang das wahrhaft "befreite", "pure"
Sichaustauschen sein kann. Und wie selten er vereinbar ist mit dem "losen
Glück", das Zschokkes Buch im Titel führt und seinen Figuren nur für den
Fall in Aussicht stellt, dass sie werden wie "zerrupfte Hühner (...),
ausgelastet mit den Schwierigkeiten, über einen Hof zu schreiten,
vogelfrei". Wollte uns Matthias Zschokke so etwas ähnliches zu bedeuten
geben? Egal, "Sie mögen mir erzählen, was Sie wollen, es ist mir alles
gleich seltsam und unbegreiflich, wie Zauberei."
("Frankfurter Allgemeine Zeitung", 12.10.1999)
Von der schönen Zumutung der endlosen Monologe
Von
HEINZ SCHAFROTH
Alles
beginnt auf einem See im schweizerischen Mittelland, an einem warmen
Sommerabend. Und dauert bis in die Nacht hinein. So lange nämlich sitzen vier
Personen aus der am See gelegenen Kleinstadt auf einer bequemen (wenn nicht
luxuriösen) Jacht und trinken Wein. Sie bekommen in den paar Stunden ihres
Zusammenseins alle (vom Autor) ihre Lebensgeschichte oder erzählen sie
einander, mitsamt den vielen sonstigen Geschichten, von denen das eigene Leben
durchzogen zu sein pflegt. Die Voraussetzungen für so etwas wie Glück sind
also gegeben: ein Glück wenigstens für die Dauer eines Sommerabends auf dem
See, das nicht mehr ganz wetterfeste, beständige Glück, «das lose» eben, wie
der Titel des Buchs es verheisst. Doch «das lose Glück» ist darin für die Hühner
vorgesehen: «Zerrupfte Hühner, die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz
und gar damit beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken,
wieder aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten, ausgelastet mit den
Schwierigkeiten, pickend über den Hof zu schreiten, vogelfrei im losen Glück.»
Das
Erzählen und der Sarkasmus
Die
Menschen bei Zschokke, das ist der ganze Unterschied zu den Hühnern, wissen,
dass sie, täglich und stündlich, sterben. Und am besten meinen es die vier auf
dem See zu wissen. Sie trauern der Zeit nach, «als noch nicht alles ein
einziger Abstieg war», und erkennen staunend und schaudernd, wie schnell sie
vergangen ist und weiter vergeht, während sie reden und klagen darüber,
irgendwann anfangen damit und dann weiterreden und -klagen, in endlosen
Monologen, die zeitweise nicht einmal mehr einer bestimmten Person zugeordnet
sind. Weil das Reden aller nur der vergebliche Versuch ist, (sich) die Zeit zu
vertreiben oder, noch besser (und noch wörtlicher!), sie totzuschlagen; denn im
Schweigen könnte ihr Vergehen noch ungedämpfter hörbar werden. Die endlosen
Monologe sind die schöne Zumutung von Zschokkes Prosa. Nicht erst im Roman «Das
lose Glück». Aber so knapp wie hier hat dieser Autor noch nie den Punkt
verfehlt, wo sein Erzählen suggeriert, nichts anderes als dieses Kontinuum des
Monologisierens im Sinn zu haben. Oder jedenfalls überhaupt nicht davor zurückzuschrecken.
(Dieselbe Neigung kennzeichnet auch Zschokkes neuste Theaterstücke. Aber sie
werden gespielt. Zur Zeit gerade «L'ami riche», noch vom verstorbenen Gilbert
Musy übersetzt, in einer erfolgreichen Lausanner Produktion.) Im literarischen
Trend (was immer der gerade sei, mit Zschokkes Prosa und Theater will er
zweifelsfrei nichts zu schaffen haben!) liegt der Autor damit nicht. Aber das stört
ihn nicht nur nicht, das muss vielmehr so sein, wie aus den völlig
unangestrengt in den monologischen Erzählfluss integrierten Passagen über die
Literatur oder über Literaturtheorien hervorgeht. Eine von ihnen beschäftigt
sich sarkastisch mit dem Einschläfernden eines Erzählens, das um seines
Unterhaltungswerts willen auf Anfang, Mitte und Ende bestehen zu müssen glaubt.
Zschokke hegt und pflegt den Sarkasmus solcher Passagen auch, um nicht selber
der Versuchung zu abgerundeten Geschichten zu erliegen. Diejenigen seines Romans
(in dem es eine Fülle von unvergesslichen Liebes- und Reisegeschichten gibt)
sind meist ohne erkennbaren Anlass begonnen, sie interessieren nur die wirklich,
die sie erzählen, und auch denen ist irgendwann das Ende entfallen, sofern es
ihnen nicht der Tod abgenommen hat.
Der
Weltschmerz und die Komik
Doch
auch ohne dessen Eingreifen wissen diese Binnengeschichten (wie die
Lebensgeschichten) wenig oder nichts vom Glück. Und umso mehr von der
Resignation. Sie sei «keine schöne Gegend», hat Gottfried Keller auf ein Löschblatt
notiert. Für die ZschokkePersonen ist sie es auch nicht und kommt nie aus der
Gelassenheit, die sich abzufinden weiss mit dem Naturgesetz der Vergänglichkeit,
der eigenen und der der Welt. Es ist nicht verboten, bei Zschokke vor allem den
althergebrachten Weltschmerz am Werk zu vermuten. Dem Autor und seinem
literarischen Personal dürfte an einer besseren Herkunft des nostalgischen,
elegischen Redeflusses wenig gelegen sein. Aber sie sind sich (in einer
selbstironischen Solidarität) auch völlig im Klaren darüber, dass der
Weltschmerz heute nicht mehr ausreicht für die Tragödie. Sondern bestenfalls
und gelegentlich für die Tragikomödie. Und in ihr (wie ein paar Buchseiten über
Kleists «Amphitryon» bestechend nachweisen) steht das Komische seit jeher auf
wackligen Füssen.
Der
Tod und das Tränenlachen
Bei
Zschokke auch da, wo es sich weit in die Sätze hervorwagt. Wenn diese, z.B.,
von einer Demonstration erzählen, deren Teilnehmer (einschliesslich der beiden
Polizisten an der Spitze des kläglichen Zugs) auf einer leicht abschüssigen,
plötzlich vereisten Strasse nur noch ein (und sicher nicht ihr ursprüngliches)
Anliegen haben: gemeinsam mit der Tücke der Verhältnisse fertig zu werden. Die
Tragikomödie minus das Komische ergibt so noch lange nicht das Tragische. Sie
ruft nur in Erinnerung, dass das Leben manchmal buchstäblich zum Tränenlachen
sein kann. Sogar auf Kosten eines toten Kindes. Die beiden Angestellten einer
Bestattungsfirma tragen es auf einer Bahre zum Kleintransporter vor einem
Berliner Mietshaus. Sie stellen sich dabei so ungeschickt an, dass der Vorgang
zur Slapstick-Szene ausartet, die im Satz gipfelt: «Die kleine Leiche federt,
als gings im Frühtau zu Berge.» Ein genial pietätloser Satz. Aber noch in der
Pietätlosigkeit ist er (wie die ganze, in den Bewegungsabläufen akribisch
genau beobachtete Szene) nichts als die Wahrheit und als solche eine nachhaltige
Attacke auf das verlogene, kurzlebige Mitgefühl, mit dem ein totes Kind in der
Literatur wie im Leben nicht nur rechnen kann, sondern muss.
Der
Róman und der Román
Aber
die Rezension will zurück, in die weite, zwar auch längst winterliche
Seelen-Landschaft der vier auf der Jacht. Sie haben unterdessen Gesellschaft
bekommen. Ellen, Sozialarbeiterin aus Berlin, ist aus der Schwärze der Nacht
aufgetaucht und an Bord genommen worden. Die Wege, auf denen sie ausgerechnet
hierher gelangte, sind erzählerisch verschlungene. Aber der Autor Zschokke ist
auch auf ihnen ein begeisternder Guide. Was er Ellen auf der Jacht von ihrem
Leben in Berlin und von der Reise an die Ufer des Sees erzählen lässt, setzt
sich nicht durch und verändert die vier, die ihr zuhören, nicht. Dafür ist
Ellen zu scheu und eine zu höfliche Zuhörerin. Aber vereinnahmen lässt sie
sich von der melancholischen Suada der Gastgeber nicht. Und am Ende des Buches
(nach dem lautesten Schuss, der je seit dem von der Kanzel gefallen ist!) reist
sie, trotz der Bitte zu bleiben, weiter. Nicht zurück. Sondern weiter auf der
Suche nach Freunden, die anders sind als der einzige, den sie in Berlin hatte,
und von dessen zunehmender Depressivität sie sich beurlauben wollte und dabei
vom Regen in die Traufe geraten ist.
Der
Bentley und der Eisenbieger
Dieser
Freund, namens Roman (von Zeit zu Zeit sollte der Name auch auf der zweiten
Silbe betont werden!), ist Dichter. Von seiner psychischen Verfassung her und in
seiner Oblomow-Müdigkeit würde er bestens zu denen auf der Jacht passen. Aber
die Glanzlosigkeit und Dürftigkeit seiner Berliner Existenz sind per se ein
Gegenprogramm zum luxuriösen Glanz der Lethargie auf dem See. Dazu kommt, dass
der Román den Róman zur «Hofberichterstattung» anstiftet und «Auf
Patrouille» schickt. Roman nimmt, in den jeweils so angekündigten Passagen, in
Augenschein, was auf dem Hof unten und auf seinen Gängen durch die Stadt tagtäglich
sich ereignet und verändert. Ach nein, zum grossen Berlin-Roman und -Fresko
setzen die kleinen und unauffälligen Geschichten und Bilder, die dabei
herausschauen, sich nicht zusammen. «So ganz ohne Zentrum. So ganz ohne Welt»
wie sie sind, muss ein solches Pensum ihnen nur lächerlich vorkommen. Und
Literatur darf bekanntlich sogar den grossen historischen Augenblick verpassen.
Oder ihn nur in maliziösen Andeutungen zur Sprache bringen. Um sich dann dem
zuzuwenden, was die Historie in ihrem Präpotenzgehabe immer missachtet. Das
kann die Lebensmüdigkeit von vier Menschen auf einem unwirklich schönen See
sein. Oder der arbeitsame Eisenbieger Mewes, der im Hof drunten seinen Bentley wäscht.
Wenn das Auto denn wirklich ein Bentley ist und Herr Mewes wirklich ein
Eisenbieger.
("Basler Zeitung", 9.11.1999)
Schmerzfrei ja - aber was sonst?
Matthias
Zschokkes neuer Roman «Das lose Glück»
Von CHARLES CORNU
Tana,
die Besitzerin der Jacht, sagt zu ihren drei Freunden und zeigt dabei eine
Pistole, sie werde jetzt ins Wasser steigen, sich in den Kopf schiessen und
versinken. Regt sich ob dieser makabren Ankündigung einer der drei - Samuel,
Linus, Portmann - auf? Nicht die Spur. Sie verharren in träger Melancholie, in
einer Art schmerzfreier und halbwegs glücklicher Ermattung. Immerhin nimmt
Portmann Tana die Waffe weg und versorgt sie in seiner Tasche. Das allerdings hätte
er gescheiter unterlassen, denn Stunden später und rund zweihundertsiebzig
Seiten weiter hinten im Buch wird er sich versehentlich ins Bein schiessen,
verbluten und sterben. Doch nach einem Moment hysterischer Aktivität der Leute
auf der Jacht ändert auch das nicht viel an der lethargischen Stimmung.
Der
Nebel der Ereignislosigkeit schliesst sich wieder über den Zurückgebliebenen.
Zu diesen ist übrigens vorher noch eine wildfremde Schwimmerin gestossen, eine
Frau aus Berlin, wie sich zeigt, die ferienhalber in die Gegend und an den See
geraten ist, auf dem die Jacht dümpelt und der der Bieler- oder der
Neuenburgersee sein könnte, jedenfalls ein schweizerisches Binnengewässer aus
jener Region, in der Matthias Zschokke, der jetzt in Berlin lebende, 45-jährige
Schauspieler, Schriftsteller, Dramatiker und Filmemacher, seine Jugendzeit
verbracht hat. Und mit Ellen, der Schwimmerin, die mit widerwilliger
Gastlichkeit auf die Jacht und in den Kreis der dort Weilenden aufgenommen
worden ist, kommt noch deren Berliner Gefährte, Roman, irgendwie mit ins Spiel;
also haben wir es jetzt insgesamt mit sechs Leuten zu tun. Diese Leute, was
treiben sie überhaupt, was treibt sie an und um? Tja, das sind im Grunde schon
fast allzu dramatische Fragen in Bezug auf die paar Personen, die offensichtlich
ihre Jugendlichkeit und damit auch ihre Jugendträume längstens schon
abgestreift und sich danach eingerichtet haben in dem, was im Buch einmal «das
würgende Elend des Gemütlichen» oder auch «die Monstrosität des Gemässigtseins»
genannt wird. Zschokke ist schon anlässlich seiner ersten Veröffentlichungen
immer etwa mit seinem Landsmann Robert Walser verglichen worden. So wie sich in
seinem neuen Buch Komik und Melancholie die Hand reichen, Poetisches mit Spöttischem,
Träumerei mit Witz sich verschwistert, fühlt man sich in der Tat dann und wann
wieder in Walsers kleinen Kosmos versetzt; da wie dort hat man es (ein Ausdruck
Zschokkes) mit der «Tapferkeit des Allerweltlebens» zu tun. Wie endet
Zschokkes Buch? So: Roman sagt zur Verkäuferin in der Berliner Konditorei, die
er zu frequentieren pflegt: «Ich freue mich unbändig auf übermorgen, auf Sie
im neuen Jahr, auf Ihre Kuchen, vielleicht gelingt es uns» - und Schluss ist
ohne Punkt. Das Leben oder vielmehr die Attitüde des Lebendigseins könnte
weitergehen wie bisher. Der Ausdruck «unbändig» ist an dieser Stelle ohnehin
eine ungeheure, eine sozusagen walsersche Übertreibung. Gerade Unbändiges
kommt nicht vor in Zschokkes Buch, vielmehr ists die sanfte Melodie des alltäglichen
Mittelmasses, das halbe Glück der Resignation, das mild Elegische herbstlicher
Existenzen, die es ausfüllen. Die sechs Leute übrigens reden nicht eigent-lich
miteinander, sondern sie monologisieren mehr oder weniger träge vor sich hin,
jede und jeder ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Aber auf diese Weise
lernen wir Leser nach und nach ihre Herkünfte, ihre Entwicklungen (Schicksale wäre
schon ein zu dramatisches Wort), ihre unterschiedlichen Charaktere kennen, und
mit ihnen und durch sie werden wir in mancherlei Szenerien und Lebensstimmungen
gezogen. Diese spielen sich ab und dehnen sich aus hier herum und in Berlin, auf
Feldwegen wie auf städtischem Asphalt, in trübseligen Gaststätten und in hell
erleuchteten Theaterpalästen, in staubiger Banalität, aber auch, selten
einmal,in der klaren Luft grosser Dichtung, die erinnert und zitiert wird. Und
das ergäbe den Stoff für ein Buch von nahezu dreihundert Seiten? Ja, gewiss.
Zschokke komponiert und garniert nämlich die scheinbare Gleichförmigkeit und
Ereignisarmut so abwechslungsreich, so kunstvoll, so gesättigt mit
eigenwilligen und einprägsamen Bildern, und er entwickelt mit Sprachlust und
-witz viele Geschichten oder Anfänge von Geschichten aus der einen grossen
Geschichte (wobei er die meisten Erwartungen der Leser raffiniert unterläuft),
dass man - obgleich es sich ja insgesamt um Figuren in den allermässigsten
Lebenszonen handelt - von einer skurrilen Überraschung zur andern, von
Entdeckung zu Entdeckung gelockt wird. Am Ende, das ja kein Ende sein will, hätte
man es ganz gerne, dass eine oder einer der Beteiligten an diesem ebenso bunten
wie zartfarbenen Gewebe weiterwirken würde.
("Der
Bund", Bern, 27.11.1999)
Schwebend
im Glücklosen
Von
URS BUGMANN
«Wir alle
haben nichts erlebt, und wir alle können nichts erzählen. Das ist eine Seuche,
die uns befallen hat. Alles, was wir tun und denken, zerfällt immerzu. Es formt
sich nichts Erlebtes daraus, bei niemandem. Wir haben einen Virus in uns, der
alles zersetzt und auflöst. Es entsteht kein ruhig gelebtes Leben mehr.»
Das sagt
Portman, einer von vier Freunden, die auf einer Jacht die Nacht verbringen
erzählend, dösend, im Gespräch. Sie sind nicht wirklich Freunde, mehr Gefährten,
die aneinander gewöhnt sind, die sich diese Zuflucht ausserhalb des Jetzt und
Hier, eine Art Schonraum des Belanglosen und Unverbindlichen erwählt haben.
Portman,
Tana, die reiche Bootsbesitzerin, die sich lieber auf dem Wasser aufhält als in
ihrem Herrschaftssitz, Linus, der als Lina begonnen hat, und Samuel: gewöhnliche
Menschen. Samuel «hat fünf Kinder und eine zarte, krankheitsanfällig Frau»,
ist Anwalt und führt eine eigene Kanzlei. Portman beurteilt Landschaften, kennt
sich aus im ökologischen Gleichgewicht, doch nicht in der Ökologie der
Beziehungen; er hat eine Geliebte. Die vier wuchsen im Ort auf, trafen sich mit
andern Schülern damals im Café Central, sind hier und aneinander hängen
geblieben, treffen sich, ohne dass sie viel verbindet. «Sie kennen einander zu
gut und sind sich dabei entglitten.»
Herausgehoben
Bis zu jener
Nacht, in der eine Schwimmerin auftaucht, an Bord genommen wird. Aus ihrer
Gegenwart entstehen Verbindlichkeiten, die vier haben eine Zuhörerin, eine
Fremde erweitert den Kreis der Vertrauten, ihr Zuhören verändert das Erzählen.
Nichts anderes wird erzählt, aber es hallt anders nach, und jetzt erzählt auch
jemand anderer. Ellen, die Schwimmerin, die die Koffer gepackt und sich
aufgemacht hatte, Freunde zu suchen, erzählt nicht von Ereignissen, nicht von
«Jetztzeitigkeit, Aktualität», sie ist auf ihre Weise genauso weltentrückt,
herausgehoben aus dem Alltag wie die vier auf ihrer Jacht.
Ellens
Geschichte spielt an einem andern Ort, in Berlin, wo sie sich regelmässig mit
Roman trifft, um mit ihm im Restaurant Hofgarten zu essen. Aus Zufall haben sie
sich kennen gelernt, auch sie sind sich nicht wirklich nahe gekommen, haben sich
nur an die Regelmässigkeit von Begegnungen gewöhnt, erleben eine Geschichte
miteinander, die keine ist und sich doch zum Aufschreiben eignet: Roman macht am
Ende des Buches Kopien, steckt sie in einen Umschlag, schickt sie weg.
Immer
neue Geschichten
Es steht zu
vermuten, dass aus den Kopien dieses Buch wurde, Matthias Zschokkes neuer Roman
«Das lose Glück». Es ist ein fragiles, schwebendes Kunststück über lauter
Ereignislosigkeit, über eine Zeit und Gesellschaft, in der «die Vorstellungen
spriessen, die Möglichkeiten welken», in der es nicht mehr gelingt, vom Glück
zu reden: «In einfachen Kulturen wie der unseren gibt es keine Ausdrucksform für
das Glück. Da wirkt alles schal, was nicht leidet und sich quält.» Und keiner
weiss hier zu sagen, «ob es tatsächlich sinnvoll ist, immer neu und immer schöner
zu sagen, was wir alle längst wissen».
«Was wir
alle längst wissen» schlägt sich nieder in immer neuen Geschichten, in
Ereignisketten, Beziehungsgeflechten, die Roman in seiner «Hofberichterstattung»
festhält, wie er mit ironischem Unterton seine Beobachtungen in den Berliner Höfen
und Hinterhöfen überschreibt. Es gerinnt in den beiläufigen Berichten der
vier Freunde auf ihrer Jacht, die über all das Bedeutungslose monologisieren,
das ihnen widerfahren ist, das sie als Akteure in einem spielerischen Leben
das Schicksal zu nennen bei weitem zu pathetisch wäre zu Wege bringen.
Am Ende holt
ein Ereignis sie aus ihrem dämmernden, traumverlorenen Zustand: Portman hat
sich mit einer Pistole versehentlich ins Bein geschossen, er verblutet an der
Wunde. Die Waffe hatte er Tana abgenommen, die damit ins Wasser steigen und sich
erschiessen wollte. Sein Tod, der jetzt an die Stelle von Tanas verhindertem
Selbstmord getreten ist, macht alles Erzählen von diesem Ende her zu einer
letzten Gelegenheit, jetzt erhält es Belang und Bedeutung.
Am
Ende des Ereignishaften
So
verhalten melancholisch Matthias Zschokke in diesem Roman eine Welt am Ende des
Ereignishaften erzählen lässt, so poetisch verbrämt diese Endzeitsicht sich
aus vielerlei Facetten von Lebensläufen und -entwürfen zusammenfügt: Es ist
ein präziser Spiegel der Gegenwart, einer auseinander driftenden Zeit und
Gesellschaft. Und Berlin, dieser Hauptort, der zu einem Nebenschauplatz wird,
gerät zum Katalysator einer Geschichte, die bei aller Negation des Glücksvermögens
und der Liebesfähigkeit von beidem spricht, vom Glück wie von der Liebe. Nicht
immer im direkten Bild, zuallermeist im Gegenbild, im Widerschein des
Scheiterns, in der Sehnsucht nach dem Ungeschehenen. Auf jenem nächtlichen See
taucht ein Engel aus Berlin auf.
Das
ist ein zauberhaft leichter Roman, der alle Weltenschwere aufhebt und sich doch
nicht weltverloren ins Idyllische flüchtet. Eine Feier des Erzählens als jenes
schöpferischen Werden, aus dem die Welt erst ihren Sinn erhält. «Das lose Glück»
meint hier beides: das Gelöstsein von allem Glück im Glücklosen, von dem in
diesem Buch erzählt wird und gerade darin scheint ein leichtes, gelöstes Glücklichsein
auf, das jedem zukommt, der erzählen kann.
("Neue Luzerner Zeitung", 9.12.1999)
Plaudereien auf schwankenden Planken
Ein
Buch, das kein Roman sein will: „Das lose Glück“ von Matthias Zschokke
Von
KATHRIN HILLGRUBER
Es geht um
viel Statik in diesem Buch, das kein Roman sein will. Was zählt, ist die
richtige Balance, das Halten und Verlieren des Gleichgewichts. „Gesellige
Schonung“ hatte sich in Goethes Novellenkranz Unterhaltungen deutscher
Ausgewanderten eine Adelsgesellschaft erbeten, die vor der Französischen
Revolution geflüchtet war. Diese Einstellung, die „alle Unterhaltung über
das Interesse des Tages“ ausschloss, wurde zum Prinzip des abwechselnden Erzählens,
mit dem sich die Herrschaften die Zeit vertrieben. Die Figuren im Losen Glück
fliehen eigentlich nur vor sich selbst, und das ist bekanntlich am schwersten.
Es handelt sich um ein bürgerliches Quartett jenseits der vierzig: Tana,
Alleinerbin und Dozentin für Komparatistik, der erfolgreiche Anwalt Samuel, der
mit Realitätssinn begabte Forstingenieur Portman sowie der Transsexuelle Linus,
der als Lina angefangen und sich selbst und seine Sängerkarriere irgendwann
vergessen hat. Nun will er nichts mehr werden, „nur noch sein“. Das
Statische wird zum Programm: „Überall vergeht die Zeit, und es geschehen großartige
Dinge. Hier nicht.“ Die vier Jugendfreunde, offenbar verkappte Epikureer, flüchten
regelmäßig vor den Zumutungen und Verbindlichkeiten auf schwankenden Boden:
Sie treffen sich an Bord von Tanas Jacht auf einem See im Schweizer Mittelland,
der sich als Bielersee deuten lässt.
Matthias
Zschokke, Schöpfer luftig verschmitzter Helden wie „Prinz Hans“ oder
zuletzt „Der dicke Dichter“ (1995), orchestriert einen mehrstimmigen
Schwanengesang auf die dahingehenden und vor allem dahingegangenen Jahre, eine
Elegie des Verfalls. Man möchte von einem typischen, etwas anämischen
Fin-de-siècle-Buch sprechen, in dem sich der Ennui in wunderschöne Episoden
und Metaphern kleidet – aber es bleibt eben doch der im Grunde immer gleiche,
um sich selbst kreisende Ennui, das taedium vitae, das mit dem Altern seinen
sichtbaren Ausdruck findet: Fettwülste, Tränensäcke, länger werdende Zähne,
matte Haare, alles wird wort- und variationsreich beklagt. Hier ist niemand ins
Gelingen verliebt, sondern jedermann ins Scheitern. Trostlosigkeit kann ja so
schön sein, besonders wenn man es sich im Leben kommod eingerichtet hat wie
Tana: „In englischen Gesellschaftsromanen tauchen manchmal solche Erbinnen
auf, fahren im Jaguar durch grüne Landschaften und erinnern sich an feuchte
Internatstage.“
Die vorgeführte
ideale Erzählgesellschaft, deren äußere Koordination wie im aristotelischen
Theater örtlich (die Jacht) und zeitlich (ein Abend) eine Einheit bilden, erfährt
eine Störung und gleichzeitig geistige Befruchtung von außen, direkt aus dem
Wasser: Eine Schwimmerin bittet, von der langen Strecke ermattet, an Bord kommen
zu dürfen: Das Standlicht des Schiffes habe sie angezogen. Sie stellt sich als
Ellen aus Berlin vor, Sozialarbeiterin im Urlaub, abgestiegen im Hotel
„Seegurke“. Im bewährten Gefüge der vier kommt ihr, dem Eindringling, bald
die zentrale Rolle: als Unterhalterin zu – denn sie erzählt absichtslos, ohne
„es gutmachen zu wollen“, so wie die Gastgeberin Tana es erwartet, ja
anordnet – „lassen Sie es fließen“.
In die
Monologe über mehrere Seiten, die mit einem schlichten „sagt:“ nach Art von
Drehbüchern eingeleitet werden, sind Binnenerzählungen als Berichte von
hochdifferenzierten Alltagsbeobachtungen und menschlichen Bemühungen
eingebettet. Zschokkes Charaktere sind Wahrnehmungskünstler. Ihr geschärftes
Erkenntnis-Instrumentarium trifft zwangsläufig auf dumpfe Zustände, denen
gegenüber es machtlos ist. Sensible Gemüter treibt das in die Resignation;
„denk der Vergeblichen!“ möchte man mit Gottfried Benn ausrufen.
Epikur
pur
Doch
schließlich wirkt auch die ästhetisch erlesen verpackte Absichtslosigkeit auf
Dauer penetrant. Ob es tiefgefrorene Erbsen sind, die im Karton rasseln, lästige
Fruchtfliegen oder ein Staubfaden in der Sonne – nichts ist vor ausführlichster
Beschreibung sicher. Der Autor macht programmatisch das Kleine zum Großen, was
er durch die Figuren Ellen und Roman (Ellens in Berlin gebliebener Freund) aus
dem fernen, lärmenden Berlin zu berichten hat, das schrumpft er auf ein
anthropologisch annehmbares Maß zusammen: „Es dauert von Tag zu Tag länger,
von einem Ort an den anderen zu gelangen. Nicht, dass ich langsamer geworden wäre.
Ich bemerke bloß mehr und mehr Kleinigkeiten, die mich aufhalten; Nebensächlichkeiten,
die mich an andere Nebensächlichkeiten erinnern.“
Das
eigene Leben wird ihnen allen immer unbegreiflicher, die zivilisatorischen Übereinkünfte
sind für sie ausgehöhlt. Die Frage nach dem Glück muss als Zumutung
erscheinen, wo der Schlaf schon als erstrebenswerter, seliger Zustand gilt.
„Vogelfrei, im losen Glück“ sind einzig und allein „zerrupfte Hühner,
die nicht wissen, dass sie sterben, die ganz und gar damit beschäftigt sind, Hühner
zu sein“. Dem Menschen, vom Bewusstsein seines Todes beschwert, bleibt
demzufolge nur die Einübung in den Gleichmut – das ist Epikur pur. Dass es am
Ende gar noch einen Toten gibt – einer der Freunde schießt sich mit Tanas
Pistole aus Versehen in den Oberschenkel –, auch dieser Höhepunkt an äußerer
Handlung wird bald von den unaufhörlichen Wellen des Gesprächs überspült.
Der
Schweizer Matthias Zschokke, seit 1980 in Berlin lebend, hat ein haltloses,
bodenloses Buch geschrieben. Die langen Monologe voller filmischer
Slapstick-Episoden spannen sich über einen Untergrund tiefster Melancholie, in
dem die Jacht der Erzählgesellschaft geankert hat. Die Unruhe, mit der die
Verzweiflung, der Skandal des Alltags und des Älterwerdens ertragen, ja sogar
mit fatalistischer Zustimmung begrüßt werden, stellt die eigentliche
Provokation des Losen Glücks dar: die Provokation als Plauderei auf der Jacht
oder im Salon, die Katastrophe als behagliche Kontemplation. Fin
de siècle am Bielersee.
Hinter
dem harmlosen Titel Die Einladung verbirgt sich schierer Lebens-Wahnsinn.
Dabei ist die Fabel des Stückes, das an Zschokkes Der reiche Freund anknüpft,
relativ einfach zu skizzieren: Der reiche Freund Ermenegildo Fürst aus der
Weltmetropole Saarbrücken hat seinen Besuch in Berlin angesagt bei dem
Architekten Friedrich und seiner Frau Friederike, was beide in hellste Aufregung
versetzt- wie den hohen Gast empfangen, wie ihn standesgemäß bewirten, wie ihm
angemessene Unterhaltung bieten? Zumal der Architekt ihn als Investor gewinnen
will ("FRIEDRICH: [...} Glaub mir, diesmal ist es keine Hoffnung, die ich
hege und schüre, diesmal ist es der nackte Wille zum Erfolg. Fürst wird
kommen, ich werde ihn überzeugen, unsere Finanzen werden aufblühen [...} Wir
haben keinen Hintergrund und sind deswegen darauf angewiesen, geliebt zu werden.
[...] Wer aus dem Nichts kommt, muß sich polieren, wenn er wahrgenommen werden
will. Wie in der Malerei: entweder hebt dich der Hintergrund hervor, oder du mußt
selbst leuchten. Wir gehören zu der zweiten Sorte, wir müssen
leuchten.")...
In
Ermangelung illustrer Gäste werden zur Tischgesellschaft der grobschlächtige
Schönheits-chirurg Dr. Kurz und der Schauspieler Harald, der zur Hebung des
gesellschaftlichen Niveaus einen Literaturgeschichtsprofessor spielt
(Paraderolle für einen Komiker), gebeten. Aber aller Aufwand ist vergebens: Fürst
denkt nicht daran, in das Wohnbaumodell des Architekten, das überdies bei der
Präsentation in Flammen aufgeht, auch nur einen Pfennig zu stecken.
Parallel
zur Haupthandlung läuft eine Nebenhandlung voller Leidenschaft und Dramatik ab:
die Nachbarin des Architektenpaars, Frau Dr. Karnay, eine höchst erfolgreiche
Wirtschaftsanwältin, ist einem göttlich schönen Gigolo namens Calvin
verfallen (eine -nicht nur platonische- Sehnsucht nach Schönheit, nach
Wahrheit: als Gegengift zum schnöden Mammon). Zufällig - wie es Theatergötter
sich eben erlauben können- kommt Calvin ebenfalls aus der Weltmetropole Saarbrücken,
wo er seine Liebesdienste auch Kathi, Fürsts Haushälterin, erweist. Als er
diese zurückstößt mit einer eifernden Rede, die seinem Namenspatron alle Ehre
machte ("CALVIN: [Er redet auf Kathi ein.] Erstick an deiner jämmerlichen
kleinen Zuneigung, die das Wort Liebe nicht wert ist, an dieser plumpen Lust,
dich anzulehnen, egal wo, dich niederzulassen, egal auf was, weil ich gerade da
bin auf mir, Staub, der sich auf alles setzt, was tot ist. Ich bin nicht tot!
Ich verachte jede Zutraulichkeit, dieses Bedürfnis von Allesfressern, von Säuen
nach Nähe. Fordere mehr von dir und von mir. Wir müssen besser werden, alle.
Schau mich nicht an mit diesem dummen kalbsäugigen Ausdruck. Du meinst nicht
mich, du meinst das schäbige Bißchen, wofür ich in deiner Vorstellung stehe,
diesen Schlauch voll warmer Grütze. Du nimmst mich und stülpst deine schalen
Träume darüber. Keine schaut wirklich hin. Ihr seid alle besoffen. Euer Blick
ist vernebelt. Da ist keine Klarheit drin, keine Wahrheit. Ihr laßt euch belügen-
diese Manie, alles in die Mehrzahl zu setzen! Wie ich das hasse! Du hast keinen
Stolz, kein Verlangen nach Einmaligkeit, du gibst dich zufrieden mit dem
erstbesten Ersatz, irgendeinem ungefähren Glück. Aber ich bin mehr, als was
ihr denkt, daß ich sei. Ich traue euch nicht, kann mich nicht auf euch
verlassen. Ihr sagt ich leuchte, wenn ich funsle, ihr sagt ich strahle, wenn ich
matt bin, ihr verderbt mich mit eurer Anspruchslosigkeit. Wir könnten wachsen,
alle- was für eine Idiotie, alles in die Mehrzahl zu setzen! Jeder kann ein
Riese werden, jeder kann verglühen, wenn er sich schürt, wenn er sich
antreibt. Ihr schläfert mich aber ein, ihr verratet alles mit eurer
Ungenauigkeit. Das ist keine Liebe, was du empfindest, das ist Faulheit,
Bequemlichkeit, ein armseliges Verlangen nach ein wenig körperlicher Wärme und
Nähe. Geht in den Stall, dort ist es warm. Fällt dir die Leere nicht auf, wenn
wir uns aneinander pressen, die Lächerlichkeit nicht, wenn wir uns aneinander
reiben? Spürst du nicht, wie stumpf ich mich anfühle, wie zäh die Zeit sich
hinschleppt, wie alle Träume zerstieben, wenn wir zusammen sind. Wie bleich die
Welt wird, wenn wir darin stehen. Wie alles in uns ertrinkt, was wir sein könnten.
Was für eine gähnende Abwesenheit wir um uns schaffen, wie wir uns gegenseitig
auslöschen, alle, aufsaugen. Laß dich nicht so leicht abspeisen. Weg mit der
Bescheidenheit. Wie die Kakerlaken fressen wir Reste, Abfall. Du hast ein
Anrecht auf mehr. Wir alle, wir haben die Kraft und die Möglichkeit, wir haben
die Pflicht, groß zu werden, immer größer, über uns hinauszuwachsen, doch
rundherum nichts als dieses kümmerliche, winzige, geduckte, verlogene
Dahinvegetieren. Das lügt und betrügt und grimassiert weiter in alle Ewigkeit.
Nicht einer, für den sich die Tausende von Jahren gelohnt hätten, nicht einer,
der es verdient, Mensch genannt zu werden, nicht einer, von dem wir lernen könnten
zu leben. Da winselst du vor meiner Tür, um deine unwürdigen, nutzlosen
Stunden mit mir zusammen in dieser trüben Alltagsbrühe verplanschen zu können.
Fordere mehr von dir, von mir, verlang, daß ich uns herausziehe, ich kann das,
du nasser, sinkender Sack, du erstickende Blase voll Schleim, wozu lebst du,
wenn du leben willst..."), erschießt sie ihn und sich: ersteres führt zu
tiefer Trauer bei Frau Karnay und letzteres zu Fürsts überstürzter Abreise.
Einziger Rettungsstrohhalm: Friedrich wird nun versuchen, Frau Karnay für seine
Wohnbauprojekte zu gewinnen.
Die
schrille Komik des Stückes resultiert aus den teils skurrilen, teils tiefen
Ideen der schrägen Personen ("HARALD: Wie ich da im Bad so mein
zerschmettertes Knie betrachtet habe, dachte ich: Kommen wir nicht alle aus dem
Nichts, aus Schutt, sind aus Resten zusammengeflickt, notdürftig geklebt, mit
Strohhaar, stromern über unsere versteppten Areale, auf denen man eigentlich
Schafe weiden sollte, mit Märchen in unseren Köpfen, finsteren Märchen von
Krieg, von Schlächtern, von blinder Gefolgschaft, von Kadavergehoram und blutig
zerfetzten Rümpfen, Märchen von Hunger und Tod und Geilheit, vom großen
Zusammenbruch, in dem alles zerplatzte, zerstob? Aus diesen rauchenden Trümmern
zuckte und ringelte ein Gewürm, schiefe, bleiche, erinnerungslose Wesen erhoben
sich, das sind wir, die jüngste Rasse; die alten Tugenden fanden nicht mehr zurück
in uns, sie verflüchtigten sich, und wir leeren Hülsen geistern nun blicklos
durch die Ruinen, die Sonne brennt, in den Ritzen zittern vertrocknete
Grashalme- manchmal tauchen Fremde auf, aus fernen Ländern, die nach dem großen,
alten Abendland suchen, von dem sie gelesen haben, mit neugierigen Augen
streunen sie über das monumentale Leichenfeld, schauen in unsere hohlen
Gesichter, stehen vor altem, ausgebranntem Gemäuer und staunen, hier ging also
Heine, dort Hölderlin, da Schubert, wir schauen ihnen verkniffen zu... -
FRIEDRICH: [Er macht Zeichen und flüstert:] Schlanker, schlanker... - Dr. KURZ:
Lassen Sie ihn, bitte! Die Zeit verstreicht dabei sehr schön. - FRIEDRICH: In
richtig feiner Gesellschaft, dachte ich, wird eher diskutiert als
deklamiert?") und den gedrechselten, artifiziell hochgeschraubten
Dialogen.
Die
Einladung ist Zschokkes bislang
gedankenschwerstes und wortgewaltigstes Theaterstück. Ist es überhaupt eine
Komödie? Wenn ja, dann eine sehr moralische, und also: verzweifelte.
