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Zeugen Christi
inmitten der islamischen Mehrheit in Indonesien

Interview mit Pebri & Christian Goßweiler sowie Pfr. Yohanes Sarju

(Missionsbote aus Neukirchen, Nr. 1/2000, 25.1.2000, S. 18-19 - Missionsbote aus Neukirchen, Nr. 2/2000)

 

Ist es in Indonesien erlaubt, Muslimen das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen, z.B. durch Straßeneinsätze, Bibelabende, Gottesdienste etc.?

Traditionell sind vor allem die javanischen Muslime sehr tolerant. Deshalb herrschte in den 60er und 70er-Jahren eine große Freiheit, das Evangelium zu verkündigen. Nach dem mysteriösen, gescheiterten Putschversuch von 1965 drängte das Suharto-Regime jeden Indonesier, eine Hochreligion anzunehmen (Christentum, Islam, Buddhismus oder Hinduismus). Ungefähr eine halbe Million der nominellen Muslime wurden damals von Fanatikern ermordet, etwa zwei Millionen Anhänger von Naturreligionen und nominelle Muslime wurden (z.T. aus Angst) Christen. Während die christliche Mission bis dahin auf Java wenig zahlenmäßige Erfolge verzeichnen konnte, stieg in den Jahren 1965-75 die Mitgliederzahl vieler javanischer Kirchen auf das vier- bis fünffache. Die Partnerkirche der Neukirchener Mission, die GKJTU, wuchs sogar von 2.400 auf über 16.000 Mitglieder.

Diese „Erfolge” wurden in christlichen Zeitschriften im Westen sehr reißerisch berichtet. Ein „Gegenschlag“ der Muslime war unvermeidlich: Durch einen Erlaß des Religionsministers vom 1.8.1978 wurde grundsätzlich verboten, die eigene Religion unter Anhängern einer anderen Religion zu verbreiten. Damit ist in Indonesien sowohl christliche Mission unter Muslimen wie auch islamische Mission (arab.: „da’kwa“) unter Christen verboten. In den 80er- und 90er-Jahren kam er außerdem zu einem neuen Erwachen des indonesischen Islam. Der Islam baut dabei auch auf seine zahlenmäßige Stärke; immerhin sind etwa 98% der Javanen (und 70-90% der Indonesier) formell Muslime. Das Soeharto-Regime öffnete sich ab den 90er-Jahren stark gegenüber den Fundamentalisten, so daß die Verkündigung des Evangeliums noch weiter erschwert wurde.

Der neue Präsident Abdurrahman Wahid (genannt „Gus Dur“) war zwar bis zu seiner Präsidentschaft Vorsitzender der mitgliederstärksten islamischen Organisation der Welt „Nahdatul Ulama” (NU – 30 Mill. Mitglieder), ist aber sehr tolerant. Daher hoffen viele indonesische Christen, daß sich unter Präsident Gus Dur und der Vizepräsidentin Megawati die Türen für das Evangelium wieder öffnen. Dennoch muß man vorsichtig sein mit allzu offensichtlichen Missionsmethoden; Straßeneinsätze, Hausbesuche oder Evangelisationsversammlungen speziell für Muslime sind gesetzlich unmöglich, aber auch für die indonesische Kultur nicht angemessen und daher nicht ratsam. Auch bei der Berichterstattung über den indonesischen Islam muß man sehr, sehr vorsichtig sein. Deshalb können wir auch in diesem veröffentlichten Artikel uns nicht so offen äußern wie in einem persönlichen Gespräch.

 

Kommen trotzdem Muslime zum Glauben an Jesus Christus?

Gottes Geist wirkt auf wunderbare Weise trotz aller Hindernisse. Durch Koranstudium, durch Träume, durch selbständiges Bibelstudium beginnen Muslime, an Jesus Christus zu glauben. So erzählte jemand Christian: „Im Koran habe ich gelesen, daß Jesus im Endgericht die Menschen richten wird (Sure An-Nisaa’ – 4:159). Da habe ich gedacht, ich stehe besser auf der Seite des Richters als auf der Seite der Gerichteten.“ Durch das persönliche Zeugnis von Christen in der Verwandtschaft, Nachbarschaft oder Bekanntschaft beginnen ebenfalls Menschen, Jesus Christus zu suchen.

