Star-Mutter

In der Nervenklinik ist es ruhig geworden. Alle Patienten haben ihre Abendmedikation bekommen und schlafen nun. Eine junge Pflegerin geht die Flure auf und ab und schaltet die trübe Nachtbeleuchtung ein. In seinem Büro sitzt ein sehr junger Arzt, Psychiater, und blättert in der Akte eines Neuzuganges.

"Wieder ein Lehrer," sagt er zu dem Mann auf dem Sofa. "Die Irrenanstalten sind voll mit Lehrern, und keiner findet etwas dabei. Da stimmt doch etwas nicht mit unserem Erziehungssystem. Ich werde das einmal dem Monatsmagazin stecken, vielleicht sogar der Tageszeitung."

Der Mann auf dem Sofa wendet sich dem Arzt zu und sagt: "Aus den Bildungseinrichtungen sind schon immer mehr Patienten zu uns gekommen als irgendwoher sonst, aber wenn du die Statistiken von heute, von vor zwanzig und von vor hundert Jahren vergleichst, siehst du, daß der Prozentsatz gleich geblieben ist. Seelische Anstrengung und Überarbeitung führen eben zum Nervenzusammenbruch; das brauchst du der Presse nicht zu stecken, das steht schon lange in unseren Fachzeitschriften."

Der Mann auf dem Sofa ist Professor. Er ist der Dienstälteste in der Klinik, er hat über 40 Jahre hier gearbeitet. Angefangen hat er als Patient – damals, unter der Sowjetregierung, war er in eine Anstalt gesteckt worden, wie so viele andere mit untragbaren politischen Absichten. Er hat die Klinik nie verlassen. Später arbeitete er beim Personal und studierte Medizin. Die Ärzte haben großen Respekt vor seinem Wissen, und was er sagt, ist Gesetz in der Klinik.

"Ich glaube, heutzutage bringt uns das Show-Business mehr Klienten als das Bildungssystem," fährt der Professor fort. Der junge Arzt sieht immer noch besorgt aus, sogar ein bißchen überrascht, als hätte er gerade eine wichtige Entdeckung gemacht.

Der Professor erhebt sich vom Sofa, kommt an den Tisch, nimmt ein paar Zeitungen und wirft sie in den Papierkorb. Der junge Arzt schaut ihn fragend an.

"Lies keine Zeitungen und schau nicht fern," sagt der Professor, "das Hauptanliegen der Medien ist es, die Wahrheit zu verbergen und die guten Schreiber von der Öffentlichkeit fernzuhalten, damit die schlechten weiterkommen. Wenn du bei all den vorgefertigten Meinungen richtig sehen willst, mußt du die Augen offenhalten und deinen eigenen Verstand gebrauchen."

In diesem Moment kommt die Pflegerin zur offenen Tür herein. Sie heißt Nadja. Sie arbeitet erst seit ein paar Wochen in der Klinik und ist noch in der Probezeit.

"Dieser Patient, der behauptet, daß er Filmstudio-Boß ist -- er macht mir angst," sagt Nadja. "Irgendwas stimmt heute nicht mit ihm."

"Hat er dich sexuell belästigt?", will der junge Arzt wissen." Ich kann ihm eine Extradosis Brom verpassen, dann hört das auf."

"Ich bezweifle, daß er irgendwelche sexuellen Regungen verspürt -- nach der Sulfat-Spritze," sagt der Professor. "Nadja, was hat der Patient heute bekommen außer dem Sulfat?"

"Ein paar starke Beruhigungspillen..." sagt Nadja, während sie in ihrem Plan nachliest. "Das reicht schon," unterbricht sie der Professor, "du mußt nicht weiter schauen. Er hat Halluzinationen."

"Seine Augen machen mir angst," sagt die Pflegerin.

"Keine Sorge, er ist hilflos wie ein Kleinkind. Er kann sich nicht bewegen, und wenn er dich anschaut, sieht er dich gar nicht. Er sieht eine fünf Meter große Frau, die ihn mitnehmen will, und er bildet sich ein, daß er mit ihr irgendwohin geht. Er ist nur für Sekunden bei Bewußtsein und fängt dann wieder an zu halluzinieren. Hab keine Angst und schau nicht so erschreckt; du mußt selbstbewußter werden. Und was das Brom angeht -- das bekommen sie alle in rauhen Mengen, sogar das Essen schmeckt danach."

"Ich halte mich nur an die Anweisungen und mache, was die Ärzte sagen," sagt Nadja ängstlich.

Der junge Arzt vergräbt das Gesicht in den Händen. Er schämt sich, weil er die Medikation selbst angeordnet hat. Er ist inkompetent, und er weiß es.

