Sommersonne, Sonnenschein von MeikePandorahLudwig

 

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1.

 

Als Markus die Wagentür öffnete, wurde ihm wieder einmal bewusst, warum er einen mit Klimaanlage gekauft hatte, selbst wenn diese den Benzinverbrauch in fast schon schwindelerregende Höhen trieb. Die Sonne brannte von einem wolkenlosen Himmel, der so strahlend blau war, dass er wie frisch gewischt wirkte.

Die Hitze ließ die Luft über dem sandigen Boden flimmern, und dieser strahlte sie zurück, so dass er den Gedanken an nackte Füße schnell wieder verwarf. Für einen Moment überlegte er, ob er den Zeltaufbau auf den Abend verschieben sollte, doch dann dachte er daran, dass sein Urlaub erst richtig beginnen würde, wenn alles fix und fertig stand. Zudem sollte es keine zu große Aktion sein, ein Dreimannszelt aufzustellen. So viele Stangen und Schnüre hatte das kleine, spitze Gebilde gar nicht.

Als er den Kofferraum öffnete und den hellgrauen Zeltsack hervorholte, musste er an Lars denken, mit dem er diesen Urlaub eigentlich gemeinsam geplant hatte. Bereits vor sieben Monaten hatten sie diesen Platz gebucht, wobei das alles über seinen Freund gelaufen war, der nahezu perfekte französisch sprach. Doch dann hatten sie sich vor vier Monaten getrennt. Markus hatte beschlossen, allein hierher zu fahren; halb aus Trotz, halb weil er sich nicht in der Lage sah, den Menschen am anderen Ende der Telefonleitung klar zu machen, dass sie nicht kommen würden.

Zudem hatte er Urlaub dringend nötig. Mit gespreizten Fingern fuhr er sich durch die schwarzen, kurzen Haare und musterte den Stellplatz, der ihm für vier Wochen gehörte und auf dem das kleine Zelt recht verloren wirken würde. Immerhin blieb ihm so ausreichend Raum, um davor zu kochen, wenn es ihm in dem winzigen Vorzelt zu eng wurde, und das Auto zu parken.

Auf zwei Seiten war die in etwa rechteckige Sandfläche von silbrigen Hecken eingerahmt, auf der dritten wurde sie von niedrigen Zitterpappeln begrenzt, die jetzt am frühen Nachmittag ein wenig Schatten auf den Platz warfen, so dass Markus beschoss, das Zelt dort aufzubauen. Er friemelte die Seitentasche des Sackes auf, zog vorsichtig die Anleitung heraus und studierte sie kritisch.

Lediglich eine halbe Stunde später war er sich sicher, dass es nichts Komplizierteres als ein Spitzdachzelt geben konnte und er sich vielleicht doch besser ein Wohnmobil gemietet hätte. Aber Lars hatte ihm derart ausführlich dessen Nachteile auf gezählt, dass er darauf verzichtet hatte. Allein das Fahren zum nächsten Einkaufszentrum wurde laut seinem Ex-Freund damit zu einer Tortur. Zudem wäre es ihn eine ganze Ecke teurer gekommen.

Frustriert wischte Markus sich den Schweiß aus der Stirn, der ihm, die Brauen vollkommen ignorierend, direkt in die Augen lief. Mittlerweile hatte er sein blaues T-Shirt ausgezogen und stand lediglich in der kurzen Jeans vor dem Wirrwarr an Leinen, Schnüren, Planen und Zeltnägeln. Für einen Moment hatte er gedacht, alles richtig gemacht zu haben, dann war seine Konstruktion das dritte Mal in sich zusammengebrochen.

"Das kann doch nicht wahr sein, dass mein Urlaub daran scheitern soll", murmelte er und sah sich hoffnungsvoll um, ob nicht irgendeinen Menschenseele ihm helfen könnte. Doch um diese Uhrzeit schien sich der gesamte Campingplatz entweder im Koma oder am Meer zu befinden. Also nahm er sich mit einem leisen Seufzen erneut die Anleitung vor, studierte sie und begann, das Chaos sorgfältig auf ein Neues zu trennen und zu sortieren.

Schließlich stand das Zelt, und Markus zog reumütig sein Shirt wieder über, als er den beginnenden Sonnbrand spürte. Dennoch war er unvernünftig stolz auf sein Werk; immerhin hatte er es allein geschafft und das, wo er zuvor noch nie campen gewesen war. Er konnte nur hoffen, dass es kein Fehler war, gleich die volle Zeit wegzufahren. Vielleicht hätte er es erst einmal ein Wochenende lang ausprobieren sollen.

Nur wenig später hatte er sein kleines Heim eingerichtet, inklusive des winzigen Gaskochers, des grünen Maschenbodens, der den Staub von nackten Füßen fernhielt, und einer Doppelluftmatratze, die ebenso wie das Zelt noch aus der Zeit stammte, als der Urlaub zu zweit geplant gewesen war. Zufrieden saß Markus im Schatten der Bäume auf einem Handtuch und genoss eine Dose kalten Bieres aus der Kühltasche. Auch ohne Lars würde das ein schöner Urlaub werden. Er hatte sich bereits mehrere Wanderstrecken herausgesucht und Stress und Regenwetter zu Hause zurückgelassen. Hier hatte er Sonnenschein und Ruhe, und die einzige Person, nach der er sich richten musste, war er selber. Kein Chef, der ihn zu Überstunden zu überreden versuchte und damit leider meistens Erfolg hatte. Kein nervendes Telefon, keine Termine.

Das Knattern eines weiteren Wagens störte das beständige Ratschen der Grillen, und Markus beobachtete einen kleinen, graublauen VW-Bus mit eigenartigem Aufbau auf dem Dach, der auf den Platz gegenüber fuhr. Langsam breitete sich in ihm Urlaubsstimmung aus.

Vom Strand trug der Wind leises Stimmengewirr und Kinderlachen herbei; er ließ die Blätter der Bäume rascheln und brachte den Duft von Pinien und Rosmarien mit sich. Irgendwo aus den Büschen drang leises Zirpen.

Das Meer... Baden war eine gute Idee, nachdem er so in der Sonne beim Aufbau geschwitzt hatte. Kaum war die Bierdose leer, kroch Markus in sein Zelt, um die Flasche mit der Sonnencreme und ein Strandlaken aus seinem Koffer zu angeln und sich dann eine neue, feuerrote Badehose anzuziehen, die gut zu seinem rabenschwarzen Haar passte.

Doch als er wieder herauskam, verschob er seine Pläne noch einmal für kurze Zeit. Der graublaue Bus war mittlerweile geöffnet worden und hatte einen jungen Mann freigegeben. Bewundernd ließ Markus seinen Blick über breite, nackte Schultern und kräftige Beine gleiten. /Hoffentlich bleibt der länger./ Er fand den Gedanken durchaus angenehm, diesen Anblick öfter genießen zu können.

Die Haare auf Brust, Beinen und Unterarmen verliehen brauner Haut einen Goldschimmer, und auch von dem runden Bauchnabel zog sich eine kleine Spur hinab, um im Bund einer hellen, ausgefransten Jeans, die kurz über den Knien endete, zu verschwinden. Ein Dreitagebart bedeckte Wangen und Kinn des offenen, kantigen Gesichts mit den geraden Brauen. Das von der Sonne gebleichte, blonde Haar war hinten kürzer als vorne, so dass dem jungen Mann einige Strähnen in die Stirn fielen, was ihn aber offensichtlich nicht zu stören schien.

Fasziniert betrachtete Markus das Muskelspiel auf Oberarmen und Rücken, als der andere eine Plane und zwei Stangen aus dem Wagen holte, die Plane vor dem Eingang des Busses befestigte und sie dann zu einem Schattendach aufrichtete. Als er Schnüre spannte, um die Konstruktion zu sichern, wandte Markus sich mit einem leisen, bedauernden Seufzen ab, um nicht beim Starren ertappt zu werden.

Einen Seitenblick konnte er sich jedoch nicht verkneifen, während er an dem Platz vorbei in Richtung Meer lief. Um so überraschter war er, als sein Blick mit einem fröhlichen Strahlen aus braungrünen Augen und einem Lächeln erwidert wurde. Kurz nickte der Mann ihm zu, ehe er wieder im Inneren des Autos verschwand.

Ein Grinsen machte sich in Markus' Gesicht breit. Er warf das Handtuch über die Schulter und beschloss, dass es sogar ein außerordentlich schöner Urlaub werden würde.

 

Am Abend kämpfte er mit einem Topf und einer Pfanne und dem Gasherd, um in der ungewohnten Enge und mit seinen beschränkten Mitteln ein genießbares Abendessen zuzubereiten. Eigentlich konnte er ganz leidlich kochen, nur war er die Fläche und Ausrüstung seiner Einbauküche gewohnt. Aber es machte ihm Spaß, mit dieser einfachen Einrichtung zu experimentieren.

Während er sich anschließend nach dem siegreich bestandenen Duell mit der Miniküche an einem Teller Spaghetti mit Tomatensoße erfreute, warf er immer wieder Blicke zu dem Bus herüber in der Hoffnung, dass sich sein Nachbar noch einmal zeigen würde, doch die Fenster blieben leider dunkel.

Dennoch genoss Markus sein Mahl mehr als alle der vergangenen Wochen zusammen. Im Dunkeln unter einem sternenübersäten Himmel zu sitzen, den auffrischen Wind zu spüren, der Gerüche von Holzfeuer und Grillfleisch, Pinienduft und trockenem Gras mit sich führte und die Luft wieder abkühlen ließ, den Stimmen der anderen Camper zu lauschen, die er nicht verstehen konnte, da sie größtenteils französisch sprachen, war neu und aufregend und auf einen besondere Weise entspannend.

Kinder mit Waschbeuteln unter dem Arm liefen auf dem Weg von den Sanitäranlagen lachend und plappernd an ihm vorbei, ohne ihn zu bemerken. Eine junge Frau mit einer großen Schüssel Geschirr, das sie gerade gespült haben musste, kam aus der gleichen Richtung zurück und nickte ihm ein freundliches "Bon Soir!" zu, was er erwiderte, stolz darauf, immerhin diese Vokabel aus seiner Schulzeit nicht vergessen zu haben.

Mit einem leisen, zufriedenen Seufzen ließ er sich nach hinten sinken, stellte den Teller achtlos neben sich und sah zum Himmel empor. Der Mond stand als silberne Scheibe, an der man auf einer Seite ein Stück abgeschnitten zu haben schien, am Firmament. Er erleuchtete einige Wolkenfetzen, die an ihm vorbei getrieben wurden und die der Nacht etwas Wildromantisches verliehen.

Als der Wind stärker wurde und Markus zu frösteln begann, zog er sich nach einem letzten Blick zu dem nach wie vor dunklen Bus in sein Zelt zurück, während er sich auf seiner geistigen To-Do-Liste für den nächsten Tag vermerkte, dass er Strom legen musste, um Licht zu haben. Doch für diesen Abend war es vollkommen in Ordnung, früh ins Bett zu gehen. Die lange Fahrt hatte ihn rechtschaffen müde gemacht.

 

Mitten in der Nacht wachte Markus auf, für einen unangenehmen Moment ohne Orientierung und ohne auch nur zu wissen, wo er sich befand. Hilflos in der vollkommenen Dunkelheit versuchte er, sich anhand der Geräusche zurechtzufinden. Nur langsam konnte er einige der Laute aus dem Chaos herausfiltern, das um ihn zu herrschen schien.

