"Plötzlich kam mein Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen. Überrascht schaute ich auf. Vor mir stand ein bewaffneter Sicherheitspolizist, der den Wagen angehalten hatte, und richtete sein Gewehr auf den Kopf meines Fahrers."
ÜMit diesen Worten beginnt das kürzlich erschienene Buch "Flammen der Hölle" von Ken Saro-Wiwa, und als der Sicherheitsbeamte in das Auto einsteigt, ist es, als stiege der Leser mit ihm ein und würde auf eine Fahrt durch das Leben und Wirken des Schriftstellers mitgenommen.
Dieses Leben endete am 10. November 1995 um 11.30 Uhr. Ken Saro-Wiwa wurde in einem Gefängnis in Port Harcourt in Ostnigeria auf Befehl von General Sani Abacha, dem Militärführer Nigerias, hingerichtet.
Letztlich erst das Todesurteil brachte dem Schriftsteller das, wofür er sich über Jahrzehnte hinweg eingesetzt hatte: die Weltöffentlichkeit wurde auf die miserablen Lebensumstände aufmerksam, unter denen das Volk der Ogoni, einer von weit über 200 im Vielvölkerstaat Nigeria lebenden Ethnien, leidet.
Der Fall Saro-Wiwa
Zahlreiche Organisationen, wie z.B. Amnesty International oder Greenpeace, aber auch prominente Politiker, wie Nelson Mandela und Klaus Kinkel, protestierten gegen das Todesurteil. Die Entrüstung kam jedoch zu spät. Nach einer jahrelangen "Politik der Samtpfoten", wie eine Pressestimme den Kurs der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem nigerianischen Regime bezeichnete, konnte die Hinrichtung Saro-Wiwas und acht weiterer nigerianischer Bürgerrechtler nicht mehr verhindert werden. Was bleibt, sind 500.000 völlig verarmte Ogoni im Süden Nigerias und die Bücher Saro-Wiwas.
In seinem letzten Werk, das der Autor zum größten Teil heimlich in Gefängnissen verfaßte, weil er immer wieder aufgrund seiner politischen Tätigkeiten verhaftet wurde, erzählt der Afrikaner von seinem persönlichen Kampf gegen die Unterdrückung seines Volkes, der Ogoni. Er verknüpft diese Schilderung mit Rückblicken in die nigerianische Geschichte und stellt die Ursachen für die Armut dieses Volksstammes dar.
Die Ogoni leben in einem kleinen Gebiet des fruchtbaren Nigerdeltas ganz im Süden Nigerias. 1958 entdeckten Bohrtrupps in dieser Gegend ausgedehnte Ölfelder. Seither ist in Ogoniland Öl im Wert von schätzungsweise hundert Milliarden Dollar gefördert worden. Die Ogoni - ein reiches Volk also, wie man meinen könnte.
Doch weit gefehlt. Die Bevölkerung ist zu 85 Prozent arbeitslos, die Analphabetenquote beträgt 80 Prozent. Hundert Milliarden Dollar brachten weder Straßen, noch Leitungswasser, noch Elektrizität.
Die Angeklagten
Angesichts dieser desolaten Zustände scheint es gerechtfertigt, daß Vertreter der Ogoni 1990 der nigerianischen Regierung eine "Bill of Rights" vorlegten, in der das Volk mehr politische Autonomie und einen gerechten Anteil an seinen Bodenschätzen forderte. Vor allem Ken Saro-Wiwa, in dem die Ogoni ein im ganzen Land bekanntes Sprachrohr gefunden hatten, hatte sich für die Verabschiedung der "Bill of Rights" eingesetzt. Somit wurde er einer großen Gruppe von Personen ein Dorn im Auge.
