Gregor Brand

SEFER PRALNIK

Kleine Gedichte


Liebes Gedicht

Seltsam, mit einem schönen Gedicht
durch Wälder zu wandern.

Jeder Baum sieht einen andern.

Doch mein liebes Gedicht:
Das sehen alle diese Bäume nicht.
 


Ungerechtigkeit

Gerecht war die Welt noch nie.

Man stolpert wegen der Füße und
 verletzt sich dann doch
am Knie.
 


Unvollkommen

Wie vollkommen sind Füße
 selbst ohne alle Zehen

im Vergleich zu so
vielen Ehen ...


Gewagte Rede

Karl Krolow, immerhin
einst Präsident der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung
und in der Deutschen Literaturgeschichte
von Schnell fünfmal und lobend erwähnt,
 Karl Krolow also schrieb in einem Gedicht,
ganz mutig, ohne sich zu zieren, und nun
 beginne ich, diese Zeile nach meiner Art
schüchtern und wörtlich zu zitieren:

Und Leben heißt: Es hat sich ausgefickt.

Wenn nun aber, wie Legionen sehr kluger Menschen
Jahrtausende lang glaubten und auch heute
 Fromme in aller Welt, dem irdischen
Leben folgt ein himmlisches, dann
finde ich es unter diesem
paradiesischen Blick
  allzu gewagt, was
der Dichter da
hat über das
 Ende des
Fickens
ausge-
sagt.
 


 Gebenschte Lajber

Besonders dann fühle ich mich
von Gott gesegnet

 - wenn mir eine Göttin
begegnet.


Anna Kournikova

Die Schöne und ich: Wir sind am gleichen Tag
geboren worden. Doch nicht nur, weil sie vier-
undzwanzig Jahre jünger ist, kennt sie mich
leider so wenig wie der Süden den Norden.

Apropos Norden und Süden: Afrikanische
Männer leben meist noch auf dem Land,
 die deutschen dagegen schon lang
 in ihren Städten.

Allerdings wäre ich überrascht und würde
mich wundern, wenn sie dennoch nicht
 alle bei Annas Aufschlag, wie so
 oft, genau das Gleiche
denken täten.
 


Über meinen Vater

Sein Leben war selten idyllisch. Und
die Schrift in seinen Träumen
blieb fünfzig Jahre lang
 rot, weiß
und

kyrillisch.


Über einige zeitgenössische deutsche Dichter

Deppert.
 Schrott.

So geistlos sind ihre Gedichte nun
auch wieder nicht. Und manches
kann ich gewiss noch mehr-
fach wiederverwerten.

Beil.
 Grünbein.

Doch ich muss mit Kritik vorsichtig sein
und will meine Zunge hüten.

Einige von ihnen sind offensichtlich schwer
bewaffnet und fast bis zu den Zehen
leidlich getarnt und wer weiß,
über was sie jetzt schon
wieder brüten.


Sandgedichte

Es gab Wochen, da schrieb ich
ein Gedicht Tag für Tag.
Die Zeit wird sie
alle verwehen.

Das spricht nicht gegen sie.

So geht es doch selbst am sonnigsten
 Strand den Spuren der süßesten
 Mädchenzehen.


Probiotische Gedichte

Für das Gehirn sind kluge Reime
wie für den Darm

probiotische
Keime.


Sweet Sixteen
(Für Regenmädchen)

Es ist nicht immer das Große,
Hehre, Bedeutungsvolle.

 Oft darf das Alltäglichste leben
 nah den schönsten
Rosen.

(Sie schläft gern
 in Männerunterhosen)
 


Tausend Meilen

Laotse schrieb:
Eine Reise von tausend Meilen
beginnt mit dem ersten Schritt.

Man muss kein Chinese sein,
um zu wissen:

Oft endet sie auch damit.
 


Doppelhaiku

Die ersten Haikus:
Ursprünglich in Altjapan
weise ersonnen.

Die ersten Heikos:
Aus norddeutschem Samen einst
lustvoll gewonnen.
 



 

Gott als Ebenbild

Wie einer ist, so ist sein Gott.

Dachte Goethe -  wie so viele Heiden.

Dann würde mein Gott sich also ab und
zu am Unglück der Bösen weiden,
wäre ein Eifeler und manchmal
sogar sensibel.

Und Tränen stiegen ihm an Sonnentagen
in dunkle Augen ob der Vergänglichkeit
 des Lebens sowie beim Schneiden
 einer Zwiebel.
 


Auch dies bleibt

Auch dies bleibt
Sinn eines Gedichts:

Eine Winzigkeit
näher zu sein

dem Leben als dem Nichts.
 


Diese und 120 weitere Gedichte sind in dem neuen Gedichtband von Gregor Brand zu finden:
 

Sefer Pralnik. Kleine Gedichte.
Bargstedt: Brand, 2001.
ISBN: 3-925106-15-4
149 Seiten / EUR 13,-

Zu bestellen über jede Buchhandlung oder direkt beim

Gregor Brand Verlag
Am Denkmal 4
D-24793 Bargstedt

E-Mail: Gregor.Brand@t-online.de



Lesen Sie dazu auch die Rezension von Tobias Wimbauer.


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