Claudine schlägt die Augen auf und blinzelt. Wieder ein Tag, dessen Inhalt sich nicht von den anderen unterscheiden wird. Tagtäglich dasselbe Prozedere.

Sie steht auf, füllt kaltes Brunnenwasser in eine Schüssel und legt ihr knöchellanges blütenweißes Nachthemd ab. Die Knospen ihrer kleinen festen Brüste erblühen unter den nassen kalten Tropfen des Wassers. Claudine sieht sich ihr Gesicht im Spiegel an. Ein sehr blasse Teint läßt ihr junges Gesicht noch um ein paar Jahre jünger wirken, sie sieht zerbrechlich aus. Ihre großen blauen Augen sind wie Sterne, mit einen Glitzer und einer versteckten Sehnsucht, die man im ersten Augenblick gar nicht erkennen würde. Ihr braunes lockiges Haar umrandet ihr Gesicht wie ein Kunstwerk. Sie frisiert es und steckt es hoch. Die weiße Unterwäsche aus feinen Leinen, und die schwarzen Wollstrümpfe die sie an einem Strumpfgürtel festmacht wirken grob, doch an ihr sehen sie erregend aus. Sie zieht ihre schwarze Kutte an und versteckt auch ihr Haar unter dem schwarzen festen Stoff. Ihre Augen, die mit der großen versteckten Sehnsucht sind der erste Anziehungspunkt bei ihr. Bei all der übermenschlichen, unberührten Ausstrahlung sind diese Augen das einzige das lichterloh brennt, ja fast schreit.

Claudine ist schon früh in den Orden eingetreten: Ihre Großtante, die sie aufzog, nachdem ihre Eltern ums Leben gekommen waren, wollte es. Es war nie Claudines Wunsch. Aber sie war immer schon ein scheues Reh, das immer in Gedanken versunken und leicht manipulierbar war. Nicht weil sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, sondern weil sie in einer eigenen Welt lebte. Eine Welt, wo Ritter sich um edlen Frauen schlugen, sie mit Eisen und Mut beschützten und diese mit bangenden Herzen auf die Rückkehr der Geliebten warteten, und sich dann mit offenen Herzen hingaben. Das war ihre Welt, eine Welt zu der niemand Zugang hatte. Claudine hatte nichts dagegen ins Kloster zu gehen. Hier hatte sie alles was sie brauchte und viel Zeit um mit den Gedanken ganz woanders zu sein. Ihre Mitschwestern mochten sie, weil sie sich anpaßte und fügte und ihrer Arbeit und ihrem gebet ordnungsgemäß nachging. Niemand wußte oder ahnte auch nur, daß sie sich in ihren Träumen von Rittern und Edelmänner erobern ließ. Claudine wollte nicht wahrhaben, daß sie dieses Leben hier für immer führen würde. Viel zu wichtig waren ihr die Gedanken und Träume die sie hatte.

Als Claudine mit ihrer Morgenzeremonie fertig ist, geht sie den langen Gang des kalten düsteren Klosters entlang um in der Kapelle ihr Morgengebet zu erledigen.

Was aber keiner wußte, daß sie nicht Gott anbetete, sondern Krieger und Ritter, die ihr Leben für Frauen einsetzten. Claudine war eine Träumerin, eine unschuldige Träumerin.

Sie nahm in einer der Holzbänke Platz und kniete sich nieder....und träumte.

Sie betete schon, aber sie erflehte Erlösung.

Tief in Gedanken versunken, nahm neben ihr ein junger Mann Platz. Er mußte aus dem Dorf sein, hielt seine Mütze in der Hand, und lächelte zu Claudine als sie aufsah. Claudine errötete, da sie an Männer nicht gewohnt war, außer an die in ihren Träumen. Er hatte ein schönes Gesicht, mußte aber einfacher Abstammung sein, was seine Kleidung aussagte.

Eine Weile knieten sie schweigend nebeneinander. Claudine setze sich auf die Bank, klammerte sich an ihren Rosenkranz und las in ihrem Buch. Sie war verwirrt , weil der junge Mann so nah neben ihr Platz genommen hatte, obwohl doch alle Bänke in der kleinen Kapelle frei waren. Da Claudine eine sehr feien Nase hatte, konnte sie den herb männlichen Geruch des Jünglings riechen. Plötzlich hatten die Ritter auf dem Schlachtfeld das Gesicht des jungen Mannes neben ihr. Claudine schämte sich nicht ihrer Gedanken.

Claudine schreckte aus ihren Gedanken als sie eine Hand auf ihrem Knie berührte. Sie versuchte die Beine fest aneinander zu pressen, aber er gab nicht auf. Er ließ seine Hand auf ihr liegen und sah unbeteiligt nach vorne. Claudine wagte nicht zu atmen und sie war nun ganz in dieser Welt. Die Gestalten ihrer Tagträume waren verschwunden.

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