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DAS WUNDER DER WEIHNACHT ODER DIE MENSCHWERDUNG GOTTES

 

IN JESUS CHRISTUS NACH DEM NEUEN TESTAMENT

 

VORBEMERKUNGEN

 

     Wenn wir ueber die Menschwerdung Gottes nachdenken, ist uns hoechstens annaehernd bewußt, was es bedeutet, daß der große Gott vom Himmel gekommen und Mensch geworden ist. Der Gott, den wir als Schoepfer und Erhalter der Welt und unseres eigenen kleinen Lebens bekennen, der das All in seiner ganzen Groeße, aber auch das winzigste Elektron geschaffen hat, begibt sich wehrlos und ohne jeden Anspruch auf Macht in die Haende der ihm aeußerst feindlich gesonnenen Menschen. In seiner Heiligkeit und Erhabenheit haette Gott das absolut nicht noetig gehabt. Es uebersteigt alle unsere Vorstellungskraft bei weitem. Warum nur handelt Gott so? Darauf gibt es eine einzige Antwort: Weil Gottes Wesen unendliche Liebe ist. Eine Liebe, die wir nicht begreifen koennen, eine Liebe, die allen Menschen gilt, den Juden und Christen, den Nichtjuden und Nichtchristen, den Gesunden und Kranken, den Friedenswilligen und Terroristen aller Zeiten. Gott grenzt niemanden aus. Für sie alle hat er nach Johannes 3 Vers 16 seinen einzigen geliebten Sohn in diese Welt gegeben, damit alle, die an ihn glauben, nicht zugrundegehen, sondern in Ewigkeit mit ihm leben duerfen.

     Alle neutestamentlichen Texte, auch solche ueber die Menschwerdung Jesu Christi, sind nachoesterliche Texte. Im Licht der Auferstehung Jesu Christi hat die urchristliche Gemeinde oder haben einzelne ihrer Glieder bestimmte Ereignisse aus dem Leben des irdischen Jesus von Nazareth, seine Worte und Taten muendlich weitergegeben und in den Evangelien schriftlich niedergelegt. Das Ostergeschehen und das vorangegangene Leiden und Sterben Jesu spielen in den Paulusbriefen, in den vier Evangelien, im Hebraeer- und auch in den spaeteren Briefen eine zentrale Rolle. Nach den Aussagen des Neuen Testaments bestimmen diese Ereignisse den Weg Gottes mit der Welt. Weil alles, was ueber Christus, sein Auftreten und sein Verhaeltnis zu Gott dem Vater mitgeteilt wird, aus dem Glauben an den auferstandenen Herrn heraus geschrieben ist, heißt das weihnachtlich ausgedrückt: Es gibt keine Krippe ohne Kreuz.

 

DIE  PRAEEXISTENZ  CHRISTI

 

     Der Apostel Paulus legt großen Nachdruck auf das Kommen Christi aus einer himmlischen Existenz. Christus kannte ein Leben in der Gestalt Gottes. Dennoch hat er das Gott-gleich-sein nicht als einen krampfhaft festzuhaltenden Besitz betrachtet, sondern er „entaeußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt“ (Philipper 2 Vers 6 und 7).

     Auch andere neutestamentliche Texte zeugen von seiner Praeexistenz, manchmal auch von seinem Mittlertum bei der Schoepfung (Kolosser 1 Vers 15 bis 17, Johannes 1 Vers 3). Der Verfasser des Johannesevangeliums laeßt in Anspielung auf  1. Mose 1 Vers 1 („Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“) durch die Bezeichnung Logos = Wort („Im Anfang war das Wort“) das ganz Besondere der Person Jesu hervortreten (Johannes 1 Vers 1 bis 3). Kein Geringerer als der ewige Logos, das ewige Wort, das bei Gott war, das selbst Gott ist und durch das die Welt geschaffen wurde, ist in der Person Jesu zu den Menschen gekommen. Der Ausdruck zeugt von der unbedingten Erhabenheit dieses wahren Logos ueber alle anderen Logoi oder Worte. Im Auftreten Jesu Christi ergeht das entscheidende und letzte Wort Gottes an die Menschen, vgl. Johannes 1 Vers 18: „Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkuendigt.“ In Vers 18 heißt es: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“ „Das Wort ward Fleisch“ – d. h. das goettliche Wort wurde Mensch.

