Kai aus der Kiste
Kai Aus Der Kiste
By Wolf Duran
Die Kiste
‚Nummer zwölf ! ’ rief der Portier des Hotels Imperator in das Telephon.
‚Hier ist eine große Kiste abgegeben worden für Sie − − jawohl, für den Herrn auf Zimmer zwölf − − nein, nichts bekannt ; vier Jungen haben die Kiste auf einem Rollwagen gebracht − − bitte ? jawohl, ich lasse sie hinaufschaffen, sofort − −.’
Der Portier legte den Hörer ab und drückte auf einen Knopf. Der Hausknecht erschien.
‚Emil,’ sagte der Portier, ‚schaffen Sie die Kiste hinauf nach Nummer zwölf.’ − −
‚Stellen Sie sie irgendwohin,’ sagte im Zimmer Nummer zwölf der dicke Herr. Er drehte sich nicht einmal um.
Ein Berg von Briefen lag vor ihm auf dem Tisch und ein andrer Berg neben ihm im Papierkorb. Der dicke Herr saß da und schrieb einen Brief.
‚Sehr geehrter Herr’ − schrieb er −
‚Ich bitte Sie, sich morgen vormittag um zehn Uhr bei mir einzufinden.
‚Hochachtungsvoll
‚Joe Allan van Braams.’
Und auf den Briefumschlag schrieb er :
‚Herrn Alexander Kubalski
‚Reklameagent.’
Es klopfte.
‚Herein !’ sagte Mister Joe Allan van Braams und legte die Feder hin.
‚Herein !’ rief er noch einmal.
Niemand trat ein.
Mister Joe Allan stand uf und ging zur Tür.
Er machte die Tür auf : Niemand.
Da sagte eine Stimme :
‚Ich kann ja nicht herin.’
‚Wer ist da ? ?’ rief Mister Joe Allan und blickte sich um.
‚Ich,’ sagte die Stimme.
‚Wo ?’ fragte Mister Joe Allan.
‚In der Kiste.’
Mister Joe Allan machte die Tür zu und drehte sich um.
‚Kommen Sie sofort heraus,’ befahl er.
‚Ick kann nicht !’
‚Warum nicht ?’
‚Man hat mich auf den Kopf gestellt.’
Mister Joe Allan klingelte. Emil erschien.
‚Umdrehen !’ sagte Mister Joe Allan und deutete auf die Kiste.
‚Jawohl,’ sagte Emil und drehte die Kiste um.
‚Danke !’ sagte die Kiste.
Emil wurde Kreidebleich.
‚Die Ki−Ki−Ki−. . . ,’ stotterte er.
‚Kiste’ wollte er sagen, aber seine Zunge blieb stecken.
Dann machte er einen Satz und war zur Tür hinaus. Er sauste die Treppe hinunter. Unten stieß er mit dem Kopf auf einem Gegenstand, der rund und weich war. Dieser Gegenstand war der Bauch, der dem Zimmerkellner, Herrn Joseph Balluschka, gehörte.
‚Esel !’ sagte Herr Balluschka.
‚D−d−d−danke . . . hat sie . . . gesagt !’ stammelte Emil.
Herr Balluschka schüttelte den Kopf mißbilligend und eilte davon.
Die Wette
Zuerst erschien eine kleine Hand und machte von innen den Deckel der Kiste auf, und dann erschein eine Schildmütze, die früher vermutlich grün war, und darunter eine kleine, freche Stupsnase. Und dannn tauchte nur noch eine Hose auf ; die begann dich unter den Armen, und es war nicht abzusehen, wo sie aufhörte.
Als alles beisammen war, ergab es einen Jungen von zwölf oder dreizehn Jahren−einen gewöhnlichen, ziemlich dreckigen Straßenjungen.
‚Grüß Gott,’ sagte der Junge, ‚sind Sie der Zigarettenkönig ?’
‚Jawohl,’ sagte Mister Joe Allan. ‚Und wer bist du?’
‚Ich bin die große Klapperschlange.’
‚So, und warum hast du dich in die Kiste gesetzt ?’
‚Weil mich der Portier sonst herausgeworfen hätte.’
‚Hm,’ sagte Mister Joe Allan, ‚und was willst du denn von mir ?’
‚Einen Augenblick !’ sagte der Junge und fing an, die Hosentaschen auszuräumen. Zum Vorschein kammen : ein krummer Nagel, eine Schnur, eine Schleuder, eine Kreide, Erbsen, Murmeln, eine Haarnadel und eine Blechschachtel für Pfefferminzpastillen.
In der Pfefferminzpastillenschachtel war ein Stück Zeitungspapier.
‚Hier !’ sagte die große Klapperschlange.
Es war die Anzeige, die Mister Joe Allan, der Zigarrettenkönig, am Tag seiner Ankunft aus Amerika in alle Zeitungen hatte einrücken lassen : Der Zigarettenkönig sucht einen Reklamekönig, Hotel Imperator, Zimmer 12.
‚Nämlich−ich will der Reklamekönig werden,’ sagte die große Klapperschlange.
‚Weiter nichts ?’
‚Nein,’ sagte die große Klapperschlange. ‚weiter nichts.’
Mister Joe Allan bekann ein rotes Gesicht, nahm die Brille ab und putzte sie mit seinem Taschentuch.
‚Du bist gut, Junge !’ sagte er, hauchte auf die Brille und putzte.
‚Sag’ mal,’ fragte er dann und setzte die Brille auf, ‚wie heißt du ?’
‚Kai.’
