Gregor Brand
Spätes Zweites Jahrtausend
Gedichte


Auf das Leben

auf das leben
folgt das ewige: licht und
ebbe

im schatten blonder wolken:
am nun schweigenden strand
salzglitzernden meeres
hebt und senkt
deine göttliche seele
atem um atem
nordisches land

im schutz zitternder wimpern:
In blauen tiefen träumen
dunkle planeten
sturm und schweigen
kosmischer brandung

süßen mundes küssen die finger
der sinkenden sonne
das kräuselnde gold
und die rose der erwachenden
flut


Morgenland

Zu meiner Geburt
kamen keine Weisen
aus dem Morgenland.

Die zu mir kamen,
waren aber auch nicht dumm,
haben ihre Sorgen gekannt und
die drehten sich oft um

ein paar Morgen Land ...


Anordnung zu einer Täuschung

Wenn man unter einem Mikroskop
Holz schneidet,
hat man den sicheren Eindruck,
in weiche Masse, etwa
wie in Käse,
zu schneiden.

Wenn man unter einem Mikroskop
Liebe schneidet...


Das Volk des vierten Buchstabens

Auch das sind die Deutschen.
Dichter und Denker, damals,
in ihrem politischen Drachten
manchmal dragisch dumm, oft aber
 auch nur: tragisch.

Nicht alle deutschen
Männer lieben es, driebhaft
zu Tiefen zu driften, zur
Tiefe der Tiefe und zur Tiefe
der oberen Fläche. Dunkle drei-
hundertjährige Wälder und dunkle drei-
 undzwanzigjährige Haut in dark dreams
mögen sie ganz
 gern und Dolce Vita
 an fernen Gestaden,
zu Hause dagegen auch Damen-
tennis und die
dräudeutsche Demokratie.
Dichter und Denker, doch,
die gibt es auch heute, noch,
 dazu viele Drauf-
 gänger und Drottel, so ewig gleich-
bleibend im Wandel: das Drama
des Lebens jetzt
am liebsten auf Diät-
basis kostend, dann wieder groß-
artige Drachentöter, Drachenopfer,  Drachen-
flieger. Draumatische Erinnerungen
bis unters Dach, Vergessen suchend
in Discos und bei Drachtentänzen.


Rudergedicht

Es ist Morgen.
Vorbei gleiten dunkel
 schimmernde Boote.
In einem sitzt
Bert Brecht.
In einem anderen: ich.
In den übrigen:
Schöne nackte
junge Frauen. Neben-
einander rudernd
lachen sie. Lachend
rudern wir nebeneinander.


Canetti lesen und Fernsehen

Die Fackel in den Ohren
Das Abseits bei den Toren
Da hatte ich schon
Dich längst verloren


Frühes Drittes Jahrtausend

Der Anführer befahl,
den Gefangenen aufzuhängen.
Als sie diesen zum Holz gebracht hatten,
wo viel Volk wartete,
trat der Anführer
zu den Henkersknechten
und sagte zu ihnen
leise: Lockert ihm, wie besprochen,
 kurz vor der Strangulation seine Hose.
Die Leute wollen doch etwas
 zu sehen bekommen.

Als sie den Gefangenen nun
 mit dem Strick um den Hals
auf den Wagen hingestellt hatten,
 da handelten sie, wie geheißen.
  Und schon konnten alle erkennen,
  wie seine Hose zu rutschen begann
 und sein Glied sich in der höchsten
  Erregung der Todesangst
aufrichtete und er nur wenig später
   mit seinen letzten Zuckungen
Samen und Leben zugleich verlor.

Schaut euch diesen Kerl an!
Ruft da lachend
der Anführer: Selbst
in seinen letzten Augen-
blicken
hat er nichts als
Schweinereien im Kopf!


Der Beweis

Im Jahr 1953
offenbarte der psychotische
Patient Rudolf Jatzkowski,
er sei
Jesus Christus.

Diese Behauptung ist gewiß
nicht ungewöhnlich für einen
europäischen Schizo-
phrenen, doch Rudolf
Jatzkowski konnte seine These
beweisen: Stand denn nicht auf
dem Kreuz:
INRI?

Und das bedeutet doch offen-
sichtlich in lateinischer
Schrift und Abkürzung:
Jesus von Nazareth Rudolf Jatzkowski.
 