     Auch der Hebraeerbrief legt starken Nachdruck auf die Tatsache der Inkarnation (von lateinisch carnis = Fleisch) oder Menschwerdung und darauf, daß Jesus tief in das Leben und Leiden der Menschen hineingegangen und „in allem seinen Bruedern aehnlich geworden“ ist (Hebraeer 2 Vers 17).

     Paulus schreibt im Brief an die Galater Kapitel 4 Vers 4 und 5: „Als aber die Zeit erfuellt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, damit er die, die unter dem Gesetz waren, erloeste, damit wir die Kindschaft empfingen.“

     „Als die Zeit erfuellt war“ – Gott allein bestimmt den Zeitpunkt, kein Mensch konnte ihn dabei beeinflussen. Gott allein wird bei der Sendung seines Sohnes in diese Welt aktiv. Zunaechst ist nichts Auffaelliges zu bemerken: Eine Frau (griechisch gynae = Ehefrau, verheiratete Frau) bekommt einen Sohn, der wie alle anderen Menschen unter dem Gesetz des menschlichen Lebens steht, das durch Tag und Nacht, Freude und Leid, Schuld und Suende, Gottesfeindschaft und Machtgier, Aufbau und Zerstoerung, Licht und Dunkel, Frieden und Krieg, Werden und Vergehen bestimmt ist. Als Zeichen dafuer, daß er wie alle anderen Menschen als kleines Baby sein Erdendasein begonnen hat und wirklich Mensch war, wird seine Mutter erwaehnt. Der nicht erwaehnte Vater wird an dieser Stelle schweigend vorausgesetzt. Dieser Sohn Gottes erhaelt einen universalen Auftrag: Er soll naemlich die, die unter der Knechtschaft des Gesetzes stehen, erloesen, befreien und zu Kindern Gottes machen. Seine Menschwerdung geschieht um dieses Auftrags willen, der darin besteht, allen Menschen die Liebe Gottes sichtbar werden zu lassen.

 

DIE  ANKUENDIGUNG  DER  GEBURT  JESU

 

     Die Ankuendigung der Geburt Jesu geschieht durch einen Engel und wird im Neuen Testament zweimal berichtet: Matthäus 1 Vers 18 bis 25 spricht der Engel mit Josef im Traum, moeglicherweise in Bethlehem oder Umgebung; Lukas 1 Vers 26 bis 38 erscheint der Engel Gabriel der Jungfrau Maria in Nazareth in Galilaea.

Matthäus 1 Vers  1: „Dies ist das Buch vom Ursprung Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Jesus wird Sohn Abrahams genannt, des Vaters aller Glaubenden. Ist das vielleicht ein Hinweis auf seine Sendung zu allen Voelkern?

                  Vers 16: „Jakob zeugte Josef, den Mann der Maria, von der Jesus geboren ist, der Christus genannt wird.“ Jesus ist durch seinen Vater Josef  Nachkomme Davids, stammt also aus der koeniglichen Familie Israels und Judas, der Gottes Verheißung gilt (2. Samuel 7 Vers 11c bis 16).

                 Vers 18: „Die Geburt Jesu geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, mit Josef verlobt war, entdeckte man, daß sie vor der Hochzeit vom Heiligen Geist schwanger war.“ Dies ist ein sehr nuechterner Bericht. Die Verlobung im alten Israel stand rechtlich der Ehe gleich, die aber in diesem Fall noch nicht vollzogen ist. Nicht gesagt wird, wer die Schwangerschaft entdeckte. Und woher wußte man, daß Maria vom Heiligen Geist schwanger war? Das wird erst in Vers 20 erklaert.

                Vers 19: „Josef aber, ihr Mann, war gerecht und wollte sie nicht oeffentlich zur Schau stellen, entschloß sich aber, sie heimlich zu entlassen.“ Josef wird als einer der Gerechten, d. h. der vor Gott Richtigen bezeichnet, der in der guten Tradition seines Volkes steht und ein Gott wohlgefaelliges Leben fuehrt. Offensichtlich weiß er nicht, wer der Vater des Kindes ist. Er will sich heimlich, vermutlich mit Wissen nur weniger Zeugen von Maria trennen und ihr einen Scheidebrief geben, um sie nicht oeffentlich dem Gespoett der Leute preiszugeben (die Steinigung einer Ehebrecherin, vgl. 3. Mose 20 Vers 10, war damals nicht mehr üblich).

