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Alles ein Scherbenhaufen

Der Aussenseiterfilm «American Beauty» macht Furore – als böse Satire auf den amerikanischen Mittelstand

Von Wolfram Knorr 

 

Alles ist wunderbar. Das Wohnquartier eine akkurate Idylle aus weiss gestrichenen Zäunen, millimetergenau gestutzten, akkurat grünen Rasen, sanft raschelnden Laubbäumen und ordentlich in Quadrate angeordneten, properen Häusern. Im Inneren stehen die teu-ren Designer-Couchs, blankgeputzten Elektroherde, Gefriertruhen, Spülmaschinen und Staubsauger. Die letzten geruchsbildenden Bakterien sind eliminiert, und die Kinder wissen, dass Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben wurden, weil sie kein Deo-dorant verwendeten. Alles ist eben wunderbar.
Oder doch nicht? «Mein Name ist Lester Burnham», sagt zu Beginn, während die Kamera über die buko-lische Beschaulichkeit gleitet, eine männliche Stimme aus dem Off. «Das ist mein Quartier. Das ist mein Leben. Ich bin 42 Jahre alt. In weniger als einem Jahr werde ich tot sein. Natürlich weiss ich das noch nicht. Eigentlich bin ich jetzt schon tot.»
Denn nichts stimmt. Seine Frau und seine halbwüchsige Tochter verachten ihn, und aus seinen Karriereträumen ist auch nichts geworden. Der Designer-Prunk ist gestrandetes Dekorationsgut, ohne Intimität. Den Horror vacui, die Furcht vor der kompletten Entleerung der Sinngehalte, kompensiert Lester Burnham mit Sarkasmus und klammheimlicher Lust auf Angela, die blonde Freundin der Tochter, eine Lolita, ein Baby Doll. Und sie weiss das. Mit der animalischen Tücke eines Dschungelreptils schleicht sie gerne um ihn herum.
Während seine Frau mit einem bescheuerten Immobilienhändler ins Bett steigt, die Tochter sich in einen neurotischen Nachbarn verknallt, der heimlich mit Drogen dealt, und die Familie endgültig zum Scherbenhaufen zerfällt, steigt Lester aus. Er kündigt seinen Job, raucht Dope, treibt Sport und sucht – endlich wieder voller Lebenslust – die Konfrontation.

Furiose Selbstkritik
«American Beauty» heisst die arsenhaltige, samtpfötige Satire des Kinoneulings Sam Mendes, der am Broadway «Cabaret» so beeindruckend inszenierte, dass der Rechte-Inhaber des Drehbuchs, Steven Spielberg, den gebürtigen Engländer als Regisseur den Profis Mike Nichols und Robert Zemeckis vorzog. Beide hatten sich um das hochgehandelte Buch von Alan Ball beworben.
Wieder einmal lässt sich nur neidvoll aufs amerikanische Kino blicken: Entgegen eines landläufigen Vorurteils ist es zur furiosen Selbstkritik durchaus fähig. Ein weiteres (kommendes) Beispiel ist Martin Scorseses «Bringing Out The Dead», eine Bankrotterklärung des amerikanischen Gesundheitssystems.
In dieser Schärfe bei uns undenkbar. Funkelt hier der Klunker und blitzen die Küchen (im Kino und Fernsehen), so nur als Fantasiedekor. Der schöne Schein wird sofort auf den beschönigenden Anschein reduziert; soll hier der Mittelstand zum Thema werden, folgt sofort die «Überhöhung». Versöhnung und Betörung sind des Künstlers erste Pflicht.
Nicht so in den Staaten. Drehbuchautor Alan Ball lernte sein Handwerk bei Sitcoms, und keineswegs nur die weichgespülte Rhetorik, sondern die Kunst der schnellen, bösen Repliken. Dialogkultur, die hier noch nie beherrscht wurde, ist drüben das A und O der Bildermedien. Wo bleibt die Tiefe im Geschwätz? Sie steckt im Detail und sensibilisiert für das Zwischenmenschliche.
Da können die Amis mit den Pfunden wuchern. Denn Ball stellte einen Typus mit literarischer Tradition in den Mittelpunkt. Von Sinclair Lewis’ «Babbitt» über Joseph Hellers Bob Slocum («Was geschah mit Slocum?») bis zu John Updikes Harry «Rabbit» Angstrom und Arthur Millers Willy Loman («Der Tod des Handlungsreisenden») mäandert der amerikanische «Adam» als faszinierende Kunstfigur mit Lebendigkeitsspeck durch den amerikanischen Traum – als sein «Komplize» und zugleich sein Zerstörer. Mit hautnahen Sinneswahrnehmungen kämpft er um die Realisierung des Traums, um an ihm zu scheitern. Der Ausbruch aus den Konventionen gehört ebenso dazu wie das permanente Verlangen nach immer neuen Sehnsüchten, die schliesslich zum Verlust der «Mitte» führen.