Regen prasselte gegen die dünnen Zeltwände, die knatternd vom Wind gebeutelt wurden. Das laute Rauschen der Bäume ließ ihn den Atem anhalten und ihn sich fragen, wie tief sie verwurzelt sein mochten. Mit einem Mal erschien ihm das Zelt gar nicht mehr so sicher und heimelig. Wasser plätscherte draußen, als wäre direkt vor dem Zelt ein Bach entstanden. /Bach?/

Senkrecht fuhr Markus in die Höhe und drehte sich hastig um, um nach dem Reißverschluss des Eingangs zu tasten. /Dort steht der Kocher, der Teppich, die Handtücher vom Baden.../

Auf der nachgiebigen Luftmatratze und noch ein wenig schlaftrunken verlor er das Gleichgewicht und konnte sich nur mit Mühe seitlich der Matratze abfangen, zuckte jedoch gleich darauf zusammen, als seine Hand nass wurde. "Verdammt! Eingelaufen! Verdammt, verdammt!"

Gegen den Sturm konnte Markus seine Stimme kaum hören, während er sich vorzustellen versuchte, wie schlimm das Chaos draußen und drinnen bereits sein mochte. War der Koffer noch trocken? Seine Kleidung! Der Walkman! Die Bücher! "Verdammt noch mal! Wieso regnet das hier rein? Das Zelt hat doch einen Vorbau und einen Plastikboden! Wieso regnet das überhaupt?!"

Fieberhaft und in der Dunkelheit fast blind zerrte er den Koffer zu sich auf die Luftmatratze und schloss ihn nach mehreren erfolglosen Versuchen, während der er registrierte, dass die Luft empfindlich abgekühlt war. "Oh verdammt! Was mache ich denn jetzt? Das Wasser läuft hier rein!"

Schreckensbilder schossen ihm durch den Kopf, wie das Zelt nachgab und über ihm zusammensackte und ihn in kaltes, nasses Leinen wickelte, alles in Wasser und Schlamm tränkend. Dass die Schnüre nicht hielten und das Überzelt vom Sturm mit sich gerissen wurde.

Mit fliegenden Fingern öffnete er den Reißverschluss und spähte nach draußen. Im schwachen, verwischten Schein der Laterne, die an der Ecke seines Platzes stand, konnte er endlich wieder etwas erkennen, doch fast wünschte er sich, dass er unwissend geblieben wäre. In dem kleinen Vorzelt war der Boden nicht mehr zu sehen, stattdessen schimmerte das Licht auf einer unruhigen Wasseroberfläche, die den Gaskocher vollkommen ertränkt hatte. Und jetzt, wo der Reißverschluss die Bodenpfanne nicht mehr hochhielt, lief noch mehr Wasser ins Innere.

Markus fluchte lauthals, was im Heulen des Sturmes unterging und tat das einzige, was ihm in dieser Situation noch einfiel. Hastig versicherte er sich, dass der Koffer wirklich verschlossen war und tastete nach dem Autoschlüssel, dankbar dafür, dass er ihn ordentlich und griffbereit in der kleinen Seitentasche der Zeltwand aufbewahrt hatte. Dann raffte er die Tasche und seinen Schlafsack, um mit beidem in den Wagen zu flüchten.

Die wenigen Schritte hatten aber bereits ausgereicht, um ihn zu durchweichen, und seine Füße fühlten sich durch die Mischung aus Wasser und Sand schlammig und kalt. Die Nässe auf seiner Haut ließ ihn frieren. Schimpfend wuchtete er den Koffer auf den Beifahrersitz und stellte dann die Lehne seines eigenen so weit zurück, wie es ging, und versuchte, sich einigermaßen bequem zurechtzurücken. Er wickelte sich in den feuchten Schlafsack, während er überlegte, ob es sich lohnte, den Motor zu starten und die Heizung einzuschalten.

Doch trotz der Feuchtigkeit, die sich überall eingenistet hatte, wurde ihm langsam wieder warm, als er die Beine anzog und auch seine dreckigen Füße zudeckte. Er starrte auf die Windschutzscheibe, auf der das Wasser derart dicht herabrann, dass er außer Wasserschlieren und einem helleren Fleck, der von der Laterne kam, rein gar nichts erkennen konnte. /Was für eine Scheiße!/

Die klammen Zehen enger an seinen Körper ziehend, wusste er bereits jetzt, dass ihn am nächsten Morgen jeder einzelne Muskel schmerzen würde. "Was für eine gottverdammte Scheiße! Wenn ich Pech habe, war das mein Urlaub! Dann ist das Zelt im Eimer, der Herd ruiniert, und ich kann nach Hause fahren. Scheiße! Wieso schifft das derart hier? Das sollte trocken sein; ich bin in Südfrankreich!"

Das Wetter kümmerte sich nicht um seine wütenden Tiraden. Weder ließ der Regen nach, noch schlief der Wind ein. Die einzige positive Veränderung, die Markus feststellen konnte, als die Minuten zäh wie Sirup vorbei rannen, war, dass die Kälte langsam auch aus seinem Inneren zu weichen begann.

Trotz des wütenden Sturmes, trotz des harten Stakkatos der Tropfen auf dem Wagenblech und auf der Scheibe übermannte ihn schließlich die Müdigkeit. Auch wenn die Nässe und das Tosen ihn bis in seine Träume verfolgten, fielen ihm doch endlich erschöpft die Lider zu.

 

Als er das nächste Mal erwachte, war er sich sicher, dass dies der Auftakt zu einem der scheußlichsten Tage war, die er je gehabt hatte. Er war verspannt, hatte Kopfschmerzen und konnte in der Hitze, die ihn umgab, kaum atmen. Seine Augen brannten, und zudem stellte er nach mehreren, erfolglosen Versuchen, sie zu öffnen, fest, dass sie verklebt waren.

Die Sonne, die durch die Windschutzscheibe brannte, war gleißend hell, als wollte sie ihm einreden, dass er das Unwetter der vergangenen Nacht lediglich geträumt hatte. Unwillig trat er den Schlafsack in den Fußraum und fuhr sich mit beiden Händen durch das kurze, schwarze Haar, als würde das die Erschöpfung vertreiben.

Doch noch ehe er sich auch nur entschieden hatte, was er als erstes tun sollte, klopfte es auf der Beifahrerseite an die Scheibe. Markus zuckte zusammen, während er für einen Augenblick überlegte, ob es auf französischen Campingplätzen verboten war, im Wagen zu übernachten.

/Idiot/, murrte er lautlos vor sich hin und drehte den Kopf.

Das Lächeln, was ihm durch die dreckige Scheibe ein wenig verschwommen entgegenstrahlte, ließ seine schlechte Laune sich jedoch fast augenblicklich in Nichts auflösen. Das hübsche Gesicht seines Nachbarn war durchaus ein angenehmer Morgengruß. Er grinste zurück und stieg aus. Erleichtert stellte er fest, dass es draußen weitaus weniger stickig war, und atmete erst einmal tief durch. "Guten Morgen!"

Flüchtig fragte sich Markus, wie der andere so frisch, attraktiv und gut gelaunt wirken konnte, obwohl er ein ausgeleiertes, weißes T-Shirt zu der ausgefransten, kurzen Jeans trug und noch immer nicht rasiert war.

"Morgen!" Sein Nachbar warf einen kurzen Blick zu der Stelle, an der Markus die Überreste seines Zeltes vermutete. "Du siehst aus, als wärest du heute nacht so gut wie weggespült worden. Alles okay? Brauchst du Hilfe? Ich dachte, ich wecke dich lieber, ehe die Sonne dich dort drin im Wagen kocht."

Markus' Grinsen wurde ein wenig schief. Großartiger erster Eindruck, den der andere da gleich von ihm bekam. "Danke. Ich fühle mich bereits jetzt schon reichlich gar. Lohnt es sich, dass ich mich umdrehe, oder ist mein Zelt auf und davon?"

Der blonde Mann lachte, warm und in genau der richtigen Tonlage, um ein Prickeln in Markus' Magengrube hervorzurufen, während er bemerkte, dass die Augen des anderen in der Sonne mehr grün als braun wirkten.

"Es steht noch, wirkt aber gerade eher wie ein Wasserschloss, wenn du mich fragst."

Mit einem Seufzen wandte Markus sich doch um, um sich die Bescherung mit einen Augen zu betrachten. Doch der Anblick des Zeltes ließ seine Laune ansteigen. Immerhin stand es noch, wenn sich auch eine riesige Pfütze darum gebildet hatte. Andererseits war es die einzige Stelle seines Stellplatzes, an der sich überhaupt noch Wasser befand. Markus stellte fest, dass er sich zielsicher den tiefsten Punkt ausgesucht hatte Er erinnerte sich, dass Lars ihn davor gewarnt hatte, dass nur Anfänger das tun würden, doch in der Hitze gestern hatte er nicht einmal im Traum daran gedacht, dass ein derartiges Unwetter aufkommen könnte.

"Du campst zum ersten Mal, richtig?"

Die Feststellung ließ Markus ein wenig zusammenzucken, trotzdem nickte er, dankbar dafür, keinen Spott in der Stimme des anderen zu entdecken, und wandte sich um. Der andere Mann hatte sich auf dem Dach seines Autos abgestützt, lächelte ihn an und sah dabei einfach nur unverschämt gut aus. Als er ihm kurz zuzwinkerte, mehr zu erraten als wirklich zu sehen, spürte Markus das Kribbeln erneut. /Der flirtet mit mir! Das ist schon mal sicher!/

"Kann ich dich zu einem trockenen Frühstück einladen? Frisches Baguette, Kaffee und sogar ein luxuriöses Frühstücksei, wenn dir der Sinn danach steht. Wenn wir uns ein wenig Zeit mit dem Essen lassen, sollte das Wasser abgelaufen sein, und du kannst das Zelt umverlagern. Ich helfe dir auch, falls du Interesse daran hast."

Markus brauchte nicht lange, um sich zu entscheiden, während er sich im Stillen dazu gratulierte, ein solcher Anfänger zu sein. "Gerne. Aber gönn mir vorher eine Dusche, sonst bin ich kein ganzer Mensch."

Der blonde Mann lachte. "Klar, kein Problem. Bis dahin dürfte der Kaffee fertig sein. Bis gleich!"

Er wandte sich ab und ging mit ausgreifenden Schritten zu seinem Bus zurück, während Markus mit einem leicht abwesenden Grinsen zurückblieb und ihm hinterher starrte. Er konnte sich erst von dem Anblick der festen Waden und der kräftigen Schultern losreißen, als die Gefahr bestand, dass der andere sich umdrehte und ihn beim Starren ertappte.

Hastig beugte er sich in den Wagen, um in seinem Koffer nach dem Waschbeutel zu kramen und mit diesem, einem Handtuch und frischer Kleidung in Richtung der Sanitäranlagen zu verschwinden.

 

 

2.

 

Das weiße, offene Häuschen mit den grünen Türen vor Toiletten und Duschen war erfreulicherweise um die Uhrzeit recht leer. Markus stellte seinen Beutel auf dem Brett über einem der Waschbecken ab, die in einer langen Reihe angeordnet waren, und sah mehr zufällig als bewusst in den Spiegel.