                Vers 20: „Während er das noch erwog, siehe, da erschien ihm im Traum ein Engel des Herrn und sprach: Josef, Davidssohn, hab keine  Angst, deine Frau Maria zu heiraten. Denn was sie empfangen hat, ist vom Heiligen Geist.“ Das Aeußere des Engels wird nicht beschrieben, denn wichtig ist allein seine Botschaft. Der Hinweis von Vers 18 auf den Heiligen Geist wird wiederholt. Im Alten Testament ist nie davon die Rede, daß der Heilige Geist oder der Geist Gottes selbstaendig handelt. Es widerspricht der alttestamentlichen und juedischen Vorstellungswelt voellig, daß der Geist Gottes der sexuelle Partner einer Frau sein koennte, zumal das hebraeische Wort ruach (= Geist) feminin ist. Darum ist an unserer Stelle an ein kreatives Eingreifen Gottes durch den Geist zu denken.

     Allerdings finden sich im aegyptischen und hellenistischen Raum zahlreiche Berichte über die goettliche Zeugung von Koenigen oder Heroen. Besonders eindruecklich ist die Darstellung im sogenannten Geburtssaal der Hatschepsut im Tempel von Deir el Bahari bei Luxor in Oberaegypten. Die Mutter der Hatschepsut sitzt dort mit dem Gott Amun auf einem Bett. Die Vaterschaft Amuns soll Hatschepsuts Anspruch auf den Pharaonenthron legitimieren.Das war ca. 1500 v. Chr. und ist außerdem das einzige (mir bekannte) Beispiel für die Gotteskindschaft einer Frau.

               Vers 21: „Sie wird („dir“ in syrischen Handschriften) einen Sohn gebaeren, und du sollst ihm den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk von seinen (woertlich „ihren“) Suenden erretten.“ Josef, nicht Maria soll dem Kind den Namen Jesus geben (vgl. dagegen Lukas 1 Vers 31), und das heißt „Jahve ist Hilfe“ und ist von dem alttestamentlichen Namen Joshua abgeleitet. Die „Hilfe“ besteht darin, daß dieser Sohn Abrahams, Davids und Josefs sein Volk (das Volk Israel oder die Glaubenden aus allen Voelkern oder die gesamte Menschheit?) von seinen Suenden erretten wird. Rettung, Hilfe, Erloesung, das ist sein Name, sein Wesen.

                Vers 22 und 23: „Dies alles ist aber geschehen, damit das Wort des Herrn erfuellt wuerde, das er durch den Propheten gesprochen hat: „Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebaeren, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt uebersetzt: `Mit uns ist Gott`.“ Dieser Vers, naemlich der Schriftbeweis mit dem Namen „Immanuel“ ist der eigentliche Hoehepunkt der Erzaehlung. „Immanuel = „mit uns ist Gott“ entspricht dem letzten Vers des Matthäusevangeliums. Dort sagt der Auferstandene zu seinen Jüngern: „Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Zeit.“ Der Rufname des erwarteten Kindes (Jesus = Gott hilft, Gott ist Hilfe) drueckt Aehnliches aus. Der Name Immanuel ist wie Matthaeus 28 Vers 20 Programm und Zusage Gottes, die das Evangelium wie einen Rahmen umschließt.

     Mit seinem Zitat bezieht sich Matthaeus 1 Vers 23 auf ein Wort des Propheten Jesaja Kapitel 7 Vers 14: „Siehe, eine junge Frau ist schwanger und wird einen Sohn gebaeren, den wird sie nennen Immanuel.“ Das hebräische Wort alma bedeutet „junge Frau“, wurde aber in der Septuaginta mit parthenos übersetzt,  das heißt „Jungfrau“. Matthaeus übernimmt diese Uebersetzung und deutet somit aufgrund des Septuagintatextes das Zitat um. Auch Luther tat das und erklaerte, den Juden bereitwillig hundert Gulden zu zahlen, sofern Jesaja 7 Vers 14 wirklich die „junge Frau“ und nicht die „Jungfrau“ meine. Er ist diese Summe schuldig geblieben, denn die juedischen Masoreten hatten die richtige Lesart. Die folgenschwere falsche Uebersetzung der Septuaginta paßte in das heidnische Umfeld der damaligen Zeit und mag den Menschen damals den Glauben an Jesus Christus erleichtert haben – fuer uns heute kann sie ein Hindernis bedeuten. Der Schwerpunkt des Textes ist dadurch von der Namensgebung – Jesus Immanuel = Gott hilft, mit uns ist Gott – auf das Phaenomen der Jungfrauengeburt verschoben, die nicht Kernaussage des Berichtes ist, wohl aber dem hellenistischen Hintergrund entspricht.