Welches Theater wird die Uraufführung wagen? Sie ist für September 2oo6 in
Genf geplant.
Früher, etwa
in den späten Siebzigern, hatte sie als "Die singende Kommissarin mit
ihren swingenden Vopos" Kultstatus und feierte Riesenerfolge. Die Band
jedoch löste sich auf -aus welchen Gründen auch immer- und verschwand aus der
Berliner Clubszene. Was blieb, sind Erinnerungen.
Silvesterabend. Die ehemalige singende Kommissarin Bergfeld hat Stallwache im
Berliner Polzeirevier/ Abschnitt 32. Ein lokaler Rundfunksender strahlt heute
von hier seine Live-Sendung "Ohr vor Ort" aus. Der unsichtbare
Radiomoderator animiert die Kommissarin, zu singen und zu erzählen. Dafür ist
der Raum reichlich mit Mikrophonen ausgestattet worden, was die Protagonistin
anfangs ziemlich irritiert: "Erzählen?... Was soll ich Ihnen sagen? Da ist
nichts. Um diese Zeit. Da ist es immer eher ruhig, ganz besonders ruhig."
Und
es bleibt den ganzen Abend ruhig, bis auf zwei kleinere Störungen durch den
"Abschnittsgeschäftsführer", der Probleme mit den
"Gleitzeiterfassungsbögen" hat, und einen Betrunkenen. Viel Zeit für
die Kommissarin zum Nachdenken über sich, übers Leben. Allmählich geht die
Realität über in einen (Alp-)Traum, ihre Lieder von damals tauchen auf... Eher
monologisierend beginnt die Kommissarin zu erzählen, auch seltsame Schnurren,
mit denen sie wohl kaum die Erwartungen des Radiopublikums erfüllt:
"Was
will ich auf dem Land?! Das habe ich mich während der ganzen Rückreise
gefragt. Ich liebe das Berliner Abwassersystem, wie ich das Berliner
Trinkwassersystem liebe. Ich liebe die Bäume hier, die mir vom Leib bleiben,
schön und einsam und hochgewachsen, jeder einzelne mit Namen, hier eine
Platane, dort eine Linde, da eine Kastanie, nein, sicher, es war zauberhaft,
traumhaft, der See so klar und jugendschön, das Ufer, an das kichernd die
Wellen schlugen, herrlich in der Erinnerung, aber entsetzlich, wenn ich daran
denke, dorthin zurück zu müssen. Schön, eine Sehnsucht zu haben, aber ich
bleibe wirklich lieber hier. Ich liebe die Busse und die Bahnen, die hier
verkehren, ich verstehe hier die Sprache des Alltags, manchmal scheint sogar die
Sonne, die Straßen sind breit und die Bürgersteige verläßlich, der Mond
leuchtet durch die Nächte wie anderswo, die Straßenlaternen sind hell, wir
haben elektrischen Strom und Gas, die Krematorien verbrennen rückstandsfrei,
die Konditoren backen bißfest - was will ich auf dem Land?! Ich brauche die
Stadt, hier ist mir wohl, hier weiß ich, wie ich über die Straßen komme, hier
habe ich Bekannte, mit denen ich mich treffe einmal wöchentlich bei unserem
Italiener, Franco, dann sitzen wir da, über dem Tisch der Luftabzug für die Küche,
es stinkt nach altem Öl, manchmal wird einem von uns schlecht, draußen am
Fenster ziehen die Einwanderer vorbei, müde, aber noch ganz... Wir reden über
Politik, übers Leben, über Liebe, über Geld, über den Grund aller Dinge,
wobei es regelmäßig demjenigen, der das Wort ergreift, mitten im Satz die Rede
verschlägt; dann winkt er ab, voller Verachtung, weil er den Gedanken, den er
eben noch im Kopf hatte, nicht mehr in Worte fassen kann; wir trinken Wein,
Soave oder Valpolicella, sauer und bitter, wunderbar. Manfred ist beim
Finanzamt. Er sinkt Abend für Abend in sich zusammen am Tisch, sitzt tief nach
vorne gebeugt über dem Teller, wird fahl im Gesicht, die Bartstoppeln über der
Lippe glitzern, wunderschön. Er ist dick geworden in letzter Zeit. Wir umarmen
uns jeden Abend zur Begrüßung und zum Abschied. Dazu fassen wir uns um die Hüften.
Darum weiß ich, wie dick er ist. Ich fasse ihn gern dort an, die Wülste lösen
in mir das warme Gefühl von Geborgenheit aus, und er faßt mich auch dort an,
und ich erstarre. Es geht das Gerücht, wir seien Versager. Ich hoffe, das ist
nichts Schlimmes. Wir sitzen einfach da, halten die entblößten, faltigen Hälse
ins Neonlicht und warten darauf, daß sie aufgebissen werden. Franco kennt uns.
Er bringt unaufgefordert das Übliche. Ein abscheulicher Ort: kleine Mückchen
fliegen das ganze Jahr über um den Wein - im Sommer kommen Wespen hinzu. Die Küche
ist schändlich. Wenn's geht, esse ich Rührei - das müssen sie frisch machen -
aber immer Rührei, das ist widerwärtig. Einige Male machten wir den Versuch,
das Lokal zu wechseln - nichts als infame Umstände. Wir kamen immer zurück. Es
liegt günstig für uns, und das Publikum, das dort verkehrt, stößt sich nicht
daran, wenn wir nachlässig gekleidet sind. Wir haben uns in der Garderobenfrage
für die Bequemlichkeit entschieden - das steht nicht jedem. Wir sitzen einfach
da, einmal die Woche, trinken und essen - man muß Kontakte pflegen - unbedingt
-, manchmal erzählt einer etwas, wir Versuchen zuzuhören oder doch so zu
wirken; wir gucken so interessiert wir können, was uns anstrengt; wenn uns die
Pausen lang vorkommen, rufen wir: Nein! Sowas! und wir vermeiden es, uns
gegenseitig zu lang in die Augen zu schauen. Irmchen ist Schauspielerin. Die mit
der Computergeschichte. Letztes Jahr hat sie eine Rolle in Karlsruhe gespielt.
Es muß fürchterlich gewesen sein für sie. Lange hat sie überhaupt nicht
davon gesprochen. Nur in Andeutungen. Nie mehr Körperkontakt mit Kollegen!
sagte sie, oder: Am besten überhaupt keinen Kontakt mit Theaterleuten, keine
Proben, nichts! Offenbar hatte man sie gezwungen, sich ein Haarteil zwischen die
Augenbrauen zu kleben, damit es so aussah, als seien sie zusammengewachsen, ohne
Erklärung, nur weil es dem Direktor so gefiel. Außerdem scheint ihr Partner
entsetzlich gestunken zu haben. Angstschweiß, sagten wir. Sie beharrte darauf,
er sei ungewaschen gewesen. Und darum in den Vertrag: Maximalnähe zum Partner
neunzig Zentimeter! Bühnenkleidung aus dem Privatbesitz! Darauf bestehen!
Dieses modrige, ungewaschene Schmuddelzeug - Kostüme, wie sie es nennen -
verweigern! Vor jedem Auftritt einen Knaben mit Parfümzerstäuber über die Bühne
jagen! In den Vertrag! Parfümmarke festlegen - sie haben keinen Geschmack -,
Kostenübernahme durchs Theater! Rein in den Vertrag! Unglaublich, wie das
stinkt! Ihr macht euch keine Vorstellung: Schauspielerschweiß aus dritter und
vierter Generation in den Schmierlumpen! Sogenannter Bühnengeruch, von
verstorbenen Kollegen! Todesschweiß! Leichengeruch! Und sie strengen sich so
furchtbar an, sie pressen so, ihr macht euch keine Vorstellung, wie das heute
zugeht auf Bühnen! Fratzenreißer! Krampfzustände! Wenn sie sich ruckartig
bewegen, werdet ihr vollgespritzt von Schweiß! Sie triefen! Abstand in die
Verträge! Bei Proben noch schlimmer, unbeschreiblich! Da kennen sie überhaupt
keine Hemmungen mehr, die Kollegen, fallen über dich her, ziehen und zerren an
dir rum, spucken und lecken! Ausprobieren nennen sie das! Methode! Alle Scheu
abwerfen voreinander! Angstfrei ausloten! Mal sehen, was sich ergibt! Nichts
ergibt sich, nichts! Wie im Leben, nichts! Wenn man sich an einen wildfremden
Menschen ranschmeißt, ergibt sich nichts, eins aufs Maul ergibt sich. Widerwärtige
Schamlosigkeit, als Freiheit deklariert! - Abstand, Ruhe, Freiraum in den
Vertrag! Einsamkeit, Unbehelligtsein! Schutz vor den schmierigen Frotteuren, die
sich an ihren Kollegen reiben, wenn keiner hinguckt! Überhaupt: Nie mehr Bühne!
Es ist unwürdig! Mit zusammengeklebten Augenbrauen! Ich bitte euch! Was sind
das für Menschen, die das veranstalten! Sogenannte Intendanten! Verpflichten
ein paar Hungerleider, ihnen die Zeit zu vertreiben. Fühlen sich einsam und
leisten sich darum persönliche Unterhalter, vom Staat bezahlt! Rein in den
Vertrag: Regieanweisungen schriftlich, per Kurier zugestellt! Ausweichen den
Schwätzern! Probezeit nur noch für technische Abläufe!... Sie war ganz schmal
geworden, eindeutig, und wenn nur das Wort Karlsruhe fällt, kriegt sie heute
noch weiße Flecken im Gesicht und Gänsehaut. Es muß grauenvoll gewesen sein für
sie, das Inferno..."
Assoziativ
& mäandernd fließt der stream of consciousness. Nicht
selten gefrieren die Erzählungen der Kommissarin zu einer existentiellen
Beichte der eigenen erschreckenden Durchschnittlichkeit und des eigenen
grausamen Mittelmaßes, was sich durchaus ins Allgemeine verlängern läßt. Und
trotzdem schwebt eine seltsame Heiterkeit über allem Elend. Dieses Kunststück
gelingt dank der artifiziellen Diskrepanz zwischen einer ungewöhnlich hohen
Sprachkultur und der Banalität von Alltäglichkeiten, in deren Dienst sie steht
und die sie auf höchst poetische Weise zum Leuchten bringt.
Um
Mitternacht dann draußen Feuerwerk & Glockenläuten. Am Fenster schiebt
sich, aufgespießt auf einer Stange, ein abgeschlagener Frauenkopf empor, der
dem der Kommissarin verblüffend ähnelt: ein rüder Scherz derKollegen. Die
singende Kommissarin
ist jedoch keine sozialkritische Studie von einem Polizeigewerkschaftsführer,
der etwa Franz Xaver Kroetz heißen könnte. Zschokke hat den mikroskopischen
Blick aufs Mikrokosmische: hat die selten gewordene Gabe, im Unauffälligen,
Unscheinbaren und sonst Übersehenen metaphysisch Elend oder Glück aufblitzen
zu lassen- eine Gabe, die nur noch DICHTER besitzen. Und naturgemäß haben
diese es immer schwerer in der heutigen Zeit, die verlernt hat, Metaphern zu
lesen und einen Subtext raunen zu hören: ABC wird sklavisch-stumpf als ABC
buchstabiert und nicht poetisch begriffen als ABZ(schokke).
Zschokke
macht kein Hehl daraus, daß er in seinem (Fast-) Monolog (an dem er, mit
Unterbrechungen, seit 1998 arbeitete) ausgesuchte Motive & Textpassagen aus
eigener Prosa (vor allem aus seinem Roman Der dicke Dichter) in einer
eigenwilligen Tour d'horizon neu montiert hat. Obendrein grüßt die singende
Kommissarin einen englischen Vetter:The Singing Detective- so wird der
Titelheld genannt in einer britischen TV-Serie (die auch im deutschen Fernsehen
lief).
Kann ein
solches Mixtum compositum gelingen, kann diese postmoderne Collage einen eigenen
künstlerischen Mehrwert gewinnen- eine neue Qualität? Aber ja doch! Denn der
Plot ist originär & äußerst originell und bietet eine Bombenrolle für
die aussterbende Spezies großer Theater-diven.
Ein
neuer Nachbar
Inhalt:
Am Meer – Da Sie gerade vom Sterben reden – Roman und Ramona, der
unsichtbare Film – Die unergründbare Elektrik – Das Cello –
Dienerbewerbung – Der Besuch – Sommer – Sol – Der weinende Sänger –
Balz – Der Professor – Brief eines Katzenfreundes – Der Brief an die
Genfer – Brief an einen Verleger – Was ich gern lese – Warum ich Robert
Walser mag – Ein neuer Nachbar – Leg dich hin – Reichstag, Berlin –
Hinterlassenschaften – Die ewige Vorstadt – Lederträne – Kriegskolumne
– Tagespolitische Kolumne – Amateure, Autodidakten, Dilettanten, ich –
Diese Momente – Panetone – Mein Freund, mein gußeiserner Ofen
Kunst ist es, das andere zu suchen, sich zu entziehen, das Machbare nicht
zu machen, die übriggebliebenen Unmöglichkeiten herauszuschälen und anzugehen
in dem allgemeinen Gejohle und Besäufnis, beim ausgebrochenen
Kunst-zum-Anfassen-Trubel. Matthias Zschokke
Leseprobe:
Am
Meer
Gestern noch
saß er auf der Hotelterrasse, schaute der Sonne zu, wie sie im Meer versank,
versuchte, etwas dabei zu empfinden, Poetisches, Melodiöses, doch er sah nur
die Kugel wegtauchen und war gleichmütig; dann stand er auf, und sie gingen
zusammen essen, einen gegrillten Fisch mit Knoblauch und Bratkartoffeln, Salat,
dazu tranken sie Wein; dann verließen sie das Restaurant, er schaute in den
schwarzen Himmel, sah zwei, drei Sternschnuppen fallen, dachte daran, daß er
sich bei der nächsten etwas wünschen sollte, überlegte, was er sich denn wünschen
könnte, betrachtete das Gefunkel, sah keine weitere Sternschnuppe fallen; sie
schlenderten am Ufer entlang zurück, legten sich ins Bett, hörten dem Meer zu
und freuten sich aufs Einschlafen. Am folgenden Morgen war er kalt. So schnell
geht das.
Sie war immer
ruhig, wenn er draußen auf der Terrasse saß und der Sonne zuschaute oder den
Sternen. Er guckte übelgelaunt und langweilte sich; zu Himmelskörpern fiel ihm
nichts ein. Eigentlich saß er nur da, weil er nichts anderes mit sich
anzufangen wußte. Er wartete auf sie, auf ihre Vorschläge. Und wenn es ihm zu
lange dauerte, wurde er plötzlich wütend, sprang auf und rief hinein, er warte
nicht mehr länger, er wisse, wie eine Sonne untergehe, er kenne das Meer, sie
solle endlich voranmachen. Er trat ungeduldig an die Brüstung, ging auf und ab,
drängelte, und sie mußte sich schnell anziehen und mit ihm das Zimmer
verlassen. Doch schon im Treppenhaus verlangsamte er seine Schritte und wußte
nicht weiter. Dann schaute er sie mißmutig an und erwartete, daß sie die
Richtung vorgebe; kaum waren sie draußen ein paar Meter weiter gegangen,
verlangte er, daß sie ihm erzählte, was sie tagsüber gedacht hatte. Ihre Sätze
kommentierte er kaum. Er ging bloß neben ihr her und starrte mürrisch übers
Meer. Und wenn sich im Gebüsch etwas regte, blieb er stehen, beugte sich vor,
hielt den Atem an und versuchte herauszufinden, was da raschelte. Egal, ob sie
gerade mitten in einem Satz steckte, er hörte ihr nicht weiter zu, um – wie
nicht anders zu erwarten – jeweils eine Eidechse zu entdecken oder einen
kleinen, grauen Vogel, irgendein alltägliches Tier halt, das an Straßenrändern,
unter Sträuchern seine Zeit verbringt.
Jetzt sitzt
er nicht mehr draußen auf der Terrasse, um der Sonne zuzuschauen, wie sie im
Meer versinkt; und sie weiß nicht mehr, was die Terrasse soll, was die Sonne
soll, das Meer – das kommt ihr alles leer vor, ohne Sinn, denn es muß doch
von einem gesehen werden, wenn es etwas sein will.
Sie hat in
der Rezeption angerufen und gesagt, ein Toter liege da. Im Nu standen zwei Männer
vor der Tür, ihr kam es vor wie in Sekunden, legten ihn auf eine Bahre, zogen
das Bett ab, räumten seine Sachen beiseite; sie mußte ein, zwei Formulare
unterschreiben, dann trugen die Männer den Leichnam weg, und alles war
verschwunden; nicht einmal der helle Fleck blieb zurück, der auf einer Tapete
sichtbar wird, wenn man ein Bild entfernt – es war, als sei er nie gewesen.
Seit einiger
Zeit hatte sie ihm ihre Gedanken nur noch ungern mitgeteilt; dauernd wurde sie
aufgeschreckt vom Empfinden, sich zu wiederholen – das war ihr entsetzlich.
Sie wurde heiser beim Sprechen, weil sie sich ärgerte über ihr vermeintlich
ewiggleiches Geschwätz. Sie ließ mitten im Satz ein Wort aus, von dem sie überzeugt
war, es eben gerade benutzt zu haben; sie brach die Sätze ohne Erklärung ab,
weil sie den Eindruck hatte, den gleichen Gedanken vor kurzem erst geäußert zu
haben; was sie sagte wurde unverständlich, hingemaulte Brocken, schlecht
artikuliert, weil ihr zunehmend auch einzelne Buchstaben und Laute verbraucht
vorkamen und sie sie nicht mehr über die Lippen bringen mochte. Ihm war das
egal. Er blieb gleichmütig und ging darauf nie ein. Ihm war es einerlei, ob sie
dumm, klug oder zweimal dasselbe sprach. Nur schweigen durfte sie nicht.
Jetzt darf
sie schweigen, endlich, wird nicht mehr genötigt, ihre Erkenntnisse
daherzuleiern, die ihr abgenagt und dürftig vorkommen – aber das erleichtert
sie nicht. Es war ein eintöniges Leben mit ihm. Er hockte herum und wartete
darauf, daß sie ihn unterhielt, und sie redete notgedrungen. Jetzt ist er weg,
und sie sitzt schweigend da. Die Terrasse ist häßlich, eine große Zahnlücke,
das Meer stinkt zur geöffneten Tür herein, sie hat keine Gedanken, es wird
dunkel, sie empfindet nichts, ein Vogelschwarm zieht durch den Himmel, die Bäuche
glitzern silbern, ein Schwarm Fische, und sie weiß nicht, ob jetzt die Zeit
gekommen ist, essen zu gehen; er hatte den Tagesablauf bestimmt; wenn er unruhig
wurde, war die Zeit gekommen aufzubrechen. Jetzt ist schwarze Nacht, sie weiß
nicht, ob sie Hunger hat. So schnell geht das.
Ein guter, schonungsloser Freund
Von
Matthias Zschokke erscheint dieses Frühjahr ein zauberhafter Geschichtenband.
29 Erzählungen und Kolumnen umfasst er, Beobachtungen eines Flaneurs durch die
Randbezirke Berlins.
Von Beat Mazenauer
Wahre
Freunde hat man nicht viele, und die wenigen gleichen einem selbst in verräterischer
Weise. Deshalb gilt es, sie mit Bedacht zu wählen und ebenso zu behandeln. Dies
letztere kann manchmal auch bedeuten, einen lange vermissten Freund abzuwimmeln,
bevor erbesuchsweise Zeuge wird, wie die Zeit an einem Spuren
hinterlassen hat.
Auch
davon handeln die Texte von Matthias Zschokke. Es sind Geschichten, die das
Leben schrieb, auch wenn dem Zschokke entgegen hält: «Das Leben kann nicht
schreiben, es wetzt bloss ab». Doch schriebe es, wie es der Volksmund will, so
täte es dies vielleicht wie er. Seine Geschichten nehmen abstruse Wendungen und
verlieren sich gerne im alltäglichen Warten und Dasitzen. Anstatt ihnen ein
falsches Ende zuzufügen, verlegt sich der Autor lieber darauf, wirkliche Beiläufigkeiten
auszumalen. Dabei erweist er sich gerne als Wohltäter, auch wenn er nicht zu
verhindern vermag, dass vom altersgeplagten Körper seiner Figuren ein feiner
Moderduft der Vergeblichkeit ausströmt.
«Fortsetzung
folgt» - nie
Das
Leben zerrinnt und Zschokke hält es mit distanzierter, aber stets gelassener
Freundlichkeit fest. Nie verrät er seine literarischen Freunde, höchstens
deren Streben nach einer richtigen schönen Lebensgeschichte. Solche gibt es
nicht, und wenn, dann zersprengt sie der Erzähler mit Unschuldsmiene ins Leere.
Der Erzähler Zschokke ist ein hinterlistiger Verfremdungskünstler.
Die Geschichte «Das Cello» bricht er, wo es spannend wird, lakonisch mit «Fortsetzung
folgt» ab (was natürlich nie geschieht). Und den Lebensplan von Balz
akzeptiert er nur vordergründig. Mit 22 will der seine Existenz auf dreissig
Jahre hinaus exakt planen, Frau und Kinder inklusive. Der Autor treibt ihm erst
nach Ablauf dieser Frist jegliche Illusionen aus. So boshaft handelt er indes
nur selten. Meist ist der Erzähler, der auch seinen gusseisernen Ofen zu den
Freunden zählt, allen ein guter Freund. Er reibt ihnen Balsam auf die Wunde der
Sinnlosigkeit und lehrt sie den Trost der heiteren Melancholie. «Aber wenn
alles Sinn hat, wie fad.»
Matthias
Zschokke gibt sich in seinen Geschichten als echter Flaneur in falscher Zeit zu
erkennen, ein «wahrer Desillusionist», der sich an die Sprache hält. Robert
Walser ist einer, den er gerne mag, weil Walser nie versucht, seinem Leser zu
gefallen, «sondern einzig und allein darum ringt, vor sich selbst zu bestehen,
sich selbst zu genügen».
Dies
fordert Zschokke auch vom Dichter, vom Künstler. Dass sie in «sogenannt
historischen Momenten» gerne angerufen werden, empfindet er als üble Mode. Sie
erlaubt zwar einen wohlfeilen Verdienst - meist mehr als mit Literatur zu
bekommen sei - doch bleibe es meist bei gefallsüchtiger Plapperei. Dem hält er
lieber ein launiges Aperçu über die «Lederträne» entgegen oder die
Striemen, die zum Beispiel der Fahrradreifen beim Wendemanöver an der Wand im
Hausgang hinterlässt. Solch unbescholtene Hinterlassenschaft scheint ihm eher
von Dauer als selbst die Totalsanierung Berlins zu einer Hauptstadt, die doch
stets nur ewige Vorstadt bleibe.
Schwebendes Verfahren
Die
Kolumnen und kurzen Essays teilen die ironische Launenhaftigkeit der schrulligen
Erzählungen. Sie plädieren mit leiser Vehemenz für das Unscheinbare, die
Miniatur am Rande. «Kunst ist das andere» lautet ihr Leitsatz. Besorgt fragt
Zschokke, «ob Alltag nicht geschützt werden muss vor dem Zugriff der
gleichmachenden Kultur-Inflation».
Der
Dichter als neutraler Aussenseiter. Dies mag zuweilen etwas gar eskapistisch
klingen, doch steckt gerade darin auch eine leise Provokation, ein Moment des
Widerständigen. Zschokkes Prosa ist ein schwebendes Verfahren. Sie verrät eine
sorgsam gesetzte Schreibweise, die bewusst mit dem naiven Blick des reinen Toren
spielt. Seine Helden üben sich in Illusionslosigkeit und im Gespür für den
seltenen Glücksmoment. Klischees sind darin Spielfiguren.
«Das
Glück ist nicht leicht in Worte zu fassen, doch ich habe den Eindruck, es sei
mir hiermit gelungen», steht am Ende. Dagegen ist hier nichts einzuwenden.
"Bieler
Tagblatt", 12.2.2oo2
Wie
ein Rudel losgelassene junge Hunde
Matthias
Zschokke kann von den letzten Dingen mit träumerischer Leichtigkeit erzählen.
Das zeigt ein neuer Geschichtenband des in Berlin lebenden Schweizers.
Von
Benedikt Scherer
Die
Freiheit seiner Feder hat etwas Grossartiges und etwas Hinreissendes. Wie weit
entfernt ist das vom Murks, mit dem andere Schriftsteller ihren Plot
zusammenzimmern! Wer Zschokke liest, begegnet jungen Hunden, die eben von der
Leine gelassen worden sind und nun frei herumtollen dürfen. Wenige Autoren
wagen es, ihre Texte so ungeniert, so unbekümmert um Kohärenz und logische
Stimmigkeit laufen zu lassen. Mit unbändiger Lust an der eigenen Spontaneität
spinnen sich diese Sätze fort; mit souveräner Gebärde verweigern sie sich Erzählzielen
und Pointen jeder Art. Und doch wird der Anspruch, eine aussersprachliche
Wirklichkeit abzubilden, nie aufgegeben.
«So schnell geht das» Das Buch beugt geschickterweise von Anfang an einem
Missverständnis vor, dem sich alle Schriftsteller ausgesetzt sehen, deren
bevorzugte Stillage das Spöttisch-Leichte ist: dem Missverständnis nämlich,
der Leserschaft bloss eine frivole und unverbindliche Plauderei vorsetzen zu
wollen. Gleich die zwei ersten Geschichten rücken ein Thema ins Zentrum, das an
Ernsthaftigkeit nicht zu überbieten ist.
Es
geht darin um die gewiss nicht unbedenkliche Tatsache, dass wir alle diesen
schrecklich-schönen Planeten irgendwann und mit unbekanntem Ziel wieder zu
verlassen haben, die Jüngeren unter uns erst in sagen wir mal fünfzig Jahren,
und alle anderen schon ein bisschen früher. «So schnell geht das», lautet der
lakonische Satz, mit dem der Erzähler der Auftaktgeschichte den Umstand
kommentiert, dass ein Mann eines Morgens tot im Bett gefunden wird.
Die
ersten Seiten demonstrieren, dass es gerade das Luftige und Flockige ist, das
diesem Schreiben erlaubt, sich den grossen Fragen zu nähern, ohne in
existenzialistisches Pathos zu versinken. Es wäre allerdings falsch,
anzunehmen, dass Zschokke sich auf das Eschatologische, auf die letzten Dinge
spezialisiert hätte. Seine Erzähler zeichnen sich dadurch aus, dass sie
schlechthin alles ihrer Aufmerksamkeit für würdig erachten.
Die
Geschichten suggerieren, dass es genauso wichtig sein kann, über einen Grasbüschel
im Asphalt von Neapel zu meditieren wie über ein weltpolitisches Ereignis oder
ein bedeutendes philosophisches Problem. In dieser erstaunlichen Welt soll
nichts übersehen und nichts verdrängt werden - das ist das heimliche Credo in
einem Buch, das es selbstverständlich weit von sich weisen würde, ein Credo zu
haben.
Walsers
Geist
Wie
man achtsam durch die Welt geht; wie man seine Liebe ausschliesslich jenen
Dingen zuwendet, denen man sie zuwenden will; wie man dort, und nur dort in die
soziale Wirklichkeit eintritt, wo sie einen interessiert; und wie man dabei völlig
unbeeindruckt von gesellschaftlichen Konventionen bleibt - keine anderen Figuren
der Weltliteratur haben das so überzeugend vorgelebt wie die weisen Komödianten
und kauzigen Flaneure Robert Walsers. In der Tat geistert Walser von der ersten
bis zur letzten Seite durch dieses Buch. Manche Erzählungen stehen ganz
unverkennbar unter seinem Einfluss, manche gehen gar das Wagnis ein, seinen Ton
zu imitieren. Deutlich etwa hört man den «Spaziergang» heraus, einmal auch
den «Jakob von Gunten».
Dass sich Zschokke in einem kleinen Essay ausdrücklich mit Walser beschäftigt,
verwundert also nicht. Dass der Aufsatz nicht sonderlich tief greift und auch
nicht sonderlich originell ausfällt, erstaunt da schon mehr. Jedenfalls nimmt
man ihn mit eher mildem Interesse zur Kenntnis. Überhaupt muss man sagen, dass
sich nicht alle der neunundzwanzig Geschichten, von denen knapp die Hälfte im
Erstdruck erscheint, auf gleichem Niveau bewegen. Sollte etwa ein Leser zeitlich
nicht in der Lage sein, jenes Prosastück zu konsumieren, welches das Klischee
vom weltfremden und spiessigen Universitätsprofessor um eine weitere überflüssige
Variante bereichert, so muss er nicht befürchten, deswegen etwas Entscheidendes
in seinem Leben zu verpassen.
Vom Blitz erschlagen Dass der 47-jährige, in Berlin lebende Matthias Zschokke,
der bei uns zuletzt mit dem Roman «Das lose Glück» (2000) auf sich aufmerksam
gemacht hat, über einen grandios versponnenen Humor verfügt, belegt die
Titelerzählung «Ein fröhlicher Nachbar». In ihr wird nachdrücklich davor
gewarnt, sich bei einem Nachbarn vorzustellen, der frisch eingezogen ist. Auch
eine Story wie «Die unergründbare Elektrik» wird kaum Gefahr laufen, für
konventionell gehalten zu werden. Ein frecher, unheimlich souverän operierender
Erzähler treibt darin ein munteres Spiel mit dem Leser. Er berichtet von einem
mysteriösen «Freiburger», der gegen grossen inneren Widerstand in die
Gesellschaft hineinwächst und dann vom Blitz erschlagen wird. Die krude
Sozialisationsgeschichte zieht manches Merkwürdige, Geheimnisvolle und Sperrige
an, bevor sie in ein dreistes Finale mündet. «Eine Feder redet lieber etwas
Unstatthaftes, als dass sie auch nur einen Moment lang ausruht», heisst es im
«Räuber»-Roman von Robert Walser. Das ist der Satz, der als Motto über
dieser Geschichte wie über dem ganzen Erzählband stehen könnte.
"Tagesanzeiger",
Zürich, 15.2.2oo2
Impfstoff gegen die Banalität
Von
Christian Bertram
[...]
«Ein neuer Nachbar». Unmerklich wird der Leser von der Stimme eines
ungenannten Erzähler-Ichs an die Hand genommen und durch ein nach rhythmischen
und melodischen Gesichtspunkten zusammengestelltes Mosaik von Prosastücken geführt.
Lebenszeugnisse und Selbstparodien des Schreibenden sind eingewoben in eine
Folge von Alltagsbeobachtungen. Manchmal wirkt das wie ein literarisches
Tagebuch, zumeist handelt es sich um ein fortlaufendes Selbstgespräch, an dem
der Leser vergnüglich teilhaben kann.
Der
Autor versteht es, das scheinbar Bedeutungslose in Worte zu binden
Wiederum
ist Zschokkes Thema das Aushalten des Alltäglichen, der Wahrheit der grausigen,
weil inhaltsleeren Wirklichkeit. Aus ihr steigen verzerrte Blasen, Fantasien und
Fantasmagorien auf, aber ebenso ernüchternde Betrachtungen über das Älterwerden,
den Tod. «Ich gehe gern umher, zwischen Häusern, über Land, an Küsten
entlang», so lautet das Motto. Doch schon auf der nächsten Seite stirbt einer
und verschwindet spurlos, als wäre er nie gewesen: «So schnell geht das.»
Werdegänge, Laufbahnen, Durchschnittskarrieren werden entrollt. Die verkorkste
Lebens- und Familienplanung eines Beamten entfaltet sich. Skurrile Figuren
erscheinen: ein Schauspieler, ein Sänger, der Dichter selbst. Er sitzt in einem
«Büro» genannten Raum jahraus, jahrein an einem Tisch, beheizt ein Öfchen,
trinkt «Schwarutee». Wir schauen ihm über die Schulter, wie er an eine
Freundin, an seinen Verleger, an die Genfer Briefe schreibt und verwirft, stets
angespannt. Mittags wird pausiert, man geht erfolglos Geräuschen, Tönen,
Erscheinung nach im Quartier. Der kleine Mensch kehrt ewig wieder. Zum Beispiel
der neue Nachbar, der zwischen Tür und Angel haltlos seinen Aufstieg vom
Klempnersohn zum Unfallchirurgen, Knochensäger und Herrscher absterbender und
zerstörter Gewebe schildert. Rührend-klägliche, erbärmliche Erkenntnisse
werden da gezogen, Metaphern schriftstellerischen Geschicks leuchten auf.
Das Feld, auf dem dies sich austrägt, ist die Stadt Berlin, die Zschokke voll
gegenstandslosem Begehren durchstreift. Seitenblicke werden ins Schweizer
Seelenleben geworfen, das, so steht da, sein Glück hinter einer servilen
Neigung zum Unglück verbirgt.
Zschokke,
im Kampf gegen verkehrte Sätze, Plappermäuler, die Gefallsucht und den Lärm
der Zeit, rät an entscheidender Stelle zur Kontemplation: «Schliesse das
Fenster beizeiten, lass Ruhe einkehren, leg dich hin.» Zu den Stärken des
Autors gehört es, das scheinbar Bedeutunglose und Vergängliche, wozu wir das
Alltägliche einrechnen, in Worte und Sätze zu binden, gleichsam als Impfstoff,
Tablette, Finte gegen die Unerträglichkeit und Unzulänglichkeit des Realen.
Die letzte Zeile des Buches klingt denn auch fast wie ein Sieg: «Das Glück ist
nicht leicht in Worte zu fassen, doch habe ich den Eindruck, es sei mir hiermit
gelungen.»
"SonntagsZeitung",
Zürich, 17.2.2oo2
Geschichten
ohne Kunstdünger
Der
Berner Autor Matthias Zschokke erzählt, polemisiert, reflektiert und sinniert:
«Ein neuer Nachbar». Alte und neue Texte über Leben und Schreiben, Versanden
und Auftauchen, über Hören und Sehen.
Von
Susanne Schanda
Provozierend
langsam und ereignisarm, durchsetzt mit Sarkasmus, Verrücktheiten und
Melancholie: so erzählt Matthias Zschokke in «Ein neuer Nachbar». Und so
stellt er Leben, Schreiben und Sterben dar. «Heute kann sich keiner mehr daran
erinnern, wie das Sterben vor sich geht. Alle haben längst erledigt, was sie im
Leben erledigen wollten, und sitzen nur noch da. (...) Alle Augenblicke schauen
sie zur Tür, ob der Tod gerade eintrete; doch das tut er nicht.»
Dieses Leben vor dem Tod, das Noch-nicht-tot-Sein leuchtet Zschokke aus wie in
einer Vivisektion. Balz plant sein Leben minutiös durch und versucht das Glück
in einem schriftlichen Masterplan des Lebens zu bannen: «Das Glück, mit dem
ich rechne, ruht fest verankert in mir.» Doch dann wächst das Leben über den
Plan hinaus. Und schon ist Balz verloren.
Nach
Gold graben
In
der Titelgeschichte «Ein neuer Nachbar» will der Erzähler dem neu
eingezogenen Mieter nur eben zum Willkommen eine Flasche Wein bringen, und schon
wird er hineingezogen in eine weitverzweigte Lebensgeschichte voller Intimitäten.
Im Treppenhaus stehend, wo immer wieder das Licht ausgeht, erzählt der neue
Nachbar unvermittelt und ungefragt sein Leben, als hätte er schon lange auf
diese Gelegenheit gewartet. Wehrlos und schicksalsergeben nimmt ihm der andere
die Beichte ab. Hätte er doch nur seine Neugier bezähmt und den Wein selbst
getrunken. Und doch. Zschokke unterläuft raffiniert Lesererwartungen und selbst
aufgestellte Hypothesen.
Der 1954 in Bern geborene und seit 1980 in Berlin lebende Autor verweigert sich
dem schnelllebigen, lärmigen Literaturmarkt, gegen den er gerne polemisiert -
auch in diesem Band. «Kriegskolumne», höhnt er: «eine dieser Kolumnen zu
einem dieser schwelenden Konflikte in einer dieser Regionen eben.»
Nicht
die öffentlich verhandelte Tagespolitik, nicht das Rampenlicht sei der Ort für
Schreibende, die Zschokke mit Heinzelmännchen vergleicht, denen man nicht bei
der Arbeit zuschauen darf, oder mit Goldwäschern, die mühselig im Dreck
graben, in der Hoffnung, dabei etwas zu finden, - etwa eine «Lederträne, die
die ganze Welt mit ihrem einzigartigen Glanz für kurze Zeit in ein besseres
Licht zu rücken vermag».
Neben
neuen Texten versammelt der Prosaband «Ein neuer Nachbar» auch Essays,
Polemiken und Erzählungen der letzten Jahre. So das poetische Bekenntnis «Warum
ich Robert Walser mag» oder die 1994 in der Berner Zeitung veröffentlichte
Geschichte «Sommer» über eine von Abscheu, Sadismus und Unterwürfigkeit geprägte
Bubenfreundschaft.
Der
sehende Blinde
«Roman
und Ramona, der unsichtbare Film» enthält Zschokkes Lebensphilosophie, die
zugleich seine Schreibphilosophie oder Poetik ist. In dieser Erzählung zieht
sich das Leben auf die schiere Existenz zurück, ist Warten und
Sich-Treiben-Lassen: «Er hatte sich angewöhnt, halbversandet auf Grund zu
liegen und nur noch selten, zum Luftschnappen, aufzutauchen.»
Schliesslich taub und halb blind geworden, traut Roman sich nicht, die Geliebte
Ramona anzuschauen, aus Angst, sie mit seinem Blick zu verscheuchen. Deshalb ist
dieser Film ein unsichtbarer: Weil die Figuren aus dem Fokus der Kamera
weggelaufen sind, um leben zu können. Denn: «Im Leben muss, was einem wert und
wichtig ist, weggepackt, verborgen, ausgespart werden, erst dann erglüht und
lockt es in voller Pracht, und alle verzehren sich danach.» Eine gewagte und
geradezu altmodisch anmutende Ansicht im Zeitalter des Exhibitionismus und des
«Big-Brother»-Fernsehens.
