Monika Jost: Extra-Klasse?
Hochbegabte in der Schule erkennen und begleiten.Wiesbaden: Universum-Verlagsanstalt, 1999. 157 S.
ISBN 3-933355-24-9
Eine Buchbesprechung
von Gregor Brand
Die Lehrerin Monika Jost hat sich schon durch ihre Tätigkeiten in der Deutschen Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) - dabei insbesondere als Vorsitzende des Regionalverbandes Saarland/Rheinland-Pfalz - um die Anliegen hochbegabter Kinder verdient gemacht. Mit dem von ihr vorgelegten Buch „Extra-Klasse? Hochbegabte in der Schule erkennen und begleiten" macht sie nun ihre Sicht dieser Thematik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.
Trotz des Untertitels richtet sich das Buch dementsprechend inhaltlich nicht nur an Lehrpersonen, sondern ist durchaus vergleichbar den einführenden und sich primär an Eltern wendenden Ratgebern, wie sie in den letzten Jahren von verschiedenen Autoren - etwa B. Mähler/G. Hofmann (1998), B. Feger/T. M. Prado (1998) oder T. Müller (2000) - publiziert wurden. Vom Umfang her kann es trotz seiner „nur" 157 Seiten einem üblichen 200-Seiten-Buch verglichen werden, denn die Schriftgröße ist leider extrem klein gewählt worden; es wäre dem Verlag dringend anzuraten, dies bei einer eventuellen zweiten Auflage zu korrigieren.Inhaltlich kann man das Buch untergliedern in einen kleineren vorwiegend theoretisch orientierten Teil und in einen umfangreicheren praxisbezogeneren Part, der die vorhandenen schulischen und außerschulischen Angebote zur Förderung Hochbegabter darstellt. In den ersten drei Kapiteln befasst sich Monika Jost mit der Frage, was unter Hochbegabung zu verstehen ist und wie sich die Situation hochbegabter Kinder allgemein darstellt. Dabei ist unverkennbar, dass ihre Darstellung der Thematik nicht aus wissenschaftlicher Perspektive erfolgt, sondern primär aus der Sicht einer Praktikerin, deren Hochbegabtenbild sich vorwiegend an der Minderheit derjenigen sehr intelligenten Kinder orientiert, die durch Schwierigkeiten in Elternhaus und Schule auf sich aufmerksam machen und deren Eltern Beratungshilfe in Anspruch nehmen. Diese Sichtweise hat ihre Stärken und Schwächen. So erfreulich es ist, dass diese Probleme nicht schon deswegen vernachlässigt werden, weil sie bei der Mehrzahl der Hochbegabten - wie grundlegende Forschungsarbeiten (etwa das Marburger Hochbegabtenprojekt von Prof. Rost) gezeigt haben - gerade nicht vorliegen, so kritisch muss es allerdings beurteilt werden, wenn bestimmte Eigenschaften und Umstände, die in der Beratungspraxis öfters vorkommen, verhältnismäßig unkritisch auf die Hochbegabten generell übertragen werden. So dient es etwa keinem realistischen Bild der Hochbegabten, wenn ihr Verhalten typischerweise in die Nähe von Hyperaktivität gerückt wird (S. 34) oder ihnen beispielsweise allgemein eine besonders intensive Wahrnehmung von Sinneseindrücken attestiert wird (S. 37) - und dies gar noch für ein wichtiges Erkennungsmerkmal gehalten wird. Nicht jede Verhaltensweise, die bei einem hochbegabten Kind festgestellt wird, ist eine Folge seiner Hochbegabung. Wenn es - um ein jostsches Beispiel zu erwähnen - einem Mädchen im Biologieunterricht schlecht wird, weil es die Darstellung der behandelten Krankheiten nicht verträgt - soll das ernsthaft schon ein Anzeichen für besondere Sensibilität und Hochbegabung sein? Oder ein anderes Beispiel: Beklagen sich nur hochbegabte Kinder über den Lärm in Kindergarten und Schule? Und wenn sich manche dieser Kinder darüber beklagen, könnte dies nicht auch damit zu tun haben, dass weit überdurchschnittlich viele hochbegabte Kinder aus sozioökonomisch privilegierten Familien stammen, die in ihrer Wohnumgebung großen Lärm nicht so gewohnt sind wie Kinder aus weniger begünstigten Familien? Den von Monika Jost präsentierten Einzelfällen und Einzelbeobachtungen lassen sich immer wieder völlig gegensätzliche gegenüberstellen, so dass ihre Darstellung Gefahr läuft, insofern letztlich anekdotischen Charakter zu tragen. Leider findet man in dem theoretischen Teil allenthalben solche unbewiesenen Verallgemeinerungen. So, wenn etwa die Tatsache, dass in Beratungsstellen weit mehr Jungen als Mädchen vorgestellt werden, die Autorin zu der generellen Feststellung veranlasst: „Es ist wohl immer noch so, dass Eltern an der kognitiven Förderung von Mädchen weniger stark interessiert sind als an der von Jungen." (S. 41) Warum übersteigt dann mittlerweile in Deutschland die Zahl der weiblichen Gymnasiastinnen und Studierenden die der männlichen? In einem anderen Abschnitt fragt die Verfasserin: „Weshalb werden die Leistungen der Mädchen mit zunehmendem Alter immer schlechter?" Auch die dieser Frage zugrundeliegende These wird nicht mit objektiven Zahlen und Daten belegt und es wird auch nicht darauf hingewiesen, dass Mädchen typischerweise - bis zum Abitur hin - gerade die besseren Notendurchschnitte erreichen, obwohl sie in Intelligenztests die Jungen nicht übertreffen.
