1. Viele kennen Euere Berichte, aber wissen wenig über Euch
selbst. Wie seid Ihr Christ geworden?
Christian fand 1975 zum lebendigen Glauben durch den Konfirmandenunterricht
bei Pfr. Otto W. Hahn in der Evang. Kirchengemeinde Eisingen. Besonders
angesprochen wurde Christian dabei durch eine Predigt über Luk. 12:49-53
("Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich
lieber, als daß es schon brennte! …") und das Konfirmandenmotto "Wer
zur Quelle will, muß gegen den Strom schwimmen". Pebris Familie war
schon lange in der GKJTU-Gemeinde Bojonegoro engagiert, Pebris Vater war
bis 1998 Presbyter. Bei einer Evangelisation 1992 erlebte Pebri noch einmal
einen entscheidenden geistlichen Durchbruch.
2. Seit wann seid Ihr in Indonesien und welche Aufgaben habt Ihr
bis heute wahrgenommen?
Pebri wurde 1974 in Indonesien geboren, Christian war seit 1984 zu
verschiedenen Kurzzeiteinsätzen in Indonesien. Nachdem Pebri zwei
Jahre in Deutschland war, sind wir im Oktober 1995 zu einem langfristigen
Einsatz nach Indonesien zurückgekehrt.
Christians Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung wurde über die
Theol. Hochschule Abdiel beantragt, wo Christian bisher die Fächer
Einführung in die Theologie, Neues Testament, Griechisch, Hermeneutik
(Methoden der Bibelauslegung), Systematische Theologie, Homiletik (Predigtlehre)
& Liturgik sowie Christliche Kunst unterrichtet (hat). Daneben betreuen
wir einzelne Studenten bei ihrer Diplomarbeit. Besonders ist Christian
beauftragt, einen Aufbaustudiengang zum "Magister der Theologie" vorzubereiten.
1996-1998 hat Pebri an der Theol. Hochschule Abdiel studiert und hat bis
heute gute persönliche Kontakte zu einzelnen Studenten und Dozenten.
In der Christlichen Kirche Nord-Zentraljava (Gereja Kristen Jawa Tengah
Utara - GKJTU) sind wir besonders in der Schulungsarbeit des Ausbildungsinstitutes
‘Sabda Mulya’ eingesetzt. Zu den Aufgaben des Ausbildungsinstitutes ‘Sabda
Mulya’ gehören Kurse für die Laienprediger, Betreuung von Theologiestudenten,
Aufbau der Bibliothek, Gemeindeschulung usw. Daneben werden wir immer wieder
zu Verkündigungsdiensten eingeladen, geben Sprachkurse, übersetzen
und erstellen Berichte für die verschiedenen europäischen Partner
der GKJTU. Pebri hat dabei vor allem die indonesischen und javanischen
(und z.T. auch die deutschen) Manuskripte von Christian zu korrigieren
und kann manchen Schriftverkehr übernehmen. Deutsch-Indonesische Übersetzungen
erstellt meistens Pebri. Seit neuestem ist Pebri Redaktionssekretärin
der Frauenzeitschrift der GKJTU. Daneben hat Pebri natürlich viele
Aufgaben als Mutter und Hausfrau.
3. Es gibt Nachrichten über einen großen charismatischen
Einfluß in Indonesiens Kirchen. Wie sieht das bei Euch aus?
In der Tat sind die charismatisch-pfingstlerischen Kirchen und Gruppen
in Indonesien sehr aktif. Z.T. betreiben sie "echte Mission", z.T. werben
sie nur Mitglieder aus den traditionellen Kirchen ab. So dürften auf
Java nach unserer Schätzung die Pfingstkirchen inzwischen fast genauso
viele Mitglieder haben wir die evangelischen und katholischen Kirchen.
In vielen Dörfern gibt es nur eine Pfingstgemeinde, aber keine evangelische
Kirche. Die evangelikale Bewegung in Indonesien wird fast völlig von
den Charismatikern dominiert, so daß in Indonesien inzwischen "evangelikal"
und "charismatisch" gleichbedeutend (synonym) sind.
