Hauptseite - Wer ist ...? - Veröffentlichungen - Photos - Projekte - Akt. Nachrichten - Gästebuch - Presse
Was ist los
auf den Molukken?
Versuch
einer Interpretation
Von:
Pebri & Pfr.Dr. Christian Gossweiler, Salatiga
(idea Nr. 6/2000, 13.1.2000)
Zunächst muß vorausgeschickt werden, daß die Schreiber dieses Artikels in Zentraljava leben, über 1000km von den Molukken entfernt. Daher ist der hier vorgelegte Interpretation kein Kommentar von Augenzeugen, sondern aufgrund von Äußerungen indonesischer Christen und indonesischen Zeitungsmeldungen erstellt – die Dank der „reformasi“ seit dem Rücktritt Suhartos (fast) unzensiert erscheinen dürfen.
Indonesien ist,
wie vielfach erwähnt, der Staat mit der zahlenmäßig größten islamischen
Bevölkerungsgruppe der Welt. Ca. 70-80% (nach offiziellen Angaben 90%) der
210 Millionen Indonesier sind Muslime. Doch sind die
Religionsgemeinschaften in Indonesien sehr unterschiedlich verteilt: Auf der
Hauptinsel Java sind ca. 98% der über 100 Millionen Javanen (und
Sundanesen) Muslime. Auf den Molukken hingegen sind die Ambonesen im Süden
mehrheitlich christlich, im Norden der Molukken (bei Halmahera) liegen die
streng islamischen Sultanate Ternate und Tidore. Dieses enge Zusammenleben von
Christen, Muslimen und anderen Religionsgemeinschaft hat in der Vergangenheit
sehr gut funktioniert; in Staat und Gesellschaft entstanden hervorragende
Modelle des Zusammenlebens, die schließlich vom Staatsgründer Sukarno in der
indonesischen Staatsphilosophie Pancasila Bhinneka uud zusammengefaßt wurden.
Weshalb kommt es auf den Molukken seit Juli 1999 (und anderen indonesischen
Inseln) auf einmal zu Auseinandersetzungen, die kaum abzureißen scheinen? Auch
viele Indonesier stellen sich diese Frage. Hier die Versuche einiger Antworten:
·
Das
Suharto-Regime hat in seinen letzten Jahren bewußt die Unterschiede und
Spannungen unter den verschiedenen gesellschaftlichen und religiösen Gruppen
verschärft, um damit von den eigentlichen Problemen abzulenken.
·
Nach dem
Sturz des Suharto-Regimes erlebt die indonesische Gesellschaft eine tiefe
Identitätskrise, in der sie für Konflikte jedweder Art sehr anfällig ist.
Kleinste Meinungsverschiedenheiten können zum Auslöser von Gewalttätigkeiten
werden.
·
In den
letzten Jahrzehnten haben sich viele (islamische) Buginesen und Butonesen aus
Sulawesi auf den Molukken angesiedelt; die Ambonesen und andere christliche
Volksgruppen auf den Molukken fühlten sich aus vielen gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Positionen verdrängt. Ausländerfeindlichkeit und
Überfremdungsängste, wie sie auch in Deutschland zu beobachten sind, kann in
dem Vielvölkerstaat Indonesien schon unter den verschiedenen indonesischen
Volksgruppen entstehen. So vermischen sich ethnische mit religiöse Motiven.
·
Als eine
kleine fundamentalistische Minderheit in ganz Indonesien Kirchen angezündet
hat, blieb der kleinen christlichen Minderheit auf Java nichts anderes übrig,
als „die andere Wange hinzuhalten“. Auch auf den Molukken können einige
Christen sich noch in Geduld üben. Andere sagen: „Wir haben jetzt schon alle
verfügbaren Wangen hingehalten, wir haben keine Wangen zum hinhalten mehr!“
·
Von den
Fundamentalisten wird der Konflikt einseitig dargestellt, als seien nur Muslime
die Opfer (wie umgekehrt einige christliche Medien nur über christliche Opfer
berichten). So entsteht der Mythos, als würden die Muslime auf den Molukken
systematisch verfolgt; Verfolgungen in anderen Gebieten Indonesiens würden bald
folgen. U.a. um diesen „Muslim-Verfolgungen“ vorzubeugen, rufen die Muslime zum
„Jihad“ („Heiliger Kampf“) auf – die gemäßigten Muslime haben damit der Gewalt
(von allen Parteien) den Kampf angesagt, die Fundamentalisten wollen selbst
gewalttätig gegen die Christen vorgehen.
·
In einer
Pressekonferenz vom 10.1.2000 meinten Vertreter des Indonesischen Kirchenrates
(PGI), es gebe Kräfte in Indonesien, denen der Demokratisierungsprozeß der
letzten Monate ein Dorn im Auge ist. Noch offener äußerte sich der Soziologe
Dr. Thamrin Amal Tomagola in einem Vortrag in der
Al-Azhar-Moschee in Jakarta am 5.1.2000: “Eigentlich ist dies kein religiöser,
sondern ein politischer Konflikt. Für diesen Konflikt sind vor allem der
frühere Präsident Suharto, das Militär und die frühere Regierungspartei Golkar
verantwortlich. Kurz nachdem z.B. General Wiranto von der Menschenrechtskommission wegen der Ausschreitungen
auf Osttimor verhört wurde, kam es zu neuen Ausschreitungen auf den Molukken.
Damit will man bewußt das Augenmerk der Öffentlichkeit von den Vorwürfen gegen
das Militär zu den Molukken ablenken.“ Ähnlich äußerten sich auch molukkische
Demonstranten bei einer Demonstration am 30.12. in Jakarta.
·
Die
Vizepräsidentin Megawati wurde besonders mit der Beilegung des Konfliktes auf
den Molukken betraut, hatte aber dabei bisher nur wenig Erfolg. Da vielen
Fundamentalisten die (Vize-)präsidentschaft von „Mbak Mega“ von Anfang an ein
Dorn im Auge war, ist dieser Konflikt ein willkommener Anlaß, sie zum Rücktritt
zu drängen.
Dies sind wie
gesagt nur einige vorsichtige Erklärungsversuche. Letztlich können wir nur
beten, daß die Auseinandersetzungen auf den Molukken bald beigelegt werden und
Indonesien weiter schreiten kann auf dem Weg der „reformasi“ hin zu einem
„Neuen Indonesien“ in einem (endlich) demokratischen Rechtsstaat und einer
pluralistischen, gerechteren Gesellschaft.
Pfr.Dr. Christian Gossweiler aus Eisingen (Baden) und Ehefrau Kristanti Pebri Nugrahani G. aus Bojonegoro (Ostjava) sind von der Evangelischen Kirchengemeinde Eisingen (Evang. Landeskirche in Baden) über die Neukirchener Mission ausgesandt zum Dienst in der Evangelischen Kirche Nord-Zentraljava (GKJTU) und an der Theol. Hochschule Abdiel. Dort arbeiten sie seit 1995. Seit 1987 war Christian G. zu Kurzzeiteinsätzen auf Kalimantan und hat 1993 bei Prof. Peter Beyerhaus promoviert über das Verhältnis von Kirchen und Missionsgesellschaften. Monatlich versendet Fam. Goßweiler „Aktuelle Nachrichten aus Java“ über e-mail; Bestellungen an Gossweilers@cheerful.com.
Hauptseite - Wer ist ...? - Veröffentlichungen - Photos - Projekte - Akt. Nachrichten - Gästebuch - Presse