Fast schon erschrocken starrte er sich an und fragte sich, ob er die Blicke seines Nachbarn wirklich richtig interpretiert hatte. Das Monster mit den ebenso roten, ein wenig verquollenen Augen und dem schwarzen Bartschatten auf Wangen, Kinn und Hals konnte unmöglich für irgendjemanden verlockend erscheinen. Wahrscheinlich hatte der Mann einfach Mitleid gehabt und nicht mit ihm geflirtet. Markus warf seinem Spiegelbild noch einen weiteren, dieses Mal ziemlich verärgerten Blick zu, ehe er seinen Rasierapparat auspackte. Dieser Zustand musste eindeutig geändert werden.

Frisch rasiert und geduscht, mit kurzer Bluejeans und einem engen, roten Shirt fühlte Markus sich schon wesentlich mehr wie er selber, als er nur wenig später zu seinem Wagen zurückkehrte. Dennoch war er ein wenig unsicher, als er zu dem graublauen Bus herüber lief.

Im Schatten des kleinen Vordaches waren mittlerweile ein Klapptisch und zwei alte Klappstühle aufgestellt worden, etwas, das Markus vollkommen zu Hause vergessen hatte. Vom langjährigen Gebrauch zerkratztes Plastikgeschirr teilte sich den Platz mit einer Butterschale, einem Glas Honig, einem mit Pflaumenmarmelade und einer Rolle Ziegenkäse, während ihm die Thermoskanne Kaffee zu versprechen schien.

Noch bevor Markus auch nur Hallo sagen konnte, kam der andere Mann gebückt aus dem Wagen, einen Eierbecher in jeder Hand. Er grinste fröhlich. "Mach's dir bequem. Dein Timing ist fast perfekt."

Markus zog den Stuhl zurück und stieß beim Setzen prompt gegen eines Tischbein. Beim Anblick der Schwingungen, in die er den Tisch damit versetzte, dankte er lautlos, dass die Tassen noch nicht gefüllt waren. "Danke noch mal für die Einladung."

"Kein Problem. Ist mir ein Vergnügen."

Markus beobachtete, wie der blonde Mann die Eier abstellte und wieder im Bus verschwand, um nur Momente später mit einem Brotkorb, einer Tüte Milch und einer Zuckerdose aus Plastik zurückzukommen. "Ich bin übrigens Markus."

"Ich bin Dirk." Wider Erwarten gelang es dem anderen, die drei Sachen noch auf dem Tisch unterzubringen, ehe er sich mit der Art vorsichtiger Präzision setzte, die verriet, dass er an die Instabilität des Tisches gewöhnt war. Dann schenkte er duftenden Kaffee ein und wies mit einer kleinen Geste über den Tisch. "Bedien dich einfach, okay?"

Markus nickte, gab sich für den Anfang jedoch erst einmal mit einem Löffel Zucker und einem Schuss Milch zufrieden, um dann nach einem Schluck Kaffee festzustellen, dass Dirk ihn wesentlich stärker kochte, als er jemals gedacht hätte, dass es überhaupt möglich war. Zudem trank der andere ihn offensichtlich auch noch schwarz.

Dirk grinste, als der die Grimasse bemerkte, die Markus zu verstecken versuchte; fast wirkte es ein wenig reumütig, doch seine braungrünen Augen blitzten vergnügt. "Sorry, ich hätte dich warnen sollen. Aber ich brauche das morgens, so schwarz und bitter, dass es dir fast die Hose auszieht."

Markus konnte nicht anders, als das Grinsen zu erwidern, während er das kleine Fast regelrecht bedauerte. Er löffelte mehr Zucker in seine Tasse, füllte die Milch bis zum Tassenrand auf und testete vorsichtig an, ob es jetzt erträglich war. Danach war ihm klar, dass er entweder nur eine Tasse trinken würde oder sich das nächste Mal mehr Milch als Kaffee nehmen musste. Espresso erschien ihm schwach gegen diese nachtschwarze Brühe.

Nachdem sie sich über einige belanglose Themen ausgetauscht hatten, stellte Markus ihm, wie er hoffte nebensächlich, die Frage, die ihn mehr und mehr zu interessieren begann. "Bleibst du länger hier?"

Mit einem Lächeln sah Dirk ihm für einen Moment direkt in die Augen und schickte damit eine ganze Wolke Schmetterlinge durch Markus' Bauch. "Mal sehen", sagte er, und es schien Markus, als würde er seine Stimme bewusst einen Hauch tiefer klingen lassen.

Die Schmetterlinge wurden im Laufe der Zeit nicht weniger, im Gegenteil nahmen sie eher mit jedem Augenblick weiter zu. Dirk war nicht nur auf den ersten Blick attraktiv. Je länger sie sich unterhielten, um so mehr Dinge fand er heraus, die er an ihm mochte. Der andere Mann lachte gern, und Markus machte es Spaß, dieses Lachen hervorzurufen; er genoss die Blicke der lebendigen Augen, die Art wie Dirk den Mund verziehen konnte, seinen ein wenig trockenen Humor und die Art, wie er ihm Tipps zum Umquartieren seines Zeltes gab, ohne im Mindesten herablassend zu wirken. Zudem faszinierte es ihn, wie unverschämt gut der andere aussah, ohne sich stylen, rasieren oder föhnen zu müssen.

Als sie das Frühstück irgendwann für beendet erklärten, hauptsächlich, weil die Butter zu schmelzen begann, stellte Markus überrascht fest, dass es schon Mittag war. Wie Dirk vorausgesagt hatte, war der See um sein Zelt mittlerweile getrocknet.

Dirk brachte die Lebensmittel rasch in den Wagen zurück, ehe sie gemeinsam zu Markus' Platz gingen. Gemeinsam und unter viel Gelächter bauten sie das Zelt ab und an anderer Stelle wieder auf, während Schlafsack, Luftmatratze, Kocher und das Stück grüner Maschenboden auf dem Autodach trockneten.

Markus wischte sich den Schweiß von der Stirn und fühlte sich so staubig und gleichzeitig gut gelaunt wie selten, als sie endlich fertig waren. "Was hältst du von einem ausgiebigen Bad im Meer? Und wenn mein Gasherd noch einsatzfähig ist, koche ich heute Abend als Dankeschön für dich. Ansonsten lade ich dich ins Restaurant ein."

"Nur, weil ich dir ein wenig mit dem Zelt geholfen habe? Das war doch selbstverständlich. Hätte ich es nicht getan, hättest du von jemand anderem Hilfe bekommen. Das ist Camping." Dirk grinste und streckte sich, strich sich die feuchten Haare aus dem Gesicht. "Allerdings sage ich trotzdem nicht nein. Kochen ist nicht meine Stärke. Und wenn es deiner nicht mehr tut, ich habe auch einen Herd."

Markus nickte stumm, als Dirk sich streckte und mit dieser Bewegung erneut das mittlerweile schon vertraute Flattern in seiner Magengrube hervorrief. Er fragte sich, ob die Idee mit dem Meer wirklich eine gute gewesen war.

Dirk war einfach zu attraktiv, und wenn er dann noch eine Badehose tragen würde... /Er hat geflirtet. Ich bin mir sicher. Er wird zumindest keine Dummheiten machen, wenn er herausfindet... herausfinden sollte, dass ich.../

Doch es erwies sich wider Erwarten als sehr unkompliziert. Zwar konnte Markus nicht umhin, den anderen Mann immer wieder anzustarren, denn das Wechselspiel der gebräunten Haut mit den goldenen Haaren auf dem durchtrainierten Körper war einfach nicht geschaffen, um ignoriert zu werden, aber mit Dirk schien es unmöglich zu sein, in peinliche Situationen zu kommen. Stattdessen alberten sie, als wären sie beste Freunde, tobten fast wie Kinder im Wasser. Sie sprachen über Dirks Vorliebe für Fantasy-Rollenspiele und über Gott und die Welt, während sie nebeneinander auf zwei großen Strandlaken lagen, trockneten und wieder zu Atem kamen. Und selbst die Momente, in denen sie schwiegen, waren nicht unangenehm.

Dirk cremte ihm den Rücken ein, und Markus hätte einiges dafür gegeben, die kräftigen, warmen Hände länger zu spüren. Leider nahm Dirk den gleichen Service nicht für sich in Anspruch, da er schon braun genug war, wie er meinte. Nur Sekunden später entschädigte er Markus jedoch mit einem Zwinkern und einem locker hingeworfenen "Was eigentlich schade ist, nicht?"

Als sie schließlich zum Platz zurückkehrten, war es schon nahezu dunkel, und Markus lernte das Innere von Dirks Bus kennen, da er erneut vergessen hatte, Strom zu legen und im Dunkeln nicht kochen konnte. Statt mit der Taschenlampe nach dem Stromkasten und den richtigen Steckern zu suchen, hatte Dirk ihm erneut seinen Herd angeboten, und Markus hatte nur die Vorräte und Gewürze samt Kochgeschirr aus seinem Zelt geholt.

Das Innere des Busses war gemütlich, wenn auch sehr eng. Gegenüber dem kleinen Kocher, unter dem sich ein Kühlschrank befand, stand ein Schrank, an dessen Schiebetür beabsichtigt schief das Poster eines Fantasykriegers geklebt war. Der eigenartige Aufbau, der Markus bereits bei der Ankunft aufgefallen war, beherbergte das Bett, auf das ihm allerdings der Blick durch die zugezogene Luke versperrt wurde. An der Rückseite des Fahrersitzes stapelten sich CDs von Bands wie Iron Maiden und InExtremo.

Da man unmöglich aufrecht stehen konnte, kochte Markus im Sitzen, während Dirk in der winzigen Essecke, die sich im eigentlichen Kofferraum befand, Gemüse schnitt. Markus musste sich ein breites Grinsen verkneifen, als er bemerkte, wie unbeholfen der andere Mann mit den Messern hantierte. Wie wenig weit dessen Stärke im Kochen ging, bekam er schließlich mitgeteilt, als Dirk sich in den Finger schnitt und ihm gestand, dass er sich eigentlich nur Dosenessen auf dem Herd aufwärmte.

Nach einem gemütlichen Essen unter dem sternenklaren Himmel saßen sie noch lange beieinander und tranken Rotwein. Markus hatte nicht die geringste Lust, den Abend enden zu lassen. Er hätte ewig so sitzen können, im Schein eines kleinen Windlichts, um das Insekten tanzten, mit diesem Mann ihm gegenüber, dessen Blicke ihn mehr und mehr unruhig machten und ihm pausenloses Kribbeln durch den gesamten Körper schickten.

Doch als der Wein irgendwann leer war und sie beide wiederholt verhalten gähnten, stand er schließlich auf. Er lächelte auf Dirk herab, der träge zu ihm aufsah, fühlte sich nicht nur von dessen Gegenwart berauscht, sondern spürte auch den Schwindel des Alkohols. "Ich danke dir für den schönen Abend. Aber mein Bett ruft und ist nicht länger zu überhören."

Dirk erhob sich nun ebenfalls, auch ein wenig unsicher, und erwiderte sein Lächeln. "Ich muss mich eher bei dir bedanken, immerhin hast du gekocht." Er trat einen Schritt vor, schien noch etwas sagen zu wollen und blieb dann doch stumm.

