Site hosted by Angelfire.com: Build your free website today!

Gregor Brand: LEO WALDBOTT - eine große Lehrerpersönlichkeit der Pfalz


Leo Waldbott wurde am 28. Januar 1867 im pfälzischen - damals zum Königreich Bayern gehörigen - Oberlustadt als Spross der jüdischen Familie Waldbott und als zweiter Sohn des Lehrers und Autors Lazarus Waldbott geboren.

Leo Waldbott wuchs nach dem allzu frühen Tod seines Vaters (1869) bei seinem Großvater, dem Lehrer und Kantor Levi Waldbott (1809 - 1889), auf, dessen vier Söhne alle Lehrer waren. In späteren Jahren wunderte sich Leo Waldbott, wie es seinem Großvater Levi mit einem Jahresgehalt von nur 50 Gulden möglich gewesen war, nicht nur seine vier Söhne zu Lehrern ausbilden zu lassen, sondern auch noch jeder seiner 4 Töchter eine Berufsausbildung zu ermöglichen.

Der Familentradition entsprechend wurde auch Leo Waldbott Lehrer. Nach seiner Schulausbildung an den Realschulen in Landau und Kaiserslautern und der Absolvierung des protestantischen Lehrerseminars in Kaiserslautern im Juli 1885 erhielt er sofort eine Anstellung als Schulverweser der jüdischen Schule in Hagenbach. Nach viereinhalbjähriger Tätigkeit wechselte er 1890 in die alte Reichsstadt Speyer, wo er die folgenden Jahrzehnte lebte und lehrte. Neben seiner Tätigkeit als Volksschullehrer unterrichtete er an allen Speyerer Schulen die jüdischen Kinder im Religionsunterricht. In der jüdischen Gemeinde Speyer übte er zudem Rabbinerfunktionen aus. Daneben war er Kantor der altehrwürdigen Jüdischen Gemeinde Speyer, Mitglied der Speyerer Liedertafel, Organist und Dirigent des Synagogenchors. Mit dem in Königsberg tätigen berühmten Kantor Eduard Birnbaum (1855 - 1920), der als weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Synagogalmusik galt, war Leo Waldbott eng befreundet. Bei der Eröffnung der neuen Speyerer Synagoge im Jahr 1894 hatte Leo Waldbott die Ehre, die Festansprache halten zu dürfen. 1911 wurde er Hauptlehrer, 1916 Oberlehrer.

Leo Waldbott galt als eine der angesehensten Persönlichkeiten des pfälzischen Judentums vor dem 2. Weltkrieg. Jahrzehntelang war er Vorsitzender des Vereins der jüdischen Lehrer und Cantoren der Pfalz sowie Vorstandsmitglied im Reichsverband jüdischer Lehrervereine in Deutschland. Besonders engagiert war Leo Waldbott auch im sozialen Bereich. Auf seine Initiative ging die Gründung des ersten Jüdischen Altersheimes für die Pfalz (in Neustadt) zurück. Zu seinem 70. Geburtstag im Jahr 1938 wurde ihm vom Bezirksrabbinat der altehrwürdige Ehrentitel "Chaver" verliehen.

Der berühmte Arzt und Fluoridforscher Dr. George Waldbott (1898 - 1982) schrieb über seinen Vater Leo, wie er vor dem Ersten Weltkrieg war:

" Der Patriotismus meines Vaters kannte keine Grenzen und war unter seinen´Kollegen wohlbekannt. Er liebte Speyer, Deutschland sowie den König und Kaiser wahrscheinlich mehr als jeder andere Lehrer in der Stadt. Vaters großer Ehrgeiz war, dass er und seine Söhne alles für das geliebte Vaterland geben sollten, wenn es jemals zum Krieg mit Frankreich käme. Er lehrte uns, dass Deutschland von neidischen und feindlichen Nachbarn umgeben sei, die zu jeder Zeit einen Vorwand finden würden, um den Frieden zu beenden und gegen uns in den Krieg zu ziehen.

Von den nichtjüdischen Jungen und Mädchen in der Schule wurde er im Allgemeinen sehr geachtet. Aber es gab auch einige, die ihren Hut nicht hoben - wie es gegenüber Lehrern normalerweise üblich war - wenn sie ihm auf der Straße begegneten. Einmal fragte er einen solchen kleinen Nachbarsjungen, den er jeden Morgen auf dem Weg zur Schule traf, ob er ihn denn nicht kenne. ´ Doch, ich kenne Sie´, war die Antwort des Jungen. ´Sie sind Herr Waldbott von unserer Schule. Aber mein Vater hat mir gesagt, ich solle niemals den Hut vor einem Juden ziehen. Sie haben Christus gekreuzigt.´ Vater hätte seinen Söhnen niemals von solchen Vorfällen erzählt. Wir hörten sie auf Umwegen. Er wollte nicht, dass seine Kinder mit den harten Fakten des Lebens in Berührung kommen."

Die beiden Söhne Leo Waldbotts, Emil und George, wanderten in jungen Jahren in die USA aus und folgten damit ihrem Onkel, dem Chemiker und Botaniker Professor Dr. Sigmund Waldbott (1865 -1950), der schon im 19. Jahrhundert in die USA emigriert war. Leo Waldbott, stolz auf die jahrhundertelange Geschichte seiner Familie in der Pfalz und am Rhein, wollte eigentlich in Deutschland bleiben, doch bewogen ihn, den deutschjüdischen Patrioten, die Ereignisse der "Reichskristallnacht", schweren Herzens in seinen alten Tagen noch zu emigrieren. Er starb am 26. Mai 1940 in Cincinnatti/Ohio.


Literatur:

Reinhold Herz: Gruß für Leon Waldbott. In: Israelitisches Gemeindeblatt 1937 (15. Jg.), Nr. 3, S. 12
Katrin Hopstock: Leon Waldbott. In: Speyerer Vierteljahreshefte, 1988, S. 24 - 25
George Waldbott: Memories (Mschr., unveröffentlicht, o. O., o. J.)
Leo Waldbott: Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933 (Mschr., Detroit/USA 1940, unveröffentlicht)