erster Entwurf stilistisch überarbeitet druckbare Form
Seit etwa 100 Jahren lebt eine Fledermauspopulation des Großen Mausohrs auf dem Schloß Hohentübingen. Diese Fledermäuse sind ihren Sommer- und Winterquartieren ortstreu - vor allem die Weibchen, die in sogenannten Wochenstuben im Sommer unter ganz bestimmten mikroklimatischen Bedingungen ihre Jungen aufziehen.
Früher war die Kolonie im Schloß so groß, daß die Hausmeister des Schlosses als kleines Zubrot den gesammelten sehr stickstoffreichen Kot der Fledermäuse auf dem Tübinger Wochenmarkt als Dünger verkauften. In den letzten Jahrzehnten haben unsere Fledermausarten drastisch abgenommen und sind laut Bundesartenschutzverordnung alle vom Aussterben bedroht. Gründe dafür sind die Verringerung der Nahrungsgrundlage, die Giftbelastung bzw. Vergiftung durch Insektengifte in der Nahrung und Holzschutzimprägnierungen, sowie vor allem die Zerstörung der gewohnten Quartiere und die direkte Tötung durch den Menschen.
Auch die Mausohren vom Schloß sind nicht verschont geblieben. Sie haben mit mehreren Problemen um ihre Überleben zu kämpfen:
Vor dem Umbau des Schlosses lebten die Mausohren unter dem Dach des Südflügels. Bei den Umbaumaßnahmen wurden für die Fledermäuse ungeeignete Holzschutzmittel verwendet, der große Kamin völlig abisoliert, die beliebten Holzhangplätze entscheidend verändert und vor allem der Flugraum der Tiere wurde durch das Einziehen einer Zwischendecke und einer Holztreppe mit Galerie bedeutend verkleinert. Dies führte dazu, daß die Wochenstube der Mausohren sich einen neuen Aufzuchtplatz für die Jungtiere suchen mußte:
Nur unter ganz bestimmten klimatischen Bedingungen können die Weibchen ihre Jungtiere aufziehen, da sie die zu Beginn fast nackten Jungtiere nachts allein lassen müssen, um auf die Jagd zu fliegen. Der Kamin spendete jedoch nicht mehr die Wärme.
Wenn die Jungtiere alt genug sind, um das Fliegen zu lernen, brauchen sie einen enorm großen Flugraum, um ihre ersten Flugabstürze unfallfrei hinter sich zu bringen. Schon eine leichte Schulterzerrung nach dem Aufprall mit einem Hindernis kann das Aus bedeuten. Der Flugraum auf dem angestammten Dachboden wurde jedoch so stark eingeschränkt, daß ein gefahrloses Üben nicht mehr möglich war.
Das Holz auf dem Dachboden ist gegen Anraten der damaligen Fledermausspezialisten mit für Fledermäuse giftigen Holzschutzmitteln behandelt worden. Das ist sicher zu behaupten, da nicht nur die Wochenstube den Hangplatz seit dem Umbau meidet sondern auch einzelne Männchen, die im Sommer allein vagabundieren müssen, hier nicht einmal einen ganzen Tag zugebracht haben. Dies ist erstaunlich, da im allgemeinen die Männchen in der Nähe des Geburtsortes ihr eigenes Revier suchen und Revierknappheit herrscht, da geschlechtsreife Männchen ganz für sich allen einen Hangplatz benötigen, an dem sie andere Fledermausmännchen nicht dulden.
Wir haben die ganzen Jahre den Dachboden auf Fledermäuse und ihre Spuren hin untersucht und konnten lediglich nachweisen, daß eine Langohrfledermaus den Boden einmal als Freßplatz benutzt hat. Es konnte jedoch kein Tagesquartier nachgewiesen werden.
Giftige Holzschutzmittel gasen aus dem behandelten Holz 30 Jahre und mehr aus und so kann nicht damit gerechnet werden, daß die Fledermäuse diesen Dachboden so schnell wieder beziehen. Das Gift wirkt als Kontaktgift und bringt die Fledermäuse entweder direkt um (kann bereits nach 2 Std. der Fall sein) oder es wird in der Muttermilch an die Jungtiere weitergegeben, die daran sterben.
Nun gibt es im Schloß zwar mehrere Dachböden, aber offensichtlich sind sie vom Mikroklima her nicht für die Jungtieraufzucht geeignet. Nur einzelne Männchen konnten auf den anderen Dachböden nachgewiesen werden. Trotz der zahlreichen Störungen in den letzten Jahren in ihrem Kellerquartier haben die Weibchen ihre Jungtiere nicht auf den anderen Dachböden in Sicherheit gebracht, was bedeutet, daß diese Dachböden nicht einmal als vorübergehende Notquartiere geeignet sind.