Befreiend
unzeitgemäss
Wie
in seinem letzten Roman «Das lose Glück» kokettiert Matthias Zschokke auch
hier selbstbewusst mit dem Unspektakulären, mit dem leisen Fliessen der Zeit
und einer Heinzelmännchen-Philosophie, nach der die wunderbarsten Dinge still
und heimlich geschehen. Das ist befreiend unzeitgemäss und beschert uns
phantastische Geschichten, die wie Blumen aus dem Asphalt wachsen.Zschokkes
Texte brauchen keinen Kunstdünger, denn sie leben von ihrem eigenen Rhythmus
aus Musse, Zufall, Glück und Arbeit: «Kunst ist es, das andere zu suchen, sich
zu entziehen, das Machbare nicht zu machen, die übriggebliebenen Unmöglichkeiten
herauszuschälen und anzugehen in dem allgemeinen Gejohle und Besäufnis, beim
ausgebrochenen Kunst-zum-Anfassen-Trubel.»
"Berner
Zeitung", 19.2.2oo2
Von
Glück, Zeit und Vergänglichkeit
FEINSINNIG · Wieder diese Stille in Matthias Zschokkes Erzählband «Ein neuer
Nachbar»
Von
Hannes Schmid
Vom
Glücklichsein erzählt Matthias Zschokke, nicht nur, aber dies auch. Und wieder
finden wir im neuen Buch diese eigenartige Stimmung, wieder lässt uns der Autor
an fremden Türen horchen. Der alte, der bewährte Zschokke-Stil, wie wir ihn
von seinen Theaterstücken oder früheren Prosawerken kennen. Nach dem Roman «Das
lose Glück» jetzt im neuen Erzählband also wieder dieses Gefühl einer mönchischen
Vertrautheit zu Zeit und Vergänglichkeit. So zeigt der Autor seine
kindlich-verspielte Freude, wenn im Frühling die neuen Bücher «zur Welt
kommen», zeigt das keineswegs unangenehme Staunen über die Leere auf den
Papieren.
Dasitzen,
warten auf das, was geschieht oder nicht geschieht; feststellen, dass die glücklichen
Tage kommen und gehen und ein Ich-Erzähler die wunderbare Langeweile eines
Sommerabends geniesst. «Das Glück», so sagt er es seinem Freund, dem
gusseisernen Ofen, «ist nicht leicht in Worte zu fassen, doch habe ich den
Eindruck, es sei hiermit geschehen.» Dem ist nichts entgegenzuhalten, es sei
denn, wir würden das Traurige oder Sarkastische nicht heraushören, das sich in
Zschokkes Texten auch findet.
Das
Hervorragende: Es geschieht wenig oder nichts, und dieses Nichts führt zu einer
beglückenden Erfahrung der Sinne. 29 kurze Geschichten sind es diesmal.
Episoden, tagebuchartige Aufzeichnungen erschliessen eine enge Welt, wie wir sie
aus dem Blickwinkel eines sauberen Mansardezimmers festzuhalten vermögen.
Einzelne dieser gesammelten Aufsätze sind bereits in verschiedenen Feuilletons
erschienen. Das nachdenkenswert Besinnliche ist ebenso präsent wie das
Humoristische. Blättern wir doch gleich zu jener Geschichte, die man nur dann
ungeniert im Zugsabteil lesen kann, wenn es uns gleichgültig ist, dass sich
Mitreisende über unser lautes Lachen mokieren. Denn das lässt sich in der
lustig-tragischen Erzählung vom «Professor» keineswegs vermeiden. Dieser Kauz
mit dem Gebiss einer «albanischen Schindmähre», der es nicht lassen kann,
sich über andere lustig zu machen, der befürchtet, seine Frau würde «zusammenkrachen»,
weil sie weiter nichts im Leben erreicht hat als seine Frau zu sein. Dieser
Professor ist das bildhafte Objekt einer dichterischen Begierde, wie Zschokke
sie glänzend auf uns Lesende überträgt.
Die
Geschichten dieses Autors enden kaum je mit glücklichem oder tragischem
Ausgang, sie enden überhaupt nicht. «Fortsetzung folgt» heisst es einmal zum
Abschluss eines Aufsatzes. Man ist keineswegs erstaunt darüber. Vieles bleibt
Fragment. Schwarzweissbilder sind vorgegeben, das Kolorit haben wir mit unseren
eigenen Erfahrungen hinzuzufügen. Kaum Anarchie, kaum Chaos - alles bewegt sich
wie ein verlorenes Blatt auf den seichten Wellen eines Sees. Das Verführerische
daran: Wir möchten mitschaukeln auf den Wellen, den ruhigen, den gleichmässigen.
Kaum je kommt Sturm auf. Wir möchten uns tragen lassen dorthin, wo es möglich
ist, die eigenen Traumre-alitäten zu erkunden. Es sind Geschichten, die sich an
den Ordentlichkeiten des Lebens orientieren, Geschichten, als hätte sie Robert
Walser diktiert. Jeder baut sich sein Nestchen, polstert es aus, «...und wer in
seinem Leben nicht Professor oder sonst etwas Vernünftiges wird, aus dessen
Tiefen weht einem an Werktagen der eiskalte Hauch der Sinnlosigkeit entgegen».
Gewiss,
Robert
Walser, ihm gilt die grosse Verehrung des Autors Zschokke.
Auch hier wiederum mit einer sehr schönen Erzählung. 1981 hat Matthias
Zschokke den Robert-Walser-Preis der Stadt Biel entgegennehmen dürfen. Auch in
diesen neuen Erzählungen ist eine grosse Nähe zu Walser spürbar. Diese immergültigen
Walserschen Worte wie «rechtschaffen», «gottgefällig», «Müssiggang», «Wohlergehen»,
«Fleiss», «Bescheidenheit» - man findet sie auch bei Zschokke, ganz präzise
in der Erzählung «Dienerwerbung», die an Walsers Roman «Geschwister Tanner»
erinnern. Die Stimmung ist dieselbe. Beschrieben wird nicht diese Zeit, die
Aktivitäten und Höchstleistungen fordert, nichts, was zum kalten Büffet der
Prominenz lockt, nichts, das zu Börsenlust oder Olympia-Gold drängen würde.
Es ist der Erzählstil, ist die schlichte, die brillante Sprache, die den Autor
nahe an Walser heranführt. Kein Plagiator, nein, gewiss nicht, aber einer, der
mit Anmut in der Beiz, auf der Parkbank, im Treppenhaus, auf dem Arbeitsweg oder
in der 2-Zimmer-Wohnung die Dinge verfolgt, die das Leben als geistige Nahrung
anbietet.
Dieses
Staunen also über eine Welt voller Kontraste finden wir in diesen
Zschokke-Geschichten, die alles scheinbar Unwichtige für uns Leser zum Ereignis
machen. Da läuft schlicht ein Film ab. Er führt uns mal zum klavierspielenden
Nachbarn, dann in die Stadt Berlin, wo Kinder nach dem Fall der Mauer ihren
Spielplatz vermissen, mal zum weinenden Sänger, dann wiederum zum Meer, das
einer Frau nach dem Tod ihres Mannes das Schweigen zurückgibt.
Wer
das Bedächtige, das Stille mag, wer es auch in der Literatur sucht, der findet
es in diesen Erzählungen von Matthias Zschokke in unaufdringlicher Schlichtheit
und Schönheit.
"Aargauer
Zeitung", Aarau, 2o.2.2oo2
[...]
Ich brauche im neuen Buch von Matthias Zschokke nur ein wenig zu blättern, und
schon kommt mir vor, als hätte er auf mich gewartet, der "Schwierige"
Hofmannsthalsleibhaftig entgegen. Für diesen nämlich, eine immerhin berühmte
Theaterfigur, sei es –schreibt Zschokke- immer noch unmöglich, "in
dieser Viermillionenstadt irgendwo eine Bühne zu betreten, ohne sie nicht auch
sofort wieder fluchtartig verlassen zu müssen, weil das Publikum ihn in
missverstandenem Modernitäts- und Jetztzeitigkeitsgehabe vom ersten Wort an
niedermacht und zerkichert".
Seitenlang erhält da eine Figur, die auf dem Theater nicht mehr genehm ist,
ihren Auftritt in einem Prosatext. Und eigentlich wäre schon diese zufällig
aufgeblätterte Stelle Grund genug, das Buch Zschokkes zu meinem persönlichen
"Buch des Monats" –was sage ich: des Jahres!- zu machen!
"Ein neuer Nachbar" –so der Titel- ist eine Sammlung von kurzen, im
Umfang zwischen zwei und achtzehn Seiten variierenden Texten (Geschichten,
Essayistisches, spielerisch ernste Kolumnen), von denen viele mit Berlin zu tun
haben, wo Zschokke seit langem lebt. Dennoch wird er wohl nie den grossen
zukunftsweisenden Berlin-Roman verfassen, auf den die Medien (und vermutlich
ausser ihnen niemand!) zu warten vorgeben. Um einen solchen zu schreiben, darf
man nicht Robert Walser (ihm gilt ein besonders schöner Text) und William
Carlos Williams als literarische Schutzgötter nennen, und
nicht eine verlorene Komödiengestalt wie den "Schwierigen" lieben.
Dass
dieser hier überhaupt auftritt, lässt sich leicht erklären. Denn wenn einer,
gehört Zschokke zu den Autoren, die, dem Satz Hofmannsthals entsprechend,
"die Tiefe an der Oberfläche verstecken". Das Komische und der Ernst,
das Burleske und die Schwermut sind in seinen Büchern und gerade in den neuen
Prosatexten so fein vermengt, dass es die wachste Aufmerksamkeit braucht, sie zu
unterscheiden. Das Wort Tiefe gehört freilich nicht zum Vokabular dieses
Autors, dennoch ist es brauchbar. Die "Tiefe" wird, beispielsweise,
angedeutet durch einen Celloton, dem einer seitenlang nachrennt, bis er
begreift, dass er den Spieler gar nicht finden will, um nicht enttäuscht zu
werden. In der Tiefe, die sich mit der Oberfläche vermischt, ist aber auch das
Gefühl der Leere enthalten, das, so gut wie die Sehnsucht, durch das Buch geht;
und auch der Gedanke an den Tod, einschliesslich des Todes im Leben; die
Schwermut, das schale Gefühl des Älterwerdens.
Es
gibt, und in nicht geringer Zahl, wahre Trouvailles in diesem Buch. Im Prosastück
"Der Reichstag"
–entstanden im Jahr 1991, also lange bevor das Gebäude ("dieser Hans
Albers der Architektur") wieder Staatssymbol wurde-
beschreibt Zschokke das Gelände neben dem Reichstag: ein Stück Brachland, das
nur von "überflüssigen Vögeln" benützt wird- und sommers von
Menschen, die von "Kansas, Kurdistan, Kalabrien, Kloten" kamen, um
hier "in Todesverachtung Würste zu braten, Fussbälle zu treten, Federbälle
zu schlagen oder anderswie die Zeit zu verjagen und Sommerfrische zu
erlangen". Lauter verlorene Gestalten, die den Zeitgeist, der gerade wieder
"hühnchenhaft aufgeregt über dem Gelände flattert", nicht hören
und von ihm nicht wahrgenommen werden. Ihnen, diesen Verlorenen, gehört die
Sympathie des Autors; er zeichnet auf, was im grossen Berlin-Roman untergehen müsste:
das Überflüssige, das Belanglose, das vielleicht das Wichtigste ist. So
entsteht eine höchst eigenartige Poesie, die man als eine Poesie des
Unaufwendigen, Beiläufigen, ja Schäbigen bezeichen möchte.
Ein
Meistertext ist die Erzählung "Hinterlassenschaften"- auch wenn darin
nichts beschrieben wird als die Velofahrt, die den Icherzähler sommers zu
seinem Arbeitsplatz führt. Was bei anderen, auch bei Autoren, die nicht dem
Spektakulären nachrennen, Begegnungen mit Menschen wären, mit Blumen, Gärten,
Gebäuden, das führt bei Zschokke konsequent dem Boden entlang, auf dem das Rad
rollt, buchstäblich über die Steine. Eine Kerbe im Randstein, ein Stein, der
im Winter entfernt, eine Lücke, die ausgeglichen wurde, dazu die Erleichterung
oder Störung, die der Fahrer bei solchen winzigen Veränderungen erlebt, das
sind die "grossen" Ereignisse in diesem Text. Die Fahrt endet dort, wo
der Icherzähler täglich sein Rad abstellt und wo ihm plötzlich graue Streifen
auffallen: die Spuren, die sein Gefährt durch all die Jahre an der Mauer
hinterliess. Sie sind seine "Hinterlassenschaft", sind das, was eine
Zeitlang bleibt.
Es
gibt aber noch eine andere "Hinterlassenschaft" in diesem Text, eine,
die schwerer wiegt als die grauen Streifen. Jeden Tag fährt der Icherzähler an
ein paar Baucontainern vorbei, die am Rand der Strasse stehen und in denen
Hunderte von Arbeitern aus aller Herren Länder hausen, um "zu
ausgesprochen burschikosen Bedingungen" an unserer Zukunft zu bauen. Deren
Enkel aber werden in fünfzig Jahren von unseren Enkeln eine "entsprechende
Lohnnachzahlung fordern". Da nimmt der Autor, sotto voce und beiläufig,
unseren Diskurs der Vergangenheitsbewältigung auf, aber auf seine Art. Er denkt
ihn resolut in die Zukunft hinein- vor deren Horizont die Gegenwart unversehens
zur "Hinterlassenschaft" wird, die wir unseren Nachkommen zur Bewältigung
überlassen. [...]
Elsbeth
Pulver, Tagebuch mit Büchern. "ZeitSchrift für Kultur, Politik, Kirche
(Reformatio)", Bern, 51. Jg.,
März 2oo2
Hors-d'œuvre
de sagesse
Wilfred
Schiltknecht
Trente
proses réunies en recueil s'offrent pour surprendre et séduire le lecteur.
Des
«histoires superflues» selon leur narrateur, qui pourtant espère, en les
contant au lecteur avec une souriante connivence, atteindre «peut-être un jour
à une parcelle de sagesse»:voilà ce que propose le nouveau livre de Matthias
Zschokke. Ce recueil de textes rédigés entre 1988 et 2001 présente une
trentaine de récits, lettres, gloses et pièces de circonstance. Des proses inégales,
inédites pour près de la moitié d'entre elles, qui invitent tels d'alléchants
hors-d'œuvre à goûter aux pièces fines d'un talent dont l'attachante
singularité peut séduire et à tout le moins surprendre.
Frappe
dans cette gerbe la variété des tons. Ici, un insistant persiflage dit l'étroitesse
et la petitesse du mode de vie helvétique, empreint malgré la beauté des
lieux et l'opulence générale d'une contrition et d'une morosité empêchant
toute joie de vivre. Là, une satire grinçante de Berlin se gausse de l'exaspérant
spectacle d'une ville obnubilée, après la chute du Mur, par le rêve d'accéder
enfin au rang de grande capitale, et qui dans une exubérance aveugle ignore son
présent pour se projeter dans un mirobolant avenir. Ou encore, un prétendu
essai disserte sur l'art et les artistes, les amateurs, charlatans, autodidactes
et dilettantes, et sur les chances de tomber parmi eux sur un bon poète. Des
propos que l'auteur ponctue avec une véhémence polémique en exprimant ses
convictions personnelles: «L'art, c'est de rechercher ce qui est autre [...],
de ne pas faire ce qui est faisable, de délimiter les possibilités qui
subsistent et de les mettre en œuvre.»
Une
telle ambition conduit à des proses aventureuses. Rien n'y est prévisible, un
narrateur ludique peut s'immiscer à tout moment pour se désoler d'une
expression malheureuse ou se réjouir d'une image, s'emporter et céder à ses
humeurs, faire dériver le cours. Ou couper court: «Et alors?» Sans lésiner
sur les péripéties, vives, colorées, sauvages et choquantes çà et là dans
leur crudité et leur apparent cynisme, mais rehaussées de jolies touches
d'exotisme et d'évocations intenses, il aime à flâner, à s'attarder à la
forme changeante d'un nuage, à la moiteur d'une atmosphère d'orage, aux
subtiles nuances d'un rapport à autrui. Aux vestiges d'un passé révolu, à
une nostalgie, à une disposition intérieure.
Affleure
pourtant, dans ces voltes enjouées, la conscience de leur dérision. Mais le
pur élan qui, dans une intransigeance walsérienne, porte au-delà «des
horreurs de la banalité», ne faiblit pas. Zschokke soutient le rythme et le
ton. Et perce aussi, dans la surabondance du vécu, un sentiment inespéré de
bonheur. Ephémère et surgi à l'improviste, il s'inscrit dans la plénitude
d'une vie au présent, libre dans son bel étonnement et dégagée de toute
finalité: «Si tout avait un sens, comme ce serait fade.»
"Le
Temps", Genève, 3o.3.2oo2
Himmeltraurig
schöne Winzigkeiten
«Ein
neuer Nachbar»: Ein prächtiger Sammelband mit Erzählungen, Satiren und
Feuilletons von Matthias Zschokke
•
CHARLES CORNU
Es
gibt Leute, die wirken «wie eingeschneit von innen» (sagt Matthias Zschokke),
undwer dieseGattung Mensch betrachtet und zuschaut, mit was für
Lappalien sie sich tagaus, tagein beschäftigt, der gerät unwillkürlich in
eine Stimmung zwischen Spott und Melancholie, Lächeln und Depression. Und
anderseits gibt es Leute, denen gerät sogar der Alltag zum Abenteuer und zu
Ausschweifungen, die staunens- und erzählenswert sind. Wenn dann einer sich
anschickt, über diese und jene zu schreiben, so treiben seine Gedanken und
Vorstellungen bald einmal dahin wie Ballone, einmal frisch mit dem Wind unbekümmerten
Daseins, ein andermal träge dem Boden nah und schwer von Ballast.
So
ein träumerischer und aufmerksamer Schöpfer von Ideen- und Bilderballonen
aller Art und Färbung ist Matthias Zschokke, der 1954 in Bern geborene, seit
langem in Berlin lebende Schriftsteller, Filmemacher und Schauspieler. (Man
erinnert sich: Vor zwei Jahren ist er mit dem Literaturpreis der Stadt Bern
ausgezeichnet worden.)
«Prosastückli»
Gut zwei Dutzend Texte dieses dahinschwebenden Genres, die von Zschokke in den
letzten Jahren geschrieben worden sind, zum Teil noch unveröffentlichte, zum
Teil verstreut in Zeitungen und Zeitschriften erschienene, finden sich jetzt
vereinigt in einem Sammelband mit dem Titel «Ein neuer Nachbar». Texte?
Ein
Verlegenheitswort, zugegeben, das man anwendet, wo der Charakter des
Geschriebenen schwierig zu fassen ist. Handelt es sich bei Zschokke um Erzählungen?
Ja, auch. Beispielsweise, wenn wir einem rätselhaften Cellospieler begegnen («Das
Cello»), diesen näher kennen lernen und dabei in eine aberwitzige Gaunerstory
hineingezogen werden. Sinds Satiren? In einzelnen Teilen und auf diskrete Weise:
sicher. Könnte man sie als «Feuilletons» bezeichnen in jener fast verloren
gegangenen kunstvollen und filigranen Qualität, wie sie von einem Polgar,
einem Auburtin
gepflegt worden ist? Gewiss, jedoch in einem durchaus persönlichen, keineswegs
epigonalen Verständnis. Am nächsten kommt man Zschokkes Kreationen vielleicht
mit Robert Walsers Wort vom «Prosastückli».
Solche
Prosastückchen weisen ja in der Tat ein Vielerlei an Inhalten und Formen auf,
und der Begriff trifft für Zschokkes Schreiben zu, weil dieser Autor uns
gleichfalls ein besonderes Vergnügen bereitet dank sprachlicher Erfindungsgabe
und Spiellust, genauem Beobachtungs-vermögen, auch dank der gewitzten Hingabe
an die «himmeltraurig schönen Winzigkeiten» des Alltags und der ironischen
Sympathie für Menschen, die ein eigenes skurriles oder ein ganz und gar banales
Schicksal erfahren und verplempern.
Verspielte
Schwermut
Apropos
Walser. Mit diesem nicht einzuordnenden, dem Anschein nach anmutigen und
liebenswerten, tatsächlich aber abgründigen Dichter ist Zschokke schon öfter
und schon früh verglichen worden. Einer der jetzt neu veröffentlichten Texte
(um bei diesem Allerweltswort zu bleiben) ist denn auch ausdrücklich Walser
gewidmet. Und ein anderer, die Schweiz und die Schweizer mit ihrem «Phantomkummer»
kritisch beäugender, umkreist eine Dienerbewerbung, was wiederum auf Walser
verweisen dürfte.
Aber
daneben erscheinen in Zschokkes Buch Erzählungen, die mit konkreter,
anschaulicher und verhältnismässig dramatischer Deutlichkeit andere, «unwalsersche»
Themen in Szene setzen. So etwa «Sommer», wo wir es mit einem Beispiel
kindlicher Machterprobung und Grausamkeit zu tun bekommen, oder «Sol», wo das
Kaputtmachen eines jungen Menschen vorgeführt wird.
Verbrauchtes wirkt neu
Die
Mehrzahl der Geschichten aber spürt mit spöttischer Gewissenhaftigkeit und
verspielter Schwermut den Leuten nach, die unser aller Nachbarn sind: jenen Glücklichen,
denen «krachende Harmlosigkeit» und «knusprige Einfalt» eigen sind, und
jenen Geplagten, die sich vom Alltag abwetzen lassen. In jedem Falle wirkt
indessen gerade das Verbrauchte, das schon oft Wiederholte des gewöhnlichen
Existierens im eigenwilligen Clair-obscur des zschokkeschen Humors wieder ganz
neu und erregend und manchmal geradezu beschwingt.
"Der
Bund", Bern, 4.5.2oo2
Dichterleben
«Ein
neuer Nachbar»: Erzählungen von Matthias Zschokke
Matthias
Zschokkes Texte sind durchdrungen von Ereignislosigkeit. Die erste Erzählung in
seinem neuen Band handelt von einem Mann und einer Frau, die gemeinsam Ferien
machen. Dann stirbt der Mann: «Gestern noch sass er auf der Hotelterrasse,
schaute der Sonne zu, wie sie im Meer versank, versuchte, etwas dabei zu
empfinden, Poetisches, Melodiöses, doch er sah nur die Kugel wegtauchen und war
gleichmütig.» Am folgenden Morgen «war er kalt». Zschokke lakonisch: «So
schnell geht das.» Er ist ein Epikureer der konsequenten Art: Der Tod geht uns
nichts an, weil auch das Leben uns nichts angeht. «Am Meer» heisst die Erzählung,
was bedeutet: irgendwo, irgendwann, irgendwer. Man wartet auf den Abend, man
isst einen Fisch, man sieht eine Sternschnuppe und überlegt sich, was man sich
wünschen könnte, man freut sich aufs Einschlafen beim Meeresrauschen. Glückliche
Langeweile oder langweiliges Glück, es ist nicht zu entscheiden. Man braucht
sich - da braucht man nach der Liebe nicht zu fragen. Die Frau holt zwei Männer,
die Leiche wird weggebracht: «Nicht einmal der helle Fleck blieb zurück, der
auf einer Tapete sichtbar wird, wenn man ein Bild entfernt - es war, als sei er
nie gewesen.» Jetzt aber kommt ihr alles sinnlos vor: die Terrasse, die Sonne,
das Meer. Zschokke lakonisch: «So schnell geht das.» Es ist nichts passiert,
nur eine Waage ist auf die Gegenseite gekippt.
«Am
Meer» ist eine traurige Geschichte, aber das Traurige ist darin nicht traurig,
sondern himmeltraurig, das ist mehr und weniger zugleich. Das Traurige ist ins
Unsentimentale gesteigert. Das beherrscht er wie kein anderer: Erhitzen durch
Abkühlen. Matthias Zschokkes Geschichten sind kalt, aber in ihrem Eis glühen
die Gefühle. Seine Lieblingsfiguren sehen aus, als hätten sie in Milch
gebadet, blass und hinfällig. Im Herzen aber sind sie Goldwäscher und Bärenjäger.
Doch wehe ihnen, wenn sie Gold finden und einen Bären töten. Sie wären dem
nicht gewachsen. Ihr Glück ist ihre Erfolglosigkeit.
Eine
irritierende Nähe von Armut und Reichtum, Unglück und Glück taucht Matthias
Zschokkes Texte in ein unheimliches Licht: Sind es Märchen, sind es Utopien?
Lehren sie einen das Gruseln oder das hoffnungsvolle Träumen? Es ist so oder
so, nur fassbar ist es nicht. Zschokke mag keine gefälligen Eindeutigkeiten.
Darin fühlt er sich Robert Walser nahe. Walser sei eine «Missverständnisfalle»,
sagt er in einem Aufsatz über ihn und meint dies durchaus als Liebeserklärung.
Der Band «Ein neuer Nachbar» versammelt Texte aus den letzten fünfzehn
Jahren, gut die Hälfte davon waren bisher unveröffentlicht. Gerade in ihrer
Vielfalt lässt sich beobachten, wie Matthias Zschokke literarische Produktion
und Reflexion zur Deckung bringt. Jeder Ansatz zu einem Metatext wird ihm von
selbst zum Text. Zum Beispiel die «Hinterlassenschaften»: Täglich fährt der
Dichter mit dem Rad in die aufgelassene Fabrikhalle, die ihm als Arbeitsraum
dient. Niemand grüsst ihn auf dem Weg - er ist derjenige, der wahrnimmt und
begrüsst: eine Schwelle, die man mit etwas Beton über Nacht passierbar gemacht
hat; einen Randstein, der zum Leidwesen des Radfahrers wieder eingesetzt wurde.
An der Wand, wo er sein Rad abstellt, bemerkt er die feinen Spuren, die der
Reifen über die Jahre hinterlassen hat. Wie den Häftling die Kreuze an der
Zellenwand an die Freiheit, so erinnern sie ihn an den nahenden Tod. Dies sind
die «Hinterlassenschaften» eines Dichters.
Das
Dichterleben ist Matthias Zschokkes Thema. Das sollte man nicht mit seinem Leben
verwechseln. Sich selbst hält er für kaum der Rede wert. Dass er auf dem Land
aufgewachsen ist, vernehmen wir in der Titelgeschichte, aber nur gerade in einem
Satz. Den ganzen langen Rest des Textes bestreitet der neue Nachbar mit seinem
ausufernden Leben. Dazu steht in dem Satz erst noch, dass er wie sein Nachbar «auch»
auf dem Land aufgewachsen sei, was ihm noch mehr Gewicht nimmt. Gerade in der
Marginalisierung seiner Person erweist er sich aber als Dichter, zu dessen
vornehmsten Aufgaben es bei Matthias Zschokke gehört, gegen sich selber, gegen
den Versuch, eine Geschichte für eigene Zwecke zu instrumentalisieren,
anzuschreiben.
So
weben sich Zschokkes Texte, indem sie ihrem Autor entkommen, und quellen da am
muntersten, wo sie sein Ziel verfehlen. Das gibt ihnen etwas zauberhaft Luftiges
und Lustiges. Dahinter aber steckt Berührungsangst, eine fast religiöse Scheu.
Die Kunst täuscht sich, sagt Zschokke, wenn sie meint, die Dinge durch Zeigen
zu erhöhen. In Wirklichkeit profaniert sie sie. Deshalb ist «die Vorstellung
von der Erhabenheit der Kunst eine verkehrte». Zschokkes Texte hingegen wollen
letztlich verbergen, nicht enthüllen; erhöhen, nicht profanieren. Dass dieser
Widerspruch ihn nicht verstummen lässt, sondern beflügelt, ist das Sublime
seiner Kunst.
Samuel
Moser, "Neue Zürcher Zeitung", 7.5.2oo2
«Ich
bin schizophren und das bin ich auch»
Wunder-
und Wundenkammer eines Wahlberliners: «Ein neuer Nachbar» von Matthias Zschokke
Von Hermann Wallmann
Lauter
Gelegenheitsarbeiten, bevölkert. Zum Beispiel von einem Sol. Eine andere Figur
aus einer Novelle, deren Titel dem Verfasser entfallen sei, heisst Theodor
Zertz, eine weitere trägt den «ominösen» Namen Balz, und der neue Nachbar
aus der Titelgeschichte ist ein Prof. Dr. Kay Ser. Es gibt den herzwehen «Brief
eines Katzenfreundes», den apostolischen «Brief an die Genfer» - und eine
Dienerbewerbung. Ansonsten «selbstlebensbeschreibende» Texte, die dem Motto
entsprechen: «Ich gehe umher, zwischen Häusern, über Land, an Küsten
entlang.» Matthias Zschokke, 1954 in Bern geboren, lebt seit 1980 in einer
Stadt, deren Name nichts anderes ist als das Deminutiv seiner Heimatstadt:
Berlin. Und tatsächlich kann man «Ein neuer Nachbar» auch lesen als die
Wunderkammer oder Wundenkammer oder Verwunderungskammer eines halb hingezogenen,
halb hingesunkenen Stadtschreibers.
Als
Wahlberliner hat Zschokke auf die Frage antworten können. «Warum ich Robert
Walser mag.» In der Schweiz schätze man «seine bis zur Selbstverleugnung
durchgehaltene Demutsmimikry», und in Deutschland schmunzele man ihn
wohlwollend beiseite, «weil man sich von der Putzigkeitsmaske, hinter der er
sich versteckt, ablenken lässt». Matthias Zschokke liefert kaleidoskopartige
Splitter zu einer Wunsch-Autobiografie, wenn er Walser - Aussensicht - mit einer
Katze vergleicht, «die sich - wenn sie sich angestarrt fühlt - aus
Verlegenheit zum hundertsten Mal hintereinander putzt». Oder - Innensicht - mit
einem Kind, «das die Augen schliesst und glaubt, dann werde es nicht mehr
gesehen». Die «Missverständnisfalle», als die er Walser versteht, wird
vielleicht in dem anrührenden Talmiglanz eines Zweizeilers aufgehoben, den der
Ich-Erzähler der «Ewigen Vorstadt» in einem verunglückten Film entdeckt
haben will: «Rosen sind rot und Veilchen sind blau (blue) / ich bin schizophren
und das bin ich auch (too).»
Ebenfalls
ein Riss zeigt sich zwischen Zschokkes romantischer Inbrunst und seiner romantischen
Ironie. Mal ist er Eichendorff
(und auch als Taugenichts wieder «geteilt»), besonders opak vielleicht in dem
Text «Diese Momente». Es sind «zwei» Momente, beide im Sommer: tiefster
Frieden, «wenn die Sonne auf den Tisch scheint und ich lausche, ob draussen
vielleicht eine Tür geht», schwerste Bangnis, «wenn der Wind aufhört zu
wehen (...), wenn sich die Sonne verhüllt - nicht in Wirklichkeit, da scheint
sie hell und freundlich wie zuvor, doch um mich ist alles fahl, grau, finster.»
Aber dann ist er wieder überdeutlich «beieinander», ein Heine,
der seine «Kriegskolumne» liefert, diese mit den Zeilen von der alten und
immer neuen Geschichte einleitet und das Zitat obendrein mit den Jahreszahlen
1991 und 2001 entprivatisiert.
Die
Lederträne
Dabei
hatte der Band begonnen mit einer Prosa-Miniatur «Am Meer», die den Geist des
heraufbeschworenen Heine-Gedichts viel besser «verstanden» und sogar noch
radikalisiert hat: «Er überlegte, was er sich denn wünschen könnte,
betrachtete das Gefunkel, sah keine weitere Sternschnuppe fallen; sie
schlenderten am Ufer entlang zurück, legten sich ins Bett, hörten dem Meer zu
und freuten sich aufs Einschlafen. Am folgenden Morgen war er kalt. So schnell
geht das.» - In «Lederträne» beschwert sich Zschokke über das «Themenunwesen»,
das etwa die Solothurner Literaturtage des Jahres 1995 auf die Idee gebracht
habe, zu dem Thema «50 Jahre nach Kriegsende» Meinungen «abzuernten»; lieber
setze er sich mit der Lederträne auseinander, die er in einem Buch von Friederike
Mayröcker kennen gelernt habe.
Aber
letztlich verfängt er sich - in (seltenen) Texten wie diesem - doch in dem
Thema des Themenunwesens. Auch «Leg dich hin» - eine Empfehlung, die er seinen
Kollegen gibt, sollten sie in historischen Augenblicken um Stellungnahmen
gebeten werden - hält sich nicht heraus, sondern mischt sich ein, zugegeben
(von) früh- bis spätromantisch.
Der
Papierheld
Ein
Dichter für - und wider - Berliner und Berner Republiken ist Matthias Zschokke
weniger dort, wo er sich ostentativ gegen Vereinnahmungen wehrt, sondern wo er
sie poetisch unterläuft, wo also seine Verweigerung ganz Gestalt - oder
balzender «Papierheld» - geworden ist, ob er nun ein schizophrenes Gedicht
zitiert oder im «Fall» der Mauer - eine zweigeteilte Stadt muss ihn fasziniert
haben - eine anarchische Verlustbilanz aufmacht: «Die Mauersegler flohen nach
China.» Oder ob er sich in einer «historischen Postkarte» darüber amüsiert,
dass der Reichstag, «dieser Hans
Albers der Architektur», wieder Regierungssitz wird...
Die
Bäckerblume
Am
schönsten ist die Geschichte «Da Sie gerade vom Sterben reden». Hier gibt es
einen neuen Nachbarn im Text selbst, einen Textnachbarn. Ein Frühlingslied nämlich,
das der Umhergeher ausgerechnet in dem Werbeperiodikum der Bäcker-Innung
findet, in der «Bäckerblume».
Geschrieben hat es - ein Name, wie mit dem Munde gemalt: - Robert
Roberthin (1600-1648). Es besingt den holden Lenz und den
Regenbogen, die Lerchen am Tag und die Nachtigallen in schauervollen (!) Nächten
- und beklagt «der Schöpfung Haupt», den Menschen, der immer nur «für
morgen» lebt:
Ihn
weckt Auroras güldner Strahl,
Ihm
lacht die Flur vergebens,
Er
wird, nach selbstgemachter Qual,
Der
Henker seines Lebens.
Die
selbstgemachte Qual hört sich heute an wie eine Vorwegnahme der
selbstverschuldeten Unmündigkeit. Mit anderen Worten, das «Tauge-nichts!» des
Matthias Zschokke hat auch etwas mit Aufklärung - und Lebensrettung - zu tun.
"Basler
Zeitung", 17.5.2oo2; dass. unter dem Titel: Das Salz der Lederträne.
"Süddeutsche Zeitung", München, 28.6.2oo2
Fliederduft über einer
Frauenleiche
Matthias
Zschokke lässt im seinem neuen Erzählband das Alltägliche geheimnisvoll und
das Verstörende banal erscheinen.
Von
Sandro Benini
Matthias
Zschokke liebt Robert Walser: In vielen der 29 Texte aus dem Erzähl- und
Essayband «Ein neuer Nachbar» scheinen Walsersche Motive auf. Da sind diese
versponnenen Mansardenzimmer-Existenzen, die vor der Unberechenbarkeit des
Lebens in langjährige Gewohnheiten und Vorlieben flüchten und sich in der
Hoffnung klein machen, das Unglück werde sie übersehen - wobei gerade dies die
Haltung ist, die sie mit einem dumpfen Gefühl der Unzufriedenheit und der
Trauer über verpasste Möglichkeiten erfüllt. «Ob mein Leben möglicherweise
anders hätte verlaufen können? Eigene Kinder und die Universität verjagen
Gedankenwolken, die sich über diesem Was-wäre-wenn-Themenkreis manchmal
drohend zusammenbrauen wollen», heisst es in der Erzählung «Der Professor».
Da ist das Sensorium für alltägliche Nichtigkeiten, das Auf und Ab des
Immergleichen, der mit einer Mischung aus Melancholie und Spott unterlegte Sinn
für Vergänglichkeit. Und schliesslich die mit wenigen Strichen geschaffene,
zwischen Langeweile und unbestimmter Erwartung schwankende Atmosphäre eines
Sommerabends, die Beschreibung des Duftes von Holunder, Flieder und Akazie.
Dennoch wäre es falsch, Zschokke als schlichten Walser-Epigonen zu bezeichnen.
Dazu ist die Sprache der Prosastücke, die in den letzten fünfzehn Jahren
entstanden und teilweise bereits in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind,
zu eigenständig, die Bilder zu souverän und das Aufblitzen von Ironie und
Sarkasmus zu radikal und unvermittelt.
Dem
seit 1980 in Berlin lebenden 48-jährigen Berner Matthias Zschokke wird immer
wieder eine Poetik der Ereignislosigkeit zugeschrieben. Die Erzählungen in «Ein
neuer Nachbar» sind wohl unterkühlt und von einer hochartistischen
sprachlichen Knappheit, in ihrer Mehrzahl aber alles andere als ereignislos.
Vielmehr verleihen sie entweder alltäglichen Vorkommnissen den Anflug rätselhafter
Bedeutsamkeit oder Aussergewöhnlichem den Anschein vollkommener Normalität. In
«Das Cello» erhält der Ich-Erzähler einen Nachbarn, der irgendwo in einem
nahen Wohnblock Cello spielt - dies so virtuos, dass die Musik für den Zuhörenden
zu einem Symbol existenzieller Befreiung wird und er alles daransetzt, den
geheimnisvollen Nachbarn ausfindig zu machen. «Sobald ich aber zuhören wollte,
verstummte es», wie bei Zschokke alle Momente des Glücks genau dann
entschwinden, wenn man sie festhalten will. Doch die Nachforschungen nach dem
Cellovirtuosen sind erfolglos, und irgendwann gibt der Erzähler die Suche auf.
Die Geschichte endet mit der irreführenden Anmerkung «Fortsetzung folgt» - ob
dies als Ausdruck von Hoffnung auf künftiges Gelingen oder als die resignierte
Erwartung zu verstehen ist, dass sich höchstens das Scheitern wiederholen kann,
bleibt offen. Zschokke ist kein Freund von Eindeutigkeiten, die «Missverständnisfalle»,
die er im Aufsatz «Warum ich Robert Walser mag» hinter der Literatur des
Bieler Schriftstellers ausmacht, stellt er selber häufig auf.