Germane am Meer

Ein junger nackter
lang- und fein-
gliedriger
 Mann mit schulter-
langem flachs-
blondem Haar blau-
äugig und salz-
wassernaß wenig gleichend
 den meisten Männern
seiner Generation eher ge-
hörend mit dem langen
Kopf der Form und dem Ausdruck
seines Gesichts in
 eine andere Zeit
Das Seine ausbreitend
am Strand mit klarer verständiger
Sorgfalt offenbarend in diesen
einfachen Handlungen: Tugend
Sein Bild: erinnernd
an Bilder und Werke
alter deutscher Meister
in ihren jungen Jahren
Schwäbisch oder Alemannisch
jedenfalls Dialektisch redet er
mit seiner fröhlichen kleinen Tochter
 Keine Sprache dieser Erde paßt besser
 zur Schönheit der Vernunft
als diese denke
 ich  ich da für
  Momente wie weiland
  Hegel und Hölderlin


Heilige Aufklärung

Gerhard Rolfs,
k.u.k. Soldat,
Fremdenlegionär,
arabisch sprechender Afrika-
forscher, Medizinstudent, Rotweintrinker,
Kenner des Koran,
Zeichner des Amun-Heiligtums,
Kämpfer gegen die Berber,
schrieb:

„Bei den unzähligen Scharmützeln hatte ich als Protestant immer den heiligen Augustinus bei mir.
Seine Schriften ließen besser das Verhalten der Berber erkennen, als die Berichte der Aufklärungsabteilungen.“

So sind also auch hier
nicht einmal die Worte
eines Heiligen dagegen
gefeit, verbraucht zu werden.
Was der Seele dienen soll,
wird zur Waffe gegen Körper.
Wer Wunden will, kann diese
aus jedem Stoff gewinnen.
edes Wort gefällt
mindestens einem Menschen
nicht. Ein Redender kann nur
hoffen, daß jener nicht macht-
voller ist als der Sprechende.

Und wer etwas hören will, miß-
achtet den Schweigenden.


Die Hunde der Blinden

Die Welt scheint
voller blinder
Spiegel
 und es fehlen
 die Hunde die
sie zu führen
wissen
 


Ein Heide fragt den Gott der Bibel

Reichte es dir nicht,
die Kinder, Frauen und
 Männer Sodoms
 umzubringen?

Mußtest du auch noch
Lots Frau verwandeln zur
Salzsäule?

Hätte es denn nicht auch
eine große Salzstange
getan?

Die Überlebenden deiner lust-
feindlichen Wut
hätten dann gleichzeitig
etwas gehabt
zum Knabbern und Staunen.


Ein offenes Geheimnis

Mein Name steht in dem Buch der Kirche
von Storuman in Schweden und in der Felsenkirche
Helsinkis. In Narvik gibt es auch eine Kirche,
in deren Besucherbuch
mein Name steht,
neben dem von
Micki Goldmann.

Wir hatten uns kennengelernt
auf der langen Fahrt im Zug
von Finnland nach Norwegen.
Anfangs ging es mir noch
schlecht, ich saß schweigend
und fastend im Abteil und wartete
 auf das Ende des Fiebers.
Er sprach mit den anderen: mit
Andrea aus Prüm, mit Zoltan
Varga aus Budapest und mit einem
beredten und sich sehr selbstsicher
gebenden Mann aus New York,
dessen Namen ich vergessen habe.
Er diskutierte lange mit dem New
Yorker über Frauen und deren
Bedeutung in der Welt. Mir ging es
schon bald besser, und als
der Amerikaner müde wurde, kam
ich ins Gespräch mit
Micki Goldmann.

Wir unterhielten uns über seine Heimat
Israel, von deren Geschichte ich mehr
wußte als er. Er wunderte sich jedoch
noch mehr darüber, daß ich ihn
schon vor seinem ersten Satz
als Juden erkannt hatte (Andrea
hatte ihm das gesagt). Er meinte,
mit seinen blauen Augen und dem
blonden krausen Haar sehe er
doch überhaupt nicht typisch
jüdisch aus. Auch habe er keine krumme
Nase und im Zweiten Weltkrieg habe
 schon sein Vater in Polen
sich als Deutscher ausgeben können.
An welchem Merkmal ich denn
nun seine Herkunft entdeckt hätte,
fragte er höchst interessiert.
Es sei kein einzelnes Merkmal gewesen,
erwiderte ich. Es sei sein Aussehen als
 Ganzes. So gleiche er auch  stark einem Sohn
von Henry Kissinger oder auch Bob
Dylan und deren jüdische Abstammung
sei ja bekannt. Er akzeptierte
 diese Erklärung, wir hatten noch
eine gute Zeit in Narvik.
Später habe ich mich gefragt, warum
ich ihm nicht gesagt hatte, daß es
 doch ein einzelnes Merkmal
gewesen war, das mir mein Wissen gab:
Das kleine, unauffällige Schild
 auf seinem Interrailrucksack, das ich
 schon eine Station vorher
 entdeckt hatte und auf dem mit ungelenker Hand
geschrieben stand:

