Der spätere Landesrabbiner von Schaumburg-Lippe Joseph BONN wurde um 1645 in Metz/Lothringen als Sohn der jüdischen Eheleute Simon Bonn und Elisabeth, einer Tochter Menachems aus St. Avold (Lothringen), geboren. Bereits in ungewöhnlich jungen Jahren wurde Joseph Bonn Rabbiner im westfälischen Stadthagen, wo er dann jahrzehntelang amtierte; entsprechend einer seinerzeit vielfach geübten rabbinischen Tradition wurde er schließlich nach dem Ort seines Wirkens genannt; er ist daher in der gelehrten Literatur als Joseph STADTHAGEN bekannt.
R. Joseph Stadthagen verfasste unter anderem das Werk "Divrei Sikkaron" (Amsterdam 1705) und galt als rabbinischer Gelehrter mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlich profunden Kenntnis auch des Neuen Testamentes und anderer christlicher Schriften. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft schon früh bekannt für seine ungewöhnlichen argumentativen Fähigkeiten, trat er bereits in jungen Jahren in öffentlichen Disputationen mit christlichen Gelehrten als Apologet des Judentums hervor. Er erwarb sich darin einen so ausgezeichneten Ruf, dass er auch in der berühmt gewordenen Disputation in Hannover im Jahr 1704 in Anwesenheit des Kurfürsten und späteren Königs Georg I von Englands als Vertreter des Judentums berufen wurde. Dabei beeindruckte er nicht nur mit seinen Kenntnissen und Argumenten, sondern ebenso durch seine Persönlichkeit.
Landesrabbiner Joseph Stadthagen war zweimal verheiratet. Aus erster Ehe hatte er einen Sohn Mendel, der mit seiner aus Schmalkalden gebürtigen Frau zeitweise in Sarstedt lebte.
Mit seiner zweiten, offenbar wesentlich jüngeren Frau hatte Joseph Stadthagen mindestens drei Söhne: Ephraim, Abraham und Godchaux. Als Witwe ließ sich diese Frau, die vermutlich der Familie HALPHEN aus Metz entstammte, mit ihrem Sohn Abraham in Mehle nieder. Ihr Sohn Ephraim fand in Wangelnstedt im braunschweigischen Weserdistrikt Aufnahme.
Joseph Stadthagen starb im Jahr 1715.
1. Generation: Simon aus Bonn (ca. 1530 - 1610),Vorsteher der Juden des Erzstiftes Köln
2. Generation: Juda Bonn (Bonn/Metz, ca. 1565 - 1650) & NN, Tochter von Rabbiner Joseph Levi Aschkenasi/Ashkenazi
3. Generation: Simon Bonn (Metz, ca. 1610 - 1649) & Elisabeth aus Saint Avold (Metz, ca, 1620 - 1708)
4. Generation: R. Joseph Stadthagen (Metz/Stadthagen, ca. 1645 - 1715)
R. Joseph Stadthagen stammte, wie es in der Encyclopedia Judaica zu Recht heißt, " from a venerable line of rabbis". Rabbi Juda (Lion) Bonn ("Reb Leiva Buna"), sein Großvater väterlicherseits, war aus dem kurkölnischen Bonn nach Metz gezogen. Dessen Vater war der angesehene Simon aus Bonn, Vorsteher (Parnass, "Vorgenger") der Juden des Erzstiftes Köln. Lion Bonn hatte in Metz eine Tochter des langjährigen Metzer Großrabbiners und Gelehrten Joseph Levi Aschkenasi (gest. 1627) geheiratet, der in Metz unter seinem jiddischen Namen "Reb Jossel Achkenasi" bekannt war. Zu den Nachkommen dieses Paares Bonn-Levi gehören unter anderem auch der frühere französische Premierminister und Außenminister Pierre Mendès-France (1907 - 1982) und Baron Guy de Rothschild (geb. 1909).