Die Leitung der GKJTU (wie die meisten evangelischen Kirchen in Indonesien)
steht der charismatischen Bewegung insgesamt sehr kritisch gegenüber,
wenn auch einzelne Gemeinden offener sind. Immer wieder versuchen die Pfingstkirchen,
Mitglieder oder ganze Gemeinden der GKJTU abzuwerben, z.T. mit Erfolg.
Vor allem in den Städten kommen die jungen Gemeindeglieder mit charismatischen
Gruppen in Kontakt und versuchen, diese Einflüsse dann in ihre Heimatdörfer
zu tragen.
Die Theol. Hochschule Abdiel kommt selbst aus einem pfingstlerischen
Hintergrund; sie steht dieser Tradition inzwischen allerdings sehr kritisch
gegenüber. Die "Kirche von Jesus, dem Messias" (Gereja Isa Almasih
- GIA), der die Theol. Hochschule Abdiel gehört, ist ebenfalls mehr
oder weniger charismatisch-pfingstlerisch. Die große Mehrheit der
Studenten kommt aus der GIA und aus Pfingstkirchen. Bei vielen indonesischen
Kirchen gilt ‘Abdiel’ noch immer als pfingstlerisch. Aber inzwischen studieren
auch viele Studenten aus der GKJTU sowie aus zwei mennonitischen Kirchen
an der Theol. Hochschule Abdiel.
4. Würdet Ihr Euch selbst als Charismatiker oder Pfingstler
bezeichnen?
Wir kommen beide aus pietistischen, nicht-charismatischen Gemeinden,
die fest in der evangelischen Kirche verwurzelt sind. Bis heute würden
wir uns am ehesten als "reformatorische Pietisten" bezeichnen. Deshalb
haben wir auch unserer Tochter den Namen "Pia Desideria" gegeben, nach
Philipp Jacob Speners Programmschrift des Pietismus: "Pia Desideria oder
Hertzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der wahren Evangelischen
Kirchen …" Darin legt Ph.J. Spener das Programm des Pietismus dar: biblisch-nüchterne,
praktische Frömmigkeit (lat. "praxis pietatis") und Stärkung
des persönlichen Glaubens. Nach javanischem Namenssystem heißen
wir daher jetzt "Papa und Mama (von) Pia Desideria". Dieser Ansatz von
Pietismus und Erweckungsbewegung unterscheidet sich natürlich in vieler
Hinsicht von der charismatischen Bewegung (wenn sich auch hier und da Berührungspunkte
ergeben).
Wenn wir jedoch an der Theol. Hochschule Abdiel unterrichten oder gar
gelegentlich zu Predigtdiensten in Pfingstkirchen eingeladen werden, können
wir die Pfingstbewegung und charismatische Bewegung natürlich nicht
einfach in Bausch und Bogen verdammen. Wir müssen vielmehr in Weisheit
die Wahrheit des Evangeliums lehren und verkündigen.
5. Wir hören in Deutschland von internationalen Kirchenzusammenschlüssen,
an denen sich auch eure Kirche beteiligen will. Um was geht es?
Die Vereinigte Evangelische Mission (VEM) hat sich in den letzten Jahren
(seit 1973) von einem deutschen kirchlichen Missionswerk in eine internationale
Missionsgemeinschaft umstrukturiert, vergleichbar der internationalen Überseeischen
Missionsgemeinschaft (ÜMG/OMF) oder der neuerdings internationalisierten
Liebenzeller Mission. Im Unterschied zur ÜMG/OMF oder der Liebenzeller
Mission wird die VEM jedoch nicht von Einzelpersonen, einzelnen Gemeinden
oder Gemeinschaften getragen, sondern die VEM wird von Kirchen unterstützt.
So werden nun die bisherigen überseeischen Partnerkirchen der VEM
zu Mitgliedskirchen oder zu "Heimatzentren" in der internationalen Missionsgemeinschaft
"United Evangelical Mission" bzw. "Vereinigte Evangelische Mission" (UEM/VEM).