In
der Erzählung «Sommer» hingegen erscheint das Abnorme im Licht des Alltäglichen:
Es werden sadistische Scheusslichkeiten in kalter Distanziertheit aneinander
gereiht, beiläufig eine rätselhafte Frauenleiche unter einem Busch erwähnt
und der Sommer verflucht. Überhaupt ist der Tod eines der zentralen Motive des
Bandes - verstanden als banaler Schlusspunkt unter die Banalität von
Existenzen, die schon zu Lebzeiten eher noch nicht tot als lebendig waren: «Alle
haben längst erledigt, was sie im Leben erledigen wollten, und sitzen nur noch
da. (...) Alle Augenblicke schauen sie zur Tür, ob der Tod gerade eintrete»,
heisst es in der Erzählung «Balz», in der die Lebensplanung des Helden auf
groteske Weise genau in dem Moment scheitert, in dem sie geglückt scheint.
Im
Zentrum von Matthias Zschokkes essayartigen Texten stehen zumeist Reflexionen über
die Rolle des Schriftstellers in der Öffentlichkeit und über die Aufgabe von
Kunst und Literatur. Mit polemischer Schärfe kritisiert Zschokke in «Leg dich
hin» die Neigung vieler Autoren, sich auf die Schnelle zu politischen Themen zu
äussern. Mit irritierender Selbstverständlichkeit vertritt er eine Literatur,
die sich der Legitimation durch unmittelbare gesellschaftliche und historische
Bezüge entzieht und ihren Sinn in sich selber sucht. «Wie ich das Überflüssige
liebe», heisst es an einer Stelle. Abstrakt formuliert, mag diese Poetik einen
preziösen Beigeschmack haben - in Zschokkes Umsetzung ist davon nichts zu spüren.
"Weltwoche",
Zürich, 22/2oo2
Frischlinge,
Frühlinge und ich
Ein
neuer Nachbar
Von
Ulrike Baureithel
Kein
Zweifel: Das ist keiner der "strotzenden Herbstfrischlinge", die uns
alljährlich in die Redaktion gelaufen kommen und selbstbewusst unsere Lieblinge
vom Vorjahr verdrängen, jene "jungen, unterhaltsamen, entzückenden
Kerlchen, die uns sogar auf den Teppich pinkeln dürfen". Eher schon ist es
eines jener "märzmageren Teilchen", das irgendwo vergessen im
hintersten Regal liegt, "ein schiefes, hinkendes Ding", das wir eines
Tages aus dem abgelegenen Quartier erlösen, damit es "seinen Eigensinn und
seine Kraft" für "ein paar Stunden Leseglück" entfalte.
Kein
Zweifel, dies Buch ist im Frühjahr erschienen, und sein Urheber hat ihm die
bescheidene Laudatio gleich mitgegeben. Matthias Zschokkes Erzählungen und
Miniaturen haben etwas vom verschämt Betörenden jener Frühjahrspreziosen, die
im Herbst vergessen sind, weil zwischen den Saisons ein langer Sommer liegt, während
dessen die "Herbstfrischlinge" schon vorwitzig ihre Schnauzen lüften,
um ja nicht zu spät zum Trog zu kommen.
Wie
auch könnten es die alltäglichen, doch besonderen Beobachtungen - wie eine
Tochter ihre Mutter besucht, von der Liebe eines Mannes zu seinem gusseisernen
Ofen und was ein beschädigter Bordstein über das Leben verrät - mit
sinnwuchtigen Traktaten aufnehmen; wie eine dahinschmelzende Erzählung, die von
nichts handelt, als dass im Nachbarhaus ein Cello erklingt, konkurrieren mit der
breitbrüstigen Präsenz selbsternannter Epochendichtung?
"Der
neue Nachbar" steht an der poetischen Schwelle zwischen hingeworfener
Skizze und kunstvoll gebauter, absurder Abschweifung, die um so irritierender
ist, als einzig dies Zufällige die Erzählung vorantreibt. Wo Zschokke weniger
spielerisch, disziplinierter ist, gelingen ihm - wie in der kurzen Erzählung
"Sommer" - Stücke von ungewöhnlicher Dichte und Aussagekraft.
"An
der Schwelle" steht der gebürtige Berner auch zwischen seiner Herkunft und
seiner Wahlheimat Berlin, insbesondere in seinen politischen Essays. Schwerelos
schwebt der Schriftsteller durch den urbanen Raum des alten und neuen Berlin,
schreibt eine historische Postkarte vom Reichstag, diesem "Hans Albers der
Architektur", flaniert mit den russischen Krähen durch die Parks im Osten
der Stadt oder schreibt, in umgekehrte Richtung, einen "Brief an die
Genfer", der sich darüber Rechenschaft ablegt, was einer überhaupt wissen
kann.
Mithin
für den "Phantomkummer" seiner Landsleute hat Zschokke Bissiges übrig;
doch das schönste Porträt widmet er dem "auf Zukunft
spezialisierten" Berlin: "Man steht kurz davor, eine echte Stadt zu
sein; man ist die ewige Vorstadt, ein bisschen öd, eine bisschen zu laut, gebläht
vom Stolz auf etwas, das zwar nicht genau hier, aber doch immerhin in der Nähe
stattfindet."
Am
schwächsten wirken die Miniaturen dort, wo sie entweder dem schnellen
Tagesgeschäft entsprungen sind oder Programmatisches zu Protokoll geben, wie in
den etwas humorlosen Betrachtungen über "Amateure, Autodidakten,
Dilettanten, Ich". Doch es gibt genügend andere "schiefe, hinkende
Dinger", für die es sich lohnt, den Band auch nächstes Jahr noch aus dem
Regal hervor zu kramen. Und gewiss wird uns Zschokke auch irgenwann wieder einen
"Herbstfrischling" vor die Türe legen.
"Die
Welt", Berlin, 6.7.2oo2
Die
Neugier der Einsamen
Ein
sarkastischer Romantiker: Matthias Zschokke macht ängstlichen Stubenhockern
Beine
Von
Nicole Henneberg
Der
Erzähler, Theaterautor und Filmemacher Matthias Zschokke stammt aus der
Schweiz. Mit Vorbildern wie Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch und Robert Walser
im Rücken und Kollegen wie Urs Widmer und Thomas Hürlimann neben sich ist das
nicht nur literarisch ein guter Ausgangspunkt, um sich in Berlin wohlzufühlen,
wo Zschokke seit über 20 Jahren lebt. Denn: „Die Vermessenheit zu glauben, wo
sie herkommen, sei es besonders schön, macht sie so ängstlich und unglücklich“
erklärt der Erzähler in der Geschichte „Dienerbewerbung“ seinem
verzweifelten Gegenüber. Die verblüffende Dialektik dieses Arguments, setzt
die Geschichten in Matthias Zschokkes Erzählungsband „Der neue Nachbar“
unter Spannung. Düstere Erinnerungen an zu schöne Orte treiben seine Figuren:
Schriftsteller, Spurenleser, Flaneure und berufliche Randgänger durch die Straßen
der großen Städte, in die sie sich geflüchtet haben, um in wohltuender
Anonymität endlich ruhig leben zu können.
Als
skeptischen Romantiker könnte man den 1954 in Bern geborenen Matthias Zschokke
bezeichnen, dessen letzter Roman „Das lose Glück“ (1999) drei erfolgreiche
Freunde vorführt, die sich in einer lauen Sommernacht auf einer Jacht inmitten
des idyllischen Bieler Sees eingestehen müssen, mit ihrem Leben vollständig
gescheitert zu sein. Die Welt erscheint in ihren Augen desto düsterer, je
heller die Natur strahlt, je geordneter der Tag abläuft. In den Geschichten des
neuen Buches nun gehen Zschokkes Figuren defensiv in die Offensive: Sie
verkriechen sich in düsteren, vernachlässigten Zimmern und hüten sich davor,
in geregelte Tagesabläufe eingespannt zu werden, die sich doch nur als Falltüren
in die Verzweiflung erweisen würden. Auch ihren Nachbarn, ja jeder Art von
Gespräch gehen sie aus dem Weg.
Doch
manchmal geschieht es, dass Cello- oder Klavierspiel durch die Wände klingt und
die Ruhe stört. Und schon ist es passiert: Die Neugier der Einsamen erwacht,
ihre mühsam niedergehaltene Entdeckerlust springt an. Manchmal geht so eine
Suche glimpflich aus, wie in der Erzählung „Das Cello“, wo der Protagonist
nach einigem Warten doch nicht mehr wissen will, wer da spielt, weil er in dem
Café, in dem er seit Tagen auf der Lauer liegt, schon mehr Menschen mit ihren
Schicksalen gesehen hat, als ihm im Moment gut tun; die obszön geschminkte
Wirtin inbegriffen. In der Titelgeschichte greift diese Notbremse nicht mehr,
und das erzählende Ich wird in eine gnadenlos komische Gesprächsszene
verwickelt: An der nachbarlichen Wohnungstür, unter der an- und ausgehenden
Treppenbeleuchtung, bricht, unaufhaltsam wie ein Sturzbach, binnen Minuten aus
dem Hausherrn seine ganze Lebensgeschichte hervor und überschwemmt den hilflos
Zuhörenden mit Katastrophen, lange verheimlichten Leidenschaften und tragischen
Zufällen.
Alltagsgefühle
und Epochenwetter
Wie
eine Bühnenszene ist diese Sequenz gebaut: mit Auf- und Abgängen und ausgeklügelten
Beleuchtungseffekten, die den absurden Charakter des Dialogs verstärken. Denn
der Nachbar gerät in einen Begeisterungstaumel ohnegleichen; Kleines und Großes,
Alltagsgefühle und Epochenwetter setzt er umstandslos gleich – eine für
Matthias Zschokke typische, ironische Sprachbewegung. So gut wie alle Probleme
des menschlichen Lebens ließen sich vermeiden, wenn man nur ruhig zu Hause
bliebe, wusste schon Franz Kafka („Einmal dem Läuten der Nachtglocke
gefolgt..."). Und Robert Walser, mit dem Matthias Zschokke als Träger des
gleichnamigen Preises oft verglichen worden ist, wusste das natürlich auch. So
ist das eigene Zimmer, in dem man sich, auch um der schöpferischen Arbeit
willen, verbarrikadiert, ein heimeliger, ein freier und selbstbestimmter Ort;
aber auch ein unheimlicher: ein idealer Nährboden für die eigenen Ängste
genauso wie für das Leiden an sich selbst und die Angst vor dem Tod.
Die
Schriftsteller unter Zschokkes Erzählern spielen mit dieser Spannung und testen
an ihr die Sujets, die sie finden oder, genauer, diejenigen, von denen sie
gefunden werden. Vielleicht haftet deshalb den Figuren Zschokkes, seien sie nun
Schriftsteller oder „Freiberufler“ der abenteuerlichen Sorte, etwas
Paradigmatisches oder Prototypisches an, das ihrem Versuch entspringt, ein Leben
ohne äußere Reibungen zu leben, weil die Turbulenzen ihrer Fantasie schon
genug Aufregung bieten. Besonders anrührend werden sie dabei, wenn sie sich und
ihre Umgebung über ihre empfindsame Natur zu täuschen versuchen – ein
ironischer Erzählansatz par excellence.
Balz
zum Beispiel, in der gleichnamigen Erzählung, ist so ein Fall: ein mittlerer
Beamter und scheinbar eiskalter Klotz, der seine Lebensstrategie aber so
feinsinnig und anrührend weise plant und auszuführen versucht, dass dem Leser
um ihn ganz bang wird. Natürlich ist die Katastrophe absehbar, sie schwingt von
der ersten Zeile der Novelle an mit. Der Ehevertrag, den der zartbesaitete Hüne
Balz demütig den heiratsfähigen Damen seiner Umgebung vorlegt, wird die
Grundlage eines glücklich kalkulierten Lebens, das aber so abrupt scheitert,
dass es wenigstens als schockgefrorene Erinnerung überdauert.
Matthias
Zschokke spannt seinen oberflächlich ruhig und behaglich wirkenden, an der
Novellistik des neunzehnten Jahrhunderts geschulten Erzählton über die Abgründe
von Sarkasmus und Verzweiflung und lässt manchmal die Szenarien des absurden
Theaters dazwischen aufblitzen. Die melancholische Selbst- und Weltverweigerung
seiner Figuren kippt dann so unversehens in existenzialistisches Aufbegehren,
dass der Leser, verblüfft und begeistert, zum Spielball dieser
hochkonzentrierten Erzählkraft wird.
Auf
die Kolumnen und tagespolitischen Texte hätte der Band allerdings besser
verzichtet – sie sprengen den prägnanten, kunstvollen Rahmen, den die Erzählungen
bilden und verstellen den Blick auf solche Kleinodien wie das fünf Seiten
kurze, erzählerisch raffiniert tiefstapelnde Cappriccio „Leg dich hin“, das
allen Schriftstellern und Lesern eindringlich die Gefahr der falschen, sich zäh
behauptenden Sätze vor Augen führt: Im medialen Tagesgeschäft einmal in die
Welt gesetzt, krallen sie sich so hartnäckig in den Köpfen fest wie eklige,
graue Grasbüschel in Betonritzen.
Dass für den Autor Matthias Zschokke Wörter und Metaphern genauso konsistente
Körper wie Bahnsteiggeländer und gusseiserne Öfen („Mein Freund, mein
gusseiserner Ofen“) sind, drückt jeder seiner Sätze aus. Und diese sorgfältig
und gekonnt hergestellte Körperlichkeit der Sprache bringt seine Geschichten
zum Leuchten.
"Der
Tagesspiegel", Berlin, 21.7.2oo2
ERZÄHLUNGEN
/ Matthias Zschokke haucht einen neuen Band mit Geschichten und Episoden hin
Außenseiters
Innenleben
Skurrile
Dilettanten, Amateure und Chaoten bevölkern die Welt des extravaganten
Schweizer Schriftstellers.
Autor: CORNELIA STAUDACHER
War da was? Könnte man nach manchen der 29 kleinen, leicht hingehauchten und
ebenso schnell wieder zerronnenen Geschichten und Apercus fragen. Aber man täusche
sich nicht. Denn Matthias Zschokke versteht, Alltägliches und Banales so zum
Changieren zu bringen, dass hinter der vermeintlichen Ereignislosigkeit eine
tiefe Einsicht in die Natur menschlichen Lebens aufscheint.
Die
literarische Szene betrat der in Bern geborene Zschokke während der Solothurner
Literaturtage 1981. Inzwischen ist er mit etlichen Preisen geehrt worden und gehört
mit seinen melancholischen Ausschweifungen über des Lebens Unerträglichkeit
und des Menschen Unzulänglichkeiten zu den exponierten deutschsprachigen
Autoren der achtziger und neunziger Jahre. Selbstverloren dümpeln sie dahin,
die Piraten, Chaoten und Outcasts, die freischaffenden Schreiberlinge oder
"dicken Dichter", die das Personal seiner Erzählungen und Romane
ausmachen. Ihre laszive Schwermut und genüsslich ausgekostete Lethargie macht
es ihnen möglich, sich in den prosaischen Niederungen des realen Lebens
einzurichten.
"So
sitzt er da, der unförmige Dichter, im Käfig des Überdrusses schwitzend, und
kümmert sich weder um sein Leben noch um seine Form, da sie beide im Vergleich
zu denen seiner papierenen Helden immer makelhaft bleiben", heißt es in
"Amateure, Autodidakten, Dilettanten, ich", einer raffiniert
verschlungenen Paraphrase über Kunst und Künstler, die, wie fast die Hälfte
der hier zusammengestellten Texte, schon einmal in einem zweckmäßigeren Rahmen
veröffentlicht wurde, in diesem Fall zur Eröffnung einer Ausstellung im
Kunstgewerbemuseum Zürich. Was das Vergnügen, Zschokke auf seinen
verschlungenen Pfaden durch die Labyrinthe der Phantomschmerzen und imaginierten
Seelenkümmernisse seiner Protagonisten zu folgen, um nichts schmälert.
Mit
jedem seiner knappen Sätze streift Zschokke die Zerbrechlichkeit und
Verwundbarkeit seiner Personen und der Leser aufs Trefflichste. Ohne
Schadenfreude, aber mit umso mehr Empathie. Ob es sich dabei um den
Pflichtbesuch bei der Mutter handelt oder um einen ebenso lauen wie matten
Sommerabend an der Panke. Um Balz, einen Beamten der mittleren Laufbahn, der von
solch "krachender Harmlosigkeit", solch "knuspriger Einfalt"
geschlagen zu sein scheint, dass er gar nicht merkt, wie auch schon vor seinem
53. Lebensjahr, als das Schicksal mit Macht zupackt, zwar alles nach Plan, nicht
aber zum Wohle seiner Seele verlief: "Ihr gefällt es nicht mehr in mir. Zu
viel ist schief gelaufen."
Oder
um den Professor, dessen Aufgabe darin besteht, seinen Studenten zu erklären,
"wie das Leben funktioniert", während er sich täglich vom
"eiskalten Hauch der Sinnlosigkeit" umweht fühlt. Wie ein
Ertrinkender den Strohhalm ergreift der "neue Nachbar" der Titelerzählung
die Gelegenheit, endlich einen zu treffen, der ihm zuhört, und berichtet einem
Unbekannten, dem Ich-Erzähler, haarklein aus seinem Leben, worin die tiefe
Verzweiflung eines vereinsamten Menschen zum Ausdruck kommt. Ein anderes Mal
sind es mehr oder weniger alltägliche Gegenstände, die Zschokke als Auslöser
für seine poetisch-philosophischen Ausschweifungen dienen: ein Cello, ein
Panettone oder der geliebte gusseiserne Ofen in der Berliner Fabriketage, in der
Zschokke seit Jahren seine Schreibetage eingerichtet hat.
Der
Erklärung, "Warum ich Robert Walser mag", bedarf es da gar nicht: Die
Seelen- und Sprachverwandtschaft Zschokkes zu Robert Walser wird mit jeder neuen
Veröffentlichung deutlicher. Wie er die kleinen Dinge des Alltags hochhält als
Schutzpolster gegen die Trivialität der Wirklichkeit. Wie er die Sätze und
Gedanken sich gegenseitig ins Wort fallen lässt und so der phantasmagorischen
Rolle des Schreibers und der Schrift huldigt. Wie er den Leser an der
Verfertigung seiner Texte teilhaben lässt, beim Durchmessen jener
geheimnisvollen Räume zwischen Innen- und Außenwelt, dem
"Bleistiftgebiet", wie Robert Walser es nannte.
Zschokkes
"Hinterlassenschaften", so der Titel einer Episode, in der er über
die Spuren sinniert, die sein Fahrrad auf dem täglichen Weg von seiner Wohn-
zur Schreibstätte auf dem sandigen Berliner Untergrund hinterlässt, sind
schwerelose, zufällige Botschaften, "in sich so zwingend, so absichtslos
wahr wie nichts anderes in unserem ganzen Leben".
Mein Patenonkel war von Beruf Sänger. Er hatte eine
wunderbar kraftvolle, samtene Baritonstimme, zum Weinen schön. Alle Jahre einmal
machte er eine Tournee durch die Schweiz (er lebte und arbeitete in Frankreich)
und trat dann privat auch bei uns zu Hause auf. Mal mit Schuberts „Winterreise“,
mal mit Schumanns „Dichterliebe“, mal mit der „schönen Müllerin“ oder dann mit
Liedern von Gabriel Fauré. Es war immer ein ungeheures Ereignis, wenn er kam.
Das erste Mal, ich war noch klein, machte ich vor Begeisterung in die Hosen, so
sehr erschütterte mich sein Gesang. Das war natürlich ein furchtbares Drama für
mich. Es verzieht mir jetzt noch das Gesicht zur Grimasse, wenn ich daran denke.
Zu meiner Entschuldigung lässt sich sagen, dass es in diesen Liedern ja
tatsächlich meist sehr dramatisch oder tragisch zugeht. Das darf einen Knaben
schon erschüttern. Später versetzten mich zusätzlich zu den Liedern auch noch
die wechselnden Klavierbegleiterinnen, die er mitbrachte, in grösste Aufregung:
bleiche, schlanke, junge Französinnen, die kein Deutsch sprachen und sich scheu
im Hintergrund hielten, mit fiebrig grossen, dunklen Augen.
Wir lebten am Rand eines Weilers im Landhaus eines
bankrottgegangenen Fabrikanten. Das Wohnzimmer glich einem Rittersaal in einem
Jagdschloss. Es gab einen riesigen Kamin. An der Seite führte eine hölzerne
Freitreppe in die erste Etage, wo von einer Balustrade weitere Räume abgingen.
Diese Balustrade wurde für die Konzerte jeweils bestuhlt und diente den Zuhörern
als Balkon. Auch parterre wurden Stuhlreihen aufgestellt. Die Wand zur
Bibliothek liess sich dort ausserdem entfernen – es war alles aus stark
duftendem Arvenholz gezimmert –, so dass eine Art Guckkastenbühne entstand, auf
welcher der Onkel dann auftrat. Leider hatten wir keinen Flügel, der der
Szenerie mit seinem schwarzen Lack zusätzlichen Glanz verliehen hätte. Es gab
nur ein honigfarbenes Klavier. Das hatte meine Mutter mit in die Ehe gebracht.
Ihr Vater war von Beruf Schreiner gewesen und hatte es einmal im Tausch für ein
Bett bekommen. Im Winter verzog es sich jeweils. Das Haus stand am Ufer eines
Flusses, der von Oktober bis März dampfte, und von wo dann unangenehm kalte,
nasse Luft durch alle Ritzen kroch.
Vor den Konzerten, die meistens im Frühsommer
stattfanden, wenn die Stämme der Birken am Ufer seidenglatt und die Blätter
daran süss schmeckten und hellgrün waren, kam jeweils ein Spezialist aus der
Stadt zum Stimmen. Er hiess Dambach. Mit den Jahren ermüdete das Klavier. Sein
Klang wurde schütter. Eines Abends traten meinem Onkel, während er sang, die
Adern auf der Stirn dick hervor, und er starrte den honigbraunen Kasten wütend
an. Hinterher sagte er: „Dieser Klepper gehört zum Abdecker, das war das letzte
Mal!“ (die Worte Klepper und Abdecker machten mir grossen Eindruck; ich hatte
sie vorher noch nie gehört) – und tatsächlich kam er danach niemals wieder.
Noch heute vermögen mich Lieder und gesungene
Balladen zu fesseln. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun. Erst vor kurzem wurde
ich von einem dreissigjährigen Informatiker eingeladen zu einem Hauskonzert,
hier in Berlin, ganz traditionell, mit allem Drum und Dran. Sicher, solche
Veranstaltungen werden mehr und mehr zur Gratwanderung. Auf der einen Seite ist
es zugegebenermassen komisch, einem erwachsenen, wohlgenährten Mann in dunklem
Anzug und Rollkragenpullover dabei zuzuschauen, wie er – mit vor Konzentration
verzerrtem Gesicht – im Jahr 2005 von Mägdelein und Liebesleid singt. Das hat
etwas Vergorenes, Überzüchtetes, und es verführt zum Kichern. Andererseits ist
es zum endgültigen Dahinschmelzen, wegen der unendlich vielen widerständigen
Sehnsucht, die dafür mobilisiert werden muss.
Mich erschütterte der Gesang meines Onkels bis zu
seinem letzten Konzert. Bestimmt hing es auch mit der Inszenierung zusammen, mit
dem ungeheuren Ernst des ganzen Vorgangs, mit der Stille zwischen den Liedern,
in der sich niemand zu rühren wagte – niemand klatschte, es wurde kaum geatmet
–, mit dem Glanz und dem Licht (die Konzerte fanden natürlich abends statt, zu
einer Zeit, zu der ich normalerweise ins Bett musste), mit dem festlichen Essen
hinterher – es gab immer hinterher ein gemeinsames Essen mit allen Gästen.
Die ganze Opern- und Musikwelt ist für mich bis
heute eine märchenhafte, übertriebene, exaltierte geblieben. Ich fühle mich
darin selig wie als Kind in den zu grossen Schuhen meines Vaters oder im zu
weiten Unterrock meiner Mutter. In Opernkantinen ist das Leben immer mindestens
zum Lachen oder zum Weinen. Darunter gibt man sich nicht zufrieden. Der graue
Alltag, das Mittelmass, kommt nicht vor. Sänger sterben leicht und schnell – in
Gedanken. Sie verlieben sich hoffnungslos – mündlich. Sie verachten abgrundtief
und beten an, wo Gewöhnlichsterbliche nichts als kleine Zu- oder Abneigungen
empfinden. Das rührt daher, dass Sänger dauernd in zu stark aufgeblasenen
Gefühlen über Bühnen taumeln müssen und dadurch mit der Zeit vergessen, wie sie
selbst wirklich empfinden.
In dieser Kantinenwelt spielt "Raghadan". Die Farben
muss man sich zu kräftig vorstellen, die Schatten zu tief, das Licht zu
gleissend. Die Darsteller schreiten, wo andere gehen, sie sind empört oder
entsetzt, wo andere irritiert sind, sie beben, wo andere zittern, sie treten
auf, wo andere eintreten.
„Raghadan“ spielt unter der Treppe, im
Kirschgarten des weissen Rössl. Seine Tage sind vergangen, aber gekommen
sind sie nie. Die Atmosphäre, die Farben, die Kostüme, der Klang, alles ist mit
Vergangenheit gestopft bis zum Platzen, bunt, gefühlsprall, fiebrig; es ist
gesättigt, überreif; es steht kurz vor dem Kippen.
Vielleicht eine Art spiegelverkehrter Pubertät: es
lauert um die letzte Liebe herum, sehnt sich nach dem verlorengegangenen eigenen
Glauben an Gefühle, möchte seine grossen Fragen nicht länger relativieren, mag
sich nicht mehr hüten vor seinen Empfindungen, möchte sich ihnen ungeschützt
ausliefern, möchte leben und sich nicht mehr schämen dafür, möchte endlich
Schluss machen mit dem antrainierten ironischen Augengezwinker.
Die künstlich blutenden Herzen von Schauspielern und
Sängern in nachmittäglichen Theaterkantinen, wo jahraus, jahrein an derselben
grandiosen Tragikomödie weitergeschrieben wird, einer endlosen, todernsten
Seifenoper ... Außenstehende mögen dieses Ambiente peinlich oder exaltiert
finden. Wer sich jedoch darauf einlässt, den ergreift es und wühlt es auf wie
eine doppelte Portion Leben.
Maurice mit Huhn
Leseprobe:
Immer wieder ist es verblüffend, mit welchem Gleichmut
der Mensch seit Tausenden von Jahren seine kurz bemessene Zeit verbringt,
sitzend, liegend, belangloses Zeug redend, ohne Appetit Kleinigkeiten knabbernd,
ohne Durst an Flüssigkeiten nippend, Dinge betrachtend, die ihm nichts sagen,
sich auf Wege machend, die ihn an Orte führen, wo er nichts verloren hat, im
festen Glauben verankert, er sei ein vernunftbegabtes Wesen und mache sich
Gedanken über dies oder jenes, dabei aber in Wahrheit nichts denkend, nur so vor
sich hin tuckernd, ewig die gleichen falschen Schlüsse ziehend, sich im Kreis
drehend seit Tausenden von Jahren, von Nebentischen Gesprächsfetzen
aufschnappend, Sonnenbrillen betreffend oder Tierfelle, rohes Fleisch, Regale,
das Wetter, bis plötzlich einem von ihnen alles zu viel wird, einer Mutter
beispielsweise, sie wandert spätabends durch ihre Wohnung, zieht Kleidungsstücke
aus, begießt sie mit Brennsprit, zündet sie an, läßt sie hinter sich zu Boden
fallen, dann kommt ihr der neunjährige schlafende Sohn in den Sinn, der nicht
bei Bewußtsein verbrennen soll, sie holt aus der Küche einen Hammer, geht ins
Kinderzimmer und schlägt dem schlafenden Jungen mit dem Hammer den Schädel ein,
erschrickt beim Geräusch der splitternden Knochen, schlägt sich selbst auf den
Kopf, aus Wut, bekommt Mitleid mit dem zuckenden Bündel vor sich, schleppt es an
ein Fenster in der Stube, öffnet es, damit das Kind nicht im Rauch erstickt,
weckt blutüberströmt den zweiten, ein Jahr älteren Sohn und schickt ihn zur
Feuerwehr, der kriegt einen Schock, rennt los, die Feuerwehr kommt, löscht und
bringt den jüngeren Knaben ins Krankenhaus, wo festgestellt wird, dass dessen
Hirn eingedätscht und das Sprachzentrum zerstört ist, er wird nie mehr sprechen
können, die Mutter wird interniert ... Der Mensch sitzt weiterhin da, auf
Gartenstühlen, an Frühstückstischen, an Werkbänken, trinkt Bier, schimpft über
das Wetter, redet von Autofelgen und Überschwemmungen, von Versicherungsbetrug
und preisreduzierter Sommerware, die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, der
Mensch zwitschert, ein Spatz auf dem Dach, hüpft hierhin, dorthin, pickt
Brosamen, stopft sich voll ohne leer gewesen zu sein, legt sich hin ohne müde zu
sein, erhebt sich ohne ausgeruht zu sein, trottet über Plätze, bellt, springt in
Gewässer, schwimmt eine Strecke, legt sich zum Trocknen an die Sonne, weiß ganz
und gar nicht, was er tut, behauptet, sein Vater sei schuld an allem oder seine
Mutter, schuld an was, er weiß es nicht, an sich, er glaubt nachzudenken, weiß
aber nicht, wie das geht, das Nachdenken, setzt sich, legt sich hin, steht auf,
läuft über Plätze, trabt an Häuserfronten entlang, klingelt, wiehert etwas, ißt
tüchtig, läßt sich vor Karren spannen, zieht bis zum Umfallen, man kann ihm
Fäßchen um den Hals binden, er scharrt in Lawinen, gräbt Artgenossen aus, und
plötzlich vergißt sich wieder einer, zerfetzt im Büro ein paar seiner
Arbeitskollegen, wird eingesperrt, um dann zu sterben, wieder andere stürzen
sich in ganz und gar höllische Aktivitäten, um mit ihrer Plackerei das viel
Bedrohlichere in ihrem Inneren zu übertönen, das Ungeklärte, um nicht endgültig
den Verstand zu verlieren, was unweigerlich geschehen würde, wenn sie sich
schutzlos der Wirklichkeit aussetzen würden, diese merkwürdigen Wesen, die
Menschen, die sich auf einmal vergessen und andere zerhacken. (S.138ff.)
Alle drei, vier Jahre,
immer im Frühjahr, legt der Schweizer Dichter Matthias Zschokke (mittlerweile
51) seine Tarnkappe ab und zeigt sich der lesenden Welt. Diesmal präsentiert er
den Roman "Maurice mit Huhn", sein achtes Prosawerk. Alles fing an mit dem
übermütigen Schlingel "Max" (Robert-Walser-Preis 1981), der nun nicht mehr von
seinem Moritz, pardon, Maurice amputiert ist. Das heilige Paar: endlich
komplett. Der Übermut: gedämpft.
Der Roman entlehnt
seinen Titel einem Gemälde des Schweizer Malers Albert Anker (1831-1910), der in
dem Drei-Buchstaben-Dorf Ins lebte, wo Zschokke als Kind aufwuchs. Ein kleines
Museum erinnert noch heute dort an den Maler. Auf dem Bild ist sein kleiner Sohn
zu sehen, der mit Kulleraugen erwartungsvoll-neugierig in die Welt blickt, in
den Patschhänden eine fette Henne. Ein Bildausschnitt schmückt den Band als
Cover.
Zschokkes "Maurice mit
Huhn" ist als Roman vieles nicht: keine der beim Publikum so beliebten
Familiensagas; kein Entwicklungs- oder Bildungsroman; kein psychologischer
Reißer; kein Beziehungskrisenopus; kein Wende-Elaborat; kein Generationenreport;
keine Vergangenheitsbewältigungsschnulze. Was denn? Allenfalls versucht Maurice
die Gegenwart zu bewältigen, und das nicht ohne Ächzen.
Maurice betreibt ein
"Kommunikationskontor" in einer schäbigen Gegend Berlins, im Wedding, wie durch
den oft genannten Nettelbeckplatz kenntlich wird. Kleinen Leuten hilft er bei
amtlichen Korrespondenzen. Reich ist er damit nicht geworden, im Gegensatz zu
seinem persischen Internatsschulfreund Hamid, dem er in Briefen aus seinem Leben
berichtet, was Zschokke als auktorialem Erzähler Verschnaufpausen bietet und den
Roman kurzweiliger, bunter macht.
Nein, kein
"klassischer" Roman, mit Klimax, Peripetien usw. Es rauscht kein mächtiger
Erzählstrom, der ewige. Durch eine Reihung von Miniaturen wird die traditionelle
Romanfabel gründlich ruiniert. Diese Dekonstruktion zeichnet Zschokkes Roman aus
als ein Werk der Moderne.
Ein pointillistisches
Pastell des Lebens, gemalt mit Wörtern. Wie schön sich Bild an Bildchen
reiht (Trakl): das vom Schauspieler Flavian Karr, der sich beim Film als
Nazi-Kleindarsteller verschlissen hat und nun in Stadtmagazinen "Einzelcoaching"
und Kurse zur "Befreiung der eigenen Stimme" anbietet; das von Carola’s
Schreib-Shop (mit Apostroph), der Pleite geht; das vom Niedergang der
Druckerei des Ehepaars Doberan; das von einem grotesken Arztbesuch,
bei dem Maurice sich eine Alterswarze entfernen lassen will; das vom piefeligen
Café Solitaire, wo Maurice Zeitungen liest, das dichtmachen muss.
Und außerberlinisch ein "Städtetrip" nach Turin und ein satirischer
Kongressbericht… Zschokkes Wundertüte des Alltäglichen ist bodenlos.
Und Maurice taucht ein
ins Mikrokosmische: "Spatzen fliegen heran und wälzen sich in der trockenen Erde
unter einem der Sträucher, einem abgestorbenen. So ein Staubbad von Spatzen
kennt er noch nicht. Neugierig schaut er zu und freut sich, etwas Neues geboten
zu kriegen. Wie Pferde, Katzen oder Schweine, wälzen sich die Spatzen in der
Topferde."
Aus der Beobachtung,
die Maurice gemacht hat, entwickelt Zschokke seine Poetologie: "Das Lustige an
den Spatzen ist nicht, was sie getan haben. Das Lustige an ihnen ist, daß
Maurice die Zeit hatte, sie wahrzunehmen. In jedem Augenblick tun Spatzen,
Menschen, Elefanten und Meere, was sie tun. In jeder Sekunde geschieht alles,
doch wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei
das Außergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber
der Rhythmus, der Fluß, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären,
zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den
Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloß vor,
wir würden, wo immer wir gehen und stehen, Spatzen sehen, Hunde, Winde, die sich
merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen – immer wieder natürlich und vor allem
Menschen, von denen wir am allermeisten glauben, längst zu wissen, wie sie sind,
die wir für unseresgleichen halten und demnach nicht für weiter beachtenswert;
doch wie sie sich verhalten, ist immer neu ganz und gar unbegreiflich."
So geht es auch
durchaus hart zur Sache. Leben und Sterben in Berlin: "Eine Greisin an einem
Fenster erweckt den Anschein, in diesem Buch die Rolle von Maurice’ Mutter
übernehmen zu wollen." Zschokke zeichnet ein gnadenloses Mutterporträt. Von
Millionen Müttern. Wofür Peter Handke ein ganzes Buch
("Wunschloses Unglück") brauchte, reichen ihm wenige Seiten, die erzählerisch
zweifellos der grandiose Höhepunkt sind. Und auch Hamid, der Freund, stirbt,
krebszerfressen, da hilft ihm alles Geld nicht mehr.
Zschokke hat einen
ureigenen Sprachsound. Er schreibt Sätze, deren ausgebuffte Unschuld umwerfend
ist: "Irgendwann hat Maurice damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu
machen. Je länger er sich darin übte, desto schwerer tat er sich damit. Zu allem
fiel ihm das eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen
Gegenteil, weswegen er, weil er sich immerzu selbst ins Wort fiel, schließlich
die Lust verlor, überhaupt noch etwas zu sagen. Andere, die mit ihm älter
geworden waren, redeten im Unterschied zu ihm mehr und mehr."
Oder: "Immer wieder ist
es verblüffend, mit welchem Gleichmut der Mensch seit Tausenden von Jahren seine
kurz bemessene Zeit verbringt, sitzend, liegend, belangloses Zeug redend, ohne
Appetit Kleinigkeiten knabbernd, ohne Durst an Flüssigkeiten nippend, Dinge
betrachtend, die ihm nichts sagen, sich auf Wege machend, die ihn an Orte
führen, wo er nichts verloren hat, im festen Glauben verankert, er sei ein
vernunftbegabtes Wesen und mache sich Gedanken über dies oder jenes, dabei in
Wahrheit nichts denkend, nur so vor sich hin tuckernd, ewig die gleichen
falschen Schlüsse ziehend, sich im Kreis drehend seit Tausenden von Jahren, von
Nebentischen Gesprächsfetzen aufschnappend, Sonnenbrillen betreffend oder
Tierfelle…" - insgesamt fast zwei Seiten, diese Thomas-Bernhard-Tirade [siehe
oben]. Wie jener ist Zschokke ein Moralist, was er jedoch, davon selbst
erschrocken, mit Scherzen camoufliert.
Sein Roman "Maurice mit
Huhn" hat eine Aura heiterer Grausamkeit, die den Leser rasch (und auf Dauer) in
ihren Bann zieht. Bravourös gelingt dem Autor die Erfüllung seines selbst
erklärten Vorsatzes: "Denen, die noch leben, erzählen, wie es war, als sie
lebten."
Maurice lauscht immer
wieder einem Cellospiel in der Nachbarschaft. Das zieht sich leitmotivisch
durchs ganze Buch. Gern wüsste er, wer da spielt, an künstlerisch eigentlich
unpassendem Ort, ist es ein Mann oder eine Frau: "Besuch beim Cellisten: Ein
etwa fünfzig Jahre alter Mann öffnet die Tür. Er hat weiche, volle Lippen. Die
Mundwinkel hängen leicht nach unten. Lefzen, denkt Maurice. … Besuch bei der
Cellistin: Eine etwa fünfundzwanzigjährige Frau öffnet die Tür. Ihr Körper ist
der eines Mädchens…" Unvermeidlich ein geiles Sexabenteuer, zur höhnischen
Befriedigung der Lesererwartung. Natürlich hat Maurice die Besuche phantasiert.