So reuig tut er dem Professor leid, und er will ihn aufheitern. Er mag den jungen Arzt, auch wenn er weiß, daß dieser seine Ausbildung eher dem Geld und dem Einfluß seiner Eltern zu verdanken hat; statt zu studieren, hatte er seine Zeit in Diskotheken zugebracht. Trotz alledem spürt der Professor, daß der junge Mann etwas lernen will, und er will ihm dabei helfen.

Nadja bewundert den Professor, der anders ist als die übrigen Ärzte. Er trägt nur selten einen weißen Kittel, und man sieht ihn häufiger bei den Patienten als bei seinen Kollegen.

Plötzlich zerreißt der Ton einer entfernten Sirene die Stille der Klinik.

"Das muß ein neuer Patient sein," sagt Nadja, "ich gehe und mache die Tür auf." Eine Minute später rauscht der Notarzt herein. Er wirkt ein wenig überdreht.

"Leute," sagt er, "ihr glaubt nicht, wen wir da im Wagen haben. Kennt ihr dieses Mädchen, die Sängerin von Viagra, dieser Girlie-Band? Ihr Video ist eine Zeitlang alle halbe Stunde im Fernsehen gekommen -- also, es ist eine von denen. Sie sagt, sie ist ein Star, und ihre Mutter ist sehr aggressiv. Ein Haufen Reporter, und ihre Mutter, eine beeindruckende Frau... eine mittlere Naturgewalt..."

In diesem Moment erreicht das Getümmel das Büro, und immer mehr Menschen füllen den Raum. Ein paar sind bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen, Zeitungsreporter und Leute mit Fernsehkameras. Alle sammeln sich um den jungen Arzt, der wie festgefroren auf seinem Stuhl sitzt, völlig hilflos vor so vielen Leuten.

Der Professor steigt auf einen Stuhl und macht mit ruhiger, lauter Stimme eine Ansage: "Alle Paparazzi hören mir jetzt einmal zu," und schon hat er die Aufmerksamkeit aller Anwesenden, "Sie haben genau eine Minute, um von hier zu verschwinden."

Diese Aufforderung hat offenbar keinerlei Effekt auf die Menge. Also schnappt sich der Professor einen Feuerlöscher, und binnen Sekunden flüchtet alles vor einer Wolke weißen Schaums. "So. Die Patientin, ihre Mutter und der Notarzt kommen jetzt bitte mit mir -- alle anderen verlassen die Klinik!"

Zwei schaumbedeckte Frauen bleiben übrig. "Bitte erzählen Sie mir, was passiert ist und was das für ein Zirkus war," wendet sich der Professor an die Mutter des Mädchens.

"Dürften wir zuerst erfahren, mit wem wir die Ehre haben?" fragt eine gutaussehende, üppige Frau. "Ich bin die Mutter dieses armen Mädchens, dessen Namen Sie aus jeder Zeitung, von Magazin-Covern und aus dem Fernsehen kennen," erklärt sie in scharfem Ton.

"Wisen Sie, ,Mutter', ich lese keine Zeitungen und schaue nicht fern, also lassen Sie mich einfach Ihre Tochter untersuchen. -- Was fehlt dir?" fragt der Professor das halbwüchsige Mädchen und schaut ihm in die Augen. "Wie fühlst du dich?"

Das Mädchen sagt nichts, aber ihre Mutter fährt dazwischen: "Sie ist ein Star, Sie müssen uns aus dem Fernsehen und der Presse kennen. Aber Sie, Sie können weißgott wer sein; Sie tragen ja nicht einmal einen Kittel! Wir hatten erwartet, eine professionelle Untersuchung zu bekommen, aber alles, was ich hier finde, ist ein Dahergelaufener, der einen Feuerlöscher schwingt!"

",Mutter', beruhigen Sie sich," sagt der Professor, während er ihre Tochter genau untersucht. "Hier geht es nicht um meinen weißen Kittel, es geht um schwere seelische Probleme, die Ihre Tochter hat. Wie alt ist sie? Und erzählen Sie mir, was in jüngster Zeit in ihrer Karriere passiert ist, das könnte wichtig sein."

"Sie ist 18 und mein einziges Kind. Sie ist die Sängerin von ,Viagra', der bekannten Band, Sie müssen das wissen, ihre Videos laufen auf allen Fernsehsendern."

",Mutter', ich habe Ihnen doch gesagt, ich schaue nicht fern, und ,Viagra' höre ich nicht! Ich höre Mozart und Beethoven -- die Musik, die Jahrhunderte überdauert hat --, nicht das moderne Zeug, das jede Woche neu gemixt werden muß, damit es in der Gunst der Pop-Hörer nicht fällt."