Bis vor kurzem trug dieses Programm den Namen "United in Mission" / "Vereint
zur Mission". Diese Mitgliedskirchen oder "Heimatzentren" in Afrika und
Asien senden selbst Missionare über die UEM/VEM aus und sind auch
in der Leitung der UEM/VEM vertreten.
Die GKJTU hat sich ebenfalls um die Mitgliedschaft in dieser internationalen
Missionsgemeinschaft UEM/VEM beworben. Schon bisher pflegt die GKJTU eine
Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Moers und ist dadurch auch mit der VEM
und der Evang. Kirche im Rheinland in Verbindung gekommen. Darüber
hinaus steht die GKJTU auch in Partnerschaften mit der Salatiga Mission
und dem Gereformeerde Zendingsbond (GZB) in den Niederlanden und natürlich
mit der Neukirchener Mission. In Indonesien ist die GKJTU Mitglied im Nationalen
Kirchenrat / "Gemeinschaft Indonesischer Kirchen" (PGI) und im "Rat der
Javanischen Kirchen" (BMGJ).
6. Wie beurteilt Ihr diese Bewegung und welche persönliche Aufgabe
seht Ihr in diesem Zusammenhang?
Grundsätzlich halten wir es für gut, wenn die früheren
Arbeitsgebiete / "Missionsfelder" zu Partnerkirchen und schließlich
zu gleichberechtigten Mitgliedskirchen in einem internationalen Missionswerk
werden. Auch für die Neukirchener Mission würden wir uns eine
ähnliche Internationalisierung wünschen, vielleicht nach dem
Vorbild der Liebenzeller Mission oder der ÜMG/OMF. Bedenken haben
wir jedoch, wenn bei solchen internationalen Missionswerken schließlich
internationale, kostspielige Konferenzen und Sitzung im Vordergrund stehen,
wenn sie von einzelnen Mitgliedskirchen eher als ein ökumenisches
Forum verstanden werden. Hauptziel eines solchen Missionswerkes kann immer
nur sein "das Evangelium zu predigen, wo Christi Name noch nicht bekannt"
wird (Röm. 15:20). Ausführlich hat Christian die Internationalisierung
der VEM in seiner Doktorarbeit "Unterwegs zur Integration von Kirche und
Mission", S. 289-305, dargestellt und kommentiert.
Die GKJTU wird innerhalb der VEM/UEM (und auch in den anderen genannten
Zusammenschlüssen) sicherlich zu den eher konservativ-pietistischen
Kirchen gehören. Durch den Kontakt mit anderen Kirchen hat sie sich
nun mit neuen Fragen und Herausforderungen auseinanderzusetzten, z.B. mit
dem Papier der Rheinischen Landessynode zu den Fragen Segnung Homosexueller,
Ehe ohne Trauschein usw. (Titel: "Sexualität und Lebensformen sowie
Trauung und Segnung"). Doch können wir die GKJTU gegen solche Anfragen
nicht abschotten. Vielmehr wollen wir persönlich der GKJTU helfen,
ihr reformatorisch-erweckliches Erbe weiterzupflegen, es gemäß
dem indonesischen Lebenszusammenhang ("Kontext") weiterzuentwickeln und
positiv in die Diskussionen in der VEM/UEM (und in den anderen Zusammenschlüssen)
einzubringen. Weiter wollen wir die GKJTU ermutigen, eines Tages selbst
Missionare nach Afrika oder Lateinamerika auszusenden, sei es über
die Neukirchener Mission, über den GZB oder über die VEM/UEM.
7. Christian, Du bist mit einer indonesischen Frau verheiratet. Es
gibt bei uns manche Bedenken im Blick auf Ehen zwischen Partnern verschiedener
Nationalität und Kultur. Wie geht es Euch beiden? Gibt es Herausforderungen
für Euch, die wir nicht haben?