                Vers 24: „Als Josef vom Schlaf erwachte, tat er, was ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“. Wieder wird Josef als der Gerechte geschildert, der Gottes Willen erfuellt: Er heiratet Maria.

                Vers 25: „Aber er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn geboren hatte. Und er gab ihm den Namen Jesus.“ Nachdem Jesus geboren war, fuehrte Josef  mit Maria eine normale Ehe. Damit daß er dem Kind den Namen Jesus gibt, fuehrt er wieder den Befehl Gottes aus.

 

     Der zweite Text, der angeblich die Geburt Jesu als Jungfrauengeburt belegt, naemlich die Ankuendigung der Geburt Jesu an Maria, steht im Lukasevangelium im ersten Kapitel in den Versen 26 bis 38: „Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galilaea, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrueßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fuerchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebaeren, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Hoechsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird Koenig sein ueber das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Hoechsten wird dich ueberschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn in ihrem Alter und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, daß sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmoeglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.“

     Lukas 1 Vers 35: Der Heilige Geist kommt über Maria, und die Kraft des Hoechsten wird sie überschatten. Damit ist gesagt: Die Entstehung Jesu ist ein Wunder, ein goettliches Geheimnis, vgl. die „Wolke“ im Alten Testament (2. Mose 40 Vers 35) oder die „lichte Wolke“ Matthaeus 17 Vers 5, die jeweils Gottes Gegenwart verhüllen. Maria wird durch den Geist gestaerkt und des goettlichen Beistandes vergewissert, aber von einer Zeugung durch den Geist Gottes kann hier ebenso wenig die Rede sein wie Matthaeus 1 Vers 18 bis 25. Es findet kein hieros gamos statt, keine „heilige Hochzeit“ wie in der heidnischen antiken Umwelt, sondern der im wirksamen Wort taetige Geist erschafft dieses Kind, das darum heilig, d. h. Gott zugehoerig ist. Die Menschwerdung des Gottessohnes ist und bleibt ein Geheimnis, das unsere Erklaerungsversuche nicht entraetseln koennen.

     Lukas 1 Vers 32 heißt es: „Er wird groß sein und Sohn des Hoechsten genannt werden.“ Dahinter steht wie Roemer 1 Vers 4 die adoptianische Vorstellung. Paulus sagt, daß Jesus Christus „nach dem Geist, der heiligt, eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft durch die Auferstehung von den Toten.“ Ein einmaliger neuer Schoepfungsakt bringt den Koenig der Endzeit, den Gottessohn, hervor. Das ist keine Beschreibung seiner wunderbaren Entstehung, die durch den Engel Gabriel angekuendigt wurde, sondern eine Glaubensaussage.

     Paulus und das Johannesevangelium wie auch das aelteste Evangelium, naemlich das des Markus, wissen nichts von einer Jungfrauengeburt. Im Gegenteil, anlaeßlich des Besuches Jesu in seiner Vaterstadt Nazareth und seiner Predigt in der dortigen Synagoge berichtet Markus aehnlich wie Matthaeus, daß die Zuhoerer sich aufregen und aergerlich fragen (Markus 6 Vers 3): „Ist er nicht der Zimmermann, Marias Sohn und der Bruder des Jakobus und Joses und Judas und Simon? Sind nicht auch seine Schwestern hier bei uns?“  Lukas 4 am Ende des Verses 22 heißt es nur: „Ist das nicht Josefs Sohn?“   Im Johannesevangelium sagen die Juden waehrend Jesu Rede vom Brot des Lebens (Johannes 6 Vers 42): „Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wieso spricht er dann: Ich bin vom Himmel gekommen?“ Johannes 1 Vers 45 sagt Philippus: „Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn aus Nazareth.“