Der Autor, der in seine Erzählung immer wieder Dokumente, wie z.B. Reden oder Presseerklärungen, eingeflochten hat, nennt in seinem Buch auch die Verantwortlichen für die Lage der Ogoni. Zum einen klagt er die nigerianische Militärregierung an, deren willkürlicher Umgang mit den Ogoni schon allein an der Behandlung des inhaftierten Saro-Wiwas deutlich wird. Willkürliche Verhaftungen, tagelanger Nahrungsentzug und schlechte medizinische Fürsorge gehören hier zur Tagesordnung. Außerdem wirft der Schriftsteller dem Regime die Zusammenarbeit mit diversen Ölkonzernen vor, die im Nigerdelta das schwarze Gold fördern. Diese Firmen, von denen Saro-Wiwa vor allem "Shell" vehement angreift, erbrächten keinerlei Gegenleistung für die Gewinne, die sie aus dem Land der Ogoni herausholten. Dadurch entstünde die hohe Arbeitslosigkeit, werde nichts an der schlechten Infrastruktur verbessert und die politische Machtlosigkeit und Unterrepräsentation eines ganzen Volkes manifestiere sich auf Bundes- und Landesebene.
Vernichtende Kritik bringt Saro-Wiwa aber vor allem auf dem Gebiet des von den Ölkonzernen völlig vernachlässigten Umweltschutzes an. Die Willkür der Firmen hätte Ogoniland in ein "ökologisches Katastrophengebiet" verwandelt. Der englische Schriftsteller William Boyd beschreibt die Lage des Gebietes so: "Was einst eine friedliche ländliche Gemeinschaft leidlich wohlhabender Bauern und Fischer war, ist heute eine ökologische Wüste, in der es nach Schwefel stinkt und deren kleine Buchten und Wasserlöcher durch zahllose Leckagen der Pipelines vergiftet sind und in der Nacht von den gelbroten Flammen des abgefackelten Erdgases geisterhaft beleuchtet werden."
In einer Gegendarstellung rechtfertigte sich Shell angesichts dieser Vorwürfe 1993 so: "Aufgrund innerer Spannungen in Nigeria lenken Aktivisten die Aufmerksamkeit auf Ölkonzerne. (...) Als Produzent (...) hat die Shell Petroleum Development Company (SPDC) einen erheblichen Beitrag zur Wirtschaftsentwicklung dieses (...) afrikanischen Landes geleistet." Schließlich kommt man in der Darstellung von Shell zu dem Schluß: "Als bei weitem größter internationaler Ölkonzern in Nigeria bietet Shell jenen ein leichtes Ziel, die eine Internationalisierung des Problems anstreben. Ein Vertreter des Ogoni Volkes, Ken Saro-Wiwa, ist sehr viel im Ausland auf Reisen. Er hat das Problem bei einer Reihe von Aktivistengruppen (...) vorgebracht. Obwohl er versucht, besondere Aufmerksamkeit auf die Ogoni zu lenken, unterscheidet sich ihre Lage nicht von der anderer ölpro-duzierender Gemeinschaften in Nigeria."
Die Darstellung von Shell umfaßt in dem Buch lediglich 4 von 220 Seiten.
Es ist sicherlich richtig, daß es sich bei der Unterdrückung der Ogoni primär um ein innernigerianisches Problem handelt. Inwiefern unterstützen Konzerne jedoch unterdrückerische Militärdiktaturen, wenn sie aufgrund wirtschaftlicher Interessen mit diesen zusammenarbeiten? Und wer hat die katastrophale Lage der Umwelt in Ogoni-land verursacht, wenn nicht die Ölförderer?
Gleichgültigkeit?
Ken Saro-Wiwa starb nicht, weil er ein Verbrechen begangen hatte, wie es ihm vorgeworfen wurde. Er starb, weil er aus Überzeugung für eine Verbesserung der Lebensumstände seines Volkes eintrat und dabei auf dem besten Wege war, bei der Weltöffentlichkeit Gehör zu finden.
Es geht in diesem Buch um mehr als "nur" die Lage der Ogoni. Hinter diesem Problem zeichnet sich etwas viel Größeres ab: Wie soll Westeuropa in Zukunft mit dem afrikanischen Kontinent umgehen? Begegnet Westeuropa den Konflikten, wie sie in Nigeria, Ruanda oder Liberia stattfinden, letzlich nicht mit Hilflosigkeit und Gleichgültigkeit?
Sich dieser Entwicklung bewußt zu werden und ihr dadurch entgegenzuwirken, hierzu kann das Buch Saro-Wiwas einen Anstoß geben.J
Georg Kern
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