Die gestohlene Wahl.

Wie die meisten meiner Mitbürger, stimmte ich für einen demokratischen Kandidaten. Eigentlich bin ich nicht an Politik interessiert und würde auch nicht zur Wahl gehen, aber dieser Mann hat mich beeindruckt, als er im Jahre 2000 in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident das Kernkraftwerk Tschernobyl endgültig abschaltete. Später wurde er seines Amtes enthoben und ging in die Opposition.

Der Gegenkandidat stand für die aktuelle Regierungspolitik, fand aber in der Bevölkerung wenig Akzeptanz. Obwohl er 800 Millionen Dollar in seine Wahlkampfkampagne investiert hatte, hatte er keine Chance, als Präsident gewählt zu werden.

Alle Prognosen, die auf der Grundlage von Wählerbefragungen am Ausgang der Wahllokale durchgeführt wurden, sprachen eindeutig für unseren Kandidaten, so daß ich zu Bett ging in der festen Überzeugung, mit meiner Stimme ein deutliches Signal gesetzt und eine Beitrag für die zukünftige Entwicklung unseres Landes geleistet zu haben.

Am nächsten Morgen lernten wir alle, daß man uns die Wahl gestohlen hatte. Zum ersten Male in meinem Leben ging ich zu einer Wahl -und sogleich wird dieser Beitrag wird geklaut. Das empfand ich wie eine persönliche Kränkung, deshalb nahm ich meinen Mantel und die Kamera und ging auf die Straße.

Was ich sah, glich einer Revolution.

Ja, eine regelrechte Revolution, in der die treibende Kraft ausschließlich von einer großen Menschenmenge ausging.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Ukraine eines der korruptesten Länder der Welt (allenfalls Guatemala und Sudan waren noch schlimmer); die Schere zwischen Arm und Reich war enorm, die Arbeiterlöhne waren die niedrigsten während die herrschende Oligarchie zu den reichsten der Region gehörten.So richtig gut waren die Lebensbedingungen nur für den Präsidenten, einige seiner Freunde und seinen Verwandten. Die Umstände waren so hoffnungslos wie im mittelalterlichen Asien aber meine erste Erkenntnis am Morgen dieses Tages war, daß ich in Europa lebe.

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