,Mutter' starrt den Arzt böse an, sie platzt gleich vor Ärger, während ihre Tochter teilnahmslos auf einem Stuhl sitzt und ihre Nägel betrachtet.

Der Notarzt diktiert, und Nadja schreibt die Fallgeschichte der neuen Patientin in ihr Notizbuch. Wie alle Notärzte gibt er sich mit Details nicht ab und stellt die übliche Diagnose, die alle Neuzugänge erhalten: ,Manisch-depressive Episode'.

Als der Professor das hört, ruft er: "Halt! Das ist nicht irgendeine ,Episode'. Bei diesem Mädchen liegen die Dinge wesentlich schlimmer!

,Mutter', bitte sagen Sie mir: Wann haben die Probleme Ihrer Tochter begonnen? Was waren die ersten Anzeichen? Was haben sie mit ihrer Sängerkarriere zu tun?"

"Die Band hat vor einem Jahr ihren Produzenten gefeuert, und die letzten beiden Alben haben sich nicht gut verkauft," sagt die Frau.

"Was genau ist heute passiert, und wie lange wissen Sie, daß sie sich nicht normal verhält?" fragt der Professor. Dann weist er Nadja an, die neue Patientin auf Station zu bringen.

"Hören Sie, wir sind zur Untersuchung hergekommen," protestiert die Frau, "Sie können mir meine Tochter nicht wegnehmen, ihr geht es gut, sie muß wieder auf die Bühne, nicht hierher. Ich verlange, daß Sie uns nach Hause lassen, morgen habe ich einen Termin mit einem neuen Produzenten; bald singt sie wieder und steht wieder auf der Bühne, ich sage doch, es geht ihr gut!"

Die Stimme der Frau wird immer schriller, und schließlich wirft sie sich auf den Professor und drückt ihn mit ihren beeindruckenden Brüsten gegen die Wand. "Legen Sie sich nicht mit mir an, Sie," verkündet sie. "Wir haben den Notarzt nur geholt, damit wir morgen in den Schlagzeilen stehen. Alles, was wir wollten, war die Untersuchung, wir müssen nicht in die Nervenklinik. Morgen drehen wir das Video zu Sleeping Beauty, und sie hat die Hauptrolle! Und jetzt lassen Sie uns gehen, oder ich zerquetsche Sie wie einen Wurm!" Mama Viagra hat sich zu einem waschechten Drachen gemausert.

Dem armen alten Professor kommt es vor, als lasteten zwei Sack Kartoffeln auf seinen Schultern und drückten ihn nieder.

"He, ,Mutter', versuchen Sie nicht, mich einzuschüchtern, und nehmen Sie diese Silikondinger da weg! Busen hilft heutzutage vielleicht beim Singen, aber hier nützt er Ihnen gar nichts, und bei der Schizophrenie Ihrer Tochter auch nicht!" Der Professor versucht zu entkommen, aber die Star-Mutti hält ihn fest.

"Was sagen Sie da? Meine Tochter -- schizophren?? Ihr Psychiater seid doch alle paranoid. Ich verlange, daß Sie uns nach Hause lassen -- und zwar jetzt!"

"Und ich verlange, daß Sie aufhören, dieses Mädchen zu quälen, und daß Sie sie zur Beobachtung hier lassen. Andernfalls wird sie vielleicht nie wieder ein normales Leben führen und bis ans Ende ihres Lebens Patientin hier sein. Aber wenn Sie kooperieren, können wir den Schaden vielleicht heilen, den Sie ihrer Seele zugefügt haben."

Die harten Worte des Arztes entwaffnen die Mutter und nehmen ihr den Wind aus den Segeln. Sie sackt in sich zusammen. Die anderen beiden Ärzte springen ihr zur Seite und stützen sie. "Sind Sie sicher, daß es so schlimm um sie steht?"

"Ich irre mich selten," sagt der Professor, "und das Wohl Ihrer Tochter hängt von Ihrer Mitarbeit ab."

"Wissen Sie, Doktor, ich gelte als Energiebündel, aber ich kann auch ganz vorsichtig sein, wenn es sein muß... wenn man mich auf einer persönlicheren Ebene kennenlernt, bin ich warmherzig und großzügig... Sie müssen verstehen: Ich habe ,Viagra‘ ganz nach oben gebracht, und es wäre furchtbar für mich, meine jahrelange Arbeit den Bach runtergehen zu sehen..." Unter den Drachenschuppen kommt eine Verführerin zum Vorschein.

