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Gregor Brand

Das Märchen vom einsamen hochbegabten Wanderer

Kritische Anmerkungen zu einem Beitrag über erwachsene Hochbegabte 


Um das Ergebnis gleich vorweg zu nehmen: Die Ausführungen von U. Nemeth über hochbegabte Erwachsene (Labyrinth 65/2000, S. 4-7) zeichnen ein Zerrbild der Hochbegabten, seien es nun Erwachsene oder Kinder. Das gilt sowohl für ihre Gesamtaussage als auch für viele Einzelpunkte.

Kernaussage ihres Beitrags ist die Ansicht, Hochbegabung bedeute „für den Betroffenen eigentlich immer zunächst einmal einen Lebensweg, der begleitet wird von Gefühlen des Alleinseins, der Unstimmigkeit, des Außenseiterseins oder des Alleinseins.“ Diese pauschale Einschätzung wird weder von der wissenschaftlichen Literatur noch durch sorgfältige Überlegungen oder unvoreingenommene Beobachtungen bestätigt. Es ist unbestritten, dass es hoch intelligente - wie auch andere -  Menschen mit einem solchen negativ geprägten Lebensgefühl gibt, aber es geht an der sozialen Realität der Hochbegabung völlig vorbei, eine solche Befindlichkeit generell mit Hochbegabung zu verknüpfen. Zunächst einmal muss man sich darüber im Klaren sein, dass die „normale“ Hochbegabung - es geht also nicht um die ganz herausragenden Genies - keine ungewöhnliche Erscheinung ist, sondern in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen geradezu ein Massenphänomen. Vor wenigen Jahren durchgeführte Intelligenzmessungen an rheinland-pfälzischen Gymnasiasten haben beispielsweise gezeigt, dass deren Durchschnitts-IQ zunächst bei 117 lag und nach zwei weiteren Gymnasialjahren sogar auf 123 angestiegen war. Auch österreichische Abiturienten haben einen Durchschnitts-IQ von 122; in vielen anderen Staaten verhält es sich entsprechend. Man muss sich nun ganz klar vor Augen halten, was solche Zahlen aussagen: Sie bedeuten, dass fast die Hälfte dieser Gymnasiasten Intelligenzwerte über 125 erreicht, mindestens ein Viertel sogar über 130. Mit anderen Worten: Wenn man Hochbegabung über Intelligenztestleistungen definiert, dann sind ein Drittel bis die Hälfte dieser Gymnasiasten hochbegabt!  Es ist höchste Zeit, dass solche Zahlen zum Anlass genommen werden, die gängigen Hochbegabtenlegenden kritisch zu überprüfen.

Sind nun diese Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern, die zur oberen Begabungsgruppe ihrer Schulart gehören, „einsame Wanderer in sich selbst“? Sind diese vielen Hochintelligenten als aggressive, verhaltensauffällige Kinder oder angeblich nicht mehr erreichbare Introvertierte durch ihre Kindheit geirrt und dann zu kommunikationsgestörten Erwachsenen geworden, zeitlebens sich selbst ein Rätsel, bis sie das Glück hatten, die Praxis von U. Nemeth zu betreten? Wer hochintelligente Kinder nur einigermaßen kennt und wahrnimmt und dabei die Gesamtheit im Auge hat, der wird sie in ihrer großen Mehrheit als nicht weniger lebensfroh, glücklich und zufrieden als andere Kinder wahrnehmen; genau das gleiche zeigen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten seit den Zeiten von L. M. Terman.