Sie standen derart dicht beieinander, dass Markus fast seine Körperwärme zu spüren vermeinte, aber das war vermutlich lediglich seine Einbildung, da ihm in Dirks Nähe immer warm zu sein schien. Eine ganze Weile sahen sie sich lediglich an, ohne einen Laut von sich zu geben, ohne sich zu bewegen, während Markus' Herz immer schneller zu schlagen begann und der Schwindel in ihm zunahm.

Auch im Mondlicht sah der andere Mann deutlich viel zu attraktiv aus, selbst wenn es die Wärme seines Hauttons verschluckte und die Kanten des scharfgeschnittenen Gesichtes weiter hervortreten ließ. Dirks Augen schienen schwarz zu sein in der Nacht, und sie wandten sich nicht von ihm.

Flüchtig fragte Markus sich, ob dem anderen gefiel, was er sah, dieser schlanke, aber kräftige Mann, der ein wenig größer als er war, mit den dunklen Augen und bereits wieder dem Schatten eines Bartes auf den Wangen.

Dann bemerkte er atemlos, dass Dirk die Hand hob, und Markus hätte jeden Eid geschworen, dass der andere ihn berühren, vielleicht sogar küssen wollte. Doch in dem Moment wurden Kinderstimmen laut, die dem Gezischel nach zu urteilen leise zu sein versuchten. Es reichte, um den Zauber zu brechen.

Rasch strich Dirk sich ein wenig unbeholfen mit der erhobenen Hand durch die Haare und trat dann etwas zurück. Markus' Anspannung ließ nach, als er enttäuscht die Lippen zusammenpresste und den Blick abwandte. /Blöde Bälger! Die sollten um die Uhrzeit längst im Bett liegen! Blöde, blöde Bälger!/

"Wir... sehen uns morgen wieder, nehme ich an. Schade, dass der Abend schon vorbei ist." Dirks Stimme ließ ihn aufsehen und die Kinder vergessen. Der andere Mann hatte recht; morgen war auch noch ein Tag, und es war möglicherweise gar nicht so schlecht, wenn sie nichts überstürzten. /Mal davon ab habe ich mich vielleicht ja auch geirrt./

Markus erwiderte das Lächeln, das Dirk ihm schenkte und nickte. "Ja, bis morgen dann." Ehe er noch selber irgendwelche Dummheiten begehen konnte, wandte er sich ab und ging zu seinem Zelt zurück. Doch als er davor in die Hocke ging, konnte er es nicht verhindern, noch einmal zu Dirk zurückzusehen.

Sein Herz machte einen kleinen halb überraschten, halb erfreuten Sprung, als er bemerkte, dass der andere Mann sich nicht von der Stelle gerührt und ihm offensichtlich hinterher geschaut hatte. Es war zu dunkel, als dass er die Miene hätte erkennen können, doch dass Dirk die Hand hob und ihm zuwinkte, war nicht zu übersehen.

Etwas verlegen, aber glücklich winkte er zurück, ehe er schwindlig mehr ins Innere des Zeltes fiel als kroch. Reglos blieb er eine Weile liegen, sah noch immer Dirks grünbraune Augen vor sich, die ihn anlachten, den energischen Mund, hörte seine tiefe Stimme, die aus allem, was er erzählte, etwas ganz Besonderes machte.

Seine Gedanken glitten zum Nachmittag am Strand zurück, und er fühlte erneut die kräftigen Hände auf seinem Rücken, die viel zu kurz nur die Creme verteilt hatten. Dennoch konnte Markus genau sagen, bis wohin Dirk gelangt war, welche Stellen er berührt hatte und welche nicht.

Mit einem leisen Lachen drehte er sich auf den Rücken und starrte blicklos zur Decke empor. "Oh mein Gott", murmelte er, als er wieder die Schmetterlinge in seinem Magen spürte, die so gar nicht zur Ruhe kommen wollten. "Ich bin verliebt... Wie hat er das gemacht? Ein Tag nur, und ich bin verliebt."

Während er sich umzog und anschließend den Schlafsack beiseite schob, sich nur mit einem Zipfel über die Hüfte zudeckte, weil es für mehr zu warm war, versuchte er, sich jeden Moment dieses Tages ins Gedächtnis zurückzurufen und erneut zu erleben. /Und ob er mit mir geflirtet hat! Und dieser Blick beim Abschied...! Oh mein Gott, ich habe noch gar nicht gefragt, wo er herkommt! Hoffentlich nicht zu weit weg. Und wie lange bleibt er? Er hat mir die Frage gar nicht beantwortet. Hat mir nur in die Augen gesehen und.../

Erneut zog das verräterische Prickeln bei dem Gedanken an diesen Blick durch Markus, und mit einem Seufzen schloss er die Augen, um von dem Mann zu träumen, der nur wenige Meter von ihm entfernt und lediglich durch dünne Stoffwände getrennt in seinem Bus lag. Draußen dämmerte es bereits, und die ersten Vögel hatten schon ihr Morgenlied begonnen, bevor er endlich Schlaf fand.

 

Als Markus am nächsten Morgen aufwachte, galt sein erster Gedanke Dirk und dem vergangenen Tag. Ein Lächeln überzog sein Gesicht, als er die braungrünen Augen wieder vor sich sah, und ließ ihn sich gut fühlen. Mit einem Gähnen streckte er sich, während er das Schattenspiel von Blättern und Sonne auf seinem Zeltdach bemerkte.

Dirk hatte Recht gehabt, vormittags hatte er an dieser Stelle, an der das Zelt nun stand, Schatten. Dennoch war es bereits jetzt unerträglich heiß und stickig. Er setzte sich auf und kramte nach der Uhr, die er zu seinem Autoschlüssel in die Seitentasche der Wand gesteckt hatte und riss nach einem kurzen Blick darauf die Augen auf. "Oh mein Gott, schon halb zwölf! Himmel, habe ich lang geschlafen!"

Zugegeben, er war spät ins Bett gekommen und hatte noch viel länger nicht einschlafen können, aber dass es schon fast Mittag war... Kein Wunder, dass es so heiß war! Ein wenig kläglich verzog er das Gesicht, doch dann lachte er und schob den Schlafsack auf die freie Seite der Luftmatratze. Wen kümmerte es, wie lange er schlief? Er hatte Urlaub.

Rasch angelte er nach seiner Kleidung, zog sich an und nahm dann seinen Waschbeutel und ein Handtuch, um den fortgeschrittenen Tag mit einer Dusche und der obligatorischen Rasur zu beginnen. Bart oder auch nur Dreitagebart stand ihm nicht, wie er fand, und seine schwarzen Stoppeln zeichneten sich morgens immer deutlich auf seinen Wangen ab.

Erleichtert atmete er auf, als er aus dem stickigen Zelt kam, und obwohl es sehr warm war, kam ihm die Luft doch viel angenehmer vor. Ob Dirk schon wach war? Bestimmt, er schien ihm nicht wie ein Langschläfer. Ob es ihn störte, wenn...

Der letzte Gedanke wurde abrupt unterbrochen, als sein Blick auf Dirks Stellplatz fiel. Oder den Platz, welcher der von Dirk gewesen war. Der kleine, blaugraue VW-Bus war verschwunden, stattdessen baute dort eine mindestens fünfköpfige Familie vor einem alten, etwas schäbig wirkenden Wohnwagen ein Vorzelt auf.

Markus starrte hin und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Bittere Enttäuschung kroch in ihm empor und ließ den Tag dunkel werden. Er hatte sich getäuscht. Dirk hatte nicht mit ihm geflirtet. Aber er wohl zu viel mit ihm. Oder Dirk hatte doch beschlossen, dass er nicht sein Typ war. Oder sonst etwas. Auf jeden Fall war er weg. Kein VW-Bus, kein Dirk. Einfach weg. Ohne ein Wort. Und das war das Schlimmste daran.

"Scheiße..." Doch auch ein suchender Blick in die Runde beförderte keinen VW-Bus zu Tage. Dirk war verschwunden. /Na, wenn er einer von der Art ist, ist es nur gut, dass er sich jetzt schon in Luft aufgelöst hat./ Aber der Gedanke half nicht wirklich, und Markus fragte sich, ob es überhaupt möglich war, dass er sich derart in dem anderen Mann getäuscht hatte.

Er atmete durch, presste die Lippen zusammen und marschierte zu den Sanitäranlagen hin. Offensichtlich war es möglich, und er sollte sich davon nicht den Tag vermiesen lassen. Schließlich war er nicht hier, um einen Freund zu finden, sondern um sich zu erholen. Sonne. Meer. Wandern. /Und so weiter.../

Als er sein Gesicht in einem der Spiegel über den Waschbecken erblickte, schnitt er sich eine Grimasse und seufzte leise. "Und was mache ich mit dem angefangenen Tag? Zum Wegfahren ist es zu spät. Strandtage hatte ich jetzt schon beinahe zwei." Mit einem weiteren Seufzen notierte er sich, endlich das Stromkabel zu verlegen und dann für den nächsten Tag eine Wanderstrecke herauszusuchen.

Was er jedoch als erstes tat, kaum dass er zurückgekommen war, war seinen Gasherd vorsichtig zu testen, ob der nach der Wasserattacke noch funktionierte. Zwar hatte er einige Bier- und Coladosen in der Kühltasche, die mittlerweile vermutlich jedoch nicht mehr kühlte, da die Aggregate aufgetaut waren, aber um die Uhrzeit wollte er kein Bier, und auf Cola hatte er auch keine Lust. Kaffee war ihm wesentlich lieber, um endgültig aufzuwachen. Zudem wäre jetzt noch Zeit, den nächsten Campinghandel aufzusuchen und sich mit Händen und Füßen und einem Lexikon verständlich zu machen, um einen neuen zu kaufen. Er konnte sich schließlich nicht wochenlang nur von Baguette oder von Restaurantbesuchen leben.

Doch er hatte Glück. Weder flog ihm der Kocher um die Ohren, noch hatte er seinen Geist aufgegeben, und so saß Markus bald mit einer Tasse guten Kaffees auf einem Handtuch im Schatten der Bäume, seine Karten um sich ausgebreitet und drei Wanderführer aufgeschlagen, um herauszufinden, welche der zahlreichen Routen er sich am folgenden Tag zumuten wollte.

 

 

3.

 

"Na, Langschläfer? Endlich aufgewacht?"

Markus' Herz machte einen kleinen Sprung, als er die Stimme erkannte. Er sah von der Karte auf, nur um Dirk keine vier Meter von sich entfernt zu entdecken, mit verschränkten Armen an die kleine Laterne gelehnt, einem sonniges Grinsen im Gesicht und einem gut gelaunten Blitzen in den Augen. Er war frisch rasiert, trug statt der ausgefransten, hellblauen eine ebenso ausgefranste, weiße Jeans und statt des ausgeleierten, weißen T-Shirts ein grünes, das jedoch aufregend eng anliegend war.

"Hi!" Markus konnte nicht anders, als das Lächeln zu erwidern, während er sich fragte, wie Dirk es schaffte, mit nur einem Blick den noch immer vorhandenen Groll in seinem Magen in Schmetterlinge zu verwandeln. Vielleicht lag es daran, dass der andere Mann so wirkte, als hätte er ihn schon eine Zeitlang beobachtet, ehe er ihn angesprochen hatte, so wie er dort stand. /Er ist doch nicht weg! Aber sein Platz ist von jemand anderem besetzt. Ist er nur hier, um sich zu verabschieden? Will er gehen?/ Hoffend, dass man ihm seine Sorge nicht ansah, machte er eine kleine Geste zur Thermoskanne hin. "Magst du einen Kaffee?"

