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Indonesien im Umbruch
Pastorenkonferenz in Java
(Missionsbote
aus Neukirchen No. 3, 1997)
Was steckt hinter den fortgesetzten Unruhen in Indonesien, über
die nicht nur hier im Missionsboten ständig berichtet wird? Wie ist
die immer spürbarere Islamisierung zu beurteilen? Wie werden die indonesischen
Parlamentswahlen am 29. Mai 1997 diese Entwicklungen beeinflussen bzw.
von diesen Entwicklungen beeinflußt? Welchen Weg sollen die Kirchen
in dieser Lage einschlagen? Diese Fragen stellen sich sowohl die Leser
des Missionsboten wie auch die Pastoren der Christlichen Kirche Nord-Mitteljava
(Gereja Kristen Jawa Tengah Utara - GKJTU). Deshalb trafen sich die Pastoren,
Vikare und Theologiestudenten der GKJTU vom 19.-21. März 1997, um
sich gerade über diese Fragen kundig zu machen. Als Referenten hatte
die GKJTU zwei der bedeutendsten Theologen Indonesiens eingeladen, Prof.Dr.
Eka Dharmaputra und Dr. Benny Abednego.
1. Die Herausforderungen in der indonesischen Gesellschaft
Zum einen machten sich die Teilnehmer der Pastorenkonferenz über die
großen Zusammenhänge in der indonesischen Gesellschaft wie auch
in der Weltpolitik Gedanken. Dabei kamen sie zu folgenden Ergebnissen:
1.1 Der weltweite Gesamtzusammenhang
Weltweit erleben wir heute recht widersprüchliche Entwicklungen: Einerseits
rückt die Menschheit durch die rasanten Entwicklungen der Nachrichtentechnik
immer näher zusammen, die Welt wird zu einem einzigen Dorf ("global
village"). Betrachtet man andererseits die vielfältigen Konflikte
der letzten Jahre, so scheint die Menschheit in die Steinzeit zurückzufallen.
Dabei scheinen die früheren ideologischen Auseinandersetzungen zwischen
Marxismus und Kapitalismus fast vergessen, stattdessen spielen rassische
und religiöse Gründe eine immer größere Rolle in den
Auseinandersetzungen (so z.B. in Bosnien, in Sri Lanka und bei den ausländerfeindlichen
Gewalttätigkeiten in Europa).
Sowohl die technischen Errungenschaften als auch die ideologischen
Antworten befriedigen die Menschen nicht mehr, so kehrt man zurück
zur Religion. Dies ist besonders im Islam zu beobachten, der in den letzten
Jahrzehnten eine "Erweckung" erlebt; diese islamische "Erweckungsbewegung"
erinnnert in vielem an die großen Erweckungsbewegungen Europas im
19. Jahrhundert - wenn auch von einem ganz anderen Geist getrieben. Gleichzeitig
erleben die christlichen Kirchen vor allem im Westen eine Phase des Niedergangs
und der Selbstkritik.
Selbst in den traditionellen Kirchen Indonesiens sind erste Anzeichen
davon zu erkennen: Z.B. waren die Kirchen früher führend mit
ihren Schulen und Krankenhäuser, doch mußten diese inzwischen
an die Regierung übergeben werden, weil die Kirchen nicht im Stande
waren, sie weiter zu führen. Zwar kommt es auch in den christlichen
Kirchen noch zu kleineren Erweckungen evangelikaler und charismatischer
Prägung, doch haben diese kaum Bedeutung für die Gesellschaft.
Und auch die islamische "Erweckung" führt zwar zu großem religiösen
Eifer, vor dem auch die Christen großen Respekt haben. Teilweise
führt dieser Eifer der Muslime aber nicht zu ethischen Konsequenzen,
vor allem nicht zu einem harmonischeren Zusammenleben mit den mit den anderen
Religionsgemeinschaften in Indonesien (Hindus, Buddhisten und Christen).
1.2 Die indonesische Gesellschaft heute
So sind diese weltweiten Einflüsse auch in Indonesien immer stärker
spürbar. Die indonesische Wirtschaft öffnet sich immer weiter
für ausländische Produkte, auch wenn Indonesien für den
internationalen Wettbewerb eigentlich noch nicht bereit ist. Der gewaltige
wirtschaftliche Aufschwung nützt aber nur einigen wenigen Superreichen,
die Mittelschicht ist dünn, die großen Mehrheit lebt weiterhin
in großer Armut. Dies führt zu vielfältigen Spannungen:
zwischen Reich und Arm, zwischen dem hochentwickelten Java und den anderen
Inseln, zwischen den modernen Städten und den unterentwickelten Dörfern.