‚Also, Kai,’ sagte Mister Joe Allan, ‚du weißt natürlich nicht, was ein Reklamekönig ist. Ein Reklamekönig ist ein Feldherr. Er müß einen Krieg mit den Augen und den Gedanken der Menschen führen. Er muß jeden Tag einen neue Idee haben, damit ein paar Menschen ihn sehen und von ihm reden. So ein Reklamekrieg dauert viele Monate und kostet schrecklich viel Geld.’
Der Zigarettenkönig machte eine Pause. Da sagte Kai :
‚Wenn ich jetzt will, redet morgen früh die ganze Stadt von mir, und es kostet mich keinen Pfennig.’
‚Nicht eine Katze redet von dir,’ sagte Mister Joe Allan.
‚Wetten ?’ fragte Kai sofort.
‚Mit Vergnügen !’ sagte der Zigarettenkönig. ‚Hast du denn etwas zum Wetten ?’
Kai überlegte.
‚Meine Gabelschleuder,’ sagte er und zog sie aus der Tasche. ‚Es ist prima Gummi dran. Können Sie schleudern ?’
‚Nein,’ sagte der Zigarettenkönig,’aber ich werde es lernen müssen, denn du wirst die Wette verlieren. Ich setze tausend Dollar gegen deine Schleuder, wenn ich morgen vormittag fünf Menschen begegene, die von dir reden.’
‚Gemach !’ sagte Kai und streckte die Hand him.
‚All right ! ’ sagte der Zigarettenkönig, ergriff die kleine Bubenhand und hielt sie fest.
Und da endeckte er, daß diese Hand innen schwarz angemalt ?’ erkundigte er sich.
‚Ja,’ sagte Kai,’ das ist unser Zeichen : Schwarze Hand.’
Die schwarze Hand
Der Portier stand vor der Hoteltür, als Kai hinauswollte. Kai ging in einem Bogen um ihn herum, klopfte ihm von hinten auf die Schulter und brumme :
‚Sagen Sie mal, Herr Portier . . .’
Der Portier drehte sich um, aber Kai drehte sich mit ihm und schlüpfte hinter seinem Rücken zum Hotelportal hinaus.
Der Portier schimpfte. Vor dem Hotel fuhr gerade ein dunkelblaues Auto ab. Kai saß hinten auf und sauste davon. Ein Polizist pfiff, aber Kai machte sich nichts daraus.
Er paßte auf, wohin das Auto fuhr. Als es in die Markgrafenstraße einbog, sprang er auf eine vorbeifahrende Straßenbahn, und zwar auf die vordere Plattform, wo er sich wie immer sogleich unter das kleine Fennster stellte, durch das der Schaffner den Fahrschein reicht.
Selten kam es vor, daß ihn ein Schaffner dort entdeckte, und dann war immer noch die Tür dazwischen ; Kai stieg dann eben ab und auf eine andre Straßenbahn.
Kai fuhr sieben Haltestellen weit bis zum Untergrundbandhof auf dem Maximiliansplatz. Eine Herrschlange von Menschen strömte in die feuchtwrme Hölle der Untergrundbahn hinab, in der elektrische Lampen glühten und die Züge donnerten und brausten. Im Gedränge war es leicht, ohne Billett durch die Sperre zu kommen, allerdings nur für Kai war es leicht.
Er fuhr in der zweiten Klasse, weil es in der dritten überfüllt war. Er setzte sich. Eine Dame unterhielt sich während der Fahrt mit ihm.
Die Dame stieg auf der gleichen Station aus wie Kai. Kai nahm die Mütze ab und machte sich noch kleiner, als er schon war, und trippelte dicht neben der Dame durch die Sperre. Der Kontrollbeamte glaubte, der Kleine gehörte zu der Dame, und ließ ihn als ‚noch nicht zahlungspflichtig’ durch.
Kai setzte die Mütze auf, rannte die Treppe hinauf und verschwand im Gewühl.
Kurz nach sieben Uhr taucte er in einer nördlichen Vorstadt auf. Scharen von Arbeiten strömten durch die Straßen.
Wie eine Ratte schlängelte sich Kai zwischen den wandernden Menschen durch ; auf einmal war er nicht mehr zu sehen. Ein Tor, das zwischen zwei Mietskasernen gähnte, hatte ihn verschluckt.
Ein enger Gang, in dem es dunkel war, fürte in einen kleinene düsteren Hof. Hier steckte Kai vier Finger in den Mund : ein langer Pfiff und dann zwei kurze hinterher. Es war das Signal der großen Klapperschlange. Kai nahm die Finger aus dem Mund und wartete.
Bald tauchten kleine Schatten in der Dämmerung auf. Jungen, große und kleine ; Fabrikjungen, Zeitungsjungen, Laufjungen, Schuljungen, Kaminfegerjungen, Bäckerjungen.
Nun waren genug versammelt.
Die große Klapperschlange sprach : ‚Die Schwarze Hand versammelt sich um zehn Uhr am bekannten Ort.’
Die Versammlung
Wie der Wind liefen die Jungen auf und davon. Die Torbogen und Gänge zwischen den Häusern verschluckten sie, sie kletterten über Kistenstapel und Zäune, sie zerrissen sich die Hosen an Stacheldrähten. Sie pfiffen überall das Signal der großen Klapperschlange. Alle Hunde bellten, und alle Erwachsenen schimpften.
Türen knallten zu. Wie viele Abendessen wurden kalt an diesem Abend ! Die Zeitungsjungen ließen ihre Zeitungen im Stich, die Schusterjungen liefen ihrem Meister davon.
