Medizin
Anmerkung: Diese Gedanken habe ich im Sommer 2002 niedergeschrieben. Einige meiner Ansichten haben sich mittlerweile geändert, aber ich lasse den Text unten dennoch unverändert stehen- er war damals wichtig für mich, und vielleicht kann er dem einen oder anderen Leser auch heute noch was geben.
Hier findet ihr ein paar persönliche Gedanken zu meinem Studium- es ist ziemlich lang geworden und ich glaube, ich habe es mehr für mich selbst geschrieben als für irgendwen sonst. Aber vielleicht gibt es Leuten, die sich gerade überlegen, ob sie Medizin studieren sollen, ein paar Denkanstösse. Für alle anderen- ehrlich, ich weiß nicht, ob es interessant sein wird, das zu lesen. Aber wenn ihr es dennoch versuchen wollt, bitte schön, ich habe euch gewarnt! ;-)
 
Wie ihr ja schon wißt, das heißt, falls ihr einigermaßen aufmerksam diese Seiten gelesen habt *g*, studiere ich Medizin, mittlerweile im 2. klinischen Semester.
Erstaunlicherweise nimmt eine große Zahl von Leuten immer noch an, daß ein Medizinstudium ziemlich schnell dazu führt, daß man immens viel Geld verdient, ohne viel dafür zu tun. Falls der werte Leser zu dieser Gruppe gehören sollte, lasse er sich bitte ein für alle Mal eines besseren belehren! Ärzte in Krankenhäusern arbeiten unter zum Teil nicht zu verantwortenden Bedingungen, mit vielen unbezahlten Überstunden bei sowieso nicht gerade überdurchschnittlichem Gehalt. Die Dinge sind im Wandel, aber bis zu echten Verbesserungen wird es vermutlich noch Ewigkeiten dauern. Und Medizinstudium, das hört sich toll an, bedeutet aber in Wahrheit: mindestens 6 Jahre sture, hauptsächlich theoretische Paukerei. Die ersten 2 Jahre, auch "Vorklinik" genannt, sind dazu da, die Studentenzahl möglichst rasch und vor allem stark zu reduzieren. Und zwar ganz sicher nicht nach Kriterien der Eignung! Das funktioniert im allgemeinen auch recht gut, allerdings sollten die Verantwortlichen mal überlegen, ob dieses Konzept angesichts des drohenden Ärztemangels wirklich sinnvoll ist. Hat man diese 2 Jahre sinnloser Paukerei dann hinter sich, wird es auch nicht wirklich besser. Die Fächer sind andere, der Siebungsprozess scheint abgeschlossen, und man wird tatsächlich nicht mehr wie der letzte Dreck behandelt. Denn das wird man in der Vorklinik, Sätze wie "Was wollen Sie eigentlich hier, heiraten Sie lieber und werden sie Hausfrau und Mutter!" sind durchaus nicht unüblich. Als uns ein Professor zu Beginn des Klinischen Abschnittes mit "Wie Sie ja wissen, gehören Sie zur Elite der Bevölkerung..." begrüßte, war ich nicht die einzige, die ihre Kinnlade vor Erstaunen vom Tisch abkratzen konnte! Trotzdem wird es nicht wirklich besser. Und wer weiß, was noch alles auf uns zukommt...
Warum, werdet ihr jetzt fragen, studiert dann ein vernünftiges Wesen Medizin? Glaubt mir, diese Frage habe ich mir oft gestellt, und das sind die Antworten, die mir in den Sinn kamen: Erstens haben Mediziner alle eine soziale Ader, ein Helfersyndrom oder wie immer man so etwas nennen will. Außerdem haben sie eine Menge Idealismus, denn ohne kommt man ganz sicher nicht durch dieses Studium. Und natürlich treffen diese Kriterien auch auf mich zu, auch wenn ich es nur ungern zugebe *g*
Eine andere Antwort, die auch sehr wahr ist, auf ihre Weise, ist, daß wir keine vernünftigen Wesen sind. Wenn ihr lange genug mit Medzinern Umgang habt, werdet ihr irgendwann feststellen, daß sie alle irgendwie verrückt sind. Nicht schlimm, nicht auffällig, und schon gar nicht auf den ersten oder zweiten Blick- aber verrückt sind sie. Wie sollte man dieses Studium auch sonst überstehen?
Warum ich mich damals für dieses Studium entschieden habe? Es war schon immer mein Traum. Aber felsenfest stand es für mich, seit ich mit 17 im Urlaub in Ägypten hilflos daneben stand, als ein Mitglied unserer Reisegruppe, mit dem wir uns sehr gut angefreundet hatten, im Speisesaal an einem Herzinfarkt starb. Niemand hätte ihm helfen können, auch in einem Krankenhaus hier hätte er nicht überlebt, das hatte er schon vorher gewußt. Trotzdem war es schrecklich. Und da habe ich mir geschworen, ich studiere Medizin, und ich werde niemals wieder so hilflos da stehen und zusehen müssen, wie bei diesem Ereignis!
Und warum ich die letzten drei Jahre durchgehalten habe, obwohl ich doch fast nur schlecht über das Studium spreche? Das war etwas ganz einfaches: meine Arbeit. Ich arbeite als Aushilfe in der Pflege in einem Krankenhaus. Und egal, was manche Leute denken über Leute waschen, Windeln wechseln und Kotze aufwischen, und egal, wie stressig es meistens ist- es ist eine wundervolle Arbeit. Wenn man die Patienten sieht, wie sie sich wieder berappeln, gesund werden und irgendwann auf ihren eigenen Füßen nach Hause gehen, dann ist das schlicht und einfach ein geniales Gefühl. Das sind die Momente, wo ich wieder weiß, warum ich mich durch all diese sinnlosen Klausuren und Testate schleppe. Natürlich gehen auch viele mit den Füßen voraus, aber auch die können motivieren. Außerdem gibt es dort einige Vorbilder, die mir zeigen, was aus mir werden könnte, und mich anspornen, mein Bestes zu geben. Eine Kardiologin bei uns im Haus (die keinen Schimmer hat, daß sie im Internet zitiert wird, was sich hoffentlich auch niemals ändern wird) hat mich besonders beeindruckt. Noch im Pflegepraktikum sagte sie mir "Wenn ich die Wahl hätte, noch einmal Medizin zu studieren, ich würde es nie wieder tun." Trotzdem ist sie eine der besten Ärzte im Haus- sie ist fachlich absolut spitze, und man bekommt immer eine anständige Antwort von ihr, selbst wenn man sie nachts um drei aus dem Bett funkt.
Und so studiere ich weiter und hoffe, daß ich eines Tages einmal eine so gute Ärztin sein werde, wie die, von der ich gerade geschrieben habe. Das ist mein Traum, und ich hoffe, er wird sich erfüllen- ich werde jedenfalls mein Bestes geben, um ihn wahr zu machen.