Erinnern wir uns: Vor einiger Zeit hat besagter Minister den Vorschlag in die Welt gesetzt, Gelder aus dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (=BAföG) nicht mehr wie bisher zur Hälfte als Zuschuß und zur Hälfte als zinsloses Darlehen zu gewähren, sondern aus dem Darlehensanteil einfach einen handelsüblichen Kleinkredit bei einer Privatbank zu machen, der dann mit derzeit rund 8,5% zu verzinsen wäre. Folge: Bei Studis, die den vollen Satz von 990 DM pro Monat bekommen, sammeln sich dann im Laufe eines Studiums mehr als 70.000 (in Worten: siebzigtausend) DM an Schulden an...
Zumal ja auch das Zins-Bafög droht - und zwar sehr akut. Denn dabei handelt es sich schließlich nicht bloß um irgendwelche Vorschläge aus der Reihe "Als ich mal wieder in die Zeitung kommen wollte", sondern um ganz konkrete Planungen aus dem Bundeskabinett für 1996.
Möglichkeit 1: Es betrifft keinen. Im Westen der Republik sind es ja gerade mal 24% der Studis, die überhaupt Bafög bekommen. Alle anderen interessiert die Sache sowieso nur am Rande. So scheint es jedenfalls. Und was die die Studiengebühren anlangt, die sind doch noch in weiter Ferne, wenn überhaupt? Die SPD hat doch verlauten lassen, solange sie die Mehrheit im Bundesrat hat, wird sie einem derartigen Gesetzesvorhaben niiiie zustimmen, oder??!
Tatsache ist, daß die Beteiligung der Studenten bei der Vollversammlung bei verschwindenden 0,4% lag (wohlwollende Schätzung). Könnt Ihr wirklich nicht über Euren Tellerrand hinaus schauen und mal an die denken, die dann nicht mehr studieren können, wenn diese Pläne der Bundesregierung erst mal Wirklichkeit werden, oder an die, die es konkret betrifft, auch wenn man selber Eltern hat, die sich´s leisten können und ihren Sohn auch unterstützen?
Und was ist mit denen, die zu den Bafög-Empfängern zählen? Die sind ja großteils auch nicht zu sehen. Vielleicht hat da der eine oder die andere noch nicht begriffen, was die Stunde geschlagen hat. Oder wie soll man diese Nicht-Beteiligung werten? Kein Interesse? Auch wenn man selber betroffen ist?
Was machen die eigentlich? Haben die überhaupt auch mal einen eigenen Vorschlag in die Diskussion einzubringen, oder sind das nicht die "Berufsantis", die doch viel besser daran täten, sich auf ihr Studium zu konzentrieren? Was nützt mir ein Engagement, wo ich doch meine Scheine brauche? Haben die Studis da überhaupt was zu sagen, oder wird da bloß endlos diskutiert, ohne daß dabei etwas herauskommt? Die Profs sitzen doch eh am längeren Hebel...
Diese Einstellung findet dann auch in der ziemlich bescheidenen Wahlbeteiligung ihren Ausdruck (siehe Hochschulwahl-Berichterstattung). Übrigens: Im Juli sind wieder Wahlen an der Hochschule...
Möglichkeit 3: Es zählt nur das Studium. In Zeiten von Massenarbeitslosigkeit und 1,9 Millionen Studierenden auf rund 900.000 Studienplätzen ist vor allem ein schnelles Studium gefragt, will mensch der Uni möglichst bald entkommen und gleichzeitig nicht der Akademikerarbeitslosigkeit verfallen. Die Scheine rufen und was interessiert mich da, ob Bafög-Empfänger künftig ein paar tausend oder zehntausend Mark mehr zahlen müssen. Keine Zeit für Vollversammlungen oder Demos, ich muß in die Uni. Zählt also bloßes Konkurrenz- und Elitedenken? Frei nach dem Motto, wer es sich nicht leisten kann, der oder die soll es halt bleiben lassen?
Möglicherweise sind wir ja auch tatsächlich mit dem zufrieden, was wir haben (oder nicht haben). Vielleicht sind aber auch einfach die Institutionen, mit denen wir etwas verändern wollen, und die Formen, mit denen das erreicht werden soll, nicht mehr zeitgemäß oder schlicht ungeeignet. Oder beides. Aber kann es das dann gewesen sein? Sicher nicht.
Matthias Zier
zurück zur ZEICHEN-Homepage