Der Rabbiner Joseph Levi Aschkenasi, Urgroßvater von R. Joseph Stadthagen, gehörte zur bekannten Rabbiner-Familie Treves, deren Mitglieder öfters auch mit dem Namen Aschkenasi bezeichnet wurden. Stammvater der Frankfurter Treves war der "große Kabbalist" R. Naphtali Hertz Treves. Das genaue Verwandtschaftsverhältnis von R. Joseph zu ihm ist noch nicht bekannt; wahrscheinlich war er ein Enkel von Naphali Hertz`Sohn Joseph Treves und damit ein Großneffe von R. Eliezer Treves, den der berühmte Historiker David Kaufmann in seiner Abhandlung über Rabbi Jossel als nahen Verwandten von diesem bezeichnete.
Nahe verwandt war R. Joseph Aschkenazi auch mit zwei herausragenden Talmudisten seiner Generation: R. Samuel Edels und R. Naphtali Herz Schor; diese beiden waren ebenfalls Nachkommen von R. Naphtali Herz Treves.
Joseph Aschkenazi, Sohn des Wormser Rabbiners Isaac Levi, erhielt seine Ausbildung bei einigen der bedeutendsten Rabbiner seiner Zeit, die teilweise auch seine Verwandten war. Dazu zählen neben dem bereits erwähnten R. Eliezer Treves u. a. der Reichsrabbiner Jakob ben Hayyim Loew, ein Onkel des berühmten Maharal, sowie Hayyim ben Bezalel Loew, der Bruder des Maharal.
Nach einer Tätigkeit als Rabbiner in Bonn war R. Joseph über 30 Jahre lang, von 1595 - 1626, Rabbiner in der neugegründeten Gemeinde von Metz. Außerdem war er zeitweise Landesrabbiner des Erstiftes Köln und des Erzstiftes Trier. Auf seine Initiative ging in Metz u. a. die Errichtung einer neuen Synagoge zurück sowie der Aufbau anderer für das Gemeindeleben wichtiger Einrichtungen wie z. B. die Organisation einer Beerdigungsbruderschaft. R. Jossel Aschkenazi zeichnete sich, worauf nicht nur der bedeutende Judaist D. Kaufmann, sondern auch die Rabbiner Abraham Cahen und J. Netter hingewiesen haben, durch große talmudische Gelehrsamkeit aus. Er stand in engem brieflichen Kontakt mit zahlreichen bedeutenden Rabbinern seiner Zeit und war selbstbewusst genug, seine Auffassungen auch gegenüber den größten Autoritäten zu vertreten und zu behaupten. Dies brachte ihm einerseits großen Respekt ein, andererseits brachte es ihn in Konflikt mit R. Meir ben Gedalja, dem berühmten Maharam von Lublin. Der Maharam bekämpfte die halachischen Ansichten von Reb Jossel mit einer Heftigkeit, die an andere große rabbinische Konflikte, etwa die zwischen R. Jonathan Eybeschuetz und R. Emden, denken läßt.
Zu den mütterlichen Vorfahren Rashis und damit ebenfalls zu den Ahnen von R. Jossel gehörte unter anderem auch die Kalonymiden-Familie, die während des gesamten Mittelalters im deutschen Judentum - insbesondere in den Städten Mainz und Worms - eine führende Rolle spielte und viele bedeutende Rabbiner hervorbrachte.
Über die gemeinsame Abstammung von dem französischen Oberrabbiner Mattitjahu Treves war Jossel Aschkenasi ein Verwandter der bedeutendsten Talmudisten seiner Zeit, so etwa von R. Meir Katzenellenbogen (dem Maharam von Padua, gest. 1565), R. Shlomo Luria (dem MaHaRaShal, 1510 - 1573) und R. Moses Isserles (dem Rema, 1525-1572). Zu den Nachkommen dieser Rabbiner und damit Verwandten von R. Joseph Stadthagen gehören auch zahlreiche in der Neuzeit hervorgetretene Persönlichkeiten, wie etwa die Philosophen Moses Mendelssohn, Karl Marx, Leonard Nelson, Martin Buber sowie zahlreiche Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler und Musiker (z. B. Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy, Yehudi Menuhin und viele Andere).
Goudchaux Bonn, Sohn von R. Joseph Stadthagen, heiratete im Jahr 1730 in Metz
Edel BRANDEIS, eine Tochter von Rabbi Naphtali Herz (französisch: Cerf) Brandeis aus Uckange bei Metz und dessen Ehefrau
Hendele FRIEDBERG (franz.: Fribourg).