Ein zentrales Schlagwort im Zusammenhang mit der schulischen Situation hochbegabter Kinder ist das der „Unterforderung". Leider geht auch M. Jost allzu selbstverständlich davon aus, dass Hochbegabte durchweg in den Schulen kognitiv unterfordert seien und sich primär daraus ihre oft pädagogisch unbefriedigende Situation erklären ließe. Aber warum langweilt sich das eine Kind mit einem IQ von 130 in der Schule, stört eventuell massiv den Unterricht oder spielt den Klassenclown, während ein anderes mit der gleichen oder sogar noch einer höheren Intelligenz hervorragende Schulleistungen erbringt und eben dieses Verhalten nicht zeigt? Wenn ein Höchstbegabter wie der Philosoph F. Nietzsche in den altsprachlichen Fächern herausragende Leistungen erzielte, aber in Mathematik zu den schlechtesten Schülern zählte- war das dann ein Zeichen dafür, dass er in Mathematik unterfordert war? Wenn ein Jahrhundertgenie wie Justus Liebig in Chemie brillierte und sich in anderen Fächern blamierte, soll das an seiner Unterforderung gelegen haben? Für die unterschiedlichen Verhaltensweisen hoch intelligenter Kinder gibt es eine Vielzahl von Ursachen - kognitive Unterforderung kann sicher dazu gehören. Aber gerade schwierige Schulsituationen voreilig ausschließlich mit intellektueller „Unterforderung" zu erklären, ist eine gravierende Verkürzung der pädagogischen Problematik. Die meisten hochbegabten Kinder sind, wie empirische Untersuchungen zeigen, eher zufriedener mit ihrer schulischen Situation als durchschnittlich Begabte, was auch insofern nicht verwunderlich ist als Hochbegabte meist - nicht immer! - schulisch auch viel erfolgreicher sind. Die Underachiever, die wohl noch am ehesten "Unterforderungssymptome" präsentieren, sind leider oft durch eine Vielzahl von persönlichen Handicaps beeinträchtigt. Man kommt dementsprechend der Behebung ihrer schulischen Nöte - für die natürlich im Einzelfall auch Fehler der Lehrkräfte verantwortlich sein können - häufig nicht näher, wenn man ihre Minderleistung simplifizierend auf kognitive Unterforderung zurückführt (S. 45). Ebenso fragwürdig erscheint mir die pauschale Belegung hochleistender Schüler mit dem negativ besetzten Attribut „angepasst" (im Zusammenhang mit den D-Zug-Klassen, S. 101), wodurch die Verhaltens- und eventuell auch Erziehungsdefizite insbesondere mancher Jungen gewissermaßen zum Ausdruck einer rebellischen, „kritischen" Natur hochstilisiert werden.
Insgesamt sollten die theoretischen Ausführungen von Monika Jost mit kritischer Skepsis gelesen werden. So geht etwa ihre Behauptung (S. 12), die - vor allem in Laienkreisen populäre - Intelligenztheorie von Howard Gardner mit ihrer Annahme einer Vielzahl voneinander unabhängiger Intelligenzen habe sich wissenschaftlich durchgesetzt, an der Realität vorbei. Ganz im Gegenteil: Das Konzept eines Generalfaktors der Intelligenz („g" nach Spearman) genießt insbesondere bei empirisch arbeitenden und naturwissenschaftlich orientierten Psychologen nach wie vor höchste Anerkennung.
Was den speziell auf die Schule bezogenen Teil ihres Buches angeht, so muss auf jeden Fall lobend hervorgehoben werden, dass M. Jost eine Vielzahl von Problemen thematisiert, die in der Tat auch in Verbindung mit Hochbegabung vorkommen können (z. B. Legasthenie, Mobbing, Hyperaktivität). Mit beachtlicher Akribie hat sie diejenigen schulischen und außerschulischen Modelle und Initiativen zusammengetragen, die unter dem Stichwort „Hochbegabung" in Deutschland existieren. Es bleibt allerdings die Frage, ob diese Darstellung der Rat suchenden Lehrkraft wirklich eine größere Hilfe sein kann als etwa die recht ausführliche und interessante Schilderung der Hochbegabtenförderung in Polen oder in Israel. Immerhin wird dem Leser durch den umfassenden Überblick deutlich, dass schulische Maßnahmen zur Förderung Hochbegabter bislang immer noch leider nur rudimentären Charakter haben.
Trotz der angebrachten Kritik kann festgehalten werden, dass es sich bei „Extra-Klasse?" um ein lesenswertes Buch handelt, das die anderen Ratgeber gerade durch den schulpraktischen Teil und das erfreulich umfangreiche Literatur- und Anschriftenverzeichnis sinnvoll ergänzen kann.
(C) Copyright by Gregor Brand, 2001