Natürlich werden auch Muslime durch Heirat Christen (und umgekehrt). Dies kommt u.a. durch ein Gesetz, das gemischtreligiöse Trauungen erschwert, so daß einer der beiden Ehepartner zur Religion des anderen überwechseln muß. Dabei kommt alles darauf an, wer in seiner Religion besser gefestigt ist. Manche nehmen nur formell die Religion des Ehepartners an, bei manchen kommt es zu einer echten Bekehrung zu Jesus Christus, wie z.B. bei Pebris Mutter oder die Ehefrau unseres Freundes Heru Purwanta.

Krankenheilungen sind ebenfalls ein wichtiges Motif, an Christus zu glauben – seien es Krankenheilungen allein unter Gebet im Namen Christi oder aber durch den Dienst eines gläubigen Krankenpflegers. Natürlich spielt auch christliche Diakonie (vor allem christliche Schulen) eine wichtige Rolle. Doch muß man hier sehr achtgeben, daß nicht der Eindruck entsteht, Muslime seien mit Geschenken bestochen worden, Christen zu werden. Überhaupt muß bei allen Bekehrungen betont werden, daß der Betreffende aus eigenem Antrieb Christ geworden ist und nicht aufgrund christlicher Mission, sonst greift sofort das genannte Anti-Missionsgesetz.

Doch kann niemand Gottes Geist hindern. Dazu eine Anekdote von Präsident Gus Dur: Als Gus Dur noch Vorsitzender der „Nahdatul Ulama” war, klagte ihm einmal ein islamischer Geistlicher: „Ich habe vier Söhne. Von klein auf habe ich sie im Islam unterrichtet, aber einer von ihnen ist Christ geworden. Schon so oft habe ich Gott (indon./arab.: ‚Allah’) geklagt: ‚Was habe ich nur falsch gemacht?’ Aber Allah hat noch nicht auf mein Gebet geantwortet.“ Darauf Gus Dur: „Paß nur auf, daß dir Allah nicht antwortet: ‚Ich habe nur einen einzigen Sohn, und der ist Christ geworden!’ “. (abgedruckt in der indon. Zeitung Jawa Pos).

 

Gibt es bei der Vermittlung des Evangeliums biblische Wahrheiten, die die javanischen Kirchen besonders betonen müssen?

Die Javanen neigen sehr zur Religionsvermischung (‚Synkretismus’). In diesen Tagen wird in Java wie überall in der islamischen Welt der Idul Fitri gefeiert (8./9. Januar). Doch auf Java heißt der Idul Fitri „Riyaya“ (sprich: „Riyoyo“). Der „Riyaya“ kommt eigentlich aus dem altjavanischen Heidentum, an diesem Tag besuchen die Ahnengeister ihre Familien. Deshalb müssen alle Javanen am Idul Fitri / Riyaya in ihr Heimatdorf zurückkehren, um dort den Ahnengeistern zu begegnen – was jedes Jahr auf Java zu einem Verkehrschaos führt.

Ein weiteres Beispiel sind die „kenduri“-Feiern für Verstorbene. Eigentlich dienen die „kenduri“-Feiern im Hinduismus dazu, die Seelen der Verstorbenen ins Jenseits zu geleiten. Heute werden sie mit dem arabischen Wort „slametan“ bezeichnet und islamische Gebete gesprochen. Bei den ganz traditionellen javanischen Muslimen gehören aber auch Gebete an die „Danyang-Geister“ dazu.

Noch viele weitere Beispiele wäre zu nennen. Wer sich dafür näher interessiert, der lese Christians Beitrag „Synkretismus, Kontextualisierung und Zusammenleben der Religionen auf Java (Indonesien)“ in der Festschrift für Peter Beyerhaus Kein anderer Name.

Auch von manchen indonesischen Theologen kann man mitunter hören, daß alle Religionen letztlich zu dem einen Gott führen. Aber unsere Partnerkirche, die Christliche Kirche Nord-Zentraljava (GKJTU), betont immer wieder: “In keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden“, als allein der Name Jesu (Apg. 4:12). Weiter ist in der Seelsorge darauf zu achten, daß sich die javanischen Christen von allen Talismännern und abergläubischen Praktiken trennen. Viele, die nach 1965 Christen wurden, tun erst jetzt diesen entscheidenden Schritt der Trennung. Der kompromißlose Glaube allein an Jesus Christus ist also eine entscheidende Wahrheit, die auf Java betont werden muß.

 

Heißt das, das javanische Christen sich völlig von ihrem bisherigen Leben trennen müssen?