Cerf Brandeis entstammte der levitischen Brandeis-Familie aus Prag. Der Stammvater dieser Prager Brandeis-Familie, Cerfs Ururgroßvater R. Simon Brandeis, war Primator (Vorsteher) der jüdischen Gemeinde Prag und verheiratet mit Gitele LOEW, einer Tochter des illustren Rabbiners und Philosophen Judah Loew ben Bezalel (1511 - 1609, genannt MaHaRaL).
Der Vater von Cerf Brandeis, R. Jakob Koppel Brandeis, war über die gemeinsame Abstammung vom MaHaRaL ein Cousin 3. Grades von zwei der namhaftesten Rabbiner ihrer Zeit: des Kabbalisten R. Naphtali Katz (1645 - 1719) und des 1702 in Worms gestorbenen R. Jair Chajim Bacharach.
R. Moses Brandeis (1685 - 1761), ein Bruder von Cerf, wurde später Landesrabiner in Mainz. Ein Sohn von ihm war der rabbinische Gelehrte Bezalel Brandeis (1727 - 1760), der wiederum der Vater von R. Baruch Jehuda Brandeis (ca. 1750 - 1825) war. Zu den Nachkommen des letzteren zählt unter anderem der Prager Verleger Jakob B. Brandeis (1835 - 1912).
Der Ehe von Goudchaux Bonn und Edel Brandeis entstammte der Sohn Joseph Goudchaux Bonn. Er war Graveur und lebte mit seiner Frau Marion Lyon in Manom bei Thionville. Aus der Ehe dieses Paares gingen zwei Söhne hervor, deren Nachkommen bis zum 2. Weltkrieg eine führende Rolle im luxemburgischen Judentum spielten: Pinhas und Lion Godchaux.
Der Graveur PINCHAS GODCHAUX war Gold- und Silbersachverständiger und in napoleonischer Zeit Vorsteher der Juden des neu errichteten Wälderdepartements. Später wurde Pinchas Godchaux erster Präsident des luxemburgischen Konsistoriums. In dieser Position folgten ihm bis zum 2. Weltkrieg ausschließlich Mitglieder der Godchaux-Familie.
In seine Zeit als Konsistorialpräsident fällt die Berufung von Rabbiner Samuel Hirsch (1815-1889), des Philosophen der jüdischen Reformbewegung,
zum Oberrabiner von Luxemburg.
Der Kaufmann Lion Godchaux (1763 - 1814), Bruder von Pinchas, wurde der Vater von 13 Kindern. Darunter befand sich Guetchlik Godchaux, Ritter der Ehrenlegion, der Gründer der luxemburgischen Textilindustrie; der Richter Cerf Goudchaux, der Industrielle und Konsistorialpräsident Samson Godchaux sowie Emilie Godchaux. Emilie heiratete den Kaufmann Moses Fix. Söhne aus dieser Verbindung waren u. a. der Oberstleutnant Louis Ferdinand Fix und die Generäle Henri Constant Fix sowie Joseph Augustin Fix. Pinhas Godchaux war mit Romaine CAHEN aus Metz verheiratet. Ihre Vorfahren gehörten dem jüdischen Patriziat von Metz an und entstammten weitgehend einigen der angesehensten Geschlechtern des aschkenasischen Judentums wie z. B. den Familien Cahen, Halphen, Alcan (Rothschild),Oppenheim und Emmerich/Gompertz. Romaine Cahen war - über mehrere Linien - eine Nachfahrin des Großkaufmanns Moses OPPENHEIM (gest. Frankfurt 1626), zu dessen Nachkommen unter anderem die Schriftsteller Carl Zuckmayer, Marcel Proust und Ludwig Börne gehören sowie der Atomphysiker J. Robert Oppenheimer.
Marie Anne Godchaux, die älteste Tochter von Pinchas und Romaine, heiratete 1819 den Handelsmann Moses Bonn aus Waldwisse. 1821 wurde diesem Paar die Tochter Johanna Bonn (1821 - 1906) geboren, die 1852 den Dillinger Kaufmann Johannes Alkan (1820 - 1884) heiratete. Aus dieser Ehe ging der Kaufmann und Komponist Siegfried Alkan (1858 - 1941) und dessen Bruder Hermann Alkan (1853 -1927) hervor.