",Mutter', hören Sie mir zu. Ihre Tochter ist nicht unsere erste Patientin mit der ,Star-Krankheit'. Schon Erwachsene können nur schwer der Versuchung des Ruhms widerstehen, aber für junge Seelen ist er tödlich", erklärt der Professor, "Unverdienter Ruhm hält nur so lange wie Ihre Werbeaktionen, und am Ende landen die Kinder auf der Straße, voller Vertrauen auf das eigene Können. Sie verstehen nicht, warum gestern noch alle Welt ihnen zu Füßen gelegen hat, aber heute sie plötzlich keiner mehr kennt. Sie begreifen nicht, daß sie von Erwachsenen benutzt werden, die sich nur darum kümmern, wieviel Geld sich mit ihren Opfern verdienen läßt."

Langsam verändert sich der Ausdruck auf dem Gesicht der Frau. Sie will etwas sagen, aber der Arzt läßt ihr keine Gelegenheit dazu.

"Hören Sie, ,Mutter'. Ihr Mädchen ist beinahe hirntot, und Sie schleppen sie immer noch auf die Bühne. Kennen Sie die Geschichten von der Hungersnot bei der Belagerung von Leningrad? Eltern deckten ihre toten Kinder zu und erzählten den Soldaten, daß sie nur schliefen, so daß sie ihre Lebensmittelrationen behalten konnten. Das machten sie, um die anderen Kinder zu retten, die, die noch lebten. Und Sie, ,Mutter', was ist Ihr Grund? Sie haben doch alles, Ihre Yacht, Ihre Autos, Häuser. Warum haben Sie das Ihrem einzigen Kind angetan?"

"Sie lügen, Sie wollen uns hier unser Geld aus der Tasche ziehen. Sie sind ein Betrüger, kein Arzt, Sie alter..." Der Drache kommt wieder zum Vorschein.

Plötzlich stößt die Frau einen wilden Schrei aus und stürzt sich auf den Professor; die beiden anderen Ärzte schaffen es gerade so, sie festzuhalten. "Wie können Sie es wagen, Sie Irrer... Meine Tochter ist ein Star, sie war in allen Fernsehshows, wie können Sie es wagen, sie als..."

Der Professor stellt sich ruhig neben Nadja, deren Hände zittern.

"Wir müssen sie ruhigstellen." Er nimmt eine Spritze zur Hand.

"Ihr Schweine, ihr seid doch alle selbst verrückt, lasst uns alle beide gehen..." Die Frau schlägt um sich und versucht, sich aus dem Griff der Ärzte zu befreien.

Der Professor geht auf die Frau zu und gibt ihr die Spritze ins Hinterteil, direkt durch das Abendkleid.

"Du Sadist," jault die Frau mit schmerzverzerrtem Gesicht auf, "das wird dir noch leid tun!" Die Ärzte spüren, wie die Frau schwächer wird, und setzen sie neben ihre Tochter, die immer noch auf die Wand starrt und von dem Aufruhr anscheinend nichts mitbekommen hat.

"Keiner nimmt mir ,Viagra' weg, Sie Irrer..." Allmählich wird die Frau ruhiger.

Eine Minute lang sitzen alle still da und fühlen sich erleichtert.

"Was machen wir jetzt mit ihnen?", fragt schließlich der junge Arzt.

"Nimm sie beide als neue Patienten auf", weist der Professor an.

"Wie bitte?" Der Notarzt ist nervös. "Sie sollten die Patientin anschauen, Ihre Meinung abgeben und sie dann wieder nach Hause schicken. Stattdessen behalten Sie sie und ihre Mutter in der Klinik? Draußen wartet ein Haufen aufgeregter Reporter. Wissen Sie, diese Frau hat Verbindungen..."

"Keine Sorge", sagt der Professor, "bringen Sie die beiden verrückten Viagra-Damen auf getrennte Stationen und lassen Sie sie hier schlafen bis morgen früh. Dadnn haben sie, was sie wollen -- morgen werden sie in allen Schlagzeilen stehen. Das ist unsere Chance, die Medien auf das Problem aufmerksam zu machen."

.....................

Eine Woche später, in der Schicht, in der es auch in einer Nervenklinik ruhig wird, sitzt der junge Arzt wie gewöhnlich an seinem Schreibtisch und liest das Abendblatt. Der Professor lagert auf demselben abgenutzten Sofa und schaut an die Decke.

"Na, was steht in der Zeitung?", fragt er.

"Sie haben immer noch nichts über die Star-Krankheit bei Teenagern gebracht," sagt der junge Arzt. "Aber hier steht, daß nach einem Vorfall in einer Nervenklinik die ,Viagra'-CDs wie verrückt gekauft werden. Und alle warten gespannt auf das neue Musikvideo, "Sleeping Beauty".





Zurück zur   Echos der gefangenen Stimmen -Home-Page