Kopfkino und kein Geheimnisverrat, der nur in profaner Banalität enden könnte.
Das Cello bleibt Sehnsuchtsmetapher.
Am genüsslichsten wohl
liest man Zschokkes wunderbaren Roman "Maurice mit Huhn", wenn man zur Lektüre
Bachs Cellosuiten auflegt, vielleicht gespielt von Pablo Casals.
(Niels Höpfner -
24.2.2oo6)
Die neue Leichtigkeit des
Seins
Matthias Zschokke schickt in seinem Berlin-Roman seinen
Helden auf Reisen
NICOLE HENNEBERG
Im ruhigen Sog des Erzählens, mit spürbar schweizerischem Sprachklang, finden
Engel und Spatzen, Mörder und Einsame, Schwätzer, Penner und Liebende zusammen.
Mittendrin: Maurice, der Eigenbrötler. Maurice steht vor dem Spiegel und rasiert
sich, er will mit einem Freund essen gehen. Viel lieber wäre er zu Hause
geblieben, in seiner stillen Wohnung, ohne mit jemandem reden zu müssen, denn
was soll man sich erzählen? Die Tage, Wochen, Jahre vergehen, doch sehen sie
alle gleich aus, meint er, und sie werfen nichts ab, das zu einer
Abendunterhaltung taugt. Soll er vielleicht erzählen, wie gern er die
Abenddämmerung mag, wenn die Farben anfangen, dunkel ineinander zu verschwimmen
und über den Dächern «Gebete, Seufzer und Flüche (…) aufsteigen wie Rauch im
Winter»? Oder soll er vom Cellospiel erzählen, das er durch die Wand seines
Büros hören kann? Er kennt den Musiker nicht, doch er hat ihn sich oft
vorgestellt - es könnte ja auch eine junge, hübsche Frau sein, vielleicht sollte
er ja doch versuchen, sie zu finden? Dass der Eigenbrötler Maurice ausgerechnet
ein «Kommunikationskontor» betreibt, ist schon Ironie genug; aber Matthias
Zschokke verlegt es auch noch in eine Gegend Berlins, die kurz vor dem Kollaps
zu stehen scheint: «Die Schuhe in den Auslagen hier oben machen einen
gesundheitspolizeilich fragwürdigen Eindruck, Tapetenläden dekorieren ihre
Fenster aufs absurdeste, die Tiere in den Zoologischen Handlungen erregen
Mitleid, (…) Drogeriemärkte erinnern an Gefängniskioske, wo es für Inhaftierte
das Nötigste zu kaufen gibt, Supermärkte an Lebensmittelausgabehangars in
Flüchtlingslagern.»
HÄSSLICH. Die Cafés in der Nachbarschaft sind grotesk hässlich, doch Maurice
besucht sie trotzdem: Nirgends kann er, anhand deren beiläufigen Gesten, mehr
über Menschen erfahren als hier. «Maurice mit Huhn» heisst der neue Roman von
Matthias Zschokke, und es geht darin, wie der Autor anmerkt, um Gott und die
Welt und den ganzen grossen Rest - was angesichts des entschlossenen Blickes des
kleinen Maurice auf dem Buchumschlag unmittelbar einleuchtet: Das Huhn auf
seinen Armen trägt er so sorgsam, als wäre es die Weltkugel selbst.
IDYLLISCH. Ausser Romanen und Erzählungen hat Matthias Zschokke, der 1954 in
Bern geboren wurde und seit 1980 in Berlin lebt, Theaterstücke geschrieben und
Filme gedreht, und oft lag seiner Prosa eine szenische oder eine Bild-Idee
zugrunde wie dem kleinen Roman «Loses Glück» (1999), der auf einer Jacht auf dem
idyllischen Bielersee spielt: Vier langjährige Freunde versuchen, einander ihr
Leben zu erzählen; doch mit ihrem Sprechen erreichen sie einander nicht. Es sind
nach-beckettsche Einsame, die monologisierend auf ihrem Unglück bestehen gegen
den Rest der Welt, der sie um ihr luxuriöses Leben beneiden würde. In seinem
neuen Roman öffnet Zschokke hingegen ein bewegtes Sprach- und Zeitpanorama, das
eine Welt einfangen will, deren innerer Zusammenhang sich jeden Tag, unter
Sturzbächen von Meinungen und Gefühlen, neu und anders aufzulösen scheint.
Maurice lebt bescheiden, mit den Figuren aus dem 2001 erschienenen
Erzählungsband «Der neue Nachbar» vergleichbar, die sich in schäbigen Zimmern
verkriechen, um mit niemandem sprechen zu müssen. Doch die Welt lässt sich,
trotz konzentrierter Bemühungen, nicht aussperren: Wie bei Maurice sind es die
Töne eines Cellos, die den unfreiwillig Lauschenden zurück in die Welt locken.
NEUGIERIG. Diesmal ist der Held neugierig auf das Leben, ja er liebt sogar
dessen Brüchigkeit: Zwischen Duden und Zeitung, zwischen Strassenbeobachtungen,
Erinnerungen und Fantasien kann er sich frei bewegen. Und mit dieser neuen
Leichtigkeit schickt der Autor ihn sogar auf die Reise in sein Heimatdorf, wo er
die alte Sprachvertrautheit geniesst und trotzdem ein Aussenstehender bleibt,
der sonderbare Fragen stellt. Von diesem archimedischen Punkt aus gelingt sogar
die Liebe: «Und wir wachen auf und sagen das Gleiche, und wir schlafen ein,
nachdem wir das Gleiche gesagt haben, und manchmal kommt ein neuer Gedanke
hinzu, der uns überrascht, eine neue Redewendung, die uns gefällt …»
VERSTÖREND. Es ist die Sprache, die die Welt aus ihren zusammenhanglosen
Bruchstücken immer wieder neu und anders zusammenfügt. Der Autor jongliert mit
den verschiedenen Möglichkeiten, ist bestrebt, alle gleichzeitig in der Luft zu
halten, und beschwert sich mitunter über larmoyante Entgleisungen seines Helden.
Manchmal klagt er auch selbst über die Mühen, all die Details in eine
angemessene Form zu bringen («Um den Abschnitt zu einem Rondo kurzzuschliessen
…»). Man fühlt sich beim Lesen an eine Bach-Sonate erinnert, doch immer wieder
blitzt die pure Gewalt auf, ohne dass der Erzähler merklich die Stimme höbe -
was einen verstörenden Effekt ergibt, den wir schon von Zschokkes
Geistesverwandtem Robert Walser her kennen. Anders als Wilhelm Genazino, der
sarkastisch die kleinbürgerlichen Marotten kommentiert, und anders als Markus
Werner, dessen Figuren von einem inneren Furor geschüttelt und getrieben werden,
glaubt Matthias Zschokke an die tiefere Wahrheit des Beiläufigen, in deren
ruhigem Sog sich, mit spürbar schweizerischem Sprachklang, Engel und Spatzen,
Mörder und Einsame, Schwätzer, Penner und Liebende zusammenfinden.
"Basler Zeitung", 14.2.2006
Sensationen des Alltags
Es ist die «Rhythmusstörung», die
den in Berlin lebenden Schweizer Schriftsteller interessiert - sein neuer Roman,
«Maurice mit Huhn», ist ein Protokoll der Ereignislosigkeit
Von
Ulrike Baureithel
Man müsse das Buch auf
jeder Seite aufschlagen und lesen können, wünscht sich Matthias Zschokke. «Jeder
Teil steht für sich, doch die Gesamtkomposition ergibt einen erkennbaren
Rhythmus.» Ich mache also den Versuch und schlage Zschokke auf, Seite 73. «Dass
sich gehenlässt, wer sich geliebt weiss», heisst es da. Der vierzehnzeilige
Abschnitt handelt vom nachlässigen Aufzug angejahrter Liebender («zerbeulte
Hosen», «zerdätschte Frisuren»), die wissen, dass sie nicht mehr gefallen
müssen, weil sich der liebende Partner daran erinnert, dass man ihm einmal
gefallen hat. Ein weiteres Mal zu gefallen, hiesse, «in die Abgründe einer neuen
Leidenschaft gerissen zu werden». Von dieser Furcht zurückgehalten, «vergisst
man oft, liebenswürdig zu sein». - Eine der vielen kleinen philosophischen
Betrachtungen, die Zschokkes neues Buch, «Maurice mit Huhn», bereithält; und man
sollte den Abschnitt nicht missverstehen: Der Autor dieser wohl gefeilten, wenn
auch nicht wohlfeilen Stücke will gefallen, auch wenn er keine Lust hat, die
obligatorischen Schubladen zu bedienen.
Sein «Roman» genanntes
Buch hebt damit an, dass Maurice lieber in seinem Büro sitzen bliebe und vor
sich hinstarrte, als das Hemd zu wechseln, sich zu rasieren, um seinen
Schauspielerfreund Flavian zu treffen, mit dem er nichts auszutauschen hat. Denn
was gäbe es schon zu erzählen von Maurices Existenz im Berliner Nordosten, wo
die Blumen welk in den Läden hängen, die Ärzte und Apotheker blass aussehen und
selbst das Café Solitaire um die Ecke, wo Maurice «seine Zeit absitzt» und
tätige Müssiggänger beobachtet, in Agonie fällt. «Wer es nicht schafft,
rechtzeitig wegzuziehen», so das vernichtende Urteil über die Gegend,
«versickert und verendet hier.»
Welke Blumen,
blasse Ärzte
Mit Maurice teilt Matthias
Zschokke die Vorliebe für Café-Häuser, und als wir uns, nicht im Berliner
Nordosten, sondern im alten Westen in einem traditionsreichen Literaturcafé
treffen, kommt der winterblasse Mann gerade aus dem entgegengesetzten Ende der
Republik zurück. Einfacher, erzählt er, sei dort das Leben gegenüber dem
anstrengenden in Berlin, wo es im Winter besonders dunkel ist (was offenbar
immer nur SchweizerInnen aufzufallen scheint, die Stadt nimmts gelassen). Seit
1980 sitzt der 1954 in Bern geborene und im Aargau aufgewachsene Autor und
Filmemacher nun seine Zeit ab in dieser Stadt, in die es ihn verschlagen hat,
weil es eben eine Grossstadt hatte sein sollen, Berlin damals billig war und
Schweizer Markenware gefragt. Mittlerweile, findet er, sei die Schweizer
Literatur hier allerdings wie überhaupt in Deutschland randständig geworden.
Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass die zschokkeschen
Dichterexistenzen, von denen er erzählt, seit Jahren eher an der Peripherie als
im Zentrum angesiedelt sind.
Billig ist Berlin
inzwischen nämlich nur noch in den Randbezirken, in Wedding zum Beispiel, wo
Maurice sein «Kommunikationsbüro» unterhält, weil er sich eine bessere Adresse
nicht leisten kann und hier die legasthenische Kundschaft lebt, die seine
Dienstleistungen nachfragt. Wenn er nicht gerade im «Solitaire» sitzt oder
heimlich den baren Fussabdrücken einer jungen Frau folgt, die am Spreeufer
spaziert, verschanzt sich Maurice in seinem heruntergekommenen Hinterhofbüro und
lauscht den Tönen eines unsichtbaren Cellos, das auf den folgenden 250 Seiten
das Leitmotiv liefert. In Zschokkes vor vier Jahren erschienenem Erzählband «Der
neue Nachbar» hatte das Cello schon einmal für kurze Zeit die erzählerische
Führung übernommen, war auf dem Höhepunkt allerdings einfach abgebrochen, mit
der vom Publikum nicht sehr ernst genommenen Ankündigung: «Fortsetzung folgt.»
Rätselhaftes Cello
Nun hat Zschokke die
Fortsetzung also tatsächlich nachgereicht, auch wenn dabei, wie er versichert,
ein neuer Grundton das Motiv dominiert und eine neue Melodie entstanden ist. Um
dieses Cello und ihre Töne erzeugende Urheberin kreisen Maurices Fantasien:
Handelt es sich um einen Mann, eine Frau? Um ein unentdecktes Talent, ein Genie
gar? Ist es, wenn es schweigt, endgültig verstummt, gestorben oder nur ins
wohlhabende Zehlendorf gezogen? Warum ertönt plötzlich ein Klavier, dann wieder
ein Fagott? Maurice führt lange Monologe mit dem Cellisten, treibts mit der
Cellistin auf dem Balkon, unternimmt aber keinen wirklichen Versuch, dem
geheimnisvollen Spiel auf die Spur zu kommen. «Maurice träumt von der
Sensation», erklärt Zschokke, «und hat deshalb Angst, das Rätsel zu lösen.»
Dafür beobachtet Maurice
seine Umgebung, registriert jedes kleinste Zeichen des Verfalls in der stehen
gebliebenen Zeit, abseits des Metropolenaktionismus. Den Berliner
Durchsteckschlössern wird dabei die gleiche erzählerische Aufmerksamkeit zuteil
wie dem Abstieg des Buchdruckers Doberan, den Maurice in Briefen an den fernen
Freund Hamid protokolliert, wobei er sich als Ich-Figur endlich ins Spiel
bringen darf. Je weniger passiert, desto dringlicher fordert die
Ereignislosigkeit, dieses «müde Trotten durch ödes Einerlei», Rechenschaft.
Selbst wenn Maurice Reisen unternimmt, zum Beispiel an die Kindheitsstätten in
der Schweiz, handeln sie vom Stillstand in der Zeit - der Titel des Romans,
«Maurice mit Huhn», ist einem Genregemälde von Albert Anker entlehnt.
Am Genre kaut Zschokke
denn auch heftig herum: Ihn langweilten die gut gebauten, fertigen Geschichten
mit Anfang, Höhepunkt und Ende, diese Stückware, die in den Leipziger oder
Oldenburger Schreibwerkstätten hergestellt wird. Nicht die Sensation «ist das
Grandiose», sondern «die Rhythmusstörung, der Aussetzer» und das am Rande
Aufgesammelte, Belanglose, in dem sich das Ganze verbirgt. Zschokke plädiert für
eine «philosophische, essayistische» Romanform, die Einsprengsel, Abschweifung,
Mehrstimmigkeit, Perspektiv- und Zeitenwechsel und das lange Verweilen im
Augenblick erlaubt. Die barocke Erzähltradition wird dabei ebenso geplündert und
in den Roman geschmuggelt wie das Theaterfach, aus dem der gelernte Schauspieler
Zschokke ursprünglich stammt. Wenn er seitenweise von den schmerzenden Füssen
der Besitzlosen berichtet, die die falschen Schuhe tragen, dann meint er das
Leben in den falschen Schuhen ebenso wie die falsche «passende» literarische
Form. Wie Hühner, die absichtslos picken, oder Töne, wenn sie ohne Zuhörer
gespielt werden und nicht gefallen wollen, muss also Literatur im besten Sinne
zweck- und absichtslos sein, nicht erziehen wollen oder nur unterhalten.
Dafür allerdings sind
Zschokkes Sätze zu massgeschneidert und seine Beobachtungen viel zu
wahrnehmungsbesoffen und hintersinnig. Absichtslos wird hier kein Wort gesetzt,
«jeder Satz», beharrt der Autor, «gehört genau so, wie er da steht». Das macht
das Lesen mitunter auch zur Anstrengung. Gerade weil der Text so unstrukturiert
und absichtslos dahinzufliessen scheint, wird der Leser in ständige
Alarmbereitschaft versetzt. Schwächer ist der Roman - wie schon die Erzählungen
- dort, wo es um Politik geht. Vielleicht haben politische Ereignisse - der
Krieg in Jugoslawien ebenso wie die Entschlüsselung des Genoms - eine kurze
Halbwertszeit, und vielleicht sind ja wirklich alle Theater mittlerweile «von
Händlern» besetzt: Doch dass deshalb Maurices Meinung über Fahrräder die
Wichtigkeitsskala umkrempeln könnte, wäre noch zu beweisen.
Das allerdings sollte kein
ernst gemeinter Einwand gegen die Lektüre sein. Wer sich auf Zschokke einlässt,
sollte sich nicht auf eine «runde Geschichte» freuen, dafür auf eine
melancholisch gestimmte, wahrnehmungsintensive Entdeckungsreise machen, auf der
Unscheinbares attraktiv, Belangloses sensationell und Abseitiges bedeutungsvoll
wird und die viel Lebensklugheit bereithält.
"WOZ - Die Wochenzeitung", Zürich, 23.2.2oo6
Liebenswerte Gleichförmigkeit
Matthias Zschokke präsentiert ein Buch über die
kleinen Tragödien und Komödien, die sich nebenan abspielen
Der in Berlin lebende Berner Schriftsteller,
Filmemacher und Theaterautor Matthias Zschokke setzt in «Maurice mit Huhn»
seine Alltagsbeobachtungen mit heiter-ironischer Melancholie fort.
Gibt es einen Diminutiv für Leben? Das
Lebenchen, das Lebenlein? Unsinn. Auf so abwegige Gedanken kann einen nur so
einer wie Matthias Zschokke bringen, der sich auch im jüngsten Buch wieder als
geistvoller Flaneur, unermüdlicher Kuriositätensammler, unerschöpflicher
Ideenspinner und spöttisch distanzierter Beobachter des Alltags erweist, und
zwar zumeist in Berlin, wo er seit nunmehr dreissig Jahren lebt, aber auch auf
kleineren Reisen oder wenn er Kindheitserinnerungen wieder belebt, die ihn
zurück ins Seeland und ins Anker-Dorf Ins führen. Weshalb denn auch sein Buch
den Titel «Maurice mit Huhn» trägt, wie wiederum ein Gemälde von Albert Anker
heisst.
«Unfassbarste Tragödien»
Was dem Exilberner
Paul Nizon, Jahrgang 1929, Paris bedeutet, das
ist für den ein Vierteljahrhundert später ebenfalls in Bern geborenen Matthias
Zschokke Berlin geworden: Ort des Lebens, der Erfahrungsfülle immer wieder, der
Geistesabenteuer dann und wann und deren Vereinnahmung und Verwirklichung durch
die Sprache. Für die Leser wiederum heisst das auch, bei Zschokke wie bei Nizon,
Rückkehr zu Örtlichkeiten, Situationen und Beziehungen, die schon in früheren
Werken aufgetaucht sind. Im Falle Zschokkes zum Beispiel ist das die Wohnung, in
die immer wieder die schwer zu lokalisierenden Klänge eines Cellos dringen. Aber
anders als bei Nizon, wo Erotik und Leidenschaften in der Sprachwerdung sich zum
singulären Ereignis auftürmen, ists bei Zschokke in der Regel das
Alltagsgleichmass, das ihn beschäftigt, das ihn unterhält, lächert und
handkehrum abstösst. «Wer sich Rechenschaft über sein eigenes Leben ablegt»,
schreibt er, «kommt zum Schluss, es gleiche sich tagaus, tagein, es sei ein
müdes Trotten durch ödes Einerlei aufs von jeglicher Überraschung bare Ende zu.»
Und weiter: «Wer etwas genauer hinschaut, wird feststellen, dass sich in seiner
unmittelbaren Umgebung die unfassbarsten Tragödien und Komödien ereignen und er
gar nicht ins Phantasiereich der anderen auszuwandern bräuchte, um angeregt zu
werden.»
Ja, solches Sinnieren über das «Leben» und ab und zu sonstwie ein nachdenkliches
Traktätlein über das eine und andere Phänomen des Daseins kommen auch vor in
Zschokkes Kollektion aus «Tagen süsser Trostlosigkeit» (wie er, bzw. der
zuschauende, notierende und Briefe schreibende Maurice sie nennt); aber meistens
handelt es sich doch eher um das distanziert teilnehmende Beobachten konkreter
Individuen und realer Geschehnisse, von Beständigem und Veränderlichem in der
Nachbarschaft, von Stimmungen des Lichts, Gerüchen, Geräuschen, Aromen der
Stadt.
Das grosse
Abenteuer
Sogar so etwas wie
leibhaftige Brunst scheint Maurice einmal zu übermannen. Der Spieler des Cellos
im verwinkelten Nachbarhaus, den Maurice endlich aufspürt, der erweist sich
nämlich als eine Spielerin, und schon nach kurzem Geplauder gibt diese sich ihm,
auf dem Balkon des Hauses, mit Wonne hin. Maurice erlebt endlich, endlich sein
grosses Abenteuer, der banale Werktag explodiert mit Wucht – bloss, er gesteht
es am Ende, ist der ganze Vorgang reine Phantasterei, blosses Wunschdenken,
Traumbegehren, das den Klängen des verborgenen Cellos entsprungen ist. Maurice,
der zwar bei Gelegenheit eine Freundin zur Seite hat und mit einem Freund zu
korrespondieren pflegt, bleibt der ewige Einzelgänger, der abseits steht, dabei
ein bisschen traurig ist, weil nichts sich als so tief und so vollkommen
erweist, wie man sichs erträumt hat, und daneben ist er auch ein bisschen
amüsiert, weil die Leute gerade in ihrer Unvollkommenheit so komisch sind. Wenn
man beim Lesen sich Maurice so vorstellt, wie er in seiner kahlen Behausung
aufschreibt, was ihm widerfahren oder eben auch nicht widerfahren ist, da kommt
einem unwillkürlich ein kleines Gedicht von Robert Walser in den Sinn (wie ja
überhaupt bei Zschokke manche Klänge an Walser erinnern): «Ich mache meinen
Gang; / der führt ein Stückchen weit / und heim; dann ohne Klang / und Wort bin
ich beiseit.»
Charles Cornu, "Der Bund", Bern, 23.2.2oo6
Der Mann im Café Solitaire
«Maurice mit Huhn» - Matthias Zschokkes berückender
Roman
Matthias Zschokke hat eine
leichthändige Romankomödie geschrieben. Sie ist witzig, doch lauert am Rande die
Finsternis. Nichts Menschliches fehlt. Göttliches scheint kaum auf - es sei denn
als der reine Klang eines Cellos, das von irgendwoher durch die Wände dringt.
Miniaturdramen folgen aufeinander, gelebt von anrührenden Leuten, vor allem von
Maurice, der Hauptfigur. Einer liebenswürdigeren Gestalt begegnet man in der
neueren Literatur nicht leicht. Nicht einmal bei Zschokke selber. Dabei gibt er
sich Mühe, seinen Protagonisten auch ein bisschen lächerlich erscheinen zu
lassen.
Hintersinnige Geschichten
Aber nur ein bisschen. Maurice hat den überlegenen Charme der Erfolglosen, die
den Erfolg durchschauen und darum verweigern. Er ist ein trauriger Clown, über
den man laut lachen kann, auch dann, wenn man mit ihm leidet. Manchmal lacht man
qualvoll. Weil er so Recht hat mit seinen schwarzen Gedanken zum Leben, zum
Heute, zum Ort, wo er wohnt, Berlin. Maurice stammt aus der Schweiz, aus dem
gleichen Dorf wie der berühmte Maler, der in Paris einst Furore machte mit
Bildern von Bauernkindern. Dieser malte auch Porträts seines Sohnes Maurice.
Darum trage er diesen Namen wie viele andere in jenem Dorf im Grossen Moos beim
Städtchen L., erklärt der Romanheld. «Maurice mit Huhn»: das Bild Albert Ankers
ziert den Umschlag.
Der Autor - auf einer neuen Höhe seiner Kunst - lässt seinen Mann schreiben.
Maurice fährt von der Wohnung beim Bahnhof Zoo täglich mit dem Fahrrad zum Büro
im öden Nordosten Berlins. «Kommunikationskontor» heisst seine Firma. Er
bestreitet sie allein, erhält hie und da Aufträge von Einwanderern, für die er
amtliche Briefschaften erledigt. Daneben richtet er Briefe an Hamid, seinen
ehemaligen Geschäftspartner, der in Genf längst einen besseren Job hat. Er
schildert Hamid seinen Alltag in dem tristen Quartier, das dieser ja kennt. Er
erzählt vom Café Solitaire, wo er trotz Sauerbratengerüchen täglich seinen
Milchkaffee trinkt, von den Läden, die immer wieder aufgeben müssen, von den
Bewohnern, für die es kein Entrinnen gibt aus dieser Randzone. Er berichtet von
ihren Verlusten und Widersprüchen, auch von der Greisin, die, am Fenster ihres
Hinterhofes kauernd, auf Maurice wartet. Sie bildet sich ein, er sei ihr Sohn.
Lauter verrückte und hintersinnig gewöhnliche Geschichten. Es sind diese
tausendundein Geschichten, die bewirken, dass sich Maurice doch nicht unter die
S-Bahn wirft. Denn er ist ein verkappter Schriftsteller. Wenn er schreibt, lebt
er gern. Hierfür verbringt er seine Tage im Büro. Da gewinnt er seine eigene
Sicht auf die Dinge, seine eigene Sprache. Ein Satz müsse stumm für sich allein
stehen; sobald er vor Dritten geäussert werde, klinge er falsch. Darum schreibt
er lieber, als er redet. Er ist ein zarter dichterischer Philosoph. Aber er wird
nie abstrakt, sondern kleidet alles in grossartige Exempel.
Er erzeugt Spannung mit fast nichts. Zu einem Leitmotiv wird die Musik, die ihn
manchmal mit Macht ergreift. Maurice phantasiert deren Urheber herbei, noch
lieber deren Urheberin. Mit der «Cellistin» erträumt er eine Liebesstunde, deren
üppige Schilderung jedem Erotikthriller wohl anstehen würde.
Dieser Roman ist dicht angefüllt mit Wirklichkeiten. Doch liegt auch ein
Zwielicht darüber. Das kommt von Maurices fahler Seele. Er erfährt die Welt als
«Zwischenreich», wie er einmal sagt, als eine Art Purgatorio. Überall nimmt er
das Vergehen wahr. An den Uhren frisst der Rost, Autos schmelzen vor seinen
Augen zu Klumpen zusammen. Dass nichts Bestand hat hienieden, ist an abgewetzten
Orten augenfälliger. Weil er Oberflächen durchsichtig macht, liest man ihn
gebannt, aber auch beklommen. Er erzählt auf so hartnäckig hinterhältige Weise,
dass man bald an Beckett, bald an Robert Walser denkt. Das sind grosse Massstäbe,
gewiss, aber Matthias Zschokke wird ihnen gerecht.
Kostbare Lektüre
Abgesehen von den eingeschobenen Briefen verzichtet der Autor diesmal auf jede
aufwendige Erzählkonstruktion. Er erfindet kein Boot als Kleinstschauplatz wie
im «Losen Glück», und er lässt auch keinen dicken Dichter sterben. Er beschränkt
sich auf die Darstellung eines etwas kauzigen Daseins, das ab und zu
unterweltlich fratzenhaft wird. Wenn er etwa erklärt, wieso in dem Quartier so
viele Amputierte anzutreffen sind. Junge Ärzte brauchten für ihren Abschluss
eine Brust, eine Niere, ein Raucherbein und bezögen ihre «Fälle» gern aus
Randbezirken. Nicht dass die Leute bezahlt würden für ihre Körperteile. Doch die
Aussicht auf ein warmes Essen und saubere Leintücher gewinne fast jeden für
einen chirurgischen Eingriff. «Wer überlebt, flaniert hinterher durch die
Quartierstrassen, die Versehrungen stolz zur Schau stellend wie solche aus einem
grossen, ehrenvollen Krieg.»
Es gibt aber auch die «würgende Geborgenheit» des Schweizer Heimatidylls, in das
Maurice hie und da zurückkehrt und wo er der merkwürdigsten Auftritte gewahr
wird. Etwa in der Begegnung mit einer Schulklasse, die mit Koffern übers Feld
zieht. Die Kinder müssten erfahren, was es heisse, vertrieben zu werden, erklärt
der Lehrer dem verdutzten Auslandschweizer. Darum habe er sie nach
Unterrichtsbeginn gleich wieder heimgeschickt und ihnen befohlen, innert
kürzester Frist das Nötigste einzupacken.
Der pädagogische Einfall entspricht ungefähr der Forderung nach mehr
«Erfahrenshintergrund», wie sie gelegentlich an verwöhnte Schriftsteller
gestellt wird. Maurice liest darüber in der Zeitung im Café Solitaire. Etwas
Krieg würde jeder Dichtung gut tun, so die Theorie eines «am deutschen
Geisteshimmel neu aufsteigenden Denksterns».
Zschokkes Prosa ist auch diesmal nicht leicht zu fassen. Sie lässt die Welt fast
banal erscheinen und rückt sie dabei unauffällig aus dem Lot. Der
Menschenkosmos, den sie in Schieflage bringt, ist der unsere. Eine kostbare
Lektüre.
Beatrice von Matt
"Neue Zürcher Zeitung", 25.2.2oo6
Vogelfrei vor Glück
Matthias Zschocke erzählt mit Schweizer Charme vom Berliner Stillstand
Von Ulrike Baureithel
Es ist natürlich eine Übertreibung, dass sich HartzIV-Geschädigte aus dem
Berliner Wedding in der „Aussicht auf ein helles, warmes Zimmer, wochenlang
frische Laken, regelmäßige Kost, menschliche Zuwendung drei mal am Tag und
funktionierende Fernsehgeräte“ im nahe gelegen Universitätsklinikum ihre Glieder
amputieren lassen. Auch die in den Schweizer Bergen handelnde Geschichte, in der
inhaftierte Mörder und Betrüger Sänften aus Fahrradteilen zusammenschweißen, um
auf karitativer Basis Gelähmte zu Bergtouren auszuführen, ist eine Mär und in
diesem Fall, so ihr Erfinder, dem besonderen Schweizer Humor geschuldet.
Tatsächlich kann man Matthias Zschokkes neues Buch „Maurice mit Huhn“, mit dem
sich der seit 1980 in Berlin lebende Autor nach vierjähriger Pause zurückmeldet,
auf jeder beliebigen Seite aufschlagen und eine mehr oder minder skurrile
Geschichte, eine lebenskluge Betrachtung oder einen entlegenen
Wahrnehmungssplitter finden: blutvoll genug, um eigenständig bestehen zu können,
zugleich „in schönster Rondomanier“ in die anderen Teile eingebunden.
Den erzählerischen Grundton übernimmt dabei ein Cello, das schon in Zschokkes
2002 veröffentlichtem Erzählband „Ein neuer Nachbar“ eingeführt und mit dem
Versprechen „Fortsetzung folgt“ versehen wurde. Nun also erklingt dieses Cello
erneut, versteckt in einem Hinterhaus im Berliner Nordosten, wo es Maurices
Aufmerksamkeit erregt. Dieser Maurice, der sich selbst als „unscheinbar und
uninteressant“ empfindet, unterhält dort ein „Kommunikationsbüro“, wo er, da er
sich keine bessere Adresse leisten kann, seine Dienste anbietet. Meist
allerdings sitzt er untätig am Schreibtisch, im Café „Solitaire“ am nah
gelegenen Nettelbeckplatz oder flaniert durch den Kiez. Denn im Hauptberuf ist
Maurice Wahrnehmungssensor, der den langsamen Niedergang seiner Umgebung – den
Wechsel der Pächter, den Ausverkauf der Läden und die fehlgenährte Blässe der
Bewohner - minuziös registriert: „Wer es nicht schafft, rechtzeitig wegzuziehen,
versickert und verendet hier.“
Allerdings leidet Maurice auch an einer Sprechhemmung, die um so dramatischer
wird, je mehr die Zeit um ihn herum stillzustehen scheint. Mit seinem
Schauspieler-Freund Flavian mag er sich schon nicht mehr treffen, weil er das
„dumme Zeug“, das dann aus ihren Mündern stürzt, nicht mehr ertragen kann. Die
Frau, die ihm gegenüber sitzt und die „die Rolle seiner Geliebten übernommen
hat“, liebt er schweigend; soziale Kontakte hält er für eine Zumutung. Nur in
den Briefen an den fernen Freund Hamid, der seine Büromiete finanziert, spricht
er von seiner Befindlichkeit und sagt „ich“.
Maurice erzählt in diesen Briefen auch vom Cello hinter der Wand, von seiner
Freude am Spiel, von der Betrübnis, wenn es ausbleibt: In welchem Haus mag es
sich verbergen, von wem wird es gespielt, ist ein Talent, gar ein Genie am Werk,
und hat es in diesem dahindümpelnden Teil der Stadt überhaupt eine Chance?
Maurice führt lange Monologe mit dem Cellisten und treibt’s mit der Cellistin
auf dem Balkon. Verstummt das Cello einige Tage, fürchtet er, es sei ermordet
worden oder ins angemessenere Zehlendorf verzogen. Seine Versuche, das
Instrument aufzuspüren, bleiben halbherzig und im Ansatz stecken; lieber
blättert er im Duden nach vergessenen Wörtern, widmet sich der akkuraten
Beschreibung Berliner Durchsteckschlösser oder einer Kamelie, die, obwohl
kleinwüchsig und verkrüppelt, „Winter für Winter die schönsten,
sehnsuchtsvollsten Blüten aus sich heraus“ erzeugt.
Dieses süchtige Sehnen in der dahin- tröpfelnden Zeit, in der Sekunde für
Sekunde „alles geschieht“ und die doch nur als Stillstand empfunden wird, ist
Zschokkes Thema und Erzählprogramm. Gleichgültig, ob er von der siechen Greisin
am Fenster berichtet (in der Rolle von Maurices Mutter), Maurice an die Stätten
seiner Kindheit zurückreisen oder einfach nur das still gestellte Genregemälde
„Maurice mit Huhn“ aufleben lässt, überall treibt ihn die Frage, „wofür wir
leben, wenn wir bleiben, was wir waren“.
Dieser zutiefst barocke Weltzweifel ruft ein Teatro mundi auf, auf dem die
Spieler ihre Füße in „schmerzende Schuhe“ zwängen, weil es „Anstrengung und
Kühnheit erfordert“, von Schuhen und vom Leben „zu verlangen, dass sie passen“.
So„verkürzen sie sich ihre lange Weile“ mit erfundenen „Geschichten mit Hand und
Fuß, Anfang und Ende, Aktionen und Reaktionen, Ursachen und Wirkungen“.
Solche „handwerklich gut durcherzählten, schnellen Geschichten“, in denen die
„Rhythmusstörung“, der „Aussetzer“ die Form diktiert, interessieren den 1954 in
Bern geborenen und im Aargau aufgewachsenen Matthias Zschokke erklärtermaßen
nicht. Dabei haben das Theater- und Filmgewerbe, in dem er sich ebenfalls einen
preiswürdigen Namen gemacht hat, sichtlich ihre komischen Spuren hinterlassen:
Chirurgische Schnitte unterbrechen den Wahrnehmungsfluss, maßgeschneiderte
Sentenzen stören das treibende Erzählgut, Distanzgesten die Illusion – und
schwebende Motive geben Rätsel auf.
Hühner gehören übrigens seit seinem ersten [recte: letztem] Roman „Das lose
Glück“ (1999) zu Zschokkes Lieblingsmotiven. „Gerupfte Hühner, die nicht wissen,
dass sie sterben“, heißt es dort programmatisch, „die ganz und gar damit
beschäftigt sind, Hühner zu sein, sich in den Sand zu hocken, wieder
aufzustehen, das Gleichgewicht zu halten … vogelfrei, im losen Glück.“ Listig
hat Zschokke das Huhn nun Maurice in den Arm gelegt, auch dieser nichts weiter
als „ein Wissenskörner pickendes Huhn“. Vielleicht sollte man dieses Buch
genauso lesen: pickend über die Seiten schreiten, sich hinhocken, wieder
aufstehen und dabei nicht das Gleichgewicht verlieren.
"Der Tagesspiegel", Berlin, 26.2.2oo6
Das Leben ist ein Mysterium
Matthias
Zschokke: "Maurice mit Huhn"
Rezensiert von
Jörg Magenau
In
dem neuem Buch des Berliner Autors Matthias Zschokke, "Maurice mit Huhn", geht
der Leser zusammen mit dem Flaneur Maurice auf eine Entdeckungsreise in der
Großstadt Berlin. Das Alter Ego des Autors Maurice erlebt nicht viel Spannendes,
es ist vielmehr der Rhythmus und Fluss des Lebens, den er mit Präzision
liebevoll dokumentiert. Als schweizerischer Erzähler in der Tradition Robert
Walsers begegnet Zschokke dem Mysterium "Leben" staunend und erzählend.
In Matthias Zschokkes Erzählungsband
"Ein neuer Nachbar" gab es eine Geschichte mit dem Titel "Das Cello". Sie
handelte von einem Mann, der durch die Wand seines Büros immer wieder die Töne
eines Cellos hört. Die Klänge faszinieren ihn, und er stellt sich vor, wer
dort im Verborgenen übt.
Es gelingt ihm nicht zu lokalisieren, woher die Musik kommt: irgendwo aus dem
Nachbarhaus in einem verwinkelten Berliner Hinterhofkomplex. Doch eigentlich
will er es auch gar nicht wissen. Seine Suche bleibt halbherzig, und die
Phantasien um eine schöne Cellistin sind zu kostbar, als dass sie durch eine
Enttäuschung in der Wirklichkeit aufgewogen werden könnten.
Die Geschichte endete mit dem lakonischen Vermerk: "Fortsetzung folgt". Der
Roman "Maurice mit Huhn" ist nun diese Fortsetzung, wenn man bei einem Buch,
das allerlei Geschichten, Beobachtungen, Empfindungen, Reflexionen und
Aphorismen versammelt, überhaupt von einer Fortsetzung reden kann. Eine
nacherzählbare Handlung gibt es nicht. Vielmehr geht um das Leben selbst, um
das Verstreichen der Zeit, den Alltag und das Altern und um die Wahrnehmung
der Dinge.
"In jeder Sekunde geschieht alles",
heißt es an einer Stelle, "doch wir sehen es
nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das
Außergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber
der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen wären, zu
sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen."
Also kann in diesem außergewöhnlichen Buch alles interessant werden: die
Spatzen, die im Sand baden, ein Besuch beim Arzt, die Veränderungen in der
benachbarten Konditorei, der Wechsel der Jahreszeiten und die Läuse im Efeu,
das notorische Fensterputzen und eben auch die Töne eines Cellos.