‚Die Schwarze Hand versammelt sich um zehn Uhr !’ hieß es überall. Aus zwanzig Jungen wurden fünfzig, hundert, dreihundert. In allen Straßen rannten sie.
Im Untergrundbahnhof am Alexanderplatz stürmte eine ganze Bande durch die Sperre und in den Zug, der gerade abfuhr. Der Kontrollbeamte schloß die Sperre und lief ihnen nach. Aber es war zu spät ; rubinrot funkelte die Schlußlampe des Zuges aus der Tunnelfinsternis, und der Beamte mußte zurück, denn die Erwachsenen hinter der Sperre schimpften, weil sie nicht auf den Bahnstief konnten.
Jeder von den Jungen wollte etwas Besonderes leisten. Sie fuhren mit dem Omnibus und legten sich oben auf dem Verdeck unter die Bänke. Sie ließen sich auf Rollschuhen von Lastwagen ziehen ; auf einem Rollschuh, und mit dem andern Bein ruderten sie hinten durch die Luft.
Der ‚bekannte’ Ort war der alte Bahnhof des Nordens. Früher wimmelten hier Menschen, brausten bei Tag und Nacht die Züge aus und ein. Dann wurde der neue Bahnhof des Nordens erbaut ; alle Züge wurden umgeleitet, alle Menschen strömten dorthin. Vor den Säulen des alten Bahnhofs wurden die Eisengitter geschlossen, seitdem stand der alte Bahnhof verlassen und finster da.
Hier versammelte sich jetzt der Geheimbund der Straßenjungen, die Schwarze Hand. Zu zweien und dreien kamen die Jungen von hinten in das Gebäude herein, wo früher die Bahngleise lagen. Sie waren stumm. Der Mond schien, aber die Jungen hielten sich im Schatten der Mauern. Es war, als tauchten sie plötzlich irgendwo aus dem Boden auf. Jeder mußte dem Wächter an der Tür zum Wartesaal ein geheimes Stichwort ins Ohr flüstern, dann durfte er hinein.
Es dauerte einige Zeit, bis sich die Augen an das gedämpfte Licht gewöhnt hatten. Dann erst entdeckte man die vielen kleinen Schatten, die schweigend am Boden hockten. Immer neue Trupps kamen an.
Man wartete. Draußen war der ganze Bahnhof von Posten umstellt ; niemand konnte unbemerkt herein. Auf einmal stand die große Klapperschlange mitten im Saal und sprach. Keiner sah ihn hereinkommen. Er war viellleicht schon lange da.
Nur Schleichender Plattfuß, Herkules und ein paar andre Anführer wußten, worum es sich handelte. Mit diesen flüsterte die große Klapperschlange jetzt. Alle aber lauschten und wollten etwas von den Geheimnissen der Eigeweihten aufschnappen.
Von einem Zigarettenkönig war die Rede und von einem Reklamekönig.
‚Schwarye Hände − überall − heute nacht,’ flüsterte die große Klapperschlange.
Der schleichende Plattfuß sagte nur : ‚Wird gemacht !’
Und dann fiel ein ganz unglaubliches Wort ; allen, die es hörten, stand das Herz still :
‚Tausend Dollar !’
Auf einmal streckte Kai die Faust in die Luft und rief :
‚Heute Nacht kann jeder einen Dollar verdienene. Wollt ihr ?’
‚Jaaaaaaaaa !’ brüllten alle zusammen.
Der ganze alte Bahnhof dröhnte.
In diesem Augenblick ging draußen vor dem Gitter der Polizeiwachtmeister Bumser vorüber. Er schöpfte Verdacht. Er zog seine Pfeife heraus und pfiff.
Von allen Seiten kamen die Polizisten gelaufen. Sie klopften auf die Gehsteige, und nun kamen noch mehr Polizisten.
‚In dem alten Bahnhof geht etwas vor !’ sprach der Wachtmeister Bumser und rüttelte an dem Gitter, das verschlossen war.
‚Wir müssen hinten hinein,’ sagte er dan und ließ das Gitter los.
Sie marschierten um den ganzen Bahnhof herum. Die Wachtposten der Schwarzen Hand sahen sie von weitem und pfiffen.
‚Was haben die Lausejungen zu pfeifen ?’ fragte der Wachtmeister.
Überall liefen diese Straßenjungen herum ; man stolperte beinahe über sie.
‚Platz !’ donnerte der Wachtmeister.
Sogleich machten die Jungen Platz, und nun wurde der alte Bahnhof erstürmt. Er war leer.
‚Ich habe deutlich gehört, daß hier − Jaaaaaaa − gerufen wurde,’ erklärte der Wachtmeister.
‚Es war vielleicht ein Esel, Herr Wachtmeister,’ sagte ein Polizist.
Herr Kubalski
Zunächst merkte man gar nichts. Zwar fuhren die Straßenjungen wieder auf allen Bahnen und Autobilen umsonst mit, aber das war immer so.
Auch die Polizisten wunderten sich nicht über die Straßenjungen, die noch nach Mitternacht herumstrolchten.
Nur die Droschkenkutscher und ihre Pferde ärgerten sich. Sie standen da an ihren Halteplätzen und schliefen. Auf einmal − patsch ! − klatschte so ein Bengel dem Pferd mit der Hand auf den Hals oder aufs Hinterteil, so daß Pferd und Kutscher aus dem besten Schlaf erwachten. Ehe man aber mit der Peitsche zuhauen konnte, waren die Lausbuben verschwunden.
Wie die Kutscher schimpften !