U. Nemeth schreibt, es gebe in jeder Altersklasse ca. 2% Hochbegabte. Diese immer wieder genannte Zahl von 2% sagt jedoch nur etwas darüber aus, wie viele Menschen mit einem IQ-Wert von mindestens 130 nach der Standardverteilung zu erwarten sind. Man kann jedoch Hochbegabung nicht punktgenau nach dem IQ definieren. Welcher Test soll da maßgeblich sein? Welcher Zeitpunkt? Ist ein Schüler mit einem CFT-IQ von 127 nicht hochbegabt, es aber 2 Jahre später geworden, wenn er auf 132 kommt? Und wenn er beim HAWIK dieses Ergebnis hat, bei einem anderen Test ein anderes? Schon diese Überlegungen zeigen, wie unsinnig es ist zu sagen: Es gibt 2 Prozent Hochbegabte. Davon abgesehen gibt es keine Untersuchungen, die zeigen, dass ein Mensch mit einem IQ von 127 anders denkt als jemand mit einem von 132. Es gibt im Gegenteil genug Belege dafür, dass jemand mit einem IQ von 126 zu den gleichen oder sogar höheren intellektuellen Leistungen fähig ist wie jemand mit einem IQ von 133. Man könnte noch zahlreiche weitere Fakten aufzählen, die klar machen, dass man von Hochbegabung - sofern man sie überhaupt  über Intelligenztestergebnisse definiert und sich an der Marke von 130 orientiert -  vernünftigerweise spricht, wenn die Intelligenz im Bereich von 130 (oder Prozentrang 98) liegt - und das ist nach der Normalverteilung bei mindestens 5% der Bevölkerung der Fall. Mit anderen Worten: In Deutschland leben etwa 4 Millionen der nemethschen einsamen „Wanderer in sich selbst“! Da ist man doch versucht zu fragen: Sind wir nicht alle einsame Wanderer in uns selbst?

Menschen mit einem akademischen Abschluss haben, wie seit Jahrzehnten immer wieder festgestellt wurde,  mit ca. 125 sogar noch einen höheren Durchschnitts-IQ als Gymnasiasten. Das bedeutet: Etwa die Hälfte aller Mediziner, Juristen, Psychologen, Diplom-Ingenieure, Lehrer usw. usw. sind hochbegabt. Mit anderen Worten: Wenn Sie nächstens ihren Zahnarzt mit betrübter Miene sehen, eine Lehrerin unglücklich dreinblicken, einen Anwalt grübelnd über die Straße gehen sehen: Wundern Sie sich nicht, es ist höchstwahrscheinlich ein armer von Hochbegabung „Betroffener“. Oder denken Sie an die hochqualifizierten Führungskräfte der Wirtschaft, an die Spitzen der Verwaltung, an die Spitzenjournalisten, an die Hochschulen und privaten Institute, also an die Stellen, wo nachgewiesenermaßen sehr hohe IQ-Werte erzielt werden: Da wird offenbar nach Nemeth exzessiv in sich gewandert, da herrscht vermutlich Hochbegabtenbetroffenheit pur.  Um es kurz zu machen: Die Vorstellung, es hier durchweg mit von Kindheit an leidenden „Betroffenen“ zu tun zu haben, erscheint mir lächerlich; sie wird weder durch irgendeine wissenschaftliche Untersuchung gestützt noch durch Beobachtungen aus dem persönlichen Kontakt mit diesen Menschen.

U. Nemeth meint, hochbegabte Kinder nähmen sich als isoliert wahr und wüßten nicht, warum sie so sind. Dazu ist festzustellen, dass für die Frage, ob sich ein Kind als Außenseiter wahrnimmt, sehr viele andere Faktoren etwa sozialer oder körperlicher Art eine mindestens ebenso große Rolle spielen können wie die Intelligenz.  Wann merkt überhaupt das nemethsche Hochbegabtenkind, dass es anders ist? Bei einem IQ von 130? Warum nicht bei 129 oder 127 oder 124?  Selbst erfahrene Psychologen können durch Verhaltensbeobachtung ohne Test nicht sicher angeben, wie intelligent ein Mensch genau ist. Aber das Kind mit einem IQ von 132 soll merken, dass es sich von einem mit einem IQ von 120 oder 112 unterscheidet? Zudem unterstellt die Auffassung von Nemeth, es käme für das Verstandenwerden und Sichverstandenfühlen allein auf die Intelligenz an. Weiß sie denn nicht, dass für die Frage, ob man sich im Einklang mit anderen befindet, auch noch ganz andere Eigenschaften eine zentrale Rolle spielen? Zum anderen heißt die Tatsache, dass man sich als anders als andere wahrnimmt, noch längst nicht, dass dies ein Problem sein muss. Kinder nehmen sehr viele Unterschiede wahr. Sie sehen, dass andere größer oder kleiner, dicker oder dünner sind, besser oder schlechter Fußballspielen können, schöner malen können oder nicht, ohne oder mit Vater aufwachsen, eine andere Hautfarbe haben und so weiter. Warum soll nun gerade die Tatsache, dass sie eventuell feststellen, dass sie sich vielleicht mehr für Lesen und Rechnen interessieren, dass sie schneller begreifen als andere, ein besonderes Problem für sie sein? Den Kindern, die damit ein Problem haben, stehen viel mehr gegenüber, die aus ihrer geistigen Überlegenheit zunehmend gerade ein größeres Selbstbewusstsein beziehen. Frau Nemeth scheint nicht bewusst zu sein, dass es auch ein positives Gefühl des Andersseins gibt, eine Freude darüber, in einem bestimmten Bereich leistungsfähiger zu sein als andere.