     Wenn Jesus nach diesen und anderen neutestamentlichen Belegen Vater und Mutter und noch dazu viele Geschwister hatte, ist also im Kontext der Bibel von einer Jungfrauengeburt und immerwährender Jungfraeulichkeit seiner Mutter keine Rede. Außerdem laufen beide Stammbäume Jesu (Matthäus 1 Vers 1 bis 17 und Lukas 3 Vers 23 bis 38) ueber Josef und nicht ueber Maria, die als Verwandte der Elisabeth, welche wiederum aus dem Geschlecht Aarons stammte (Lukas 1 Vers 5), wohl levitischer Herkunft war. Auch wird Josef Matthaeus 1 Vers 20 vom Engel im Traum als Sohn Davids angeredet, und das ist der Ehrentitel, der

Jesus viele Male beigelegt wird, auch bei der Ankündigung seiner Geburt, vgl. Lukas 1 Vers 27 und 32.

     Die Verbindung von Gotteskindschaft und Geist ist altes christliches Gedankengut, sowohl auf Christus (Markus 1 Vers 9 bis 11) als auch auf uns Menschen bezogen ( Römer 8 Vers 14 bis 16). Nun aber werden Gotteskindschaft und Geist in den Verkuendigungsberichten Matthaeus 1 Vers 18 bis 25 und Lukas 1 Vers 26 bis 38 mit der Jungfrauengeburt verknüpft. Das ist neu und auch nur dort und nirgends sonst im Neuen Testament bezeugt. Vermutlich ist es der Versuch heidenchristlicher Gemeinden, den Glauben an den durch Gott zum Sohn eingesetzten Jesus (Römer 1 Vers 4) analog zu antiken Erzaehlungen in Gestalt einer Kindheitsgeschichte zu bezeugen und zu legitimieren. Die Lehre von der Jungfrauengeburt will zwar die Besonderheit der Menschwerdung des Gottessohnes hervorheben, tatsaechlich jedoch waechst Marias Bedeutung in der alten Kirche, denn sie bringt den praeexistenten Gottessohn zur Welt. Sie wird zur Theotokos, zur Gottesgebaererin. Das findet seinen Niederschlag zum Beispiel sowohl in der roemisch-katholischen als auch in der griechisch-orthodoxen Kirche und ihrer Kunst. Dort thront Maria mit dem Jesusknaben im Gewoelbe über der Apsis, da sie durch ihre Mutterschaft die Verbindung zwischen Himmel und Erde hergestellt habe. Sie ist die Panagia, die „Allheilige“, die staendig angerufen und deren Ehrenname immer im Mund gefuehrt wird. Dieser Sachverhalt entspricht aber nicht mehr dem eingangs Gesagten, daß naemlich die Texte des Neuen Testaments von der Passion Christi und von Ostern her zu verstehen sind, und nimmt Christus die Ehre. Gerade im „Jahr der Bibel“ gilt es deutlich zu machen, daß Jesus Christus der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist und weder Unterstützung (z. B. durch seine Mutter) noch Stellvertreter braucht.

     Eine zusaetzliche Bemerkung: Nach Sure 3 Vers 47 rechnet auch der Koran mit der Jungfrauengeburt Jesu (= islamisch Ischa). Allah verdammt aber nach Sure 9 Vers 30 und 31 alle, die Christus als Gott verehren. Folglich fuehrt der Glaube an die Jungfrauengeburt durchaus nicht zum Glauben an den Auferstandenen, aber gerade der ist entscheidend, gleichgültig, aus welcher kirchlichen Tradition ein Mensch kommt. Paulus kannte sowohl die Praeexistenzlehre als auch die Adoptionstheorie und ließ beides nebeneinander stehen, aber von einer Jungfrauengeburt wußte er, wie oben ausgefuehrt, nichts.