Michael Goldmann/Haifa/ Israel
 


Ohne Reue

Nottingham Forest - Bayern München 1: 5
Ein unterhaltsames Spiel: Ich
 habe den Bayern den Sieg
 gewünscht und freute mich
über die Tore von
Klinsmann, Papin und Steve Stone.
Mehr als neunzig Minuten
eines kostbaren Lebens, aber
da gibt es nichts
zu bereuen.

Dazu eine trockene Riesling-Auslese
von der Mosel. Pölicher Wein, sechs Jahre
 alt. Zwar nicht von der vortrefflichen Mittel-
mosel, doch
da gibt es nichts
zu bereuen.

Ab und zu schreibe ich
solche Kleinigkeiten
in mein Tagebuch. Jetzt
mache ich ein Gedicht daraus.
Da gibt es,
jeder ahnt es schon,
nichts zu bereuen.
 


Gipfel ohne Wasser

wir leben auf
einem gipfel
ohne wasser vor uns
das lob kuckucksmundroter
erdbeben und frauen die
schwänze türkisfarbener
kaulquappen das erleben das
feucht ist und lang
katzen die springen wenn
die augen der frösche geöffnet
sind blicke mit dunklen
augen und fragen aus
jungen gesichtern trockene
luft der mund der durst
sucht frauen die kopf an kopf
den regen erwarten der mond
dessen kühle zu früh
kommt die beine
deren glatte haut das licht
des mondes erwartet der duft
blauer haare die das blonde
gesicht vergolden der schmale
körper dessen hände alle wege
wissen die beine lang das junge
das runde die ersten
dinge wir leben auf
einem gipfel
ohne blut


Kirmes in Frankreich

Ich bin immer noch
ein Anfänger. Ich bin kein erfahrener
 Spieler. Zu selten gehe ich auch jetzt noch auf
 solche Volksfeste. Und wenn ich gehe, dann
schaue ich
meistens nur zu. Aber damals, allein
 in fremdem Land, schoß ich sogar
 mit dem Gewehr gut. Ich traf auch
 mit Pfeilen rote und grüne Luft-
ballons und in den scheppernden Blecheimern
blieben manche harten Bälle liegen. Ich gewann
  also hier und da: billigen Wein und Sekt.

Ich drückte die Hörner dieses mechanischen
 Stiers der Camargue. Ich schob sie
  sehr eng  zusammen. Ich gewann den
 Kampf mit der Maschine. Ich war dabei
 besser als ein para oder ein boxeur.
 Ich war der Stärkste: ein ursus.

Und der junge Franzose, der
  mir zusah, nickte anerkennend. Seine süße
Freundin mit dem zu kleinen roten
 T-Shirt schaute mich an.
 Mit lächelndem Staunen. In der Umarmung
 seines Armes. Seines dünnen, schmächtigen Ärmchens.

Ich weiß, der Franzose hätte sich
 nicht an diese Stiermaschine gewagt.
Es hätte nur eine Blamage werden können. Er war ja
  so schwach. Schweigend gehe ich weiter.
  Mit dem freundlichen Lächeln
 eines Verlierers.
 


Wichtige Person

Ich schreibe ihren Namen und
überlege. Mein Füller
wendet sich dabei
ab zur Seite ins Leere.

Mir macht das nichts aus.

Aber für ihn scheint es
eine Frage der Ehre.


Fragment

Wer denkt beim Hören
der Frohen Botschaft
an die junge Wölfin
die stets treu-
sorgende Mutter
der hunrigen Wolfskinder
die vom guten Hirten
erschlagen wurde
als sie doch nur ihren Kleinen
 ein krankes Lamm bringen wollte
Winselnd vor Hunger
sterben jetzt auch
die jüngst noch so munteren
wehrlosen Wolfswaisen
an den Duft der blühenden
Lilien des Feldes
die der gute Hirt
mit seinen Schafen
leider zertreten mußte
auf dem Weg zu einer grünen Au
an den braven fleißigen Fischer
der nur dann brutal wurde
wenn er betrunken war und der
jetzt nach der Hochzeit von Kana
Kinder und Frau übel behandelte
 weil ihm der späte und so gute
Wein den verständigen
Sinn geraubt hatte ...
Wer denkt schon beim Hören
der Frohen Botschaft ...


