Nur für Mädchen
Museum
Wir gehen nicht oft, aber mit Bedacht ins Museum. Wir ergreifen
nicht wahllos einen Freund
und laufen zur städtischen Galerie oder zum Naturkundemuseum. Das geht
nicht, denn zu jedem
Museum passt nur ein ganz bestimmter Freund. Oder eine Freundin.
Manche Freunde möchten, dass wir mit ihnen in ein technisches Museum gehen.
Dort steht
möglicherweise der Faradaysche Käfig, von dem wir nicht so recht wissen
was wir uns
darunter vorstellen sollen. Aber wenn wir Glück haben, beginnt der Freund
jetzt nicht, von
den Rätseln der Stromleitung zu sprechen, hantiert nicht mit Ohm und Wellen,
während wir
schweigend danebenstehen und die anderen Besucher betrachten.
Der gute Museumsfreund überlegt lieber mit uns, ob Faraday sich wirklich
eine solche
Bezeichnung gewünscht hat. Vielleicht hat er eigentlich an etwas anderes,
weniger Trockenes
gedacht, etwas Wilderes und Geheimnisvolleres, so wie "Faradaysche Mirakel"
oder
"Timothys Spektakulum". Manchmal fragt ein Freund, ob wir uns für
Oldtimer-Sammlungen
interessieren. Wenn es ein netter Freund ist, sagen wir ja, und es stimmt auch
ein wenig.
Wir schauen gerne die alten Buckel-Volvos an, die noch rund sind, nicht flunder-
oder
kartonartig, und wenn die Volvos dunkelblau sind, würden wir sie gerne
haben. Aber das
bedeutet nicht, dass wir fünfzig alte Autos angucken möchten oder
PS-Zahlen vergleichen.
In solchen Fällen nehmen wir vorsichtshalber ein Buch mit, und nach einer
halben Stunde
entschuldigen wir uns mit Müdigkeit und wandern in die Cafeteria.
Es gibt auch Freunde und Freundinnen, die am liebsten in Avantgarde-Ausstellungen
gehen.
Dort liegen häufig Gegenstände im Raum, um die wir vorsichtige Bögen
schlagen, und stehen
dann vor flimmrigen Videoinstallationen, die uns etwas sagen sollten. Wir wissen
oft nicht,
was - und neigen dann dazu, usn Rückständigkeit vorzuwerfen. Oder
wir werden zornig und
sagen, dass wir auch Papier auf den Boden knüllen können. Das klingt
dann borniert, und
wir hören uns selbst in diesen Momenten ungern zu, aber länger bleiben
wollen wir auch
nicht. Einige Freundschaften werden deshalb schwierig, und wir versuchen, auf
Spaziergänge
oder Kinobesuche umzuschwenken.
Manchmal, wenn man nur 2 Bilder besuchen möchte, geht man besser alleine
ins Museum. Es
ist schwierig zu erklären, dass man nur schnell das Bild des alten Mannes
angucken will,
weil er in seinem dunklen Mantel wie ein zorniger Rabe aussieht. Oder dass man
och das
Bild mit den Heiligen sehen muss, weil sie so hübsche Füße und
ein sanftes Lächeln haben.
Manchmal kommen wir auch nur wegen des Geruchs des Parketts und der alten Bilder.
Dann ist
es gut, sich auf eine Bank zu setzen und den anderen Besuchern zuzuschauen.
Denen mit
Führer und denen mit klugen Freunden, den Fast-schon-Paaren, die jetzt
bedeutende Dinge
zu den Bildern sagen müssen, und an guten Tagen kommt der Museumsaufseher
und flüstert,
dass er das Bild vor uns auch so schön findet.
Friederike Gräff