 

DIE  WEIHNACHTSGESCHICHTE  NACH  LUKAS

 

     Die Weihnachtsgeschichte Lukas 2 Vers 1 bis 20 ist eine Dichtung des Glaubens, eine wunderbare Erzaehlung vom Ursprung der großen Freude, die mit der Geburt des Heilandes in diese Welt gekommen ist, aber kein historischer Bericht. Die Botschaft vom Kreuz ist blutige Realitaet, die Weihnachtsgeschichte dagegen eine Legende, eine zauberhafte Erzaehlung vom offenen Himmel und der Botschaft der Engel. Sie bringt die Wahrheit Gottes in Bildern, ist Zeichensprache und ein Vorspiel zum eigentlichen Evangelium. Lukas 2 Vers 1 bis 20 nimmt außer der Ortsangabe Nazareth in Galilaea (Vers 3) auf die Ankuendigung der Geburt Jesu keinen Bezug und ist dreiteilig gegliedert: 1. Die Verse 1 bis 7

                                                                    2. Die Verse 8 bis 14

                                                                    3. Die Verse 15 bis 20.

     1. Josefs davididische Herkunft findet starke Betonung. Das Neugeborene ist also ein Nachkomme, ein „Sohn“ Davids. Maria wird gynae = Ehefrau genannt, und die meisten Handschriften verbinden das mit emnesteumenae = verlobt, also „verlobte Ehefrau“. Ueber die eigentliche Geburt wird eingebettet in das politische Geschehen zur Zeit des Kaisers Augustus berichtet. Von Kaiser Augustus redet auch Vergil in der Aeneis Vl, was die Verehrung deutlich macht, die dieser Kaiser genoß (vgl. W. Grundmann, S.76):

     „Dies ist der Mann, dies ist er, der längst den Vaetern Verheißne,

     Caesar Augustus, Sohn Gottes und Bringer der Goldenen Endzeit,

     Der in Latium, wo einst Saturnus das Szepter gefuehrt hat,

     Gruendet das Reich, das bis ueber die Sonnenbahn sich ausdehnt…

     Weder Herkules hat so viele Länder betreten,

     Noch auch Bacchus, der Gott, der mit weinlaubumwundenen  Zuegeln

     Einst im Triumphzug den Wagen in Indiens Täler gelenkt hat.“

In einer Zeit, in der die politische Religion des Augustuskults einer tiefen Enttaeuschung Platz gemacht hat, stellt Lukas dem Angebeteten den der Anbetung wahrhaft Würdigen gegenueber.

Weltgeschichte und Heilsgeschichte sind ineinander verflochten. Weltgeschichtliche Ereignisse muessen dem Gang der Heilsgeschichte dienen.

     Marias erstes Kind wird Erstgeborener genannt, was ihn von spaeteren Kindern der Maria unterscheidet. Sie wickelt ihn, denn es ist ein wirkliches und kein Wunderkind. Die „Herberge“ koennte eine Karawanenherberge sein, in der viele Menschen in einem Raum untergebracht sind, oder ein Gemach ueber einer Hoehle für das Vieh, die gehauene Steintroege, Krippen und Eisenringe zum Anbinden der Tiere enthaelt. Justin der Maertyrer (2. Jahrhundert n. Chr.) schreibt: „Gezeigt wird die Hoehle in Bethlehem; dort wurde er geboren; und die Futterkrippe in der Hoehle, dort wurde er gewickelt“ (vgl. W. Grundmann, S. 81). Als armes Kind von Eltern, die sich unter kaiserlichem Befehl auf unfreiwilliger Wanderschaft befinden, wird der Herr der Welt geboren. Waehrend die Welt von der Mitte des Imperiums aus in Bewegung gesetzt wird, schafft Gott am Rande dieses Imperiums im Ort der prophetischen Verheißung die endzeitliche Mitte der Menschheitsgeschichte und schenkt ihr den verheißenen Herrn. „Er ist auf Erden kommen arm,

                                daß er unser sich erbarm…“

Von dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes, dem Wunder der Weihnacht, kann man viel besser singen als reden, und die Fuelle der durch das Weihnachtsgeschehen angeregten Lieder und Kompositionen sagt dasselbe aus wie Lukas 2: „Gott wird Mensch, dir Mensch zugute.