Höhepunkt des Tages
In diese Traditionslinie gehört auch Alan Balls Lester Burnham, für den der American Dream allerdings schon in den Alptraum gekippt ist. Seine Frau Carolyn (Annette Bening), erfolgreicher als er, stakst gackernd und mit harten Zügen wie Risse in Porzellan als Lady Sorgenfrei durchs Luxusnest; die pubertierende Tochter Jane (Thora Birch) nölt sich durchs geschniegelte Ambiente, als könnte sie sich nur noch damit ihrer realen Anwesenheit vergewissern, und Lester onaniert unter der Dusche, um sich «einen Höhepunkt des Tages» zu verschaffen. Es herrscht die ironiefreie Seichtigkeit des Seins, der Lester die Leichtigkeit zurückgewinnen will – als er erstmals der blonden Angela (Mena Suvari) in der Küche begegnet.
Lester steigert sich in «Ermächtigungsfantasien», joggt, hebt Gewichte und freundet sich mit dem verklemmten Nachbarjungen Ricky (Wes Bentley) an, dessen Vater ein patriotischer Despot mit verdrängten Neigungen ist.
Lester macht nun das, was Ricky schon lange (auf seine Weise) praktiziert: Er tritt aus seiner Illusionswelt und betrachtet sie, zynisch kommentierend, von aussen – ähnlich wie Ricky, der sie nur mehr durchs Okular einer Videokamera ertragen kann. Dabei entpuppt sich der junge Nachbar als sensibler Poet. Der schönste Moment, den er je gefilmt habe, beichtet er eines Tages Jane, sei eine weisse Plastiktüte, die vom Wind auf und ab getragen wird. «Sie hat mit mir getanzt», gesteht er.
Dieses Glück hat Lester nicht, obwohl er sich genau das so sehnlichst wünschte. Kevin Spacey als Lester Burnham ist sanft wie ein Zierfisch, der im trüb gewordenen Teich der Gefühle seine Farbe verliert und aggressiv wird; müde wie ein armer Tropf, der auf einmal die in lauer Wärme eingesenkten Wurzeln seines Lebens ausreisst und mit zynischem Vergnügen auf den aseptischen Küchentisch schmeisst. Harmlos und tückisch zugleich. Ein Ereignis!
Regisseur Sam Mendes hat für dieses lebenssatte Suburb-Porträt eine betörend suggestive Ästhetik gefunden: kalte Farben, als habe er den Surrealisten Giorgio de Chirico mit dem amerikanischen Idyllenmaler Norman Rockwell durchmischt. Es flirrt eine vitriolhaltige Irrealität durch kuschelige Traumseligkeit.
Derartig genau den mittelstandsbürgerlichen Hochglanz durchleuchtende Milieubeobachtungen bei uns? Völlig abwegig. Mit acht Golden-Globe-Nominationen dürfte diesem Meisterwerk auch der Oscar gewiss sein.