Und die guten alten Pferde seufzten, wechselten das Standbein und schliefen weiter.
Es war drei Uhr morgens, als Kai nach Hause kam. Auf den Zehen schlich er die letzte Treppe zur Dachkammer des alten Hauses hinauf. Dennoch knarrte die Stiege an allen Ecken und Enden.
Auch die Tür quietschte, trotzdem sie Kai unendlich behutsam öffnete. Nun stand er in der finstern Kammer und lauschte.
‚Kai ?’ fragte ein Stimmchen.
Kai flüsterte : ‚Ja, ich bin’s. Aber nun schlaf weiter.’
‚Uuuha !’ machte das Stimmchen.
Kai war schon dabei, sich auszuziehen.
‚Kai,’ sagte das Stimmchen. ‚hörst du ?’
‚Ja ?’
‚Ich hab’ so was Schönes geträumt.’
‚Was denn ?’ fragte Kai und zog sich die Hose aus, die ein Geschenk eines Bauarbeiters war. Sie hatte den Vorzug, daß sie sich beinahe ganz von selbst auszog ; Kai brachte sie nur auf den Schultern loszubinden − bums − lag sie ihm schon auf den Füßen, und er brauchte nur noch auszusteigen.
‚Von einem Prinzen,’ sagte das Stimmchen. ‚Er ist hereingekommen und hat zu mir gesagt : ‚Kleine Erika, du bist so arm un dhast keinen Vater und keine Mutter mehr ; nun darfst du dir was Schönes wünschen.’’
‚Was hast du dir gewünscht ?’ fragte Kai.
‚Eine Puppe,’ sagte Erika weinerlich. ‚So eine mit Augen zum Auf- and Zumachen und einem Kleid mit Sternen dran. Und der Prinz hat gesagt : ‚Schlaf nur, Erika, und wenn du aufwachst, dann liegt die Puppe neben dir.’ Und dann bin ich schnell aufgewacht und . . .’
Kai saß im Hemd neben seinem Schwesterchen auf dem Rand der alten Matratze und blickte zu dem kleinen Dachfenster hinauf.
‚Vielleicht bringt er sie noch,’ sagte er und gab dem Schwesterchen einen Kuß.
‚Gute Nacht, Erika.’
‚Gute Nacht, Kai. − Glaubst du wirklich, daß er sie bringt ?’
Kai wickelte sich in seinem Winkel in eine zerfetzte Decke ein. Seine Augen fielen von selbst zu.
* * * * * * * * * * *
Am andern Morgen, fünf Minuten vor zehn Uhr, trat ein Herr mit spiegelblanken Zylinder und gelben Handschuhen in das Hotel Imperator ein.
Der Portier trat zurück und machte eine Verbeugung, die der Herr im Zylinder übersah. Er nahm das Monokel aus dem Auge und sagte :
‚Herr − äh äh − Joe Allan un dso weiter − Zigarettenfritze aus Amerika − hier im Hause, was ?’
‚Jawohl,’ antwortete der Portier. ‚Zimmer zwölf im ersten Stock.’
Darauf zog der Herr eine kleine Tasche heraus, entnahm ihn eine Karte und gab sie dem Portier.
‚Anmelden − gefälligst !’ sagte er.
Setzte sich in einen Klubsessel, schlug die gestreiften Hosenbeine übereinander und zog den linken Handschuh aus.
Herr Balluschka, der Zimmerkellner, der die Karte auf einem versilberten Tablett davontrug, las darauf : Alexander Kubalski, Diplomierter Reklameagent.
300 Mark Belohnung
Mister Joe Allan stand vor dem Spiegel und rasierte sich.
‚Sagen Sie, Herr Ober,’ fragte er und schwang das Rasiermesser gegen den Tisch, auf dem die Morgenzeitung lag. ‚wer hat sich diesen Scherz mit mir erlaubt ?’
Herr Balluschka blickte dem Rasiermesser nach.
‚Die Zeitung,’ sagte Mister Joe Allan.
Es war ihm aufgefallen, daß auf seiner Zeitung eine lebensgroße schwarze Hand abgedrückt war, vorne auf der ersten Seite.
‚Die schwarze Hand ?’ sagte Herr Balluschka. ‚Das Gespräch des Tages, Herr. Sie befindet sich nicht allein auf Ihrer, sondern auf sämtlichen Zeitungen in der Stadt. Man spricht von einem Attentat der Zeitungsjungen.’
‚So, so,’ sagte Mister Joe Allan und rasierte weiter. Und als er den Seifenschaum vom Messer abstrich, brummte er :
‚Schwarze Hand . . . sehr gut . . .’
Herr Balluschka empfahl sich geräuschlos.
Es klopfte.
Mister Joe Allan rief : ‚Herein !’
Herr Alexander Kubalski trat ein und verbeugte sich mit einem heftigen Ruck.
‚Tag !’ sagte er.
‚Bitte, Platz zu nehmen,’ sagte Mister Joe Allan.
‚Das Neueste gehört, Mister van Braams ?’ begann Herr Kubalski, indem er seinen Zylinderhut neben dem Stuhl auf den Boden stellte,’ ganze Stadt wimmelt von schwarzen Händen. Was sagen Sie dazu ?’
‚Nummer zwei,’ sagte Mister Joe Allan, klappte das Messer zu und wisch sich den Seifenschaum aus dem Gesicht.
‚Verstehe nicht . . .’
‚Fehlen noch drei,’ erklärte Mister Joe Allan. ‚Ich habe nämlich gewettet. Mit einem Straßenjungen.’