Matthias Zschokke wurde 1954 in Bern geboren und lebt seit 30 Jahren als
Schriftsteller, Filmemacher und Theaterautor in Berlin. Mit Maurice hat er
sich ein Alter Ego geschaffen, einen Flaneur in der Großstadt, der gerne mit
dem Fahrrad unterwegs ist und der die abgelegenen Gebiete bevorzugt. Im
Wedding hat er einen Büroraum gemietet, wie Zschokke selbst. Allerdings ist
Maurice kein Schriftsteller, sondern betreibt ein "Kommunikationskontor".
Dort übernimmt er die Amtskorrespondenzen für "ausländische und orthographisch
benachteiligte Mitbürger". Das heißt: Er hat so leidlich sein Auskommen, sitzt
aber sehr oft einfach nur herum, denkt nach und schreibt ein paar Briefe an
seinen Freund Hamid (der am Ende stirbt). Der erste Satz des Romans ist
Programm: "Wieder nichts zu tun gehabt."
Zschokke ist ein sehr schweizerischer Erzähler in der Tradition Robert
Walsers. Action- und spannungsorientierte Leser müssen vor ihm gewarnt werden.
Alle anderen können in seinen Büchern auf Entdeckungsreisen gehen. Maurice
preist die Stille und möchte am liebsten, wie alle echten Indianer, unhörbar
sein, wenn er sich durch die Welt bewegt. Menschen zu begegnen und gar
Gespräche führen zu müssen ist ihm zuwider. Reisen hält er eigentlich für
überflüssig, unterzieht sich aber dennoch immer wieder dieser Anstrengung.
Mehrmals reist er in sein Schweizer Heimatdorf, wo er Seltsames erlebt: Eine
Schulklasse mit Koffern in der Hand marschiert durch den Ort, weil die Kinder,
wie der Lehrer erklärt, begreifen sollen, was es bedeutet, vertrieben zu
werden. In diesem Ort bei Bern löst sich auch das Rätsel des Romantitels:
"Maurice mit Huhn" ist ein Bild des hier geborenen Malers Albert Anker, eines
Naturalisten aus dem 19. Jahrhundert. Ihm, der einst häufig nach Paris reiste,
ist es zu verdanken, dass auch heute noch die Züge hier halten und dass die
Jungen im Ort häufig "Maurice" heißen.
"Maurice mit Huhn" ist ein Roman, der wie eine Wundertüte funktioniert. Er
enthält großartige Geschichten - ob vom sterbenden Präsidenten Mitterand oder
von homoerotischen Kindheitserfahrungen. Die Töne des Cellos aus dem
Nachbarhaus verbinden die disparaten Momente. Das Leben ist ein Mysterium, dem
man nur staunend - und das heißt: erzählend - begegnen kann. Doch das
Verstreichen der Zeit lässt sich nicht fassen.
"Nicht einmal das Leichteste, nicht einmal
meinen Schatten und meinen eigenen Geruch kann ich halten, nichts, alles löst
sich auf", notiert Maurice.
"Deutschlandradio Kultur", Berlin, 27.2.2oo6
Das Aussergewöhnliche im Alltag
In
allen Sparten und Tönen gewieft: Der in Berlin lebende Berner Matthias
Zschokke hat einen wunderbaren Roman über die Frage nach der Identität
geschrieben. Am 6. März stellt er seinen «Maurice mit Huhn» in Bern vor.
JOHANNES KÜNZLER
Maurice ist ein Prachtexemplar, ein
wahrer Antiheld. Im trostlosen Nordosten Berlins betreibt er ein
«Kommunikationskontor», eine Schreibstube für weniger Wortgewandte. Ab und zu
fährt er ins Schweizer Seeland, wo er die Orte seiner Kindheit besucht. Maurice
findet, er führe ein unspektakuläres Leben. Gerne schlendert er herum,
beobachtet das nahe Liegende – und freut sich daran. Doch oft überkommt ihn das
Gefühl, das richtige Leben ziehe an ihm vorbei.
Nach jedem
Ausbruchversuch, die «Wirklichkeit» zu spüren, findet er sich schon in Kürze am
Schreibtisch und in seine Gedanken versunken wieder. Von irgendwo drüben hinter
den Wänden tönt sanft ein Cello herüber, Maurice möchte den Cellisten oder die
Cellistin aufsuchen – er tut es nicht. Lieber denkt er sich Szenen einer solchen
Begegnung aus. «Wissen ist grauenvoll, erholsam dagegen das Ahnen», meint er.
Blubbern im
Kopf
So ist Maurice – dieser exemplarische
Protagonist aus Matthias Zschokkes Figurenkabinett. «Irgendwann hat Maurice
damit begonnen, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Zu allem fiel ihm das
eine oder andere ein, gleichzeitig aber auch immer dessen Gegenteil, weswegen
er, weil er sich immerzu ins Wort fiel, schliesslich die Lust verlor, überhaupt
noch etwas zu sagen.» Und Maurice’ Gedanken- und Redefluss mäandert immer fort.
Lässt er sich
zuerst von einem Erzähler vorführen, nimmt er diesem unvermittelt das Wort, um
selber weiterzusprechen. Das Spiel mit der Erzählperspektive – das Matthias
Zschokke bereits in früheren Romanen getrieben hat – geht so weit, bis die
Erzählfigur perplex bemerkt: «Was für ein Durcheinander. Wer hat dazwischen
gesprochen? Maurice’ Freund? Ein Jugendfreund? Ein weiterer Maurice?»
Dem 52-jährigen Berner Seeländer Matthias Zschokke, der seit 1980 in Berlin
lebt, geht es weniger um das Autobiografische, obwohl auch in diesem Roman
einige Passagen auf seinen Lebenslauf verweisen. Im Mittelpunkt steht die Frage,
wie Identität zu fassen ist: Nur punktuell, aus verschiedenen Blickwinkeln, muss
die Antwort lauten. Ganz so, wie Zschokkes Roman kein klassisches Roman-Ganzes
ergibt, sondern sein «Panorama» aus unzähligen Fragmenten zusammensetzt, wobei
die Leser die Lücken und Sprünge selber ausmalen dürfen.
Ganz nach Zschokkes Manier gibt es in «Maurice mit Huhn» keine eigentliche
Handlung, sondern vielmehr ein träumerisches Assoziieren und Collagieren
zahlloser Szenen, Geschichtchen und Gedankenfetzen: Wie zäh sich in der
Sommerglut die Spree durch Berlin schiebt, wie sich ein Arbeitsloser im Café «Solitaire»
beschäftigt gibt, welchen Genuss ein Gnagi verspricht und dies nicht halten kann
und so weiter.
Stöbern im
Alltag
Somit sind Buch und Figuren fest in
unserer Welt verankert: Wenn die Rede auf jenen unseligen 11. September, die
Flexibilisierung der Arbeitswelt oder etwa auf die Frage kommt, warum Albert
Ankers Bilder gerade in den Sammlungen «konservativer, politisch reaktionärer
Kreise» wiederzufinden sind, manifestiert sich sogar ein Realismus, den heute so
manche Schriftsteller geradezu demonstrativ aussparen, fürchtend, es würde ihre
Kunst herunterziehen. Matthias Zschokke geht damit ohne Scheu um und lässt sein
Sprachrohr Maurice festhalten, dass im Alltäglichen das Aussergewöhnliche stecke
und dass es bei der Kunstproduktion ja um die Behandlung des Stoffes gehe und
nicht um den Stoff an sich.
Verwandlung
der Welt
Zschokke ist in allen Sparten und Tönen
gewieft: Für seine Romane, Theaterstücke und Spielfilme ist der ausgebildete
Schauspieler deshalb mit Preisen geradezu überschüttet worden. Nicht zuletzt
wegen der brillanten Technik sprudelt auch das neue Werk trotz melancholischem
Grundton schalkhaft und gewitzt. Die Beschreibungen sind meisterhaft. Nur ab und
zu möchte man nörgeln, die Sprache sei etwas gar überkandidelt, doch vergisst
man das Kriteln sofort wieder, da einen der Schreibe Fluss einfach weiterreisst.
Auch dass der
Autor da und dort auf Motive und Szenen bereits erschienener Erzählungen
zurückgreift, tut der Sache keinen Abbruch. In einen neuen Zusammenhang gestellt
und/ oder neu formuliert, verwandelt sich Zschokkes Welt gerade selbst. Dieses
Dichten funktioniert; es ist klug und gut gemacht und überaus anregend.
"Berner Zeitung", 27.2.2oo6
Der Genuss,
loszulassen MATTHIAS
ZSCHOKKE: »Maurice mit Huhn«
Von Heide Grasnick
Sie können ihn aufschlagen, wo Sie wollen, und werden erleichtert spüren, wie
Sie beim Lesen loslassen, weil da endlich einer ... nicht um Ihre Gunst buhlt«.
So Matthias Zschokke über Robert Walser, nachzulesen in seinem Band, »Der neue
Nachbar«. In Bern geboren, wohnt und arbeitet der Autor seit fast 25 Jahren in
Berlin. Für seine Theaterstücke, Filme, Erzählungen und Romane hat er
renommierte Literatur- und Theaterpreise eingesammelt. Aufschlagen, wo man will
und beim Lesen loslassen, in diesen Genuss kommt auch der Leser von »Maurice mit
Huhn«.
Der Autor und ein Ich-Erzähler durchstreifen den Berliner Wedding, eine Welt,
die sie dem Leser in alltäglichen Episoden, witzigen Beiläufigkeiten,
ernüchternden Betrachtungen nahebringen. Den Wedding hat Zschokke sich
regelrecht vorgenommen. Die Verkäuferinnen im Supermarkt sind samt und sonders
krank, die Pächter des Cafés um die Ecke wechseln ständig. Wer hier wohnt, will
nur weg. So brillant schwarz und vernichtend räsonierte, deklamierte und
schwadronierte sonst nur der Übertreibungskünstler Thomas Bernhard. Die
wichtigsten Personen: Maurice, Schweizer Schriftsteller. Sein Freund, der
Schauspieler Flavian; der persische Geschäftsmann Hamid, den Maurice aus der
gemeinsamen Schweizer Internatszeit kennt und der ihn finanziell unterstützt.
Die Freundin von Maurice. Eine Greisin, die seine Mutter ist.
Maurice radelt jeden Morgen in den trostlosen Berliner Nordosten und entdeckt
auf dem Weg in sein »Kommunikationskontor«, das im Hinterhof eines ehemaligen
Fabrikgebäudes liegt, die unscheinbarsten Dinge. Er erledigt für ausländische
und andere orthographisch unsichere Mitbürger die Korrespondenzen mit Behörden,
Krankenkassen und Vermietern. Maurice kann davon leben, mehr schlecht als recht.
Schlechter ergeht es dem Kleindarsteller Flavian, dessen Gesicht bei den
Castingagenturen inzwischen als »verbraucht und nicht mehr vermittelbar« gilt.
Im Gespräch mit Maurice führt er das große Wort. Doch beide verstecken sich
voreinander, der eine hinter seinem Wortschwall, der andere, indem er schweigt.
Dem Überlebenskünstler Hamid dagegen kann Maurice in langen persönlichen Briefen
von sich erzählen. Reden kann Maurice mit der namenlos bleibenden Freundin,
einer friedlich freundlich, blassen Figur, sein Halt. Die Mutter liebt ihren
Sohn bedingungslos, doch er nicht sie: »Ihr Körper ist ausgeweidet von
Dummheit.« Nüchtern, mit sich schützender Distanz, beobachtet er den
körperlichen Verfall seiner Mutter, erinnert sich an ihr armseliges,
angstbesetztes Leben. Lässt sie aber beim Sterben im trostlosen Altersheim nicht
allein. Passagen, die für den Leser von verstörender Intensität sind.
Zschokkes Figuren sind müde. In ihrer Erfolglosigkeit glücklich eingerichtet,
»trödeln« sie auf ihrem Lebensweg herum, »dem Start viel näher als dem Ziel«.
Von Maurice heißt es, er sei bis heute dumm geblieben, lebe »in der beständigen
Angst, enttarnt zu werden als das, was er ist und am Ende gewesen sein wird: ein
Wissenskörner pickendes Huhn, das Huhn in seinen eigenen Armen«. Zu sehen als
Bild auf dem Schutzumschlag. Der Autor hängt an seinem Stadtteil, an dessen
Bewohnern, dem ganzen Ensemble. Doch drängt er sich dem Leser nicht auf,
zwanglos darf dieser durch seine Welt flanieren. Festlegen will der Autor sich
nicht, scheinbar wahllos lässt er die Figuren und Begebenheiten einander folgen.
Fragmente sind ihm wichtig. Dem mit Zschokkes Werk vertrauten Leser kommt vieles
bekannt vor. Er kennt den Berliner Nordosten, Hamid und den Cellospieler, der
über sein Leben und die Suche nach dem Talent philosophiert: »Talent reift
nicht. Es bleibt sein Leben lang eine Hoffnung«. »Warum ich das erzähle? Weil
einen manchmal das Leben erwischt mit unfassbarer Schönheit und weil ich es
wahrnehmen möchte, wenn es mir überraschend begegnet.«
"Neues Deutschland", Berlin, 15.3.2oo6
Dem Leben in die Augen schauen
Matthias Zschokke
erzählt im Roman «Maurice mit Huhn» vom Glück des Faulen
«Maurice mit Huhn»
ist ein Buch über das Naheliegende. Es lässt das Sichtbare und Fassbare, aus dem
die Wirklichkeit wird, vorüberziehen. Matthias Zschokke holt daraus das
Leseglück.
Eva Bachmann
Ist es ein
Missgeschick oder vielleicht der brandaktuelle Kommentar zur Zeit, wenn in
diesem Frühjahr der Vogelgrippe ein Buch erscheint, auf dessen Titelbild ein
Kind zärtlich und vertrauensvoll ein Huhn an sich drückt? Die Koinzidenz ist
zufällig – aber alles andere als unglücklich. Denn der Protagonist in diesem
Roman verweigert grundsätzlich, sich auf eine medial gemachte Wirklichkeit
einzulassen. Da werden sogar die einstürzenden Zwillingstürme zur Randbemerkung.
Wichtig ist nicht, was grossgeredet wird. Sondern, was ihm tatsächlich zustösst.
Und das ist nicht viel, aber eben real und darum wertvoll.
Die Gedanken
ziehen vorbei
«Maurice mit
Huhn» heisst das Bild von Albert Anker. Maurice, nach dem Sohn des Malers,
heissen viele Seeländer Buben. Vielleicht auch Maurice, der Ich-Erzähler des
Romans, der inzwischen in einem Aussenbezirk von Berlin gestrandet ist. Er mag
dieses Bild, in dem das Leben erstarrt ist: Den Bauch des Huhns stellt er sich
warm und prall vor, der Bub fühlt die weichen Flaumfedern an seinen Händen, er
ist wach, stolz auf das Huhn – und weiss, dass er sich nicht rühren darf, damit
das Bild etwas für die Ewigkeit wird. Ankers Kinderporträts werden heute hoch
gehandelt, hängen in Museen; «die meisten Originale befinden sich jedoch in
privatem Besitz. Wegen ihrer Motive und der naturalistischen Malweise sind es
eher konservative, politisch reaktionäre Kreise, in denen sie gesammelt werden.»
So fliessen die
Gedanken bei Maurice von einem zum anderen. «Maurice ist faul. Seinen Gedanken
vermag er nicht zu folgen. Sie kommen vorbei, sehen ihn dösen, lassen ihn in
Frieden und ziehen weiter.» Maurice hat nichts zu tun, er sitzt in seinem
Kommunikationskontor und hört einer unbekannten Cellistin auf der anderen Seite
der Wand beim Üben zu. Oder er fährt mit dem Velo durch Berlin, trinkt einen
Milchkaffee in der Cafékonditorei, wo auch ein Arbeitsloser unauffällig Pause
vom Nichtstun macht, zu Hause lebt er neben einer namenlosen Frau, die aus
Gewohnheit seine Geliebte ist. Alles zieht an ihm vorbei. Unstrukturiert wächst
sich das, was er sieht, in seinem Kopf aus und drängt in den Roman.
Eine Geschichte
gibt es nicht. Matthias Zschokke schreibt eine Reihe kleiner Genrebilder mit
einigen wiederkehrenden Motiven zu einem Buch zusammen. Als Stadtwanderer mit
einem Blick für das Unauffällige gleicht er darin Robert Walser, nur seine
Beobachtungen sind heutiger, es geht um Obdachlose, um billige Schuhe, das Gras
im Asphalt, die Glaspaläste der Banken. Doch wie bei Walser sind Perlen in diese
Prosa geknüpft, Sätze, die in aller Einfachheit von universell Gültigem handeln.
«Man weiss selten, dass man glücklich ist, meistens nur, dass man glücklich
war.»
Vom Wert des
Erlebens
Maurices
Lieblingsthema ist das Sein und Leben in der Wirklichkeit. In der Zeitung steht,
«dass ein am deutschen Geisteshimmel neu aufsteigender Denkstern öffentlich die
Meinung vertrete, ein Schriftsteller müsse erst etwas Herausragendes erlebt
haben, etwa eine Prise KZ-Luft geschnuppert, bevor er anfangen dürfe zu
schreiben.» Für Maurice ist der Duft von Lindenblüten im Juni herausragend
genug. «Wenn wir jederzeit offen genug wären, zu sehen, was uns umgibt, dann
hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den Traum eines Lebens, einen
Roman.»
Maurice
verachtet jene, die sich in höllische Aktivitäten, gesellschaftliche
Verpflichtungen, endloses Reden stürzen, um das Bedrohliche in ihrem Inneren zu
übertönen, «um nicht endgültig den Verstand zu verlieren, was unweigerlich
geschehen würde, wenn sie sich der Wirklichkeit aussetzen würden». Maurice
überlässt sich der Wucht dessen, was von aussen auf ihn anstürmt, duldend, sich
freuend, meistens still. «Stumme, antriebslose Menschen sind nicht unbedingt als
solche geboren worden. Oft schaffen sie es bloss nicht länger, ihren von ihnen
als solchen erkannten Blödsinn weiterhin zu äussern.»
Sensationslos
Bei so einem Satz
müsste jeder verstummen – der Autor eingeschlossen. Matthias Zschokke, der seit
vielen Jahren in Berlin lebende Berner Schriftsteller, Filmemacher und
Theaterautor, schreibt zum Glück weiter. Den überragend konstruierten Plot hat
er sich auch in diesem Buch leichthändig geschenkt, er vertraut auf das Glück
des Flaneurs und seines Funds am Wegrand. Zum Glück für die Leser. Denn die
Sensationslosigkeit gibt auch uns Gelegenheit, nicht der Story hinterher zu
lesen, sondern auf den Rand zu achten. Auf die kleinen Kerben, die der Text dem
Zeitgeist zufügt. Oder auf Zschokkes aussergewöhnliche Beschreibungen, etwa
davon, wie sich die Farben der Dinge auf seinem Tisch verändern, wenn die Sonne
hinter einer Wolke verschwindet. Wer das liest, denkt nicht so schnell daran,
das Buch wegzulegen, um ein Tagwerk zu erledigen.
"St. Galler
Tagblatt", 10.4.2oo6
Wo
sich «nicht» auf «Licht» reimt
Peter Rüedi
Leben und leiden lernen beim Lesen: Matthias
Zschokkes «Maurice mit Huhn» macht’s möglich.
Was sollen wir von so einem halten? Er sitzt im Nordosten
der Stadt, wo Berlin am trostlosesten ist und sich längst aus dem Staub und Russ
und Mief und Moder gemacht hat, wer noch einen Funken Hoffnung in sich trug; in
diesem Niemandsland hockt der Mensch mit dem schönen Namen Maurice (einen Helden
wollen wir ihn nicht einmal im negativen Sinn nennen) am Schreibtisch eines
«Kommunikationskontors», den er vor undenkbaren Zeiten eingerichtet hat, um
ausländischen oder sonst in deutscher Rechtschreibung behinderten Mitbürgern im
Umgang mit der Welt, vor allem den Behörden, beizustehen. Er tut nichts.
«Wieder nichts zu tun gehabt»: So beginnt der «Roman». Die Leute können sich
seine Dienste längst nicht mehr leisten, in diesem grauen, fahlen,
petrolschwarzen, stumpfen, schlammfarbigen wüsten Land, wo «der Rost die Zeiger
der Uhr annagt, die draussen an der Mauer hängt, rechts vor meinem Fenster, wenn
die grünen Wiesen grau werden, die roten Dächer grau, wenn die Gebete, Seufzer
und Flüche darüber zart aufsteigen wie Rauch im Winter, all dieses Material, aus
dem das Bedürfnis nach Veränderung gekeltert wird». Alles fällt, an allem zieht
mächtig die Schwerkraft. «Seit ich meine Zeit hier absitze», lesen wir, und:
«Ich habe die letzten Monate wieder mit nichts als Aufstehen und Insbettgehen
vertrödelt, ohne dass mir auch nur eine Minute daraus zur Erzählung geronnen
wäre», und: «Maurice musste erkennen, dass auch er immer noch auf demselben Weg
herumtrödelte, auf dem er schon immer herumgetrödelt hatte, auf dem Weg zu sich,
und zwar wie alle: dem Start viel näher als dem Ziel.» Ein gnadenloser
Langweiler, dieser Berliner Oblomow.
Der ihn erfunden und mit dem einen oder andern autobiografischen Detail
ausgestattet hat (wie eine Voodoo-Puppe, deren Magie ohne ein paar Haare oder
intime Accessoires nicht funktioniert ), muss nach einer Reihe von
Prosaveröffentlichungen (u.a. «Max», 1982, «Der dicke Dichter», 1995), nach
mehreren Theaterstücken und einigen Filmen – Matthias Zschokke muss, bei allem
Lob, das ihm über die Jahre die Kritik zukommen liess, auch in seinem
fünfzigsten Jahr damit rechnen, dass er vom sogenannten Normalleser selbst für
einen Langweiler gehalten wird. Der ist zwar ein Phantom, der Normalleser, aber
ein weitverbreitetes, aus allen zusammengesetzt, die, eben weil ihnen das
«eigentliche» Leben von Alltag zu Alltag abhanden kommt, sich gern an
Geschichten halten mit Hand und Fuss, Anfang und Ende, Aktionen und Reaktionen,
Ursachen und Wirkungen, Leichen, Polizisten, Intrigen, Liebe, Leidenschaft,
Schicksal, Tod. Das ist ein Zitat Zschokkes, und so geht es weiter: «Diese
Geschichten schreiben sie nieder und verkürzen sich auf solche Weise immerhin
ihre lange Weile.»
Langeweile verlängert den Tag
Zschokke dagegen ist ein «Langweiler» aus Vorsatz. Ein Metaphysiker der
Langeweile und der Ereignislosigkeit. «In jeder Sekunde geschieht alles, doch
wir sehen es nicht und empfinden Stillstand. Wir glauben, interessant sei das
Aussergewöhnliche, die Rhythmusstörung, der Aussetzer. Das Grandiose ist aber
der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart. Wenn wir jederzeit offen genug wären,
zu sehen, was uns umgibt, dann hätten wir ein Leben voller Überraschungen, den
Traum eines Lebens, einen Roman, ein ewiges Abenteuer. Man stelle sich bloss
vor, wir würden, wo immer wir gehen und stehen, Spatzen sehen, Hunde, Winde, die
sich merkwürdig verhalten, Mücken, Menschen – immer wieder natürlich und vor
allem Menschen, von denen wir am allermeisten glaubten, längst zu wissen, wie
sie sind, die wir für unseresgleichen halten und demnach für nicht weiter
beachtenswert; doch wie sie sich verhalten, ist immer neu ganz und gar
unbegreiflich.»
Das liest sich wie eine in dieses Buch, «Maurice mit Huhn», eingeschriebene
Gebrauchsanleitung und ist auch eine – nicht ohne Selbstbewusstsein, ja, bei
aller Selbstverkleinerung, die Zschokke sonst in der unverkennbaren Nachfolge
Robert Walsers betreibt, nicht ohne eine gewisse Arroganz vorgetragen. Allein,
anders lässt sich diese Ästhetik der gleitenden Assoziationen und der
Beiläufigkeit nicht verstehen denn als ein Versuch, die Zeit anzuhalten in einem
Flirren von disparaten Partikeln, Erzählperspektiven und (relativen)
Verweigerungen von Aussergewöhnlichem. Die Preisgabe dessen, was die
Literaturwissenschaft «auktoriale Erzählinstanz» nennt, also der Verzicht des
Autors auf die Herrschaft über seinen Stoff, ist ein Akt der poetischen
Befreiung. Wie der bewusste Umgang mit der langen Weile.
Zschokkes Haltung ist mit der eines Kindes vergleichbar, das sich einen «ganz
langweiligen Tag» wünscht, weil «der nicht so schnell vorbei ist». Die
Langeweile, die Faulheit als Methode: Sie macht die Zeit bewusst (die andere in
ihrer Gier nach Ereignis und Spannung und Handlung totschlagen). «Maurice ist
faul. Seinen Gedanken vermag er nicht zu folgen. Sie kommen vorbei, sehen ihn
dösen, lassen ihn in Frieden und ziehen weiter. Er ist nicht in der Lage, einen
von ihnen festzuhalten. Sie sind zu schnell.» Und: «Was für ein befreiender Tag,
all die unterdrückten Dummheiten, die zurückgehaltenen Wörter und Laute auf die
offene Wiese hinauszutreiben, sie laufen zu lassen, sie galoppieren und Sprünge
machen zu sehen.»
Das ist, versteht sich, ein erzählerischer Trick. Eine Quadratur des Kreises.
Wie schön (und im Hinblick auf Zschokke bedenkenswert) der Satz von Racine ist,
nach welchem Kunst «etwas aus nichts machen» sei («L’art c’est faire quelque
chose de rien»), so gilt doch selbst in diesen flüchtigen Sphären zumindest im
übertragenen Sinn der Energiesatz: «Von nichts kommt nichts.» Das Nichts ist
nicht ein pathetisch beschworenes schwarzes Loch – lesen wir mal einen Satz wie
«Aus den geöffneten Fenstern gähnte schwarz das Nichts», nimmt sich der aus wie
ein Stilbruch, wie ein Rückwärtssalto in eine Art Expressionismus. Das Nichts
ist das Auge, wenn nicht eines erzählerischen Taifuns, so doch einer frischen
und unvorhersehbaren poetischen Brise. Bei allen Strategien der Verfinsterung
(sie bewirken gelegentlich einen geradezu heiteren Grimm, wie die Suaden von
Thomas Bernhard) hat Zschokke eine ungemein leichte Hand, die Gelassenheit, den
Wörtern, Gedanken, Sätzen die Zügel schiessen zu lassen und ein Klima der
Beiläufigkeit herzustellen. Einen Hang zur unvermittelten Idylle hat er auch.
Humor
hat er auch
Wie alle seine Bücher ist «Maurice mit Huhn» – der Titel ist der des berührenden
Porträts, das Albert Anker von seinem fünfjährigen Sohn gemalt hat, es ist auf
dem Schutzumschlag zu sehen: Einen Teil seiner Jugend verbrachte Zschokke im
Seeland, im Anker-Dorf Ins –; wie alle Bücher dieses Autors ist auch dieses eine
ganz unvergleichliche Mischung aus mutwilliger Verspieltheit und Melancholie
(mit zum Glück nur sehr gelegentlichen Ausrutschern ins Preziöse: «Er trank in
kleinen Schlucken und hatte dabei das Gefühl, in sich einen starken Vogel mit
schillerndem Gefieder zu tränken» – na ja). Die unzeitgemässe Verbindung von
Taugenichts und Weltschmerz («Eine gewaltige Trostlosigkeit ergreift ihn und
füllt ihn süss aus», heisst es einmal) macht diese Prosa nicht eben tauglich für
Hardcore-Inhaltisten oder auf «Handlung» Versessene unter den Lesern. Aber die,
die ein Ohr dafür haben (oder auch nur die Bereitschaft hinzuhören), beschenkt
sie mit einem eigenen erzählerischen Sound. Und mit einer auffallend
sprachgestischen Komik. Denn Humor hat Zschokke auch.
Ersparen wir uns die Sisyphusarbeit einer Nacherzählung. Ohne Anspruch auf
Vollständigkeit oder Systematik, mit der dieser fliessenden, spriessenden Prosa
ohnehin nicht beizukommen ist: Die Rede ist in «Maurice mit Huhn» vom Mann
Maurice und vom Bild dieses Namens; von einem in Genf weilenden reichen
Geschäftsmann, an den gelegentlich Briefe geschrieben werden; von paradiesischen
Ahnungen, die ein hinter einer Mauer erklingendes Cello auslöst (im Lauf des
Texts, den wir nicht eine Geschichte nennen wollen, verwandelt es sich in ein
Piano, zwischenzeitlich sogar in ein Fagott); von einer Begegnung mit dem
verbitterten Cellisten und der zauberhaften Cellistin (beide fantasiert:
Letztere in einer staunenswerten erotischen Slowmotion); von einer Frau, die die
Rolle seiner Geliebten, einer Greisin, die die seiner Mutter übernimmt (Zschokke
ist ausgebildeter Schauspieler mit einer Vergangenheit bei Zadek und anderswo);
von Mitterrands letztem Silvester-Abendmahl, bei welchem der Todkranke gierig
Ortolane verschlingt (geschützte Fettammern); von einem Städteflug nach Turin
und Kongressen in Flughafengebäuden; von einer Rückkehr ins Dorf der Jugend; von
einem fulminanten Lob der Trägheit und dem Porträt eines veritablen Heroen der
Faulheit; vom wunschlosen Unglück des Betreibers einer bankrotten Druckpresse.
Und immer wieder von bleichen, käsigen, verstummenden, zerfallenden Menschen in
den Kaffees, Bäckereien, Metzgereien oder Papeterien des «verfluchten Orts» im
Berliner Nordosten, von all seinen Grautönen und tiefen Himmeln und
Trostlosigkeiten. Und ja, das auch: Vom bleichen und etwas faden
unvergleichlichen Genuss eines original bernischen Gnagis erzählt es auch,
dieses Buch.
Wer wie Zschokke von nichts erzählt, erzählt von Gott und der Welt. Also von
allem.
"Die Weltwoche", Zürich, Nr.17/ 2oo6
Wonne der Langsamkeit
Hinreißend kritisch: Matthias Zschokkes
"Maurice mit Huhn"
VON HANSJÖRG GRAF
Maurice mit Huhn
heißt der neue Roman von Matthias Zschokke, dem in der Schweiz geborenen, aber
seit Jahrzehnten in Berlin lebenden Autor und Filmemacher. Der Buchtitel ist
ebenso erklärungsbedürftig wie das gleichnamige Bildmotiv auf dem Umschlag.
Porträtiert ist der etwa fünfjährige Sohn des Malers Albert Anker (1831 -
1910), der im gleichen Dorf des Kantons Bern aufgewachsen ist, aus dem
Zschokke stammt. Maurice, der mit seinem "blauen, rockartigen Bauernhemd" auch
ein Mädchen sein könnte, presst ein weißes Huhn an seine Brust; "nein, er
presst es nicht an sich, er trägt es vielmehr, liebevoll an sich geschmiegt
auf seinen Armen."
Wer dieses Bild "übersetzt", entdeckt in ihm eine zeitlich begrenzte Rückkehr
des Verlorenen Sohnes: Zschokkes Maurice, ein Oblomow des 21. Jahrhunderts,
zieht es hin und wieder an die Stätten seiner Kindheit; er gestattet sich
kleine Fluchten. Dennoch hält er am Provisorium Berlin fest, wo er im
Nordosten der Stadt ein "Kommunikationskontor" betreibt, doch alle sozialen
Kontakte meidet. Ist dieser Solitär ein Wanderer zwischen zwei Welten? Sind
diese Welten nur im Traum Realität?
Maurice macht sich nichts aus Fakten; aber ein Tag ohne Events wird für ihn
zum Ereignis. So erlebt er einen Sommertag in der Landschaft seiner Schweizer
Anfänge. Es ist ein "schöner Tag" für ihn. Im Gastgarten eines Hotels riskiert
er einen Smalltalk mit einer Dame vom Nebentisch. Der Gegenstand dieses nur
aus wenigen Sätzen bestehenden Gesprächs ist unverfänglich, ja nebensächlich;
bloß die Tatsache, dass es zustande kommt, zählt: "Er hätte ihr gern noch
gesagt, sie habe ihm Mut gemacht weiterzuleben, er habe ihr gern beim Essen
zugeschaut." Doch dazu kommt es nicht mehr.
"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", heißt es
bei Ludwig Wittgenstein. Das gilt auch für Maurice: "Kaum öffnet er seinen
Mund, macht er Fehler und verdirbt alles. Ein Fall für den Psychiater, sagen
einige. Vielleicht mag er sich aber einfach nicht erklären, weil ihm das
Ungeklärte lieber ist." Ohne Zweifel: Zschokkes Hauptdarsteller - die Kette
reicht von Max (1982) und Prinz Hans (1984) über ErSieEs
(1986) bis zum Dicken Dichter (1995) und dem Neuen Nachbarn
(2002) - leben in einer "Saturn-Zeit", um mit Anselm Kiefer zu sprechen; sie
hören den Hufschlag der apokalyptischen Reiter; ihre Schwermut ist von
Weltverständnis und Zeitkritik geprägt. Doch von Augenblick zu Augenblick wird
ihnen bewusst, dass es sich entgegen aller Erfahrung lohnt, da zu sein.
Maurice erlebt diesen Moment im Gastgarten eines Schweizer Hotels. Er entdeckt
die Poesie in der Prosa seines Lebens.
"Dem Ziellosen nachjagen, dem Unbrauchbaren, Überflüssigen. Sich noch einmal
und noch einmal wiederholen. Darauf beharren. Lieber sich zerstören lassen,
als eine bestimmte Richtung einzuschlagen. Lieber sich von ihm überrollen
lassen, als auf den Wagen der Vernunft aufzuspringen." Was Matthias Zschokke
auf den letzten Seiten seines Romans Maurice mit Huhn mit dem Nachdruck
von Maximen formuliert, entzieht sich einer eingleisigen Erklärung: Es sind
Leitsätze, die das Glück des Irregulären feiern; gleichzeitig erinnern sie
aber auch an das "Programm" eines Romans, der diese Gattungsbezeichnung nach
allen Regeln der Kunst ad absurdum führt. Was vorliegt, ist ein Pasticcio aus
Geschichten, Skizzen, Lesestücken und Denkbildern - um nur die wichtigsten
Varianten von Zschokkes Kleiner Prosa zu nennen. Von einem roten Faden kann
nicht die Rede sein, wohl aber von der Klammer, die Maurice' "Suche nach
Wirklichkeit" bildet. Was auf den ersten Blick plakativ wirken mag, präzisiert
schon der nachfolgende Satz, wo vom "Verlangen nach Welt, Blut, Luft, Strafe,
Schweiß" gesprochen wird.
Das Unscheinbare entpuppt sich als das Allumfassende. Zschokkes Minimalismus
erschließt einen Makrokosmos: Maurice, der alles sieht, ohne selbst gesehen zu
werden, beobachtet einen Rentner, der mit Hilfe eines Feldstechers einen
Plattenbau im Visier hat. "Warum der Rentner die Rede wert ist? Als er auf die
Straße trat, öffnete sich vor Maurice einen Moment lang der ganze kleine Tag,
das ganze Leben."
Zschokke beschreibt Maurice als einen, "der keinen Tag vergehen lässt, ohne
sich mit dem gewöhnlichen Leben zu beschäftigen". Das Leben als Lektion: Der
enzyklopädische Ansatz in Maurice mit Huhn äußert sich auch in
Gedankengängen, die von der Gentechnologie über Goethes Faust und den
Jugoslawienkrieg bis zu den Obdachlosen auf dem Berliner Nettelbeckplatz
reichen. Zschokke will denen, "die noch leben, erzählen, wie es war, als sie
lebten". Er fühlt sich einer großen aufklärerischen Tradition verbunden, indem
er rigoros zwischen Sein und Schein unterscheidet.
Die Polyphonie von Maurice mit Huhn - "Was für ein Durcheinander" -
schließt nicht aus, dass gerade in den Randbemerkungen und Klammersätzen sich
der Geist von Zschokkes Roman unmittelbar artikuliert. Im Beiseitesprechen
verwandelt sich die Marginalie in einen Schlüsseltext: "Was für ein Vergnügen,
in einer Stadt zu leben, die so gut duftet." So mutiert der Melancholiker zum
Hedonisten; Widerspruchsgeist und Sanftmut präsentieren sich als
Gegensatzpaar.
Wer sich auf Zschokkes siebenten Roman Maurice mit Huhn einlässt, darf
nicht mit Action rechnen; dafür tauscht er die Wonnen der Langsamkeit ein. Es
zahlt sich aus, mit Maurice auf die Suche nach einem Cello zu gehen, dessen
Klänge die Fantasie des Hörers in Trab setzen; das Tempo des Erzählers
verführt den Leser aber auch dazu, ganze Passagen und einzelne Sätze auf der
Zunge zergehen zu lassen. Doch wer sich über die Angemessenheit solcher
Vergleiche mokiert, lese den letzten Satz des Romans: Maurice und seine
Freundin besuchen ein Restaurant. "Dann betrachten sie glücklich das Essen vor
sich auf dem Tisch und schweifen in Gedanken ab."
"Frankfurter Rundschau",
3.5.2oo6
Lob des Schlendrians
Matthias Zschokke bummelt durch Berlin
Von Michael Kohtes
Faulheit«, wie der Aphoristiker Cioran
schrieb, »ist Skeptizismus des Fleisches.« Nach dieser Definition wäre Maurice,
die Hauptfigur in Matthias Zschokkes neuem Buch, von besonders tiefer Skepsis
erfüllt. Entweder sitzt er seine Zeit im Café ab, oder er setzt sich auf sein
Fahrrad, um gemächlich durch den Berliner Wedding zu kurven. Dort, wo die Mieten
günstig sind, unterhält er ein »Kommunikationskontor«, das Hilfe bei amtlichem
Schriftverkehr offeriert. Nur dass Maurice keine Aufträge bekommt. Was
einesteils seiner Trägheit geschuldet ist, nicht zuletzt aber auch seiner
bedrohlich fortgeschrittenen Einsilbigkeit. Gespräche sind ihm zuwider.