Auch die Spannungen zwischen Christen und Muslimen verschärfen
sich. Die Muslime haben den Eindruck, sie seien in der Vergangenheit zu
kurz gekommen. Durch die vielfältigen Stipendien der Regierung haben
nun sehr viel mehr Muslime ein qualifiziertes Studium absolvert, z.T. auch
im Ausland. Auch die Christen erkennen diese Fortschritte der Muslime an.
Daher ist es nur verständlich, wenn die Muslime nun auch entsprechende
Stellungen in der Gesellschaft einnehmen wollen, proportional zu ihrer
neuen Rolle. Für die Christen heißt "proportional", daß
die Stellen entsprechend dem Einstellungstest vergeben werden. Wenn die
Muslime inzwischen eine bessere Ausbildung haben, werden sie dann automatisch
auch höhere und einflußreichere Stellungen bekommen. Für
manche Muslime heißt "proportional" aber ganz einfach, alle wichtigen
gesellschaftlichen Stellungen müßten zu mindestens 90% mit Muslimen
besetzt werden, entsprechend dem Bevölkerungsanteil laut offizieller
Statistik der Regierung.
Gerade die islamische Intellektuellen-Bewegung ICMI spielt hier eine
herausragende Rolle unter der Führung des Technologie-Ministers Habibie,
der selbst in Deutschland studiert hat und auch oft im deutschen Fernsehen
auftritt. Leider muß man jedoch auch umgekehrt sagen, daß der
Bildungsstand der Christen zurückgeht, u.a. weil es immer schwieriger
wird, Stipendien von den europäischen Partnerkirchen zu bekommen.
In diesen vielfältigen Spannungen hat sich die "Neue Ordnung"
zu bewähren, die nach dem kommunistischen Putschversuch 1965 eingeführt
wurde. Doch ist diese "Neue Ordnung" unter der Führung von Präsident
Soeharto und der Regierungspartei Golkar nach über 30 Jahren alt geworden.
Gerade durch die gewaltigen Fortschritte der letzten 30 Jahre ist nun eine
Generation von Intellektuellen herangewachsen, die sich nicht länger
bevormunden läßt, sondern freie Rede und freies Denken fordert.
Die nächsten Jahre müssen zeigen, ob das Regime bereit ist, sich
zu reformieren, oder ihren bisherigen Kurs weiterhin für richtig hält
.
1.3 Was kommt nach den Wahlen?
Ein wichtiges Ereignis sind dabei natürlich die bevorstehenden Parlamentswahlen,
bei denen auch der Präsident neu gewählt bzw. wiedergewählt
wird.
1.3.1 Die Wahlen am 29. Mai 1997
Der Ausgang der Wahlen am 29. Mai steht eigentlich jetzt schon fest: Die
Regierungspartei Golkar wird sicherlich 70% oder mehr erreichen. Dazu hat
auch beigetragen, daß es gelungen ist, die populäre Oppositionsführerin
Megawati auszuschalten und von ihrem Amt als Vorsitzende der Oppositionspartei
"Partai Demokratis Indonesia" (PDI) abzusetzen. Dieser "Führungswechsel"
führte schließlich zu den schweren Unruhen am 27. Juli 1996,
über die auch in den deutschen Nachrichten berichtet wurde. Allerdings
wäre es traurig für alle Parteien (auch für die Regierungspartei
Golkar) und ein schlechtes Zeichen für die indonesische Pancasila-Demokratie,
wenn diese Vorfälle keinerlei Auswirkungen auf die Wahlen hätten.
Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang das Ergebnis einer Umfrage, wonach
in einer indonesischen Großstadt über 90% der Studenten ungültig
stimmen oder gar nicht zur Wahl gehen werden, in einer anderen Großstadt
immerhin 60%.