‚Wegen der schwarzen Hände ?’
‚Die stammen von ihm. Sie sind seine Reklame.’
‚Originell !’ sagte Herr Kubalski.
‚Ja,’ sagte Mister Joe Allan, ‚finde ich auch. Der Junge kann es noch zu etwas bringen.’
‚Sicher. Wird hervorragender Anstreicher werden.’
‚Oder − Reklamekönig,’ sagte der Zigarettenkönig.
Herrn Kubalski stand der Atem still. Sein Gesicht wurde zuerst rot, dann blau, dann gelb. Das Monokel fiel aus dem Auge.
‚Famoser Witz − äh !’ stotterte er.
‚Im Ernst,’ erklärte Mister Joe Allan. ‚Ich werde zwischen ihm und Ihnen einen Wettbewerb veranstalten.’
‚Erlauben Sie, Mister van Braams, das ist − äh − das wäre sozusagen beinahe einen − äh − Beleidigung !’
Herr Kubalski kochte.
‚Beleidigung ?’ fragte Mister Joe Allan. ‚Wieso ?’
‚Wettbewerb mit einem − äh − Straßenjungen − − ich ! !’
‚Wenn Sie nicht wollen . . .,’ sagte Mister Joe Allan und machte eine Handbewegung nach dem Schreibtisch, ‚ich habe noch vierhundertzweiundvierzig Angebote von Reklameagenten da.’
‚Aber doch − natürlich − selbstverständlich − ganz im Gegenteil −,’ erklärte Herr Kubalski rasch.
‚Well,’ sagte Mister Joe Allan. ‚kommen Sie morgen nachmittag um drei Uhr. Ich werde dann die Aufgaben stellen. Auf Wiedersehen !’
Hiermit war Herr Kubalski entlassen. Rasch stand er auf und trat aus Aufregung mitten in seinen wundervollen Zylinderhut. Diese Unterredung war nicht nach seinem Wunsch verlaufen.
Aber Herr Kubalski war durchaus nicht dumm. Während er noch auf der Hoteltreppe stand und seinen Zylinderhut ausbesserte, hatte er einen ausgezeichneten Gedanken. Das rote Plakat fiel ihm ein, das heute früh an die Plakatsäulen geklebt worden war. Es war ein Steckbrief und lautete :
300 MARK BELOHNUNG
demjenigen,
der der Polizei die Person namhaft machen kann, die in der vergangenen Nacht die Schaufenster, Häuserwände, Droschkenpferde usw. Mit schwarzen Handabdrücken besudelt hat.
Die Polizeidirektion
Von Pfefferstecher
‚Portier − äh − was ich sagen wollte . . .’
Herr Kubalski stand auf der ersten Treppenstufe un dzog sich den gelben Handschuh an.
‚Erinnern Sie sich an den Gassenjungen, der gestern hier war ?’
‚Na,’ sagte der Portier, der sich hinten auf das Auto draufgesetzt hat ?’
‚Das sieht ihm gleich,’ sagte Herr Kubalski und knipste den letzten Druckknophf zu. ‚Morgen nachmittag um drei Uhr kommt der Bursche wieder her. Empfehle Ihnen, sich inzwischen den Steckbrief an einer Plakatsäule anzusehen ; dreihundert Mark Belohnung demjenigen und so weiter. Allerhand Geld, nicht wahr ?’
‚Und leicht zu verdienen,’ fügte Herr Kubalski nach einer Kunstpause hinzu. ‚Sie brauchen nur auf eine Polizeistation zu gehen und den Jungen dort anzuzeigen. Er ist nämlich − die Person −. Na, ich will weiter nichts gesagt haben. Lesen Sie den Steckbrief.’
Herr Kubalski verließ das Hotel Imperator.
‚Emil,’ rief der Portier,’setz’ dir meine Mütze auf. Du mußt mich hier geschwind vertreten.’
Emil setzte Mütze auf und fühlte sich.
Der Herr Portier begab sich nach der nächsten Polizeistation.
Kai gefangen
Der Zigarettenkönig machte einen Spaziergang und staunte. Bis zur nächsten Straßennecke zählte er elf schwarze Hände. Aber an der Straßenecke war es noch schlimmer. Dort stand eine Plakatsäule, und daran waren dreißig oder vierzig schwarze Hände, und mindestens ebenso viele Personen standen darum herum, denn der Detektiv Louis Fliegenpfiff war gerade damit beschäftigt, mit Hilfe eines Vergrößerungsglases die Fingerabdrücke an den schwarzen Händen zu untersuchen.
‚Es sind Hände von Jungen,’ sagte der Detektiv zu einem Herrn, der ihn andächtig ansah.
‚Nummer drei,’ dachte Mister Joe Allan und ging weiter, nahm eine Droschke und fuhr zum Zentralpark.
Unterwegs blieben Leute stehen und blickten der Droschke nach.
‚Es ist ein Unverschämtheit !’ sagte ein älterer Herr und deutete mit seinem Spazierstock.
Es war geradezu peinlich fär Mister Joe Allan. Er blickte an sich herunter, seine Kleidung, seine Krawatte waren in Ordnung, Der Hut ? Mister Joe Allan nahm seinen Hut ab, betrachtete ihn außen und innen und konnte nichts Besonderes an ihm entdecken.
Als er ihn aufsetzte, rief ein kleines Mädchen :
‚Sieh mal, Mutti, das Pferd ! Lauter schwarze Hände !’