Zutiefst ignorant und in der Beratungspraxis geradezu gefährlich ist die Auffassung, eine introvertierte Entwicklung bei einem Kind sei der „ungünstigste Fall“ und Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten etc. der günstigste. Introvertiertheit ist eine normale Persönlichkeitseigenschaft, die bei sehr vielen Menschen aller Begabungsstufen vorkommt. Wer Kinder oder Erwachsene aufgrund ihrer Introvertiertheit als psychisch gestört ansieht, dem ist jede psychologische Kompetenz abzusprechen.

Ähnlich einseitig ist die nemethsche Unterscheidung der psychischen Reaktionsformen. Wer hier nur  eine mehr neurotische oder eine mehr psychotische Reaktionsform kennt, dessen Betriebsblindheit ist wohl kaum zu überbieten. Nach dieser Logik hat man angesichts des Beitrags von ihr wohl nur die Wahl, sich als Neurotiker zu präsentieren (wenn man ihre Auffassungen akzeptiert) oder als eher psychotisch, wenn man die eigene Meinung für entschieden begründeter hält als ihre.

Was soll man noch dazu sagen, wenn Nemeth die Häufigkeit von Hochbegabung generell nach „ihrer hausinternen Statistik“ angibt? Es gibt Tausende von Untersuchungen darüber, wie viele Menschen es mit sehr hohen Intelligenztestwerten gibt; da ist man nicht auf die Zählung derjenigen angewiesen, die von der Beratung durch U. Nemeth betroffen werden. Wenn sie die zwei Prozent Hochbegabten im Bereich der Teilbegabungen ansiedelt, dann zeigt das einmal mehr, dass ihr die Grundlagen der Intelligenzmessung fremd geblieben sind. Die immer wieder genannten Zahlen der Normalverteilung beziehen sich auf die allgemeine Intelligenzhöhe, das generelle Testergebnis; wenn man alle diejenigen als hochbegabt bezeichnen würde, die nur in einem Bereich sehr hohe Testwerte erreichen, dann käme man auf eine derart große Zahl von Hochbegabten allgemein, dass das Bild des Hochbegabten als seltener Spezies völlig ad absurdum geführt würde.

Mir ist bewusst, dass es manche hochbegabten Erwachsenen gibt, die sich mit den nemethschen Ausführungen identifizieren können, weil sie sich selbst oder ihre Kinder als Außenseiter empfinden und darunter leiden.  Es ist jedoch ein grundlegender Unterschied, ob man sagt, es gibt Hochbegabte, die sind so oder ob man behauptet, Hochbegabte seien generell so. Auch wenn die eigenen Probleme oder die der Kinder emotional ganz im Vordergrund stehen, dann tut man niemandem einen Gefallen, wenn man daraus voreilig allgemeine Schlüsse auf die Hochbegabten generell  zieht. Auch die Untersuchungen über die Schädlichkeit des Rauchens werden nicht durch zahlreiche hochbetagte Raucher widerlegt.

Frau Nemeth apelliert am Schluss ihres Beitrags an die Hochbegabten, sich „mit ihrer eigenen Betroffenheit ernsthafter auseinanderzusetzen“. Mir scheint, vielen Hochbegabten wäre auch schon damit geholfen, wenn sich einige Nichtbetroffene mit einseitigen und von keiner Sachkenntnis getrübten Auffassungen zu dieser Thematik stärker zurückhalten würden.


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