Man muß sich in diesem Zusammenhang auch vor Augen halten, daß
die Regierungspartei Golkar inzwischen islamischer ist als die Islampartei
PPP, wie dies der Vorsitzende von Golkar, Harmoko, selbst immer wieder
stolz geäußert hat. Unter den Parlamentskandidaten für
die fünf Provinzen Javas sind z.B. erstmals in der Geschichte der
Republik Indonesien nur zwei Christen. Dies erklärt, warum die Muslime
die Regierung immer mehr unterstützen. Wie aber das neue Kabinett
nach den Wahlen tatsächlich aussehen wird und wie dies die indonesische
Politik beeinflussen wird, kann natürlich letztlich zu diesem Zeitpunkt
noch niemand sagen.
1.3.2 Die Ausschreitungen der letzten Zeit
In den letzten vier Jahren sind in Indonesien schätzungsweise 380
Kirchen zerstört worden. Doch richten sich die Ausschreitungen der
letzten Monate nicht nur speziell gegen christliche Kirchen, sondern auch
Häuser, Geschäfte und Fabriken von Nicht-Muslimen (vor allem
Chinesen) werden zerstört. Sicherlich kann man diese Ereignisse nicht
einlinig erklären, sondern muß eine Vielzahl von Faktoren einbeziehen:
a) Aufgrund der zunehmenden sozialen Spannungen und der steigenden
Unzufriedenheit über die Arroganz der Machthaber ist die Bevölkerung
wie trockenes Stroh, das sich leicht entzünden läßt. Hinzu
kommt das Gefühl, letztlich nichts ändern zu können, das
die Bevölkerung immer wieder Amok laufen läßt.
b) Bestimmte Kräfte steuern diese Aggressionen, um so die
Christen zu terrorisieren. Man hofft, daß die Christen in einer Atmosphäre
der Angst und Hysterie sich leichter mit den Verhältnissen abfinden
werden und schon zufrieden sind, wenn sie wenigstens nicht um ihr Leben
fürchten müssen. Zugleich läßt sich in dieser Atmosphäre
gut demonstrieren, daß Indonesien weiter einen "starken Mann" bzw.
eine "starke Führung" brauche.
c) Weiter haben sich Christen und Muslime in den letzten Jahren
immer stärker gegeneinander abgeschottet und schüren Aggressionen
und Mißtrauen gegeneinander: Die Muslime fürchten eine Christianisierung
vor allem auf Java, die Christen reden viel von der Islamisierung in den
christlichen Gebieten Ost-Indonesiens. Deshalb haben z.B. führende
islamische Geistliche angeordnet, die Muslime dürften den Christen
nicht mehr "frohe Weihnachten" wünschen und auch umgekehrt keine Glückwünsche
der Christen zum Idulfitri entgegennehmen.
d) Die Regierung selbst unterteilt die Bevölkerung in manchen
Angelegenheiten immer deutlicher in Muslime und Nicht-Muslime; so gelten
z.B. manche Heiratsgesetze nur für die Muslime, außerdem haben
die Muslime eine eigene Gerichtsbarkeit. So ist die indonesische Gesellschaft
nun in Muslime und Nicht-Muslime gespalten, und die Spannungen zwischen
beiden Gruppen wachsen ständig.
2. Neue Wege für die christlichen Kirchen
In dieser Situation setzt Eka Dharmaputra große Hoffnung auf den
kommenden freien Markt und die Möglichkeiten, sich durch entsprechende
Qualifikation zu behaupten. In der freien Marktwirtschaft zählen nach
seiner Meinung weniger religiöse oder politische Schachzüge als
vielmehr Professionalität und Klugheit. Die Kirchen sollten deshalb
nicht länger versuchen, durch Ministerposten politischen Einfluß
zu gewinnen, sondern ihre Kräfte vielmehr auf den Bereich der Wirtschaft,
der Bildung und der Professionalität konzentrieren. Gerade in diesen
Bereichen zählten religiöse Unterschiede weniger als in der gegenwärtigen
indonesischen Politik. Natürlich müssen die Christen dabei enger
zusammenarbeiten und trotz verschiedener Strategien ein gemeinsames Ziel
verfolgen. Darüber hinaus sollten die Christen aber auch die Einheit
des indonesischen Volkes über religiöse und völkische Grenzen
hinweg fördern. Gerade wo Christen in gutem Einvernehmen zu ihren
nicht-christlichen Nachbarn standen, hatten sie auch in den zurückliegenden
Ausschreitungen wenig zu fürchten. Eine defensive oder sich abschottende
Haltung hingegen könne den Christen nur schaden. So müßten
die Christen Anliegen der Christen zu gemeinsamen Anliegen des ganzen Volkes
machen und umgekehrt Anliegen des Volkes zu den ihren machen. In dieser
Form von "Nationalismus" sieht Eka Dharmaputra den entscheidenden Ausweg
aus der gegenwärtigen Krise.