‚Nummer vier,’ dachte Mister Joe Allan und wollte sich nach dem merkwürdigen Pferd umsehen. Es war aber weit und breit nur ein einziges Pferd zu sehen : der Scheck vor der eigenen Droschke.
Scheck ? Nein, es war ein Schimmel, wie Mister Joe Allan jetzt feststellte, und die schwarzen Flecke an ihm waren schwarze Hände.
Mister Joe Allan ließ die Droschke halten, stieg aus, bezalte und ging zu Fuß zum Zentralpark.
Herrlich war es in dem Park. Der Springbrunnen plätscherte, und der Wind rauschte in dem Laub der Platanen. Mister Joe Allan suchte einen einsamen Weg auf.
Da stand das Marmordenkmal von Markgraf Gottlieb dem Dicken.
Mister Joe Allan hörte plötzlich eine Stimme.
‚Mitten auf den Bauch ! So eien Frechheit !’
Mister Joe Allan trat hinzu.
Zwei Stundenten standen da und blcikten zu dem Denkmal Gottliebs dees Dicken empor. Und als nun Mister Joe Allan hinaussah, entdeckte auch er die schwarze Hand, die mitten auf dem weißen Marmorbauch von Gottlieb dem Dicken war.
‚Verspielt !’ dachte Mister Joe Allan und kehrte um.
Als er den Park verließ, begegnete er einem kleinen Jungen, der mit einem Papierball spielte.
‚Willst mitspielen ?’ fragte der kleine Junge und warf Mister Joe Allan den Papierball zu. Mister Joe Allan fing ihn auf. Als er ihn aber zurückwerfen wollte, rannte der kleine Junge davon.
‚Komisch !’ dachte Mister Joe Allan. Nun stand er da und hielt den Ball in der Hand. Was sollte er damit ? Es war weiter nichts als ein zusammengeknittertes Stück Papier.
Mister Joe Alan entfaltete es. Es war etwas daraufgeschrieben.
Rechnung
Für den Zigarettenkönig
Von der großen Klapperschlange −
Fünf begegnet, die von mir geredet
Haben, macht zusammen
Tausend Dollar.
Mister Joe Allan zog seinen Füllfederhalter heraus und schrieb unten auf das Papier :
Sehr geerte große Klapperschlange !
Ich erkenne die Rechnung an und bitte, mich morgen nachmittag um drei Uhr im Hotel Imperator zu besuchen.
Hochachtungsvoll
Der Zigarettenkönig.
Darauf knitterte er das Papier zusammen, warf es in die Luft, winkte ein Auto heran und fuhr nach dem Hotel Imperator zurück.
Punkt drei Uhr stieg Kai die Stufen zum Portal des Hotels Imperator empor. Eine Sekunde später sah er sich zwischen zwei unangenehm breitschultrigen Männern, die rechts und links hinter dem Portal gewartet hatten. Es waren die Wachtmeister Schleider und Krummblick.
Sofort packten Schleider und Krummblick mit ihren klobigen Fäusten zu, aber − zu hoch, denn Kai hatte sich gebückt und rutschte wie der Blitz unten durch. Er hatte Ubung darin.
Zum Glück kam gerade der Fahrstuhl unten an. Der Fahrstuhljunge in seiner himmelblauen Unifrom wollte aussteigen, aber Kai gab ihm einen Schubs, daße er wieder in den Fahrstuhl zurückfiel, sprang nach und warf das Gitter zu.
‚Himmel !’ brüllte Krummblick. Er hatte den Daumen in das zuschlagende Gitter geklemmt.
Darauf mußten Schleider, Krummblick und der Portier zusehen, wie Kais Beine in dem Fahrstuhl nach oben verschwanden.
‚Hat ihn schon !’ sagte der Portier und drückte auf den roten Halteknopf neben der Fahrstuhltür.
Sogleich blieb der Fahrstuhl zwischen den Stockwerken stehen. Niemand konnte mehr heraus und niemand hinein.
Kai war gefangen.
Der Wettbewerb
‚Ich gehe jetzt hinauf,’ sagte der Portier; ’und lasse den Fahrstuhl wieder herunter. Dann können die Herren den burschen hier unten abfassen.’
Wachtmeister Schleicher nickte. Krummblick lutschte an dem gequetschten Daumen und blickte wie eine Bulldogge drein. Der Portier stieg die Treppe hinauf.
Er war sehr mit sich zufrieden. Die dreihundert Mark waren wie geschenkt.
Er brachte nur auf den Knopf zu drücken, über dem das Schild, ’Abwärts’ war, dann ging der schöne Traum in Erfüllung.
Der Portier drückte darauf. −
‚Er kommt !’ sagte unten der Wachtmeister Schleider. In diesem Augenblick trat gerade Herr Kubalski ein, vornehm und wohlriechend. Herr Kubalski blieb stehen.
Jetzt hielt der Fahrstuhl an. Mit einem Tigersprung stürzte sich Krumm blick hinein, und Schleicher paßte dahinter auf. An ein Durchrutschen war diesmal nicht zu denken.
Der Bursche wurde auf der Stelle gefesselt und abgeführt.
Herr Kubalski lächelte. Dann ließ er sich von dem himmelblauen Fahrstuhljungen zum ersten Stock hinauffahren.
Er begab sich nach dem Zimmer Nummer 12.
‚Ah !’ sagte Mister Joe Allan, ’die eine Partei ist zur Stelle. Nun müssen wir noch auf den Jungen warten.’
‚Ich fürchte,’ bemerkte Herr Kubalski,’das wird zu lange dauern.’
‚Nein,’ sagte da im Hintergrund eine Stimme,’ich bin schon da.’