Die Ehe eines Missionars / Missionarin mit einer/einem Einheimischen
nimmt innerhalb der gemischtkulturellen Ehen sicher eine Sonderstellung
ein. Solche Ehen haben in der Missionsgeschichte schon viele segensfreie
Früchte getragen, wie z.B. im Falle des Pioniers der Ostjava-Mission
Johannes Emde. So kann auch Pebri und ihre Familie Christian große
Hilfe leisten durch manche Verhaltenshinweise, Vermittlerdienste, Korrekturen
von Manuskripten zu nächtlicher Stunde, ein weitgestreutes Verwandtschaftsnetz
und andere Kontakte etc. Christian könnte sich einen Dienst in Java
ohne javanische Ehefrau kaum mehr vorstellen.
Natürlich gibt es auch mitunter Konflikte und Verstehensschwierigkeiten.
Aber in irgend einer von den drei Sprachen Deutsch, Indonesisch und Javanisch
finden wir dann schließlich doch das richtige Wort. Unser gemeinsamer
Glaube und unsere ähnliche geistliche Prägung hilft natürlich
auch sehr viel. Größere Herausforderungen kommen jedoch von
außen: Neben vielen schönen Erfahrungen mußte Pebri in
Deutschland auch manchen Kulturschock verkraften, wo sie sich als Indonesierin
(berechtigt oder vemeintlich) erniedrigt, nicht für voll genommen
oder zumindest unverstanden fühlte. Auch in Indonesien wird Pebri
manchmal schräg angesehen, wenn sie mit einem ausländischen Mann
zusammen ist - vor allem wenn nicht ganz eindeutig ist, daß wir verheiratet
sind. Hier hilft nun Pia Desideria viel zur Klärung der Verhältnisse.
Aber die größte Herausforderung kommt erst noch auf uns
zu: wir müssen Pia Desideria helfen, ihre gemischtkulturelle Existenz
zu verarbeiten. Von den meisten Indonesiern wird sie heiß geliebt,
aber gelegentlich wird sie auch "Dhik Låndå" - "Holländermädchen"
gerufen (mit allen bösen Erinnerungen an die niederländische
Kolonialzeit). Aber die Kleine wehrt sich schon kräftig: "Papa dudu
Låndå, Papa wong Jerman" ("Mein Papa ist kein Holländer,
sondern ein Deutscher"). Doch gerade in diesem letzten Punkt bitten wir
besonders um Fürbitte.
8. Wie beurteilt Ihr von Indonesien aus die geistlich-religiöse
Landschaft Europas, besonders die in Deutschland?
Diese Frage beantworten wir lieber bei oder nach unserem ersten Heimataufenthalt,
voraussichtlich so Gott will im Jahre 2001.
9. Gibt es etwas, was Ihr ändern, verbessern würdet an
unserer Arbeit als Neukirchener Mission?
Wie schon unter 6. genannt, hoffen wir, daß die Neukirchener
Mission eines Tages zu einem internationalen Missionsinstrument und einer
"Gemeinschaft am Evangelium" (Phil. 1:5) wird für alle ihre Partnerkirchen
in Afrika, Peru, Indonesien und Europa.
Weiter sollte u.E. die Stellung der Frau innerhalb der Neukirchener
Mission neu überdacht werden, sowohl im Hinblick auf ledige Missionarinnen,
wie auch im Blick auf Missionarsfrauen, Mitarbeiterinnen im Missionshaus
bis hin zu Frauen im Vorstand - bei voller Berücksichtigung des biblischen
Zeugnisses in dieser Frage. Der Missionswissenschaftler Klaus Fiedler hat
in seiner Untersuchung über die Glaubensmissionen "Ganz auf Vertrauen"
(S. 309-320) u.a. diese Frage untersucht. Er hat dabei herausgestellt,
daß die Glaubensmissionen im 19. Jahrhundert entscheidendes geleistet
haben, die Stellung der Frau in der Weltmission aufzuwerten. Wir würden
uns wünschen, daß davon auch in der Neukirchener Mission noch
mehr zu spüren ist.
Schließlich hoffen wir, daß bald auch die Vorbereitung
der Missionskandidaten und -kandidatinnen verbessert werden kann.
Aber vor allem wollen wir eins ändern und verbessern: uns und
unseren Dienst, "durch Erneuerung unseres Sinnes, damit wir prüfen
können, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige
und Vollkommene." (vgl. Röm. 12:2).
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