In letzter Zeit erreichten uns sowohl telephonisch wie auch schriftlich
viele Fragen ueber die aktuelle Situation in der Krise in Indonesien und
speziell in Zentraljava, dem Gebiet der GKJTU. In den letzten Wochen seit
Anfang Mai haben wir einen Artikel ueber "Die Waehrungs- und Wirtschaftskrise
und ihre Auswirkungen fuer die Glieder der GKJTU" vorbereitet. Aber bevor
dieser Artikel fertig wurde, da kam es zu einem furchtbaren "Mega-Ereignis",
das sehr, sehr viele Sachschaeden und Menschenleben gefordert hat. Dieses
Ereignis brach ploetzlich ueber uns herein und hatte weite Auswirkungen.
Es ist nicht moeglich, in diesem Bericht alle Geschehnisse zu berichten,
weil es einfach zu viele sind, aber das Kern-problem und seine Auswirkungen
wollen wir zumindest hier darlegen:
1. Seit Oktober 1997 war die Waehrungskrise bereits spuerbar und hat sich schnell weiterentwickelt. Der Rupiah fiel gegenueber dem US-Dollar bis auf 20.000Rp./US$, was Preiserhoehungen von 25% bis 400% zur Folge hatte. Viele Wirtschaftszweige kamen zum Erliegen, Handel, Industrie und Fremdenverkehr erlebten Einbrueche von bis zu 80%. Viele Menschen verloren Arbeit und Einkuenfte, die allgemeine Kaufkraft schrumpfte gewaltig. Die Wirtschaftskrise entwickelte sich schnell zu einer sehr ernsten sozialen und politischen Krise.
2. Nach Ansicht weiter Kreise kam es zu dieser Krise aufgrund
einer Vertrauenskrise gegenueber der Staatsfuehrung. Deshalb kam es zu
Demonstrationen unter den Studenten / an den Hochschulen. An fast allen
Hochschulen in Indone-sien demonstrierten die Studenten gleichzeitig und
forderten:
a) Preissenkungen
b) Abschaffung von Gesetzen, die im Gegensatz zu / als Hindernis
fuer Demokratie und Freiheit der Menschenrechte empfunden werden
c) Ausmerzung von Korruption, geheime Absprachen und Vetternwirtschaft,
vor allem die Vetternwirtschaft im Par-lament und in den oeffentlichen
Aemtern
d) Die "Beratende Volksversammlung" und der "Rat der Volksvertretung"
(DPR) sollen sofort zu einer ausser-ordentlichen Sitzung zusammentreten,
um die augenblickliche Krise zu ueberwinden und die Forderungen der Demonstranten
zu erfuellen.
e) Praesident Suharto solle sofort zuruecktreten
Die demonstrierenden Studenten wurden sofort von ihren Professoren
und der gesamten Hochschulgemeinschaft unter-stuetzt, wie auch von Intellektuellen
ausserhalb der Hochschulen, Buergerinitiativen ("Non-government Organisations"),
Persoenlichkeiten aus dem oeffentlichen Leben, ehemalige hohe Wuerdentraeger
der Regierung, dem Militaer und weiten Kreisen der Bevoelkerung.
3. Die Situation verschaerfte sich, nachdem einige studentische Aktivisten und gewisse Oppositionelle monate- und tagelang verschleppt, d.h. heimlich festgenommen wurden. Nachdem sie freigelassen worden waren, wie z.B. Pius, stellte sich heraus, dass sie aus politischen Gruenden verschleppt worden waren.
4. In der ersten Maiwoche starb ein Demonstrant der Katholischen Universitaet in Yogyakarta bei einer Demonstration. Diese Situation stachelte die Studenten auf, ihre Forderungen noch lauter zu erheben. Interessant ist, dass dieser Stu-dent namens Moses unter Anteilnahme aller Religionsgemeinschaften bestattet wurde: Katholiken, Protestanten, aber auch Muslime, Hindus, Buddhisten und Anhaenger viele javanischer Mystiker-Gruppen nahmen an der Beerdigung bewegt Anteil. Dies zeigt eine neue Entwicklung hin auf eine Atmosphaere der Einheit, die sehr positif zu bewerten ist. Zuvor schien es grosse Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften zu geben. Der Tod von Moses aenderte diese Atmosphaere positif.
5. Diese angeheizte Situation erreichte ihren Gipfel, als fuenf Studenten der Trisakti Universitaet in Jakarta auf dem Uni-versitaetsgelaende von Scharfschuetzen erschossen wurden und 10-20 weitere schwere Schussverletzungen davontrugen. Diese Vorfall fuehrte zu einem Ausbruch der allgemein angestauten Wut, was Brandstiftungen, Verwuestungen, Pluenderungen zur Folge hatte: Nicht die Studenten und Demonstranten taten dies, sondern weite Kreise der Bevoel-kerung aus allen moeglichen Motiven. Jakarta, Solo und umliegende Staedte verwandelten sich in ein gluehendes Feuermeer, ebenso einige Staedte ausserhalb Javas, z.B. Palembang in West-Sumatra. Dies fuehrte wiederum zu tiefen, weitreichenden bitteren Erfahrungen unter der Bevoelkerung, vor allem unter den Chinesen, die weite Teile von Wirt-schaft und Handel kontrollieren.