Es war der Fahrstuhljunge in der himmelblauen Uniform, der unbemerkt hinter Herrn Kubalski eingetreten war. Dieser Fahrstuhljunge war Kai.
‚Ah !’ rief Mister Joe Allan,’ da ist er ja !’
‚Nanu ?’ wollte Herr Kubalski sagen. Er klappte aber nur den Mund auf, und dann setzte er sich in den Klubsessel, der gerade hinter ihm stand.
‚Wie kommst du zu der Uniform, Kai ?’ fragte Mister Joe Allan.
‚Nur so,’ sagte Kai,’ damit es feiner aussieht, wissen Sie. Der Fahrstuhljunge hat sie mir geborgt.’
‚Der ist wohl auch Mitglied der Schwarzen Hand ?’
‚Kann sein,’ sagte Kai.
Damit war diese Angelengenheit erledigt, und Mister Joe Allan eröffnete die Sitzung.
‚Wieviel verdienen Sie im Jahr, Herr Kubalski ?’ fragte er.
Herr Kubalski verdiente dreitausend Mark, aber er sagte :
‚Dreißigtausend Mark.’
‚Well,’ sagte der Zigarettenkönig,’als Reklamekönig der Firma Joe Allan van Braams würden Sie im Monat dreihunderttausend Mark verdienen.’
‚Na schön !’ sagte Herr Kubalski und schlug das rechte Hosenbein über das linke.
‚Meine Herren,’ fuhr Mister Joe Allan fort, und jetzt erst merkte Kai an einem Blick, daß damit auch er gemeint war,’ick besitze in dem amerikanischen Staat Virginia eine eigene Stadt, die Van-Braams-City. Sie liegt an einem Fuß, dem Van-Braams-River, und besteht aus lauter Zigarettenfabriken. Diese Fabriken erzeugen täglich drei Milliarden Zigaretten.
‚Au,’ sagte Kai,’bis die alle geraucht sind !’
‚Verkauft sind, mußt du sagen,’ verbesserte der Zigarettenkönig. ‚Darum bin ich nach Europa gekommen. Ich will meine Zigaretten in Europa einführen, in jeder Großstadt zwei besonders Marken. Ich brauche eine riesenhafte Reklame. Deshalb werde ich für jede Großstadt einen Reklamekönig ernennen.
Mister Joe Allan machte eine Atempause, dann fuhr er fort :
‚Ich werde jetzt einen Reklamewettbewerb zwischen Ihnen beiden um den Posten des Reklamekönigs für diese Stadt veranstalten. Ich stelle dazu folgende Aufgabe :
Wer in zwei Tagen zuerst 150 Punkte bekommt.
‚Jeder macht für seine Marke Reklame, soviel er kann ; ich gehe in der Stadt umher und zähle genau, wie oft ich den Reklame begegne. Unter den 150 Punkten muß aber mindestens
eine Reklame vorkommen, die ich noch nie gesehen habe.’
‚Kleinigkeit !’ sagte Herr Kubalski.
Kai sagte nichts.
‚Die beiden Zigarettenmarken, die ich hier einführen will, heißen TAT und TUT. Bitte, wählen Sie aus.
‚TAT,’ sagte Herr Kubalski.
‚TUT,’ sagte Kai.
‚Well,’ sagte Mister Joe Allan,’merken Sie sich bitte, meine Herren, daß ich unter keinen Umständen auch nur um einen einzigen Punkt oder um eine einzige Minute von meiner Bedingung abweichen werde. Der Wettbewerb beginnt jetzt um vier Uhr und ist übermorgen abend Punkt vier Uhr auf die Sekunde zu Ende. Um 4 Uhr 30 Minuten übermorgen abend reise ich ab. Auch dann, wenn keiner von Ihnen beiden bis dahin meine Bedingung erfüllt haben wird. In diesen Fall werde ich einen Reklamekönig aus Amerika herüberschicken.’
Mister van Braams zog seine Taschenuhr heraus :
‚Meine Herren,’ sagte er,’ es ist zwei Minuten vor vier. In zwei Minuten beginnt der Wettbewerb.’
Sofort zog auch Herr Kubalski seine Uhr heraus. Als zwei Minuten um waren, ergriff er seinen Zylinder, stand auf und verbeugte sich. Dann setzte er den Zylinder auf und ging.
‚Einen Punkt für TUT,’ sagte Kai.
Er hatte schnell auf Herrn Kubalskis Zylinder einen Zettel gesteckt und daraufgeschrieben : TUT.
Erikas Prinz
‚Worauf wartest du noch ?’ fragte der Zigarettenkönig, nachdem er den ersten Punkt für TUT in seinem Notizbuch aufgeschrieben hatte.
‚Auf mein Geld,’ sagte Kai.
‚Ach so,’ rief Mister Joe Allan,’ die tausend Dollar für die Wette !’
Und er setzte sich an den Tisch und schrieb eine Anweisung sogleich in seinem Namen eintausend Dollar ausgezahlt werden sollten.
Kai steckte den Schein in seine Mütze, bedankte sich und ging heraus.
Vor der Tür erwartete ihn der echte Fahrstuhljunge, mit dem Kai im Fahrstuhl die Kleider getauscht hatte, während der Portier die Treppe hinaufstieg und Schleicher und Krummblick unten warteten. ER war inzwsichen von der Polizei entlassen worden, da er nicht ‚der Richtige’ war.
Über die Hintetreppe hatte er sich in das Hotel zurückgeschlichen. Und nun wollte er seine Uniform zurückhaben.