"Gerne." Dirk stieß sich von der Laterne ab und kam die wenigen Schritte zu ihm hin. "Planst du eine Reise ans Ende der Welt?", fragte er mit einem leicht belustigten Blick auf die Karten.

Markus lachte. "Nein, ich kann mich nur noch nicht entscheiden." Er stand auf und holte ein zweites Strandlaken und eine weitere Tasse, um beides Dirk zu reichen. "Sorry, mehr kann ich dir nicht anbieten, ich hab die Stühle vergessen."

Mit einem Schmunzeln breitete Dirk das Handtuch nur wenig neben dem von Markus aus, faltete seine langen Beine beim Setzen zusammen und schenkte sich dann Kaffee ein. "Glaub mir, das nächste Mal wird alles besser. Du merkst dir, was schief gelaufen ist, das passiert dir dann nicht mehr – nur tausend andere Kleinigkeiten."

"Na, du machst mir Mut." Markus räumte die Karten zusammen, ehe er sich ebenfalls wieder setzte, sich fragend, ob Dirk das überhaupt als Kaffee durchgehen ließ. Unwillkürlich musste er grinsen.

Dirk fing seinen Blick auf und grinste ebenfalls. "Oh, das geht schon. Vor allem, da ich noch keinen hatte." Er verzog das Gesicht. "Ich habe verschlafen; sie haben mich heute morgen geweckt, weil die Nachfolger auf den Platz wollten. Ich hatte ihn doch nur für zwei Tage. Eigentlich wollte ich ihn verlängern, aber gestern habe ich's vergessen, weil ich erste Hilfe leisten musste." Er zwinkerte Markus zu und trank einen Schluck, schloss für einen Moment genießerisch die Augen. "Ah, ich lebe wieder." Dann seufzte er. "Aber Fakt ist, der komplette Platz ist vollkommen ausgebucht. Keine Chance. Ich stehe im Moment draußen vor dem Gelände auf dem Parkplatz."

Markus dachte nicht einmal nach, ehe er antwortete. "Willst du die Hälfte von meinem? Der ist groß genug, dass auch noch drei Wagen wie deiner drauf passen."

Natürlich weigerte sich Dirk erst einmal, sagte aber schließlich doch sehr offensichtlich begeistert zu. Mit einem möglichst beiläufigen Schulternzucken versuchte Markus zu verbergen, wie sehr er sich freute, sowohl, dass Dirk noch da war, wie auch dass er bleiben würde – und zwar direkt neben ihm. Ein Schmunzeln huschte über sein Gesicht. "Das war doch selbstverständlich. Hätte ich es nicht getan, hättest du von jemand anderem Hilfe bekommen. Das ist Camping."

Schallend lachte Dirk auf, und Markus fiel mit ein. Es tat gut und blies auch den letzten Rest an Unbehagen in ihm weg. Überhaupt war es gut, dass Dirk wieder da war. Und was er als noch viel besser empfand, war die Tatsache, dass der andere Mann nach einem weiteren, neugierigen Blick auf und in die Wanderführer fragte, ob er etwas dagegen hätte, wenn er sich ihm anschließen würde. Markus hätte ihn dafür am liebsten geküsst. Natürlich tat er es nicht, doch auch so schien Dirk mit seiner Antwort sehr zufrieden zu sein.

Nach zwei weiteren Tassen Kaffee, welche die Kanne leerten, machten sie sich auf zur Rezeption, um den Zuzug auf Markus' Platz bekannt zu geben und Dirks Wagen wieder herein zu holen, wobei Markus feststellte, dass auch Dirks Französisch nahezu perfekt zu sein schien. Zumindest unterhielt er sich fließend mit dem Mann hinter dem Tresen.

Der Tag verging wesentlich schneller, als Markus am Morgen gedacht hatte. Sie saßen gemeinsam an Dirks Tisch und diskutierten verschiedene Strecken durch, gingen wieder zusammen baden, ohne jedoch am Strand zu bleiben, weil Markus vom Vortag einen leichten Sonnenbrand hatte. Sie entschieden sich dafür, mit Markus' Wagen zum nahegelegenen Supermarkt zu fahren und luden Markus' Getränkedosenvorräte in Dirks Kühlschrank um. Sie kochten erneut zusammen, dieses Mal in dem kleinen Vorzelt, weil es luftiger war, da man die komplette Vorderfront hochbinden konnte, und das Stromkabel endlich verlegt war.

Als sie schließlich kurz vor Mitternacht in getrennte Betten verschwanden, empfand Markus das schon beinahe als falsch. Er fühlte sich, als würde er Dirk bereits ewig kennen. Schlaflos wälzte er sich auf seiner Matratze herum, dachte an die grünbraunen Augen, an die schönen Lippen und den trainierten Körper, stellte sich vor, was er mit diesem gerne alles tun würde, was er gerne hätte, was Dirks Hände und Mund mit ihm tun sollten und versuchte, das mit seinen eigenen nachzuempfinden.

Es war nicht dasselbe. Zwar erlöste es ihn für einen Moment, als er mit einem erstickten Aufstöhnen kam, doch die Sehnsucht ließ nicht wirklich nach; dennoch gelang es ihm, danach endlich einzuschlafen.

 

Der Morgen begann mit dem Schrillen des Weckers, den er vorsichtshalber gestellt hatte. Als er sich jedoch aus dem Zelt quälte, stellte er fest, dass es nicht wirklich nötig gewesen wäre, denn Dirk war bereits wach. Dafür war die Welt in dichten Nebel gehüllt, Seenebel, wie Dirk erklärte, was Markus zu dem Schluss brachte, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, an diesem Tag in die Berge zu fliehen. Nach einer kurzen Dusche und einem ebenso kurzen Frühstück, das zwei getrennte Kannen Kaffee mit sich brachte, fuhren sie los.

Markus genoss die Fahrt, auch wenn sie erst einmal einen Radiosender finden mussten, der ihnen beiden halbwegs zusagte. Mit dem, was Dirk hörte, konnte er sich nicht wirklich anfreunden, umgekehrt war das leider ebenfalls der Fall. Seine Vorliebe für Jazz rief bei Dirk nur ein verständnisloses "Und das magst du wirklich?" hervor.

Nach zweistündiger Fahrt über kleine und kleinste Straßen durch das wildzerklüftete Massiv der Pyrenäen erreichten sie endlich ihr Ziel. Auf dem winzigen Parkplatz, den noch zwei weitere Autos gefunden hatten, wechselten sie von Straßen- auf Wanderschuhe, und Markus holte seinen Rucksack aus dem Kofferraum, der neben ein paar Äpfeln und Brot zwei Wasserflaschen, die Karte der Gegend und den Wanderführer enthielt.

Der erste Anstieg, der direkt vom Parkplatz zum ausgewiesenen Weg empor führte, war endlos steil und wand sich in Zickzackkurven die Bergflanke hoch. Dennoch gefiel er Markus, auch wenn er bereits nach wenigen Minuten schweißüberströmt und außer Atem war. Wann immer er stehen blieb und die Augen vom unebenen Boden löste, hatte er einen wunderschönen Blick über die angrenzenden Berge, zerklüftete Felsen und den Bach, der sich neben der Straße entlang schlängelte. Was er mit einer gewissen Erleichterung feststellte, war, dass es Dirk auch nicht besser ging. Der andere Mann schwitzte ebenfalls, und sein Gesicht war rot von der Anstrengung, was ihn, wie Markus fand, durchaus nicht weniger attraktiv werden ließ.

Als sie den obersten Punkt erreicht hatten, machten sie kurz Rast, auch wenn kaum eine halbe Stunde vergangen war. Nebeneinander an die Felswand gelehnt, vor sich Baumwipfel und Sträucher, tranken sie Wasser und ließen sich etwas Zeit, um wieder zu Atem zu kommen.

Der weiterführende Weg war angenehmer, er verlief am oberen Rand der Schlucht entlang beinahe parallel zu ihr und bot einen atemberaubenden Ausblick. Als Markus nahe an den Rand trat, konnte er bis auf den weit unten liegenden Gebirgsbach sehen, der sich dort sein Bett gegraben hatte, schäumend über Felsbrocken schoss und zwischendurch kleine, türkisgrüne Teiche bildete, die zum Baden einluden. Doch Markus wusste, wie eisig das Wasser sein musste.

"Bist du verrückt? Komm sofort von dem Abgrund zurück!" Dirks Hand schloss sich regelrecht schmerzhaft um seinen Oberarm, als der andere Mann ihn mit Schwung von der Kante und an die Felswand zurückzerrte.

Überrascht und verärgert zugleich befreite sich Markus. So dicht war es nun wirklich nicht gewesen, und er wusste eindeutig selber, wie viel er sich zutrauen konnte. Es war ja nicht das erste Mal, dass er so etwas machte. Zudem war das kein Grund, ihn in so scharfem Ton anzuschnauzen. "Aber sonst geht's dir noch gut, ja? Du bist doch nicht mein Kindermädchen!"

Für ein paar Sekunden starrten sie sich in die Augen, dann wandte Markus sich mit einem Schnauben ab, um weiterzugehen. /Was war denn das für eine blöde Aktion? Meint er, auf mich aufpassen zu müssen? Wer bin ich denn!/

Doch die schöne Landschaft ließ ihn den Ärger schnell vergessen, zumal der Weg sich immer weiter in den Felsen hineingrub, bis er nur noch eine waagrechte Kerbe war, die sie entlang liefen. Dort, wo er schmaler zu werden begann, war ein Stahlseil seitlich befestigt worden, um Wanderern Sicherheit zu geben, selbst wenn es, wie Markus fand, mehr der Beruhigung diente, denn der Pfad war nach wie vor breit genug, dass man ohne Halt laufen konnte.

Zumindest dachte er das, bis er Dirks Stimme hörte, die seinen Namen rief, leise, unsicher und gar nicht mehr nach dem selbstsicheren Mann klingend, den er kennen gelernt hatte. Verwirrt drehte Markus sich zu ihm um.

Dirk stand an die Felswand gelehnt, als wollte er mit ihr verschmelzen, beide Hände um das Seil geklammert, die Augen geschlossen, und rührte sich nicht. Er war derart weiß im Gesicht, dass Markus mit einem Mal Angst bekam, er könnte ihm auf der Stelle bewusstlos werden. Erschrocken lief er zurück, griff nach ihm, um ihn im Notfall halten zu können, und stellte fest, dass der andere Mann zitterte. "Dirk, was ist? Ist dir schlecht? Hast du Kreislaufprobleme?"

Dirk atmete ein paar Mal tief durch, ehe er die Augen wieder öffnete und Markus ansah. "Ich... kann nicht... weiter", brachte er gepresst hervor, und Markus begriff, dass er Angst hatte. /Höhenangst, mein Gott. Was für ein süßer Volltrottel!/ Doch er sagte es nicht. Stattdessen lockerte er den Griff um Dirks Arm und legte ihm die Hand auf die Taille.

"Okay, keine Angst. Ich bin bei dir. Dreh dich um, das Gesicht zur Felswand. Ich bin da." Er bemühte sich, Ruhe und Kraft in seine Stimme zu legen und diese auf Dirk überfließen zu lassen, während er weitersprach. "Ich halte dich, keine Sorge. Wir kehren jetzt einfach wieder um, das ist gar kein Problem."