So entfaltet sich der urbane
Bummelalltag eines Eigenbrötlers, der zwar nichts zu tun, dafür aber umso mehr
zu gucken und zu staunen. Denn, so sagt es der Erzähler: »Wer etwas genauer
hinschaut, wird feststellen, dass sich in seiner unmittelbaren Umgebung die
unfassbarsten Tragödien und Komödien ereignen und er gar nicht ins
Phantasiereich der anderen auszuwandern bräuchte, um angeregt zu werden.« Das
ist, in nuce, Zschokkes Poetik. Dafür ist er ihm gerade der Solothurner
Literaturpreis zugesprochen worden – für »poetischen Widerstand gegen die Hektik
und die Vergesslichkeit unserer auf Effizienz gestimmten Epoche«. Maurice,
augenzwinkerndes Alter Ego des Autors, setzt diese Haltung konsequent um:
Schauend wird ihm die Welt zur Wundertüte. Es sind die Sensationen des
Beiläufigen, die sich das Leben zwischen Hinterhof und Straße ausdenkt, die
Absurditäten am Rande, die unser Pedalritter zu heiter-melancholischen
Gedankenketten verarbeitet.
Die Handlung ist mithin das
Unwichtigste an diesem »Roman« genannten Textgeflecht. Matthias Zschokke, der
1954 in Bern geborene Berliner, schreibt aber keine Romane im landläufigen
Sinne. Sein Erzählverfahren lässt sich vielmehr mit dem vergleichen, was Robert
Walser als »Alltagsvertiefungsversuche« bezeichnete. Es ist ein
sprunghaft-assoziatives Erzählen, das eben nicht der gut gebauten Story, sondern
im scheinbar Belanglosen das Ganze entdeckt. Entsprechend kann für ein
»Wissenskörner pickendes Huhn« wie Maurice unterschiedslos alles interessant
werden: das Arrangement einer Schaufensterauslage, ein Zeitungsbericht über
Wildschweine, unbequeme Schuhe, ein Verkehrsdelikt et cetera.
Dieser typische Zschokke-Held hat »nie
richtig gelernt zu denken« – was wir ihm danken. Denn dadurch kommt er auch gar
nicht erst auf die dumme Idee, aus seiner Anschauung der Welt eine
Weltanschauung zu synthetisieren. Alles, was ihm ins Auge fällt, bleibt
fragmentarisch. Umso erstaunter wird der Leser feststellen, dass all die
Wahrnehmungssplitter am Ende durchaus ein Bild ergeben. Vordergründig fügt es
sich zu einem Porträt des Dichters als tüchtigem Taugenichts. Insofern hätten
wir es mit einem Künstlerroman zu tun. Man kann dieses poetisch getönte Buch
aber auch noch ganz anders lesen.
Je länger wir Maurice durch seinen
Stadtbezirk begleiten, desto mehr gewinnen wir den Eindruck, dass alle Zeichen
auf Verfall stehen. Im Wedding sehen selbst die Ärzte blass aus. Die
Geschäftspleiten mehren sich, bei den Mütterlein reicht das Sterbegeld nur noch
für eine »Blitzbeerdigung«. Der Protagonist wird zum Chronisten des Niedergangs
des traditionellen Arbeiterviertels. So ist der Roman auch eine subtile
Sozialstudie: In den Realitätspartikeln, die Maurice zusammenträgt, spiegelt
sich die Misere der Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht. Sage niemand,
unser Nichtsnutz sei zu nichts nütze.
"Die Zeit", Hamburg, 1.6.2oo6
*
Matthias
Zschokke, Schweizer Dichter & Filmemacher, mittlerweile 51, hat in den letzten
2o Jahren acht Prosabände, acht Theaterstücke und drei Spielfilme vorgelegt. Er ist vielfach mit Preisen
ausgezeichnet worden, und die Brockhaus-Enzyklopädie nennt seinen Namen. Zwar
gab es zahlreiche (und bei weitem überwiegend positiv wertende)
tagespublizistische Bemühungen um sein Werk (die in der Bibliographie
verzeichnet sind), jedoch blieb ihm "breite" Anerkennung bislang
versagt. Wie für manch anderen Großen der Literatur in der Vergangenheit gilt
immer noch -leider- auch für Zschokke, den Eigenbrötler, den Einzelgänger,
den durch nichts und niemanden Vereinnahmbaren, den im heutigen Literaturbetrieb
Unzeitgemäßen, den wundersam wunderbaren Fremdling, Ariosts Wort: "Es hat
in unserer Mitte Zauberer..., aber niemand weiß sie."
Max. Roman. München: List 1982; 2. Auflage 1982; Frankfurt/M.-Berlin- Wien:
Ullstein 1984 (Taschenbuch Nr. 261o4); Genève: Zoé 1988; Nimes: Chambon 1989;
Genève: Zoé 2oo4 (Poche 29) [Übersetzung: Gilbert Musy; Nachwort: Heinz F.
Schafroth]
Prinz Hans. München: List 1984; Frankfurt/M.-Berlin-Wien: Ullstein 1986
(Taschenbuch Nr. 2o797)
ErSieEs. München: List 1986; Hamburg-Zürich: Luchterhand 1992 (SL 1o28)
[Überarbeitete Ausgabe]
Piraten. Roman. Frankfurt am Main: Luchterhand 1991
Der dicke Dichter. Roman. Köln-Basel: Bruckner & Thünker 1995; 2. Auflage 1995
Das lose Glück. Zürich: Ammann 1999; 2. Auflage 2ooo [Broschur]; Hamburg:
Gemstar eBook 2ooo; Bonheur flottant. Genève: Zoé 2oo2 (Übersetzung: Patricia
Zurcher)
Ein neuer Nachbar. Zürich: Ammann 2oo2; Berlin, l'éternel faubourg. Genève: Zoé
2oo3 [Minizoé Nr. 61 - Drei ausgewählte Texte](Übersetzung und Nachwort:
Patricia Zurcher); Novi susjed. Zagreb: Durieux 2oo5 (Übersetzung: Štefica
Martić)
Maurice mit Huhn. Zürich: Ammann 2oo6
2.
Theater
Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick sind -oder wollen
sie nicht-. Berlin: Kiepenheuer 1983 [Bühnenmanuskript]; [ohne Titel] gedruckt
in: Prinz Hans. A.a.O.; Les élephants ne peuvent pas faire de cabrioles, parce
qu'ils sont trop gros- ou n'on auraient ils pas envie? Lausanne: SSA [Société
Suisse des Auteurs] 1999 [Bühnenmanuskript. Französische Übersetzung: Gilbert
Musy]
Brut. Schauspiel mit Musik. Berlin: Kiepenheuer 1986 [Bühnenmanuskript];
Frankfurt am Main: Luchterhand 1991; L'Heure bleue ou la nuit des pirates.
Carouge-Genève: Zoé 1993 [Französische Buchausgabe; Übersetzung: Gilbert Musy]
Die Alphabeten. Berlin: Kiepenheuer 199o [Bühnenmanuskript]; Literate People
[Englische Übersetzung: Tony Meech]; Les Alphabètes [Französische Übersetzung:
Gilbert Musy]; Los Alfabetos [Spanische Übersetzung: Victor-L. Oller];Pismennyja
[Belarussische Übersetzung für eine Aufführung in Witebsk: Halina Skakun],
München: Goethe-Institut 1996/ Berlin: Kiepenheuer 1996; Zimu [Chinesische
Übersetzung: Wang Ge]. Beijing: Beijing Foreign Studies University 2oo2 [E-Book]
Der reiche Freund. Berlin: Kiepenheuer 1994 [Bühnenmanuskript]; gedruckt in:
Niedersächsische Staatstheater Hannover GmbH/ SCHAUSPIEL Hannover (Hg.),
Programmheft Nr.25, Spielzeit 1994/95; auf deutsch und französisch [L'Ami riche;
Übersetzung: Gilbert Musy] in: MIMOS, Basel, 49.Jg., Nr.3/ 1997; in:
Programmheft Theater St. Gallen, Spielzeit 2ooo/2oo1 [Überarbeitete Fassung];
L'amico ricco. Lausanne: SSA [Société Suisse des Auteurs] 2oo5 [Italienische
Übersetzung: Daniele Morresi].
Die Exzentrischen. Berlin: Kiepenheuer 1997 [Bühnenmanuskript]
Tempi-Bar [Mini-Drama]. "Passagen/ Passages", Zürich, Nr.27/ 1999 [News & Dates]
Die Einladung. Berlin: Kiepenheuer 2ooo [Bühnenmanuskript]
Der Geburtstag des Sängers [Mini-Drama]. In:Stefan Koslowski, Andreas Kotte und
Reto Sorg(Hg.), Berner Almanach, Bd.3/ Theater. Bern: Stämpfli 2ooo
Die singende Kommissarin. Berlin: Kiepenheuer 2oo1 [Bühnenmanuskript]
Raghadan. Berlin: Kiepenheuer 2oo5 [Bühnenmanuskript]
3. Film
Edvige Scimitt. München: Titania Film 1985 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Der wilde Mann. Zürich: LOOK NOW! 1988 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Erhöhte Waldbrandgefahr. Zürich: Lang AG 1996 [DVD-Vertrieb: Ammann, Zürich]
Ein Schiff zum Übersetzen. [Kurzfilm-Porträt von Gilbert Musy für das Schweizer
Fernsehen] Zürich: SRG 1999
5.
Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien
Max auf der Suche nach sich selbst. "Bieler Tagblatt/ Seeländer Bote",
14.11.1981 [Auszug aus "Max"]
Max. "Der Bund", Bern, Nr.297/ 19.12.1981 - Nr.13/ 18.1.1982 [Abdruck in
Fortsetzungen]
Ansprache Matthias Zschokkes anlässlich der Preisübergabe. In: "Neues Bieler
Jahrbuch 1981", Biel 1982
In: Gabi Kohwagner (Hg.), Kopfstand. Haunshofen: Semikolon 1982 [Auszug aus
"Prinz Hans"]
Prinz Hans. In: Beatrice Steiner und E.Y. Meyer (Hg.), Geräusche. Karlsruhe:
Literarische Gesellschaft 1982 [Auszug aus "Prinz Hans"]
Halle. In: Bodo Morshäuser (Hg.), Thank You Good Night. Frankfurt am Main:
Suhrkamp 1985 (edition suhrkamp Nr.1227)
Edvige Scimitt. "Filmpodium-Programm", Zürich, April 1986
XI Matthias Zschokke. "Basler Zeitung", 15.5.1986 [Antwort auf die Umfrage: Max
Frisch wird 75: Was bedeutet er jungen Autoren?]
Die Erdbeertorte. In: Texte aus dem Aargau. Aarau: Argauische Kantonalbank 1987;
dass. in: Ammann, Egon / Bugmann, Urs (Hg.): Lese-Zeit. Literatur aus der
Schweiz. Zürich: Ammann 1988
75o Jahre Theatertreffen Berlin. In: Peter von Becker, Michael Merschmeier und
Henning Rischbieter (Hg.), Theater 1987 [Jahrbuch der Zeitschrift "Theater
heute"]. Zürich: Orell Füssli + Friedrich 1987
In: Stefan Hösl, Bonndorf/ Schwarzw.: Landkreis Waldshut 1987 [Vorwort zum
Katalog]
Amateure Autodidakten Dilettanten Ich. In: Herzblut. Zürich: Museum für
Gestaltung 1987 [Vorwort zum Katalog]; Auszug u.d.T.: Der Dichter. Programmheft
zur Uraufführung von "Brut", Bonn 1988
Vorsatz zu Brut. "Magazin zum Berliner Theatertreffen 1987", Berlin 1987; dass.
im Programmheft zu "Brut"
Der wilde Mann. Xanadu Film: Zürich 1988 [Produktions-Prospekt]; dass. in "Spiel
im ZDF", Mainz, Heft 1/ Januar 1989; dass. u. d. T.: Wie ein Deutscher in der
Schweiz eine Nacht lang nicht schlafen konnte. "Filmpodium", Zürich, Januar 199o
Die Wahrheit über Herrn Nettelbeck. "Basler Zeitung", 28.1o.1989 [Auszug aus
"Piraten"]
Von Kondomen und Dämonen. "Filmpodium", a.a.O.
Einiges aus dem Leben der Dichter. "Basler Zeitung", 6.1.199o
Die unergründbare Elektrik. In: Christoph Siegrist (Hg.), Schweizer Erzählungen,
Bd. 2. Frankfurt am Main: Suhrkamp 199o
Zusammenklang nach den dubiosen Regeln der Empfindungswelt. "Basler Zeitung",
12.4.1991 [Drei Briefe an Pia Reinacher zu "Piraten"]
La différence entre 1291 et 4711. "Écriture", Lausanne, Nr.37/ 1991
Arbeitsnotiz zur Programmheftgestaltung. Programmheft zu "Brut", hg. vom
Deutschen Schauspielhaus, Hamburg 1991
Neues Deutschland. "Neue Rundschau", Frankfurt am Main, 1o2.Jg./1991, Heft 3
Vous nous racontez des histoires?/ Une histoire. "La Licorne" [Écrivains
présents], Poitiers 1991
Reichstag, Berlin. "NZZ- Folio", Zürich, Nr.12/ 1991
Vom Glück des Mitlaufens. "NZZ-Folio", Zürich, Nr.7/ 1992
Rede bei der Verleihung des Gerhart-Hauptmann-Preises. Freie Volksbühne/ Berlin,
8.11.1992 [Typoskript]
Der weinende Sänger. "Neue Zürcher Zeitung", 5./6.12.1992
Sommer. "Berner Zeitung", 24.9.1994
In Programmheft: Journées Littéraires de Soleure - Solothurner Literaturtage -
Giornate Letterarie di Soletta- Sentupada Litterara a Soloturn 26.-28.Mai 1995
Am Meer. "ausdruck". Eine Verlags-Rundschau. [Ohne Ort] 1.Jg./ Nr.2, Juni 1995
Leg dich hin. "drehpunkt", 27.Jg., Nr.93/ November 1995
Der Besuch. "Neue Zürcher Zeitung", 16.4.1996
Höhepunkt im Leben eines Dramatikers. "Magazin zum Berliner Theatertreffen
1996", Berlin 1996
Sich einen Namen machen [Rede bei der Verleihung des Aargauer Literaturpreises.
Aarau, 9.11.1996; Typoskript]
Balz. In: Texte aus dem Aargau 7. Aarau: Aargauische Kantonalbank 1997
Hier und jetzt ist alles möglich; Schlusswort "Aargauer Zukunftsrat", 8. August
1998. Lenzburg: Stapferhaus 1998 [Stapferhaus-Texte, Ausgabe 9]
Warum ich in Berlin lebe. In: Beatrice von Matt und Michael Wirth (Hrsg.),
>ABENDS UM ACHT<. Zürich-Hamburg: Arche 1998, S. 175ff.
Roman und Ramona, der unsichtbare Film. In: Adrian Mettauer, Wolfgang Pross und
Reto Sorg (Hg.), Berner Almanach, Bd.2/ Literatur. Bern: Stämpfli 1998
Nichts Erreichtes, etwas Ersehntes. [Reisebericht über Weimar] "Tages-Anzeiger",
Zürich, 18.3.1999 [News & Dates]
Matthias Zschokke. "Le Culturactif Suisse"
[ http://www.culturactif.ch/ecrivains/zschokke.htm], Lausanne, 9.5.1999
[Interview mit Patricia Zurcher; Archiv]
Schau die Sternschn...schon vorbei. [Berlin-Tips] "Tages-Anzeiger", Zürich,
9.9.1999 [News & Dates]
Raum und Ruhe in Baden-Baden. "Tages-Anzeiger", Zürich, 3.2.2ooo [News & Dates]
Das Cello. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 4.3.2ooo [Berlin-Ausgabe]
Warum ich Robert Walser mag. "Mitteilungen der Robert Walser-Gesellschaft",
Zürich, Nr.5, März 2ooo [News & Dates]
Lettre aux Lémaniques. "Le Passe-Muraille", Lausanne, Nr.47-48, Juillet 2ooo
Baeckeoffe, Wunderfitzel und Knepflas. "Tages-Anzeiger", Zürich, 28.9.2ooo [News
& Dates]
Die Ewige Vorstadt/ The Eternal Suburb. In: Kathrin Becker, Urs Stahel
[Fotomuseum Winterthur] (Hrsg.), "Remake Berlin". Göttingen: Steidl 2ooo [News &
Dates]
"Ich werde als schwieriger Fall behandelt". "Berner Zeitung", 7.12.2ooo
[Interview mit Michael Angele; Archiv]
"Gegen alle Vernunft sterben die Walsers ja nicht aus...". "Der Bund", Bern,
7.12.2ooo [Interview mit Charles Linsmayer; Archiv]
Der Anzug. Ebd. [News & Dates]
Berlin? Berlin. "Brugger Neujahrsblätter 2oo1", Brugg 2ooo;
Hinterlassenschaften. Ebd.
Entwaffnende Sätze oder Von der Geduld, auf sie zu warten. "Basler Zeitung",
29.1.2oo1 [Briefwechsel mit Heinz Schafroth über Robert Walser] [News & Dates]
Zwei Hauptstädte - zwei Kulturen. "Tages-Anzeiger", Zürich, 24.3.2oo1 [News &
Dates]
Selbstauskunft. "Programmheft Theater St. Gallen" zu "Der reiche Freund",
Spielzeit 2ooo/2oo1, Mai 2oo1 [News & Dates]
Der Professor. "Aargauer Zeitung", Aarau, 2o.1o.2oo1 [News & Dates]
In Hüttenfinken zum Nachtessen. „Tagesanzeiger“, Zürich, 7.11.2oo1 [Archiv];
Seelenruhe finden im Kurgebiet von Baden. Ebd., 21.11.2oo1 [Archiv]; Behagliche
Ruhe und dem Körper schmeichelnde Wäsche. Ebd., 12.12.2oo1 [Archiv]; Der grosse,
eisige Hauch am See. Ebd., 16.1.2oo2 [Archiv]; Weg wird für einmal zum Ziel.
Ebd., 13.2.2oo2 [Archiv]; Wo einst Tim und Struppi abstiegen. Ebd., 1o.4.2oo2
[Archiv]; Schweizer (Hotel-)Geschichten – Grenchen oder die Crux mit der dritten
Titte. Ebd., 15.5.2oo2 [Archiv]; Der Alpenkranz für dich allein. Ebd.,
12.6.2oo2]; Mitspielen auf der Klaviatur des Luxus. Ebd., 16.9.2oo2 [Archiv];
Himmlische Hinfälligkeit in Schaffhausen. Ebd., 9.1o.2oo2 [Archiv]; Die Sucht
nach dem Besonderen überwinden. Ebd., 2o.11.2002 [Archiv]; Ein Fleck Erde, der
auch Gott am Herzen liegt. Ebd., 11.12.2oo2 [Archiv][Hotelgeschichten; Titel von
der Redaktion]
In NZZ Folio, Zürich, März 2oo2 [Texte zu Fotos von Jules Spinatsch]
Heimat. In: Reto Sorg/ Yeboaa Ofosu (Hg.), Natürlich die Schweizer!. Berlin:
Aufbau Taschenbuch Verlag 2oo2
Aus lauter nichts. "NZZ-Folio", Zürich, Nr.1o/ Oktober 2oo2 [Archiv]
Ungarische Gruften, dampferfüllt. Tages-Anzeiger, Zürich, 12. 3. 2oo3; Die
«Fledermaus» quasi im Originalzustand. A.a.O., 26.3.2oo3; Über allem liegt
unangestrengte Gelassenheit. A.a.O., 9.4.2oo3; Gebäck, Gerümpel, Goyas und
Gellértbad. A.a.O., 30.4.2oo3. [News & Dates]
Liebesgrüße nach Budapest. "Theater der Zeit", Berlin, Nr.6/ 2oo3
Der ewige Rekrut. In: Peter Stamm (Hg.), Diensttage. Schweizer Schriftsteller
und ihr Militär. München und Wien: Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag 2oo3
Ist das neapolitanisches Geld? In: Beat Wismer, Martin Kunz und Sibylle Omlin
(Hg.), Muscheln und Blumen. Literarische Texte zu Werken der Kunst. Zürich:
Ammann 2oo3
Berlin, am... . "drehpunkt", 36. Jg., Nr. 12o/ Oktober 2oo4
Eine Stadt wie staubgelbe Wogen. "Tages-Anzeiger", Zürich, 11.1.2oo5; Leben mit
dem Charme des Provisorischen. Ebd., 18.1.2oo5; An der Luft. Ebd., 25.1.2oo5;
Wunderbare Schwermut. Ebd., 1.2.2oo5; Einfarbige Grandiosität. Ebd., 15.2.2oo5;
Unter roten Bergen und putzwütigen Fischen. Ebd., 22.2.2oo5 [Reiseberichte aus
Jordanien; News & Dates]
Von der Kunst, die düsteren Gedanken ans Geld zu verjagen. "Quarto", Bern,
Nr.2o/2oo5
II. Veröffentlichungen über Matthias Zschokke
1. Porträt-
und Werkskizzen
Achermann, Erika: Die Weite von Berlin. "züri-tip", Zürich, 22.12.1989
Beutler, Maja: Kleine Wörter - grosse Piraten [Laudatio zur Verleihung des
Aargauer Literaturpreises; Typoskript]
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2.
Einzeldarstellungen
Max
a) Deutsche Ausgabe
Barth, Achim: Wie Heinrich Zschokkes Nachfahre Deutschland heute sieht.
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Beck, Kurt: Lieber auf die Barrikaden. "Die Woche", Zürich, 2o.11.1981
Becker, Michael: Ein Balanceakt im Packeis. "Nürnberger Nachrichten", 2o.8.1982
Brender, Irmela im "Süddeutschen Rundfunk", Stuttgart, 18.4.1982
Burri, Peter: Ein Max zum Mögen. "Basler Zeitung", 13.3.1982
Deckstein, Dagmar in "Hessische Allgemeine Zeitung", Kassel, 6.11.1982
Eckerle, Ejo: Die gewohnte Sicht der Dinge aufbrechen. "Münchner Buch-Magazin",
Nr.14, August 1982
Goetz, Rainald im "Deutschlandfunk", Köln, 22.8.1982
Grebe, Ellen: Max- wie ein Chamäleon. "tz", München, 26.2.1982
Hippler, Christiane: Der widerwillige Schweizer. "Acher- und Bühler Bote", Bühl,
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Höchli, Stefan: Matthias Zschokke: Max. "Aargauer Volksblatt", Aarau, 24.4.1982
Höpfner, Niels im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 22.7.1982; Teilabdruck
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Ein Individualist wider Willen. "Der Landbote", Winterthur, 31.7.1982; dies.:
Max als Selbstportrait. "Aargauer Tagblatt", Aarau, 11.9.1982
Michaelis, Tatjana im "Bayerischen Rundfunk", München, 8.9.1982
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[EvS] (=van Stein, Emmanuel): Zschokke las aus "Max". "Kölner Stadt-Anzeiger",
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-1982: MAX, de Matthias Zschokke. "Service de Presse Suisse", ohne Ort und Datum
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Lucas, Gérald: Max. "GHI- Genève Home Informations", 5.1.1989
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Rüf, Isabelle: Matthias Zschokke, génie familier. "L'Hebdo", Lausanne,
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Schiltknecht, Wilfred: Max? Un stratège de l'imaginaire. "Journal de Genève",
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[an.]: Max. "L'Est Vaudois", Montreux, 7.3.1989
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[Sammelartikel]
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[an.]: MATTHIAS ZSCHOKKE, ECRIVAIN ET CINEASTE. "Lyon Figaro", 9.5.199o
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[J.P.M.]: <<Max>> ou le comédien du paradoxe. "Le Progrès", Lyon, 11.5.199o
[M.S.]: <<Max>> de Matthias Zschokke - Esquisse pour un non-conformiste.
"Journal et Feuille d'Avis de Vevey Riviera", 23.12.1988
[Qg-T]: Max et son double. "Libération", Paris, 11.5.199o
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Schafroth, Heinz F.: Ersies, der in der Abendsonne Sitzende. "Basler Zeitung",
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Schaub, Hanns: Für immer ausruhen von allem Bösen. "Die Welt", Hamburg,
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Schulze-Reimpell, Werner im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 18.7.1986; ders.:
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Wilmes, Hartmut in der "Deutschen Welle", Köln, 22.9.1986
Winkels, Hubert im "Südwestfunk", Baden-Baden, 28.5.1986
[C.C.] (=Cornu, Charles): Von Kanapees aus die Welt betrachtend. "Der Bund",
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[-jek-]: Urlaubszeit-Bücherzeit. "Kurzeitung des Nordseeheil- und Schwefelbades
St. Peter-Ording", 1.8.1986
Elefanten können nicht in die Luft springen, weil sie zu dick
sind- oder wollen sie nicht-
Brenner, Wolfgang: Von Elefanten und Hirschen. "tip", Berlin, Nr.1o/1986
Burri, Peter: Stadtneurotiker werden Stadthirschen. "Frankfurter Allgemeine
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Eberhard, Erika: Die schönen Königskinder. "Magma", Zürich, Juni 1986
Frederiksen, Jens: Von Theatermachern, Imkern und antiken Helden am Reck.
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Ganz, Rudolph im "Sender Freies Berlin", 12.5.1986; ders.: Spaziergang in den
Orient. "tip", Berlin, Nr.12/1986
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zur Aufführung Elefanten..., hg. vom "Theater zum westlichen Stadthirschen",
Berlin 1986; dass. in: "Zeitmitschrift. Journal für Ästhetik", Düsseldorf,
Nr.2/1986
Höpfner, Niels: Siehe Prinz Hans
Jenke, Eva: So einfach ist das also (doch nicht). "Volksblatt Berlin", 13.5.1986
Keck, Thomas in "Siegessäule", Berlin, Nr.6/1986
Qpferdach: Elefantitis. "die tageszeitung", Berlin, 21.5.1986
Rhode, Carla im "Sender Freies Berlin", 11.5.1986
Ritter, Heinz im "Deutschlandfunk", Köln, 12.5.1986; dass. u.d.T.: Leonce in der
Fabrik. "Saarbrücker Zeitung", 22.5.1986
Roßmann, Andreas: Seume in Kreuzberg. "Der Tagesspiegel", Berlin, 14.5.1986
Rutkowski, Sabine: Orient now. "zitty", Berlin, Nr.11/1986
Sudars, Dieter: Siehe Gerber, Werner
Teuwsen, Isabell: Mit zügelloser Phantasie gegen Mäusefürze. "Tages-Anzeiger",
Zürich, 27.6.1986
Völker, Klaus: Stücke-Markt. "Berliner Festspiele Magazin 1/86", Mai 1986
[Sammelartikel]
Wiegenstein, Roland H.: Es war einmal. "Frankfurter Rundschau", 23.5.1986
[Sammelartikel]
[an.]: Theater zum westlichen Stadthirschen (Berlin)/ Elefanten können nicht in
die Luft springen, weil sie zu dick sind- oder wollen sie nicht? von Matthias
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[an.]: Orientalischer Traum. "Südost-Express", Berlin, 9.Jg./Nr.6, Juni 1986
[A.R.] (=Roßmann, Andreas): Hirsch-Sprung. "Deutsches Allgemeines
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[Krys]: Elefanten zu Gast im Stadthirschen. "Berliner Morgenpost", 14.5.1986
[nyb]: Stadthirsch kommt mit dem Stück von den Elefanten. "BZ", Berlin,
12.5.1986
[pl]: Café Oriental. "Rhein-Neckar-Zeitung", Heidelberg, 24.5.1986
[veg.] (=Egli, Viviane): Orientalisches Klagelied. "Neue Zürcher Zeitung",
1.7.1986
Edvige Scimitt
Boebers, Jürgen: Suche nach Geborgenheit. "Westdeutsche Allgemeine Zeitung",
Essen, 18.1.1986
Brenner, Wolfgang: KNALLIG."Edvige Scimitt" von Matthias Zschokke. "tip",
Berlin, Nr.8/1986
Brüne, Klaus (Red.): Lexikon des Internationalen Films, Bd.2. Reinbek b.
Hamburg: Rowohlt 1987
Chiquet, Pierre: Ein irrwitzig gewöhnliches Leben."Nordschweiz-Basler
Volksblatt", 9.5.1986
Eichenlaub, Hans M.: Matthias Zschokkes erstaunlicher Erstling. "Bündner
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Geldner, Wilfried: Weit entfernt. "Süddeutsche Zeitung", München, 17.5.1986
Höpfner, Niels: Wie ein Jungfilmer entsteht. "Deutschlandfunk", Köln, 12.8.1985;
Kurzfassung: "Sender Freies Berlin", 8.9.1985; Teilabdruck (Jungfilmer Zschokke
in Hof: Leben filmen): "Basler Zeitung", 3o.1o.1985 und "Spiel im ZDF", Mainz,
Heft 5/ Mai 1986
Jacobsen, Wolfgang: Edvige Scimitt. "epd-Film", Frankfurt, Nr.4/1986
Jansen, Peter W. im "ZDF" ("aspekte"), Mainz, 1o.1.1986
Just, Lothar R. (Hg.): FILM-Jahrbuch 1987. München: Heyne 1987 (Nr.32/1o5)
Kaps, Angelika: Edvige Scimitt. "Der Tagesspiegel", Berlin, 9.4.1986
Kilb, Andreas: Verhuschte Frau. "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 17.5.1986
Lampert, Thomas: Lebenschronik eines Dienstmädchens. "Der Rheintaler",
Heerbrugg, 17.5.1986
Lange, Hellmuth A.: Edvige Scimitt (ZDF). "Wiesbadener Kurier", 17.5.1986
Langholz, Rainer: Keine Moral. "Kieler Nachrichten", 17.5.1986
Leuthold, Beatrice: Kino der Emotion: Die eigene Haut zu Markte tragen, braucht
Mut. "Tages-Anzeiger", Zürich, 21.1.1986 [Sammelartikel]
Loher, Bruno: Phantasie und Realität im Leben. "Neue Zürcher Nachrichten",
1o.4.1986
Meier, Peter: Multimedial aktiv- und das mit viel Erfolg. "Tages-Anzeiger",
Zürich, 12.4.1986
Schäfer, Horst: Siehe Schobert, Walter
Schneider, Hape: Edvige war ein Frauenzimmer. "Züri-Woche", Glattbrugg,
1o.4.1986
Schobert, Walter und Schäfer, Horst (Hg.): Fischer Film Almanach 1987. Frankfurt
a. Main: Fischer Taschenbuch 1987 (Nr.447o)
Schödel, Helmut: Schrottintensive Zeiten. "Die Zeit", Hamburg, 4o.Jg./Nr.46,
8.11.1985 [Sammelartikel]; ders.: Filmwolke. A.a.O., 41.Jg./Nr.22, 23.5.1986
Waeger, Gerhart: Edvige Scimitt- Ein Leben zwischen Liebe und Wahnsinn. "zoom",
Bern, Nr.3/1986
Wehrli, Peter K. in "DRS", Zürich, Frühjahr 1986 [TV-Interview]
Zimmermann, Verena: Stadtkino: "Edvige Scimitt". "Basler Zeitung", 9.5.1986
[amü.] (=Müller, Adrian): Von Mythen und dramatischer Software. "Neue Zürcher
Zeitung", 9.5.1989 [Sammelartikel]
[an.]: Film-Cocktail "Egg seul" hatte Premiere. "Nordbayerische Nachrichten",
Forchheim, 28.1o.1985
[an.]: Edvige Scimitt. "Cinema", Zürich, Nr.12/ 1985
[bel.]: Requiem auf eine Dienstbotin. "Züritip", Zürich, 11.4.1986
[bel.]: "Edvige Scimitt", Saaltochter. "Tages-Anzeiger", Zürich, 15.5.1986
[B.Z.]: Edvige Scimitt. "Stuttgarter Zeitung", 17.5.1986
[dlw] (=Weber, Daniel): Ein tragikomisches Stationendrama. "Neue Zürcher
Zeitung", 1o.4.1986
[Holl.] (=Holloway, Ronald): Edvige Scimitt. "Variety", New York, 13.11.1985
[K.W.]: Weg in den Wahnsinn. "Frankfurter Rundschau", 15.5.1986; dass. u.d.T.:
Weg aus der Provinz. "Kölner Stadt-Anzeiger", 15.5.1986
[ml]: 22.o5, ZDF: "Edvige Scimitt". "Der Bund", Bern, 15.5.1986
[Sd]: Edvige Scimitt. "Frankfurter Neue Presse", 17.5.1986
[St.R]: Journal surréaliste. "Le Matin", Lausanne, 19.1.1986
[wg]: Leben im Hotel. "TR 7", Basel, Mai 1986
Brut
a) Bonner Uraufführung
Bruck, Werner im "Westdeutschen Rundfunk", Köln, 21.11.1988
Busch, Frank: Meuterei auf dem Unterhaltungsdampfer. "Süddeutsche Zeitung",
München, 6.12.1988; ders.: Düsseldorf/ Bonn: Piranhas und Piratinnen. "Theater
heute", Zürich, Nr.2/ 1989
Draeger, Wolfhart: Wenn die Schiffskapelle nicht mehr üben will. "Die Welt",
Hamburg, 23.11.1988
Edinger, Elisabeth E.: Piraten segeln im Kreis. "Express", Köln, 21.11.1988
Gerber, Dieter: Von Einer, die mehr will als "nur" leben. "Generalanzeiger für
die Bundeshauptstadt Bonn", 21.11.1988
Hennecke, Günther: Phantastik am Rhein. "Neue Zürcher Zeitung", 24.11.1988; ders.:
Piraten-Ironie auf den Mast getrieben. "Passauer Neue Presse", 22.11.1988
Kanthak, Dietmar: Sinn über Bord. "Hannoversche Allgemeine Zeitung", 7.12.1988
Kill, Reinhard: Im Seichten dümpeln. "Rheinische Post", Düsseldorf, 26.11.1988
Lackmann, Thomas: Die Piraten fahren im Kreis. "Westdeutsche Allgemeine
Zeitung", Essen, 26.11.1988
Oehlen, Martin: Es konnte noch nie so weitergehen. "Kölner Stadt-Anzeiger",
21.11.1988
Pfister, Eva: Piraten, die am Leben leiden. "Mannheimer Morgen", 25.11.1988;
dies.: Sehnsüchtige Weise vom Freibeutertum. "Tages-Anzeiger", Zürich,
29.11.1988
Pörtner, Rudolf: Die Welt als Irrenhaus. "Neue Westfälische", Bielefeld,
5.12.1988
Roßmann, Andreas: Seeräuberpistole. "Frankfurter Allgemeine Zeitung",
22.12.1988; ders.: Brut. In: Klaus Völker (Hg.), Bertelsmann SCHAUSPIELFührer.
Gütersloh/ München: Bertelsmann 1992
Ruf, W.: Matthias Zschokke: Brut. "Die Deutsche Bühne", Zürich, Nr.2/1995
Schader, Ingeborg: Die Schöne und die See. "Rhein-Zeitung", Koblenz, 22.11.1988
Schmidt, Hannes: Von Literaten und Piraten. "NRZ" ("Neue Ruhr Zeitung/ Neue
Rhein Zeitung"), Essen, 23.11.1988
Schödel, Helmut: Mein Pferd für eine Hose. "Die Zeit", Hamburg, 43.Jg./Nr.48,
25.11.1988
Schulze-Reimpell, Werner: Grüße vom Klabautermann. "Rheinischer Merkur/ Christ
und Welt", Bonn, 25.11.1988; ders.: Der geheimnisvolle Matrose. "Der
Tagesspiegel", Berlin, 25.11.1988
Stilett, Hans: Piratenschiff auf sinnloser Beutefahrt. "Gießener Anzeiger",
22.11.1988; ders.: Wort-Witz und Piraten-Logik. "Saarbrücker Zeitung",
25.11.1988
Stumm, Reinhardt: Tod im Traumboot der Sehnsucht. "Basler Zeitung", 25.11.1988
Terschüren, H.D.: Gestrandete Seeräuber. "Bonner Rundschau", Köln, 21.11.1988
Thiemer, Horst im "Deutschlandfunk", Köln, 19.11.1988
[an.]: V. 37 Kritiker nennen Höhepunkte der Spielzeit 1988/89. In: Peter von
Becker, Michael Merschmeier und Henning Rischbieter (Hg.), Theater 1989
[Jahrbuch der Zeitschrift "Theater heute"]. Zürich: Orell Füssli + Friedrich
1989 [Wahl zum besten Nachwuchskünstler 1989 als Autor]
[aro] (=Roßmann, Andreas) im "Frankfurter Allgemeine Magazin", Nr.455,
18.11.1988
[epf.]: "Filigranes" über Seeräuberei. "Der Bund", Bern, 23.11.1988
[lnw]: Die Schöne bei den Seeräubern. "WZ -Westdeutsche Zeitung/ Düsseldorfer
Nachrichten", 22.11.1988
[T.]: "Brut". "Theater-Rundschau", Bonn, Dezember 1988
[U.Sch.] (=Schreiber, Ulrich) in "Frankfurter Rundschau", 23.11.1988
b) Göttinger Aufführung
Griebler, Annelis: Vergebliches Träumen. "Kölner Stadt-Anzeiger", 22./23.11.1989
Sattler, Juliane: Das sirrende Sehnen. "Hessische Allgemeine", Kassel, 4.1o.1989
Winters, Hans-Christian: Schlaglichter, Blackouts... "Göttinger Tageblatt",
2.1o.1989
Zerull, Ludwig: Göttingen: Kein Abenteuer mit den Piraten. "Theater heute",
Zürich, Nr.11/ 1989
[an.]: JT: Wieder mal gegen den Wind. "Blick", Göttingen, 27.9.1989
[an.]: ...auf Reisen gegangen, Neues zu (er)finden. "Extra Tip", Göttingen,
27.9.1989
[an.]: JT: Prima "Brut"- jetzt kommt Else. "Blick", Göttingen, 4.1o.1989
[lni]: Junges Theater zeitnah mit "Brut". "Bergische Landeszeitung", Bergisch
Gladbach, 3.1o.1989; ders.: Zeitnah mit "Brut". "Oldenburgische Volkszeitung",
Vechta, 3.1o.1989
[ters] (=Winters, Hans-Christian): Aufbruch unterm Totenkopf. "Göttinger
Tageblatt", 3o.9.1989
[-tina-] (=Fibinger, Tina): Brut- Ein Piratenstück. "Hier und Jetzt",
Duderstadt, Nr.1o/ 1989; dies.: Brut. A.a.O., Nr.11/ 1989
[V.K.]: BRUT. "charakter", Göttingen, Nr.5/ 1989
[WL]: Spielzeitauftakt mit >>Brut<< des jungen Autors Zschokke.