Noch vor fünfzig Jahren waren die Missionare und auch die javanischen Kirchen an dieser Stelle sehr streng. Die javanischen Christen mußten sich z.B. europäisch kleiden und durften kein javanisches Schattentheater („Wayang“) mehr ansehen. Heute kommt es mehr darauf an, die javanische Kultur im Lichte des Evangeliums zu erneuern und sich nicht von der Gesellschaft zu isolieren.

Pfarrer Sahirun Yahya (GKJTU) feiert in seiner Gemeinde Ngawen deshalb christliche „kenduri“-Feiern, die von allen okkulten Elementen befreit sind und vom Evangelium her einen neuen Inhalt bekommen. Wir selbst fahren am Idul Fitri / Riyaya selbstverständlich zu Pebris muslimischer Oma - auch wenn wir dort nicht die Ahnengeister treffen wollen. Die Gäste von der Evangelischen Kirchengemeinde Eisingen konnten am Reformationstag 1999 auch ein christliches Wayang-Schattentheater in Salatiga miterleben.

 

Was ist für Javanen sonst noch wichtig, wenn sie Christen werden?

Regelmäßiges Gebet und Lesen der Heiligen Schrift ist für überzeugte javanische Muslime wie für gläubige javanische Christen eine Selbstverständlichkeit. Aber die Christen erleben es als Befreiung, daß sie dies nicht mehr als Gesetz tun müssen – wenn auch von den Kanzeln noch manche Gesetzlichkeit zu hören ist. Jesu Macht über die bösen Geister ist ebenfalls eine wichtige Erfahrung für neubekehrte javanische Christen. Natürlich heißt das nicht, daß die Christen keine Angst mehr hätten vor den bösen Geistern – so wie man eben vor einem bissigen Hund Angst hat oder sich zumindest in Acht nimmt.

Die Geborgenheit in einer Gemeinde und einem Hauskreis ist für die Javanen ebenfalls sehr wichtig, entsprechend dem javanischen Sprichwort: „Egal ob man etwas zu essen hat oder nicht, das wichtigste ist die Gemeinschaft mit anderen Menschen.“

Doch für viele Gläubige in fanatischen Gebieten in Java und erst recht auf den anderen indonesischen Inseln (z.B. in Süd-Sumatra oder Süd-Sulawesi) beginnt gerade hier das Problem. Wenn sie sich taufen lassen und eine christliche Kirche besuchen, haben sie mit schlimmer Verfolgung zu rechnen. Diese Ablehnung durch die Gesellschaft ist für die neubekehrten Christen das schlimmste, war ihnen doch bisher die Geborgenheit in der Gemeinschaft überaus wichtig. Deshalb verzichten viele (vorerst) auf die Taufe, bleiben weiterhin als Muslime registriert, gehen vielleicht sogar noch in die Moschee, treffen sich aber heimlich mit Gleichgesinnten zum Bibellesen, Beten und Singen – sozusagen als christusgläubige Muslime.

 

Wie würden die indonesischen Kirche ihre Mission inmitten der mehrheitlich islamischen Gesellschaft formulieren?

Nach all’ den Ausschreitungen der letzten Jahre kommt es den indonesischen Kirchen sehr darauf an, nicht nur zu einem guten Miteinander, sondern zu einem Füreinander („Pro-Existenz“) mit den Muslimen zu kommen. Dazu hilft auch der Dialog zwischen den Religionen.

Weiter wollen die Kirchen ihre Mission nicht darauf verengen, Mitglieder für die christliche Religion zu werben. Gerade der „politische Frühling“ von 1998/99 bringt für die Christen große Chancen und Herausforderungen, am Aufbau des „Neuen Indonesien“ mitzuwirken. Bisher haben die Muslime besonders die gesellschaftliche Harmonie betont und mit diesem Argument christliche Mission unterbunden. Die Christen hingegen haben die Religionsfreiheit stets über die gesellschaftliche Harmonie gestellt. Seit dem „politischen Frühling“ von 1998/99 werden Menschenrechte, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die Rechte des Einzelnen neu gewürdigt. Damit sind einerseits die Rechte der christlichen Minderheit besser garantiert, andererseits haben die Christen neue Chancen, an der Erneuerung der gesamten indonesischen Gesellschaft mitzuwirken.

Deshalb sind „die Kirche und alle Gläubigen berufen, Zeugen zu sein und die Ankunft des Reiches Gottes zu verkündigen, indem sie treu ihren Dienst tun in Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Heil für alle Menschen“ (Erklärung des gemeinsamen Verständnisses des christlichen Glaubens in Indonesien, Abs. 17). Inwieweit dadurch Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden, ist allein Werk des Heiligen Geistes.

 

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