Markus war froh, dass sie auf dem engeren Pfad noch nicht allzu weit gekommen waren, während sie sich schrittchenweise zurücktasteten. Leise, aber ununterbrochen redete er auf den anderen Mann ein, da er das deutliche Gefühl hatte, dass dieser sich dabei entspannte. Mit ein wenig Schuldbewusstsein stellte er jedoch fest, dass er die Situation gar nicht so schlimm fand. Immerhin gab es ihm die Gelegenheit, Dirk nahe zu sein, ihn sogar anfassen zu dürfen.

Dennoch atmete er erleichtert auf, als sie die Stelle erreichten, an welcher der Weg wieder breiter wurde. Er lenkte Dirk zu einem etwas hervorstehenden Felsen und brachte ihn dazu, sich hinzusetzen, ließ sich dann aufatmend neben ihn niedersinken. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, während Dirks Gesichtsfarbe sich langsam wieder normalisierte und sein Atem sich beruhigte.

"Geht es wieder?", fragte Markus schließlich.

Dirk nickte nur, sah ihn aber nicht an. Sein Gesicht war ausdruckslos, und Markus überlegte, ob es ihm peinlich war. Ihm wäre es das mit Sicherheit gewesen, vermutlich hätte er sich dafür in Grund und Boden geschämt. Doch von der anderen Seite aus betrachtet, fand er es nicht schlimm. Es gab keinen Grund, sich in tiefste Verlegenheit zu stürzen, und...

"Tut mir leid", unterbrach Dirks dunkle Stimme seine Gedankengänge, noch immer schaute der andere Mann nicht auf. "Ich hätte dir vielleicht besser vorher gesagt, dass ich Höhenangst habe. Aber ich dachte, es würde gehen... Ging offensichtlich nicht. Danke."

Markus setzte den Rucksack ab, zog ihn auf den Schoß und kramte die angebrochene Wasserflasche hervor, um ein paar Schluck zu trinken und sie dann an Dirk weiterzureichen. "Ist kein Problem." Unwillkürlich musste er lächeln, als er daran dachte, wie Dirk ihn angefahren hatte, weil er in die Schlucht geschaut hatte. "Deswegen bist du vorhin auch so ausgetickt, nicht?"

Reumütig nickte Dirk und starrte auf seine Finger. "Tut mir leid", wiederholte er noch einmal, dann sah er doch endlich auf und grinste Markus schief an. "Ich bin ein Idiot. Lass dir von mir die Wanderung nicht verderben. Du hättest sie auch ohne mich gemacht, nicht? Also wandere, so lange du magst. Ich werde einfach beim Auto bleiben, die Füße in den Bach halten und ein wenig Radio hören, hm?"

Das also war es. Er hatte Angst, ihm den Tag zu verderben. Markus konnte nicht anders, als ihn dafür regelrecht niedlich zu finden, auch wenn dieses Wort nicht wirklich zu dem durchtrainierten, großen Mann passen wollte. Sein Lächeln vertiefte sich noch, als er ihm einen kleinen, freundschaftlichen Stoß in die Seite gab. "Spinner. Ich werde dich doch nicht stundenlang warten lassen. Wir planen einfach um. Wenn ich mich recht entsinne, gibt es hier eine Tropfsteinhöhle ganz in der Nähe."

"Du bist dir darüber im Klaren, dass Tropfsteinhöhlen die Tendenz haben, kalt zu sein?", fragte Dirk, während Markus bereits den Führer herausgeholt hatte und nach der Höhle suchte. "Wir sind nicht gerade ausgerüstet dafür."

Markus hob den Kopf, um sich direkt in Dirks Augen zu verlieren. Er konnte den Blick nicht lesen, doch unvermittelt kehrte das nervöse, angenehme Flattern in seine Magengrube zurück. /Könntest du mich nicht bitte einfach küssen?/, dachte er, um jedoch lediglich laut zu sagen "Ich habe im Kofferraum noch eine Jacke, wir können uns abwechseln. Das wird schon gehen."

Dirk lächelte. "Danke", antwortete er leise, nur um Markus' Magen sofort darauf einen Salto schlagen zu lassen, als er kurz seine Hand umfing und sie drückte.

"Keine Ursache..." Rasch wandte Markus sich wieder dem Führer zu, in der Hoffnung, dass Dirk seine Verlegenheit nicht bemerkte. /Du bist schizophren. Einerseits willst du etwas von ihm, andererseits benimmst du dich wie ein Teenager. Was hältst du von ein wenig mehr erwachsenem Verhalten? Ist ja schließlich nicht so, dass du glaubst, er sei vollkommen abgeneigt, nicht wahr?/

Aber gerade, als er sich wieder zu ihm umgedreht hatte, erneut in den braungrünen Augen versinkend, kam ein kläffender Hund um die Ecke gejagt, und dichtauf folgte natürlich eine Gruppe Wanderer. Markus seufzte lautlos, doch er nickte ihnen zu, anstelle sie mit Blicken zu erdolchen, und grüßte ebenso freundlich zurück, wie sie gegrüßt wurden.

Noch bevor sie wieder aus dem Sichtfeld waren, hatte er die gesuchte Stelle in dem Büchlein entdeckt und herausgefunden, dass die Höhle wirklich lediglich fünfzehn Kilometer entfernt war. Die Bilder versprachen ein beeindruckendes Erlebnis, was der Text zusätzlich anpries, und so befanden sie sich bald darauf auf dem Rückweg zum Auto.

Als sie eine halbe Stunde später auf den ausgeschilderten Parkplatz vor der Höhle einbogen, mussten sie feststellen, dass die Gegend wesentlich touristenüberlaufener war. Geduldig reihten sie sich in die Schlange vor der Kasse ein, um zwei Karten zu erstehen, und ließen sich dann mit der restlichen Herde von einer Führerin abholen, die derart schnell irgendwelche Fakten von sich sprudelte, dass nicht einmal Dirk etwas verstand. Zudem schien es die erklärte Absicht der jungen Frau zu sein, sie im Galopp durch die Gänge und natürlichen Hallen zu jagen. Dirk und Markus fielen langsam zurück, um sich die atemberaubenden Steingebilde in Ruhe ansehen zu können.

Bald merkte Markus, dass Dirk nicht unbedingt Unrecht gehabt hatte, als er seine Einwände hervor gebracht hatte, und er begann, sich nach der Jacke zu sehnen, die er dem anderen Mann überlassen hatte, mit der scherzhaften Bemerkung, dass dieser sich erst einmal erholen sollte. Die feuchtkalte Luft überzog seine Arme mit Gänsehaut, die nicht so leicht wie sein Frösteln zu verstecken war.

"Hm, sieht so aus, als wäre die Zeit für einen Wechsel gekommen." Dirk grinste und entledigte sich der Jacke, doch anstatt sie ihm zu reichen, hielt er sie ihm hin, um ihm hineinzuhelfen. Markus zögerte nur kurz, dann erwiderte er das Grinsen und ging auf das Spiel ein. "Ah, der Herr ist ein Kavalier geworden."

Es war angenehm, Dirks Wärme zu spüren, die ihn umfing, kaum dass seine nackten Arme bedeckt waren, ebenso angenehm, wie in Dirks Geruch gehüllt zu werden, der ihm leises Magenkribbeln bescherte. Er drehte sich zu dem anderen Mann zurück, noch ehe dieser ihn losgelassen hatte, um seinen Blick erwidern zu können.

"Hm... vielleicht." Dirk lachte leise, machte jedoch auch keine Anstalten zurückzutreten, nachdem er die Kapuze zurechtgezogen hatte. "Vielleicht aber auch nicht." Stattdessen ließ er seine Hände von Markus' Schultern die Oberarme hinabstreichen, ganz langsam und keinesfalls zufällig.

Markus' Herz begann schneller zu schlagen, während in seinem Bauch ganze Kohorten von Schmetterlingen zum Ausschwärmen antraten. Mit einem Mal war jede Kälte verflogen. Ihm war sehr bewusst, dass sie in dem durch blasse Lampen erleuchteten Gang ganz allein waren, und nur noch aus der Ferne die Stimmen ihrer Gruppe zu ihnen drangen, verzerrt und hallend. "Hm, und wenn der Herr das nicht ist? Was für..."

"Messieurs?" Die harsche Stimme eines Mannes unterbrach sie. Markus presste die Lippen zusammen und schloss für einen Moment die Augen, während er spürte, dass sich der Griff um seine Arme festigte. Er hörte Dirk tief durchatmen, dann ließ der andere von ihm ab.

Dirk wechselte ein paar rasche Worte mit dem kleinen Mann, der durch seine Uniform als zum Dienstpersonal gehörig zu erkennen war, dann nickte er und wandte sich mit einem leicht verkniffenen Gesicht Markus zu. "Er meint, wir sollten machen, dass wir unsere Gruppe wieder einholen. Die nächste Herde wird gleich durchgetrieben."

Verdutzt blinzelte Markus und vergaß fast, dass er eigentlich ziemlich sauer auf das Männchen war. "Das hat er gesagt?"

Dirk musste lachen und zog ihn nach ein paar scheuchenden Handbewegungen des Mannes mit und der Gruppe hinterher. "Nicht ganz genau, aber dem Sinn nach. Der Wortlaut an sich war meine Übersetzung."

Sehr schnell hatten sie die anderen leider wieder eingeholt, verfolgt von dem misstrauischen Wachtmann, der offensichtlich sichergehen wollte, dass sie nicht lediglich eine Ecke weiter erneut stehen blieben. Dirk warf ihm einen Blick zu, als sie sich wieder brav den anderen Touristen zugesellten, und lächelte Markus entwaffnend an. "Langsam bekomme ich Mordgelüste."

Nur mit Mühe konnte Markus verhindern loszuprusten und damit die Aufmerksamkeit aller auf sich zu lenken. Ein leises Kichern konnte er aber nicht verhindern, als er nickte. Wirklich ärgerlich konnte er dennoch nicht mehr sein. Stattdessen war ihm, als würde trotz des Dämmerlichts um sie herum die Sonne scheinen. Viel sicherer, dass Dirk auch von ihm etwas wollte, konnte er eigentlich nicht mehr sein. Und das fühlte sich wundervoll an.

 

 

4.

 

Der Seenebel hatte sich aufgelöst, als sie gegen Abend wieder auf dem Platz ankamen. Die Frage, ob sie erst essen oder erst duschen wollten, war rein rhetorisch, und so sammelten sie beide gleich darauf ihre Kulturbeutel und Handtücher zusammen, um gemeinsam zu den Sanitäranlagen zu laufen. Es war überraschend voll, voll genug, dass sie warten mussten.

"Wir könnten uns eine teilen", schlug Dirk mit einem Glitzern in den Augen vor, das kleine Explosionen durch Markus jagte. Der Gedanke an einen nackten, nassen Dirk tat sein Übriges, um ihn auf äußerst angenehme Art nervös werden zu lassen. Trotzdem schüttelte er lachend den Kopf und wies auf zwei eben freiwerdende Duschen.

"Ich glaube, das ist keine gute Idee. Aber du könntest mir anschließend den Rücken eincremen." Noch ehe der andere Mann etwas erwidern konnte, zwinkerte er ihm zu und verschwand hinter einer der grünen Türen. Das sonnige Grinsen in dem markanten Gesicht war ihm jedoch nicht entgangen.