"Freizeitmagazin", Göttingen, 28.9.1989
c) Zürcher Aufführung
Achermann, Erika: Piratenleben, wie es scheint. "Tages-Anzeiger", Zürich,
3.1.199o
Augustin, Sonja: Buntes Seemannsgarn mit wenig Tiefgang. "Neue Zürcher
Nachrichten", 6.1.199o
Bischof, Hugo: <<Ach, wir zerschellen an uns >>. "Luzerner Tagblatt", 6.1.199o
Caduff, Corina: Eine harmlose Piraten-Metapher. "Der Zürcher Oberländer",
Wetzikon, 3.1.199o
Fässler, Günther:Ein einziger hat das Zeug zur Piraterie. "Luzerner Neuste
Nachrichten", 3.1.199o; ders.: Im Schwamm über ein Meer von Sehnsucht.
"Oberländer Tagblatt", Sargans, 3.1.199o
Grieder, Walter: Wenn Träume und Illusionen bersten. "Zürcher Unterländer",
Bülach, 4.1.199o
Kraft, Martin: Eine absurde Seeräuber-Geschichte. "Der Landbote", Winterthur,
3.1.199o; ders.: Welträtsel im karibischen Sumpf. "Zürichsee-Zeitung", Stäfa,
3.1.199o
Lang, Guy: Piraten dümpeln vor sich hin. "Tagblatt der Stadt Zürich", 6.1.199o
Loepfe, Koni: Vor allem ein Augenschmaus. "Volksrecht", Zürich, 3.1.199o
Mattenberger, Urs: Märchenhafte Abenteuer ohne Perspektive. "Badener Tagblatt",
3.1.199o
Peter, Charlotte: Die Morde kommen leichtfüßig einher. "Züri-Woche", Glattbrugg,
4.1.199o
Plessing, Irene von: Konturenlose Figuren in <<Brut>> am Neumarkt-Theater.
"Aargauer Volksblatt", Aarau, 5.1.199o
Stierli, Heinz: Per Schiff voller Sehnsucht Richtung Sehnsucht. "Basler
Volksblatt", 3.1.199o; "Vaterland", Luzern, 3.1.199o
Terry, Thomas: Auf den Flügeln der Phantasie. "St. Galler Tagblatt", 9.1.199o
Tresch, Christine: Absurd? Absurd! "Die Wochenzeitung", Zürich, 26.1.199o
Weber, Lilo: Zahme Piraten, weich gepolstert. "Berner Zeitung", 6.1.199o
Willmann, Birgitta: <<Brut>>- Piraten zwischen Leere und Langeweile.
"Sonntagszeitung", Zürich, 31.12.1989
[amü.] (=Müller, Adrian): Nachdenkliche Piraten. "Neue Zürcher Zeitung",
3.1.199o
[rst] (=Stumm, Reinhardt): Leuchtendes Meer und Piratenliebe: Zschokkes "Brut"
in Zürich. "Basler Zeitung", 2.1.199o
d) Hamburg-Berliner Aufführung
Barz, Paul: Ein Autor als Regisseur. "Welt am Sonntag", Hamburg, 21./22.9.1991;
ders.: Piratenbrut und Heidentänze. "Trierischer Volksfreund", 8.1o.1991
Bohn, Ulla: Piratenschiff voller Neurosen. "BZ", Berlin, 1o.1o.1991
Bombeck, Nataly: Piratenstück mit viel Poesie. "Bild" [Hamburg-Ausgabe],
Hamburg, 3o.9.1991
Burkhardt, Werner: Von Inseln und Meeren. "Süddeutsche Zeitung", München,
1.1o.1991
Goldberg, Henryk: Dümpeln im Flachwasser, und alle grübeln mit. "Spandauer
Volksblatt", Berlin, 1o.1o.1991
Hablützel, Niklaus: Ein Autor ohne Regisseur. "die tageszeitung", Berlin,
3o.9.1991
Hofmann, Isabelle: Bizarres Werk aus Witz und Wahn. "Hamburger Morgenpost",
3o.9.1991
Kleinert, Lore: Was Frauen alles erleben dürfen. "die tageszeitung", Berlin,
2.1o.1991
Kohls, Mareile: Piraten-Brut. "Prinz" [Hamburg-Ausgabe], Hamburg, Nr. 1o/
Oktober 1991
Laages, Michael: Etwas Filigranes über Seeräuberei. "Hamburger Rundschau",
19.9.1991; ders.: Das wilde ferne Bild im Kopf. A.a.O., 2./3.1o.1991
Lange, Mechthild: Poetische Ansprüche- uneingelöst. "Frankfurter Rundschau",
2./3. 1o.1991
Michaelis, Rolf: Grübelnde Piraten, lebende Iren. "Theater heute", Zürich,
Nr.11/ 1991
Nellissen, Monika: Ein Pirat steckt doch in jedem von uns. "Die Welt"
[Hamburg-Ausgabe], Hamburg, 25.9.1991
Oehmsen, Susanne: "Brut"- ein zu langatmiges Piraten-Stück auf Kampnagel.
"Elmshorner Nachrichten", 3o.9.1991
Pees, Matthias: Philosophenkahn statt Piratenboot. "Neue Osnabrücker Zeitung",
2.1o.1991; dass. u.d.T.: Piraten sind Dünnhäuter. "Mecklenburger Aufbruch",
Schwerin, 16.1o.1991
Penzlin, Dagmar: Wenn Piraten Liebe fehlt. "Winsener Anzeiger", 5.1o.1991
Rehder, Mathes: Scheherazades kleiner Bruder. "Hamburger Abendblatt", 29.8.1991;
ders.: Sehnen, sehnen- und kein Ausweg. A.a.O., 3o.9.1991
Reich, York: Erst spritzig, dann trocken. "die tageszeitung", Berlin, 11.1o.1991
Schmidt-Missner, Jürgen: Mit Piraten im Kreisverkehr. "Nürnberger Nachrichten",
1.1o.1991
Tomerius, Lorenz: Hebbel-Theater: Wieder einmal ist ein Fliegender Holländer
gestrandet. "Berliner Morgenpost", 1o.1o.1991
Warnecke, Kläre: Piraten auf einer Hühnerleiter. "Die Welt", Hamburg, 3o.9.1991
Wirsing, Sibylle: Piraterie zwischen Sein und Nichtsein. "Der Tagesspiegel",
Berlin, 1o.1o.1991
Witzeling, Klaus: "Ich will das Brenzlige". "Hamburger Morgenpost", 26.9.1991
Wlodyga, Felicitas: Hält nur die Sprache die Brut noch zusammen? "Berliner
Morgenpost", 16.2.1992
[aro] (=Roßmann, Andreas) im "Frankfurter Allgemeine Magazin", Nr.6o4, 27.9.1991
[m.v.] in "Frankfurter Allgemeine Zeitung", 8.1o.1991
e) Genfer Aufführung
Collet, Francine: Des pirates désenchantés partent à l'abordage avec beaucoup de
souffle. "Le Courrier", Genf, 2o.1.1993
Fabbri, Sandrine: Quand les pirates noient le poisson. "Journal de Genève et
Gazette de Lausanne", 18.1.1993
Fabrycy, Isabelle: Les naufragés du plaisir. "Le Matin", Lausanne, 13.1.1993
Musy, Gilbert: Matthias Zschokke/ Le spécialiste des <<délicatesses rares>>.
"Journal de Genève et Gazette de Lausanne", 16./17.1.1993
Olivier, Jean-Michel: Le Poche prend le large. "La Suisse", Genf, 19.1.1993
Pralong, Michèle: Un théâtre grave et comique. "Journal de Genève et Gazette de
Lausanne", 16./17.1.1993
Savioz, Chantal: Un écrivain suisse aborde les pirates des mers du sud. "Tribune
de Genève", 15.1.1993; dies.: Le Théâtre de Poche rêve de grande aventure et de
piraterie. "Tribune de Genève", 18.1.1993; Le Théâtre de Poche donne dans la
grande aventure et la piraterie. "24 Heures", Lausanne, 18.1.1993
[an.]: Ein Deutschschweizer in Genf. "Stehplatz", Bern, Nr.9/ Februar 1993
[F.CT] (= Collet, Francine): Dans le sillage des pirates. "Le Courrier", Genf,
15.1.1993
f) Dortmunder Aufführung
Berke, Bernd: Piraten bei Windstille. "Westfälische Rundschau", Dortmund,
15.4.1996
Heitmann, Christoph in "Radio 91,2", Dortmund, 15.4.1996
Keim, Stefan: Piratenbrut bei flauer Brise. "Westfalenpost", Hagen, 15.4.1996
Kentrup, Roland: Brut. "Theater-Magazin", Dortmund, April 1996
Link, Günter: Zur Theaterkritik von "Brut" im Schauspielhaus -Ohne Herztropfen
und Magentabletten! "Stadtanzeiger", Dortmund, 15. Mai 1996
Peiseler, Christian: DORTMUND: Alle begehren Pippi Langstrumpf. "Theater heute",
Seelze, Nr.6/1996
Schnettler, Silke: Leben in der Konservendose. "theater pur", Essen, Nr.5/ Mai
1996
Schrahn, Martin: "Brut"-Piraten im Redestreß. "Ruhr-Nachrichten", Dortmund,
15.4.1996
Stiftel, Ralf: Die Piraten sind müde. "Westfälischer Anzeiger", Hamm, 16.4.1996
Widow, Anke: Piraten ohne Zukunft schippern im Kreis. "Stadtanzeiger", Dortmund,
17.4. 1996
Wiegers, Annegret: Wunschträume auf hoher See. "Westdeutsche Allgemeine
Zeitung", Essen, 16.4.1996
[an.]: Meuterei im Schauspielhaus. "Theater-Zeitung", Dortmund, Nr.4/1996
[an.]: "Brut" erzählt von zerronnenen Träumen. "Ruhr-Nachrichten", Dortmund,
1o.4.1996
[JG]: Piraten erobern Schauspielhaus. "Westfälische Rundschau", Dortmund,
1.4.1996
[sk] (=Keim, Stefan): Das triste Alltagsleben der Piratinnen. "Westfalenpost",
Hagen, 11.4.1996
[wi] (= Wiegers, Annegret): Vom langweiligen Piratenalltag. "Westdeutsche
Allgemeine Zeitung", Essen, 11.4.1996
Der wilde Mann
Acklin, Claudia: Kleine Leute, kühl und distanziert beobachtet.
"Tages-Anzeiger", Zürich, 2o.1.1989 [Sammelartikel]; dies. und Furler, Andreas:
<<Die Darstellungskunst ist eine schwebende Angelegenheit>>. A.a.O., 9.8.1989
[Sammelartikel]
Badan, Marco: La tournée del cinema svizzero. "Quotidiano", Bioggio, 8.2.1989
[Sammelartikel]
Blöchinger, Brigitte: Schlafmangel mit Stilüberfluß. "Der Zürcher Oberländer",
Wetzikon, 9.1.199o
Charlot: Zürcher Filmstenogramm - Der wilde Mann. "Zürichsee-Zeitung", Stäfa,
12.1.199o
Dättwyler, Tommy: Rückblick auf die 24. Solothurner Filmtage. "Aargauer
Volksblatt", Aarau, 27.1.1989 [Sammelartikel]
Dusek, Barbara: Wahnsinn und Normalität. "Ostschweizer AZ", St. Gallen;
"Schaffhauser AZ"; "Volksrecht", Zürich; "Winterthurer AZ", 4.1.199o
Eichenlaub, Hans M.: Gute Filme und aufdringliche, fragwürdige Sponsorenpolitik.
"Aargauer Tagblatt", Aarau; "Brugger Tagblatt"; "Freiämter Tagblatt", Wohlen,
2o.8.1988 [Sammelartikel]; ders.: Eine Torte mit doppeltem Boden. "Bündner
Zeitung", Chur, 8.1.199o
Gächter, Christoph: Keine Krise beim Dokumentarfilm. "Vorwärts", Basel, 2.2.1989
[Sammelartikel]
Glur, Beat: Die Zukunft des Schweizer Spielfilms hat begonnen. "Berner Zeitung",
19.1.199o [Sammelartikel]
Guardo, Alfio di: Place au cinéma suisse. "La Liberté", Fribourg; "Le Courrier",
Genève, 27.4.1989 [Sammelartikel]
Hermann, Ludwig: Der wilde Mann. "Biel-Bienne", 16.11.1989
Hickethier, Knut: Schweizer Realismus. "epd/ Kirche und Rundfunk", Frankfurt/
Main, Nr.6/ 25.1.1989
Horstmann, Ulrich: Kopf einziehen. "Kölner Stadt-Anzeiger", 19.1.1989
Isler, Thomas: Zeitgeist- vielzitierter Gast in Solothurn. "Badener Tagblatt",
28.1.1989 [Sammelartikel]
Kalberer, Guido: Einbruch der Dunkelheit. "Limmat Zeitung", Dietlikon, 26.1.1989
[Sammelartikel]; ders.: Der unheimlich Ungeborgene. A.a.O., 4.1.199o
Katz, Anne-Rose: Älper-Alptraum. "Süddeutsche Zeitung", München, 19.1.1989
Kessler, Mark: Der Mensch braucht eine Notwendigkeit. "Freiburger Nachrichten",
Freiburg/ Schweiz, 2o.8.1988 [Sammelartikel]
Koll, Hans Peter (Hg.): Lexikon des Internationalen Films 1989/9o. Reinbek b.
Hamburg: Rowohlt 1991
Kopka, Christiane: Das grauenvolle Dorf. "Westfälische Rundschau", Dortmund,
19.1.1989
Kradolfer, Edi: Vorsichtiges Aufspüren von Wirklichkeit. "zoom", Bern, 17/1988
[Sammelartikel]
Malach, Viera: Ein [!] Hommage an den <<Wilden Mann>> ins [!] Ins. "Bieler
Tagblatt", 25.11.1989
Morace, Mariano: Il cinema svizzero alle Giornate cinematografiche di Soletta. "Azione",
Lugano, 26.1.1989 [Sammelartikel]
Münzel, Guido: Von Gewohnheiten und Galanteriewaren. "Berner Zeitung", 1.3.1989;
ders., Dramatisch-schelmisches Lustspiel, ebd.; ders.: Im Schweizer Film gibt es
wieder Inhalte. A.a.O., ?.1.1989 [Sammelartikel]
Oberholzer, Niklaus: Ein altes Häuschen in Emmenbrücke. "Vaterland", Luzern,
2o.1.1989 [Sammelartikel]
Perret, Jean: Dernière nuit à l'auberge. "Journal de Genève"; "Gazette de
Lausanne",28.1.1989
Prisi, Elsbeth: Der wilde Mann. "zoom", Bern, Nr.6/1989
Ramer, Angelika: Nur ein Schweizer Regisseur erhielt eine Auszeichnung.
"Ostschweizer AZ", St.Gallen; "Schaffhauser AZ"; "Volksrecht", Zürich;
"Winterthurer AZ", 16.8.1988 [Sammelartikell
Rauber, Reto: Vom Theaterbesucher zum Filmstar. "Zofinger Tagblatt", 14.1.1989
Rederlechner, Hp.: Kleine Fluchten und grosse Reisen. "Grenchner Tagblatt",
16.8.1988 [Sammelartikel]
Richter, Robert: Auf Distanz zur Schweiz? "Tele", Zürich, 3o.1.1989
[Sammelartikel]; ders.: Verspielte, skurrile und spannende Spielfilme. "Bieler
Tagblatt", ?.1.1989 [Sammelartikel]
Rohrbach, Stefan: Sonderbares geschieht in Ins. "Bieler Tagblatt", 18.11.1989
Schelbert, Corinne: Eine <<Erfolgsgeschichte>> mit einigen Knicks.
"Tages-Anzeiger", Zürich, 15.8.1988 [Sammelartikel]
Schertenleib, Christof: Wo Schmetterlinge zu Leoparden werden. "Die Presse",
Wien, 2o./ 21.8.1988 [Sammelartikel]
Schödel, Helmut: Schön war die Zeit. "Die Zeit", Hamburg, 43.Jg./Nr.45,
4.11.1988 [Sammelartikel]; ders.: Mann im Moos. A.a.O., 44.Jg./Nr.3, 13.1.1989
Simon-Zülch, Sybille: Absurde Wirklichkeit. "die tageszeitung", Berlin,
19.1.1989
Volonterio, Guglielmo: <<Grand Hotel>> svizzero-tedesco. "Corriere del Ticino",
Lugano, 2o.1.1989
Wiegand, Wilfried: Das Ende einer Dienstreise. "Frankfurter Allgemeine Zeitung",
19.1.1989
Zaugg, Fred: Bedenkliches und Heiteres. "Der Bund", Bern, 2o.1.1989
[Sammelartikel]
[ar.] (=Ramer, Angelika): Man erlebt fast absurdes Theater. "Schaffhauser AZ",
7.12.1988
[Boe.] (=Boesiger, Johannes): Die Zeit der Konsolidierung. "Neue Zürcher
Zeitung", 19.8.1988 [Sammelartikel]
[bre.] (=Brehm, Walter): <<Till>> (k)ein Baby-Film und der <<Wilde Mann>> ist
(nur) ein Hotel. "Thurgauer Zeitung", Frauenfeld; "Bischofszeller Zeitung",
17.8.1988 [Sammelartikel]
[dlw.] (=Weber, Daniel): Die wilde Nacht im <<Wilden Mann>>. "Neue Zürcher
Zeitung", 21.1.1989; ders.: <<Der Wilde Mann>> im Zürcher Filmpodium. A.a.O.,
5.1.199o
[Edna.]: Der Wilde Mann. "Variety", New York, 31.8.1988
[gim.]: <<Der wilde Mann>> - Eigenwillig. "züri-tip", Zürich, 5.1.199o
[lr]: <<Der Wilde Mann>>. "Zürcher Student", 8.1.199o
[ml]: Preise für Berner Filmschaffende. "Der Bund", Bern, 23.1o.1989
[mü.]: Matthias Zschokke - Meister der Ironie. "Basellandschaftliche Zeitung",
Liestal, 12.1.199o
[mün]: Schelmische Parodie menschlichen Verhaltens. "Berner Zeitung", 15.11.1989
[nic.]: Ein eher kompliziertes Landleben. "Zofinger Tagblatt", 21.1.1989
[pm]: Telekritik - Der wilde Mann. "Badisches Tagblatt", 19.1.1989
Piraten
Fässler, Günther: Brut über einem Eulenspiegelei im Piratennest. "Der Landbote",
Winterthur, 23.3.1991; dass. u. d. T.: Ein Kuckucksei im Piratennest. "Bündner
Zeitung", Chur, 1.5.1991
Geisel, Sieglinde: Windstille Prosa. "Die Wochenzeitung", Zürich, 12.7.1991
Grunder, Hans-Ulrich: Der lustvolle Drang in die Ferne", "Bieler Tagblatt",
13.4.1991 [Sammelartikel]
Helbig, Carmen: Matthias Zschokke/ Piraten. "Journal Frankfurt", 25.1o.1991
Höpfner, Niels im "Deutschlandfunk", Köln, 1.4.1991 [Interview]; Teilabdruck
(Der melancholische Pirat): "tip", Berlin, Nr.15/ 1991; ders.: Am Abend
vorgestellt: Matthias Zschokke- Piraten. "Westdeutscher Rundfunk", Köln,
9.9.1991
Huber, Christine: So lustig und spannend war Literatur noch selten. "Berner
Zeitung", 17.4.1991
Jokostra, Peter im "Rias", Berlin, 3o.4.1991
Kalberer, Guido: Alles findet auf der Bühne statt. "Tages-Anzeiger", Zürich,
7.8.1991
Kraft, Martin: Erinnerungen an ein Theaterstück. "Schweizer Feuilletondienst",
Zürich, 28.5.1991 [Typoskript]; "Rheintalische Volkszeitung", Altstetten,
26.6.1991
Mack, Gerhard: In der Werkelwelt. "Stuttgarter Zeitung", 3.5.1991
Mazenauer, Beat: Lethargische Piraten dümpeln über Pappmeere. "Nidwaldner
Volksblatt", 2o.6.1991; ders.: Kaperfahrten auf den grossen Gefühlen.
"Zürichsee-Zeitung", Stäfa, 2.1.1992
Mittag, Susanne: Lese-Abenteuer. "BuchJournal", Frankfurt/ Main, Nr. 1/1991
Mohr, Peter: Lächerliches vom Kulturbetrieb. "Spandauer Volksblatt", Berlin,
16.6.1991
Pulver, Elsbeth: Ernsthafter Unernst. "Neue Zürcher Zeitung", 13.6.1991
Quirchmayr, Erwin: Chaos aus Prinzip. "AZ- Unabhängige Tageszeitung", Wien,
21./22.9.1991
Reinacher, Pia/ Vogler, Heini in "Radio DRS", Basel, 13.3.1991; dies./ Zschokke,
Matthias: Zusammenklang nach den dubiosen Regeln der Empfindungswelt
[Briefwechsel mit Autoren III: Über Matthias Zschokkes <<Piraten>>]. "Basler
Zeitung", 12.4.1991
Ruhnau, Uwe-Jens: Ein Piratenstück. "Westdeutsche Zeitung", Düsseldorf,
September 1991 [Beilage: Literatur-Zeitung]
Schafroth, Heinz F.: Dass einem ganz metaphorisch zumute wird... . "Basler
Zeitung", 28.1o.1989
Schattenhofer, Monika: Ein stilles Durcheinander. "Frankfurter Rundschau",
3o.3.1991
Schlodder, Holger: Auf trüben Gewässern dahingedümpelt. "Hannoversche Allgemeine
Zeitung", 25.5.1991
Schödel, Helmut: Gestern Pirat, heute privat- Zschokke über das Ende der
Abenteuer. "Die Presse", Wien, 16./17.3.1991; ders. im "Norddeutschen Rundfunk",
Hannover, 5.5.1991
Schulze, Karin: Die Räuberpistole geht nach hinten los. "Deutsches Allgemeines
Sonntagsblatt", Hamburg, 9.8.1991
Schulze-Reimpell, Werner: Witz und Witzchen. "Nürnberger Nachrichten", 18.4.1991
Staudacher, Cornelia: Berliner Blau im wilden Norden. "Der Tagesspiegel",
Berlin, 17.3.1991
Ueding, Gert: Schrott am Plötzensee oder Wie komme ich auf den Ararat? "Die
Welt" Hamburg, 24.4.1991 [Sammelartikel]
Vogler, Heini: Siehe Reinacher, Pia
Wahlster, Barbara im "Süddeutschen Rundfunk", Stuttgart, 25.7.1991 [Interview]
Wiesner, Herbert: Lebensläufe kapern. "Süddeutsche Zeitung", München,
11./12.5.1991
Winkels, Hubert: Piraten und Seifenblasen. "Die Zeit", Hamburg, 46.Jg./Nr.18,
26.4.1991
Wördemann, Raimund in der "Deutschen Welle", Köln, 19.11.1991
Zulauf, Jochen im "Sender Freies Berlin", 24.4.1991
[an.]: Katz- und Maus-Spiel mit der Leseerwartung. "Berner Tagwacht", 6.4.1991;
dass. [gl]: "Bündner Tagblatt", Chur, 13.5.1991
[an.]: Die rosaroten Korsaren. "Sibylle", Leipzig, Nr.6/1991
[C.C.] (=Cornu, Charles): Das Leben schreibt nicht, es wetzt ab. "Der Bund",
Bern, 16.3.1991
[np]: "Hochgespülte Sonderlinge". "Der Schweizer Beobachter", Glattbrugg,
27.9.1991
Die Alphabeten
a) Berner Uraufführung
Achermann, Erika: <<Lieber falsch leben als richtig sterben>>, "Tages-Anzeiger",
Zürich, 27.9.1994
Bergen, Stefan von: Die <<Alphabeten>> finden vor lauter Gerede keine Worte.
"Berner Zeitung", 22.9.1994; ders.: Verspielte Vertonung einer Wortpartitur.
A.a.O., 27.9.1994
Dubois, Ursula: Macher und Gemachte. "Stehplatz", Bern, September 1994
Eichmann-Leutenegger, Beatrice: Gefährdung des Künstlers. "Luzerner Zeitung",
27.9.1994
Fässler, Günther: Verschwindende Pfütze im Wörtermeer. "Bündner Zeitung", Chur,
28.9.1994; ders.: Die Pfütze im Wörtermeer. "Luzerner Neuste Nachrichten",
27.9.1994
Fellenberg, Walo von: Eine Frau wehrt sich! "Blick", Zürich, 27.9.1994
Genre, Heide in "next/ SRG", Zürich, 25.9.1994 [TV-Bericht]
Halter, Martin: Ohne Preis keine Kunst. "Frankfurter Allgemeine Zeitung",
28.9.1994
Höpfner, Niels: Aus dem Buch des (Kultur-) Lebens. "Theater der Zeit", Berlin,
49. Jg./Nr.6, November/ Dezember 1994
Inan, Cihan: Bewundernswerte Allerweltsweisheiten. "Berner Tagwacht", 29.9.1994
Linsmayer, Charles: Das Theater als Riesenspielzeug. "Der Bund", Bern, 24.9.1994
[Interview mit Matthias Zschokke]; ders.: <<Wir leben nicht, wir spielen
lebendig>>. A.a.O., 27.9.1994
Maurer, Roland: Alles komisch, alles tragisch, alles egal. "Berner Woche"
Nr.221/ 1994 [Beilage des "Bund"]; ders.: Ein skurril-hintergründiges Stück.
"Solothurner Zeitung"; "Grenchner Tagblatt"; "Langenthaler Tagblatt"; "Berner
Rundschau", Langenthal; "Der Zürcher Oberländer", Wetzikon, 27.9.1994
Mack, Gerhard: Aufbruch und Erstarrung. Neue Schweizer Dramatik. "Die Deutsche
Bühne", Zürich, 63. Jg., Nr.1/1992 [Sammelartikel]
May, Nicola in Programmheft Heft 51 Die Alphabeten. "StadtTheater Bern" 1994/95
Moser, Samuel: Preisverleihung im Himmel: Ein Schurke- herrlich! "Süddeutsche
Zeitung", München, 29.9.1984
Peternell, Svend: Ohne traumwandlerische Sicherheit. "Berner Oberländer",
27.9.1994
Reich, Richard: Das Ich in der Flasche. "Neue Zürcher Zeitung", 28.9.1994
Richard, Christine: Der Dichter als Ausdenker. "Theater heute", Velber, Nr.1/
1995
Schanda, Susanne: <<Ich denke beim Schreiben an Bühnenrealität>>. "Berner
Zeitung", 22.9.1994 [Interview mit Matthias Zschokke]
Stebler, Beatrice in "1o vor 1o/ SRG", Zürich, 23.9.1994 [TV-Interview]
Stumm, Reinhardt: Nur Darstellung, Lebensdarstellung. "Basler Zeitung",
27.9.1994
Tresch, Christine: Gefallene Engel. "Die Wochenzeitung", Zürich, 3o.9.1994
Wenner, Hildegard im "DeutschlandRadio", Köln, 26.9.1994
Zimmermann, Marie-Louise: Kultur ist kein Zuckerschlecken. "Cash", Zürich,
Nr.39/3o.9.1994
[an.]: Die Alphabeten. "Prolog", Bern, Nr.1/ September 1994
[an.]: <<Die Alphabeten>> von Matthias Zschokke. "Berner Woche" Nr.219/ 1994
[Beilage des "Bund"]
[hel.]: Eine Inszenierung ohne Biss. "Aargauer Tagblatt", Aarau; "Brugger
Tagblatt"; "Freiämter Tagblatt", 27.9.1994
[svb]: Nur ein Theater. "Berner Zeitung", 22.9.1994
b) Berliner Aufführung
Baschleben, Klaus: Hinter der Rede herrscht Sprachlosigkeit. "Berliner Zeitung",
18.1o.1994
Ebert, Gerhard: Wenn Talent sich nicht anpaßt. "Neues Deutschland", Berlin,
24.1o.1994
Göpfert, Peter Hans: Lorbeer für die Kommissarin. "Die Welt", Berlin, 18.1o.1994
Grack, Günther: Seiltanz auf Spinnfäden. "Der Tagesspiegel", Berlin, 18.1o.1994
Hackenberg, Dorothee: Die Alphabeten. "Die Woche", Hamburg, 27.1o.1994
Höpfner, Niels: Siehe Berner Uraufführung
Huser, Karin: Viel Lob für Zschokkes deutsche Erstaufführung. "Berner Zeitung",
19.1o.1994
Kohse, Petra: In Komik verschieden. "die tageszeitung", Berlin, 2o.1o.1994
Kroekel, H.: Die Sprechblasen der "Alphabeten": Selbst der Regisseur hatte
Probleme. "Berliner Kurier", 18.1o.1994
Löffler, Sigrid: ...wir leben nicht, wir spielen lebendig... . In: STÜCKE '95.
Hg. vom Kulturamt der Stadt Mülheim an der Ruhr, 1995
Nümann, Dirk: Mhm, jaja, mhm. "junge Welt", Berlin, 19.1o.1994
Oesterreich, Volker: Von A bis Z perfekt: "Die Alphabeten". "Berliner
Morgenpost", 18.1o.1994
Paul, Gerold: Wenn es nur gut unterhält. "Märkische Allgemeine", Berlin,
26.1o.1994
Ritter, Heinz im "Sender Freies Berlin", 17.1o.1994
Rhode, Carola im "Sender Freies Berlin", 23.1o.1994
Tomerius, Lorenz: Eine Breitseite gegen den Kulturbetrieb. "Berliner
Morgenpost", 16.1o.1994 [Interview mit Matthias Zschokke]
Wengierek, Reinhard: Wenn der dicke Hintern alles erstickt. "Hannoversche
Allgemeine Zeitung", 2o.1o.1994
Wiegenstein, Roland H.: Randständige Begabung. "Frankfurter Rundschau",
27.1o.1994
Wille, Franz: Schreiben, wählen, sehen. "Frankfurter Allgemeine Zeitung",
18.1o.1994
[an.]: Die hochgebildeten Furzer. "Der Tagesspiegel", Berlin, 22.9.1994
[A.R.] (=Reber, Annette): Die Alphabeten. Programmheft des "Deutschen Theaters",
Berlin, 112. Spielzeit 1994/95
[sam]: Wir leben nicht, wir spielen lebendig. "BZ", Berlin, 18.1o.1994
[F.W.] (= Wille, Franz): Der Dichter als Ausdenker. "Theater heute", Velber,
Nr.1/1995
c) Genfer Aufführung
Adamo, Ghania: Ennemis de la logique, "Les Alphabètes" déclenchent l'incongruité
et le rire. "Le Temps", Genève, 24.1.2ooo
Cerretelli, Claudia: théâtre à la comédie de genève - Les alphabètes. "Scènes
Magazine", Genève, Février 2ooo
Chantre, Pierre-Louis: Les infortunes de Matthias Zschokke. "L'Hebdo", Lausanne,
21.10.1999
Genecand, Marie-Pierre. Un brouillage existentiel dans la jungle des villes. "Le
Courrier", Genève, 26.1.2ooo
Gerber, Yves: Selon Matthias Zschokke, dire l'amour est une épreuve. "Dimanche",
Genève, 23.1.2ooo
Mertenat, Thierry: Le théâtre de Zschokke se joue la vie aux trousses. "Tribune
de Genève", 25.1.2ooo
Paschoud, Martine: Zschokke, toujours là où on ne l'attend pas. "Le Journal de
la Comédie". Genève, Nr.3, Decembre 1999/ Janvier 2ooo; dies.: Matthias Zschokke,
Sphinx des temps modernes. "Programme Les Alphabètes", Genève, 18.1.2ooo
Prélaz, Catherine: Le mots contre la médiocrité. "Le Matin", Lausanne,
17.1.2ooo; dies.: Le théâtre a la parole. A.a.O., 18.1.2ooo
Villiger Heilig, Barbara: Susanna im Bade. "Neue Zürcher Zeitung", 21.1.2ooo
[hpg.]: Geschicktes Zschokke-Kreuzworträtsel. "Der Bund", Bern, 2o.1.2ooo
[V.B.]: Les Alphabètes. "Fémina", Lausanne, Nr.4, 23.1.2ooo
Der reiche Freund
a) Berliner Stückemarkt
Funke, Christoph: Heiteres Scheitern. "Der Tagesspiegel", Berlin, 14.5.1994
Gwalter, Maja E.: Lebensarchitektur, Traumerfüllung? "Neue Zürcher Zeitung",
2o.5.1994
Nayhauß, Dirk von: "Der reiche Freund" beim Stückemarkt. "Berliner Morgenpost",
14.5.1994
Schmidt-Mühlisch, L.: "Der reiche Freund" und die "Brennende Finsternis". "Die
Welt", Berlin, 14.5.1994 [Sammelartikel]
b) Hannoversche Uraufführung
App, Volkhard im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 19.3.1995
Barth, Siegfried: Die starke Sprache geht mit dem "Reichen Freund" im Pool
baden. "Neue Presse Hannover", 2o.3.1995
Berndt, Hans: Eine anämische Gesellschaft. "Handelsblatt", Düsseldorf,
24./25.3.1995; ders. : Ein abgestorbener Held: Kein Platz für Tasso?
"Main-Echo", Aschaffenburg, 3o.3.1995
Corinth, Ernst: Die große Langeweile im Feuchtbiotop. "Hannoversche Allgemeine
Zeitung", 2o.3.1995; ders.: Panoptikum der Dekadenz. "Weser-Kurier", Bremen,
21.3.1995
Fischer, Ulrich: Zu lang und zu lyrisch. "Südkurier", Konstanz, 22.3.1995
Hammerthaler, Ralph: Szenen rund um ein Bassin. "Süddeutsche Zeitung", München,
22.3.1995
Jasper, Martin: Auf Flügeln der Illusion ins Frustschloß. "Braunschweiger
Zeitung", 31.3.1995
Krumbholz, Martin: THEATER I - Der reiche Freund. "Die Woche", Hamburg,
31.3.1995
Kunitzsch, Michael: Die Beschäftigungen des reichen Mannes. "Neue Zürcher
Zeitung", 25./ 26.3.1995
Lenze, Sabine: "Der reiche Freund": Dialoge so flach wie der See. "Bild",
Hannover, 22.3.1995
Löffler, Sigrid: Ja, die Armut des Reichen. "Basler Zeitung", 2o.3.1995
Piontek, Peter: Suche nach den Textritzen. "Hannoversche Allgemeine Zeitung",
16.3.1995
Roßmann, Andreas: Architektur macht nicht glücklich. "Frankfurter Allgemeine
Zeitung", 22.3.1995
Schulze-Reimpell, Werner: Kein Glück im Schloß. "Frankfurter Rundschau",
22.3.1995
Warnecke, Kläre: Bunker, aus denen kein Schrei nach außen dringt. "Die Welt",
Berlin, 2o.3.1995 [Sammelartikel]
Wille, Franz: Flaschenpost im Nirgendwo. "Theater heute", Velber, Nr.5/1995
Zschau, Mechthild im "Norddeutschen Rundfunk", Hannover, 19.3.1995
c) Moerser Aufführung
Bernrieder, Irmgard: Als wäre der andere gar nicht da. "Rheinische Post",
Düsseldorf, 17.6.1995
Hennrich, Lutz: Geld oder Glück. "theater pur", Essen, Nr.7/8, Juli/ August 1995
Metzner, Günther: Öde End-Zeit. "NRZ" ("Neue Rhein Zeitung/ Neue Ruhr Zeitung"),
Essen, 19.6.1995
Platzeck, Wolfgang: Im Wartesaal der Hoffnung. "Westdeutsche Allgemeine
Zeitung", Essen, 26.6.1995
Schulze-Reimpell, Werner: Moers: Hunold, der Unhold? "Theater heute", Velber,
Nr.8/1995
d) Lausanner Aufführung
Chantre, Pierre-Louis: Les infortunes de Matthias Zschokke. "L'Hebdo", Lausanne,
21.10.1999
Demidoff, Alexandre: A Renens, Philippe Mentha se frotte à "L'Ami riche" et s'y
pique. "Le Temps", Genève, 23.1o.1999
Fovanna, Christophe: Un carré d'âmes qui tournent en rond. "Le Matin", Lausanne,
21.1o.1999
Kuffer, Jean-Louis: Matthias Zschokke allie la douceur à la réstistance.
"24heures", Lausanne, 18.9.1999; ders.: Ce fric dont on risque de crever. A.a.O.,
28.1o.1999
Rüf, Isabelle u.a.: L'Ami riche de Matthias Zschokke. "RSR", Lausanne,
21.1o.1999
[ag]: L'ami riche. "Domaine Public", Lausanne, Nr.14o6, 5.11.1999
e) St. Galler Aufführung
Däster, Uli: Matthias Zschokke Der reiche Freund. "Theaterkurier", Baden,
November 2oo1
Fässler, Günther: Warum Unglück immer glückt. "Der Landbote", Winterthur,
19.5.2oo1 [News & Dates]
Hellwig, Gerhard: Vom täglichen Versagen. "Thurgauer Zeitung", Frauenfeld,
19.5.2oo1
Herzog, Madeleine: Vampiristischer Narzissmus. "Terzett", St. Gallen, Mai 2001;
dies.: Der reiche Freund. "Programmheft Theater St. Gallen", Spielzeit
2ooo/2oo1; dies. und Grunwald, Ralf: Sehnsuchtsbilder des Reichtums. A.a.O.
Hoffmann, Tobias: Die matten Farben des Geldes. "Der Bund", Bern, 19.5.2oo1;
dass., "Aargauer Zeitung", Aarau, 19.5.2oo1 [News & Dates]
Surber, Peter: Hamster im Rad. "St. Galler Tagblatt", 17.5.2oo1; ders.: Eine
Hose ist keine Hose. A.a.O., 19.5.2oo1 [News & Dates]
[mü]: Ruhelose Sehnsucht- wonach? "Aargauer Zeitung", Baden, 26.11.2oo1
[sda]: Eine Beziehung in der Schwebe. "Neue Mittelland Zeitung", Solothurn,
19.5.2oo1