6. Bis zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes wurden folgende
Opfer von den Behoerden registriert:
In Jakarta kam es zu folgenden Verwuestungen:
13 Maerkte / Bazare
2.479 Kombinierte Geschaefts- und Wohnhaeuser
1.604 Geschaefte
40 Kaufhaeuser
45 Auto- / Motorrad-werkstaetten
2 Stadtteil-Buergermeister-aemter
11 Polizeireviere
383 Privatbueros
65 Banken
24 Restaurants
12 Hotels
9 Tankstellen
8 Stadtbusse
1.119 Autos
821 Motorraeder
486 Verkehrsschilder
11 Parks
18 (Garten-)zaeune
1.026 Privathaeuser und Kirchen
288 Menschen starben und 101 wurden verletzt (nach Reporter-angaben
gab es mehr als 500 Todesopfer, und die Zahl steigt weiter)
500 Tonnen Reis wurden geraubt
1.800kg Zucker wurden geraubt
weitere Sachschaeden sind noch nicht eingerechnet
In Solo wurden zerstoert: 250 Haeuser / Geschaefte / Fabriken
400 Autos 500 Motorraeder
Es gibt bis heute noch keine genaueren Angaben, da die Erfassung der
Schaeden noch nicht abgeschlossen ist. Auf jeden Fall kam es auch in den
Staedten in der Umgebung von Solo zu Verwuestungen, wie z.B. in Sukoharjo,
Kartasura, Klaten, Karanganyar, Boyolali usw. Zerstoerungen kleineren Ausmasses
geschahen auch in Ostjava und ausserhalb Javas.
7. In Salatiga sowie im noerdlichen Teil Zentraljavas und im westlichen
Teil Ostjavas, dem Gebiet der GKJTU, kam es zu keinen Ausschreitungen oder
Verwuestungen. In allen Staedten an der Nordkueste Javas fanden reine Demonstra-tionen
statt ohne besondere Vorfaelle.
Dennoch wurde die Atmosphaere bedrohlich, vor allem am Freitag,
den 15. Mai 1998. Die Ausschreitungen in Solo breiteten sich aus bis ±10km
vor die Stadtgrenze von Salatiga, aber die Sicherheitskraefte konnte ein
Uebergreifen auf die Stadt Salatiga verhindern. Doch alle Geschaefte und
Banken waren geschlossen, die Schulkinder wurden nach hause geschickt und
die Bevoelkerung wirkte sichtlich nervoes.
An jenem Tage um 11.00h mittags ordinierte die Gemeinde Bendosari
Frau Yunia Nawangsih zur Pastorin. Alle Pastoren der GKJTU und die Kirchenleitung
waren in Bendosari bei Salatiga (±3km vom Stadtzentrum Salatigas
ent-fernt). Die Atmosphaere wurde noch angespannter als ich (Pfr. Yohanes
Sarju) telephonisch benachrichtigt wurde, die Tore der Kirche in Salatiga
schliessen zu lassen und die Schulkinder nach hause zu holen. Dies praegte
natuerlich die Stimmung des Ordinationsgottesdienstes, aber schliesslich
konnte der Gottesdienst gut und wohlbehalten zu Ende ge-bracht werden.
Zu Schwierigkeiten kam es erst, als die Pastoren nach hause fahren wollten
und die Busse nicht fuh-ren, so dass viele Transportprobleme erlebten.
8. Waehrend wir diesen Brief schreiben, findet in Salatiga eine
Grossdemonstration statt, direkt vor der Kirche. Die Demonstration hatte
an der Islamischen Theologischen Hochschule neben der GKJTU-Kirche von
Salatiga begonnen, dann marschierten die Demonstranten zum Stadtparlament.
Alle Religionsgemeinschaften und die Studenten nahmen an der Demonstration
teil. Ihre Forderungen waren die gleichen, und besonders zeigte sich die
Einheit unter den An-haengern verschiedener Religionen, indem sie abwechselnd
Lieder aus ihren jeweiligen Religionen sangen; die De-monstration fand
ohne jegliche Ausschreitungen statt. Alles war sehr interessant und verlief
ruhig. Aber in den Ge-sichtern vieler Menschen war dennoch eine grosse
Anspannung zu lesen, Geschaefte waren geschlossen, Banken hatten ihre Tueren
nur halb geoeffnet, und die Schulkinder kamen frueher nach hause.
Alle diese Ereignisse geschehen hier in Indonesien sehr schnell,
und wir koennen nicht voraussagen, was weiter geschehen wird, aber wir
hoffen, dass es in Indonesien zu durchgreifenden Reformen kommt zum Whole
von Volk und Staat.
Fuer alle Ihre bisherige Anteilnahme und Fuerbitte danken wir
sehr herzlich.
Salatiga, 18. Mai 1998
gez. Pfr. Yohanes Sarju, STh
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