Er brauchte länger als gewöhnlich, da er sich noch ausführlich die Zähne putzte und gründlich mit einem Handspiegel nassrasierte, um auf alles vorbereitet zu sein. Gleichzeitig überlegte er, ob er lieber einen rasierten oder einen unrasierten Dirk haben wollte. Einerseits fand er diesen Dreitagebart unwiderstehlich, andererseits waren die Stoppeln beim Küssen auf Dauer schmerzhaft. /Und er wird mich küssen. Kein Zweifel. Sobald wir irgendetwas zwischen uns und der Welt haben, wie zum Beispiel Zeltwände./ Der Gedanke ließ ihn leise aufseufzen und sich wünschen, dass er bereits zurück wäre. Dennoch war diese kribbelnde Vorfreude sehr angenehm, und er hoffte, dass Dirk es ebenso empfand.

Als er die Kabine endlich wieder verließ, stellte er fest, dass es nichts gebracht hätte, sich zu beeilen, denn zeitgleich mit ihm trat Dirk aus seiner Dusche. Auch er war frisch rasiert und roch zusätzlich aufregend nach einem wirklich guten, herbfrischen Aftershave. Zudem war er in seiner abgeschnittenen, schwarzen Jeans und dem engen, ebenfalls schwarzen T-Shirt einfach nur atemberaubend.

Für einen Moment blieben sie stehen, sahen sich an und lächelten grundlos, ehe sie in stillem Einvernehmen zu ihrem Platz zurückkehrten. Dirk brachte seine Sachen in den Bus, während Markus in das Zelt kroch und es sich im Schneidersitz vor seiner Tasche bequem machte, um nach der Bodylotion zu fahnden. Mit all dem Meerwasser und dem häufigen Duschen hatte er sie reichlich nötig.

Als er sich jedoch an das Knistern erinnerte, das auf der Heimfahrt zwischen ihnen geherrscht hatte, ohne dass etwas geschehen war, bezweifelte er ernsthaft, dass sie allzu viel Zeit mit Eincremen verbringen würden. Ein erwartungsvolles Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Plastikflasche hervorholte und neben das Bett stellte.

Im gleichen Moment kratzte es auch schon am Zelteingang. "Kann ich rein oder überrasche ich dich damit bei etwas Peinlichem?"

Markus lachte auf und drehte sich um, hielt die Stoffbahn beiseite, um Dirk ansehen zu können und gleich wieder ein wenig aufgeregt zu werden. "Würde dich das hindern?"

Mit einem Grinsen streifte Dirk die Schlappen von den Füßen und brachte beim Hereinkommen die Luftmatratze zum Schwanken. "Hm, du weißt doch, ich bin Kavalier. Von daher würde ich brav draußen warten. Aber als Kavalier vergesse ich natürlich nicht, dass du mich um etwas gebeten hast."

Wieder füllte das elektrisierende Prickeln die Luft, als sie sich erneut ansahen. /Gott, der Mann ist Erotik pur!/ Markus fühlte, wie ihn ein kleiner Schwindel erfasste, als er in seinen Augen versank. Er griff nach dem Saum seines Shirts, um es auszuziehen, wurde jedoch von Dirks kräftigen, warmen Händen aufgehalten, die sich auf seine legten.

"Lass mich dir helfen", sagte der andere Mann leise und ein wenig heiser. Ohne den Blick abzuwenden, schob er ihm das Oberteil hoch, strich dabei mit seinen ein wenig rauen Fingern langsam über die Seiten, jeden Muskel, jede einzelne Rippe ertastend. Ein heißer Schauer lief durch Markus, als er die Arme hob und ihm das Shirt über den Kopf gezogen wurde.

Doch Dirk ließ ihn sich nur umdrehen und kniete sich hinter ihn; kurz darauf spürte Markus die kühle Creme auf seinem Rücken, einen kleinen Moment später Dirks Hände. Es war atemberaubend und Folter zugleich, als der andere Mann in gleichmäßigen Bahnen über seine Schulterblätter massierte, zu seinen Schultern überging und anschließend nach unten wanderte, um am Hosenbund wieder umzukehren. Aber im Gegensatz zu dem Tag am Strand hörte er auch dann nicht auf, als die Creme schon längst eingezogen war. Stattdessen nahm er nach und begann gemächlich, über Markus' Oberarme zu streicheln.

Markus hatte die Augen geschlossen und überließ sich ihm einfach. Er wünschte, Dirk würde ihn weiter anfassen, an anderen Stellen, wollte sich zu ihm umdrehen, um ihn zu küssen, und es gleichzeitig jedoch so, wie es war, nicht beenden. Als Dirk sich näher zu ihm beugte und sein warmer Atem Markus' Nacken streifte, überzog eine Gänsehaut seinen Körper. Für einen winzigen Moment konnte er Dirks Lippen an seinem Hals, seinem Ohr fühlen, die Wärme seiner Brust nahe seinen Schultern.

"Nur den Rücken, Süßer? Ich glaube, du bist nirgends eingecremt."

Ein kleiner Laut entfleuchte Markus, als die dunkle Stimme ihn erbeben ließ und unzählige Explosionen durch seinen Körper schickte, die sich in seinem Bauch sammelten und von dort direkt in seinen Schoß jagten. Statt einer Antwort wandte er den Kopf, um sich unvermittelt in Dirks braungrünen Augen gefangen wiederzufinden, nur wenige Handbreit von dem verlockenden Mund entfernt.

Ohne weiter nachzudenken, ließ Markus sich nach hinten an Dirks Brust sinken und schlang einen Arm um den Hals des anderen Mannes. Er sah noch, wie Dirks Lider zudrifteten, als sich ihre Lippen fanden, dann schloss auch er die Augen. Ein Prickeln wie von Sekt floss durch ihn hindurch; gleichzeitig war es, als würde er verbrennen. Dirk schmeckte atemberaubend, und seine Zunge, die ihn fast augenblicklich zu erobern begann, war derart fordernd und geschickt, dass Markus kaum bemerkte, wie Dirks Hände von seinem Rücken aus nach vorne wanderten und seine Brust zu streicheln begannen.

Den Kuss weiter vertiefend drehte er sich in den Armen des anderen Mannes und zerrte dessen Shirt aus der Hose, um endlich selber die warme Haut spüren zu können. Sie lösten sich nur gerade lang genug voneinander, damit er es ihm über den Kopf ziehen konnte. Es war noch nicht richtig auf der Matratze gelandet, als Dirk bereits wieder mit einer Hand nach ihm griff, während das charakteristische Geräusch eines Reißverschlusses ertönte, als er mit der anderen den Eingang schloss, um alle Störungen so weit wie möglich zu verbannen.

Unwillkürlich musste Markus auf seinen Lippen grinsen und spürte prompt, wie sich auch der Mund des anderen Mannes zu einem Schmunzeln verzog. Mit der Zungenspitze zeichnete Dirk eine feuchte Spur zu seinem Ohr und knabberte sacht daran. "Ich habe es weiß Gott oft genug versucht. Und immer kam was dazwischen. Jetzt habe ich dich endlich in meinen Armen, jetzt will ich dich auch in aller Ruhe küssen dürfen. Nicht, dass irgendwelche Lieblingstiere ausgerechnet hier reinflüchten und ihre besorgten Besitzer ihnen folgen, um sie zurückzuholen oder ähnliches."

Markus legte den Kopf zur Seite, um ihm mehr Raum zu lassen, als Dirks Mund von seinem Ohr zum Hals wanderte. "Nur küssen, eh?" Grinsend spürte er, wie die Hände des anderen Mannes über seinen Hosenbund hinaus glitten und seinen Hintern umfassten.

Dirk festigte seinen Griff und zog ihn energisch näher an sich heran, was Markus ein kleines Aufstöhnen entlockte. Hastig biss er sich auf die Unterlippe und verfluchte schon jetzt die dünnen Zeltwände.

Mit einem leisen Lachen ließ Dirk sich auf die Matratze sinken, Markus mit sich ziehend, so dass dieser auf ihm zu liegen kam. "Nun, ich habe nicht gesagt, wo ich dich alles küssen möchte. Und deinen sexy Hintern hatte ich heute den gesamten Aufstieg direkt vor mir und durfte ihn nicht anfassen. Du hast keine Ahnung, was für eine Folter das war."

"Ah, und das ausgerechnet von dir? Immer dieses Glitzern in den Augen, das mir tausend Dinge verspricht, was alles sein könnte, aber dann..." Markus wurde unterbrochen, als Dirk seine Hüfte enger gegen ihn presste und er neben seinem eigenen Begehren spüren konnte, wie sehr auch der andere Mann erregt war. Unwillkürlich keuchte er auf.

"Ja?" Dirks Stimme war dunkler als gewöhnlich und derart erotisch, dass Markus sich bereits jetzt nackt fühlte. "Willst du etwa behaupten, ich würde Versprechen nicht halten? Das kann ich schlecht zulassen, nicht wahr, Süßer?"

"Exakt das denke ich auch." Ehe Dirk noch etwas darauf erwidern konnte, verschloss Markus ihm den Mund mit einem weiteren, hungrigen Kuss, während er sich gleichzeitig ein wenig aufrichtete, um mit den Händen zwischen sie gelangen zu können. Zu lange hatte er sich danach gesehnt, den anderen Mann endlich anfassen, jeden Zentimeter dieses wundervollen Körpers erkunden zu dürfen.

Er fühlte sich genauso traumhaft an, wie er es sich vorgestellt hatte, wenn nicht sogar noch besser, da er real war. Real unter ihm, real in seiner Wärme, real mit der leichten Brustbehaarung, durch die Markus kraulte. Real auch die kleinen, harten Brustwarzen, denen er nicht widerstehen konnte, nachdem er sie erst einmal für sich entdeckt hatte und seinen Händen mit den Lippen folgte.

Der kleine, kehlige Laut, den Dirk von sich gab, als er sie abwechselnd mit Zähnen und Zunge zu liebkosen begann, ging ihm durch und durch und machte ihm bewusst, dass seine Jeans viel zu eng war. Doch noch ehe es wirklich unangenehm werden konnte, spürte er bereits Dirks Hand, die seinen Bauch hinabtastete, seinen Hosenbund fand und den Knopf öffnete, um ihn zu befreien.

Nur zu gern gab Markus den Gefallen zurück, ließ dann seine Finger in die Hose des anderen Mannes gleiten, um die deutliche Erektion langsam zu streicheln. Dirks Atem beschleunigte sich hörbar, was Markus dazu brachte, mit halb geschlossenen Augen zu seinem Gesicht empor zu sehen. Feine Schweißtröpfchen bedeckten die markanten Züge und glänzten im durch die Zeltwände gefilterten Sonnenlicht. Dirks Wangen waren von der Lust und vielleicht auch von der Anstrengung, ruhig zu sein, gerötet. Die verführerischen Lippen standen halb offen. Markus konnte nicht anders, als zu ihnen zurückzukehren und den Mund erneut einzunehmen.