Ökologische Forstwirtschaft

Aus den Wäldern der Kindheit
haben sie Nutzholz gemacht.

Schrieb Hans-Jürgen
Heise in einem Gedicht und
nutzte diese Wälder damit
einmal mehr und pflanzte zugleich
neue Bäume für meine Phantasie und
hier und jetzt
wird dieser dunkle Forst
 ein drittes Mal
abgeholzt und neu gesät:
Das nenne ich nachhaltiges Wirtschaften.
 


Die Fahne tief

homo sa-
piens marschierte
mit ruhig festem tritt
irgendwann folgt
homo sa-sa-sa-
piens und keine evolution
hält dann noch schritt
 


Mann im Sand, glücklich

Unter all diesen
Franzosen, Holländerinnen  und Schweizer-
innen sonnt sich eine junge
Deutsche am Strand.
Aus dem Schwarzwald (Waldkirch bei Freiburg).
Sie studierte in Frankreich Natur-
wissenschaften und will nach diesem Sommer
wieder zurück in die Heimat,
erzählt sie mir.

Sonst weiß ich kaum etwas
 von ihr. Sie lag ja auch nur
 an diesem einen Tag in meiner Nähe und
 kam erst spät am Nachmittag.
 Sie war sehr freundlich, aber wir
 haben nicht viel miteinander
 gesprochen.

So weiß ich auch nicht, warum
diese selbstbewußte
Studentin mit dem Körper,
 der eine überzeugende Stätte ist
 dieses Selbstbewußtseins,
 einen französischen Jüngling bei sich hat,
 der ganz anders zu sein scheint:
 weich und kindlich: Ihr Freund.

Sie ist wirklich
sehr freundlich: Während sie braun sammelt,
wie sie es nennt, darf auch ich
sammeln: ihre nackte Schönheit.
Sie liest dabei.

Als sie mit ihrem Freund ins Meer läuft,
 läßt sie ihr Buch
auf dem Rücken in der Sonne liegen.
  Aus dem feinen Ufersand ragt
  der Kopf von
Nietzsche.


Öl und Wein

du
gehst fährst ziehst
weg
und mir bleibt
nichts
als die dosis
johanniskraut-
öl und wein
erst einmal zu
verdoppeln um
die erinnerungen wenigstens
zu halbieren


Der Widerstand des geringsten Weges

Nein ich will nicht
beim Schreiben wie
so viele die Worte
planlos und ungezähmt
treiben lassen die ungeordnete
Phantasie ihre
Assoziationen vorführen lassen
wenn sie noch blinder sind als
 die Augen neugeborener Katzen
Ich will schreiben
in klaren Sätzen wenigstens
hier will die wohlgeordnete Rede diesen
Sieg des Gehirns
errungen in stein-
zeitlichen blut-
und samen-
reichen Kämpfen beute-
und frauen-
hungriger Ahnen
ein harterworbenes Geschenk
der Evolution für die besten
Gehirne ich will dieses Geschenk
nicht hier nicht einmal hier
im so sicher erscheinenden
Haus
aufgeben


Hitlers Flocken und Kelloggs Schnee

Schnee und Frost.
Verschneite Winterlandschaften.
Nie seien sie ihm geheuer gewesen.
Soll Hitler gesagt haben
nach der Winterschlacht im Osten.
Jetzt wisse er auch genau,
warum: Eine Vorahnung
des Sterbens seiner Soldaten
sei es gewesen.

Die Irrationalität auch dieses Denkens
ist nachvollziehbar:

Grahambrot und Kelloggsflocken
waren auch früher schon
nicht ganz nach meinem Geschmack.
Daran erinnerte ich mich,
als ich erfuhr, wie sehr
Sylvester Graham und John Harvey Kellogg
um Gesundheit und Keuschheit der Männer
bangten und sich sorgten um
den häufigen unproduktiven
Verlust von Sperma.

Sicher ahnte ich schon
bei den ersten Bissen:
Wer so wenig spürt, was
 Männern gut tut,
der kann auch nicht alles
von gesundem Essen wissen.


Diese Auswahl umfasst die ersten 25 Gedichte aus dem 1998 erschienenen Band: "Spätes Zweites Jahrtausend", der insgesamt 197 Gedichte enthält.

(C) Copyright by Gregor Brand, 2002