Nach dem Umbau des Dachbodens ist ein kleiner Rest der damaligen Kolonie an einen für sie höchst ungewöhnlichen Platz umgezogen - in zwei Fensterschächte im Schloßkeller, die mikroklimatisch als Warmluftfallen anzusehen sind. Darunter liegt allerdings ein auch im Sommer sehr kalter und nasser Keller, der die Aufzucht der Jungtiere nicht gerade erleichtert.
Werden die Muttertiere erschreckt, so kann es sein, daß sie ihre eigenen Jungtiere vom Hangplatz drücken oder die an sie geklammerten Jungtiere verlieren. Die jungen Fledermäuse fallen dann in den kalten Keller, kühlen sehr schnell aus und können keine Kontaktlaute mehr von sich geben, die dazu dienen, daß die Fledermausweibchen sie auf dem Boden finden und wieder an den Hangplatz zurücktransportieren. Die Jungtiere kühlen so aus und müssen verhungern oder werden von am Boden lebenden Parasiten tödlich geschwächt.
Aus diesem Grund sind jegliche Störungen an den Hangplätzen oder in der Nähe der Hangplätze unbedingt zu vermeiden.
Trotz aller Schulungsversuche der Schloßführer mußten wir feststellen, daß Tourismus im Keller zur Zeit der Jungenaufzucht unmöglich ist und zu sehr großen Jungenverlusten führt. Da ein Mausohr pro Jahr nur ein einziges Jungtiere bekommt, können diese Verluste nicht ausgeglichen werden.
Lärmbelästigungen, bzw. Vibrationen während der Hochschwangerschaft der Weibchen im Mai und Juni führen nach unseren mehrjährigen Erfahrungen zu Früh- und Totgeburten. Während der Jungenaufzuchtzeit kann es sogar sein, daß die scheuen Weibchen am hellichten Tag ihre Jungtiere verlassen, die dann sterben müssen.
All diese Fälle sind in den letzten 8 Jahren sowohl durch Tourismus als auch durch Bauarbeiten in der Nähe bzw. Hör- und Fühlnähe (Mauerübertragung) aufgetreten. Deshalb ist ein Schutzzeitraum für Lärm- und anderweitige Belastungen zwischen April bis September unbedingt einzuhalten, sonst kommt es zu Katastrophen wie im Jahr 1993.
Seit einigen Jahren wird der Schloßkeller von Fledermäusen als Winterquartiere nach Frosteinbruch von Ende Oktober bis April) genutzt. Im Winterschlaf müssen die Tiere völlig unbehelligt bleiben, da sie sonst vorzeitig ihre Fettreserven verlieren, wenn sie in Fluchtpanik ihre Körpertemperatur von der Umgebungstemperatur auf 40 Grad Celsius aufheizen, um davonfliegen zu können.
Seit 3 Jahren haben die Tiere ihr Hangplatzverhalten zum Winterschlaf geändert. Während man früher fest davon ausgehen konnte, daß die Tiere vor allem im Fehmegericht Winterschlaf halten, hängen sich die Tiere jetzt in den relativ warmen Wintern in den Durchzug zwischen den Fensteröffnungen im Faßkeller und dem Hasengraben. Deshalb ist eine störungsfreie Öffnung des Faßkellers im Winter für den Tourismus nicht möglich.
Damit sind die Hauptprobleme der geschützten Fledermäuse auf dem Schloß kurz umrissen. Es soll noch kurz angeführt werden, daß im Schloß und dem Schloßkeller noch 6 weitere bedrohte Fledermausarten festgestellt werden konnten. Der Schloßkeller besitzt so einen besonders hohen Schutzwert.
das ist der neue Abschnitt - vielleicht sollte das noch einen Absatz höher eingefügt werden
Früher wurde der Dachstuhl des Fünfeckturms für Büroräume genutzt. Nach der Renovierung blieb dieser leer und es wurden Lüfterziegel für das Dach verwendet, die den Fledermäusen den Zugang versperren, so daß dieses Quartier bis heute verloren ist. Das Universitätsbauamt ist bis heute nicht bereit, den Dachstuhl durch das Einsetzen geeigneter Lüfterziegel als Hangplatz zu gestalten. Bis heute wird mit einem möglichen Umbau nach dem etwaigen Bewilligen zusätzlicher Mittel argumentiert; eine Kolonie bedeute beim Umbau zusätzlichen Aufwand.
Das Schloß Hohentübingen kann stolz auf seine Mausohrkolonie sein. Sie ist wahrscheinlich die bedeutendste in der ganzen Umgebung. Der Schloßkeller zeigt Zahlen von überwinternden Fledermäusen auf, die z.T. nicht einmal in den Höhlen der Schwäbischen Alb festgestellt werden können. Deshalb ist es wichtig, auf die Tiere Rücksicht zu nehmen und vielleicht in anderen Bereichen Kompromisse zu machen, denn die Fledermäuse können diese Kompromisse aus hier angeführten Gründen nicht ohne ihre Existenz zu gefährden eingehen.
nach oben