                                                                                   Gottes Kind, das verbind´t

                                                                                   sich mit unserm Blute.“

     Der zweite Teil der Erzaehlung setzt mit der Nennung der Hirten neu ein. Nicht an die Maechtigen der Welt, nicht an Hohepriester und Schriftgelehrte richtet sich die Proklamation des Retterkindes, sondern an Verachtete, die zum Teil Raeubern und Gewalttaetigen zugerechnet werden, obgleich ihr Beruf schwer und gefahrvoll ist. Zur Freudenbotschaft des Engels von der Geburt des Messias gehoeren die anfaengliche Furcht der Hirten, der Lichtglanz Gottes und der offene Himmel. „Die Klarheit des Herrn umleuchtete sie“: Das himmlische Licht leuchtet nicht denen, die im eigenen Licht leben, sondern denen, die wie die Hirten auf der Schattenseite des Lebens im Dunkeln dahingehen. „Das ewge Licht geht da herein,

                                                                                        gibt der Welt ein´n neuen Schein.

                                                                                        Es leucht´t wohl mitten in der Nacht

                                                                                        und uns des Lichtes Kinder macht.

                                                                                        Kyrieleis“ singt Martin Luther.

     Heiland oder Retter, Christus oder Messias und Herr, das sind die drei Namen oder Wesensbezeichnungen für das in aller Armseligkeit „heute“ geborene Kind. H e u t e wird die Verheißung erfüllt. Die eschatologische oder endzeitliche, d. h. die letzte Epoche der Menschheitsgeschichte bricht an, und zwar in der alltaeglichen Wirklichkeit eines armen Kindes, die den Hirten als Zeichen genannt wird. Das goettliche Heute erinnert an den Galaterbrief des Paulus: „Als die Zeit erfuellt war, sandte Gott seinen Sohn…“ Zwischen Gott und der Menschenwelt stellt der Herr und Heiland Jesus Christus den Frieden her. Gott selber handelt . Ganz von sich aus erfuellt er seine Jahrhunderte zuvor gegebenen Verheißungen. In seinem Sohn schenkt er sich selber. Weihnachten ist reines Geschenk, das keine Gegenleistung fordert, aber große Freude hervorruft und deswegen ein Fest für Kinder und alle die ist, die sich hemmungslos freuen koennen. Darum ist Weihnachten das ganz große Glueck. 

     Der 3. Abschnitt der Geburtsgeschichte erzaehlt von der Ausbreitung der vom Engel empfangenen Botschaft durch die Hirten. Dabei wird deutlich, wie die Hirten sich als Menschen des goettlichen Wohlgefallens verhalten. Sie verstehen das Gehoerte als Ruf zum Aufbruch und fassen untereinander den Entschluß, das Ereignis, das Gott ihnen zur Kenntnis gebracht hat, anzuschauen und zu pruefen, und fuehren diesen Entschluß umgehend aus. Sie finden, was Gottes Engel ihnen mitgeteilt hat, das Neugeborene in der Futterkrippe, aber auch seine Eltern Maria und Josef und werden zu Boten der Freude. Jeder, der die Hoehle betritt, kann zwar das Kind sehen, aber sein Wesen erkennt nur, wem es von Gott bzw. seinen himmlischen oder irdischen Boten erklaert wird. Auch die Eltern scheinen die Bedeutung ihres Kindes nicht zu kennen, denn es heißt, daß a l l e, die die Botschaft der Hirten vernehmen, sich ueber das Gehoerte wundern, also auch Josef und Maria. Von ihr wird gesagt, daß sie die Worte der Hirten nicht wieder vergessen wird, sondern sie in ihrem Herzen bewegt.

     Die Hirten kehren in ihren Alltag, in das Dunkel zurück, aber es hat keine Gewalt mehr über sie. Sie sind naemlich Boten von Gottes Erniedrigung und Hoheit geworden, und so wird ihr ganzes Leben zu einem Lobpreis dessen, der aus Liebe zu uns Menschen vom Himmel gekommen ist.   

                                              „Lob, Ehr und Preis, Herr Jesu Christ,

                                              sei dir von mir gesungen,

                                              weil du mein Bruder worden bist

                                              und hast die Welt bezwungen.

                                              Gib, daß ich deine Süeßigkeit

                                              erheb in dieser Gnadenzeit

                                              und moeg hernach dort oben

                                              in Ewigkeit dich loben.

                                                                                               

                                                                                                   Margret von Falck

 

 

 

 

 

 

Benutzte Literatur:

Walter Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Berlin 1969

Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, Neukirchen-Vluyn 1992

Lothar Perlitt, Das ewig Licht in: Gottes Sohn ist kommen, herausgegeben von Rudolf  Landau, Stuttgart 1994