Die offensichtlich willkommene Gelegenheit beim Schopf ergreifend, schloss Dirk Markus fest in die Arme und rollte sich auf ihn. Mit beiden Händen strich er kräftig über seine Seiten hinab, fuhr mit gespreizten Fingern über seine Brust, als er sich von ihm löste, um weiter nach unten reichen zu können. Während er mit der Zunge jede Stelle von Markus' Bauch erforschte, zog er ihm die Hose von den Hüften, um sich dann mit Lippen und Zähnen durch die Shorts hindurch seinem Schoß zu widmen und gleichzeitig die Innenseiten seiner Schenkel zu streicheln.

Markus krallte die Finger in den Schlafsack unter sich und kämpfte um seine Selbstbeherrschung, um nicht einfach laut aufzustöhnen. /Shit! Shit, Shit, Shit, Shit! Wie soll das nur erst werden, wenn… Gott! Er ist gut!/ Und das, wo er sogar noch die Shorts trug. Allerdings währte das nicht mehr allzu lange, denn Dirk entledigte ihn nach wenigen Augenblicken eben derselben, ehe er auch sich rasch komplett auszog, um sich erneut Markus' Erektion zu zuwenden.

"Du machst mich verrückt", flüsterte er rau und küsste die Spitze. "Und du schmeckst einfach atemberaubend."

Markus stöhnte erstickt auf, als sich Dirks warmer Mund um ihn schloss, und der andere Mann ihn mit wahrhaft teuflischem Geschick zu verwöhnen begann, während er gleichzeitig die Hände unter Markus' Po schob, um ihn zu massieren und zu streicheln. Eine Weile ließ Markus es sich gefallen, an den Rand des Wahnsinns getrieben zu werden, auch wenn er sein Kissen zu sich heranzog, um hineinzubeißen, damit er nicht zu laut wurde. Doch langsam merkte er, wie er sich unaufhaltsam der Grenze näherte. Die Hände in Dirks Haare vergrabend versuchte er, ihn irgendwie abzuwehren und das lustvolle Spiel zu beenden. "Oh Gott... hör auf!"

Mit einem Grinsen ließ Dirk von ihm ab und schob sich an ihm empor, um seinen Schoß gegen Markus' Oberschenkel zu pressen und sich an ihm zu reiben. "Willst du das wirklich?"

Allein das Begehren des anderen Mannes zu spüren, hätte Markus fast kommen lassen. Keuchend kämpfte er gegen die Welle der Gefühle an und hätte sich dann doch beinah vergessen, als er spürte, wie sich eine von Dirks Händen zwischen seine Beine schleichen wollte. Hastig fing er erst diese, gleich darauf auch die andere ab, um sich auf ihn zu rollen und ihn damit an weiteren Aktionen zu hindern, während er Dirks Handgelenke über dessen Kopf auf die nachgiebige Luftmatratze presste. "Glaub mir, bei deinem Talent halte ich keine Minute mehr durch."

Dirk brauchte nur Sekunden, um sich, eingecremt und verschwitzt wie er war, aus seinem Griff zu befreien. Er umfing Markus' Schultern und zog ihn hungrig zu sich herunter. "Und wäre das so schlimm?", nuschelte er zwischen Küssen.

"Ich... will dich... noch länger genießen...", antwortete Markus ebenso undeutlich, auch wenn er das dumpfe Gefühl hatte, dass ihm exakt das nicht mehr allzu lange vergönnt war.

Dirk löste sich von seinen Lippen, um ihn anzusehen, die braungrünen Augen dunkel vor Begehren. "Nur länger... oder auch inniger?"

Die Frage ließ ein wahres Feuerwerk in Markus' Bauch explodieren, und er konnte nicht anders, als Dirk erneut zu küssen. "Auch inniger", flüsterte er.

Er spürte, wie Dirk nach etwas tastete, sich dann mit einem leisen Ächzen von ihm trennte und sich halb aufrichtete. Nur einen Moment später hatte er seine Hose herangezogen und holte ein kleines, rotes Cellophantütchen aus der Tasche. Doch anstatt es zu öffnen, drehte er es nur zwischen den Fingerspitzen und betrachtete es für einen Moment, ehe er sich vorbeugte und Markus auf den Hals küsste. "Schlaf mit mir."

Die Bitte überraschte Markus, er hatte ziemlich sicher damit gerechnet, dass Dirk es andersherum vorziehen würde. Doch der Gedanke, den anderen Mann besitzen zu dürfen, ließ ihn innerlich vor Freude jubilieren. "Gott, du bist einfach wundervoll!"

Leise lachend riss Dirk das Tütchen auf und holte vorsichtig das Kondom heraus, um es Markus überzustreifen, was diesem neue Schauer der Erregung über den Rücken schickte. "Nicht immer. Aber gerade jetzt will ich dich einfach nur spüren. Und Süßer," er zwinkerte ihm zu, "sei nicht zu zaghaft. Es ist definitiv nicht mein erstes Mal."

Markus grinste und biss ihn dafür in die Schulter, ehe er Dirk zurück- und wieder auf die Matratze drängte. Er glitt zwischen seine Beine und schob sie höher und weiter auseinander, gleichermaßen den Anblick wie auch das Vertrauen genießend, das ihm der andere Mann entgegen brachte. Während er ihn aufmerksam ansah, um jedes Anzeichen von Unbehagen oder gar Schmerz sofort zu entdecken, drang er vorsichtig in ihn ein. Es ging leichter als erwartet, und er konnte nur Leidenschaft in Dirks Gesicht erkennen. Für einen Moment hielt er inne, um nicht gleich die Beherrschung zu verlieren, zu dicht befand er sich bereits davor. Stattdessen umfing er Dirks Erektion mit einer Hand, um ihn zu streicheln.

Es brauchte nicht allzu lange, bis Dirk sich unter ihm zu winden begann. Keuchend schnappte er nach Luft, seine Hände öffneten und schlossen sich im Rhythmus von Markus' Liebkosungen, und der glitzernde Schweiß auf seiner Haut ließ ihn noch verführerischer, noch begehrenswerter erscheinen. Markus gab auf. Erst langsam, dann immer schneller bewegte er sich in ihm, bis die Welt um ihn verschwamm und der einzige Fokus Dirks Augen waren, bis endlich auch dieser in einen Wirbel an Grünbraun, Gold und Licht gesogen wurde.

Um Atem ringend sank er schließlich auf Dirk zusammen, und die Feuchtigkeit zwischen ihnen ließ ihn spüren, dass der andere ebenfalls gekommen war. Eine Weile rührten sie sich beide nicht, und Markus genoss das träge Gefühl, noch immer in ihm zu sein, den schnellen Herzschlag zu hören, genoss die Wärme und den Atem auf seiner Haut. Doch bald zog er sich aus ihm zurück und entledigte sich rasch des Kondoms, ehe er sich wieder an ihn schmiegte.

Dirk legte einen Arm um ihn, drückte ihn an sich und bedeckte sein Gesicht, seinen Hals, seine Schultern mit hauchzarten Küssen. Sacht strich er ihm die feuchten Haare aus der Stirn und lächelte. "Das war grandios... Du bist grandios, Liebling." Mit einem Finger fuhr er ihm die Nase nach, strich ihm über die Lippen und beugte sich vor, um ihn erneut kurz zu küssen.

Erschöpft erwiderte Markus das Lächeln, während er mit einer Hand mit den kurzen Haaren in Dirks Nacken spielte. "Aber das nächste Mal nehmen wir deinen Wagen, fahren irgendwo in die Pampa und machen es da. Noch einmal hier und ich ersticke."

Dirk lachte auf. "Na, das will ich mit Sicherheit nicht riskieren." Sacht knabberte er an Markus' Unterlippe, ehe er leise zugab "Ich kann ja nicht das Leben des Mannes gefährden, in den ich mich so heftig verliebt habe, dass ich meine komplette Urlaubsplanung über den Haufen geworfen habe."

"Was?!" Abrupt hob Markus den Kopf und sah auf ihn herunter. "Du hast was?"

Dirk wurde von einem erneuten Lachen geschüttelt; zart strich er ihm mit einem Finger über die Lippen. "Ich hatte vor, quer durch Frankreich zu fahren, Süßer. Aber dann bist du mir über den Weg gelaufen, hast mich mit deinen Kohleaugen angesehen, und das war es gewesen. Ich konnte einfach nicht mehr weg von hier. Von dir."

Eine Weile sah Markus ihn einfach nur an, konnte fast nicht glauben, was Dirk ihm eben gesagt hatte. Doch mit einem Mal war ihm, als würde eine andere Art von Sonne aufgehen, eine, die ihn von Innen heraus erwärmte und ihn einfach nur glücklich sein ließ.

"Spinner", flüsterte er zärtlich. "Mein Gott, was bist du für ein Spinner. Und ich bin so froh darüber. Ich liebe dich."

 

Es wurde mit Abstand der schönste Urlaub, den Markus je erlebt hatte. Sie blieben noch eine Woche, dann kündigten sie vorzeitig auf, was nicht wirklich ein Problem war, da es genügend Nachfragen nach Stellflächen gab, brachten Markus' Wagen auf einem bewachten Parkplatz unter und gondelten mit dem VW-Bus durch Südfrankreich und Spanien. Markus bekam zu sehen, warum der Aufbau den ersten Abend verschlossen gewesen war, denn neben einigen verstreuten Schwulenzeitschriften lachte ihm von der Decke aus ein eindeutiges Poster von einem Männerpaar entgegen. Sie planten eine gemeinsame Zukunft, wenn sie aneinander geschmiegt an Stränden saßen und zum Sternenhimmel empor sahen. Sie stritten sich ab und an, nur um sich danach um so leidenschaftlicher wieder zu vertragen. Sie liebten sich an den unmöglichsten Stellen, liefen Arm in Arm durch atemberaubende, einsame Landschaften und händchenhaltend durch überfüllte Fußgängerzonen, ohne sich um die Blicke zu kümmern, da sie ohnehin nie lange blieben.

Doch schließlich neigte sich der Urlaub seinem Ende zu. Markus' Auto wurde abgeholt, auch wenn sie beide keine Lust hatten, getrennt nach Hause zu fahren. Dirk war sogar verrückt genug, sich im nächsten Bahnhof nach der Möglichkeit zu erkundigen, was eine einfache Fahrt dafür kosten würde. Den Gedanken vergaßen sie jedoch bei dem Preis ganz schnell wieder. Es endete damit, dass Dirk, der den langsameren Wagen hatte, vorweg fuhr und Markus ihm folgte, so dass sie wenigstens beim Rasten und in der Nacht zusammen waren.

Der einzige Vorteil, den Markus an dieser Situation entdecken konnte, war der, dass er ungestraft seine eigene Musik hören konnte, während er dem graublauen Bus folgte, ein verträumtes Lächeln auf den Lippen. Sie waren noch keine Stunde unterwegs und hatten eben die Autobahn erreicht, als Markus' Handy klingelte. Hastig schaltete er die Musik aus und die Freisprechanlage ein. "Ja?"

"Hallo, Süßer." Trotz der leichten Verzerrung durch den Lautsprecher konnte Markus das Grinsen in Dirks dunkler Stimme deutlich heraushören, und es bewirkte, dass sich sein Lächeln noch vertiefte. "Meinst du nicht, dass es bald Zeit für eine Rast ist? Ich vermisse dich."

"Ich dich auch, Liebling." Und mit einem Mal wusste Markus, dass der Traum von einer gemeinsamen Wohnung mit einem Mann, seinem Mann bald keiner mehr sein würde.

 

 

~ Ende ~

 

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