3. Die Herausforderungen in den javanischen Gemeinden
Die Vorträge und Gruppenarbeiten von Dr. Abednego gingen dann mehr
auf die Situation in den javanischen Gemeinden ein. Zunächst wurde
in Gruppen diskutiert, wie die großen gesellschaftlichen Entwicklungen
die Gemeinden ganz konkret beeinflussen, wie einzelne Gemeindeglieder verängstigt
sind, andere umso mutiger werden, wie einzelne Gemeinden angesichts der
Bedrohung zu einer größeren Einheit finden, andere sich aber
weiterhin ihren kleinen Streitereien hingeben. Dabei wurden zugleich auch
die Eigenheiten der javanischen Kultur deutlich. Als besondere Herausforderungen
für die javanischen Gemeinden trugen die Teilnehmer folgende Punkte
zusammmen:
1. Einerseits ist die javanische Kultur sehr schamorientiert,
aber gerade in jüngerer Zeit zeigt sich ein Verfall der traditionellen
Werte
2. Vetternwirtschaft und Patriarchalismus prägt leider auch
die Führung vieler javanischer Gemeinden
3. Dabei gebärden sich die Gemeindeleiter oft arrogant und
erwarten selbstverständlich völlig Ergebenheit von den Gemeindegliedern
4. Um offene Konflikte zu vermeiden, neigt man zu Heuchelei.
Vor allem gegenüber Höhergestellten wagt man keine Kritik.
5. Die zwischenmenschlichen Beziehungen sind sehr formell
6. Groll trägt man lange mit sich herum und tut sich schwer
zu vergeben
7. Synkretismus
Im Grunde lassen sich diese Elemente sowohl im Alltag der javanischen
Gemeinden wie auch in den großen gesellschaftlichen Entwicklungen
aufzeigen. Selbstverständlich begegnen alle diese Elemente auch in
anderen Kulturen, aber spielen doch nicht dieselbe Rolle wie in der javanischen
Kultur, die in dieser Beziehung die gesamte indonesische Kultur entscheidend
mitbeeinflußt.
Dr. Abednego zeigte dann in seinem Abschlußreferat, daß
auch die Gottesbeziehung vieler Javanen sehr formell ist. Man begegnet
Gott wie einem javanischen Despoten. Hier haben die Christen zu verkündigen,
daß in Jesus Christus Gott uns seine "Freunde" nennt (Joh. 15:13-15).
Wenn so die Beziehung zu Gott erneuert wird, wird sich auch das Verhältnis
zu den Mitmenschen verändern.
4. Zum Schluß
Abschließend betonte Prof. Eka Dharmaputra, daß die ländlichen
Gemeindeglieder der GKJTU bereit sein müßten, sich in die moderne
Wettbewerbsgesellschaft einzufinden. Die Chinesen in der Kirche GKI, aus
der Eka Dharmaputra selbst stammt, seien als Händler längst an
den Wettbewerb gewöhnt. Aber die Bauern und Landarbeiter aus der GKJTU
müssen eine neue Mentalität entwickeln, um im Wettbewerb der
gesellschaftlichen Gruppen mithalten zu können.
Aber auch die Missionsfreunde in Deutschland sind aufgerufen, den javanischen
Christen dabei den Rücken zu stärken. Wenn z.B. die Kirchen und
Missionswerke den javanischen Christen neue Möglichkeiten eines Auslandsstudiums
eröffnen, könnten die Christen damit wieder neu Professionalität
und einen entsprechenden gesellschaftlichen Einfluß gewinnen. Natürlich
erfordert so ein Auslandsstudium auch eine gute geistliche Begleitung,
damit die Christen aus der GKJTU während ihres Auslandsaufenthaltes
auch im Glauben gestärkt werden und nach ihrem Abschluß bereit
sind, in ihr Heimatland zurückzukehren. So können auch wir das
missionarische Zeugnis der GKJTU unterstützen.
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