Im Waschraum zogen sie sich um. Kai sagte :
‚Bei der nächsten Versammlung wirst du die Auszeichnung für hervorragende Verdienste bekommen.’
Der Junge strahlte.
Sie waren fertig. Kai sah nun wieder aus wie Kai, und der Fahrstuhljunge tru die himmelblaue Uniform.
Sie stiegen in den Fahrstuhl und fuhren hinunter.
Unten − dafür hatten Herr Kubalski und der Portier schon gesorgt − standeen Schleicher und Krummblick und warteten.
Schleicher und Krummblick wußten jetzte genau Bescheid ; diesmal packten sie den mit der himmelblauen Uniform und ließen den andern laufen. −
Aber wieder hatten sie den Falschen erwischt !
Die Zeit war kostbar. Aber Kai tat nicht mehr viel an diesem Tag. Er ging zu Fuß nach der Industriebank und nahm dort die tausend Dollar in Empfang. Von da fuhr er im Omnibus E 3 nach der Kantstraße. Der Schaffner kam ; Kai bezahlte sein Billet und gab fünf Pfennig Trinkgeld. Er fühlte sich sehr vornehm.
‚Wie Erikas Prinz,’ sagte er sich.
Vor dem Café Mohrenkopf bei dem Zeitungskiosk wartete seit einer Stunde Herkules. Herkules war zwei Jahre älter und um einen ganzen Kopf größer als die große Klapperschlange, aber er wartete geduldig. Er würde noch zwei Stunden gewartet haben.
Kai ging mit ihm in einen Hof und übergab ihm dort 999 Dollar, in deutschem Geld 4195 Mark 80 Pfennig.
Herkules machte große Augen. In seinem ganzen Leben hatte er nie soviel Geld beisammen gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten.
Die große Klapperschlange sagte :
‚Do sorgst dafür, daß das Geld noch heute abend an unsre Leute verteilt wird. Jeder bekommt einen Dollar, das sind 4 Mark 20 Pfennig. Meinen Dollar hab’ ich schon.’
‚Jawohl,’ stammelte Herkules und stopfte den Haufen Geld in beide Hosentaschen.
‚Sind die Spione unterwegs ?’ fragte die große Klapperschlange noch.
‚Sind unterwegs − jawohl.’
Da ging die große Klapperschlange fort und verschwand im Menschengewimmel.
In der Kurfürstenstraße von dem Spielwarengeschäft von Amelang tauchte er eine halbe Stunde später auf. Es war da ein Schaufenster, in dem alle Herrlichkeiten der Welt aufgehäuft lagen : Gummibälle, Luftgewehre, Teddybären, Tennischläger, Schwimmtiere und Puppen. Puppen waren mindestens zwanzig da. Kai ballte in der Hosentasche die Faust um seinen vier Mark und besah die Puppen, eine nach der andern. Endlich trat er in den Laden.
Vornehme Damen waren in dem Laden und ihre vornehmen Kinder. Kai wrude zuerst gar nicht bemerkt. Endlich entdeckte ihn ein Fräulein, und fragte :
‚Du möchtest wohl etwas abholen, Kleiner ?’
‚Ja,’ sagte Kai,’eine Puppe.’
‚So,’ sagte das Fräulein,’für wen ?’
‚Für die Erika.’
‚Erika ?’ dachte das Fraulein nach. ‚Was für eine Erika kann das nur sein ?’
‚Meine,’ sagte Kai.
‚Ach so,’ sagte das Fräulein,’ du willst eine Puppe kaufen ?’
‚Ja,’ sagte Kai,’die dort.’
Er zeigte auf eine, die im Schaufenster stand. Sie war die schönste von allen. Das Fräulein holte die Puppe herein, sah auf das Zettelchen, das am Arm der Puppe hing, und sagte : ‚Fünfundzwanzig Mark.’
‚Nein,’ sagte Kai,’ich möchte eine Puppe haben, die nicht mehr als vier Mark kostet.’
‚Schön,’ sagte das Fräulein und brachte einen großen Korb, in dem viele Puppenkinder kreuz und quer durcheinanderlagen. Ein Zettel hing oben am Korb : ‚Stück drei Mark und fünfzig Pfennig.’
Kai ließ sich Zeit. Auf einmal sah er eine Puppe, die ein blaues Kleid mit Sternen daran anhatte. ‚Die will ich haben,’ sagte er. Das Fräulein packte die Puppe ein.
Um neun Uhr kam Kai nach Hause. Erika schlief. Da packte er die Puppe aus und steckte sie vorsichtig neben Erika unter die Decke.
‚Kai !’ rief am andern Morgen die kleine Erika,’Kai !’
Sie packte ihn an der Schulter und schüttelte ihn. Endlich öffnete er die Augen.
‚Kai !’ rief Erika,’der Prinz ist dagewesen, und ich hab’s gar nicht gemerkt. Die Puppe hat er gebracht, denk’ mal !’
‚Siehst du,’ gähnte Kai,’das hab’ ich dir gleich gesagt.’
Und Erika lief wieder hin zum Bett, auf dem feierlich die Puppe saß. Ein Kleid mit Sternen hatte sie an, genau so, wie sie es sich gewünscht hatte, und Erika hatte auch schon untersucht, ob sie die Augen auf- und zuklappen konnte. Sie konnte es.
‚Liebe Puppe ! Schöne Puppe !’ flüsterte Erika und kniete und befühlte die kleinen Puppenschuhe und Puppenstrümpfe. Es war eine vornehme Puppe ; einen gelben Unterrock hatte sie an.